Röntgenlauf 2009 – Wie ich den ersten Marathon gelaufen bin

27/10/2009

Remscheid — Es ist Oktober, Herbst geworden. Ich stehe in Remscheid-Hackenberg vor der Sporthalle. Der Tag im Juli, an dem ich beschlossen habe, einen Marathon zu laufen, kommt mir vor, als läge er in einer weit entfernten Vergangenheit, wie das mit vielen Dingen im Leben ist, die noch gar nicht so lange her sind.

Das Wetter ist ziemlich gut für so einen Lauf, weder Sonne noch Regen. Angenehme Temperaturen, weder kalt noch warm. Besser kann man es eigentlich nicht haben. Meine Startnummer habe ich mit vier Sicherheitsnadeln an meinem Shirt festgemacht, sie steckt in einer Klarsichthülle, wegen des Regens, vielleicht. Hoffentlich nicht.

Als ich am Morgen wach wurde, glaubte ich, ganz gut geschlafen zu haben. Die Nacht davor aber so gut wie gar nicht. Dafür hatte ich viel gegessen, weil man das so machen soll vor einem Marathon. Bis zum Vorabend dachte ich über all die Dinge nach, von denen ich oft gelesen hatte, wie wichtig sie sind: die wöchentliche Kilometerzahl, lange Trainingsläufe, Tempotraining.

Und ich dachte daran, wie wenig ich diese Dinge beherzigt hatte. Wie ich diesen typischen Anfängerfehler gemacht hatte: zu schnell zu viel zu trainieren. Wie ich glaubte, über den Dingen zu stehen, und wie ich genau diesen Fehler gemacht hatte.

Jetzt stehe ich vor der Toilette der Sporthalle, es ist 8 Uhr, in einer halben Stunde soll es losgehen. Ich binde den elektronischen Chip, der in Start und Ziel automatisch die Zeit misst, in die Schnürbänder meines Laufschuhs. Noch ein wenig trinken, dann langsam Richtung Start. Noch einmal pinkeln, dieses Mal im Busch, das machen die anderen Läufer auch so.

Ich stehe dann in dem Pulk von Menschen, die sich vor der Startlinie sammeln. Ich bin ziemlich ruhig. Alles ist ganz klar und eindeutig.

Ein guter Freund meinte einmal zu mir: Wenn du morgen etwas erreichen willst, muss es schon heute Realität in deinem Kopf sein. Wenn du etwas wirklich schaffen willst, muss der Endzustand – in diesem Fall das Überqueren der Ziellinie – schon so im Bewusstsein verinnerlicht sein, dass es gar nicht mehr anders passieren kann. Das ist wie beim Bergsteigen. An dem Tag, an dem du hochgehst, ab dem Moment, an dem du losläufst, gibt es nur einen möglichen Weg. Es gibt keine Alternative.

Ich bin also ganz ruhig.

Und dann laufe ich über die Startlinie. Der Chip an meinem Schuh fängt an, die Zeit zu zählen, aber das merke ich natürlich nicht.

KILOMETER 0 BIS 10

Ich begreife gar nicht richtig, dass ich gerade laufe, bei diesem Marathon, den ich mir schon so lange vorgenommen habe. Aber dann laufe ich einfach.

Remscheid sieht in Teilen ungefähr so aus, wie ich mir Nordkorea vorstelle: Aus der bewaldeten Landschaft ragen hässliche, graue Wohntürme heraus. Die Strecke führt über die ersten fünf Kilometer durch den Ort. An diesem Sonntagmorgen sind schon viele Menschen auf den Beinen und beobachten den Start der Läufer. Schilder, Trompeten, Trillerpfeifen, alles dabei.

Ich bin immer dicht umringt von anderen Läufern. Halbmarathon-, Marathon- und Ultraläufer sind zusammen gestartet. Das Ganze hat einen großen Vorteil: Man läuft nicht zu schnell los. Es ist praktisch unmöglich, sich vom Hauptfeld abzusetzen, wenn man am Anfang nicht direkt an der Startlinie stand. Irgendwann führt der Weg aus dem Ort heraus.

Meine größte Sorge ist mein Bein und der Wadenschmerz, der mich während des Trainings immer wieder geplagt hat. Er ist nicht da, er kommt auch nicht wieder. Die Taktik, auf vollständige Entlastung zugunsten der Regeneration zu setzen, ist also richtig gewesen.

Der erste Getränkestand kommt bei Kilometer 7. Ich habe mir vorgenommen, früh mit dem Trinken anzufangen, ich greife einen Pappbecher mit Zitronentee, den ich im Gehen leer mache. Man soll während eines Marathon ein bis vier Liter trinken, heißt es.

Nach einer Stunde erreiche ich die 10-Kilometer-Marke. Gutes Tempo, denke ich.

Ich bin nicht zu schnell gestartet. Ich habe keine Schmerzen. Im Prinzip fühle ich mich so, als wäre ich gerade erst losgelaufen. Als hätte ich nie etwas anderes getan, als zu laufen.

KILOMETER 10 BIS 25

Auf den folgenden Kilometern habe ich das erste Mal das Gefühl, dass sich die Strecke etwas zieht.

Asphalt und Waldboden wechseln sich jetzt immer häufiger ab. Es geht meist bergauf und bergab, selten eben geradeaus, aber das war ja vorher klar.

Kurz vor Kilometer 20 kommt das erste richtige Steilstück, es geht vielleicht 50 Meter in Serpentinen den Hang hinauf. Auf diesem Stück läuft niemand, der Kraftaufwand wäre die gewonnene Zeit nicht wert. Also marschiere ich bergauf, überholen kann man auf dem engen Pfad sowieso niemanden. Am Wegrand haben ein paar Leute eine Prosecco-Bar aufgebaut, so heißt es jedenfalls auf dem Schild. Im Prinzip ist da aber einfach ein Bierzelttisch, auf dem einige Pappbecher mit Sekt stehen. Die Leute selbst trinken Bier aus Flaschen, es ist jetzt vielleicht 10 Uhr morgens. Ich habe das Gefühl, dass die Leute sich schon lange auf diesen Tag gefreut haben. Prosecco trinkt trotzdem niemand.

Es geht dann irgendwann noch einmal durch eine Senke, ein Bachtal hinunter. Für die Halbmarathonläufer, an diesem Tag deutlich in der Überzahl, ist hier schon bald Schluss. Das bedeutet: Endspurt. Ich lasse mich aber nicht aus der Ruhe bringen, ich bleibe bei meinem Tempo.

Nach 21,2 Kilometern wird wieder Zeit genommen: Ich bin ziemlich exakt zwei Stunden unterwegs.

Nach einer weiteren bedeutungslosen Kehre stehen da plötzlich meine Eltern am Wegrand. Sie wollten versuchen, irgendwie an die Strecke heranzukommen, um mir ein wenig Energy-Gel zu geben. Das Erste, was mir auffällt, ist die große Erleichterung im Gesicht meiner Mutter. Ich sehe offensichtlich nicht wirklich erschöpft aus.

Die Hälfte ist geschafft, mein Fokus liegt auf der 25-Kilometer-Marke.

Man darf bei einem solchen Lauf nicht den Fehler machen, sich die gesamte Strecke ins Gedächtnis zu rufen. Kopf und Körper müssen sich von einer Etappe zur nächsten bewegen. Ich denke also: Bis zum nächsten Getränkestand, und dann sehen wir weiter.

Der Stand kommt nach weiteren 20 Minuten. Ich löse das Kohlenhydratpulver, das ich dabei habe, in Wasser auf. Es enthält viele Elektrolyte – das ist gut, ich habe viele Mineralstoffe beim Laufen ausgeschwitzt. Dazu gibt es eine Viertelbanane und eine Tube Powergel, das optisch und haptisch handelsüblichem Haargel sehr nahe kommt. Schmecken tut es aber süß, obwohl kein Zucker enthalten ist. Nur Kohlenhydrate, Kalium und Natrium.

Ich will keinen Zucker zu mir nehmen, das treibt den Blutzuckerspiegel nach oben und führt auf Dauer zu körperlicher Ermüdung und einem unangenehmen Erschöpfungshunger.

Ich fühle mich recht fit, eigentlich sogar sehr fit, und verschiebe meinen Gedankenhorizont auf die nächsten fünf Kilometer. Und ich denke an das Gedicht, das über meinem Bett hing, als ich noch klein war: Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte von Antoine de Saint-Exupery.

KILOMETER 25 BIS 34

Die andauernde Energieversorgung zahlt sich aus: Auf den nächsten neun Kilometern ändert sich die Wahrnehmung meiner Schmerzen nicht. Richtige Ernährung ist ein absoluter Schlüssel zum Erfolg, das wird mir jetzt bewusst. Durch eine Tube Gel alle halbe Stunde bleibt das Energielevel weitgehend konstant, nur die Muskeln werden natürlich immer schwerer, sie übersäuern langsam.

Ich bewege mich sehr lange auf gleicher Höhe mit einem älteren Mann, der einen grauen Vollbart trägt. Er läuft bei jeder Steigung gleichbleibendes Tempo. Das finde ich ziemlich beachtlich. Offensichtlich hat sich der Mann in seinen vielen Jahre als Läufer ein unglaubliches Maß an Disziplin und Kondition antrainiert. Er läuft nie zu schnell, fast in stoischer Gleichmäßigkeit.

Eine Sache habe ich dann etwas unterschätzt: Ab einer bestimmten Dauerbelastung ist es einfach nicht mehr angenehm, bergab zu laufen. Um Kilometer 30 herum ist die Strecke zwar nicht ganz so bergig wie bisher, aber jedes Abfedern des Oberschenkels bereitet Schmerzen. Überhaupt, die Beine fangen einfach an, weh zu tun.

Bei den Anstiegen versuche ich, meine Arme nicht über das Maß der minimalen natürlichen Bewegungsdynamik hinaus zu bewegen, die Beine eng beieinander zu halten und sehr viele kleine Schritte zu machen. Damit nehme ich einen zähen, besonders langen Hügel, ohne mich vollkommen zu verausgaben.

Zum Glück höre ich mich selbst nicht atmen, weil ich die ganze Zeit Musik höre.

Mit den Liedern ist es wie mit den Kilometerschildern, ich gehe von einem zum nächsten. Ich konzentriere mich auf den Moment, auf den nächsten Berg, manchmal nur auf die drei Meter, die sich immer wieder vor meinen Füßen auftun. »Baby steps«, nennt das der Ultraläufer Dean Karnazes.

Ich trinke jetzt mehr an den Getränkeständen, Gatorade und Wasser im Wechsel. Ich bin schon weiter, als ich denke, der nächste Getränkestand kommt bei Kilometer 34.

Über diesen Punkt hinaus bin ich noch nie in meinem ganzen Leben gelaufen.

KILOMETER 34 BIS 42

Die letzten sechs Kilometer sind die schlimmsten des gesamten Laufs. Ich bin jetzt weit über drei Stunden auf den Beinen. Bergablaufen tut fast noch mehr weh als bergauf. Ich versuche nur noch, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Manchmal grinse ich vor Schmerz.

Es ist die große Dialektik des Laufens, dass gleichzeitig das Allereinfachste und das Allerschwerste in einem Moment zusammenfallen. Einen Schritt vor den anderen setzen, das kann sogar ein Kleinkind, es ist eine der trivialsten menschlichen Bewegungen überhaupt. Und hier kostet jeder Schritt auf einmal so wahnsinnig viel Überwindung. Jeder einzelne Schritt. Du machst einen, du machst noch einen, und plötzlich hast du wieder einen Kilometer mehr geschafft – der Körper schafft das.

Ich denke, dass auch das ärgste Hindernis im Leben, das größte Problem, schon die einfachste Lösung in sich trägt.

Ein Marathon war für mich lange Zeit ein nahezu unüberwindbares Hindernis, eine beinahe mystische Distanz, aber er ist nur das Produkt aus vielen tausend Schritten, der einfachsten Sache überhaupt.

Wie weit kann man also gehen?

All diese Gedanken surren höchst unscharf durch meinen Kopf, als ich erschöpft auf Kilometer 40 zusteuere. Ich lasse die Möglichkeit, einfach stehen zu bleiben und damit den Schmerz abzustellen, einfach nicht in mein Bewusstsein.

Plötzlich ist der Waldboden wieder komplett matschig, das Auftreten und Abstoßen kostet doppelt Kraft. Ich merke selbst, wie sich mein Gesicht verzogen hat. Ich atme auch nicht mehr so gleichmäßig wie am Anfang.

Dann kommt die 40-Kilometer-Marke, ich habe zu diesem Zeitpunkt schon komplett abgeschaltet, treibende Lieder rauschen durch mein Ohr. Ich könnte jederzeit stehen bleiben, es erscheint als das Reizvollste auf der ganzen Welt.

Aber ich tue es nicht. Ich laufe eben doch weiter.

Auf den letzten zwei Kilometern lege ich deutlich an Tempo zu. Ich spüre ein Kribbeln, fast schon eine Gänsehaut in mir aufsteigen, ein Gefühl absoluter Energie, das sich auf meinen gesamten Körper überträgt, und ich überhole alle anderen Läufer, die mir auf den letzten Anstiegen begegnen. Ich balle die Fäuste, mein Gesicht sieht düster aus wie das eines Kriegers.

Ich sehe bestimmt sehr lächerlich aus. Aber ich fühle mich wie Held.

Ich schaue in die Augen der Zuschauer, die an der letzten Kehre stehen und alle Läufer anfeuern, ein belebender Augenblick.

Dann kommt das Ziel.

Der Kommentator ruft meinen Namen auf und gibt die Endzeit durch: Ich bin 4 Stunden und 22 Minuten durchgelaufen. Das Adrenalin legt sich.

Was gerade eben passiert ist, kommt mir mit einem Mal schon wieder vollkommen irreal vor. Die Distanz, die Zeit, alles. Das Einzige, was für einen kleinen Moment greifbar wird, ist das Gefühl von tiefer Zufriedenheit. Es ist geschafft, und ich wusste, dass es so kommen würde.

Die krasseste Sache an dieser ganzen Geschichte: Vor dem Marathon bin ich das letzte Mal am 23. September gelaufen, also vor über einem Monat.



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3 comments

Ausdauerherausforderungen in 2010 « 100 days to marathon 21/01/2010 at 21:02

[…] besser woanders. Na gut, aus sportlicher Sicht war das Jahr auf jeden Fall ein Erfolg. Ich bin einen Marathon gelaufen (und keinen leichten), habe den höchsten Berg Österreichs bestiegen, als auch den höchsten Berg […]

Reply
Berlin-Marathon 2010 « 100 days to marathon 20/04/2010 at 22:55

[…] werden aber wissen, dass diese Vorbereitungszeit eigentlich zu kurz war. Im Ergebnis konnte ich den Röntgenlauf in Remscheid zwar durchaus zufriedenstellend hinter mich bringen, das lag aber wohl nicht an meinem […]

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Swiss Alpine K42: Der ultimative Marathon « 100 days to marathon 06/06/2011 at 22:46

[…] und die Grenze des Möglichen noch einmal neu definiert. Zwei Marathons bin ich bisher gelaufen, einen durch das Bergische Land und einen durch Berlin. Es müssen jetzt einfach mehr Höhenmeter sein, dachte ich, in einer […]

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