Zugspitze via Höllental und Jubiläumsgrat an einem Tag

16/08/2009

Garmisch-Partenkirchen — Das Tal liegt beschaulich da in der warmen Abendsonne. Eigentlich wäre es jetzt Zeit für ein wenig Müßiggang, aber ich muss mich beeilen: Noch zwei Stunden sind es bis zur vollständigen Dunkelheit, in zwei Stunden muss ich die Höllentalangerhütte auf 1381 Metern erreicht haben. Das Licht in der Klamm, die hinauf zur Herberge führt, schwindet schon. Schweiß läuft mir über das Gesicht. Als ich die Herberge erreiche, sind die Konturen der Umgebung kaum noch zu erkennen. Der so ziemlich unfreundlichste Hüttenwirt der Welt kann noch einen Lagerplatz anbieten: sechs Euro die Nacht. Ich lege mich früh schlafen, denn am nächsten Tag will ich die Zugspitze über die Höllental-Route besteigen und gleich im Anschluss den Jubiläumsgrat erklettern – eine der großen Gratüberschreitungen der Ostalpen.

Unglücklicherweise habe ich die Sonnenaufgangszeiten für Mitte August kläglich unterschätzt, um 5 Uhr ist es draußen noch stockfinster. Ich habe keine Stirnlampe. Weil die Mondsichel ein wenig Licht spendet und der Weg zum Talschluss einigermaßen eben ist, kann ich nach einem kleinen Frühstück trotzdem aufzubrechen. Es liegt eine tolkiensche Stimmung über dem Tal: Weiter oben am Berg leuchten schon die Stirnlampen der früher aufgebrochenen Bergsteiger, die Lichtpunkte in der Ferne sehen zusammen genommen aus wie ein versprengtes Feldlager. Mit der ersten zaghaften Aufhellung des Himmels erreiche ich die sogenannte Leiter und das sogenannte Brett, zwei seilversicherte Passagen, die sich im Internet viel heikler lesen, als sie in Wirklichkeit sind. Im Osten geht die Sonne auf.


sonne morgenrot sonnenaufgang höllentalferner höllental route aufstieg leiter brett gipfel zugspitze jubiläumsgrat berge gebirge klettern grat klettersteig wandern fels bergtour klettertour
Höllentalfener, Sonnenaufgang.


Der Weg führt weiter bis zum Höllentalferner, der sonnengeschützt auf der Nordseite des Bergmassivs liegt und einer der letzten Gletscher auf deutschem Staatsgebiet ist. Ich habe Steigeisen dabei und kreuze den Ferner in direkter Linie, teilweise auf Blankeis, nicht ohne auf die gefährlich tiefen Spalten zu achten.


gemse sonne morgensonne höllental route aufstieg leiter brett gipfel zugspitze jubiläumsgrat berge gebirge klettern grat klettersteig wandern fels bergtour klettertour
sonne ferner gletscher höllentalferner morgensonne höllental route aufstieg leiter brett gipfel zugspitze jubiläumsgrat berge gebirge klettern grat klettersteig wandern fels bergtour klettertour
sonne ferner gletscher höllentalferner morgensonne höllental route aufstieg leiter brett gipfel zugspitze jubiläumsgrat berge gebirge klettern grat klettersteig wandern fels bergtour klettertour
Höllentalferner.


Die Randspalte des Gletschers ist an diesem Tag kein Problem. Die letzten 200 Höhenmeter zum Gipfel sind schließlich in einem einzigen Klettersteig fast komplett seilversichert, der Anstieg ist noch einmal kräftezehrend. Gegen 8.30 Uhr ist der Gipfel der Zugspitze erreicht, mit 2963 Metern Deutschlands höchster Berg. Für den naturverbundenen Bergsteiger ist die Ankunft am Ziel eher deprimierend: Drei Seilbahnen führen auf die Spitze, der gesamte Gipfelbereich ist zugebaut und einbetoniert, es gibt zwei Restaurants und das Münchener Haus des DAV. Bereits mit Eintreffen der ersten Talbahnen füllt sich das Plateau recht schnell mit schätzungsweise 200 Menschen, darunter Familien mit kleinen Kindern und Japaner in Turnschuhen. Ein Beispiel dafür, dass der Mensch durch seine Technologie an Orte vordringt, an denen er eigentlich nichts verloren hat. Immerhin ist die Aussicht umfassend, beinahe alle hohen Dreitausender der Ostalpen zeichnen sich am leicht dunstigen Horizont ab – zum Beispiel der imposante Firngipfel der Wildspitze in den Ötztaler Alpen.


gipfelkreuz höllentalferner höllental route aufstieg leiter brett gipfel zugspitze jubiläumsgrat berge gebirge klettern grat klettersteig wandern fels bergtour klettertour
ötztal ötztaler alpen horizont wildspitze höllentalferner höllental route aufstieg leiter brett gipfel zugspitze jubiläumsgrat berge gebirge klettern grat klettersteig wandern fels bergtour klettertour
höllentalferner hütte höllental route aufstieg leiter brett gipfel zugspitze jubiläumsgrat berge gebirge klettern grat klettersteig wandern fels bergtour klettertour münchner haus
Zugspitze, Gipfel.


Zugspitze (2962 m)
Anreise: bis Grainau-Hammersbach (758 m)
Hüttenzustieg: durch die Höllentalklamm, ca. 2-3 Stunden
Übernachtung: Höllentalangerhütte (1381 m), +49 163 5542274, 80 Lager, ab 6 Euro
Gipfel: Schwierigkeit I, Klettersteig C, Randkluft am Gletscher, ca. 3-4 Stunden

Ich versorge mich mit Weißwürsten, Bretzeln und einem Weißbier zum zweiten Frühstück und verschaffe mir einen Überblick über die weitere Route: die Begehung des Jubiläumsgrats. Die Gratüberschreitung ist eine in der Bergsteiger-Literatur mit 8 Stunden Gehzeit angegebene hochalpine Tour, die ungesicherte Kletterpassagen im unteren dritten Schwierigkeitsgrat der UIAA-Skala aufweist. Der Kletterer überwindet jede einzelne Erhebung des Grats bis zur Grießkarscharte, also noch einmal 800 Höhenmeter im Gegenanstieg, und hat bis auf einen einzelnen Talabstieg keine Möglichkeit, aus dem Grat auszusteigen. Aber ich habe Kletterhelm, Gurt und Klettersteigset nicht umsonst auf die Zugspitze geschleppt.

Der Weg über den »Jubi« führt am Anfang sehr ausgesetzt am Grat entlang, hier wird weitgehend auf Seilversicherungen und Tritthaken verzichtet. Der Pfad ist oft nur einen halben Meter breit, er fällt 500 Meter senkrecht ins Höllental ab. Stürzen ist hier sehr unvorteilhaft. Ich überhole viele Bergsteiger, spreche mit diesem und jenen. Die einen wollen in der Biwakschachtel übernachten, die nach zwei Dritteln des Weges auf dem Grat aufgestellt wurde; andere haben bereits für die erste Hälfte des Weges sechs Stunden gebraucht. Viele Gruppen begehen den Jubiläumsgrat in zwei Tagen. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, es wird Nachmittag, bis ich die Höllentalspitzen überwunden habe.

Eine Schlüsselstelle des Grats ist das Erklettern der Vollkarspitze. Der Steig ist mit Kategorie D bewertet, und mit der 3-Punkt-Regel kommt man tatsächlich nicht allzu weit. Gerade beim Einsteig in die Kletterstelle muss man sein Gewicht hauptsächlich mit den Armen nach oben ziehen, um einen guten Trittpunkt zu erreichen. An dieser Stelle sichere ich mich mit dem Klettersteigset, zeitweise kommt es zu einem Stau in der Wand. Hinter der Vollkarspitze werde ich langsam richtig durstig: Auf dem Jubiläumsgrat gibt es nirgendwo Wasser. Meine 1,5 Liter, die ich auf der Zugspitze gefüllt habe, sind beinahe leer. Irgendwann höre ich, körperlich schon reichlich ausgezehrt, fließendes Wasser. Ich kreuze ein Geröllfeld und finde ein Rinnsal, das von einem Schneefeld gespeist wird. Zitternd und müde trinke ich und fülle die Flasche. In solchen Momenten kehrt der Mensch wieder ein wenig zu seiner Natur zurück.


höllentalferner höllental route aufstieg leiter brett gipfel zugspitze jubiläumsgrat berge gebirge klettern grat klettersteig wandern fels bergtour klettertour jubiläumsgrat jubi
Jubiläumsgrat.

Das Wasser in Verbindung mit einem letzten Snickers-Riegel gibt wieder Kraft. Der Körper ist eine Maschine, die schier unbegrenzte Energie freisetzen kann, solange man sie mit ausreichend Treibstoff füttert. Nach 12 Stunden Kletterei erreiche ich die Grießkarscharte, es ist 17 Uhr. Wie kompromisslos der Grat tatsächlich ist, zeigt sich auch daran, dass zwei erschöpfte Bergsteiger von einem Hubschrauber der Österreichischen Armee ausgeflogen werden müssen. Sie haben schlichtweg keine Kraft mehr gehabt, um weiterzugehen, wird man sich später auf der Hütte erzählen. Der Abstieg von der Grießkarscharte ins Tal ist kaum anspruchsloser als der Grat selbst. 200 Höhenmeter geht es über Seilversicherungen hinab, bis das Gelände endlich ein wenig ebener wird. Ich treffe auf eine Gruppe Wanderer, die die Scharte überschritten haben: zwei Buben, Vater und Onkel. Nach den üblichen Wohers und Wohins beschließt man, gemeinsam abzusteigen. »Zusammen steigt es sich leichter ab als allein« – das hat dann nach 12 Stunden Kletterei auch nichts mehr mit Wandersmannkitsch zu tun.

Das Gespräch mit der Familie reißt mich aus meiner tranceartigen Gleichgültigkeit. Der Junge ist 13 Jahre alt und erinnert mich ein bisschen an mich selbst in diesem Alter. Auf dem Weg zurück zur Höllentalangerhütte treffen wir auf drei Wanderer, die sich überschätzt haben und am Ende ihrer Kräfte pausieren. Wir versorgen die Gestrandeten mit dem, was uns noch an Wasser und Essen geblieben ist (ich selbst habe nichts mehr) und bewegen sie zum Weitergehen. Die Dunkelheit zieht auf, wir erreichen alle zusammen gegen 19 Uhr die Hütte. Alles in allem bin ich 14 Stunden auf den Beinen gewesen. Auf der Hütte sitzen wir zusammen, es werden ein paar Schnäpse bestellt. Obwohl ich weiß, dass ich auch so werde schlafen können, trinke ich zwei mit, bestelle von meinem letzten Geld etwas zu Essen und falle in einen komatösen Schlaf. Das schönste Geschenk an diesem Tag ist das anerkennende Nicken der Bergführer, die bereits am Morgen in der Gaststube saßen. Am Morgen des nächsten Tages geht es durch die Klamm zurück ins Tal.


höllentalferner höllental route aufstieg leiter brett gipfel zugspitze jubiläumsgrat berge gebirge klettern grat klettersteig wandern fels bergtour klettertour jubiläumsgrat jubi höllentalklamm
Höllentalklamm.


Jubiläumsgrat
Anreise: bis Grainau (758 m) oder Ehrwald (994 m)
Hüttenzustieg: per Bergbahn auf die Zugspitze (2962 m)
Übernachtung: Münchener Haus (2959 m), +49 8821 2901, 30 Lager, ab 6 Euro
Grat: Schwierigkeit III-, Klettersteig D, ca. 8 Stunden

[googlemaps https://maps.google.com/maps/ms?msa=0&msid=217857841857011717699.0004c737522e2805a0372&hl=de&ie=UTF8&t=h&ll=47.428145,11.013536&spn=0.02613,0.061712&z=14&output=embed&w=720&h=450]

You may also like

7 comments

Hannes 17/08/2009 at 18:24

Traumhaft.
Das würde ich jeder Zeit gegen einen meiner Läufe tauschen.

Reply
Nachtrag: Wetterstein-Tour mit Google Earth « 100 days to marathon 21/01/2010 at 20:52

[…] allzu viel passiert, kommt noch ein kleiner Nachtrag: Ich habe mal die Wander- und Kletterroute zur 14-Stunden-Höllental-Jubiläumsgrat-Tour im August auf Google Earth nachgezeichnet. Jeweils mit den zeitlichen Markierungen zur Tour. Mehr […]

Reply
Ausdauerherausforderungen in 2010 « 100 days to marathon 21/01/2010 at 21:02

[…] den höchsten Berg Österreichs bestiegen, als auch den höchsten Berg Deutschlands, und letzteren zusammen mit einer Erkletterung des Jubiläumsgrats an einem einzigen Tag. Im Rückblick war das wohl in vielerlei Hinsicht die krasseste […]

Reply
Manuel Domann 07/04/2011 at 11:34

Das habe ich mir mit einem Freund jetzt auch vorgenommen als Einstimmung in die Bergsaison … mal sehen wie lang wir brauchen … werden das ähnlich machen wie du denke ich nur das wir noch anreisen müssen …. Aber schön geschriebener Artikel.

Liebe Grüße

Reply
Steffen 18/07/2012 at 18:54

Oh – vielen Dank fürs teilen…ich bin vor einigen Jahren ähnlich gegangen, alleine über das Höllental um dann so gegen 13/14 Uhr in den Jubigrad einzusteigen, mit dem Ziel über den Brunntalgrat zur Knorrhütte abzusteigen – klappte wunderbar – die Strecke war aber an Ende recht lange…

Reply
Florian 05/03/2013 at 23:02

Respekt! Höllental, Jubigrat mit ÜN Münchner Haus und Abstieg nach Garmisch haben wir letzten Sommer an 2 Tagen gerade so geschafft. Wasser sollte man an für den Jubigrat an einem heißen Sommertag unbedingt 2,5l mitnehmen.

Reply
Dennis 17/03/2016 at 08:17

Servus Philip.
Schöner Bericht über eine tolle Tour! Vor drei Jahren haben wir die Runde Höllental, Jubiläumsgrat rüber bis zur Alpspitze an zwei Tagen gemacht (http://www.abenteuersuechtig.de/index.php/durchs-hollental-auf-die-zugspitze/ und http://www.abenteuersuechtig.de/index.php/ein-klassiker-der-ostalpen-der-jubilaeumsgrat/). Für dieses Jahr planen wir das Höllental und die Überschreitung an einem Tag, dann die Abfahrt nach Garmisch mit dem Mountainbike.
Drück’ uns die Daumen, dass es was wird 😉

Gruß
Dennis

Reply

Leave a Comment

css.php