Olperer, Zillertal – Wie ich einmal sehr weit weg war

16/09/2009

In geistiger Zerrüttung und voller Skepsis habe ich dem Wochenende entgegen gesehen. Aber an diesem Samstagmorgen lösen sich alle Sorgen um meine kränkelnde Wade im grauen Nichts auf. Die ersten im steil ansteigenden Pfad eingegrabenen Felsen und Wurzeln nehmend, zerstreuen sich die Gedanken an mein Bein mit zunehmender Höhe, ebenso wie die Schmerzen selbst. Ewig undurchdringlicher Nebel nimmt alle Vegetation in Beschlag, hier oberhalb der Schlegeis-Talsperre, in Österreich, eine knappe Busstunde vom Ort Mayrhofen entfernt. Diese diffuse Vertrauen, dass irgendwie doch wieder alles gut wird, hat sich bestätigt. Ich bin wieder bei mir selbst.

Wie bin ich an diesen Berg hingekommen, was mache ich dort? Am Tag zuvor, am Freitag, war ich nach der Arbeit mit der Bahn nach Mayrhofen gereist. Die verhangenen Berge der Voralpen streiften das Zugfenster, draußen wurde es Nacht. Aus den Lichtern der Stadt heraus fuhr die Eisenbahn in eine alles einnehmende Dunkelheit. Je tiefer der Zug nach Österreich hinein gelangte, je enger die Täler sich einschnitten, und je spärlicher die abendliche Beleuchtung der kleinen Gasthöfe und Pensionen wurde, umso mehr legte sich ein Gefühl von absoluter Gottverlassenheit über den Abend. Um 20 Uhr war es stockfinster. Mich überkam das Gefühl, auf diese Nacht würde kein Morgen folgen. Als schrumpfe der Tag in der Schwärze der viel zu frühen Nacht und als kehrte die ganze Welt durch ein einziges beleuchtetes Fenster ein in ein heimeliges Zimmer, in dem alle Dinge zu ihrem bewegungslosen Ende kommen.

Als ich in Mayrhofen aus dem Bus stieg, holte mich die Wirklichkeit zurück. Die Straßen waren trotz der frischen Temperaturen und der Feuchtigkeit, die in der Luft lag, recht belebt. Es gestaltete sich schwieriger als gedacht, eine Pension zu finden. Die Hotels waren ausgebucht, in den kleinen Gasthöfen machte keiner mehr die Tür auf, auch wenn ich klingelte und Menschen im Wohnzimmer sitzen sah. Gegen 22 Uhr fand sich doch noch ein Zimmer, es war einfach, aber strahlte eine große Ruhe aus. Dort fiel ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Frühstück gab es um 8 Uhr, der Postbus hinauf zum Schlegeis-Stausee ging um 9.30 Uhr.

An der Talsperre bin ich aufgebrochen, ohne zu wissen, wohin ich überhaupt will. Viele hohe Gipfel überragen den See. Ich entscheide mich dazu, zunächst zur Olperer Hütte aufzusteigen – es ist der Weg, auf dem die Schmerzen im Bein verschwinden. Ohne das bewusst entschieden zu haben, raste ich an der Hütte nur kurz, um etwas zu trinken, und steige dann weiter auf. Im Unterbewusstsein ist längt klar, wohin es gehen soll: auf den Olperer, mit 3476 Metern der dritthöchste Berg der Zillertaler Alpen.

Überall ist Nebel. Anfangs ist der Weg noch markiert, bis zum Wegweiser mit der Aufschrift »Olperer (Riepengrat)«. Die Wegscheide zeigt bergan, ins Grau. Ab hier geht es über grobes Blockwerk weiter, den Steinmännern folgend, die Bergsteiger zur Wegfindung errichtet haben. Ich treffe einen Wanderer, der mir vom Berg entgegen kommt. Er ist früh morgens mit einer Stirnlampe aufgebrochen, aber kurz unterhalb des Gipfels umgekehrt. Er erzählt, er habe seine Winterhandschuhe vergessen und weiter oben am Seil seine Finger nicht mehr gespürt. Er hat genau genommen nicht mal mehr gespürt, dass er das Seil in der Hand hielt. Also ist er sicherheitshalber abgestiegen.

Der Vorteil einer Besteigung über den Grat liegt darin, dass man sich nicht verlaufen kann. Das kann bei diesem Nebel schnell passieren. Nur einmal, nach etwa einer Stunde, brechen die Wolken auf und geben den Blick auf die umliegenden Berghänge frei. Ich fotografiere. Nach etwa zehn Minuten ist das Schauspiel zu Ende, der dichte Nebel hat mich zurück. Die Route folgt dem Gratanstieg, die Lücken zwischen den Steinen füllen sich mehr und mehr mit Schnee. Ich kreuze ein Firnfeld, auf dem zum Glück die Fußspuren des anderen Bergsteigers erkennbar sind. Spätestens dort habe ich das Gefühl, absolut alleine mit mir und dem Berg zu sein.

Dann kommt die Schlüsselstelle der Südostroute, ein in der Literatur mit UIAA-Schwierigkeit III angegebener, sogenannter Kamin. Die Steine sind verschneit, das Kletterseil, von dem man nur schwer abschätzen kann, wann es dort einmal fixiert worden ist, besteht aus einem einzigen Eisstrang. Zum Glück sind Schlaufen hineingeknotet, und im Fels stecken zwei notdürftige Tritthaken. Die Steilstelle zu überwinden, ist aber trotzdem nicht leicht. Sich mit dem Bein vom Standpunkt wegzudrücken, in dem Wissen, mit der Hand unweigerlich den nächsten Griffhaken erreichen zu müssen, weil man sonst in eine definitive Fallposition gerät – diese Situation erzeugt ein Gefühl, das zwischen messerscharfer Konzentration und einem vom Bauchraum eruptiv aufsteigenden Adrenalinstoß liegt.

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Olperer, Gipfelkreuz und Gipfelgrat.

Der Gipfelgrat des Olperers ist klettertechnisch nicht mehr allzu schwierig. Allerdings liegt dort nicht nur Schnee, die Steine darunter sind auch noch vereist. Unmittelbar rechts neben den Füßen fällt die verschneite Olperer-Nordwand etwa 500 Meter zum Fuß des Gefrorene-Wand-Gletschers ab. Ich kann ihr Ende im dichten Nebel nur erahnen. Heikel wird es noch einmal unmittelbar vor dem Gipfel, wo ein mächtiger Block – scheinbar wie auf den Grat gelegt – den Weg versperrt. Eisenklammern stecken im Gestein, damit man den Block überklettern kann. Ich umgehe ihn. Dabei balanciere ich auf einer schräg emporragenden, 20 Zentimeter breiten Felsstufe, die voller Eis ist. Unmittelbar neben mir fällt die Nordwand mit einer 80-Grad-Neigung in den ewigen Nebel ab.

Nach vier Stunden Aufstieg vom Stausee bin ich auf dem Gipfel. Hier oben gibt es nichts, nur Felsen und Eis, und das undurchdringliche Grau, das jede Sicht nimmt. Auf einem Berggipfel wie diesem beschleicht einen immer ein seltsames Gefühl, wenn man alleine unterwegs ist. Es ist ein Gefühl, als würden unweigerlich schlimme Dinge passieren, wenn man sich zu lange an diesem Ort aufhält – als liefe eine Sanduhr. Es ist naturgemäß ein Ort, der nur ein kleines Fenster lässt, ein Ort, an dem man nur zu Besuch ist, der einen vielleicht als Gast akzeptiert. Die Gefahr eines Wettersturzes, der die Rückkehr vom Berg empfindlich erschwert, und die irgendwann einbrechende Dunkelheit, die jede sinnvolle Fortbewegung im Gelände unmöglich macht, sind unterbewusst immer präsent. Plötzlich fallen kleine Eiskörner vom Himmel, eine seltsame Mischung aus Schnee und Hagel, es ist Zeit für den Abstieg. Da ist dieses Gefühl, sehr weit weg von allem zu sein und sehr bald zurückkehren zu müssen.

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Olperer, Gipfel.

Olperer (3476 m)
Anreise: bis Stausee Schlegeis (1782 m) über Mayrhofen (633 m)
Hüttenzustieg: ca. 1-2 Stunden
Übernachtung: Olperer Hütte (2389 m), +43 664 4176566, 60 Lager, ab 6 Euro
Gipfel: Schwierigkeit PD / II, ausgesetzter Grat, ca. 3 Stunden

Das Steilstück ist bergab leichter zu machen als auf dem Hinweg. Meine Spuren im Schnee suchend, steige ich bis in eine Höhenlage ab, in der sich der Nebel langsam lichtet. Irgendwann kommt die Olperer Hütte in Sicht, ich erreiche sie gegen 16.30 Uhr. Um 10.30 Uhr bin ich vom Stausee aufgebrochen. Auf der Hütte gibt es noch ein Lager für mich. Ich treffe den Bergsteiger vom Mittag wieder, einen Geschäftsmann aus München. Wir verbringen den Abend bei Bier und Wein in der Gaststube. Zu uns gesellt sich ein Architekt, der an diesem Wochenende ebenfalls alleine unterwegs ist. So sprechen wir über die Berge und ihre Abgeschiedenheit, über die Stadt und ihre Rastlosigkeit, und ein bisschen über das Leben an sich.

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Zillertaler Alpen.

Am nächsten Morgen stehe ich um 7 Uhr auf. Die Kopfschmerzen vom Vorabend sind zum Glück verschwunden. Ich habe am Samstag viel zu wenig getrunken. Am meisten Flüssigkeit verliert man in der Höhe durch die Atemluft. Nach der Olperer-Besteigung waren meine Augen angeschwollen, der Kopf brummte. Wie ich mich aber am Morgen so ganz gut fühle, breche ich um 8 Uhr zum Friesenberghaus auf, um von dort den Hohen Riffler zu besteigen. An diesem Sonntagmorgen über das Blockwerk zu steigen, vollkommen alleine, nur die nebelverhangenen Hänge um mich herum – das hat etwas für sich. Als ich die andere Hütte erreiche, frühstücke ich von meinem Brot, den Äpfeln und den Müsliriegeln. Zusammen mit dem Geschäftsmann breche ich weiter zum Hohen Riffler auf. Der Berg ist technisch einfach, in den höheren Lagen schneit es aber kräftig, und der Wind bläst die Flocken tief unter die Kapuze. Wir haben keine Fernsicht.

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Am Hohen Riffler.

Hoher Riffler (3231 m)
Anreise: bis Stausee Schlegeis (1782 m) über Mayrhofen (633 m)
Hüttenzustieg: ca. 2-3 Stunden
Übernachtung: Friesenberghaus (2498 m), +43 676 7497550, 24 Zimmerlager, 32 Lager, ab 6 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, ca. 2 Stunden

Mit dem Geschäftsmann steige ich ab bis zum See, wir trinken noch ein Bier und blicken über das türkisfarbene Wasser. Es ist angenehm: Mit diesem Mann muss man nicht die ganze Zeit reden, ohne dass es unangenehm wird. Wir sprechen ein bisschen darüber, was uns jetzt die Woche erwartet, in der Stadt, auf der Arbeit. Wir finden beide, dass es gut war, am Wochenende hier gewesen zu sein. Es ist dieses Gefühl des gottverlassenen Entfernt-Seins von allem, diesem Nur-bei-sich-sein, das die Ruhelosigkeit der Stadt wieder erträglich macht.

Der Geschäftsmann nimmt mich in seinem Wagen mit zurück nach München. Wir fahren sehr schnell und reden kaum. Der Freitag, an dem ich angekommen bin, liegt für mich schon weit in der Vergangenheit. Das Abendlicht zieht vorbei, die Landschaft wird flacher, irgendwann döse ich weg. Der Geschäftsmann lässt mich an einer S-Bahn-Station heraus, von der ich schnell nach München hineinfahren kann, heraus aus der Nacht. Ich trage die gleiche Kleidung wie am Freitag. Was mir auffällt, ist nur der Lärm, der am Hauptbahnhof herrscht. Ich bin zurück in der Stadt.

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Zillertaler Hauptkamm.

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5 comments

Basti 17/09/2009 at 00:21

Wow! Danke für die Reise! Letzte Woche bist Du alleine auf diese Berge gestiegen, aber gerade war ich nochmal mit Dir da…

Reply
Hannes 17/09/2009 at 12:04

In so einer Kulisse kann man auch nicht anders, als wieder zu sich selbst zu finden und die Schmerzen Vergangenheit sein zu lassen.

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Felix 22/09/2009 at 16:08

Ahh, nun keimt auch in mir wieder ein sehnsüchtiges Gefühl auf. Ich beneide dich

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Allrounder: Mammut-Fleecehandschuhe « 100 days to marathon 21/01/2010 at 20:57

[…] in Ausrüstung von sturmkind58 am Januar 11, 2010 Als ich vergangenen September am Olperer („Die ausgesetzten Abschnitte des Riepengrats dürften bei Vereisung äußerst heikel […]

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Schwarzenstein, Zillertal - Dreitausender für Einsteiger 18/01/2014 at 16:11

[…] möglich. Dafür reicht die Aussicht vom Gipfel vom markanten Tuxer Hauptkamm (Schrammacher, Olperer, Gefrorene-Wand-Spitzen) im Nordwesten bis zum dominanten Firngipfel des Großvenedigers in den […]

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