Österreich

Nach Harz und Blumen duften die Berghänge, der Tag ist jung, es geht auf den Hochgall, den höchsten Gipfel der Riesenfernergruppe in Osttirol. Wie viel Zuversicht und Zweifel passen in einen Tag?

I. Staller Sattel, 8 Uhr: AUFBRUCH / ZUVERSICHT

Die Sonne ist bereits die Felswände heruntergeklettert, durch Fichtenwälder hinabgestiegen, am Talgrund angekommen. Der Tag hat sich breitgemacht im Gebirge, strahlend, satt. Nur westseitig kleben noch ein paar Schatten an den Hängen.

Doch der Morgen hat eine leichte Kühle, die Luft eine Feuchtigkeit, ich bin spät dran für das, was ich vorhabe. Vor mir der Hochgall, mächtig und schroff. Die Südwand fällt 800 Meter ab, dann Bergweiden, dann Zirben. Ein Grat zeichnet eine schwarze diagonale Linie durch den Fels. Ich muss weiter nach Antholz Obertal, nach unten ins Tal, ich muss erst noch tiefer. Dort beginnt die Reise dieses Tages, aus den Schatten des Waldes hinauf zum kahlen Gipfel und den ganzen Weg wieder zurück.

Das Auto auf einem Parkplatz abgestellt, den Rucksack geschultert. Leicht ist das Gepäck, denn der Anstieg fordernd und lang. Den Einstieg zum Weg gefunden, das Wanderzeichen erspäht, schon geht es aufwärts. Steile Serpentinen, grobes Wurzelwerk, der Geruch von feuchter Erde. Die Fichten schirmen die Sonne ab, noch.

Was für ein Gefühl es ist, wieder hier zu sein, in den Bergen. Die morgendliche Kühle im Gesicht, der Schweiß im Nacken, die leichte Spannung in den Waden. Wie der Wald duftet nach Harz und Blumen! Wie mir leicht wird ums Herz!

Bergan, bergan, immerzu, ich bin so bereit. Die Augen lesen den Weg wie ein Schriftgelehrter das heilige Wort, gierig und sicher und kenntnisreich; die Füße finden Tritte und Stufen, bestimmt und rasch und sanft, sie huschen über Steine und Stöcke wie junge Gämse. Schon lichtet sich der Wald, rauscht der Bergbach in der Sonne, steigt die Hitze aus den Wiesen. So gehen die ersten Stunden dahin, ein heiteres Spiel ohne Mühen.


Antholzer Tal und Hochgall (Mitte rechts) vom Staller Sattel.

Auf dem Weg zur Antholzer Scharte, Blick zurück ins Antholzer Tal.

Unterhalb der Antholzer Scharte, Blick in Richtung Dolomiten.


II. Antholzer Scharte, 11.30 Uhr: RAST / PRÄSENZ

Die Vegetation hat sich zurückgezogen, ist Geröll und Steinen gewichen. Immer aufwärts geht es durch das Hochtal, nun der letzte steile Aufschwung, und ganz oben – Schnee. Ein alter, gräulicher Rest ist noch nicht geschmolzen unter dieser satten Julisonne, Zeuge eines langvergangenen Winters. Ja, hier auf über 2800 Metern kann es kalt werden, doch heute nur Wärme, Milde, liebliche Luft.

Abschüssige letzte Meter bergan, dann die Scharte. Der Blick fällt ins Hochtal auf der anderen Seite des Gebirgskamms, auf Geröllfelder, Moränen und einen Gletscherbach. Darüber ein nahezu wolkenloser Himmel, blasses Mittagsblau. Zeit für Brot, einen Apfel, Trockenfrüchte und etwas Schokolade. Ein einzelner Wanderer grüßt. Man tauscht sich aus, macht Fotos, doch viel Zeit ist nicht, der Weg ist weit.

Rechts des Tals türmt er sich auf, der Hochgall, der »hohe glänzende Berg«, wie es im Althochdeutschen heißt. Höchster Gipfel der Riesenfernergruppe. In einem nahezu perfekten 45-Grad-Winkel fällt der Nordwestgrat seitlich ab, scharf gezeichnet von der Sonne. Der Gipfelaufbau thront als graue Pyramide über den umliegenden Bergen, die Perspektive macht es, ja tatsächlich: ein Mount Everest in Miniatur.

Der stürmische Rausch des morgendlichen Aufstiegs ist aus mir gewichen, Ratio eingekehrt. Ich rechne und kalkuliere, schätze und prüfe, versuche den Weg vor mir mit meinen Augen in Stundeneinheiten aufzuteilen. Habe ich mir zu viel vorgenommen? Ich muss nun zunächst wieder etwas absteigen. Wann erreiche ich die Furt, ab der es wieder bergan geht, wann das Graue Nöckl, jene Erhebung am Anfang des Gipfelgrats? Heiß brennt die Sonne aufs Gestein, der Tag wartet nicht, wohlan, die Beine sind stark.


Antholzer Scharte.

Hochgall mit Nordwestgrat von der Antholzer Scharte.


III. Hochgall, 15 Uhr: GIPFEL / EUPHORIE

Der Weg hinauf über den Grat zieht sich, erst zum Grauen Nöckl, dann über Drahtseile hinab in eine Senke und fortan wieder nach oben. Links fällt die Wand ab, rechts der steinige Hang. Ein Schneefeld muss gequert werden, abschüssig, auf sorgsamen Sohlen also, die für eine Minute die vergangenen Stunden in Waden und Oberschenkeln vergessen. So muss es sein, sonst wird es gefährlich.

Auf dem Gipfel dann: Erleichterung, Euphorie. Die Sonne hat ihre höchsten Bahnen wieder verlassen. Wolkenflocken über Berggipfeln, das Blau des Himmels. Die Aussicht geht im Norden bis zu den Zillertaler Alpen, weiter rechts zu Venedigergruppe und Glocknergruppe. Im Süden erheben sich die Dolomiten, im Licht und im Schatten, je nach Himmel. Feine Spitzen sind es, wie sorgsam herausgearbeitet mit ruhiger Hand und spitzem Meißel.

Ein Panorama zu allen Seiten; die satten Farben eines Hochsommertages, tannengrün, wiesengrün, felsenbraun, wandgrau, schneeweiß; eine verträumte Collage. Erhebend ist das Gefühl, Grandeur der Berge, Erbauung der Seele über den winzigen Dörfern der Menschen, irgendwo dort unten, wo der Tag schon bald wieder zu schwinden beginnt.


Hochgall-Nordwestgrat vom Grauen Nöckl.

Hochgall-Vorgipfel mit Beginn des Nordwestgrats.


IV. Weggabelung Hochgallhütte, 17.15 Uhr: ABSTIEG/ ZWEIFEL

Der Abstieg vom Grat: mühsam. Ich muss grobe Felsblöcke umklettern, weil ich die genaue Route nicht ausmachen kann, es gibt keine Markierungen. Undurchsichtig scheint mir der Weg nun, ganz anders als zuvor.

Das Gestein ist brüchig. Ein »einziger Schutthaufen« sei der Hochgall, sagt ein Bergführer später. Es ist so. Die Griffe sind vorsichtig, die Augen können das Gelände bergab nicht so gut lesen wie bergauf. So wird die Fortbewegung unendlich langsam. Die Beine müssen die Spannung eines zaghaften Tritts aushalten, vortastend, prüfend. Immer wieder. Es kostet alles ungeheure Kraft, aber es ist der einzig sichere Weg.

Ab dem Grauen Nöckl scheint die Anordnung der Steinmänner, die auf dem Weg zum Gipfel die Route gezeigt haben, unerklärlicherweise seltsam verschoben, gar unsichtbar. Über grobes Blockwerk muss ich hinab, doch welche Richtung einschlagen? Die Tritte sind weit und tief, erschüttern die Gelenke, zermürben die Muskeln.

Nach drei elenden Stunden Abstieg kommt endlich die Furt. Beine wie Säcke voll Mehl, doch voraus bloß der Gegenanstieg zur Scharte. Die Füße lassen sich kaum noch heben, jetzt dringend Schokolade, und Wasser, Wasser, nur immer mehr Wasser, die drei Liter aus dem Rucksack sind längst leer, da ist der Bach.

Ich weiß nicht, ob ich noch weitergehen kann. Rechts führt der Weg zur Hochgallhütte, dort wartet ein Bett für die Nacht, und der Tag verabschiedet sich schon, einsamer Nachmittag im Hochgebirge. Eine Stunde wäre es vielleicht, doch der Pfad zur Hütte führt in ein anderes Tal, weg vom Auto. Keine Ersatzkleidung, keine Zahnbürste. So will ich mich nicht betten, also doch weiter, hinauf zur Scharte, ein Kraftakt.


Dolomiten von der Antholzer Scharte.


V. Antholz Obertal, 21.15 Uhr: ANKOMMEN / RUHE

Rast in der Antholzer Scharte, die Beine haben sich erstaunlich gut angestellt, ja angepasst, als wüssten sie nun, das ist noch nicht das Ende. Es hat sich nun jene Tür aufgetan, hinter der vieles möglich ist, noch eine Stunde, drei Stunden, fünf. Es scheint plötzlich egal. Die Mühsal wird zum steten Begleiter, das ist in Ordnung.

Die Wolken hängen am Himmel wie abstrakte Plastiken, zackige Dolomiten-Gipfel am Horizont. Wie versöhnlich es ist, dieses warme, seichte, liebevolle Abendlicht. Dort unten in Antholz hat die Nacht bereits damit begonnen, die Wiesen einzunehmen, unaufhaltsam rückt sie vor auf die andere Talseite. Die letzten zweieinhalb Stunden des Weges liegen im Schatten.

Hinab geht es nun wieder, zuerst über steinige Pfade, dann hinein in die Wiesen und schließlich in die immer noch duftenden Zirben. Es sind 1300 Höhenmeter von der Scharte zum Parkplatz, und jeder von ihnen foltert die Beine. Stumpf fühlen sie sich an, seltsam angespannt und doch labil, wie kurz vor dem Wegknicken. Verzweiflung bei jedem Schritt, Unwille, Resignation. Doch kein Obdach gibt es hier.

Als es den Muskeln schließlich widerstrebt, die Schritte des müden Wanderers abzufedern, bleibt nur noch der Trab, ja tatsächlich, ich komme ins Laufen. Es ist so viel angenehmer für die Beine als das Gehen. Die Fichten sind zurück, doch der Atem schwächelt, obschon es bergab geht. Die Anstrengung sitzt jetzt auch in den Lungen. Trockener kalter Schweiß unter der Kleidung, trotz der fünf Liter.

Fast schon finster ist der Wald kurz vor dem Parkplatz, tückisch sind nun die Wurzeln, doch die Füße fliegen, noch ein letztes Mal, in dem Wissen, dass es alsbald vorbei ist. Erschöpfung und Euphorie, die Erinnerung an einen fernen Morgen, letzte Meter. Die Bäume lichten sich, Abendstille im Tal, die nackten Füße im Gras. Ich bin wieder zurück. Tiefe Ruhe.



Hochgall (3436 m)

Anreise: vom Defereggental über den Staller Sattel bis Antholz Obertal (1550 m)
Gipfel: über Antholzer Scharte (2811 m), Weggabelung in Richtung Kasseler Hütte (ca. 2700 m), Furt (ca. 2580 m), Graues Nöckl (3084 m) und den Nordwestgrat
Schwierigkeit und Gehzeit: AD- / II, ca. 7-9 Stunden ab Antholz Obertal


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Neustift im Stubaital — Das Auge sucht das Blickfeld mechanisch nach dem einzigen Farbtupfer ab, den es in dieser Höhe gibt. Wo ist der nächste rote Punkt, die nächste Wegmarkierung? Grobes Blockgestein verliert sich im Nebel, die Sicht beträgt vielleicht zehn Meter, der Grat steigt weiter an. Manchmal greifen die Hände nach dem Fels, um das Gleichgewicht des Körpers halten zu können. Sehr viel höher kann es nicht mehr gehen, aber es taucht immer nur ein neuer Felsbrocken auf. Und noch einer. Karge Monotonie. Dann endlich setzt sich das hölzerne Gipfelkreuz gegen das undurchdringliche Grau der Umgebung ab.

Es ist eigentlich keine gute Idee, noch am späten Nachmittag, gegen 17 Uhr, vollkommen allein auf einem mehr als 3400 Metern hohen Alpengipfel zu stehen, im Nebel über den Gletschern.


Wilder Freiger, Gipfelgrat

Drei Stunden zuvor hat noch die Sonne geschienen, 1200 Meter weiter unten im Tal. Auf der Terrasse der Sulzenauhütte greifen Wanderer in der Mittagshitze zum ersten Radler des Tages, sie essen Kaiserschmarrn, trinken Kaffee, manche sind aus dem Tal aufgestiegen, manche machen hier halt auf dem Stubaier Höhenweg, die Hütte ist voll.

Wir sind am Vormittag von der Nürnberger Hütte über die Mairspitze gekommen, es ist jetzt an der Zeit, die Bergstiefel auszuziehen, die Füße ins Gras zu halten und einen Apfelstrudel zu bestellen – oder noch auf den Wilden Freiger zu steigen, auf einen der großen, vergletscherten Dreitausender in den Stubaier Alpen.

Es ist mittlerweile kurz nach Mittag, etwa 14 Uhr, bis zum Sonnenuntergang bleiben also noch ungefähr fünf Stunden für Auf- und Abstieg. Die Karte zeigt die Aufstiegsroute: ein Wanderweg, dann Gletscher, am Ende ein Felsgrat. Wie sind die Schneeverhältnisse? Optimal, auf den Höhen ist in den vergangenen Tagen kein neuer Schnee gefallen.

Es gibt eine goldene Regel im Gebirge: Gehe niemals allein und unangeseilt auf einen Gletscher. Wenn du in eine Spalte stürzt, brichst du dir womöglich alle Knochen und falls nicht, wird eventuell niemand dein verzweifeltes Rufen aus den Tiefen der kalten Eishöhle hören. Etwas anders stellt sich die Situation dar, wenn der Gletscher aper ist und die Spalten nicht von Schnee überdeckt sind, sondern offenliegen. Dann ist einem rational handelnden Menschen durchaus zuzutrauen, dass er die Risse im Eis wahlweise umgeht oder überspringt. Einen Versuch ist es wert.

Der Weg verläuft zuerst vorbei an der Blauen Lacke, einem kleinen Gebirgssee, an dessen Ufer Wanderer bestimmt drei Dutzend Steinmandl aufgestellt haben. Die Sonne ist hier noch kräftig an diesem Sommertag. Nach einer ausscherenden Linkskurve steigt der Pfad etwas steiler an bis zur Fernerstube, das ist der Gletscher, der westlich des Wilden Freigers vom Berg herabfließt. Auf der Karte führt der Weg ab hier blau gepunktet über das Eis, aber natürlich gibt es hier gar keinen richtigen Weg mehr, man muss jetzt selbstständig eine Route finden. Der Gletscher ist tatsächlich aper, die Spalten liegen frei.

Bald macht die Eiszunge einen Schwenk nach Osten, durch die Richtungsänderung ist das Eis an dieser Stelle besonders aufgerissen. Es ist ein Zick-Zack-Kurs über den Gletscher. Im oberen Bereich der Fernerstube liegt noch etwas Schnee, aber nur ganz wenig, und das Gelände ist flach. Irgendwann ist der Felsgrat erreicht, der Himmel hat sich zugezogen.


Wilder Freiger
Wilder Freiger, Gletscher
Wilder Freiger

Noch eine gute halbe Stunde leichte Blockkletterei trennt den Bergsteiger an dieser Stelle vom Gipfel. Der Grat ist in Nebel gehüllt, niemand ist hier oben unterwegs um diese Tageszeit. Es ist nicht ganz leicht, immer sofort den nächsten roten Punkt im Gelände auszumachen, aber es gibt im Prinzip nur einen Weg: weiter nach oben, bis das Kreuz auftaucht.

Drei Stunden hat der Aufstieg am Ende gedauert. Es ist schon spät am Nachmittag, aber die Dunkelheit wird noch wenigstens zwei Stunden auf sich warten lassen. Das Zeitfenster reicht aus.

Auf dem Weg bergab gabelt sich der Grat in zwei Richtungen auf, man verliert im Nebel leicht die Orientierung, steigt womöglich auf der falschen Seite des Bergs ab und landet dann irgendwann irrtümlich auf der Müllerhütte. Vor dem falschen Abbiegen bewahrt ein Kompass.

Plötzlich trägt der Wind ferne Ruflaute vom Gletscherbecken an das Ohr, die gar nicht da sind, es wird langsam etwas befremdlich hier oben: schnell hinunter zur Fernerstube.

Auf dem Gletschereis ist es möglich, mit den Steigeisen ein bisschen zu traben, das Eis ist hart, die Zacken finden sofort Halt, deshalb sind die Schritte präzise. Keine halbe Stunde dauert die Passage über den Gletscher. Nach knapp fünf Stunden ist der Alleingang auf den Wilden Freiger vorbei, auf der Sulzenauhütte warten Radler und Strudel, dieses Mal wirklich. Heute geht es nirgendwo mehr hin.

Wilder Freiger (3418 m)
Anreise: bis Grawaalm (1530 m)
Hüttenzustieg: über Sulzenaualm (1847 m), ca. 2 Stunden
Übernachtung: Sulzenauhütte (2191 m), +43 676 3877073, 40 Zimmerlager, 100 Lager, ab 8 Euro
Gipfel: Schwierigkeit PD, Gletscherspalten, ca. 3-4 Stunden


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Ehrwald — Es ist tatsächlich das Gefühl, in den schöneren, weil ursprünglichen, unverdorbenen, idyllischen Teil Deutschlands zu fahren, wenn man mit dem ICE von Norden nach München unterwegs ist. Vielleicht hat das schon mit dem Klima zu tun oder mit der urtümlichen Münchner Art, aber da gehen die Meinungen ja weit auseinander.

München jedenfalls, so viel steht fest, funktioniert immer wieder gut als Fluchtpunkt, wenn der alle zwei Monate einsetzende Berlin-Koller allzu arg auf das Gemüt schlägt. Die Stadt ist für den Reisenden natürlich auch einfach das Nadelöhr zu den Ostalpen. Deshalb nur umsteigen in München und weiter in den Süden.

Das Wetter ist direkt gut: Schäfchenwolken über Pasing, das Gebirge liegt nicht mehr fern.

Wenn man dann aus dem Zugfenster nach links auf den Starnberger See schaut, auf die Badegäste, die Boote, die Villen, dann hat man das Gefühl, dass es mit der Wohlstandsinsel Deutschland ewig so weitergehen könnte wie bisher, dass die Welt eben doch noch in Ordnung ist.


Zugspitzlauf

Von Garmisch-Partenkirchen aus fährt der Zug nach Ehrwald, in das 2500-Seelen-Dorf in Tirol direkt unterhalb der Zugspitze. In dem Ort ist alles auf den Tourismus ausgerichtet.

Laute Motorengeräusche auf der Hauptstraße: Es ist das lustige Phänomen, dass der minderwertig getunte Kleinwagen gerade in den brutalen Kaffs ein derart wichtiges Statussymbol für die heranwachsende Jugend darstellt, aber wo einmal am Tag der Bus fährt, da geht es ohne Auto eben nicht. So wird aus der Not eine Tugend: Wo du nichts hast, da hast du immer noch deine Karre zum Rumprollen. In den Großstädten käme ja kaum ein junger Mensch auf die Idee, sich ein Auto anzuschaffen.

Ingeborg, die Besitzerin des Haus Ingeborg, steht an ihrem Gartenzaun. Sie hat das mit der Zimmerreservierung leider nicht hinbekommen, aber Gott hab’ die alte Frau selig, ein Ersatz ist schnell gefunden, obwohl so viele Läufer in der Stadt sind.

Die Abendsonne fällt schräg durch die Wolken in das weit ausgeschnittene Tal, es ist jetzt Zeit für ein Wiener Schnitzel und einen Apfelstrudel am Marktplatz.

Am nächsten Morgen wird vorerst Schluss sein mit dem leichten Leben, mit dem verträumten Dahinreisen durch die Republik und dem Schlemmen in heimeligen Gasthöfen. Was dann gefordert ist, steht im genauen Gegensatz zum Sich-Gehen-Lassen – es ist bedingungsloser Wille.

Das Vorhaben: der Zugspitz-Extremberglauf, knapp 18 Kilometer weit, 2235 Höhenmeter auf den höchsten Berg Deutschlands.


Zugspitzlauf

Am Sonntag um 8 Uhr stehen sie überall herum oder laufen sich warm, die Berglauf-Champions in ihren Funktionsshirts, mit ihren Trinkrucksäcken und aerodynamischen Sonnenbrillen. Dazwischen immer wieder diese Tiroler Urgesteine: Männer, die nicht mehr jung sind, aber deren blendender Gesundheitszustand sich gut an der faserigen Beinmuskulatur ablesen lässt.

Jeder versucht jetzt, irgendwie das tolle Gefühl vor dem Start einzusaugen. Es ist ja schwer geworden, sich diesem Diktat der Erlebniseffizienz zu entziehen, das heute überall verkündet wird: Genieß jeden Moment! Mach das Beste aus allem! Nutze deine Zeit optimal! Die Suche auf dem Mp3-Player nach einem Lied, das eventuell genau zu der Stimmung hier passen könnte, gelingt nicht.

Die Sonne ist schon sehr warm an diesem Morgen, dann wird der Countdown heruntergezählt, es geht los.

Es sind eher primitiv-affektive Fragen, die man angesichts der brutalen Steigung auf den ersten Kilometern des Zugspitzlaufs gleichsam der Strecke, dem Berg als Ganzen und sich selbst stellt: Sag mal, hackt’s? Geht’s doch? Willst du mich verarschen?

Als Läufer ohne Jahrzehnte der Erfahrung erscheinen plötzlich nur noch zwei Optionen realistisch: ersticken oder übergeben. Der angsteinflößende Gedanke: Dieses Tempo bei dieser Steigung lässt sich unmöglich noch sehr viel länger durchhalten. Worauf habe ich mich hier eingelassen?

Zum Glück folgt die Route am Anfang einer asphaltierten Straße, die Füße können sich in unterbewusster Monotonie vorwärts schieben, bis der Körper realisiert hat, dass er in den kommenden drei Stunden gefälligst bis an den Grenzen seiner Belastbarkeit zu arbeiten hat. Die Halsschlagader fühlt sich an, als explodierte sie gleich.

Ein Vorteil hat die noch vergleichsweise üppige Vegetation: Die Nadelbäume schirmen den Läufer gegen die Sonne ab. Als der erste Verpflegungsstand kommt, reißt der Wald auf. Almwiesen wohin das Auge blickt, die Steigung flacht sich ab, es geht manchmal sogar nahezu eben über natürlichen Boden geradeaus. Der Kreislauf kommt ein bisschen runter. Dann geht es links den Hang hinauf, in weit ausscherenden Serpentinen, über Wege, auf denen auch noch ein Geländewagen fahren könnte. Schließlich folgt die Route einem steinigen Pfad hinauf zum Joch, das die Läufer vom Reintal trennt.

Es ist das erste Mal, dass alle aufhören zu laufen und zügig marschieren, weil der Weg einfach zu steil ist.

Zugspitzlauf

Adrenalinschub auf der nächsten Etappe, messerscharfe Konzentration: Die Füße scheinen über die Steine zu fliegen, sie nur für Millisekunden zu berühren. Es geht jetzt eine Weile bergab in den Talkessel, der Pfad ist schmal, ein echter hochalpiner Wanderweg, von Steinen durchsetzt, von losem Geröll bedeckt.

Das extrem schnelle Laufen in diesem Gelände macht großen Spaß, es ist ein leichtes Vergnügen.

Gleichzeitig täuscht der Energieschub über die nicht zu vernachlässigende Erschöpfung hinweg, die bereits in den Beinmuskeln steckt und die spätestens ab der Knorrhütte äußerst unangenehm in Erscheinung tritt. Auf den letzten Kilometern nämlich geht es nur noch bergauf.

Zugspitzlauf

Wenn man seinen ersten Marathon gelaufen ist, dann glaubt man ja immer, ein solcher Lauf sei in erster Linie ein ernster, finsterer Kampf gegen sich selbst, aber das ist eine verengte Sichtweise.

Es braucht immer beides im Leben, das konzentrierte und ernsthafte Streben, das Überwindung kostet, und die vergnügliche und humorvolle Leichtigkeit, die sich selbst nicht zu ernst nimmt. Wenn man sich gleichmäßig zwischen beiden Polen bewegt, kann man als Mensch wachsen, ohne zu verkrampfen, und das Leben genießen, ohne hinter seinen Möglichkeiten zurückzubleiben.

Das hat auf den elenden Schuttwegen hinauf zur letzten Versorgungsstation, der Sonnalpin-Alm, einen seltsamen Effekt: Man quält sich wirklich wie ein Hund, die Atmung geht schnell, das Herz hämmert gegen die Brust, die Beinmuskeln übersäuern. Aber es ist trotzdem ein purer Genuss, etwas absolut Schönes und Erbauendes, das im Übrigen noch lange nachwirkt: Mit der Zeit werden die Beine kräftiger und die Füße geschickter, der Puls verlangsamt sich.

Zugspitzlauf

Es wird aber, so gesehen, natürlich trotzdem eine Art Kampfmarsch auf den Gipfel der Zugspitze. Die Steigung ist so groß, dass Laufen kaum noch möglich ist. Der Weg gleicht einer Geröllhalde: Je energischer man die Füße nach oben drückt, umso mehr Steine tritt man los, auf denen man gleich wieder zurückrutscht. Nur wenn der Pfad auf einem kurzen Stück wieder ebener wird, ist es möglich, noch einmal zu laufen, um etwas Zeit zu gewinnen.

Auf den Schneefeldern bieten auch die Trail-Schuhe nur noch wenig Halt, die Hände greifen ins Weiß, das Eis reflektiert die Sonne, die durch die Wolken blendet. Es wird wohl noch gewittern an diesem Tag.

Die letzten Höhenmeter auf den Gipfel der Zugspitze sind mit Drahtseilen versehen. Kurz vor dem Zieleinlauf geht es noch einmal wenige Schritte bergab. Der Versuch, diese letzten Meter laufend zu überwinden, scheitert erbärmlich: Sofort krampft die Wadenmuskulatur, also kurz auf einem Bein hüpfen.

Im Ziel dann der einfache Gedanke: Yes, geschafft!

Das Zugspitzplateau ist voll mit Touristen. Man hält es am ehesten in einem dicken Pulli und mit Weißbier in der Hand an der Brüstung der Aussichtsplattform aus. Von dort fällt der Blick auf die wolkenverhangenen Gebirgsketten der Ostalpen.


Zugspitzlauf

Was noch einmal deutlich wird dort oben auf dem höchsten Berg Deutschlands: Die ultimative Anstrengung, das An-die-Grenze-Gehen ist nicht mehr dieser hochstilisierte Ausnahmezustand, sondern wirkt auf angenehme Art und Weise zusammen mit dem Seichten, dem Leichten; beides geht Hand in Hand, die Zustände bedingen sich gegenseitig und heben sich dann auf.

Wer will sich jeden Tag drillen? Wer will jeden Tag faulenzen? Es geht darum, beides im Wechselspiel ausschöpfen zu können.

Denn was gibt es Schöneres, als aus purer Lust an der Herausforderung einen solchen Berglauf zu machen? Andersherum gefragt: Was gibt es Schöneres, als in der Nachmittagssonne von Ehrwald einen Apfelstrudel zu essen, wenn man zwei Stunden zuvor zwei Kilometer einen Berg hinauf gerannt ist? Das eine gibt dem anderen einen umso größeren Wert.

Bei einem Spaziergang durch die goldenen, vom Wind zerzausten Felder rund um Ehrwald, in dem weiten Talkessel zwischen Wetterstein-Massiv, Grubigstein und Sonnenspitze, spult das Gehirn noch einmal alle Eindrücke des Laufs ab. Die Äste biegen sich im Wind, in einem kleinen Wald, der da mitten auf weiter Fläche steht, und der Bach fließt zwischen den Sträuchern am Wegrand entlang.

Abends dann gibt es gutes Essen in einem Gasthaus: Hirtenpizza, Käse, Wein, eine Karamellcreme.

Als es schon dunkel ist, kommt das Gewitter. Blitze zucken, und für einen Sekundenbruchteil zeichnet sich das abschreckende, nächtliche Bergmassiv der Zugspitze gestochen scharf gegen den Nachthimmel ab. Ein schwarzes, menschenfeindliches Ungetüm.

Der Regen prasselt auf das Geländer des Balkons in der kleinen Pension, sonst hört man nichts, nur den wiederkehrenden Donner im Tal.

Zugspitzlauf

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Mayrhofen — Der Schwarzenstein ist in den Zillertaler Alpen derjenige Berg, an dem für vergleichsweise geringe Schwierigkeiten ein maximal hochalpines Ambiente zu bekommen ist. Die Besteigung ist also ein lohnende Angelegenheit, wenn man sich ohnehin gerade auf dem Berliner Höhenweg befindet und einen Tag für eine Gipfeltour einräumen möchte.

Eher gemächlich zieht sich der Pfad von der Berliner Hütte hinauf zur Mörchnerscharte und biegt irgendwann ab in Richtung Gletscher. Der wenig steile Aufstieg auf den Gratrücken ist angeseilt und bei gutem Wetter auch für einen Zehnjährigen möglich. Dafür reicht die Aussicht vom Gipfel vom markanten Tuxer Hauptkamm (Schrammacher, Olperer, Gefrorene-Wand-Spitzen) im Nordwesten bis zum dominanten Firngipfel des Großvenedigers in den Hohen Tauern im Osten.

Der Abstieg erfolgt am besten noch am Vormittag, bevor die Schneebrücken über den zahmen Gletscherspalten matschig werden.


Olperer, Gefrorene-Wand-Spitze, Hoher RifflerOlperer, Gefrorene-Wand-Spitzen und Hoher Riffler (von links nach rechts).

GroßvenedigerGroßvenediger.

Schrammacher, OlpererSchrammacher (links) und Olperer (rechts).


Schwarzenstein auf einer größeren Karte anzeigen

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Vent — Frühstück auf der Terrasse der Breslauer Hütte, es ist komplett finster. Etwa 200 Menschen schlafen noch oder stehen gerade auf oder packen jetzt ihren Rucksack. Sie wollen heute alle auf die Wildspitze. Es ist Wochenende, es ist gutes Wetter.

Wir sind die ersten, die aufbrechen. Um uns herum ist es immer noch so dunkel, dass die Steine auf dem Weg kaum zu erkennen sind. Langsam zieht die Dämmerung herauf.

Wir steigen durch das Tal bis zum steinernen Aufschwung des Mitterkarjochs, folgen roten Punkten durch felsiges Gelände. Steigeisen anziehen, das Schneefeld unterhalb der Felswand ist hartgefroren und steil. Steigeisen ausziehen, der Klettersteig erfordert guten Tritt. Etwa 50 Meter kraxeln wir an Drahtseilen nach oben, die frühe Morgensonne in unserem Rücken überzieht die Berge mit einem blassen Schleier.


Ramolkamm von der WildspitzeRamolkamm vom Mitterkarjoch (Großansicht).

Wir erreichen das Joch, die Sonne bricht hervor. Vor uns eine große, weite Eislandschaft, um uns herum klare Morgenluft. Das gute Gefühl, die Ersten am Berg zu sein. Der Weg über den Gletscher zum Gipfel ist nicht steil.

Um auf den Nordgrat zu kommen, müssen wir aber einen stark geneigten Aufschwung überwinden. Die Frontzacken der Steigeisen schlagen ins Eis. Dann geht es, wechselnd über Firn und Fels, weiter bis zum Kreuz, das nun, um 8 Uhr morgens, weithin sichtbar in der Sonne glänzt. Die Berge in der Ferne schimmern weiß-golden.


Ramolkamm von der WildspitzeRamolkamm von der Wildspitze (Großansicht).

Wildspitze GipfelgratWildspitze, Gipfelgrat.

Hintere Schwärze und SimilaunHintere Schwärze (links) und Similaun (rechts) von der Wildspitze.

Weißkugel von der WildspitzeWeißkugel von der Wildspitze.

Ramolkamm und SchnalskammRamolkamm und Schnalskamm von der Wildspitze (Großansicht).

Frühstück auf dem Gipfel: weiße Schokolade und hochprozentiger Rum. Bevor es voll wird auf dem höchsten Fleck Tirols, brechen wir auf.

Ein Abstieg zurück über das Mitterkarjoch, Nadelöhr auf der Hauptroute, scheint schwierig. Staugefahr droht, immer noch steigen größere Gruppen auf. Wir verlassen den Gipfelgrat in Richtung Osten.

Spuren im Schnee führen über den nordseitigen Gletscher bis zu einem Durchstich im Westgrat, an dem das Eis steil über einen Bruch zum oberen Rofenkarferner abfällt. Wir steigen vorsichtig hinab. Weiter unten ziehen sich Spalten durch das Eis, aber sie liegen frei und offen in der Sonne. Der Gletscher macht hier keine großen Mühen mehr, irgendwann kommt er in einem letzten Zerwürfnis zum Stehen. Wir sind unten.

Ötztaler Alpen : Schneeriesen am Horizont (Spiegel Online)

Rofenkarferner und WildspitzeÖtztaler Urkund (links) und Wildspitze (Mitte) vom Rofenkarferner.

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Wir wollen von der Vernagthütte zur Breslauer Hütte, aber vorher steigen wir auf den Fluchtkogel. Der Tag hat bereits Farbe, als wir losgehen, über den Kamm einer gewaltigen Schuttmoräne, die schon lange von keinem Gletscher mehr gesäumt wird. Der Pfad zieht sich um eine felsige Verwerfung, die das Massiv vom Hauptkamm herabschickt. Hinter der Bergkette, auf deren Rücken wir aufsteigen, hängen graue Wolken. Vielleicht gibt es noch ein Gewitter. Das Gletschereis ist überschaubar, aber spaltenreich. Wir müssen mehrere Bogen schlagen. Manchmal verdeckt Altschnee die Risse, aber er ist hart und lässt sich kaum mit dem Eispickel aufschlagen. Die Spuren führen zum Oberen Guslarjoch, dort fällt das Eis über die Scharte. Als wir den Pass erreichen, blicken wir auf den Kesselwandferner. Der Weg biegt nach rechts und führt über wenig steilen Schnee zum Gipfelplateau hinauf. Von hier oben schaut man auf die größte zusammenhängende Gletscherfläche Österreichs, und in der Ferne ragt die Weißkugel in den Himmel. Wolken ziehen über die Berge, das Wetter lässt sich nicht voraussagen. Es ist Zeit, abzusteigen.

Ötztaler Alpen : Schneeriesen am Horizont (Spiegel Online)

ötztaler alpen ötztal bergsteigen hochtour wandern gletscher panorama gipfel berge gebirge weißkugel weißseespitze fluchtkogel
Weißkugel (links) und Weißseespitze (rechts) vom Fluchtkogel.
brandenburger haus weißkugel fluchtkogel ötztaler alpen ötztal bergsteigen hochtour wandern gletscher panorama gipfel berge gebirge
Brandenburger Haus (vorne) und Weißkugel (hinten) vom Fluchtkogel.
ötztaler alpen ötztal bergsteigen hochtour wandern gletscher panorama gipfel berge gebirge guslarferner gletscherspalten
Guslarferner, Gletscherspalten.
wildspitze fluchtkogel ötztaler alpen ötztal bergsteigen hochtour wandern gletscher panorama gipfel berge gebirge
Wildspitze vom Fluchtkogel.
weißseespitze fluchtkogel ötztaler alpen ötztal bergsteigen hochtour wandern gletscher panorama gipfel berge gebirge
Weißseespitze vom Fluchtkogel.

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Es ist noch finster draußen, die Luft mild. Wir stehen auf der Terrasse des Hochjoch-Hospizes, bald wird der Tag heraufziehen. Talabwärts legen sich Lichtstreifen über den schwarzblauen Himmel hinter den Bergketten. Mit dem ersten Dämmerlicht nehmen wir den steinigen Pfad herunter zum Hintereisbach. Auf der anderen Seite erste schweißtreibende Serpentinen hinauf, um das Hochjochfernertal zu erreichen. Dort begleitet der Weg den Fluss, immer am Hang entlang, und dann fällt die Sonne über den Kamm. Auf der Schöne-Aussicht-Hütte, am hinteren Ende des Hochtals, ist es jetzt 8 Uhr. Wir bestellen Espresso und eine heiße Zitrone, wir rasten nur kurz. Der Weg auf die Weißkugel folgt ab hier erst dem Pfad hinab nach Kurzras in Italien, er biegt aber bald nach rechts ab und windet sich den Bergkamm hinauf. Man verliert nur wenig Höhenmeter. Der Boden ist trocken und staubig. Bald lassen wir den letzten Skilift hinter uns, der hier oben im Sommer deplatziert aussieht, fast fremdartig, wie die Gerätschaft einer untergegangenen Zivilisation. Dann endlich das Teufelsjoch, der Blickt fällt auf das Ziel des heutigen Tages.

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Weißkugel vom Teufelsjoch.
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Hintereisferner vom Teufelsjoch.

Wir marschieren und klettern den Gratrücken entlang, manchmal weicht der unmarkierte Steig von der Schneide ab und umrundet ein Steilstück. Rechts fällt der Kamm zum Hintereisferner ab, der sich vom Gipfel der Weißkugel über sieben Kilometer das Tal herunterzieht. Das Blockwerk ist an diesem Augusttag völlig schneefrei, ansonsten dürfte sich die Wegfindung schwierig gestalten. Irgendwann hat das Auf und Ab ein Ende, der Weg erreicht den Gletscher. Fußspuren ziehen hinauf zum Hintereisjoch, einer Einschartung des Südgrats, von dort geht es auf den Gipfel. Der Schnee ist schon etwas sulzig, kurz vor dem Joch sinken die Stiefel tief ein.

Wir erreichen die Scharte und stehen vor einer zehn Meter hohen Firnwand. Sie sieht so aus wie eine Welle, die kurz vor dem Brechen zu Eis erstarrt ist. Der Weg führt schräg links den Aufschwung hinauf, so umgeht er das Steilstück. Unter dem Eis fließt Wasser. Man hofft, dass die nicht allzu dicke Schneeplatte nicht doch irgendwann einmal einbricht. Der Weg zum Gipfel geht über einen breiten Firngrat. Die letzten Meter zum Kreuz erfordern konzentrierte Kletterei über ausgesetztes Blockwerk, das ein Abrutschen angesichts der etwa zweihundert Meter steil abfallenden Westflanke nur sehr bedingt verzeiht. Wir stehen auf dem Gipfel, es ist mittlerweile kurz vor Mittag.

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Weißkugel, Gipfelgrat.
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Hintereisferner (vorne) und Schnalskamm (hinten) von der Weißkugel.
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Wildspitze von der Weißkugel.

Über den Bergen formen sich immer mehr Quellwolken. Wir sind nicht sicher, ob noch ein Gewitter heraufzieht. In jedem Fall schnell absteigen, denken wir uns, denn wir wollen nicht den Normalweg nehmen, sondern den über den Hintereisferner. Die Schneebrücken dürften trotz voran geschrittener Tageszeit noch fest sein, außerdem ersparen wir uns zwei Stunden Wegzeit, die gewaltige Eiszunge wälzt sich durch das Tal direkt zum Hochjoch-Hospiz hinab. Der obere Teil des Gletschers ist zugeschneit, wir folgen älteren Spuren. Eine der Schneebrücken ist einen halben Meter breit offen, beim Überschreiten lassen sich die Ausmaße der tiefen, schwarzen Spalte erahnen. Der Großteil des Ferners ist allerdings aper und erzeugt keine Nervosität.

Wir laufen beinahe drei Stunden über die wuchtige Eisplatte, die überall von kleinen Bächen durchsetzt ist. Finden sie keinen Weg mehr talabwärts, bohren sie sich in den Gletscher hinein. Wir blicken in teichgroße Löcher mit glatten blauschimmernden Wänden, in die das Wasser viele Meter hinabstürzt. Den Grund kann man meist nicht sehen. Wir gehen nicht mehr angeseilt, über die meisten offenen Spalten können wir springen. Der Gletscher neigt sich seinem Ende zu. Unten angekommen kämpfen wir uns mit müden Beinen einen Schutthang hinauf, um den Weg zu finden, der zurück zur Hütte führt. Wir erreichen sie nach etwa elf Stunden, lange Pausen haben wir auf unserer Tour auf die Weißkugel nicht gemacht.

Ötztaler Alpen : Schneeriesen am Horizont (Spiegel Online)

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Weißkugel vom Hintereisferner.

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Über den Wolken, die kurz nach der Dämmerung in den schwarzen Alpentälern hängen, werden die schneebedeckten Gipfel der Ortlergruppe von den ersten Sonnenstrahlen in oranges Licht getaucht. Weit darüber wacht noch der Mond, an tiefes Dunkelblau geheftet. Im Nordosten glüht der Himmel hinter den Silhouetten der Bergkämme hervor, als schmelze dort jemand Erz. Kein allzu trübsinniger Anblick für einen Morgen, an dem man noch vor dem Frühstück rasch auf den Similaun steigen möchte. Wir brechen um kurz vor 6 Uhr am Niederjoch auf, schon nach einigen Minuten erreicht man den Gletscher.

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Königspitze (links), Monte Zebrù (Mitte) und Ortler (rechts) von der Similaunhütte.
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Fineilspitze vom Niederjochferner.

Über eine einzige Gletscherrampe geht es nach oben zum Gipfel, das Eis zieht sich hinauf bis zur Spitze des Berges. Im unteren Teil des Ferners folgt der Weg erst dem Felshang, bis der Gletscher über einen leichten Bruch abfällt und die Spuren nach rechts oben kreuzen, damit man nicht allzu steil aufsteigen muss. Die Spalten liegen noch frei, der Schnee ist am frühen Morgen aber ohnehin hartgefroren. Wir steigen über die Westflanke auf, irgendwann fällt die Sonne über das funkelnde Eis und bestätigt die Hoffnung auf einen vorzüglichen Tag. Bis zum Gipfelaufbau verlaufen die Spuren ziemlich eben, sie sind nicht tief, die bezackten Stiefel finden einen guten Halt. Die Sonne versucht den Dunst aus den Tälern zu verdrängen, aber es will ihr nicht recht gelingen. Der Similaun hüllt seinen Gipfel immer noch in Wolken.

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Similaun vom Niederjochferner.

Das Eis wird steiler, als wir uns dem Gipfel nähern, keine zwei Stunden liegen hinter uns. Zickzack-Spuren ziehen sich den Hang hinauf, über uns treiben Wolkenfetzen vorbei. Noch ein Vorstoß nach rechts, und wir blicken über die Bruchkante nach Italien. Die Sicht auf die Berge ist verschleiert durch den Nebel. Zurück nach links auf den windigen Firngrat, der zum Gipfelkreuz führt. Die Wolken reißen auf, man schaut auf den 200 Meter tiefer fließenden Gletscher herunter, der wie das Wasser eines Ozeans auf dem Berg liegt, nur um den Blick wieder über die weißen Wolkenkissen hinweg in Richtung Horizont zu richten, der irgendwo mit dem Himmel verschwimmt, während zähes Nebelgrau noch höherer Wolken die gesamte Szenerie einrahmt. Der moderate Aufstieg raubt nicht allzu sehr den Atem, der Blick vom Similaun-Gipfelgrat – man möge mir diese kitschige Analogie verzeihen – um einiges mehr. Zeit für eine Rast, auch wenn sie kurz vor dem Gipfel kommt. Oben angekommen müssen wir uns etwas gedulden, bis der Dunst endgültig aufreißt und der einzige Viertausender der Ostalpen in den Himmel ragt.

Ötztaler Alpen : Schneeriesen am Horizont (Spiegel Online)

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Grafferner vom Gipfelgrat des Similauns.
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Hintere Schwärze vom Similaun.
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Marzellspitzen (vorne) und Hintere Schwärze (hinten) vom Similaun.
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Piz Palü (links) und Piz Bernina (rechts) vom Similaun.
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Monte Vioz und Pàlon de la Mare (links) mit Monte Cevedale (Mitte) vom Similaun.

Similaun (3599 m)
Anreise: bis Vent (1895 m)
Hüttenzustieg: über Martin-Busch-Hütte (2501 m), ca. 4 Stunden
Übernachtung: Similaunhütte (3019 m), +39 473 669711, 40 Zimmerlager, 30 Lager, ab 10 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, Gletscherspalten, ca. 2 Stunden

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Dass sich das Wetter im Gebirge rasch ändert, beweist der Morgen. Gestern noch hing Nebel im Tal und auf den Gipfeln, heute wirft die Sonne ihre Strahlen über die Hänge und sättigt das Grün der Almwiesen und das Rotbraun der Felsen. Der Weg zur Similaunhütte ist eine schonende Angelegenheit, entspannt folgt der Pfad dem Fluss das hinterste Niedertal hinauf. Das Gras zieht sich hier zurück, Schutt und Geröll dominieren die Landschaft. Vom Kamm fließen kleine Bäche hinab. Rechts ragt harmlos die Kreuzspitze in den Himmel, die heute schon wieder vollkommen schneefrei ist. Links schiebt sich langsam der Similaun ins Blickfeld, der ausgeprägte Eiszungen seine Hänge herunter schickt. Dort, wo das Gelände besonders steil ist, reißt der Gletscher auf und gibt das harte Gneisgestein frei. Der Weg zieht den Kamm entlang, es folgen einige Senken, und irgendwann sieht man die Similaunhütte in der Einschartung des Alpenhauptkamms, der Österreich von Italien trennt. Es geht noch einmal steil nach oben, wir kommen ins Schwitzen.

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Similaun vom Weg zur Similaunhütte.
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Ortlergruppe von der Similaunhütte.
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Kreuzspitze von der Similaunhütte.

Auf der Hütte erleichtern wir unsere Rucksäcke um Kleidung, Waschbeutel, Essensvorräte und Steiggerätschaften. Die Fineilspitze kann man trotz ihrer vergleichsweise vorzeigbaren Höhe von über 3500 Metern von der Ostseite her eisfrei besteigen. Der Himmel lässt weithin keine Gewitterwolken oder Anzeichen eines Wetterwechsels erkennen, wir gehen mit leichtem Gepäck weiter. Anfangs verläuft der Weg steil über markiertes Blockgestein, dann flacht das Gelände wieder ab. Bevor der Pfad einen Schlenker zum Denkmal des «Ötzis» macht, der Gletschermumie, die sie hier vor zwanzig Jahren im Eis gefunden haben, sind einige Schneefelder zu queren. Sie sind von der heißen Mittagssonne unangenehm aufgeweicht. Dann folgt das Hauslabjoch, von hier blickt man auf die ansehnlichen Gletscher auf der Westseite der Fineilspitze. Sie rufen den hochalpinen Charakter des Berges in Erinnerung. Ein Stück weit müssen wir nun wieder über Schnee laufen, aber das bereitet auch ohne Steigeisen keine Probleme.

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Fineilspitze vom Hauslabjoch.

Der letzte Anstieg führt über Blockgestein. Man muss die Hände benutzen, rechts fällt der Grat fast senkrecht ab zum Gletscher. Die Kletterpassagen sind wenig schwierig. Die Steine sind warm von der Sonne, wenn man mit den Fingern nach ihnen greift. Bisher wirkte der Berg wie ein einziger zerklüfteter Aufschwung auf einen unspektakulären Kamm, erst vom Gipfel wird seine Prominenz deutlich. Am Fuß der Westflanke unter uns ergießt sich der Hochjochferner über die Ebene, auf der gegenüberliegenden Talseite funkeln die Firnspitzen des Weißkamms im Sonnenlicht. An einem wolkenlosen Tag ist es hier sehr luftig, hoch über den Eisströmen, auf Augenhöhe mit den vergletscherten Massiven rundherum.

Ötztaler Alpen : Schneeriesen am Horizont (Spiegel Online)

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Weißkugel und Langtauferer Spitze (Mitte) mit Weißseespitze (rechts) von der Fineilspitze.
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Hinterer Brochkogel (links) und Wildspitze (Mitte) von der Fineilspitze.
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Hintere Schwärze (links) und Similaun (rechts) von der Fineilspitze.
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Weißseespitze von der Fineilspitze.

Fineilspitze (3514 m)
Anreise: bis Vent (1895 m)
Hüttenzustieg: über Martin-Busch-Hütte (2501 m), ca. 4 Stunden
Übernachtung: Similaunhütte (3019 m), +39 473 669711, 40 Zimmerlager, 30 Lager, ab 10 Euro
Gipfel: Schwierigkeit PD- / II, ca. 2 Stunden

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Martin-Busch-Hütte, 8 Uhr morgens. Das ganze Tal liegt im Nebel, es regnet in Strömen. Der Blick aus dem Fenster fällt auf undurchdringliches, nuancenloses Grau. Wenn man draußen auf dem Kiesweg steht, hört man nur das Prasseln der Tropfen auf den Steinen, es ist das einzige Geräusch an diesem Morgen. Wir tragen Kleidung, die keinen Regen durchlässt, nur die Hände kommen mit dem Wasser in Berührung. Der Pfad zieht sich in engen Serpentinen über schlüpfrige Steine und braunen Schlamm hinauf zur Kreuzspitze, die irgendwo oben in den Wolken steckt. Feuchtigkeit und Stille. Die Bergweiden verschwinden nach einigen Metern im Dunst.

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Marzellferner.

Immer höher wendet sich der Weg, langsam wird die Luft frischer, das Geröll wilder, die Matten ziehen sich zurück. Irgendwo auf 2900 Metern sollen kleine Bergseen liegen, wir sehen sie nicht. Unter die Tropfen, die aus dem Grau herausfallen, mischen sich mehr und mehr Schneeflocken, die auf den Steinen zu verschwinden scheinen. Dann, nachdem es durch immer raueres Gelände noch einmal höher gegangen ist, bleiben sie irgendwann liegen. Wir erreichen nach einem steilen Anstieg den Gipfelgrat. Alles ist weiß, hellgrau und dunkelgrau; Schnee, Nebel und Fels. Wir können nicht weit sehen. Der Grat ist rutschig, aber nicht allzu ausgesetzt. Keine halbe Stunde vergeht mehr, und wir erreichen den Gipfel, den Endpunkt im grauen, verlassenen Einerlei, das uns umgibt.

Ötztaler Alpen : Schneeriesen am Horizont (Spiegel Online)

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Kreuzspitze, Gipfelgrat.

Kreuzspitze (3457 m)
Anreise: bis Vent (1895 m)
Hüttenzustieg: ca. 2 Stunden
Übernachtung: Martin-Busch-Hütte (2501 m), +43 5254 813050, 40 Zimmerlager, 72 Lager, ab 6 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, ca. 2-3 Stunden

[googlemaps https://maps.google.com/maps/ms?msa=0&msid=217857841857011717699.0004c7630f76d7d8e428c&ie=UTF8&t=h&ll=46.828489,10.887794&spn=0.064596,0.123425&z=13&output=embed&w=720&h=550]

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