Kilimandscharo (3) – Dünne Luft

08/04/2010

In der kommenden Nacht werde ich zum Schlafen einen Pullover tragen. Eiskristalle verzieren den abwechselnd grasbewachsenen und dann wieder staubgrauen Boden im Shira Camp, die kalte Stunde vor Morgengrauen liegt gerade hinter uns. Die spärliche, aber immer noch vorhandene Vegetation schafft in Verbindung mit jenem Anflug von hochalpiner Kälte eine seltsame Mischatmosphäre. Ich spule mein Morgenprogramm ab. Das Verlassen des Schlafsacks – als eine Art Wärmekokon – ist mit Abstand die schlimmste Prozedur. Das Zelt ist an diesem Morgen nicht nur latent feucht, so wie eigentlich immer, sondern auch ziemlich kalt. Zähne putzen und Gesicht waschen beleben mich wieder, danach gibt es wie üblich Tee und Frühstück. Rasch wird alles in Kisten, Säcken, Taschen und Rucksäcken verstaut, und in dem Moment, in dem die Morgensonne endgültig über den Berghang fällt und das Lager mit gelblich-orangem Licht flutet, setzen Tito und ich wieder einen Fuß vor der anderen.

Die Tagesetappe sieht heute vor, bis zum Lava Tower, einem gut 20 Meter hohen, schroffen Felsobelisken auf etwa 4600 Metern aufzusteigen, nur um dann wieder auf Ausgangshöhe ins Barranco Camp zurückzukehren. Dies ist keine Schikane, sondern dient selbstverständlich der Akklimatisierung. Denn, wie jeder Bergsteiger weiß, gilt auch am Kibo das alte Motto climb high, sleep low, was für den ersten Teil des Tages also wiederum ein stetiges Bergaufgehen bedeutet.

Alsbald ziehen sich die Pflanzen gänzlich zurück, und recht schnell bekommt man in etwa ein Gefühl dafür, wie es auf dem Mond aussehen muss, abgesehen von dem azurblauen Himmel natürlich. Überall liegen Felsbrocken in der Landschaft herum, wie auf einem überdimensionalen Billardtisch. Die Felsen sind aus Lavagestein und darum aschgrau bis schwarz. Es lässt sich nur schwer sagen, wie sie dort hingekommen sind, ob durch natürliche Erosion oder aber – und das scheint mir wahrscheinlicher – durch einen frühzeitlichen Auswurf des Kibo-Kraters über uns.

Das Gefühl von extraterrestrischer Verlassenheit verbildlicht sich ziemlich deutlich auf den Fotos, die ich in diesem Gelände schieße, und bei denen das gedankenlose Übereinanderschrauben von UV-Filter und Polfilter auf dem Objektiv kurzzeitig dafür sorgen, dass in den vier Bildecken jeweils schwarze runde Halbkreise das eigentliche Motiv umrahmen. Dadurch sieht es aus, als fotografierte man durch eine Art Bullauge aus einem wie auch immer gearteten Vehikel, das den Entdecker vor der lebensfeindlichen Atmosphäre draußen schützt, hinaus in das groteske, irreale, trügerische Blau eines sonnigen Mittagshimmels, das nichts von der Unwirtlichkeit der Umgebung preisgibt. Alles Blödsinn, kann ich da nur sagen, gemessen an der Höhe geht es mir ziemlich gut. Nur auf den Fotos sieht es eben so seltsam aus.

Bald werden auch die Felsen kleiner und wir stapfen mit deutlich reduzierter Schrittgeschwindigkeit durch die staubige Alpinwüste auf rund viereinhalbtausend Metern. Belesene Alpinisten werden wissen, dass sich der Lava Tower somit ungefähr auf Höhe der Schweizer Dufourspitze im Monte Rosa-Massiv befindet, und das ist immerhin der zweithöchste Gipfel der gesamten Alpen. Zahlenspiele wirbeln durch meinen Kopf, wie ich dort mit Tito den Pfad entlang laufe, und ich denke daran, dass ich ja eigentlich nach Afrika geflogen bin, um diesen Berg zu besteigen, eben auch der Zahl wegen. Höchster Berg Afrikas, höchster freistehender Berg der Erde, knappe 6000 Meter. Aber dann fällt mir auf, dass ich in den vergangenen Tagen im Prinzip die ganze Zeit auf der Suche nach einem Gefühl gewesen bin, einem Gefühl, das irgendwie ausgelöst werden müsste, durch irgendetwas. Aber es ist nicht gekommen. Zwei Tage lang prasselten immer neue Sinneseindrücke auf mich ein, aber gefühlt habe ich nichts. Das ändert sich mit einem Mal, dort oben, unterhalb des eisbedeckten Gipfelaufbaus weit oberhalb des sonst so heißen ostafrikanischen Landes.

In meinem Ohr stecken Kopfhörer, Musik rauscht durch meinen Schädel, aber daran liegt es nicht, denke ich mir. Eine überschwängliche, berauschende Euphorie steigt in mir hoch, bis ins Gesicht, und beginnt dort sogar, meine Züge zu verändern. Ich muss unweigerlich lächeln. Es ist ein mildes Lächeln, voller Einsicht und Güte, so scheint es mir, vernebelt wie ich bin. Immer noch läuft Musik: Rubber Rings von soso. »I went looking for magic in a city of soil and plastic, grey days and a clean efficient mass transportation system Ich bekomme Tränen in den Augen, vor Erregung, dessen Ursprung ich nicht deuten kann. Irgendwo liegt alles zwischen Euphorie über das, was noch vor mir liegt, was mir an diesem Tag deutlich wird, und Melancholie. »And it’s enough to drive any sober man crazy Es ist so – und das klingt jetzt natürlich furchtbar kitschig – als hätte ich das erste Mal auf dieser Reise etwas gefunden, und zwar Zuversicht in der Abgeschiedenheit dieses fremden Ortes. Vermutlich liegt es daran, dass die dünne Höhenluft die Gedankenprozesse herunterfährt und auf das Wesentliche reduziert, und plötzlich liegt alles ganz klar vor einem, sozusagen in Reinform, und man weiß mit einem Mal sehr deutlich, was zu tun sein wird. Es ist wie eine Glocke, die einem in dieser Höhe über den Kopf gezogen wird und unter der alles langsamer arbeitet, aber unter der eben auch alles klar wird. Zweifel und Angst haben keinen Platz unter dieser Haube, und vielleicht wäre es schlichtweg zu anstrengend, beides zusätzlich ins Denken einzubeziehen. Ich lächele also und weine, und der Lava Tower taucht zwischen den Wolken auf.

Oben angekommen, immer noch im Angesicht dieser mächtigen Erhebung in unmittelbarer Nähe, auf die wir noch steigen sollen, gibt es dann eine Mittagsrast. Ich ermutige Tito dazu, sich zu seinen afrikanischen Weggefährten zu gesellen, denn schließlich muss ihm die stumme Zeit des Aufstiegs ziemlich lang geworden sein. Obwohl unsere Pause nicht allzu kurz ausfällt, treffe ich Oliver und die Sachsen am Lava Tower nicht. Der Weg führt im Anschluss über brüchiges Gelände in den Barranco Canyon hinab, an dessen Ende sich auch das Lager befindet. Plötzlich sprießen überall Riesensenezien aus dem Boden, teilweise bis zu drei Meter hoch, und ein sprudelnder Wildbach umspült die Steine tief unten im Canyon. Die Landschaft sieht hier wieder ganz anders aus, und jene Pflanzen sehe ich an keinem anderen Ort unserer Route, die ja im Prinzip einmal in südlicher Richtung den Gipfelaufbau des Kibo umrundet, um dann mit der Marangu-Route, der sogenannten Coca-Cola-Route, zusammenzutreffen, um den letzten Anstieg von Osten kommend zu nehmen.


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Kilimandscharo, Barango Canyon.


Über die Hauptroute, so erzählen sich die Bergsteiger am Kibo, hat es vor zwei Jahren auch der russische Oligarch Roman Abramowitsch auf den Gipfel versucht. Die Tatsache, dass er nach der Öffnung der Sowjetunion durch die perestroika auf undurchsichtige Weise zu unfassbarem Reichtum gelangt war, nun zu den vermögendsten Männern Russlands gehört und am Kilimandscharo Gerüchten zufolge mit 140 Männern Begleitmannschaft unterwegs gewesen ist, schützte ihn allerdings nicht davor, aufgrund von »air problems« umkehren zu müssen, wie Tito mir erzählt. Im Barranco Camp jedenfalls scheint es offenbar Normalität zu sein, dass sich die Leute übergaben. Titos Einschätzung nach zu urteilen ist das nichts Ungewöhnliches. Der Lava Tower ist auf dieser Route anscheinend eine Bewährungsprobe für die spätere Gipfelnacht. Ich fühle mich etwas abgeschlagen, habe aber keine Kopfschmerzen und esse mit viel Appetit das wie immer hervorragende Abendessen.

»What do the papas say?« will Tito am nächsten Tag wissen. Schließlich haben die beiden Sachsen mit dem gestrigen Anstieg ihre liebe Mühe gehabt. Zugegeben, auch mein Ruhepuls ist abends sehr hoch gewesen, mein Herz hämmerte gegen die Brust. Das legte sich aber am darauffolgenden Morgen – ein Zeichen dafür, dass die Höhenakklimatisierung Früchte trägt. Zum Leidwesen der weniger konditionell fitten Bergtouristen steht nun die Besteigung der Breach Wall auf dem Programm, quasi direkt nach dem Frühstück, um erst einmal richtig ins Schwitzen zu kommen. Dabei handelt es sich um eine rund 200 Meter hohe Wand, über die eine massive Verwerfung in einem der sich vom Gipfel herunterziehende Grate überwunden wird. Gefährlich ist das alles nicht, ab und zu bietet es sich an, die Hände zu benutzen. Beachtlicher sind da schon die Träger, die das gesamte Gepäck auf ihren Köpfen die Wand heraufbringen und dazu noch eine Menge an Trinkwasser, denn im Barango-Tal befindet sich die letzte Wasserquelle vor der finalen Gipfeletappe.

Der Vormittag ist erneut sehr sonnig, und man trifft viele anderer Bergsteiger, die von hier und dort kommen und noch hierhin und dorthin reisen werden. Im Prinzip habe ich überhaupt keine Lust, schon bald wieder nach Hause zu fliegen. Ich will einfach weiter reisen, ohne Ziel, schnell einen Flug für 160 Dollar in einem heruntergekommenen Department einer örtlichen Fluggesellschaft mit defektem Ventilator an der Decke buchen, und dann schon wieder woanders sein. Einfache Lodges, sonnengebräunte Dreitagebart-Surfer und strohblonde Mädchen, Sonnenuntergänge, Jeepfahrten und Reifenpannen, ein Boot mieten, gesundes Essen aus Garküchen, und langsam vergessen, sich zu rasieren – das ist es, wonach ich mich sehne. Aber das wird sich bald natürlich wieder ändern.

Tito und ich kommen dem Karanga Camp derweil immer näher. Dort werden diejenigen, die eine 7-Tages-Tour gebucht haben, eine weitere Nacht zur Akklimatisierung einlegen, was in jedem Reiseführer dringlichst empfohlen wird. Lirum larum, denke ich mir allerdings – Tito und ich steigen wie vereinbart weiter auf zum Basislager, dem Barafu Camp auf 4650 Metern. An dieser Stelle sei höhentechnisch noch einmal an die Dufourspitze erinnert. Mit der Zeit vergesse ich, wie viele Tage ich schon am Berg bin. Es ist schlichtweg uninteressant geworden, ob nun Mittwoch oder Sonntag ist, denn Zeitungen, Fernsehen und Internet gibt es sowieso nicht und marschiert wird Wochenende wie werktags. Lediglich die Afrikaner lauschen abends mit großem Enthusiasmus der regionalen Sportberichterstattung aus einem kleinen Transistorradio. Was aber nun zu Hause durch meine Twitter-Timeline rauscht, während ich an diesem Berg unterwegs bin, interessiert mich nicht im Geringsten. Und auch das bedient wieder das Klischee des Part-Time-Ausstiegs, dem Loslassen auf Zeit, aber es ist eben ein schönes Klischee.

Die Sonne vor dem Barafu Camp ist brütend heiß, der Wind jedoch ziemlich kalt. Die Bergsteiger auf dem Pfad vor mir bewegen sich wie in Zeitlupe. Langsam, langsam, haben die Afrikaner gesagt, und hier oben geht es nicht mehr anders. In einigen Metern Entfernung kniet ein Mann am Wegesrand und kotzt einen milchigen Schwall in den braunen Staub. Heute Nacht geht es auf den Gipfel, denke ich.


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2 comments

Basti 08/04/2010 at 19:06

Wunderbar! Freiheit! 🙂

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Kilimandscharo (1) - »Hakuna Matata« - Run. Travel. Grow. 06/09/2014 at 16:43

[…] Kilimandscharo (3) – Dünne Luft […]

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