Kilimandscharo (1) – Hakuna Matata

17/03/2010

Zum ersten Mal in meinem Leben reise ich nach Afrika. Im besten Fall geht es auf den Gipfel des Kilimandscharo, ein ambitioniertes Vorhaben. Vorher erlebe ich noch ein anderes Gefühl, das für mich gänzlich neu ist.

Der Mann mit der Maschinenpistole lächelt mürrisch die Menschen an, die durch die Passkontrolle kommen. Er ruht in seiner beigen Uniform etwas abseits auf einem Stuhl und erinnert meine Westler-Augen ein bisschen an einen Milizenführer. Über den Gepäckbändern kreisen im fahlen Neonlicht derweil unzählige Moskitos und anderes Getier nervös durcheinander.

Es ist halb elf abends und das Thermometer zeigt 25 Grad. Ich schwitze sehr unter meinem Fleecepullover, aber die Aussicht, bereits am Flughafen von Stechmücken attackiert zu werden, erscheint mir wenig verlockend. Die meisten Wartenden, von denen nicht wenige durch ihre sonnengegerbte Haut und die Safaribekleidung weltläufige Reiseerfahrung auszustrahlen versuchen, stehen erst einmal in der gedrungenen Eingangshalle herum und wissen nicht so recht, was sie mit der Situation anfangen sollen.

Ich plaudere mit Jenny und Mathias, die ich am Flughafen in Amsterdam kennengelernt habe. Jennys Gepäck kommt jetzt – natürlich – nicht über das Gepäckband gefahren. Ein Fluggast behauptet, dass auf den Flügen der KLM zum Kilimanjaro Airport angeblich gerne mal das eine oder andere Gepäckstück liegen bleibe, weil sonst die zulässige Maximaltraglast überschritten würde. Wie dem auch sei, dass der Koffer fehlt, ist ein echtes Ärgernis. Als ich meinem Fahrer zu verstehen gebe, dass das Gepäck einer Mitreisenden noch nicht angekommen sei, man nun einige Erkundigungen einholen wolle und er doch bitte noch zehn Minuten warten möge, ist die Verwirrung perfekt.

Der Mann verweist mich wieder und wieder an die Gepäckstelle und schiebt mir ein Formular unter die Nase, glaubt er doch, ich selbst würde mein Gepäck vermissen. Dabei hängt der große, grüne Seesack offensichtlich über meiner Schulter. Jennys Gepäck hingegen liegt tatsächlich in Holland. Ich tippe meine Telefonnummer in ein sehr altes Handy, das im Gegensatz zu meinem funktioniert. Man wird sich dann morgen im Hotel sehen.


Kilimandscharo vom Hotel Park View Inn aus gesehen.


DIE NACHT UND DER BERG

Im nächsten Moment sitze ich in einem Van, der in Deutschland wohl keine TÜV-Zulassung bekommen hätte. Die in regelmäßigen Abständen über den Asphalt gezogenen Bodenwellen überfährt der Fahrer noch genau mit einer derartigen Geschwindigkeit, bei der davon auszugehen ist, dass der Wagen auf dieser Fahrt von 40 Kilometern nach Moshi keinen Schaden davon trägt.

Die Savanne ist vom Vollmond hell erleuchtet, am Straßenrand stehen dürre Büsche. Ab und zu überholen wir Fußgänger, die noch einen weiten Weg vor sich haben. Einige Gemäuer, zusammengestellte Plastikstühle, Holzkarren und spärliche Laternenbeleuchtung rauschen sehr schnell an uns vorbei.

Die Nacht schillert silbern, und die Silhouette des Kilimandscharo-Massivs zeichnet sich am Horizont im Mondlicht ab. Die Position des Berges scheint sich während der gesamten Fahrt überhaupt nicht zu verändern, was am gewaltigen Ausmaß dieser topografischen Erhebung liegt. Dadurch entsteht der Eindruck, die Straße gleite auf einer riesigen rotierenden Kugel unter uns hinweg, während sich Berg und Wagen, auf einer durchsichtigen Ummantelung darüber liegend, keinen Meter von der Stelle bewegen.

Obwohl ich ein paar Menschen sehe, überkommt mich ein Gefühl relativ entschiedener Verlassenheit. Also frage ich den Fahrer, wie viele Einwohner die Stadt Moshi habe, jedoch scheint mir seine Antwort »around one million« bei aller betont nachlässigen Großzügigkeit deutlich zu hoch. Das macht aber nichts, denn es ist ohnehin dunkel und ich ein wenig erleichtert, als wir, der Fahrer und ich, endlich das Hotel Parkview Inn erreichen.

Im Badezimmer töte ich nicht ungeschickt eine Stechmücke, deren Überreste an der weißen Wand kleben bleiben, und krieche dann rasch unter das Moskitonetz, weil ich nicht weiß, ob man diesem Malarone wirklich trauen kann. Im matten Zimmerlicht bahnt sich das engmaschige Netz seinen Weg von der Aufhängung an der Zimmerdecke bis hinab auf mein Laken. Ich komme mir vor, als fielen klebrige Riesenspinnweben auf mich herab, wie bei der Spinne Kankra im Herrn der Ringe, aber ich bin eben auch sehr müde an diesem Abend.


Parkview Inn Moshi
Parkview Inn Moshi
Parkview Inn Moshi
Parkview Inn Moshi
Im Park View Inn in Moshi.


BEAUTY HUNTER

Weil es ab spätestens halb neun viel zu heiß zum Schlafen ist, stehe ich trotz dieser typischen Reiseerschöpfung recht früh auf, um ein Frühstück aus scrambled eggs, halbherzig geröstetem Weißbrot und aromatischen Minibananen zu mir zu nehmen. Im Anschluss holt mich mein Guide im Hotel ab. Sein Name ist Theodory oder einfach Tito. Mit seinem schwarz-rot gestreiften Polohemd und der Kappe mit dem Schriftzug »Beauty Hunter« sieht er ein bisschen aus wie eine Mischung aus Zeitungsverkäufer und Tennisspieler. Bereits am immer noch frühen Vormittag fühlt sich meine Stirnhaut ölig an.

Ich nehme in den Räumlichkeiten von Mauly Tours auf einem durchgesessenen Sofa Platz, um mich über die bevorstehende Besteigung des Kibo unterrichten zu lassen. Die Erläuterungen zur nötigen Ausrüstung, zum Verlauf der Route und zu den zu durchschreitenden Klimazonen sind mir zwar schon bekannt, dennoch lausche ich aus Höflichkeit dem Vortrag Titos, und es scheint mir kurz so, als sei er sehr stolz darauf, dieses Wissen nun, in diesem bedeutungsträchtigen Moment, vortragen zu können. In Wahrheit ist das alles natürlich reine Routine für ihn. Um Tito nicht das Gefühl zu geben, ohnehin schon über alles Bescheid zu wissen, stelle ich wohl dosiert einige Zwischenfragen und leihe mir am Ende für zehn Dollar ein Paar Gamaschen.

Entgegen der meisten anderen Bewohner von Moshi machen die Angestellten im Parkview Inn eine Miene, als sei ein naher Verwandter gestorben, und deshalb habe ich keine große Lust, meinen verbleibenden freien Tag dort zu verbringen. Als ich Tito meinen Plan unterbreite, nun in die Stadt gehen zu wollen, grinst er mich leicht verstohlen an, nuschelt etwas von »you can get robbed« und gibt mir mit einem undefinierbaren Achselzucken zu verstehen, dass es wohl bei mir liegt, was daraus wird.


Mauly Tours Moshi
Mauly Tours Moshi
Im Büro von Mauly Tours.


ERKUNDUNGEN IN DER HITZE

Ich gehe noch einmal zurück ins Hotel und treffe dort Oliver, einen jungen Kerl, der am nächsten Tag zusammen mit mir die Kilimandscharo-Tour beginnen wird. Nachdem ich erfahren habe, dass er bereits seit Weihnachten durch Afrika reist, an einer Rallye von Marokko über Mauretanien bis in den Senegal teilgenommen hat, im Zuge dessen in Fés im abendlichen Stadtverkehr beinahe ohne Benzin liegen geblieben, dann aber doch irgendwann von Dakar nach Johannesburg geflogen ist, um einige Wochen in Südafrika zu verbringen, scheint mir sein gutgemeinter Ratschlag, dass man sich in Moshi bei Tag keine Sorgen machen müsse, als durchaus überzeugend, und so spaziere ich bei mittlerweile gleißender Mittagssonne die Aga Khan Road hinab in Richtung Mawenzi Road. Es ist sehr heiß, der Straßenrand sehr holprig, und ich bin wirklich sehr weiß in dieser tansanischen Sonne.

In der Ziellosigkeit des Tages liegt ein gewisser Reiz, aber ich beschließe dennoch, Mathias und Jenny in ihrem Hotel, dem Buffalo, aufzusuchen. Meine Kamera habe ich im Rucksack verstaut, der naiven Hoffnung folgend, ich könne ein paar tolle Schnappschüsse dieser gänzlich fremden Stadt einfangen. Je mehr ich mich jedoch in den Gassen verliere, umso unangebrachter und, nun ja, gefährlicher erscheint mir dieses Vorhaben. Obwohl die meisten Einwohner, mit denen ich ins Gespräch komme, sehr freundlich sind, lassen die beiläufig fallengelassenen Verweise auf diese oder jene »art gallery« eines Cousins oder Bekannten erkennen, dass dieser viel zu weiße Mann in erster Linie ein kleines Geschäft verspricht.

Und auch wenn man davon ausgehen kann, dass es sich bei den meisten Zeitgenossen nicht um Straßenräuber handelt, sondern um normale Leute, die ihrem Tagwerk nachgehen, halte ich die Idee, auf dem übervollen Marktplatz von Moshi meine Kamera aus der Tasche zu ziehen, für keine gute. Vergliche man den Preis meines kleinen Reisebegleiters mit dem durchschnittlichen tansanischen Monatslohn, so käme man zu dem Schluss, dass es bei gegebener Situation eigentlich überhaupt keine andere Möglichkeit gäbe, als mir diese Kamera mit den dazu nötigen Mitteln abzunehmen. Alles andere wäre großherzig. Abgesehen davon treffe ich in den zwei Stunden, die ich in den Straßen und Gassen verbringe, genau zwei Menschen, die ich für europäische Reisende halte. Wenn es hier tatsächlich Touristen gibt, dann halten sie sich alle im Schatten ihrer Hotels und Hostels auf.

Zu allem Überfluss gebe ich einmal leichtfertig meine Ortsunkenntnis preis, sodass mir ein Mann namens Jonathan sogleich anbietet, mich zum Buffalo zu geleiten. Ohne zu wissen, weshalb genau, folge ich dem Mann, der sich selbstverständlich auch als »local artist« entpuppt und mir alsbald seine handgemalten Bilder für zwei Dollar das Stück anbietet. Entweder ist es um die Vielseitigkeit der tansanischen Handwerkskunst wahrlich schlecht bestellt oder aber die vermeintlich handgefertigten Drucke stammen doch aus einer Maschine. Man muss jedenfalls kein blitzgescheiter Mensch sein, um zu erkennen, dass sich die an allen Ecken angebotenen Bilder ziemlich ähneln.

Im Hotel kann ich dann niemanden antreffen, also hinterlasse ich eine Notiz an der Rezeption. Dumm, unwissend und sehr deutsch feilsche ich einige Zeit mit Jonathan darüber, wie viel seine kurze Führung nun wert gewesen ist und lasse ihn dann mit 2000 tansanischen Schilling davonziehen.

A STRANGE FEELING

Nach einem Dutzend Gespräche über angebliche Verwandte in Deutschland und unzählige hakuna matata später bekomme ich in erster Linie Hunger und setze mich in ein kleines Straßenrestaurant. Ich bestelle etwas mit Chicken und Reis und beobachte den Koch, der unter freiem Himmel ein ganzes Huhn, über dem einige schwarze Fliegen kreisen, mit einem groben Beil in kleine Stücke hackt. In diesem Moment frage ich mich, was in Gottes Namen ich hier überhaupt gerade tue, und mit einem Mal komme ich mir sehr einsam vor.

Das halte ich im zweiten Nachsinnen aber schon wieder für einen dummen und überflüssigen Gedanken, vermutlich liegt es nur daran, dass Mathias und Jenny nicht im Hotel gewesen sind. Denn eigentlich bin ich sehr vergnügt darüber, hier in einem mir vollkommen unbekannten Land auf einem Plastikstuhl zu sitzen und eine Cola zu trinken.

Auch wenn man glaubt, schon alles aus dem Fernsehen oder dem Internet oder von all den wahnsinnig individuell durch die Welt ziehenden Erasmus-Traveller-Freunden zu kennen, die heutzutage mit einer Selbstverständlichkeit durch Südostasien backpacken, als führen sie einen Sonntag ins Naherholungsgebiet Berlin-Barnim, lerne ich dort, in Tansania, ein gänzlich neues Gefühl kennen – und zwar das, ein Fremder zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass ich tatsächlich der einzige Weiße bin, den ich seit einer Stunde gesehen habe. Vielleicht auch daran, dass offensichtlich ist, dass ich hier keiner Beschäftigung nachgehe, sondern als Tourist umherreise. Ich falle aus dem Bild heraus. Kein Gefühl von multi-kulti, wie man es von früher von der kindlichen Erregung am Flughafen kennt, oder später kosmopolitisch-urban von der letzten Kreuzberg-Stipvisite. Auch kein Gefühl, in einem aufregenden Schmelztiegel der Völkervernetzung durch das Gewühl einer Metropole zu streifen.

An diesem frühen Nachmittag des 5. März bin ich das erste Mal in meinem Leben wirklich ein Fremder. Nicht, weil ich herablassend behandelt werde oder die Menschen eine grundlegend schlechte Meinung von mir haben, denn ich werde ja meist hofiert oder jedenfalls betont freundlich übers Ohr gehauen – sondern weil ich dort bin, wie ich dort bin. Man kann es sofort erkennen in dieser Restaurantszene und in jedem Schritt, den ich betont gleichgültig versuche über die erdige und aufgeheizte Straße zu setzen.

Satt wie ich schließlich bin, stellt sich an diesem Punkt des Reisetages die bekannte Frage nach einer ernstzunehmenden Nachmittagsangetrunkenheit. Da so etwas alleine selbst auf Reisen wenig Charme hat und wohl überhaupt nur Spross von viel zu vielen realitätsfremden Romaneindrücken ist, gebe ich meinen sportlichen Ambitionen der nächsten Tage einstweilen Vorrang und mache mich zurück auf den Weg ins Hotel. Dort angekommen überkommt mich eine große Müdigkeit. Bevor ich mich mit einem Buch in den Innenhof setze, ruhe ich eine Weile auf dem Zimmer. In der Ferne ragt der schneebedeckte Gipfel des Kilimandscharo aus den Wolken. Der armselige Pool liegt etwas deplatziert im Schatten des benachbarten Gebäudes.


Parkview Inn Moshi
Blick vom Balkon des Zimmers im Park View Inn.


EIN LUSTIGER HAUFEN

Gänzlich unerwartet tauchen auf einmal Mathias und Jenny auf, und es gibt ein mittelgroßes Hallo. Angesichts dieser Wendung der Ereignisse kommen wir nun doch nicht umher, einige Kilimanjaro Lager zu ordern und werden mit nahender Dunkelheit, sitzend und erzählend, zunehmend angetrunkener. Hat mich im Laufe des Mittags noch das Gefühl einer gewissen Einsamkeit gestreift, entwickelt sich der Tag nun also doch zur vollen Zufriedenheit aller. Allerdings ist Jennys Gepäck immer noch nicht da, und obendrein akzeptiert keine der ortsansässigen Banken ihre Kreditkarten, was zusammengenommen für etwas Anspannung sorgt. Soviel kann aber verraten werden: Vor dem Antritt der Tour wird das vermisste Gepäckstück doch noch ankommen.

Nach unserem zweistündigen Plausch gehen wir herüber in die Bristol Lodges. Dort treffen wir Oliver vom Vormittag wieder und obendrein zwei andere Herren, mit denen ich meine Tour am Morgen beginnen soll. Es gibt Chicken-Curry, süßsaures Gemüse auf Reis, noch mehr Kilimanjaro Lager, und jeder erzählt, was ihn nun zu diesem Berg verschlagen hat, der da in gut 30 Kilometern Entfernung aus der Savanne herausragt und seine 5000 Meter Höhenunterschied zum Flachland nur erahnen lässt. Jeder berichtet also, und alles in allem sind wir wirklich ziemlich unterschiedliche Menschen, die da an diesem Tisch sitzen, während ein Tansanier im Smoking sich an einem alten Klavier bemüht, das ohne noch aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft zu stammen scheint, wenn nicht sogar der deutschen.

Die Nacht beginnt früh in Tansania, und so werden wir recht bald müde. Ab und zu fällt der Strom aus, und die Terrasse, auf der die Essecke eingerichtet ist, wird in Dunkelheit getaucht. Es dauert immer einige Augenblicke, bis der Generator anspringt, und bis dahin ist es still, eine dröhnende Stille, als könne man nun, wo es kein Geräusch mehr gibt, weil Musik und Gespräche verstummen, kurz den Abend selbst hören.

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1 comment

Höhenrausch auf dem Dach Europas - philipp laage / geschichten vom reisen 07/09/2017 at 12:05

[…] stattliche Dreitausender also. Und irgendwann nahm ich einen höheren Berg ins Visier: den Kibo im Kilimandscharo-Massiv, höchster Punkt Afrikas. Technisch unschwierig, nur die Höhe von 5895 Metern ist eine […]

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