Simbabwe (1) – Im Victoria Falls National Park

20/07/2011

Es sei der wundervollste Anblick gewesen, der sich ihm je in Afrika geboten habe, hat David Livingstone einst über die Victoriafälle geschrieben. Da wir nicht wissen, ob er jemals hoch oben von den Ruinen von Great Zimbabwe die Sonne über dem weiten Land des späteren Süd-Rhodesiens untergehen sah, muss diese Aussage erst einmal für sich stehen. In jedem Fall erwartet den Reisenden am Cataract Point im Victora Falls National Park in etwa folgende Szenerie: Von links und quasi direkt hinter der hölzernen Absperrung stürzt der gewaltige Sambesi hinein in eine 108 Meter tiefe Schlucht, und zwar über eine Bruchkante von 1700 Metern, deren Ende man von Westen schauend durch die bis zum Himmel aufsteigenden Gischt nur erahnen kann. Die Hänge der Kluft sind mit sattgrünen Pflanzen bewachsen, und wenn man Glück hat, wird das eintönige Blau des Himmels obendrein durch weiße Wolkenkissen zerstreut. Als ob das noch nicht genug Eindrücke für die Augen wären, ziehen sich durch das viele Wasser in der Luft eigentlich zu jeder Zeit die Spektralfarben eines oder gleich mehrerer Regenbögen über die Fälle. Man möchte Livingstone nun doch irgendwo zustimmen.

Aufgebrochen zu diesem Spektakel waren wir am Morgen in eben jener Stadt, die nach dem Entdecker benannt ist, und zwar in Livingstone in Sambia. An der Grenze zu Simbabwe zog jemand ein dickes Bündel Simbabwe-Dollar aus der Tasche. Durch eine höchst unglückliche Fiskalpolitik der Regierung unter Diktator Robert Mugabe hatte die Inflationsrate in Simbabwe im Juli 2008 nämlich einen Wert von 231 Millionen Prozent erreicht. Sie wuchs danach weiter, auch wenn keine offiziellen Zahlen mehr veröffentlicht wurden. Im November des gleichen Jahres verdoppelten sich die Preise mit jedem Tag. Die Wirtschaft kollabierte endgültig, und obendrein breitete sich die Cholera zu einer nationalen Epidemie aus. Nur drei Monate später, im Januar 2009, wurden ausländische Währungen endlich offiziell zugelassen, der ohnehin wertlos gewordene Simbabwe-Dollar schied aus, und seitdem wird der Zahlungsverkehr in Devisen abgewickelt. Die Farce hatte ein Ende. Nur an den Fällen stehen sie immer noch, die Händler und verkaufen lustige Scheine mit neun Nullen – als Souvenirs.

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Livingstone Bridge.

Von der stählernen Livingstone Bridge, die von »Zam« nach »Zim« führt, kann man mit einem Bungee-Seil an den Füßen in den Regenbogen hineinspringen, der sich unter der Brücke über dem Strom aufspannt. Der Sambesi fließt an dieser Stelle, nachdem er die Fälle hinter sich gelassen hat und nun in eine enge Schlucht gezwängt ist, mit ansehnlicher Geschwindigkeit. »You are now entering Zimbabwe«, steht auf einem Schild, und man legt 30 Dollar für ein Visum auf den Tisch, um dieses in den westlichen Nachrichten so verrufene, autokratische Land zu betreten, das unter den Staaten, deren Entwicklungsniveau im Human Development Index der Vereinten Nationen gemessen wird, in 2010 mit Rang 169 noch den letzten Platz belegt hatte. Nach Hyperinflation und Staatskrise ging es nun, so war auf der Webseite des Auswärtigen Amtes zu lesen gewesen, wieder etwas aufwärts. Das Warenangebot habe sich verbessert, auch wenn Treibstoff noch knapp werden könne und beim Reisen gelegentlich mit Einschränkungen zu rechnen sei. Die Versorgung mit elektrischem Strom und Trinkwasser sei beispielsweise nicht flächendeckend gesichert. Alles ganz normal also.

Victoria Falls Town, Simbabwe. Im Gegensatz zu Livingstone, drüben in Sambia, wirkt die Touristenstadt unweit der Fälle wie ein heruntergekommenes Nest. Zwar haben sich einige Luxusresorts am Stadtrand angesiedelt, innerhalb des Ortes passiert in der Regel aber wenig bis überhaupt nichts. Es sind generell nur wenige Menschen auf den Straßen zu sehen, dafür gibt es mehrere Banken und ein internationales Krankenhaus, was aber, wie gesagt, einzig dem Umstand Rechnung trägt, dass die meisten Touristen, sofern sie denn überhaupt einen Fuß auf simbabwisches Staatsgebiet setzten, nach Victoria Falls kommen, um sich mit einem klimatisierten Reisebus bis vor die Tore des Nationalparks fahren zu lassen. Kostengünstige Logis bietet das Victoria Falls Backpackers, in dem bei unserem Besuch keine anderen Reisenden anzutreffen waren.

Es sei Nebensaison, erklärte Roger, ein junger Angestellter, während auf dem kleinen Herd im Freien eine scharf gewürzte Tütennudelsuppe vor sich hin kochte. Entgegen meiner Mutmaßungen äußerte Roger unverblümt seine Abneigung gegenüber Robert Mugabe, der zwar seit 2008 gezwungen war, in einer Koalition mit der verfeindeten MDC zu regieren, jedoch in beständiger Regelmäßigkeit Mitglieder dieser Oppositionspartei ins Gefängnis werfen ließ. »You cannot keep all the power for yourself.« Damit ließ sich das ganze Dilemma, welches die Geschichte Simbabwes seit der erfolgreichen Unabhängigkeit 1980 umtreibt, eigentlich ziemlich genau auf den Punkt bringen. Noch in diesem Jahr, in 2011, sollte es Wahlen geben, aber ob und wann, das war bis dato nicht ausgemacht. »It will be violent«, soviel jedenfalls könnte man schon definitiv sagen.

Dann zückte Roger sein Handy, wählte im Menü den Unterpunkt »date and time« und bekam eine Auswahl an Weltzeiten aufgelistet. Das hatte ihn lange Zeit ungemein verwirrt. Er habe sich nie vorstellen können, so erzählte er, dass es an mehreren Orten der Welt im gleichen Moment unterschiedlich spät ist. Jedwede Versuche, mit beschränktem astrologischen Schulwissen etwas Licht ins Dunkel zu bringen, scheiterten. Den endgültigen Beweis hatte Roger aber ohnehin ein Video-Chat geliefert. »I saw the sun going down behind my friend, and I was like wowowo…«

Unser erster Tag in Simbabwe war noch zu jung, um ihn mit endlosem Herumhängen in einem ausgestorbenen Backpacker-Resort zu verbringen, und so hatten wir uns eben noch auf den Weg in den Nationalpark gemacht, um die Victoriafälle zu sehen. Auf dem Weg dorthin machte der Taxifahrer einen kurzen Zwischenhalt am Baobab Tree, einem mächtigen, knorrigen Baumgewächs von gewaltigen Ausmaßen. Vor dem Parkeingang verkauften Händler Wasserflaschen für lächerliche drei Dollar das Stück. Der Park sieht erst einmal sehr unspektakulär aus, allerdings nur, bis man Ausblick auf die Fälle bekommt. Am Danger Point empfiehlt es sich, bei aller Begeisterung ob der schier nicht real erscheinenden Szenerie, auf die regelmäßig über dem steinernen Weg niedergehende Gischt zu achten. Zuletzt ist man sonst gezwungen, sich vollkommen durchnässt nach vorne zu beugen, um die in einer Plastiktüte befindliche Fotokamera mit der Masse des eigenen Oberkörpers gegen den monsunartigen Niederschlag zu schützen. Das sieht ohne Zweifel ziemlich dümmlich aus.

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Victoria Falls National Park.

Langsam wurde es Abend im Park, Affen hüpften von Ast zu Ast, wir trockneten im orangegelben Sonnenlicht. Zurück in Victoria Falls Town kreuzten mitten in der Stadt wilde Warzenschweine die Straße. Der Seven Eleven hatte nur wenig Auswahl an Lebensmitteln. Wir bekamen südafrikanische Rand herausgegeben, in Simbabwe gibt es keine Dollarmünzen, so behelfen sich die Menschen einfach mit zwei Währungen. Es war allerdings nie ersichtlich, wie viele Rand nun genau einem Dollar entsprachen, und allem Anschein nach wurde das von Landesteil zu Landesteil unterschiedlich gehandhabt. Ein schmackhaftes Abendessen ließ sich in dem Supermarkt jedenfalls nicht finden. Zum Glück existiert in Simbabwe ein zuverlässiges Netz an Filialen eines Dreigespanns aus Pizza Inn, Chicken Inn und Creamy Inn, so auch in Victoria Falls. Die Versorgung war für das Erste sichergestellt, am Morgen würde es weitergehen, weg von dem Touristenort, weg von den rauschenden Wasserfällen und den Regenbögen darüber, hinein in das Land, auf dem dieser düstere Schatten lag. Nach dem Essen gab es Kaffee im Pappbecher, ein Taxi brachte uns zurück in die Lodge.

Simbabwe: Ruinen unterm Regenbogen (Spiegel Online)

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