Berlin-Marathon 2010 – Die Geschichte eines langen Weges

03/11/2010

Berlin — Sie haben alle vor dem Regen gewarnt. Hart könne es da werden, und die Wegstrecke sich ganz schön in die Länge ziehen. Auf meinen Schultern landen Wassertropfen, die das Royalblau des Oberteils dunkler färben, bis sie ganz im Stoff zerlaufen sind und sich der Unterschied zwischen trockenen und nassen Stellen langsam aufhebt.

Mein Bruder und ich finden keine Plastiktüte. Irgendwo werden sie verteilt, aber wir sehen niemanden.

Das Profil der Sportschuhe will sich nicht so recht mit der Beschaffenheit des Kopfsteinpflasters arrangieren. Ich habe das Gefühl, ein wenig ungelenk und wackelig zu laufen, Richtung Startlinie.

Die Stadt schläft noch, nur die Läufer nicht. Regen sammelt sich in den Pfützen, die noch in Laub stehenden Bäume tragen einen Dunstschleier: Ein grauer Tag hängt über dem Regierungsviertel. Die Luft ist nasskalt, sie ruft nach der Schutzzone Bett, nach Regenprasseln am Fenster, nach Verkriechen und Verharren, bis die Wolken verschwinden. Es ist wirklich düster und regnerisch an diesem Tag in der Hauptstadt, und auch das Gemüt ist irgendwie bedeckt und trübe.

Es scheint heute darum zu gehen, für etwas zu laufen oder vielleicht auch gegen etwas an, das ist noch nicht klar abzusehen. Es ist der Wunsch, durch das Laufen so etwas wie Gewissheit zu bekommen, dass bestimmte Dinge auf jeden Fall möglich sind, dass sie zu schaffen sein werden, wenn man nur lange genug durchhält.

Wir sind schon seit zwei Stunden wach, feiner Regen weht uns ins Gesicht. Wir haben endlich Plastiktüten gefunden, wir werden also nicht mehr durchnässen, bevor wir loslaufen können.

Ein nicht endender Menschenstrom schiebt sich über die Wege des Tiergartens, wir reihen uns ein. Auf der breiten Prachtstraße des 17. Juni soll der Lauf beginnen, mit eben so viel Glanz und Glorie, wie es das Wetter an einem solchen Tag erlaubt. Musik aus großen Lautsprechern versucht, die Läufer in Stimmung bringen. Der Ton ist grell und laut, er tut in den Ohren weh.

Die Menschentraube kommt zum Stillstand: Zeit, sich zu sammeln.

Der Start ist immer Euphorie. Noch spürt man die Beine nicht. Aber das Wissen darüber, was vor einem liegt, kann man an diesem Morgen in den Gesichtern der anderen Läufer ablesen.

Es ist immer so, dass der Kopf sich der gesamten Entfernung von 42 Kilometern bewusst ist, gleichzeitig wird diese Distanz sofort in kleine Wegstrecken zerlegt, die alles einfacher machen sollen. Die Bewegung durch Raum und Zeit erfolgt immer in Bezug auf zwei Fokuspunkte, das ist wichtig. Wer sich stets die gesamte Distanz vor Augen führt, wird vermutlich aufgeben, weil die Herausforderung dann zu etwas Unüberwindbarem anwächst. Wer aber ausschließlich das betrachtet, was sich unmittelbar vor ihm befindet, ohne sich die gesamte Entfernung zu vergegenwärtigen, der wird ebenso scheitern, weil er auf die tatsächliche Herausforderung nicht vorbereitet ist. Das Verhältnis zwischen diesen zwei Bezugspunkten handelt jeder auf seinem Weg in emotionaler und rationaler Hinsicht fortwährend neu aus.

Der Startschuss ertönt, aber es bewegt sich nichts. Zu viele Menschen sind auf der Bahn, es dauert eine Weile, bis auch unserer Block sich in Bewegung setzt. Ganz vorne laufen die Afrikaner, die nach knapp über zwei Stunden im Ziel sein werden, wir sehen sie nicht.

Mein Bruder und ich halten ein Tempo. Es fällt schwer, sich in dem Pulk aus Läufern nicht aus den Augen zu verlieren.

Wir wussten beide um das, was hier vor uns liegen würde, in seinem erst einmal abschreckenden Ausmaß, und es ist trotzdem so, dass man sich auf den ersten Metern eines Marathons noch einmal klar machen muss, dass man tatsächlich gerade losgelaufen ist: Auf einmal ist es soweit.

Unser Tempo ist recht zügig, zumindest nicht so gemächlich, wie man angesichts der Strecke vermuten könnte. Nach jedem Kilometer steht ein Schild, das am Anfang zeigt, wie viel schon geschafft ist, und später dann, wie weit man noch laufen muss. Das ist aber auch austauschbar, letztendlich entscheidet die eigene Wahrnehmung.

Ich bin klar im Kopf, motiviert und voller Hoffnung, die ersten Schilder rauschen vorbei. Früh trinken ist wichtig, wir beherzigen das. Schon sind zehn Kilometer geschafft, und es erscheint fast, als sei man gerade erst losgelaufen. Ein beruhigendes Gefühl: Das alles ist machbar, man kann es doch schaffen.

Die blaue Plastiktüte reiße ich mir beim Laufen vom Körper, sie landet auf dem Bürgersteig. Vor dem Regen haben sie alle gewarnt, und wie hart es da werden könne, aber was zählt, ist das eigene Gefühl. Die Tropfen stören nicht, nass ist man ohnehin. Was ändert es also?

Die Warnung vor dem Regen ist das Urteil der Mutlosen, die sich morgens wieder in den Federn verkriechen, wenn der Tag grau zu werden scheint, und die Herausforderung zu beschwerlich.

Noch ist alles leicht.

Die Kilometerzahlen sind jetzt schon zweistellig, ich laufe noch einmal schneller. Mein Bruder bleibt etwas zurück und irgendwann, als ich mich umdrehe, ist er nicht mehr hinter mir. Wir laufen heute exakt die gleiche Route, aber eigentlich sind es ganz unterschiedliche Wege. Er wird es schaffen, da bin ich mir sicher.

Endorphin und Adrenalin durchströmen den Körper und machen die Beine federleicht. Noch. Das erste Viertel des Weges geht schneller vorbei als gedacht, aber es ist eben diese verflixte Sache mit den Bezugspunkten. Als nackte Zahlen sind sie starr, doch alles, was zwischen ihnen und mir geschieht, ist Kopfsache. Sie können in weite Ferne rücken. Lief man eben noch beschwingt und leichtfüßig, tritt kurz darauf eine erste Erschöpfung auf, und die Bewegung verlangsamt sich wie durch einen unsichtbaren Schleifklotz gebremst.

Ich bewege mich, ich bleibe nicht stehen. Das ist die einzige Möglichkeit, um die Ziellinie zu erreichen.

Das Laufen wird anstrengender. Ich verspüre keine plötzliche Erschöpfung, keine unsichtbare Wand, an der es auf einmal nicht mehr weitergeht. Nur die Beine schmerzen immer mehr, und es erfordert stetig mehr Überwindung, nicht doch einfach stehen zu bleiben.

Auf der Etappe zwischen Kilometer 20 und 30 entscheidet sich, mit welcher Energie man das letzte Viertel des Weges laufen wird.

Ich fühle mich gut, ich akzeptiere, dass es mühsam ist. Die Beine werden immer hölzerner und verlieren ihre Agilität. Der Blick reduziert sich auf das Ende eines hell erleuchteten Tunnels.

An den Getränkeständen wechseln sich Wasser und Elektrolyte ab. Die Trinkpausen sind kurze Momente des Innehaltens, und vielleicht des Zweifelns, man muss sich schnell von ihnen losreißen, alles andere macht es nur schwerer.

Ich erreiche Kilometer 35. Der Pulk an Läufern entzerrt sich über die gesamte Distanz nicht, es sind einfach zu viele Menschen auf der Strecke.

Je länger der Lauf dauert, umso reduzierter wird die Wahrnehmung.

Die aufgescheuerte Blase an der Innenseite des rechten Fußes merke ich nicht. Nur die schrillen Tröten am Streckenrand schmerzen in den Ohren, auch wenn sie gut gemeint sind.

Die Kilometer ziehen sich jetzt. Der Blick sucht immer wieder das nächste Markierungsschild. Glücksgefühle, wenn es erscheint. Einen Schritt vor den anderen zu setzen, das Einfachste also, wird das Schwerste.

Was lehrt der Schmerz den Menschen?

Vermutlich, dass man Strapazen und Mühen in Kauf nehmen muss, um die Dinge zu erreichen, für die es sich wirklich lohnt. Für die es sich lohnt, seinen Ängsten ins Gesicht zu schauen.

Immer nur den einfachsten Weg zu gehen, ist oberflächlich, hat einmal ein Freund zu mir gesagt. Ich glaube, das ist richtig. Wer immer den einfachsten Weg geht, kratzt nur an der Oberfläche menschlichen Erlebens, menschlicher Emotionen, des Lebens selbst.

Ich laufe jetzt über die Leipziger Straße: Kilometer 39, das Ende ist nahe. Die Geräusche werden lauter. Jetzt steigt wieder Euphorie im Körper hoch. Eine letzte Biegung, und schon folgt die Zielgerade.

Die Frage, wie man es tatsächlich geschafft hat, am Ende diesen Punkt zu erreichen, wird rasch abgelöst von dem Glücksgefühl, dass es wirklich so gekommen ist. Dass man wirklich durchgehalten hat.

Nach einem letzten Endspurt erreiche ich die Ziellinie. Um mich herum weinen Menschen vor Freude und Erschöpfung gleichermaßen, und auch ich bin zu Tränen gerührt. Die Frage, ob die Entbehrung sich gelohnt hat, stellt sich nicht mehr. Ich humpele an den Zuschauern vorbei.

Erst jetzt erinnere ich mich, dass es während des Laufs fast die ganze Zeit geregnet hat.


Informationen:..www.bmw-berlin-marathon.de



Berlin-Marathon auf einer größeren Karte anzeigen

You may also like

3 comments

Barbonarius 04/11/2010 at 10:59

Keine Lust auf Remscheid gehabt dieses Jahr? Das Wetter wäre ähnlich gewesen.

Reply
Philipp 04/11/2010 at 20:45

Wollte mal einen Asphalt-Marathon laufen, aber das nächste Mal geht’s wieder zurück in die Natur.

Reply
Swiss Alpine K42: Der ultimative Marathon « 100 days to marathon 06/06/2011 at 22:47

[…] einmal neu definiert. Zwei Marathons bin ich bisher gelaufen, einen durch das Bergische Land und einen durch Berlin. Es müssen jetzt einfach mehr Höhenmeter sein, dachte ich, in einer abgeschiedenen und epochalen […]

Reply

Leave a Comment

css.php