Italien

Nach Harz und Blumen duften die Berghänge, der Tag ist jung, es geht auf den Hochgall, den höchsten Gipfel der Riesenfernergruppe in Osttirol. Wie viel Zuversicht und Zweifel passen in einen Tag?

I. Staller Sattel, 8 Uhr: Aufbruch / Zuversicht

Die Sonne ist bereits die Felswände heruntergeklettert, durch Fichtenwälder hinabgestiegen, am Talgrund angekommen. Der Tag hat sich breitgemacht im Gebirge, strahlend, satt. Nur westseitig kleben noch ein paar Schatten an den Hängen.

Doch der Morgen hat eine leichte Kühle, die Luft eine Feuchtigkeit, ich bin spät dran für das, was ich vorhabe. Vor mir der Hochgall, mächtig und schroff. Die Südwand fällt 800 Meter ab, dann Bergweiden, dann Zirben. Ein Grat zeichnet eine schwarze diagonale Linie durch den Fels. Ich muss weiter nach Antholz Obertal, nach unten ins Tal, ich muss erst noch tiefer. Dort beginnt die Reise dieses Tages, aus den Schatten des Waldes hinauf zum kahlen Gipfel und den ganzen Weg wieder zurück.

Das Auto auf einem Parkplatz abgestellt, den Rucksack geschultert. Leicht ist das Gepäck, denn der Anstieg fordernd und lang. Den Einstieg zum Weg gefunden, das Wanderzeichen erspäht, schon geht es aufwärts. Steile Serpentinen, grobes Wurzelwerk, der Geruch von feuchter Erde. Die Fichten schirmen die Sonne ab, noch.

Was für ein Gefühl es ist, wieder hier zu sein, in den Bergen. Die morgendliche Kühle im Gesicht, der Schweiß im Nacken, die leichte Spannung in den Waden. Wie der Wald duftet nach Harz und Blumen! Wie mir leicht wird ums Herz!

Bergan, bergan, immerzu, ich bin so bereit. Die Augen lesen den Weg wie ein Schriftgelehrter das heilige Wort, gierig und sicher und kenntnisreich; die Füße finden Tritte und Stufen, bestimmt und rasch und sanft, sie huschen über Steine und Stöcke wie junge Gämse. Schon lichtet sich der Wald, rauscht der Bergbach in der Sonne, steigt die Hitze aus den Wiesen. So gehen die ersten Stunden dahin, ein heiteres Spiel ohne Mühen.


Antholzer Tal und Hochgall (Mitte rechts) vom Staller Sattel.

Auf dem Weg zur Antholzer Scharte, Blick zurück ins Antholzer Tal.

Unterhalb der Antholzer Scharte, Blick in Richtung Dolomiten.


II. Antholzer Scharte, 11.30 Uhr: Rast / Präsenz

Die Vegetation hat sich zurückgezogen, ist Geröll und Steinen gewichen. Immer aufwärts geht es durch das Hochtal, nun der letzte steile Aufschwung, und ganz oben – Schnee. Ein alter, gräulicher Rest ist noch nicht geschmolzen unter dieser satten Julisonne, Zeuge eines langvergangenen Winters. Ja, hier auf über 2800 Metern kann es kalt werden, doch heute nur Wärme, Milde, liebliche Luft.

Abschüssige letzte Meter bergan, dann die Scharte. Der Blick fällt ins Hochtal auf der anderen Seite des Gebirgskamms, auf Geröllfelder, Moränen und einen Gletscherbach. Darüber ein nahezu wolkenloser Himmel, blasses Mittagsblau. Zeit für Brot, einen Apfel, Trockenfrüchte und etwas Schokolade. Ein einzelner Wanderer grüßt. Man tauscht sich aus, macht Fotos, doch viel Zeit ist nicht, der Weg ist weit.

Rechts des Tals türmt er sich auf, der Hochgall, der »hohe glänzende Berg«, wie es im Althochdeutschen heißt. Höchster Gipfel der Riesenfernergruppe. In einem nahezu perfekten 45-Grad-Winkel fällt der Nordwestgrat seitlich ab, scharf gezeichnet von der Sonne. Der Gipfelaufbau thront als graue Pyramide über den umliegenden Bergen, die Perspektive macht es, ja tatsächlich: ein Mount Everest in Miniatur.

Der stürmische Rausch des morgendlichen Aufstiegs ist aus mir gewichen, Ratio eingekehrt. Ich rechne und kalkuliere, schätze und prüfe, versuche den Weg vor mir mit meinen Augen in Stundeneinheiten aufzuteilen. Habe ich mir zu viel vorgenommen? Ich muss nun zunächst wieder etwas absteigen. Wann erreiche ich die Furt, ab der es wieder bergan geht, wann das Graue Nöckl, jene Erhebung am Anfang des Gipfelgrats? Heiß brennt die Sonne aufs Gestein, der Tag wartet nicht, wohlan, die Beine sind stark.


Antholzer Scharte.

Hochgall mit Nordwestgrat von der Antholzer Scharte.


III. Hochgall, 15 Uhr: Gipfel / Euphorie

Der Weg hinauf über den Grat zieht sich, erst zum Grauen Nöckl, dann über Drahtseile hinab in eine Senke und fortan wieder nach oben. Links fällt die Wand ab, rechts der steinige Hang. Ein Schneefeld muss gequert werden, abschüssig, auf sorgsamen Sohlen also, die für eine Minute die vergangenen Stunden in Waden und Oberschenkeln vergessen. So muss es sein, sonst wird es gefährlich.

Auf dem Gipfel dann: Erleichterung, Euphorie. Die Sonne hat ihre höchsten Bahnen wieder verlassen. Wolkenflocken über Berggipfeln, das Blau des Himmels. Die Aussicht geht im Norden bis zu den Zillertaler Alpen, weiter rechts zu Venedigergruppe und Glocknergruppe. Im Süden erheben sich die Dolomiten, im Licht und im Schatten, je nach Himmel. Feine Spitzen sind es, wie sorgsam herausgearbeitet mit ruhiger Hand und spitzem Meißel.

Ein Panorama zu allen Seiten; die satten Farben eines Hochsommertages, tannengrün, wiesengrün, felsenbraun, wandgrau, schneeweiß; eine verträumte Collage. Erhebend ist das Gefühl, Grandeur der Berge, Erbauung der Seele über den winzigen Dörfern der Menschen, irgendwo dort unten, wo der Tag schon bald wieder zu schwinden beginnt.


Hochgall-Nordwestgrat vom Grauen Nöckl.

Hochgall-Vorgipfel mit Beginn des Nordwestgrats.


IV. Weggabelung Hochgallhütte, 17.15 Uhr: Abstieg / Zweifel

Der Abstieg vom Grat: mühsam. Ich muss grobe Felsblöcke umklettern, weil ich die genaue Route nicht ausmachen kann, es gibt keine Markierungen. Undurchsichtig scheint mir der Weg nun, ganz anders als zuvor.

Das Gestein ist brüchig. Ein »einziger Schutthaufen« sei der Hochgall, sagt ein Bergführer später. Es ist so. Die Griffe sind vorsichtig, die Augen können das Gelände bergab nicht so gut lesen wie bergauf. So wird die Fortbewegung unendlich langsam. Die Beine müssen die Spannung eines zaghaften Tritts aushalten, vortastend, prüfend. Immer wieder. Es kostet alles ungeheure Kraft, aber es ist der einzig sichere Weg.

Ab dem Grauen Nöckl scheint die Anordnung der Steinmänner, die auf dem Weg zum Gipfel die Route gezeigt haben, unerklärlicherweise seltsam verschoben, gar unsichtbar. Über grobes Blockwerk muss ich hinab, doch welche Richtung einschlagen? Die Tritte sind weit und tief, erschüttern die Gelenke, zermürben die Muskeln.

Nach drei elenden Stunden Abstieg kommt endlich die Furt. Beine wie Säcke voll Mehl, doch voraus bloß der Gegenanstieg zur Scharte. Die Füße lassen sich kaum noch heben, jetzt dringend Schokolade, und Wasser, Wasser, nur immer mehr Wasser, die drei Liter aus dem Rucksack sind längst leer, da ist der Bach.

Ich weiß nicht, ob ich noch weitergehen kann. Rechts führt der Weg zur Hochgallhütte, dort wartet ein Bett für die Nacht, und der Tag verabschiedet sich schon, einsamer Nachmittag im Hochgebirge. Eine Stunde wäre es vielleicht, doch der Pfad zur Hütte führt in ein anderes Tal, weg vom Auto. Keine Ersatzkleidung, keine Zahnbürste. So will ich mich nicht betten, also doch weiter, hinauf zur Scharte, ein Kraftakt.


Dolomiten von der Antholzer Scharte.


V. Antholz Obertal, 21.15 Uhr: Ankommen / Ruhe

Rast in der Antholzer Scharte, die Beine haben sich erstaunlich gut angestellt, ja angepasst, als wüssten sie nun, das ist noch nicht das Ende. Es hat sich nun jene Tür aufgetan, hinter der vieles möglich ist, noch eine Stunde, drei Stunden, fünf. Es scheint plötzlich egal. Die Mühsal wird zum steten Begleiter, das ist in Ordnung.

Die Wolken hängen am Himmel wie abstrakte Plastiken, zackige Dolomiten-Gipfel am Horizont. Wie versöhnlich es ist, dieses warme, seichte, liebevolle Abendlicht. Dort unten in Antholz hat die Nacht bereits damit begonnen, die Wiesen einzunehmen, unaufhaltsam rückt sie vor auf die andere Talseite. Die letzten zweieinhalb Stunden des Weges liegen im Schatten.

Hinab geht es nun wieder, zuerst über steinige Pfade, dann hinein in die Wiesen und schließlich in die immer noch duftenden Zirben. Es sind 1300 Höhenmeter von der Scharte zum Parkplatz, und jeder von ihnen foltert die Beine. Stumpf fühlen sie sich an, seltsam angespannt und doch labil, wie kurz vor dem Wegknicken. Verzweiflung bei jedem Schritt, Unwille, Resignation. Doch kein Obdach gibt es hier.

Als es den Muskeln schließlich widerstrebt, die Schritte des müden Wanderers abzufedern, bleibt nur noch der Trab, ja tatsächlich, ich komme ins Laufen. Es ist so viel angenehmer für die Beine als das Gehen. Die Fichten sind zurück, doch der Atem schwächelt, obschon es bergab geht. Die Anstrengung sitzt jetzt auch in den Lungen. Trockener kalter Schweiß unter der Kleidung, trotz der fünf Liter.

Fast schon finster ist der Wald kurz vor dem Parkplatz, tückisch sind nun die Wurzeln, doch die Füße fliegen, noch ein letztes Mal, in dem Wissen, dass es alsbald vorbei ist. Erschöpfung und Euphorie, die Erinnerung an einen fernen Morgen, letzte Meter. Die Bäume lichten sich, Abendstille im Tal, die nackten Füße im Gras. Ich bin wieder zurück. Tiefe Ruhe.



Hochgall (3436 m)

Anreise: vom Defereggental über den Staller Sattel bis Antholz Obertal (1550 m)
Gipfel: über Antholzer Scharte (2811 m), Weggabelung in Richtung Kasseler Hütte (ca. 2700 m), Furt (ca. 2580 m), Graues Nöckl (3084 m) und den Nordwestgrat
Schwierigkeit und Gehzeit: AD- / II, ca. 7-9 Stunden ab Antholz Obertal


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Auf einer Berghütte in den Ortler Alpen braucht man kein Internet. Doch das Smartphone ist auf Reisen zum ständigen Begleiter geworden. Das ist fatal. Wir verlernen eine Fähigkeit, die das Leben erst sinnvoll macht.

Sulden – Vor einigen Jahren, also ungefähr mit 19, hatte ich plötzlich das Verlangen, wieder in die Berge zu fahren – so wie früher als Kind. Ich fragte zwei Freunde, die noch nie 1000 Höhenmeter an einem Tag irgendwo hinaufgestiegen waren, und sie fanden die Idee sofort ziemlich stark. Seit diesem Sommer vor einigen Jahren also fuhren wir jedes Jahr in die Berge, jedes Mal in leicht wechselnder Besetzung.

Eigentlich ist ein Urlaub in den Bergen, so wie wir ihn angingen, eine ausgesprochen einfache Unternehmung: Man läuft den ganzen Tag von einer Hütte zur nächsten, rastet und trinkt zwischendurch, abends geht man um 21 Uhr schlafen, und morgens ist man um 6 Uhr wieder auf den Beinen. Auf den Pfaden und Steigen im Hochgebirge lenkt nichts den Geist ab, das Ganze hat etwas Meditatives, was meiner Ansicht nach wenig mit dem neumodischen Meditieren der Großstädter in ihren stilsicher eingerichteten Altbauwohnungen zu tun hat.

Ich habe die Abende auf den Berghütten immer als etwas unglaublich Erfüllendes erlebt. Wir sind den ganzen Tag marschiert, oft fegte uns stundenlang Regen ins Gesicht. Aber abends saßen wir in einem vom offenen Feuer gewärmten Gastraum, aßen Schnitzel, tranken Radler, und der Kopf glühte im warmen Dämmerlicht der Stube. Man fühlte sich auf eine höchst erholsame Art vollkommen erschöpft. Dann kam der Sommer in den Ortler Alpen.


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Auch in diesem Jahr in Südtirol saßen wir nach einem langen Wandertag abends auf der Hütte an einem rustikalen Holztisch in der Runde und bestellten Essen und Radler und manchmal auch einen Obstler. Doch etwas war anders. Aufgrund eines besonderen Angebots der Telekom war es möglich, in einem EU-Land seiner Wahl kostenlos im Internet zu surfen.

Wir saßen also beisammen, und der eine schrieb mit seiner Freundin bei Whatsapp, der andere verfolgte den Bundesliga-Liveticker, und der dritte überflog alle fünf Minuten die Facebook-Timeline. Die Smartphones, die meist auf dem Tisch lagen, wirkten wie Gravitationspunkte, denen sich die Hände immer wieder näherten. Sie zogen die Aufmerksamkeit der Anwesenden unterschwellig auf sich wie eine Droge, von der man nicht die Finger lassen kann.

Aus heutiger Sicht scheint es mir, als hätten wir an diesen Abenden auf den Hütten nicht wirklich miteinander gesprochen im Sinne von: etwas ausgetauscht. Man sagt etwas, der anderen nimmt es auf, denkt nach, kommt zu einem Gedanken und gibt diesen zurück – und daraus entsteht diese dichte, bedeutende Stimmung, die in dem ganz bestimmten Moment etwas zwischen Menschen verändert. Unsere Abende aber blieben statisch.

Einmal spielten wir Mensch ärgere dich nicht. In dieser Stunde, in der wir unsere volle Aufmerksamkeit dem unvorhersehbaren Reiz des Würfelspiels widmeten, verfielen wir in Begeisterung. Die Temperatur am Tisch stieg. Doch schon nach kurzer Zeit kehrten wir zurück zu unseren kurzsilbigen Gesprächen, und die Aufmerksamkeit ging weg vom Tisch in einen Raum, der woanders lag als in der heimeligen Schankstube der Hütte.


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Mit einem gewissen Bedauern blickte ich, der noch eine Woche in den Bergen blieb, auf die vergangene Woche in unserer alten Wandergruppe zurück. Irgendetwas hatte gefehlt, ich spürte eine dumpfe Ernüchterung und gleichzeitig eine anhaltende Sehnsucht nach Momenten, die nicht eingetreten waren und deren Chance auf baldige Wiederholung in unbestimmbarer Ferne lag.

Als ich mich am Ende meiner Reise von Sulden auf den Heimweg machte, die Nachmittagssonne satt ins Tal schien und ich grundlos bester Stimmung war (noch am Morgen hatte ich auf dem Gipfel des Ortler gestanden), fiel mir ein Text in die Hände, der die Gedanken ausformulierte, die ich nur vage im Kopf hatte.


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Christoph Scheuermann schrieb im SPIEGEL folgende Sätze:

»Allmählich begann sich etwas zwischen mir und meinen Freunden zu verschieben. Wir wurden ungeduldiger, unkonzentrierter miteinander, wenn wir uns sahen, vielleicht in der Befürchtung, etwas zu verpassen, was parallel im Internet passiert. Wir stellten einander weniger Fragen, denn unsere Leben synchronisierten sich ja online. Noch ein Effizienzgewinn. Ich frage mich, was wir mit der gesparten Zeit gemacht haben. Unsere Sprache wurde kurzatmiger, wir rutschten in Superlative ab – irre, krass, Wahnsinn, geil. Die Zwischentöne aber, die Selbstironie, die Zweifel, diese schöne, alberne Melancholie nach drei, vier Stunden Plaudern, all das, auf dem Vertrauen wächst und später vielleicht Freundschaft, wurde seltener.«

Ich glaube nicht, dass sich der Wert unserer Freundschaft durch die Reise negativ verändert hat. Freundschaft heißt, dass man, auch wenn man sich ein halbes Jahr nicht gesehen hat, so offen und unverstellt miteinander reden kann, als sei kein Tag vergangen. Ohne auf die eigene Rolle zu achten, auf das Bild, das man sich über die Jahre von sich selbst gemacht hat. Unsere Reise in die Berge war gemessen an diesem Ideal mit Sicherheit kein Ausfall nach unten – aber was, wenn es immer so bliebe?

Heute zweifle ich manchmal, ob die Leute meine Bedenken zu Smartphones überhaupt nachvollziehen können. Und es wurde schon so viel über die Auswirkungen des Internets gesagt, dass man es nicht mehr hören kann (und dazu wird eine ganze Menge Schwachsinn gesagt, was es nicht gerade leichter macht). Aber mittlerweile glaube ich, dass uns etwas abhanden kommt: die volle Präsenz in der physischen Gegenwart, eine urmenschliche Fähigkeit und Notwendigkeit auf dem Weg zu einer erfüllten Existenz.

Die immer nur kurzfristige, geteilte und flüchtige Aufmerksamkeit der mobilen Internetnutzung zerstört die Fähigkeit, einen Moment im Leben voll und ganz wahrzunehmen. Sie zerstört damit auch die Fähigkeit, überhaupt Erinnerungen zu produzieren und, ganz allgemein, bewusst zu leben. Die Vergangenheit wird so zu einem vagen Dunst. Man erkennt im Rückblick nicht mehr klar, was man überhaupt erlebt hat.

Erstaunlicherweise glauben die Menschen, dass sie mit ihrem Smartphone ganz viele Erinnerungen einfangen und teilen – das Gegenteil ist der Fall.

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Sulden — Als wir aufstehen, ist die Nacht noch pechschwarz. So macht man das in den Bergen, wenn man etwas erleben und am Ende sicher wieder nach Hause kommen will.

Die Gebirgslandschaft draußen vor der Tür der Julius-Payer-Hütte, die sich von Italien nach Österreich erstreckt – soweit jedenfalls reicht der Blick, wenn es hell ist – diese Landschaft ist noch nicht zu erkennen. Und doch müssen bereits jetzt die klimatischen Bedingungen für das große Schauspiel gesetzt sein, das später folgen soll. Schon in diesem Moment bewegen sich warme und kalte Luft in einem bestimmten Verhältnis, zieht Wind herauf, ändert sich die Temperatur im Tal und um die Gipfel. Die Aufführung ist arrangiert, aber dieses Arrangement der Natur bleibt vorerst unsichtbar. Die Nacht verrät nichts von dem fantasiehaften Bühnenprogramm, das der Himmel und die Wolken zwei Stunden später mit dem Einfall des ersten Tageslichts zeigen werden. Noch weiß ich nicht, dass mir einer der schönsten Gipfelaufstiege meines Lebens bevorsteht.

Dabei war es so ein toller goldener Abend gestern, darin lag schon eine Andeutung, eine Verheißung für den kommenden Tag. Warme Lichtströme touchierten die Kämme von Westen. Der aufziehende Mond stand genau über dem Gipfelkreuz des Ortlers, während die sinkende Sonne den Gletscherpanzer orange anstrahlte. Der Ortler, das ist das Ziel für heute: 3905 Meter, der höchste Berg Tirols.


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Payerhütte, im Hintergrund die Weißkugel.

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Ortler von der Payerhütte.

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Weil das Wetter an diesem Tag verspricht, so gänzlich hervorragend zu werden, herrscht vor Sonnenaufgang ein großes Gedränge auf der Hütte. Alle Gruppen wollen früh loskommen, hinein in die Nacht, hinein in den Morgen, in einen schimmernden Tag.

Wir sind zu dritt, ein Ehepaar und ich, plus Bergführer Hubert, der uns mit diesem frühmorgendlichen Optimismus begrüßt, den alle Menschen haben, die ihr Leben zu einem großen Teil in der Natur verbringen. »Auf geht’s«, sagt Hubert.

In der Stunde vor Morgengrauen klettern wir locker über einfachen Fels in der Dunkelheit nach oben. Mithilfe der Stirnlampe finden sich immer Tritte und Griffe, der Aufstieg ist nicht schwierig, aber in diesem Terrain kann man durchaus abstürzen. Ich bin konzentriert auf den Fels vor meinen Augen. Ich will mir keinen Fehler erlauben in diesem Gelände, auch wenn Hubert uns in den steilen Passagen sichert. So bemerke ich erst bei einer Rast das Schauspiel, das nun, hinter mir, endlich beginnt.

Die Berghänge lassen noch kaum Konturen erkennen. Doch ein gelbes Licht löst sie langsam aus dem schwarzblauen Nachthimmel heraus. Darunter quellen violett schimmernde Wolken aus den Tälern hervor. Die schwarzen Gipfel ragen heraus wie aus einer aufbrausenden, stürmischen See. Und doch ist es vollkommen ruhig, eine fast schon andächtige Stille liegt über dem Land. Was für ein Sonnenaufgang! Man fühlt sich klein und doch ganz groß, im selben Moment.


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Die nächtlichen Felspartien liegen jetzt hinter uns, wir steigen über den Gletscher auf. Der Tag wird immer heller, das Farbenspiel in unserem Rücken verändert sich. Die ersten Sonnenstrahlen brennen das frühmorgendliche Violett aus den Wolken. Mattes Gelb, Gold und Orange überziehen die Berge. Die Wolken bleiben. Sie sehen nicht mehr so apokalyptisch aus wie im ersten Licht des Tages.


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Die Steigeisen bohren sich in das hartgefrorene Eis. Knarz knarz. Zwei Schritte. Und wieder, und wieder, immer weiter. Anfangs geht es steiler den Hang hinauf. Wir müssen noch eine Felsstufe hinaufklettern. Danach ist der Gletscher flach und zahm. Die Morgensonne hat die Farben endgültig gesättigt. Der Himmel über uns ist tiefblau, sieht aus wie mit Farbe angestrichen. Als wir den Sattel der Flanke erreichen, zeigt sich in der Ferne die wuchtige Bernina-Gruppe, mit dem einzigen Viertausender der Ostalpen.

Auf einem ungefährlichen Weg bringen wir die letzten Höhenmeter zum Gipfel hinter uns. Von dort blicken wir hinab auf eine Schneelandschaft, die nicht vermuten lässt, dass gerade Hochsommer ist. Aus der Schwärze der Nacht hat sich ein eisblauer Tag geschält.

Wir sind auf den Ortler gestiegen, über den Wolken. Ein wahrlich erhebendes Gefühl.


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Im Hintergrund die Bernina-Gruppe.

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Königspitze und Ortler-Gruppe.

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Ortler (3905 m)

Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: von der Tabarettahütte (2556 m) in ca. 2 Stunden
Übernachtung: Payerhütte (3029 m), +39 0473 613010 (Hütte), +39 0473 666372 (Tal), Lager ab 13 Euro, Halbpension ab 41 Euro
Gipfel: Schwierigkeit PD+ / III, Klettersteig und Gletscher, ca. 4 Stunden



Weitere Informationen:
Praktische Infos zum Ortler-Normalweg
Ortler-Doku im hrfernsehen (Youtube)

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Sulden — Die Casatihütte ist nicht schön: zugige Räume, sterile Gänge wie in einem Krankenhaus. Es gibt nur eine Art Plumsklo, und die Zimmer sehen aus wie in einem Straflager. Das Bettgestell ist klapprig, die Matratze durchgelegen, die Wolldecke kratzig.

Man kann das alles ignorieren, wenn man weiß, dass man am nächsten Morgen auf den Monte Cevedale aufsteigt, den dritthöchsten Berg der Ortler Alpen, ein weitläufig vergletscherter Dreitausender. Direkt nebenan liegt die Zufallspitze, die eine vergleichbare Höhe aufweist und durch einen ausgedehnten Firngrat vom Hauptgipfel getrennt ist.

Die Besteigung beider Berge ist an einem Vormittag ohne Probleme zu machen. Der Gletscher ist zahm, der Anstieg zum Gipfegrat wenig steil und technisch unschwierig. Die Casatihütte liegt schon auf 3254 Metern, auf den Gipfel ist es also nicht weit.


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Langerferner von der Eisseespitze.

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Casatihütte vor dem Punta San Matteo.


Am Abend steigen wir auf die Suldenspitze, die gleich neben der Casatihütte liegt. Wolkenberge türmen sich über dem Gebirge auf. Dort liegen Königspitze, Zebrú und Ortler, im Süden spannt der langgezogene Ortler-Hauptkamm einen Bogen. Immer nur kurz fällt die Sonne durch die Wolken und zeichnet die Gletscher scharf.


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Wechselndes Licht am Monte Cevedale.


Um fünf Uhr morgens kann man draußen vor der Hütte keinen Steinwurf weit schauen, wir verschieben das Frühstück um eine Stunde. Über Nacht hat es viel Neuschnee gegeben. Als es eigentlich Tag werden soll, liegt draußen alles in dichtem Nebel. Doch das Schimmern im Dunst verrät, dass die Sonne dahinter schon kräftig strahlt. Keine halbe Stunde später erscheinen die ersten blauen Fetzen am Himmel. Es ist Zeit, aufzubrechen.


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Zufallspitze (links) und Monte Cevedale (rechts) von der Casatihütte.

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Casatihütte und Königspitze.

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Ortler-Hauptkamm vom Monte Cevedale.


Etwa zwei Stunden geht es aufwärts, über einzelne Gletscherspalten bis zum Aufschwung auf den Gifelgrat des Cevedale. Mittlerweile scheint die Sonne stark, wir cremen uns noch einmal ein. Auch die letzten, etwas steileren Meter sind keine Hürde.


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Monte Cevedale, Gipfelgrat.


Vom Gipfel reicht der Blick von den Ötztaler Alpen über die Ortler-Gruppe und den Bergstock der Bernina in der Ferne bis zum Punta San Matteo und den stattlichen Gipfeln südlich des Cevedale. Allerfeinste Aussicht.

Auch wenn der Schnee schon ziemlich sulzig ist, steigen wir über den Gipfelgrat ab und auf der anderen Seite der Scharte wieder hinauf in Richtung Zufallspitze. Die letzten Meter führen über etwas Blockgestein. Man hat hier nur ein kleines Holzkreuz aufgestellt.


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Zufallspitze, Gipfelgrat.


Monte Cevedale (3769 m)

Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: von der Schaubachhütte ca. 2 Stunden, Gletscher; aus dem Martelltag ca. 4 Stunden, Gletscher; von den Cedec-Seen ca. 1 Stunde
Übernachtung: Casatihütte (3269 m), +39 0342 935507, 260 Zimmerlager für 2, 4 oder 6 Personen, Halbpension 50 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, Gletscher, ca. 2 Stunden

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Ortler, Königspitze und Monte Cevedale dominieren das Panorama der Ortler Alpen. Zur Vorbereitung auf diese Gipfel dürfen es gerne kleinere Berge sein. Fünf leichte Dreitausender zum Einstieg.

Sulden — In den Ortler Alpen befinden sich mehr als 100 Dreitausender. Viele von ihnen lassen sich aufgrund der günstigen klimatischen Bedingungen auf der Alpensüdseite (niederschlagsarme, trockene Sommer) eisfrei besteigen. Seil, Steigeisen und Pickel können also zu Hause bleiben. Selbst die kleinen Dreitausender der Ortler Alpen sind oft schon höher als 3400 Meter. Von ihren Gipfeln aus lassen sich die wirklich imposanten Ziele ins Visier nehmen: Königsspitze, Cevedale, Ortler, Palon de la Mare und so weiter. Fünf Berge, die vergleichsweise leicht zu ersteigen sind und ein stolzes Panorama bieten.


HINTERE SCHÖNTAUFSPITZE (3325 m)

Hintere Schöntaufspitze

Von der Schaubachhütte aus erscheint die Hintere Schöntaufspitze wie ein lächerlich unbedeutender Geröllhaufen. Der Weg zweigt vom Madritschjoch ab auf den Grat, und dann marschiert der Wanderer noch einmal eine Viertelstunde über unschwierigen Fels auf den Gipfel. Erst ganz oben entdeckt er den nordseitigen, wirklich arg zusammengeschmolzenen Gletscher, der dem Berg immerhin ein wenig hochalpines Flair verleiht. Von der anderen Talseite aus – etwa von der Hintergrathütte oder von der Tabarettahütte – wirkt die Hintere Schöntaufspitze etwas mehr wie eine eigenständige Erhebung. Die Aussicht vom Gipfel fällt auf alle hochkarätigen Berge der Ortler Alpen.


Zufallspitze, Cevedale
Zufallspitze (links) und Monte Cevedale (rechts).

Königspitze
Königspitze.

Zufallspitze, Cevedale, Plaon de la Mare
Zufallspitze, Monte Cevedale, Palon de la Mare, Punta San Matteo (von links nach rechts).


Hintere Schöntaufspitze (3325 m)
Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: ca. 1-2 Stunden oder Seilbahn
Übernachtung: Schaubachhütte (2581 m), +39 0473 613 24, Zimmer für 4 oder 6 Personen, 25 Lager, ab 12 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, Wanderweg, ca. 2 Stunden


SCHILDSPITZE (3461 m)


Schildspitze


Die Schildspitze ist trotz ihrer stattlichen Höhe von der Südseite her ohne Gletscherberührung zu machen. Aber der Zustieg ist lang. Ein markierter Steig führt aus dem Martelltal erst durch das einsame Pedertal (keine bewirtschafteten Hütten) und schließlich über scheinbar nicht enden wollende Platten auf den Gipfel. Bei Regen oder gar Schnee kann die leichte Blockkletterei ungemütlich werden. Dafür fällt der Blick von der Spitze hinab auf den weitläufigen Laaser Ferner. Vertainspitze und Großer Angelus stehen direkt auf der anderen Talseite. Ein einsamer Gipfel, der nur selten bestiegen wird.


Vertainspitze, Großer Angelus
Vertainspitze (links) und Großer Angelus (rechts).

Laaser Ferner
Laaser Ferner.

Veneziaspitze, Cevedale
Veneziaspitzen (links) und Cevedale (rechts).


Schildspitze (3461 m)
Anreise: bis Parkplatz Gasthaus Schönblick (2051 m)
Hüttenzustieg: ca. 30 min
Übernachtung: Zufallhütte (2256 m), +39 0473 744785, Zimmer für 2 oder 3 Personen, ca. 80 Lager, ab 12 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F / I, markierter Steig, ca. 4-5 Stunden


TSCHENGSLER HOCHWAND (3375 m)

Tschenglser Hochwand


Die Tschenglser Hochwand liegt oberhalb der Düsseldorfer Hütte in der Laaser Gruppe der Ortler Alpen. Der Normalweg führt unschwierig, aber über elendes Geröll auf die Spitze. Reizvoller ist der Klettersteig durch die Südwand, der immerhin 400 Höhenmeter überwindet und auf über 3300 Meter führt. Der Steig ist mittelschwer, die Schlüsselstelle wird mit C bewertet. Bei klarem Wetter reihen sich die höchsten Gipfel der Ötztaler Alpen im Norden nebeneinander. Das Dreigestirn aus Ortler, Zebrú und Königspitze ist auch zu sehen.


Ortler-Gruppe
Ortler-Gruppe.

Tschengsler Hochwand
Tschengsler Hochwand Südwand.

Großer Angelus, Vertainspitze
Großer Angelus (links) und Vertainspitze (rechts).


Tschengsler Hochwand (3375 m)
Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: ca. 2-3 Stunden
Übernachtung: Düsseldorfer Hütte (2721 m), +39 0473 613115, info@duesseldorferhuette.com, Zimmer bis 6 Personen, 8-Bett-Lager, ab 12 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, markierter Steig, ca. 2 Stunden; über Südwand-Klettersteig: Schwierigkeit II, Klettersteig C


EISSEESPITZE (3240 m)

Eisseespitze


Mir ist nicht bekannt, woher die Eisseespitze ihren Namen hat. Weder ist sie eine Spitze, eher eine unauffällige Graterhebung, noch gibt es Eis auf dem Gipfel. Der Weg zum höchsten Punkt führt von der Schaubachhütte über den Steckner Steig. Die Route ist ein alternativer Übergang zur Casatihütte, wenn man das im fortgeschrittenen Sommer steinschlaggefährdete Eisjoch umgehen will. In direkter Nachbarschaft erhebt sich die Königspitze.


Zufallspitze
Zufallspitze (links).

Königspitze, Ortler
Königspitze, Monte Zebrú und Ortler (von links nach rechts).


Eisseespitze (3240 m)
Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: ca. 1-2 Stunden oder Seilbahn
Übernachtung: Schaubachhütte (2581 m), +39 0473 613 24, Zimmer für 4 oder 6 Personen, 25 Lager, ab 12 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, markierter Steig, ca. 2 Stunden


SULDENSPITZE (3376 m)

Suldenspitze


Obwohl die Suldenspitze von Sulden aus wie ein stattlicher Gletscherberg erscheint, lässt sie sich von der Casatihütte aus in einer halben Stunde ohne Gletscherberührung besteigen. Wer ganz ohne Eisausrüstung anrücken möchte, muss die Casatihütte aber von der Südseite her besteigen. Über diesen Weg ist die Suldenspitze ein wirklich denkbar leicht zu erreichender Dreitausender. Spaltenreich ist dagegen der Suldenferner auf der Nordseite. Weil die Suldenspitze direkt zwischen der Cevedale- und der Ortler-Gruppe liegt, bietet sich ein großartiger Rundumblick auf die höchsten Gipfel der Region.


Cevedale, Palon de la Mare
Monte Cevedale (links) und Palon de la Mare (rechts).

Königspitze
Königspitze (rechts).

Punta San Matteo
Punta San Matteo.


Suldenspitze (3376 m)
Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: von der Schaubachhütte ca. 2 Stunden, Gletscher; aus dem Martelltag ca. 4 Stunden, Gletscher; von den Cedec-Seen ca. 1 Stunde
Übernachtung: Casatihütte (3269 m), +39 0342 935507, 260 Zimmerlager für 2, 4 oder 6 Personen, Halbpension 50 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, Steig, ca. 30 Minuten

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Billigflieger und Internet haben Interrail zu einer überholten Reiseform gemacht, das Europaticket ist ein Anachronismus. Wer will heute noch stundenlang mit der Regionalbahn durch Frankreich fahren? Die mühsame Eroberung des Raums ist dem unmittelbaren Zugriff auf das Ziel gewichen. Ein Rückblick auf eine Reise, der heute keinen Sinn mehr hätte.


Paris / Rom — Interrail, was war das noch gleich?

Ach ja: Man kaufte ein Ticket, setzte sich in einen Zug und fuhr dann einfach los, quer durch Europa. Man verbrachte einen nicht geringfügigen Teil seiner Reisezeit in schlecht ausgestatteten Regionalzügen, man machte Nudeln auf Campingkochern warm, und am Ende jedes Tages lautete die bedeutendste Frage: Wo finden wir heute Abend einen Platz zum Übernachten?

Es galt in erster Linie, eine Distanz zu überwinden – was am Ziel wartete, war eigentlich zweitrangig.

Heute fliegen die Anfang-Zwanzigjährigen mit einem Billigflieger in zwei Stunden nach Rom, nach Barcelona, nach Prag, und sie wissen dort schon ganz genau, in welche Galerie sie unbedingt müssen, in welches Café und in welchen Club. Irgendwer ist immer schon da, hat das alles schon gesehen, kennt sich besser aus, ist morgen schon wieder weg. Weil das nächste Abenteuer nur zwei Flugstunden entfernt liegt. Dazwischen ist alles Niemandsland, Felder in Endlosschleife, Zeitverschwendung.

Interrail ist im Prinzip eine vollkommen antiquierte Form des Reisens, eine grand tour, nur ohne Geld und Glorie: Entschleunigung statt Hypermobilität, Beschwerlichkeit statt Hedonismus, das mühsam Zugängliche anstelle des immer gleich Präsenten.

»Auf Interrail« zu sein bedeutet, überall da draußen, an jeder Destination, das verbindende, ortsunabhängige Element zu finden: den Schlafplatz, den Supermarkt, die große Sehenswürdigkeit.

Heute führt die Suche zum Exklusiven, zum Vergänglichen: der Club, in dem man genau diesen Sommer oder Winter gewesen sein muss, die eine Party in dieser einen Nacht mit diesem einen DJ. Heute will niemand mehr wirklich vor dem Eiffelturm stehen, es gibt ihn schon tausendfach online. Die immer gleichen Bilder, die gleichen Kameraperspektiven, austauschbare Gesichter.

Wer vor sechs Jahren Interrail gemacht hat, stand unmittelbar vor der Schwelle zum sozialen Internet für die breite Masse, zur totalen Vernetzung, zum Reisen in der Digitalität.

Heute sind alle Perspektiven und Einstellungen, alles Wissen über einen Ort, schon universell verfügbar. Deshalb rückt das Beständige aus dem Fokus, und das Vorübergehende wird interessant. Vielleicht fällt es dadurch noch schwerer, auf Reisen nichts verpassen zu wollen. Vielleicht hätten die Nerven damals, im Sommer 2006, schon auf der ersten langen Zugfahrt durch Belgien blank gelegen.

Es ist ein Rückblick auf eine Reise, die heute so nicht mehr möglich wäre, die heute so keinen Sinn mehr ergeben würde.


PARIS

Was weiß man mit 19 Jahren von Paris?

Stadt der Kultur, Stadt der Kunst, Stadt der Liebe. Tausend Dinge, von denen man nichts versteht.

Eine Stadt, die sich vor dem jungen Reisenden aufspaltet wie Licht in einem Kaleidoskop, tausend Orte und Begebenheiten in jeder Sekunde: die totale Überforderung.

Natürlich ist die Zeit viel zu knapp, und wir können auch nicht draußen schlafen, also suchen wir ein Hostel und hetzen dann zu den großen Sehenswürdigkeiten der Stadt: Notre-Dame, Louvre, Eiffelturm. Wir schießen Fotos in Schwarz-Weiß am Place de la Concorde, die wir später vergrößert an die Wand unseres Kinderzimmers hängen, das kein Kinderzimmer mehr ist. Wir schauen betont gedankenverloren auf diesen Bildern, in den Posen suchen wir die Zeitlosigkeit gestandener Männer.

In Paris geht es darum, einfach dazusitzen, im Jardin des Tuileries oder am Ufer der Seine, und Erwachsen-Sein zu zelebrieren, Lebemomente zu simulieren.

Aber wie sehen die eigentlich aus?

Es sind Momente des Verliebens, des kreativen Schaffens, des Tanzes und des Rauschs.

Wir kennen die guten Orte dafür nicht in Paris. Wir bewegen uns wie durch eine Kulisse, wir sind nicht Teil dieser Stadt. Wir sind zu jung, zu klein, zu unerfahren für Paris. Wir ahnen nur, was irgendwann im Leben noch einmal auf uns warten könnte.


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NIZZA

Das Südländische, Mediterrane springt einem gleich entgegen, wenn man den Bahnhof von Nizza verlässt. In der Architektur, in der Vegetation, durch die Wärme der Sonne auf der Haut.

Nizza ist ein guter Ort, er ist unbeschwert, leicht.

Die Uferpromenade, das Meer, die Wellen: Endlich sind wir an der Cote d’Azur.

Wir lassen unsere Sachen in einer Herberge und schlendern los ohne den Druck, hier etwas sehen zu müssen, vielleicht auch, weil Nizza angenehmerweise keine großen Sehenswürdigkeiten bereithält, weil es eher als Ganzes wird. Wer nach Nizza kommt, will einfach in Nizza sein und nicht Dieses oder Jenes tun. Dieser Anspruch macht es für den Reisenden leicht.

Wir sehen das volle Leben Südfrankreichs: Es ist WM, die Équipe Tricolore gewinnt das Halbfinale, am Abend fahren Autocorsos durch die Stadt, die Menschen feiern auf den Straßen. Wenn ein Ort an den Rand des Ausnahmezustands gerät, ist das immer spannend. Wir machen da jetzt mal mit, laufen rum, quatschen mit Leuten. Wir wollen ein bisschen männlich sein und trinken Four Roses aus der Flasche. Nizza – hier könnte man eine gute Weile bleiben.

Aber es gibt noch so viel zu sehen.


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MONACO

Monaco kennt man aus den Hochglanzmagazinen und Celebrity-Sendungen im Fernsehen. Die Steuern sind niedrig, die Autos sind teuer, hier ist der Reichtum zu Hause, zumindest solange es Vorteile gegenüber dem heimischen Fiskus mit sich bringt.

Wir zählen Ferraris und Lamborghinis.

Natürlich sind wir nicht so dumm, in Monaco nach einer Unterkunft zu suchen, wir wollen am Abend noch weiter. Ein Tag Monaco, ein Tag Luxusgucken. Welche Namen haben die Yachten? Was für Autos parken vor dem Casino? Eine Cola am Hafen kostet 8 Euro: Man, ist das irre!

Der Himmel ist wolkig und verhangen an diesem Tag, Monaco liegt unter einem grauen Schleier. Die an der Küste angelegten Wohnblocks sind hässlich. Vielleicht ist es gar nicht so toll, hier die Hälfte des Jahres seine Zeit zu verbringen. Aber vermutlich ist das so wie mit Los Angeles, über das ja immer alle Prominenten schimpfen, obwohl sie alle Häuser im Norden der Stadt haben, einfach weil sie dort unter ihresgleichen sind, weil sie sich ständig über den Weg laufen.

Monaco liegt am Mittelmeer, reich und klobig, aber das war es auch schon. Marseille ist halt cooler.


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MENTON

Eine Nacht an der Cote d’Azur hatten wir am Strand geschlafen, morgens waren wir im Meer schwimmen, im Sonnenschein. Jetzt regnet es, unsere Sachen sind ein bisschen klamm.

Südfrankreich ist plötzlich gar nicht mehr so verheißungsvoll.

Die Reisegruppe stockt an der Grenze zu Italien in Menton. Wo soll es jetzt hingehen? Wie fahren wir weiter? Es ist schwül, die Stimmung ist geladen, alles stockt. Es gibt einen handfesten Streit.

Das Verfahrene der Situation wird aufgebrochen durch die spontane Entscheidung, einfach einen Nachtzug nach Italien zu nehmen.


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ROM

Rom ist für den jungen, bisher weitgehend unbereisten Interrailer ähnlich wie Paris: eine Stadt als einzige Überforderung. 2500 Jahre Geschichte: die Kaiserzeit, die Katholische Kirche, das Heilige Römische Reich. Eine Stadt wie ein Museum. Wir bringen kaum Fachwissen mit über die Bauwerke, die Kulturschätze, die Kunstwerke der Stadt. Wir laufen durch die Straßen und unsere Augen sehen nur Oberfläche. Überall sind Zeichen, die wir nicht lesen können.

So kommen wir hier nicht weiter. Aber für uns geht es in Rom auch um etwas Anderes.

Am Abend lernen wir an der Spanischen Treppe eine Gruppe junger, amerikanischer Juden kennen, mit denen wir uns ganz ordentlich betrinken. Die Mädchen sehen verdammt gut aus. Man gibt sich Biere aus, redet erst Smalltalk und später alkoholgeschwängert über den Sinn des Lebens, man tauscht Emailadressen.

Auf dem Rückweg jugendlicher Übermut: Wir rennen durch die Gassen zum Hostel, wir reißen Pflanzen aus Blumenkübeln, wir stacheln uns gegenseitig an, wir benehmen uns, ehrlich gesagt, ganz schön asozial. Das liegt daran, dass wir das Gefühl haben, die Stadt erobert zu haben, hier genau richtig zu sein, weil wir diese schönen, freundlichen Amerikaner getroffen haben, mit denen der Abend so lustig und ausgelassen war.

The world can be your friend in one night.


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VENEDIG

Italien, die andere Seite des Stiefels.

In Venedig ist das Museumhafte des Stadtbilds so überdeutlich wie kaum in einer anderen europäischen Metropole. Wir können Venedig unmöglich auslassen. Das ist schon wieder lustig: Wir wissen ja erneut rein gar nichts über die Stadt, außer dass sie berühmt ist. Niemand von uns hat während der langen Zugfahrten überhaupt einen Reiseführer gelesen, um zu wissen, vor welcher Sehenswürdigkeit man sich jetzt genau fotografieren lassen muss. Es läuft also wieder auf das Flanieren hinaus: einfach mal Venedig auf sich wirken lassen.

Wir gehen zum Markusplatz, wir suchen ein halbwegs preiswertes Restaurant, wir versuchen uns in den engen Straßen nicht zu verlieren. Venedig ist anstrengend. Aber es ist natürlich auch ziemlich schön. Man hat das ja alles schon im Kopf und prüft das bloß noch einmal: die Brücken, die Gondeln, die Wasserwege. Das Wetter ist leider blendend, und deshalb ist es in den Gassen brechend voll. Manchmal hat man das Gefühl, in einem Freizeitpark unterwegs zu sein. Abends wird es ruhiger, die Touristen sind müde.

Man müsste vielleicht noch einmal wiederkommen, wenn es neblig und nass ist, und dann müsste man fünf Tage gedankenversunken durch die Gassen laufen, ohne von dem unerträglichen Kommerz der Marke Venedig behelligt zu werden.


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TOSKANA

Toskana. Das ist schon wieder ein Wort, bei dem ganz viel mitschwingt. Italienischer Lebensstil, gelbe Felder, alte Burgen, guter Wein.

Wir legen uns unweit einer Stadt, deren Namen wir allesamt bis heute nicht erinnern, auf ein Feld und schlafen unter dem Sternenhimmel, nicht mal die Zelte bauen wir auf. Wir sind auf Durchreise, langsam geht es Richtung Heimat, also müssen wir in dieser Nacht und am nächsten Morgen einmal konzentriert den Toskana-Moment aufschnappen. Wir schlafen also unter freiem Himmel und am nächsten Tag wandern wir zu einer kleinen Festung auf einem Hügel.

Blick über die Hänge und dörren Felder: Das ist die Toskana. Na gut. Im Rückblick, muss man sagen, wäre es vielleicht schön gewesen, in Florenz gehalten zu haben.


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GAP

Gap ist eine ungeplante Station unserer Reise. Wir erreichen die Stadt in den französischen Alpen am späten Abend, es regnet, es ist frisch, und weil am kommenden Tag die Tour de France in der Stadt gastiert, gibt es beim besten Willen kein freies Zimmer mehr für uns. Es gibt außerdem nirgendwo einen guten Park zum Übernachten.

Wir marschieren ohne Plan durch leere Straßen: Wohnhäuser, eine Tankstelle, irgendwann Gewerbegebiet. Wir legen uns nieder zum Schlafen auf der steinernen Laderampe eines Anbieters von Gaskatuschen, die jedenfalls stehen vor der Halle in den Regalen.

Es wird eine Nacht auf kaltem Beton.

Am nächsten Tag finden wir für den Abend einen Campingplatz, die Sonne scheint. Wir haben den ganzen Tag Zeit, wir steigen von Gap auf einen mittelhohen, aber doch schon alpin-kargen Berg. Weite Aussicht über das Land.

Zum ersten Mal sind wir richtig in der Natur, das ist schön, davon verstehen wir etwas, vom In-der-Natur-Sein.

In drei Tagen werden wir wieder in Deutschland sein.


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Was bleibt von einer Interrail-Tour?

Die Kulturhauptstädte Europas können wir nur als überbordende Abstraktion der Wirklichkeit wahrnehmen. Kleine Jungs in großen Städten, Dynamik und Charakter der Metropolen bleiben uns verschlossen. Wir sehen immer nur Ahnungen und Andeutungen von Lebenswegen, die wir noch nicht kennen. Eine schöne Frau auf der Straße, zwei Männer mit Schals und Halbschuhen im Café, Balkonfrühstücke, Zigaretten und Wein, Kunst, Bohème, Lebensart.

Andersherum ist es wichtig, sich diese Oberfläche mal anzuschauen, um sie dann später einmal, wer weiß, selbst zu erleben und zu entzaubern.

Man lernt auf Interrail natürlich auch, sich ein bisschen zu organisieren, in der Gruppe Probleme zu lösen, solche Geschichten. Aber das ist nur das Beiwerk.

Es ist für viele der erste Schritt in die große Welt, die heute viel kleiner erscheint, nicht nur, weil man älter geworden ist. Heute ist alles gleich ultrapräsent, wenn man 40 Euro für einen Flug bezahlt. Die Umwege verschwinden. Niemand braucht mehr ein Interrail-Ticket, aber das Reisen ist genauso wichtig wie früher. Es geht dabei nur am Rande um Sehenswürdigkeiten – sondern um ein Gefühl für die Welt und das Leben.

www.interrail.eu



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