Russland

Der Elbrus im Kaukasus ist der höchste Berg Russlands und zählt zu den berühmten Seven Summits. Eine kuriose Reise auf das Dach Europas, zwischen brennender Gipfeleuphorie und brennendem Plastikmüll.

I — SIEBEN GIPFEL

Die Seven Summits sind ein Mythos. Zumindest für mich, der nicht in den Bergen aufwuchs. Wir machten zwar jeden Sommer Wanderurlaub in Mayrhofen, doch der Hausberg hieß Ahornspitze, keine dreitausend Meter, und wenn der Gipfel im Juli mal eingeschneit war, sah das schon verdammt gefährlich aus. Die Berge waren für mich nie natürliches Habitat, sondern eine Ausnahme von der Regel, nur zweite Heimat.

Ich weiß nicht mehr, in welchem Alter ich den Begriff Seven Summits zum ersten Mal hörte, aber er löste sofort eine unheimliche Faszination aus. Die höchsten Gipfel der sieben Kontinente: sagenhafte Orte großer Abenteuer, mächtig, magisch, fast schon transzendent. Und unerreichbar in diesem kleinen Leben, das man sein eigenes nennt. Doch die Ferne und auch die Gipfel schrumpfen, je älter man wird.

Ich bestieg nicht nur die Ahornspitze, auch Wilden Freiger, Großvenediger, Großglockner, ein paar stattliche Dreitausender also. Und irgendwann nahm ich einen höheren Berg ins Visier: den Kibo im Kilimandscharo-Massiv, höchster Punkt Afrikas. Technisch unschwierig, nur die Höhe von 5895 Metern ist eine Herausforderung. Und siehe da: Damit kam ich gut klar. Und so hatte ich meinen ersten Seven Summit bestiegen. Aus dem Mythos war Wirklichkeit geworden. Man kann diese Berge erklimmen.


Gipfel des Kibo (2010), ernster Blick und rote Hände.


Die Seven Summits sind allerdings eine Klammer für sieben Gipfel, die sich in Zugänglichkeit, Schwierigkeit und Ernsthaftigkeit (ein wunderschöner Begriff aus der Bergsteigersprache, der noch jenseits vom technischen und konditionellen Anspruch so etwas wie das gesamte Gefahrenpotential eines Berges meint) extrem unterscheiden.

Der Kilimandscharo in Tansania ist ein technisch leichter Trekkingberg, der jedes Jahr von vielen Menschen erwandert wird, die sonst nicht bergsteigen. Der Denali in Alaska (6190 Meter) dagegen ist ein ernsthafter Expeditionsberg in einer unwirtlichen Klimazone, der wegen seiner Abgelegenheit tadellose Logistik voraussetzt; Stürme und polare Temperaturen von minus 30 Grad sind häufig – ein Gipfel für Profis. Der Aconcagua in Südamerika (6962 Metern) wiederum lässt sich dank des trockenen Klimas an guten Tagen sogar ohne Steigeisen erwandern. Der Gipfel ist anspruchsvoll wegen der Höhe und möglicher Wetterstürze.

Der Mount Vinson (4892 Meter) bleibt ein Berg für absolute Spezialisten, weil er nun einmal in einer Eiswüste namens Antarktis liegt. In Australien ist man sich unschlüssig, welcher als höchster Berg gelten darf: der Mount Kosciuszko (2228 Meter), ein leichter Wanderberg, oder die Carstensz-Pyramide in Indonesien (4848 Meter), dummerweise in einem Bergbaugebiet gelegen. Aber ehrlich gesagt ist der höchste Berg Australiens auch eher unspannend.

Und dann ist da natürlich der legendäre Mount Everest, mit 8848 Metern der höchste Berg der Erde in Asien. Seine Besteigung führt in die »Todeszone«, wo der menschliche Körper auch in völliger Ruhe stetig abbaut. Objektiv liefert der Everest keine großen technischen Schwierigkeiten. Mit Fixseilen, Flaschensauerstoff, Sherpas und einem soliden Wetterfenster ist der Aufstieg für einen trainierten (und reichen) Bergsteiger durchaus machbar. Bloß wenn ein kleines Detail schiefgeht, wird es gleich lebensgefährlich.

Bleibt der Elbrus in Russland, nach gängiger Ansicht höchster Berg Europas. Mein Bruder, ein guter Freund und ich wollten diesen Berg besteigen: 5642 Meter Höhe, ein weitläufig vergletscherter Vulkankegel nahe der Grenze zu Georgien, mein zweiter der Seven Summits.

Ein weiteres Mal sollte der Mythos entzaubert werden, das Reich des Phantastischen in die reale Welt überführt werden. Viele Kindheitsträume werden in der Realitätsmühle des Erwachsenenlebens langsam zerrieben – manche bleiben und wollen wahr werden.


Elbrus, West- und Ostgipfel.


II — VON PISTEN UND RAUPEN

Der Elbrus ist eine Naturgewalt. Den zweithöchsten Gipfel des Kaukasus überragt er noch um einige hundert Meter. Wer bei Google Maps auf Satellitenmodus umschaltet und auf den Elbrus zoomt, sieht zuerst einen weißen Klecks, der dann aber schnell riesig wird. Dieser gigantische Gletscherturm ist also das Ziel. Wie kommt man da hoch?

Dazu ein paar praktische Ausführungen:

Wie kommt man zum Elbrus?

Die meisten Reisenden aus Deutschland fliegen mit Aeroflot über Moskau ins Provinzstädtchen Mineralnyje Wody. Von dort sind es noch einmal drei Stunden mit dem Auto oder Bus in den kleinen Talort Terskol am Fuß des Elbrus. Wir hatten die ganze Tour über einen deutschen Veranstalter gebucht, der auch den Transfer organisiert hat.


Terskol, Szene am Straßenrand.


Wie schwierig ist der Elbrus?

Aus alpinistischer Sicht ist der Elbrus ein technisch einfacher Berg. Es gibt keine Kletterpassagen und nur wenig ausgesetzte Stellen. Die Spur auf der Normalroute ist ausgetreten. In regelmäßigen Abständen wurden dünne Stöcke in den Schnee getrieben, damit man nicht von der spaltenfreien Aufstiegsroute abkommt. Viele Bergsteiger gehen ohne Seil. Im Prinzip muss man nur sicher auf Steigeisen laufen können. Im Prinzip.

Einen Berg kann man nie allein anhand seiner objektiven Schwierigkeiten bewerten. Die Wetterbedingungen und die persönliche Erfahrung des Bergsteigers sind ebenso wichtig. Jedes Jahr sterben laut der örtlichen Bergrettung 15 bis 30 Menschen am Elbrus. Wie uns berichtet wurde, brach drei Wochen vor unserer Reise ein amerikanischer Polizist allein zum Gipfel auf, offenbar gut trainiert – niemand sah ihn je wieder.

Laut dem Leiter der Bergrettung am Elbrus sterben die Leute, weil sie ohne Führer unterwegs sind, ihre Kondition überschätzen und in Schlechtwetter geraten. Im Nebel und Sturm ist es leicht, von der Route abzukommen und in eine der zahllosen Gletscherspalten zu stürzen. Oder die Leute sind nicht ausreichend akklimatisiert, ignorieren die Symptome der Höhenkrankheit und brechen irgendwann zusammen. Nicht der Berg selbst macht den Aufstieg gefährlich, es ist – in der Regel – die Verantwortungslosigkeit der Leute.


Akklimatisierung auf der Schneerampe.


Wie besteigt man den Elbrus?

Das Zauberwort heißt – wie an allen hohen Bergen – Akklimatisierung.

Kurzer medizinischer Einschub: Mit steigender Höhe nimmt der Luftdruck ab. Denn je mehr man sich vom Meeresniveau entfernt, umso kürzer wird quasi die Luftsäule zwischen Atmosphäre und Erde. Damit nimmt auch der sogenannte Sauerstoffpartialdruck ab: Die Lunge kann nicht mehr so viel Sauerstoff aufnehmen, der Körper wird also unterversorgt. Man wird höhenkrank. Der Blutdruck erhöht sich, in lebenswichtigen Organen wie Lunge und Gehirn sammelt sich Flüssigkeit (Ödembildung), was unbehandelt und ohne sofortigen Abstieg in niedrigere Höhen bald zum Tod führt.

Akklimatisierung bedeutet vereinfacht gesagt, seinen Körper langsam an die große Höhe zu gewöhnen. Man geht nicht in einer Tour vom Tal auf den Gipfel, sondern bewegt sich langsam aufwärts. Man steigt zum Beispiel auch mal einige hundert Höhenmeter auf, nur um diese wieder abzusteigen und weiter unten zu übernachten. So bilden sich innerhalb weniger Tage mehr rote Blutkörperchen für den Sauerstofftransport.

Unser Programm sah so aus: Ankunft in Terskol auf 2140 Metern. Tag eins: Mit der Seilbahn auf 3700 Meter und von dort auf 4100 Meter. Nacht im Tal. Tag zwei: Wieder auf 3700 Meter und einen Wohncontainer beziehen. Aufstieg auf 4500 Meter, Nacht auf 3700 Metern. Tag drei: Aufstieg bis zum Pastuchov-Felsen auf 4700 Meter, Nacht auf 3700 Metern. Tag vier: Ruhetag auf 3700 Metern. Tag fünf: Gipfelsturm. Unser Programm war durchaus eng getaktet, zwei Tage mehr zur Akklimatisierung wären besser gewesen.


Gletscherbach.

Steigeisen anlegen.

Oberhalb des Pastuchov-Felsens auf etwa 4800 Metern.


Wie ist die Infrastruktur am Berg?

Wer das erste Mal vom Elbrus hört, mag den Berg für abgelegen und einsam halten – das Gegenteil ist der Fall. Als höchster Berg Russlands und einer der Seven Summits lockt der Gipfel Bergsteiger aus der ganzen Welt, vor allem aber aus Russland selbst. Außerdem besuchen viele Tagestouristen seine Hänge, weil sie die Seilbahn in drei Etappen (zweimal Gondel, einmal Sessellift) bis auf 3700 Meter bringt.

Zwischen 3500 Metern (Station der Gondelbahn) und 4100 Metern (Diesel Hut) gibt es mehrere Hütten, dutzende Blechcontainer und noch mehr versprengte Zeltplätze. Es ist ein wahrer Massenauflauf. In einer milden und sturmfreien Nacht machen sich bestimmt um die 250 Menschen oder sogar noch mehr auf den Weg zum Gipfel.

Unsere Reisegruppe bestand aus sieben Teilnehmern plus Bergführer Viktor. Zu acht bezogen wir einen der Container, eingerichtet mit bequemen Stockbetten. Sogar Strom gab es, denn hässliche Masten ziehen sich vom Tal bis hoch auf die Bergflanke. Im benachbarten Container verpflegte Köchin Nadeshda uns und andere Gruppen mit Tee, Kaffee, Nudeln, Frikadellen, Pelmeni und köstlicher Bortsch. Die Verpflegung und Wasser in Kanistern hatten wir mit der Seilbahn auf den Berg gebracht.


Keine Alpenvereinsidylle: Unterkünfte und Seilbahnen am Elbrus.


Wie läuft der Gipfeltag ab?

Gipfeltag trifft es nicht wirklich. Je nach Startpunkt bricht man irgendwann zwischen 23 und 2 Uhr in der Nacht auf. Wie an jedem hochalpinen Berg ist man bemüht, spätestens um die Mittagszeit wieder unten zu sein. So vermeidet man Gewitter, die besonders gerne nachmittags aufziehen, und allzu weichen Schnee, der sich in Lawinen lösen kann und das Risiko von Spaltenstürzen erhöht – oft sind die Risse im Eis überschneit.

Vom Lager in 3700 Metern Höhe auf den 5642 Meter hohen Westgipfel sind es gut 1900 Höhenmeter. Schon in den Ostalpen wäre das eine mehr als zünftige Gipfeletappe. In der dünnen Luft am Elbrus ist es eine Strecke, die die Kraft vieler Aspiranten übersteigt.

Und so hat sich ein System etabliert, das gleichermaßen als Aufstiegshilfe für die Touristen und gewinnträchtiges Geschäftsmodell der einheimischen Russen fungiert: Auf dem unteren Teil des Gletschers fahren Pistenraupen. Die Fahrzeuge bringen die Bergsteiger in der Gipfelnacht bis zum Pastuchov-Felsen auf 4700 Meter – eine Fahrt kostet 600 Euro. Klingt nach irre viel Geld. Doch geteilt durch zwölf Personen, die auf dem Gefährt Platz finden, ist das ein annehmbarer Preis, um die zu bewältigenden Höhenmeter zu halbieren. Das Angebot wird von vielen Bergsteigern dankend angenommen.

Wer den Berg komplett aus eigener Kraft bezwingen möchte, kann dies natürlich trotzdem tun. Aus unserer Gruppe war ich allerdings der einzige.


Schneeraupen, auch Ratraks genannt.


III — RUSSISCHE MENTALITÄT

Unser Ruhetag am Elbrus war sonnig und warm. Wir hockten auf den Steinen vor unserem Wohncontainer und waren guter Dinge. Alle fühlten sich ausreichend akklimatisiert. Das Wetter in der Gipfelnacht sollte gut werden. Plötzlich roch es komisch – beißend.

Entgeistert stellten wir fest: Keine zwanzig Meter von unserem Container entfernt brannten Säcke voller Plastikmüll. Nicht wegen eines Missgeschicks. Ein russischer Mitarbeiter der nahen Berghütte hatte die Säcke mit Spiritus übergossen und angezündet. Mindestens vier Stunden schwelte der Brand. Der giftige Rauch wurde vom Wind genau zu unserer Hütte getragen, er zog durch die Ritzen in den Container, legte sich auf die Matratzen, kroch in die Schlafsäcke. Wir waren zuerst ungläubig, dann entrüstet – und flüchteten schließlich.

In Skandinavien würde man wegen einer solchen Aktion wahrscheinlich sofort des Landes verwiesen, in der Schweiz ins Gefängnis gesteckt. Auch vom Deutschen Alpenverein dürfte man keine Milde erwarten. Wir trafen Viktor und konfrontierten ihn mit der einzig naheliegenden Frage: Wie zur Hölle konnte so etwas sein?

Viktor lächelte etwas verlegen. »It’s Russian mentality.«

Wir mussten davon ausgehen, dass Viktor Recht hatte. Überall am Berg rund um die Lager hing der Müll zwischen den Felsen: Metall, hunderte von verrosteten Konservendosen, verreckte Maschinen, verrottete Fässer. Niemand fühlte sich dazu berufen, die Hinterlassenschaften der Menschen ins Tal zu bringen, die Hänge zu reinigen. Keiner war sich einer Schuld bewusst. Die Natur am Elbrus galt offenbar nicht als allzu schützenswert.

Ich hatte mich als Kind nicht einmal getraut, beim Wandern ein benutztes Taschentuch in die Wälder zu schmeißen. Ich war bekümmert.


Müll nahe der Lager.


Der schuldlose Viktor versöhnte uns, mit seinem ruhigen Wesen und seiner lakonischen Art, die wohl auch Ausdruck russischer Mentalität war.

Am Ruhetag absolvierten wir ein Sicherheitstraining. Es ging darum, den Sturz auf einem vereisten Hang möglichst schnell mithilfe des Pickels zu bremsen. Wir warfen uns rückwärts, vorwärts und bäuchlings auf einen kurzen steilen Hang und studierten die Handgriffe ein. Man hat nur wenige Sekunden, sonst wird man zu schnell.

Viktor schaute sich die Technik der Teilnehmer an. Von jedem wollte er in jeder Körperhaltung mindestens zehn Versuche sehen. Nach anderthalb Stunden waren wir durch. Erwartungsvolle Frage aus der Runde an unseren Bergführer: »So, how did we do it?« Hier ging es doch irgendwie um Leben und Tod, oder nicht?

Viktor lächelte unter seinem schmalen Intellektuellen-Schnauzbart hervor wie der Schriftsteller, der er auch hätte sein können. Kurzes Schweigen, dann sagte er leicht amüsiert: »It’s your life.« Wir lachten herzlich.


»Russian mentality«: Bergführer Viktor, ein verkannter Poet?


IV — A RUSH OF BLOOD TO THE HEAD

Vor der Gipfelbesteigung schläft man schlecht. Oder überhaupt nicht. Wir haben um 18 Uhr zu Abend gegessen und uns gleich danach artig in die Stockbetten gelegt. Mein Herz pocht schnell und kräftig. Nicht weil ich schlecht akklimatisiert bin, mehr vor Aufregung. Die Minuten kriechen vorwärts, zweimal muss ich noch raus. Man hört, wie die anderen versuchen zu schlafen. Wälzen, Räuspern. Wenigstens schnarcht niemand. Kurz nach zehn klingelt mein Wecker.

Die anderen brechen erst um 0.45 Uhr von der Hütte auf, weil sie die Pistenraupe nehmen. Ich trage meinen Rucksack und die Stiefel möglichst leise aus dem Container, um niemand zu wecken. Die Nacht ist mild, fünf Grad, vielleicht mehr. Die Wolken vom, nun ja, Vorabend (es ist ja immer noch der gleiche Abend) haben sich verzogen. Das ist gut.


Grandioses Abendlicht vor der Gipfelnacht.


Drüben im anderen Container hat Nadeshda, die gute Seele unserer Unternehmung, schon Porridge gemacht. Ich esse mit Appetit, die Müdigkeit klebt noch hinter den Lidern. Heißer Tee wandert in meinen Becher und in meine Trinkfalsche, ich kaufe außerdem eine kleine Flasche Coca-Cola, weil ich sonst nur anderthalb Liter dabei hätte. Zu wenig.

Dann kommt mein persönlicher Bergführer Sascha in die Stube. Er musste gestern hoch zur Hütte kommen, weil es eben doch einen Idioten gibt, der nicht die Raupe nehmen und stattdessen von der Hütte den gesamten Weg auf den Gipfel laufen möchte. Sascha weicht meinem Blick aus, sagt praktisch nichts. Dann geht er wieder raus. Wir wollen um 23 Uhr aufbrechen.

Kurz vorher schaue ich aus der Stube, niemand zu sehen. Als ich dann rauskomme, steht Sascha da und sagt: »I am waiting for you five minutes.« Mir wird klar: Er hat echt keinen Bock. Minimalkommunikation.

Wir laufen los, betont langsam. Ich kann durch die Nase atmen. Die Nacht beginne ich mit zwei langärmeligen Funktionsshirts unter der Hardshell-Jacke, das passt. Nach den ersten zwanzig Minuten auf Schotter geht es auf den Gletscher. Steigeisen anlegen, Fleecehandschuhe ebenso.

Der Weg wird nun mehrere Stunden der Gletscherpiste folgen, die ich schon von den Akklimatisierungstouren kenne. Bis auf 4900 Meter geht es hinauf, dort ist eine Pistenraupe verreckt und versinkt langsam im Schnee. Ich habe mir den Weg bis dorthin in vier Mini-Rampen eingeteilt.

Die erste ist nur ein kurzer Aufschwung hinauf zur Diesel Hut auf 4100 Metern. Dann geht es über mehrere Wellen im Gletscher hinauf zum ersten Felsriemen, 4400 Meter. Der nächste Riemen sind die Pastuchov-Felsen auf 4700 Metern, Rampe drei. Nummer vier führt zur Raupe. Das ist der Weg, den ich schon einmal gelaufen bin.

Sascha hustet in die Nacht. Wir halten nur zweimal kurz, um etwas zu trinken. In der Ferne zucken über der weiten Ebene nördlich des Kaukasus Blitze durch die Dunkelheit. Meine Blicke gehen immer wieder besorgt nach rechts. Zu oft musste ich an hohen Bergen schon umkehren, um mir der Sache jetzt sicher zu sein. Auch wenn über uns Sterne sind.


Die Nächte vor dem Gipfelaufstieg sind kurz oder nicht vorhanden.


Sascha bittet auf Rampe zwei um eine weitere Pause. Bald darauf um noch eine. Wenn wir anhalten, fange ich bald an zu frieren. Ich muss feststellen, dass Sascha zu langsam für mein Tempo ist. Und der Weg ist eindeutig. Immer mehr Stirnlampen in der Nacht: Bergsteiger, die von anderen Stützpunkten aufgebrochen sind. Die Spur ist breit und ausgetreten, der Mond scheint hell. Ich beschließe, mein Tempo zu gehen. Sascha fällt zurück.

Kurz vor Rampe drei überholt mich die Pistenraupe, auf der mein Bruder und unsere Truppe zum Pastuchov-Felsen fahren. Ein lautes Ungetüm in der stillen Nacht. Sie sehen mich, ich winke mit meinem Trekkingstock. Mir wird warm ums Herz.

Auf den steileren Passagen des Gletschers laufe ich kleine Serpentinen, das kostet weniger Kraft. Ich steige mit solidem Tempo, der Atem geht ruhig. Hinter dem Pastuchov-Felsen lege ich ein drittes Funktionsshirt an. Die Cola ist fast leer, nach gut vier Stunden Aufstieg.

Nach der verreckten Raupe geht es noch einige Höhenmeter steil bergauf, lotrecht zum Hang. Die Nachtschwärze dämmert langsam davon. Blick nach rechts: Es wird kein Gewitter mehr von Norden hereinziehen. Zum ersten Mal bin ich sicher, dass der Gipfeltag stabiles Wetter bereithält. Diese Erkenntnis lässt mich innerlich jubeln, treibt mich an. Und es ist noch etwas anderes: Ich weiß, ich werde bald meinen Bruder einholen.

Nach dem steilen Aufschwung quert die Route nach links unterhalb des ausladenden Ostgipfels vorbei. Der Weg ist hier weniger steil. Ich mache schnelle und konzentrierte Schritte. Mein Bruder, ich will ihn einfach nur einholen und in den Arm nehmen.

Adrenalin steigt auf, ein Höhenrausch setzt ein. Ich spüre, wie gut ich akklimatisiert bin, könnte jauchzen vor Freude. Bin erleichtert über das gute Wetter, jetzt kann nichts mehr schief gehen. Mein Bruder vor mir, mein guter lieber Bruder. Ich bin so unerklärlich bewegt von all dem, dass mir Tränen in die Augen schießen. Ich weine, und in meinem Rücken touchiert die Morgensonne die ersten Bergspitzen am Horizont.


Bergsteiger auf dem Weg zum Elbrus-Sattel gegen fünf Uhr morgens.


Kurz vor dem Sattel zwischen Ost- und Westgipfel hole ich unsere Gruppe ein, es ist kurz nach fünf Uhr. Mein Bruder und mein Kumpel sehen schon ganz schön fertig aus. Ich spreche ihnen Mut zu, laufe mit ihnen. Doch im Sattel merke ich, wie mein Kreislauf runterfährt, wie es mich schüttelt. Die Jungs sind in guten Händen, Viktor ist bei ihnen. Ich muss mein Tempo machen, sonst klappe ich hier zusammen. Zeit für die Daunenjacke.

Vom Sattel aus folgt die Route einem steilen Aufschwung auf das Gipfelplateau, es sind noch dreihundert weitere Höhenmeter. Hier oben ist das keine Kleinigkeit. Erschöpfung macht die Beine schwer. Ich kämpfe gegen die Steigung, Schritt für Schritt, es ist mühsam. Doch endlich laufe ich in die Morgensonne hinein, vom Schatten ins Licht.


Licht und Schatten im Elbrus-Sattel.


Auf dem Plateau sind schon einige Bergsteiger. Die Sonne strahlt so unschuldig, dass man sich kaum vorstellen kann, dass an diesem Berg regelmäßig so viele Menschen den Tod finden. Breit und wenig steil führt der Weg nun die letzten Meter hinauf zur höchsten Firnspitze.

Auf dem Gipfel werden Fahnen ausgerollt, auch ich muss Bilder schießen, für zwei heitere Kasachen. Den Gipfel bezwungen, für Ruhm und Ehre und das Vaterland, so muss es wohl sein. Ich lasse meine Blicke von diesem riesigen Vulkankegel umher wandern. Schokolade, Tee, ich sammele meine Kräfte. Es ist halb acht, ich bin achteinhalb Stunden aufgestiegen.

Zwei Teilnehmer aus unserer Gruppe erreichen den Gipfel. Wir gratulieren uns gegenseitig und machen Fotos. Die beiden erzählen, dass mein Bruder und mein Freund umgekehrt seien. Dann beginne ich mit dem Abstieg. Schade, ich hätte es ihnen so gegönnt.

Kurz bevor das Gipfelplateau endet, tauchen auf einmal zwei Menschen vor mir auf – es sind mein Bruder und mein Kumpel! Sie sind offenbar doch weitergegangen. Und nunmehr völlig erschöpft. Aber sie haben es geschafft.

Ich verteile Schokolade und Tee, drehe noch einmal um. Wir gehen die letzten Meter zusammen. Es ist das Schönste, gemeinsam hier oben zu sein.


Gipfelplateau und Gipfelaussicht.



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