Kilimandscharo (2) – Langsam, langsam

27/03/2010

Es geht immer ein wenig bergauf, aber das merkt man gar nicht. Kaffee- und Kakaoplantagen streifen das Busfenster, ebenso kleine Kinder in adretten Schuluniformen, überhaupt die ein oder andere primary oder secondary school, auszumachen nur am Empfangsschild, dazu Supermärkte für die durstigen Bergtouristen, als letzte zivilisatorische Fluchtpunkte vor der Wildnis des Berges. Die beiden Sachsen und Oliver hüpfen aus dem Van, um etwas bottled water zu kaufen, und werden sogleich von einigen Händlern umringt. Dann wieder das ratternde Geräusch des Motors. Am Straßenrand stehen Frauen in bunten Tüchern, die Bananen verkaufen oder wahlweise Ramschsouvenirs. Die Straße steigt gegen Ende doch immer steiler an, und die Vegetation wird auf den letzten asphaltierten Kilometern zum Machame Gate zunehmend üppiger. Die Besteigung des Kibo über die Machame-Route verspricht – so ist überall zu lesen gewesen – landschaftlich am reizvollsten zu sein. Tito, mein Bergführer, sitzt hinter mir im Bus, und auch Roy, der fast zahnlose Guide meiner drei deutschen Reisebegleiter, hat im hinteren Teil Platz genommen.

Am Machame Gate wird schließlich die horrende Nationalparkgebühr von 650 US-Dollar fällig, die dafür spricht, dass ein großer Anteil der zu entrichtenden Reisekosten nicht etwa dem Bergführer oder dem Koch und den Trägern zugutekommt, sondern zweifelsohne in die Taschen der lokalen Bürokratie fließt. Schnell werden die permits ausgestellt und das Gepäck umgeladen, und bevor die Sonne, die in Tansania eigentlich fast den ganzen Tag im Zenit steht, ihren höchsten Punkt erreicht hat, stehen wir inmitten des tropischen Bergwalds, der die unteren Hänge des Kilimandscharo-Massivs säumt. Ein paar Affen verständigen sich im undurchdringlichen Grün des Dschungels durch lautes Brüllen von Baum zu Baum. Eine Ameisenstraße kreuzt den Weg. Kopf und Kiefer der Tiere sind zusammengenommen größer als der restliche Teil ihrer Körper, so als wäre es zumindest anatomisch das oberste Ziel, andere Insekten in der Mitte durchzubeißen. Tito rät mir eindringlich, von diesen Ameisen Abstand zu nehmen.


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Machame Gate, Abwiegen der Ausrüstung.


Unsere Gruppe geht sehr langsam. Das hängt nicht unbedingt mit dem wohlgeformten Bauch des Sachsen zusammen, der sicher schon einiges an deutscher Hausmannskost und ungezählte Pilsbiere verköstigt hat – etwas, worauf es zumindest in den kommenden sechs Tagen zu verzichten gilt. Vielmehr bekommt der Reisende am Kilimandscharo eigentlich bei jeder erdenklichen Gelegenheit den Ratschlag »pole pole« ans Herz gelegt, also »langsam, langsam«. Dies ist mehr als ein halbgarer Versuch der einheimischen Bevölkerung, den Touristen ein Gefühl von tansanischer Sprache und somit Kultur zu vermitteln. Der Hinweis, möglichst gemächlich aufzusteigen, hat einen praktischen, medizinischen Hintergrund: Am Gipfel des Kibo sind Luftdruck und atmosphärische Sauerstoffdichte nicht einmal mehr halb so groß wie auf Meereshöhe, was einen ausreichenden Akklimatisationsprozess zur physiologischen Anpassung des Körpers unabdingbar macht.

Immer wieder hört man Geschichten von Turnschuh-Japanern, die im nepalesischen Lukla am Tenzing Hillary Airport aus der klapprigen Propellermaschine steigen und sogleich umkippen und ohnmächtig werden. In La Paz soll es sich ähnlich verhalten. Für die Höhenanpassung, worunter hauptsächlich die Erhöhung der Konzentration an roten Blutkörperchen als Träger des Sauerstoffs zu verstehen ist, braucht der Körper also Zeit. Aus diesem Grund gestalten sich die ersten zwei Tage am Berg für einen trainierten Menschen eher als ausgedehnter Spaziergang denn ernstzunehmende Wanderung. Das ist aber auch vollkommen in Ordnung, schließlich braucht man einige Zeit, um überhaupt zu realisieren, dass man sich gerade quasi in einem riesigen, nicht abgeschlossenen und wildwüchsigen Tropenhaus befindet. Bemooste Stämme kreuzen sich in diffuser Undurchsichtigkeit, die feuchte Luft verdichtet sich regelmäßig zu grauen Nebelschwaden, und alles um einen herum ist grün, grün, grün.


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Kilimandscharo, tropischer Bergwald.


Der erste Tag am Kili ist noch nicht Realität für mich, sondern mehr wie eine Schablone, die mir jemand vor die Augen geschoben hat. Eben noch ein Whisky im Flieger, um einschlafen zu können, plötzlich schweißnasse Haare auf der Stirn und zwei große Augen über einem offenen Mund, der nichts begreift und nichts ausdrücken kann. Wie so oft prägen sich die Bilder, die von den Sinnesorganen ins Bewusstsein eingespeist werden, erst später dort ein. Dennoch: überall um mich herum die Suche nach Wörtern für das, was gerade passiert, in vielen Sprachen. Der eher zwanglose Marsch zum Machame Camp auf etwa 3000 Metern eignet sich derweil bestens für einen ausgedehnten Plausch mit den anderen Reisenden und meinem Bergführer. Als ich mit Tito eine Rast einlegt, überholen uns die Träger, die weiter oben am Berg das Lager für uns errichten werden. Ich erkläre Tito, dass es für mich als Europäer ein schieres Ding der Unmöglichkeit sei, auch nur eine Wasserflasche fünf Meter geradeaus auf dem Kopf zu transportieren, verzichte aber auf einen Versuch, meine Unfähigkeit unter Beweis zu stellen. Das amüsiert den jungen Mann ungemein, und er lacht herzlich wie ein Kind in den feucht-warmen Mittag hinein. »In Africa head is for carrying, in Germany head is for thinking«, sagt er. So so.

Das Machame Camp sieht aus wie ein versprengtes Flüchtlingslager. Überall stehen Zelte, dazwischen Zedern, Erika-Sträucher und Akazien, etwas lichter schon, aber immer noch deutlich höher als der Mensch. Die Vegetation ist eben überhaupt noch nicht alpin, was in 3000 Metern Höhe befremdlich wirkt, wenn man nur die Alpen kennt, in denen auf gleicher Höhe kein Strauch mehr wächst. Nach der absolvierten Tagesetappe, gegen deren Ende Tito und ich uns schon deutlich von den anderen Bergsteigern abgesetzt haben, gibt es Tee, Kaffee, Popcorn und Erdnüsse. Ich nehme auf einem Klappstuhl Platz, und Tito erzählt mir von Tansania. Zum Beispiel, dass es als Mann möglich ist, so viele Frauen zu haben, wie man will, solange man für sie zahlen kann. Für Homosexualität gibt es für Männer hingegen zwanzig Jahre Gefängnis, bei Frauen sind es immerhin noch sieben.

Ich kläre Tito über die Bedeutung seines Kappenschriftzugs auf – es ist wie gesagt »beauty hunter« – und auch das findet er ungemein komisch, gibt aber an, in festen Händen zu sein. Die Erläuterungen zu Tansanias politischem System erscheinen mir aus dem Mund des erst 26 Jahre alten Afrikaners darüber hinaus viel interessanter, als sie in einem Reiseführer nachzulesen. So rückt die Dunkelheit immer näher, die in Tansania schnell kommt und immer zur gleichen Tageszeit, so als würde jemand ein großes, schwarzes Tuch über das Land werfen.

Die Zeit nach dem Abendessen – es wird üblicherweise gegen 18 Uhr angerichtet und besteht immer aus einer Suppe, einem Hauptgericht mit Reis oder Nudeln sowie Hülsenfrüchten und Karotten in einer pikant-würzigen Soße und einigen Früchten als Nachtisch – verbringe ich üblicherweise im Gemeinschafts- und Essenszelt von Oliver und den zwei Sachsen. Einer der beiden will seinen 60. Geburtstag auf dem Gipfel des Kibo feiern. Ein ambitioniertes Ziel, keine Frage. Grundsätzlich legen die zwei Herren eine gewisse Spur von Kolonialherrenmentalität an den Tag, was sich auch darin zeigt, dass ihr Reisegepäck, das von den Trägern transportiert wird, aus zwei handelsüblichen Koffern besteht, aus denen nach getaner Arbeit die sorgfältig gefalteten, frischen Baumwollhemden hervorgezogen werden, und das Stofftuch, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Die zwei werden von den Einheimischen recht schnell nur noch »the papas« genannt. Zwar können sie kein Englisch, was die Verständigungsversuche mit ihrem Bergführer Roy immer sehr sehenswert macht, und haben sicher noch nie etwas von Facebook oder Tony Hawk oder von Vintage-Jeans gehört, wissen aber zum Beispiel einiges aus Mexiko, Birma und Indien zu berichten, und aus manch anderen Ländern, die sie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bereist haben.

Im Machame Camp herrschen am Tag immer noch angenehme Temperaturen, mit der Dunkelheit zieht aber Kühle ins Lager ein. Mein Schlafsack hält sehr warm, und so verbringe ich eine erholsame Nacht im Zelt. Am Morgen hat sich jedoch ein wenig Feuchte über meine Sachen gelegt, aber zum Glück bleibt noch etwas Zeit, um die Isomatte und das Handtuch in der Morgensonne zu trocknen. Pünktlich um 8 Uhr regt Tito den Aufbruch an, und schon sehr bald, nachdem er herausgefunden haben, dass ich ein »fasty one« bin, beschließt er, das Schritttempo zu erhöhen, um dem allmittäglichen Regen zu entgehen. Der kommt immer um 13 Uhr, danach kann man die Uhr stellen. Tagesziel ist heute das Shira Camp auf knapp 4000 Metern.


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Mount Meru.


Die Landschaft verändert sich an diesem zweiten Tag schon deutlich, bedingt durch das rauere Klima. Der Pfad ist von Baum-Heide, Erika-Sträuchern und mannshohen Farnen umsäumt, die das erste Mal den Blick auf die afrikanische Savanne freigeben. Vom Flachland aus betrachtet sieht das Kilimandscharo-Massiv eigentlich gar nicht so hoch aus, von den immer noch niedrigen 3200 Metern aus bekommt der Betrachter das erste Mal ein Gefühl für die nicht unbeachtliche Höhe, in der er sich ja bereits befindet. Weiter oben am Berg hüllt uns Nebel ein, und ein riesenhafter Rabe versucht Tito die Knochen seines Hühnerschenkels abzujagen. Jetzt wird auch das Gelände steiler, brüchiger und felsiger. In dem Maße, wie die Höhe zunimmt, schrumpft die Vegetation. Der Marsch zum Shira Camp ist aber noch wenig anstrengend, auch wenn die »papas« schon zu kämpfen haben. Das lässt sich jedoch eher auf ihre Kondition als auf die Höhe zurückführen.


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Kibo.


Das Shira Camp wird, wie zu erwarten war, um die Mittagszeit in grauen Regen getaucht. Im wahrsten Sinne des Wortes bleibt nichts anderes zu tun, als abzuwarten und Tee zu trinken. Das kann man auch eigentlich nicht oft genug tun, denn aufgrund der schnelleren Atmung in größerer Höhe verliert der Körper viel mehr Flüssigkeit als sonst. Ich glaube, Hans Kammerlander hat einmal gesagt, wer auf so einen richtig hohen Berg will, der wird damit scheitern, wenn er nicht zweimal in der Nacht zum Pinkeln raus muss. Um diese durchaus leidige Angelegenheit zu meistern, entwickele ich im Laufe der Besteigung immer ausgefeiltere Techniken, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Als die anderen Bergsteiger das Camp erreichen, hat der Himmel schon wieder aufgerissen, das Sonnenlicht fällt wie gezeichnet durch die Wolken und legt sich über die Ebene. In der Ferne ragt der Mount Meru aus dem Land heraus, ein Vulkan, der über 4600 Meter hoch ist. Was sich im Shira Camp als sehr wohltuend herausstellt, ist die warme Wasserschüssel, die dem Reisenden jeden Tag zweimal zum Waschen gereicht wird. Durchaus ein Luxus.


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Shira Camp.


Als Tourist, der man ja nun trotz aller Abenteuerlust ist, fühlt man sich etwas beschämt, wenn man sich abends in seinem Einzelzelt einrichtet, während die tansanische Entourage Abend für Abend dicht gedrängt in einem einzigen Zelt schläft. Letztlich bringt es aber auch gar nichts, sich ob der eigenen Bequemlichkeit und Faulheit zu verurteilen, denn schließlich beschert der Bergtourismus den Einheimischen bei aller Plackerei ein handfestes Einkommen, das durch die üblichen Trinkgelder nach Abschluss der Tour noch einmal verdoppelt wird. Und man möchte sich nicht vorstellen, wie es um die Stadt Moshi bestellt wäre, fiele dieser Geschäftszweig plötzlich weg. Tansania ist eines der ärmsten Länder der Welt, und der Großteil der Bevölkerung lebt von ein wenig kümmerlicher Agrarwirtschaft. Diesen Berg vor der Haustür zu haben, mit dem so viele von fern angereiste Menschen mit heller Haut tiefe Sehnsüchte verknüpfen, die sie dazu veranlassen, für die Besteigung einen nach Landesverhältnissen exorbitanten Geldbetrag zu zahlen, ist ein kleiner Segen.

Man könnte jetzt pathetisch anmerken, dass die Träger ja eigentlich die wahren Helden am Kilimandscharo sind, denn so ganz unbegründet ist diese Aussage nicht, aber einen Westler oder von mir aus auch einen Japaner auf diesen Gipfel zu führen, ist nun einmal ein einträgliches Geschäft. Der Afrikaner hat ein gutes Auskommen, der Europäer entflieht für einen Moment seinen Annehmlichkeiten, der Routine seines Alltags, seinem Überfluss, der Sinnentleertheit seines postmodernen Lebens, einem Zustand, in dem er alles haben kann und deshalb oft überhaupt nichts, in dem es alles schon gab und gibt, und in dem er immer etwas mehr sucht, als er überhaupt zu kriegen vermag, weil er schon immer so gelebt hat, wie er lebt, und für diese Flucht, dieses Sich-Entziehen, legt er einen ordentlichen Batzen Geld auf den Tisch. Ein bisschen pervers ist das schon.

Im Shira Camp senkt sich die Sonne und strahlt nur noch die höher liegenden Wolkenschichten an. Der Mount Meru ist nur noch als Silhouette erkennbar. Jemand im Lager hat Geburtstag, es wird ein Lied angestimmt. Drüben im Zelt scherzen und lachten die Tansanier noch eine ganze Weile, sie bleiben immer länger wach als die Touristen. Ich setze mich, bevor ich sehr früh schlafen gehe, in gesundem Abstand zum Toilettenhäuschen, das es in dieser Höhe tatsächlich gibt, auf einen Felsen, bis mir kalt wird. Eine Zeitlang beobachte ich nur die wechselnden Lichtverhältnisse, eine Tätigkeit, in der so etwas wie Müßiggang liegt, und die ich als spannend und entspannend zugleich empfinde. Die Wolken sehen sehr plastisch aus, so als habe jemand sie aus Knete geformt, oder vielleicht aus Watte, und in die tansanische Steppe gestellt. Ich sitze tatsächlich in Schwarzafrika in 4000 Metern Höhe in der Wildnis und blicke über das unter mir liegende Land. In meinem Kopf spielt jemand das alte Lied von Aufbrechen und Ankommen, Nähe und Ferne, Suchen und Nichts-mehr-Suchen, Sehnsucht und Einkehr. Die Nacht ist kälter als die vorherige, am Morgen hat es gefroren.


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Shira Camp.


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Kilimandscharo (1) - »Hakuna Matata« - Run. Travel. Grow. 29/08/2014 at 15:37

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