Sudan

Saharahitze und Scharia: Der Sudan scheint ein feindlicher Ort zu sein. Das denkt man jedenfalls, wenn man sich anschaut, was zurzeit über den Islam gesagt und geschrieben wird. Eine Reise ins Herz des Bösen?

Khartum — Ein blassblauer, staubiger Himmel liegt über Khartum. Sandfarben sind die Straßen und Häuser. Motorräder, Amjads und alte Autos knattern unter einer heißen Sonne über den Asphalt, kreuz und quer durch die flache, schachbretthaft angelegte Wüstenstadt. Hitze flimmert auf dem Asphalt. Der Blaue und der Weiße Nil fließen hier ineinander und zugleich die arabische Welt und das, was wir Schwarzafrika nennen.

Beide Regionen wecken gleich dumme Zerrbilder im Bewusstsein, die von einer hauptsächlich medial vermittelten Wirklichkeit dieser Weltgegenden gespeist werden. Das Nachrichten-Khartum klingt irgendwie nach Kamelen und Camouflage. Nach Karawanen und Pick-Up-Trucks mit aufgeschraubten Maschinengewehren. Nach bärtigen Fanatikern und schwarzen Söldnern. Nach einem Ort, an den man vielleicht besser nicht reisen sollte. Großer Unsinn.

Ich sitze bei Ozone, in einem komplett auf amerikanisch gemachten Café, wo Teenager Eiscreme essen und auf ihren Handys herumspielen, und ich gehe meine Hirngespinste durch, ohne das trügerisch liberale Flair des Lokals überbewerten zu wollen. Ich habe beim Sudan erst einmal an den Islam in seiner Hardcore-Variante gedacht. Der ruhelose Lynchmob, dachte ich, lauert immer schon hinter der nächsten Straßenecke!

Beim Verlassen des Flughafens gleich die erste Enttäuschung: quadratmetergroße, westlich-dekadente Werbung für das neue Samsung Galaxy. Smartphone statt Scharia, das wäre jetzt die billige Zuspitzung, wobei sich das eine und das andere ja gar nicht ausschließen. Aber das Denken ist schon matt und ganz gereizt vom Schwarz und Weiß.


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Blick über Khartum, Zusammenfluss des Weißen und Blauen Nils, Markt von Omdurman.


»Der Islam ist eine grüne Wiese, auf der man sich ausruhen kann.« So überschrieb Christian Kracht in Der gelbe Bleistift das Kapitel über Peschawar. Dieses Bild ist mir im Kopf geblieben, bevor ich je ein islamisches Land bereiste, auch wenn es in dem Text im Kern um eine Waffenfabrik geht, wo der Autor mit Raketenwerfern auf Ziegen schießen kann. Aber ich habe den Satz komischerweise nie ironisch gelesen.

Eine echte grüne Wiese haben sie hier nicht in Khartum. Die Männer sitzen in ihren erstaunlich staubfreien Gewändern auf Plastikstühlen am Straßenrand, unter Schirmen, unter Brücken. Sie sind dabei so friedlich wie pensionierte Sozialdemokraten aus Wanne-Eickel, die sich am Sonntagnachmittag zum Boule im Park treffen.

Kriminalität gibt es in Khartum ausgesprochen wenig. Ich fahre auf den Markt in Omdurman, spaziere auf der Nilinsel Tuti noch durch die abgelegenste Gasse und esse in einem spartanischen Lokal einen Teller Ful (ein Einfache-Leute-Gericht aus Bohnen). In der Al-Mashtal-Straße im Viertel Al-Riyadh suche ich das ehemalige Haus von Osama bin Laden, der dort bis 1996 wohnte, bevor er Amerika endgültig den Krieg erklärte. Doch kein Terrorist ist hier, nicht mal ein militanter Islamist, der mich als ungläubigen Imperalisten beschimpfen könnte. Wo ist er nur, der böse Moslem?

Dabei hat doch der Kulturkampf längst begonnen. Das ist jedenfalls der Eindruck, den man kriegen kann, wenn man die besorgten Leitartikel liest, in den Kommentarspalten der Medien dem Volk in die Seele schaut und dem Wutrauschen am Stammtisch lauscht. Auch im Kopf der wohlstandsgesättigten Akademikerin tobt es längst. Da sagt eine, dass Deutschland nicht mehr ihr Land sei, weil sie am Flughafen die Schuhe ausziehen müsse, während Merkel Flüchtlinge unkontrolliert über die Grenze geholt habe. Diese Worte sind genau so gefallen, dazu gab es Meeresfrüchte und Weißwein.

Der Kulturkampf hat also begonnen, und wer will da in ein Land wie den Sudan, wo doch der Moslem schon im Sprengstoffgürtel vor der europäischen Haustür steht, um unsere Kultur und Zivilisation zu zerstören? Dieses Wüstenland weckt die gleichen Reflexe wie der muslimische Mann dieser Tage: Angst, Vorurteile, Ablehnung. Selbst nach Ägypten und in die Türkei will der Deutsche jetzt nicht mehr in den Urlaub fahren – »nach Paris«, »nach Köln«, wie es stets in diesem seltsam apokalyptischen Duktus heißt. Als habe sich die Schlechtigkeit des Islams endgültig bestätigt.


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Feindbild: ein betender Moslem.


Der Markt in Omdurman ist der größte des Landes. Die Schwesterstadt Khartums wurde berühmt durch den Mahdi-Aufstand und die Schlacht von Omdurman 1898. Man kämpfte gegen die britisch-ägyptischen Besatzer – erfolglos. »Der beachtlichste Sieg, der je durch die Waffen der Wissenschaft über Barbaren errungen wurde«, schrieb Winston Churchill, damals einfacher Leutnant.

Was es heute im Sudan zu kaufen gibt, findet man auf dem Markt von Omdurman. Goldschmuck, Gewürze, Kleidung aller Art und gefälschte Fußballtrikots – das ist natürlich keinesfalls alles. Pferdekarren finden ihren Weg durch die Gassen, Juweliere warten im Schatten ihrer Geschäfte auf Kundschaft. Ich laufe nur so umher, plaudere mit den Leuten und mache Fotos von Händlern, die immer gleich freundliche Posen einnehmen.

Schnitt, 20 Minuten später. Eine Menge aufgebrachter, schimpfender Männer umringt mich. Das wütende Arabisch dringt kratzig an mein Ohr. Doch die Menschen schreien nicht mich an, sondern den Polizisten, der mir gerade meine Kamera abnehmen will. »No pictures«, hatte er gerufen und kam dann ernst herüber. Jetzt hält er das Trageband meiner Kamera fest in seiner Hand, schaut mich unversöhnlich an und gibt mir klar zu verstehen, dass ich ihm den Fotoapparat nun auszuhändigen habe. Mein Versuch, ihn durch das Löschen von Bildern zu besänftigen, zeigt überhaupt keine Wirkung. Ich bin verzweifelt. Die schönen Aufnahmen!

All meine Reisefotos sind wohl verloren oder ich muss die Kamera gegen ein lächerlich hohes Bestechungsgeld zurückkaufen, wären da nicht die Männer vom Markt. Sie reden zornig auf den Polizisten ein. Sie verteidigen mich! Der Beamte lässt die Kamera los. In dem ausgewachsenen Tumult ist es nicht schwierig, Schritt für Schritt nach hinten zu treten und irgendwann in der Menge zu verschwinden. Das rettet mir meine Reportagebilder, den Männern sei Dank.


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Freundliche Männer auf dem Markt von Omdurman, die sich gerne fotografieren lassen.


Nun möchte man sagen, dass diese Szene fast schon zu symbolisch ist und auch zu kalkuliert erzählt. Man soll im Detail das große Ganze erklärbar machen, hat der Meisterreporter Holger Gertz uns einmal beigebracht. Leider ist der Weg von der Veranschaulichung eines Problems am konkreten Beispiel zur pauschalisierenden Verallgemeinerung mitunter recht kurz. Es ist, nebenbei bemerkt, der Weg des Rassisten. Aber das ist die Herausforderung: differenziert denken und doch zu sehr klaren Schlüssen kommen.

Im Rückblick erklärt sich die Situation auf dem Markt so: In den armen und rückständigen Ländern der muslimischen Welt – aber natürlich nicht nur dort – leiden die Menschen in erster Linie unter despotischen Regimen, einem nicht-funktionierenden Staatswesen und epidemischer Korruption, was dann wiederum zu hoffnungslosem Nepotismus, mangelnden Perspektiven und großer Armut in weiten Teilen der Bevölkerung führt. Offenbar hatten die hilfsbereiten Männer vom Markt zumindest in dem Moment, als der Polizist mich hereinlegen wollte, konkret die Schauze voll von ihrem ineffizienten, bestechlichen Bürokratieapparat, der es nicht schafft, ein erträgliches Mindestmaß an sozialer Absicherung zu gewährleisten und noch dazu den wenigen Gästen, die ins Land kommen, das Geld aus der Tasche zieht. Das ist wieder eine Zuspitzung, aber in diesem Fall eine angemessene.

Es wird nicht die einzige positive Erfahrung im Sudan bleiben. Nun ließe sich von den Jungs in Karima erzählen, oben am Nil, die mich zu einer Schale Obstsalat in ihre Hütte einladen, oder von Essan, der mich in Shendi in seinem Gästehaus fast schon wie ein gütiger Großvater beherbergt, oder vom Fernfahrer Omar, der mich in seinem Truck nach Ad-Damir mitnimmt, ohne dafür auch nur einen sudanesischen Pfund zu verlangen. Ja, auch als weißer Ungläubiger werde ich überall im befriedeten Teil des Sudans mit großer Gastfreundlichkeit empfangen und behandelt.

Mit der gleichen Vehemenz ließe sich aber nun auf die nicht zu leugnenden Unzulänglichkeiten der sudanesischen Gesellschaft verweisen. Meine Reise wäre als Frau so mit Sicherheit nicht möglich. Überhaupt sehe ich nirgendwo im Land lachende, selbstbewusste Frauen, was eine Tragödie ist.

Ja, Khartum ist friedlich zu mir. Aber der Gedanke, sich hier mit einem T-Shirt mit der Aufschrift »God is dead« oder »Gay is great« auf die Straße zu stellen, scheint nur im ersten Moment lustig und im zweiten schon völlig undenkbar. Was bei uns in Deutschland oft nur als selbstgefälliger Akt demonstrativ zur Schau gestellter Liberalität wahrgenommen wird, könnte hier im Sudan schnell etwas lebensgefährlich werden. Ich bewege mich zwar frei in dieser Gesellschaft, aber es ist eine unfreie Gesellschaft. Voltaire kam nie in den Sudan.

Was soll man aber nun für Schlüsse ziehen? Der Islam ist eine gewalttätige Religion? Wer nach Khartum kommt, kann da nur lachen. Der Islam ist nicht zur Demokratie fähig? Da möge man bitte den Senegal besuchen. Der Islam ist intolerant und duldet neben sich keine andere Religion? Indonesien, das größte muslimische Land der Welt, ist ein Gegenbeispiel und kann im übrigen auch guten Gewissens von Frauen bereist werden, denen die Machokultur in Ägypten oder Marokko entschieden zu unangenehm ist. Es ist leider eben doch alles schrecklich komplex.

Wer von dem Islam spricht, macht schon den ersten Fehler. Wer dann am heimischen deutschen Schreibtisch furchtbar entrüstet nach Koranversen sucht, die die Bösartigkeit dieses Islams belegen sollen (»Suren-Bingo«), der sollte vielleicht besser ein islamisches Land besuchen oder gleich mehrere und dort mit möglichst vielen Menschen reden und sich ihre Geschichten anhören. Und wer von einem Islam spricht, der Europa erobern und unsere Demokratie abschaffen will, der ist vor Angst schon ganz wirr oder ein gefährlicher Demagoge.

Seien wir ehrlich: Das Modell der liberalen, säkularen Gesellschaft des Westens ist viel zu verlockend, als dass sich die gebildete Jugend zwischen Tanger und Teheran – möge sie auch klein sein – nicht längst danach sehnen würde. Die Anschlussfähigkeit muss man auch nicht lange suchen. Wer unüberbrückbare kulturelle Differenzen propagiert, der sollte sich einmal ins Nachtleben von Istanbul oder Beirut begeben. Oder sich unter die tunesische Jugend mischen, die mit Kofferraumladungen voller Alkohol von Tunis herunter zum Festival Dunes Electroniques in die Wüste fährt. Oder sich in Marrakesch zum vollkommen harmlosen Tinder-Date mit einer Marokkanerin treffen, die sich bei einem Drink in der Neustadt über die europäischen Touristen amüsiert, die in der alten Medina vom folkloristischen Schauspiel eines vermeintlich exotischen Orients ganz ergriffen sind. Diese Liste kann jeder Reisende selbst fortsetzen.


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Werbung in Beirut, junge Tunesier auf dem Dunes Electroniques, Nacht über Marrakesch.


Claudius Seidl hat völlig berechtigt die Frage aufgeworfen, ob sich die Jugend des Nahen Ostens gegenüber unserer Kultur (des Pop) tatsächlich verweigert. Er spricht vom »kapitalistischen Realismus«, dem Streben nach Glück durch Konsum, das nach universeller Verständlichkeit strebt. Die Antwort lautet: auf gar keinen Fall. Es ist dann auch der größte Treppenwitz des Intellekts, die Defizite in den arabisch-islamischen Ländern maßgeblich auf die vorherrschende Religion zurückzuführen und die viel wichtigeren politischen und sozialen Ursachen völlig auszublenden.

Umso alarmierter muss man sein, wenn islamischer Terrorismus zu einem epochalen Wertekonflikt aufgebaut wird, wie das zum Beispiel einer der einflussreichsten Medienmacher der Republik gleich nach den Anschlägen von Paris getan hat. Er beschreibt das Szenario aus Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung – die muslimische Machtübernahme in Europa – als beklemmende Fantasie, weil wir davon »immer mehr Spuren in der Wirklichkeit und Gegenwart entdecken«. Und wenige Sätze später folgt sie auch schon, die Rede vom »Kulturkampf«, der schon lange schwele. Stimmt, gekämpft hat der sogenannte Westen ziemlich tatkräftig, aber doch nicht mit den Waffen der Kultur.

Wer die westlichen Werte hochhält, spricht von Errungenschaften, die bitteschön nie für Menschen außerhalb dieses Westens irgendwie von Bedeutung zu sein hatten. Denken wir nur kurz an die US-Sanktionen gegen den Irak, im Laufe derer rund 500.000 Kinder starben, weil zum Beispiel nicht einmal mehr einfache Medikamente importiert werden konnten. Die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright wurde in einem Interview gefragt, ob die Bestrafung Saddam Husseins diesen Preis wert gewesen sei. Und was sagte sie? Klar, hart sei das gewesen, aber: ja.

Die ganze Außenpolitik im Nahen Osten ist an Perfidie eigentlich kaum zu überbieten, aber das ist eine Geschichte, die woanders schon oft genug erzählt wurde. Sie ist auch keine Entschuldigung für alles, aber sollte doch die Zunge zähmen, wenn diese einem Araber etwas von westlichen Werten daherfabulieren möchte. Solche Überlegungen passen nicht zur schönen Welt des Reisen? Tut mir leid, es muss sein. Was die Welt bewegt, dazu sollte man eine Haltung finden.

Am letzten Tag meiner Sudan-Reise sitze ich noch einmal bei Ozone in Khartum. Bei Kaffee und Kuchen. Wasser wird durch Zerstäuber in die Luft gesprüht und kühlt die Sahel-Hitze ein wenig herunter. Hinter der Hecke rauscht Verkehr.

Ich reflektiere das kleine Abenteuer, das ich in diesem Land erlebt habe. Ich weiß jetzt, hier kann ich trotz Hardcore-Islam meiner Wege gehen und treffe dabei auf Menschen, die mich nicht bespucken sondern als Gast willkommen heißen. Eigentlich eine selbstverständliche Lektion, stelle ich fest. Umso trauriger, dass sie im Moment als revolutionäre Weisheit daherkommt. Begegnung sorgt für Verständigung, das ist noch so eine Plattitüde, die stimmt.

Schon raunt es wieder: Dauerhaft leben will man im Sudan doch auch nicht! Stimmt. Lombok fänden die meisten aber wohl gar nicht schlecht. Ich für meinen Teil freue mich am Ende der Reise, ehrlich gesagt, wieder auf mein hedonistisches und ziemlich exklusives Westlerleben, dessen Wohlstand die Kehrseite einer armen, ausgebeuteten anderen Welthälfte konsequent mitverantwortet. Dessen sollte man sich schon bewusst sein. Islamischer Extremismus ist dann eher ein Begleitphänomen als Kern des Problems.

Bedroht der Islam jetzt Europa? Eine merkwürdige Frage, die gerade oft gestellt wird.

Der Islam ist eine grüne Wiese, auf der man sich ausruhen kann. Wer keine fauligen Pflanzen will, deren Früchte den Geist vergiften, sollte vielleicht nicht den Fehler machen, den Boden zu verbrennen. Auf toter Erde wächst überhaupt nichts.

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Die Welt ist entdeckt. Doch im Sudan gibt es kaum Infrastruktur. Man ist den Menschen ausgeliefert, es gibt keinen Rückzugsort. Darin liegt das letztmögliche Reiseabenteuer in einer globalisierten Welt.

Shendi — Als ich aus dem Bus steige, verspüre ich zum ersten Mal leichte Panik. Ich bin nicht vorbereitet auf das Herumstehen, aber ich muss erst mal nur so herumstehen, weil ich keine Ahnung habe, wie ich weitermache.

Ich bin nicht vorbereitet auf die Rolle des Exponierten, der jetzt gemustert wird von den Menschen auf diesem Platz, weil er hier so auffällt. Es ist offensichtlich, dass ich nicht weiß, was der nächste Schritt sein könnte, und das erzeugt in mir eine unangenehme Nervosität. Ich bin so fehl am Platz wie eine Vogelspinne auf einer Kaffeetafel. Gut ausgeleuchtet stehe ich auf einer Bühne vor erwartungsvollen Zuschauern, das zwingt irgendeine Handlung herbei, fast automatisch.

»Hello, hotel?«

Ich erwarte auf keinen Fall, dass irgendein Mensch Englisch spricht. Was für eine verfehlte Frage. Ein Hotel, seriously? Shendi heißt dieser Ort hier, bislang war er nur ein Name auf der Landkarte, jetzt bekommt er Konturen. Eine Eisenbahnlinie führt durch den Staub, überall ist Sand, stehen sandfarbene Häuser, einstöckig und gedrungen, als wären sie aus dem Wüstensand herausgewachsen. Ein Hotel kann ich mir hier beim besten Willen nicht vorstellen. Ich hatte keine Ahnung.


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Karg und staubig: Wüstenland Sudan.


Trotzdem oder gerade deswegen noch einmal: »Hotel? Guest house?« Ich bin auf die Sitzbank eines motorisierten Dreirads gestiegen, einfach weil ich etwas tun musste. Ein zweifelhafter Versuch, wieder Herr der Lage zu werden.

Der Mann am Steuer fährt los, dabei weiß er gar nicht, wo ich hin möchte – was für eine unüberlegte Übersprunghandlung war das bitte? Ich wiederhole immer nur »hotel, hotel, hotel«. Die Betonung malt ein Fragezeichen in die Saharaluft, und der Mann lächelt und fährt mich durch die Straßen. Aber er versteht nichts. Mir kommt das Wort bald selbst unsinnig vor: ho-tel, o-tel, o-tääääl. Der Widerhall in meinem Kopf ist hohl, als hätte der Laut nie eine Bedeutung gehabt. Sogar die Sprache wird an diesem Ort ungewiss.

Ich befinde mich ungefähr 180 Kilometer nördlich von Khartoum, der Hauptstadt des Sudans, in einer kleinen Stadt am Nil. Der Fluss bildet auf der Landkarte einen schmalen grünen Streifen, ohne den man das Land hier nicht Land nennen könnte. Nur Wüste wäre sonst hier, ohne Leben, ohne alles. Die Sonne brennt heiß, dabei ist es März und eigentlich noch recht angenehm, verglichen mit dem Hochsommer.

Wie ich da im Rücken dieses Sudanesen sitze, der mich nicht versteht und irgendwo hinfährt, wie die Menschen unserem Dreirad hinterherschauen, wie ich der Situation ausgeliefert bin, habe ich das Gefühl, dass die Dinge endgültig entgleiten. Dass ich davon getragen werde, ohne Kontrolle. Und gewissermaßen ist das ja auch der Fall. Als die Panik kurz davor ist, mich zu überwältigen, versteht der Fahrer plötzlich doch, was mein Anliegen ist: Schlafen will ich heute Abend irgendwo, ich suche eine Unterkunft.

In Shendi gibt es keine touristische Infrastruktur. Es ist eine einsame Wüstenstadt, auf halber Strecke ins Nirgendwo, ein Nest. Wie viele Ausländer waren in diesem Jahr schon hier? Wahrscheinlich kein einziger. Wir machen halt bei einem lokanda, so heißen die kleinen Gästehäuser in diesem sonderbaren Land. Es handelt sich um einen schmucklosen Steinbau in der Nähe des Bahnhofs. Die Rezeption ist ein Raum ohne Türen, darin nur ein alter Schreibtisch, dahinter ein Mann mit funkelnden Augen, die mich lesen wollen wie ein merkwürdiges Buch, dessen Sprache man nicht versteht.


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Essan mit Sohn im Hof des lokanda / Gästezimmer.


Essan heißt der Besitzer des Gasthauses, und er spricht – das ist wirklich ein großes Glück – ein bisschen Englisch. Er führt mich durch den Hof zu einer Holztür, die nur von einem umgebogenen Nagel in ihrem steinernen Rahmen gehalten wird. Ich sehe einen Raum mit einem Holzbett und einem Schrank. Es gibt keinen Strom, kein Fensterglas, kein fließendes Wasser und keine Toilette: mein Zimmer für diese Nacht.

Ungefähr fünf Euro sind ein alberner Preis für etwas, das mir hier eine minimale Sicherheit bietet, das die Welt wieder in ein Draußen und ein Drinnen aufteilt. Ich hier drinnen: wieder unsichtbar, zur Ruhe kommend. Die Gegenwart da draußen: fremde Menschen, karge Wüste, keine Alternativen.

Doch die Einkehr währt nur kurz. Essan sagt, ich müsse jetzt zur Polizei. Ganz schnell kommt mir der Gedanke, dass man aus meiner Hilflosigkeit Kapital schlagen will. Der Sudan hat, sagen wir mal, nicht die tadellosesten Behörden, und warum sollte ich jetzt zur Polizei müssen? Es ergibt keinen Sinn. Aber mir bleibt nichts anderes übrig.

Der Dreiradfahrer hat noch gewartet. Essan redet auf Arabisch mit ihm und weist mich an, noch einmal aufzusitzen, nur Mut, so eine Andeutung liegt in seinem Blick. Wir fahren drei Minuten. Die Polizei sieht nicht aus wie eine Polizei, ich betrete einen schmucklosen Raum an einer austauschbaren Sandstraße, darin ein schmutziger Schreibtisch, darauf einige Fetzen Papier. Der Mann auf dem Stuhl hat keine Uniform, er könnte auch ein Gangster sein. Aber er nimmt einen Kugelschreiber und schreibt irgendwas auf einen ausgerissenen Zettel, als ich ihm erzähle, dass ich in Shendi übernachten will.

Das soll wohl eine Art Beleg sein, eine Erlaubnis, denke ich mir, der Ausländer hat sich registriert oder so ein bürokratischer Schwachfug. Der Mann will bloß keinen Ärger mit seinem Vorgesetzten. Mit dem Zettel geht es zurück zum lokanda. Der Polizist, der nicht wie einer aussah, hat meinen Pass sehen wollen. Das ist immer ein unangenehmes Gefühl, in so einer Situation im Ausland seinen Pass herauszugeben. Man fühlt sich plötzlich nicht mehr offiziell anwesend, und vor diesem Hintergrund kann schließlich alles mit einem passieren.

Ich bin nicht aus reinem Vergnügen im Sudan, ich will eine Geschichte über die antiken Tempel des Niltals schreiben, irgendwas zwischen Reportage, Reisefeature und Erlebnisbericht. Ich kann es nicht sagen, weil ich nichts weiß über diesen Ort, über diesen Teil der Welt. Das ist der Reiz.


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Am Ende der bekannten Welt: Der Tempel von Naga.


Es ist nicht so, dass ich ein besonderes Interesse an der nubischen Geschichte hätte, am historischen Königreich von Kusch mit seinen schwarzen Regenten, die einmal, bevor Jesus Christus auf die Welt kam, Ägypten eroberten. Der historische Hintergrund, die Sehenswürdigkeiten – durchaus UNESCO-Welterbe, so ist es nicht – waren nur der Anlass, um etwas viel Existenzielleres zu tun: ein Abenteuer erleben.

In Shendi, dieser der Welt entrückten Wüstenstadt, wird klar, was damit gemeint sein könnte: Es geht darum, sich einer Situation auszuliefern, ohne Netz und doppelten Boden. Menschen ansprechen, sich durchfragen, temporär Fremden komplett vertrauen, ohne dies gibt es kein Fortkommen.

Ich habe kein Hostel, keine Adresse, kenne keinen einzigen Europäer im Umkreis von hundert Kilometern, habe weder Internet noch Handyempfang, mein Besitz steckt in einem kleinen Rucksack, Zeug für fünf Tage. Was ich sagen will: Es gibt keinen Rückzugsort. Ich lege mein Schicksal in die Hände dieser Leute, von denen ich nichts weiß und doch – wie ich am Ende sehen werde – nur Gutes zu erwarten habe.

Dieser Zustand ist das, was ich mit einem Mal als Abenteuer erkenne, und er führt mir die vielen anderen, falschen Abenteuer vor Augen. Großartige, tolle Erlebnisse zwar, aber eben oft: Abenteuer-Simulationen, die ja, wenn man nur einmal die Reisekataloge anschaut, seriell hergestellt und kommerziell vermarktet werden.

Falsche Abenteuer? Da erheben sich gleich die Einwände der Moralisten, die jedem sein Abenteuer zugestehen wollen – wie auch immer das aussehen mag. Schließlich sind wir ja alle unterschiedlich und so. Schon richtig. Grundsätzlich ist es ja aber so: Man kann beim Blick auf die Welt zwei gegensätzliche Rollen einnehmen: die des Kritikers und die des Buddha. Der Kritiker hinterfragt, dechiffriert, legt offen, prangert an – ob der Ton nun humorvoll oder scharf ist. Der Buddha beobachtet, belässt die Dinge, wie sie sind, wertet nicht, vermeidet die Kategorien »richtig« oder »falsch«. In welcher Situation welche Rolle angemessen ist, darüber kann man lange streiten.

Nehmen wir beim Blick auf das sogenannte Reiseabenteuer die Rolle des Kritikers ein: Kann es da wirklich ein Abenteuer sein, ein afrikanisches Land auf der zweiwöchigen komplett durchorganisierten Rundreise eines Reiseveranstalters zu entdecken? Es heißt nicht, dass eine solche Reise schlecht, falsch oder öde ist – sie kann die beste Reise des Lebens werden. Aber ein Abenteuer? Eine Geschichte, die man Jahre später als Abenteuer seinen Kindern oder Freunden präsentiert? Eher nicht.

Die Pauschalreise, auf der sich ein Veranstalter um die gesamte Durchführung der Reise kümmert, ist selten ein echtes Abenteuer. Das heißt aber umgekehrt nicht, dass jeder Individualreisende ein ausgekochter Abenteurer ist. Denn in fast jedem vermeintlich aufregenden Land der Welt kann man sich letztlich hinter eine internationalisierte Infrastruktur zurückziehen: in das Hostel, in dem ein Lonely Planet im Bücherregal liegt und es Wifi gibt, wo man Menschen westlicher Staatsangehörigkeit trifft, wo man fragen kann: Hey, how are you? How long are you travelling? Can you recommend a place for dinner? Man kennt die Bedürfnisse.

Essan braucht einige Zeit, bis er versteht, was mein Vorhaben ist, und es scheint ihm einigermaßen absonderlich vorzukommen: dass der weiße Typ in die Wüste will, ja wirklich mitten in die Wüste, zum Tempel von Naga (es handelt sich dabei um eine Sehenswürdigkeit für meine Recherche). Wie ließe sich das anstellen?

Essan ruft einen Freund an, der mit einem Auto herbeikommt. Er heißt Ahmed, und diesem Ahmed, der ein paar Brocken Englisch kann, erklärt Essan, dass dieser junge Mann hier in die Wüste nach Naga will. Ich bin bereit, 350 sudanesische Pfund dafür auszugeben. Irgendwann werden wir uns über den Preis einig.


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Mit dem Schrottauto in die Wüste. Allein kommt man nirgendwo hin.


Keine halbe Stunde später sitze ich in Ahmeds Auto. Die Seitenfenster fehlen. Auch die Tür geht nicht ohne Weiteres auf, deshalb hat Ahmed immer einen Schraubenzieher dabei. Der Tacho steht konstant auf null. Ahmed kauft noch etwas Fleisch und Gemüse, wir fahren kurz bei ihm zu Hause vorbei, das Haus liegt am Stadtrand, in der Einöde. Es erinnert mich an die Wüstenbehausungen auf Tatooine in Star Wars, und das ist wieder so eine bezeichnende Komik, dass als einzige Assoziation die Kulisse einer Hollywood-Weltraumsaga heraufzieht.

Wir fahren auf der Asphaltstraße ein Stück Richtung Süden, bis Ahmed irgendwann nach links auf eine für mich kaum auszumachende Sandpiste abbiegt. Dürre Sträucher und karge Baumgerippe zeichnen sich gegen eine rotbraune Wand ab, die wohl der Himmel sein soll. Nach einer halben Stunde versuche ich auszurechnen, wie viele Wegstunden es nun wohl zurück zur Straße wären. Fakt ist: Naga liegt 37 Kilometer vom Nil entfernt in der Wüste. Es gibt hier keine Straßen und Häuser, nur ein paar Beduinen und Kamele.

Der Besuch des Tempels ist einigermaßen unspannend. Ich fotografiere den Amun-Tempel, erbaut nach ägyptischem Vorbild, den meroitischen Löwentempel und die griechisch-hellenistische Hathor-Kapelle. »Eine Kulisse, die die Weltarchitektur Revue passieren ließ«, wird mir später, zu Hause in Deutschland, der Leiter des Forschungsprojekts Naga des Staatlichen Museums für Ägyptische Kunst in München, Dietrich Wildung, erklären. Mich interessieren vor allem die Nomaden, die ihr Vieh zu dem Brunnen führen, den es in dieser Zivilisationsverlassenheit tatsächlich gibt.


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Nomaden beim Tempel von Naga.


Nach einer Stunde fährt mich Ahmed wieder durch die Wüste zurück zur Hauptstraße und von dort weiter in die Stadt. Wer aus der Wüste kommt, für den ist jedes noch so ausgestorbene Nest plötzlich ein gastlicher Ort, eine Zuflucht.

Essan wartet im Gästehaus, es wird dunkel. Ich habe Hnuger und beschließe, im Ort eine Falafel zu essen. In dem kleinen Restaurant stehen nur ein paar Plastikstühle auf einer überdachten Terrasse. Männer sitzen im Schatten und schauen herüber, nicht betont freundlich, aber auch nicht abweisend. Wie man eben auf einen Fremden schaut, auf den kurz der Blick fällt. Die Situation ist also angenehm normal. Nichts kommt mir mehr so fremd und ungastlich vor wie heute Mittag, als ich nach zwei Stunden Busfahrt meine Füße in den Staub setzte und von nichts eine Ahnung hatte.

Es ist der Abend des 13. März. Am nächsten Morgen, als die Sonne von einem klaren Himmel in den Hof scheint, in dem die Männer auf Bettgestellen unter dem freien Himmel geschlafen haben und in dem jetzt einer nach Mekka betet – an diesem Morgen bin ich ein Jahr älter.


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Morgensonne im lokanda in Shendi, ein Mann betet.


Essan schaut mir beim Abschied tief in die Augen. »Ma’a as-salāma – you are a good man«, sagt er und legt seine Hand auf meine Schulter. Ein schöner Geburtstag war das. Mehr noch: Der Geburtstag als gemeistertes Abenteuer – was kann es Besseres geben? Denn das Abenteuer lädt einen mit Energie auf, schärft die Sinne, verbessert die Wahrnehmung. Und führt dann zu einer großen inneren Ruhe. Ich spüre wieder einmal: Das Leben ist eine großartige und berauschende Angelegenheit.


Was ist die beste Reisezeit für den Sudan?

Im Niltal nördlich von Khartoum herrscht arides Wüstenklima. Angenehm sind die Temperaturen von Dezember bis März. In den übrigen Monaten liegt die Tagestemperatur regelmäßig bei mehr als 40 Grad im Schatten.

Wie komme ich in den Sudan?

Mehrere Airlines fliegen die Hauptstadt Khartoum aus Deutschland mit einem Zwischenstopp an, zum Beispiel Turkish Airlines über Istanbul.

Brauche ich ein Visum?

Ja. Reisende aus Deutschland müssen das Visum in der Botschaft des Sudans in Berlin beantragen.

Wo kann ich übernachten?

In Khartoum gibt es vor allem Hotels für Geschäftsleute, die gemessen am Lebensstandard und allgemeinen Preisniveau recht teuer sind. Empfehlenswert ist das German Guesthouse, 839 Block Nr. 22, Al Taif, Khartoum (reservation@germanguesthouse.com). Außerhalb der Hauptstadt ist die Infrastruktur äußerst dürftig, man ist im Wesentlichen auf lokale Gästehäuser angewiesen.

Wie sicher ist der Sudan?

Außerhalb der Kriegsgebiete in Darfur und im Süden des Landes ist der Sudan ein für afrikanische Verhältnisse sicheres Reiseland. In Khartoum können sich (männliche) westliche Staatsangehörige frei bewegen, es gibt so gut wie keine Gewaltkriminalität. Auch in den kleinen Städten und Dörfern braucht man sich nicht zu fürchten.

Wie teuer ist der Sudan?

Wenn man die lokale Infrastruktur (Herbergen, Busse, Restaurants) nutzt, ist das Preisniveau äußerst niedrig. Ein traditionelles Frühstück aus Bohnenpaste und Salat (ful) gibt es für weniger als einen Euro. Eine Nacht in einem lokanda kostet in einem einfachen Zimmer kaum mehr als fünf Euro. Sobald man ausländische Hotels oder Restaurants nutzt, zahlt man annähernd europäische Preise.


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