Reise an die Grenze

14/03/2011

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Zwischen Morogoro und Mbeya.

Es brennen nur zwei oder drei Kerzen, deren Wachs ungehindert auf den massiven, von Kerben übersäten Schreibtisch läuft, vermutlich weil einmal mehr der Strom ausgefallen ist oder aber sich in dem Raum auch sonst keine Lampe befindet. Der örtliche Chef der Busorganisation Mohamed Coachline sitzt im flackernden Lichtschein auf seinem Stuhl, hört sich unsere Geschichte an und wiegt seinen Kopf dabei prüfend von einer Seite zur anderen. Gelegentlich lässt er Einwände und Erklärungen der etwa zehn um uns herum stehenden Männer zu. Er ist ganz offensichtlich der gescheiteste Mann am Platz.

Man habe uns eben diese Tickets verkauft, insistieren wir, und sie hätten uns eigentlich mit dem Bus über die Grenze bringen sollen, bis nach Mzuzu, was aufgrund der Tatsache, dass der Übergang nachts geschlossen ist und besagter Bus grundsätzlich nicht über die Landesgrenze hinaus fährt, einigen Zweifel an der Informationspolitik des Anbieters aufkommen ließ. Er könne unseren Ärger ja verstehen, sagt Pasco, so der Name des Verantwortlichen, das Ganze sei unglücklich gelaufen, aber jetzt um diese Uhrzeit werde es unwahrscheinlich schwierig, in Dar es Salaam, wo uns die Fahrkarten ausgestellt worden sind, noch irgendjemanden zu erreichen, um den misslichen Sachverhalt aufzuklären. Das müssen wir doch bitte verstehen. Die anderen Männer, unter ihnen der Busfahrer und der conductor, melden sich regelmäßig zu Wort, und wahrscheinlich fallen sie uns mit ihren Einwürfen in den Rücken. Die Gespräche werden halb auf Englisch, halb auf Suaheli geführt, ich verstehe dementsprechend nur die Hälfte.

Nach etwa zwanzig Minuten des Abwägens scheint die Gesellschaft von der Nachdrücklichkeit unserer Beschwerde überzeugt zu sein. Pasco händigt uns sichtlich verlegen 30 000 Schilling aus, was in etwa der Hälfte unserer offenen Forderung entspricht. Alles Weitere müsse man am Morgen klären, sagt er. Ich sortiere in meinem Kopf die Fakten: Wir haben nicht nur Tickets für eine Strecke gekauft, die so gar nicht offeriert wird, wir haben dafür auch einen willkürlich überteuerten Preis gezahlt. Und wir befinden uns deshalb jetzt, gut drei Stunden nach Sonnenuntergang, im äußersten Süden Tansanias, in dem kleinen Ort Kyela, also quasi im Nirgendwo, und der Verdacht scheint sich unwiderlegbar erhärtet zu haben, dass man uns schon vor dem ersten Tag unserer Reise ganz bewusst übers Ohr gehauen hat. Und das ist ja erst einmal das Normalste der Welt.

Dabei hat alles ganz unaufgeregt angefangen. Aufgebrochen sind wir rund fünfzehn Busstunden entfernt, im bereits erwähnten Dar es Salaam, wo die Preise für westliche Touristen wie allerorts in Tansania sehr willkürlich und kurzerhand mit deutlichen Aufschlägen nach oben festgelegt werden. Noch bevor das erste Dämmerlicht die Fassaden der Häuser erkennen ließ, erreichen wir per Taxi das bus terminal von Ubungo im Westen der Stadt. Auf dem Platz herrscht bereits in aller Frühe ein geschäftiges Gewimmel an Menschen. Die mehr oder weniger akzeptabel aussehenden Busse stehen aufgereiht nebeneinander, Hinweisschilder hinter der Frontscheibe geben Auskunft über ihre Ziele: Mombasa, Moshi, Mbeya.

In Tansania und wohl in ganz Südostafrika ist es aber ohnehin schier unmöglich, als Weißer nicht in Erfahrung zu bringen, welcher Bus einen zur gewünschten Destination bringt. Wo auch immer der westliche Reisende hinkommt, umringt ihn sogleich eine Schar von Menschen, die sich nach dem anvisierten Ziel erkundigt und ihn daraufhin, große Tatkraft vortäuschend, zum passenden Gefährt geleitet. Dahinter verbergen sich im Prinzip zwei Geschäftsmodelle: Entweder soll für das kurzerhand zur geldwerten Dienstleistung überinterpretierte Geleit ein kleiner Betrag fällig werden, oder aber der zuständige Begleiter des Busses, der zufällig ein Freund oder Bekannter ist, erhebt für die Fahrt ein erhöhtes Entgelt, um dem Geleitgebenden eine Art Vermittlungsgebühr für die neue Kundschaft auszuzahlen. Wie man es dreht und wendet, man geht aus diesen Deals nicht als Gewinner hervor.

In Ubungo hat die Betrügerei bekanntlich schon lange vorher stattgefunden. Wir steigen nichtsahnend in den Überlandbus und sind erst einmal zufrieden, das Fortkommen in den nächsten Stunden dem Busfahrer überlassen zu können. Bevor wir mit dem ersten Aufhellen des Tages aufbrechen, folgt – das muss an dieser Stelle erzählt werden – noch ein weiterer Klassiker, der sich in den kommenden Tagen mit allenfalls geringfügigen Abweichungen wiederholen soll: Nachdem wir Platz genommen haben, tritt sogleich der conductor an uns heran und fragte, ob wir denn schon für den Transport unserer Gepäckstücke bezahlt haben. In diesem Moment ist es wesentlich zielführender, gleich mit »No – it’s free, we know that« zu antworten, als sich auf ermüdende Preisverhandlungen einzulassen. Der junge Mann fragt »Are you sure?«, wir antworten »Yes!«, und er schaut uns noch einen Moment an, zuckt resigniert mit den Achseln und geht.

Nach diesem Lehrstück ostafrikanischer Verhandlungstaktik brechen wir recht bald auf und lassen Dar es Salaam schnell hinter uns. Die Sonne hat den Morgen bereits spürbar aufgeheizt, der Bus fährt in Richtung Westen, weg von der Küste ins Landesinnere. Eher häufig als selten halten wir an kleinen Ortschaften, und jedes Mal umringt eine Schar von Händlern den Bus, noch bevor die Schrittgeschwindigkeit erreicht ist, was uns die Möglichkeit gibt, das ausgesparte Frühstück nachzuholen, ohne unsere Plätze zu verlassen.

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Morogoro.

Anlass, sich in Ruhe die Beine zu vertreten, bietet die Stadt Morogoro. Eine weibliche Amtsperson in Uniform hat vehemente Bedenken an der Funktionalität unseres Busses, und so werden gleich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um irgendwo her einen neuen Reifen zu beschaffen. Wir lehnen uns im Schatten an eine rotbraune Mauer, im dunstigen Horizont in der Ferne zeichnen sich grünbewaldete Berge ab. Nach etwa einer halben Stunde scheint der Bus wieder fahrtüchtig zu sein, der unfreiwillige Halt zieht sich also nicht unnötig in die Länge. Unsere Kleidung ist durch das Anlehnen ganz erdig geworden.

Als ich das nächste Mal geweckt werde, sehe ich zwei Elefanten mit weißen Stoßzähnen am Straßenrand stehen. Die Überlandbusse und Laster rauschen hier ganz ungehindert durch den Mikumi Nationalpark, die Tiere scheint dieser Umstand indes nicht zu stören. Ich sehe Antilopen, Warzenschweine, Büffel und auch eine Giraffe, alles durch die lautstark in der Fassung vibrierende Scheibe neben meinem Kopf, die das Einschlafen nur bei der in Tansania zum Glück häufig einsetzenden tropischen Erschöpfung halbwegs möglich macht. Wenige Stunden später hat sich die Landschaft schon wieder verändert, wir fahren durch zunehmend bergiges Gelände, das viel dichter bewaldet ist als die vergleichsweise trockene Steppe, die wir bisher passiert haben. Die Straße schraubt sich das eine Mal nach oben, und schon wendet sie sich wieder hinab. Müdigkeit dämmert hinter den Augen, aber der Blick vermag nicht, sich von der satten Vegetation zu lösen. An diesem Tag sauge ich mehr Grün in mich auf als in den vier vorangegangenen Herbst- und Wintermonaten zusammen.

Immer wieder gibt der Straßenverlauf jetzt weite Ausblicke über das Land frei, die Sonne fällt in einem zunehmend spitzeren Winkel über die Ebene. Über den Himmel ziehen Wolken. Mbeya liegt vor uns, die letzte große Stadt vor der Grenze, die wir heute nicht mehr überqueren sollen. Als es bereits dunkel ist, wird das Land wieder bergig, aber das ist zu dieser Tageszeit schon nicht mehr zu sehen. Plötzlich liegt Nebel auf der Straße, es wird kälter im Bus. Auf den letzten hundert Kilometern, bevor es nicht mehr weiter geht, steigt noch eine motorisch stark degenerierte Frau zu, die sich durch ihr Übergewicht keineswegs am lautstarken Herumkrakeelen hindern lässt. Sie ist offensichtlich betrunken, setzt immer wieder zu neuen Reden an und bedroht die hinter uns sitzenden Fahrgäste, die angesichts der Uhrzeit vorsichtige Einwände gegen die Artikulationslautstärke vorbringen, mal ernst und mal spaßend mit einer Machete. Die Reise ist für heute zu Ende.

Pasco von Mohamed Coachline in Kyela löscht die Kerzen. Wir werden erst am nächsten Morgen über die Grenze nach Malawi kommen, das wissen wir nun. Ein Mann fährt uns in ein kleines Hotel, dessen Namen ich vergessen habe. In dem Doppelzimmer zu umgerechnet 2,50 Euro pro Nacht und pro Person bröckelt der Putz von denen Wänden, es gibt eine Leuchtstoffröhre, fließendes Wasser, einen Ventilator und saubere Bettlaken. Kurzum: Es ist perfekt.

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