Swissalpine K42 2011 – Der Versuch einer Antwort

10/08/2011

Davos — Der Waggon ruckelt noch ein wenig, dann kommt er zum Stehen. Über steinerne Viadukte und durch Tunnel hat sich die Rhätische Eisenbahn das Tal hinaufgeschlängelt, sie wird weiterfahren zum Albulapass, aber wir müssen hier aussteigen.

Als die Türen sich öffnen, glaube ich, den Geruch von Stall in der Nase zu haben, von Landluft, von Abgeschiedenheit. Tatsächlich stolpere ich in einen unüberschaubaren Menschenauflauf. Fast alle Leute haben kurze Hosen an, dabei ist es eher frisch. In einiger Entfernung, weiter oben am Berg, trüben Nebelkissen das Grün der Almwiesen ein.

Das Dorf, in dem ich mich befinde, heißt Bergün. Es liegt im Albulatal im Schweizer Kanton Graubünden auf 1367 Metern. Kirche, Gemeindehaus, Platzturm; das Zeughaus, einige Gehöfte, keine 500 Einwohner. An diesem Tag sind sicher dreimal so viele Menschen hier. Ich gehe hinüber zum alten Sägewerk, das vorübergehend zu einer Versorgungsstation für die Läufer umfunktioniert wurde, und packe meine Sachen in einen Beutel, der zurück nach Davos gefahren wird, zum Ziel.


Bergün

Was braucht man wohl, wenn man ohne Pause 42 Kilometer gelaufen ist, durch das Gebirge, über einen 2739 Meter hohen Pass?

Frische Socken und ein frisches T-Shirt, das ist naheliegend, und einen warmen Pulli, wenn der von reichlich Serotonin, Endorphin und Adrenalin beieinander gehaltene Kreislauf nach der Belastung schließlich doch in den Keller geht. Vielleicht noch ein Telefon, um jemanden anzurufen.

Ich stecke alles in den Sack. Jetzt noch zwei Zitronentee. Wir versammeln uns am Rand des Dorfs neben einer nicht bewirtschafteten, wilden Wiese. Ich wünsche Guangya viel Erfolg und alles Gute und was man sich eben noch so alles wünscht vor einem Marathonlauf. Guangya hat in der gleichen Herberge wie ich ein Nachtlager gefunden, mit ihm bin ich hierher nach Bergün gefahren.

Die Minuten werden heruntergezählt, dann setzt sich der Pulk an Läufern in Bewegung.

Am Anfang eines solchen Laufs ist der Puls gleich sehr hoch, weil man aufgeregt ist und ein bisschen euphorisch. Das legt sich aber schnell wieder.

Wir laufen über Feldwege einen kleinen Bogen um das Dorf, es geht einmal herunter in eine Senke und dann wieder herauf. Dass hier einige Höhenmeter zu machen sind, das weiß natürlich jeder, aber jetzt wird es einem noch mal richtig bewusst.

Im Dorf jubeln und winken die Alten und die Jungen, und das ist irgendwie schön, hier oben in den Schweizer Bergen.

Swissalpine

Wir verlassen zum zweiten Mal die Ortschaft, wieder geht es herunter in eine Senke zum Fluss, der irgendwo im Gebirge entspringt. Wir laufen über eine steinerne Brücke, noch ist die Straße asphaltiert. Wir machen stetig Höhenmeter, die Steigung ist aber moderat.

In das Feld der Marathonläufer mischen sich jene, die schon um 7 Uhr morgens in Davos gestartet sind und einen 78 Kilometer langen Ultramarathon laufen. Ich renne für meine Verhältnisse langsam, beinahe gemütlich, und überhole doch viele andere Läufer.

Die Straße folgt dem Fluss hinauf ins Tal.


Swissalpine

Links taucht plötzlich das 5-Kilometer-Schild auf. Ich bin überrascht. Es scheint mir wieder einmal so, als sei ich gerade erst losgelaufen. Das liegt heute vermutlich daran, dass ich auf dem ersten Achtel des Weges vor allem die anderen Läufer beobachtet habe.

Was sind das wohl für Typen, die mal eben knapp 80 Kilometer durch die Berge laufen?

Manche von ihnen könnten mein Großvater sein, oder gar meine Großmutter. Nichts scheint sie aus der Ruhe bringen zu können.

Der Straßenbelag wechselt von Asphalt zu Schotter, es geht drei lang gezogene Serpentinen hinauf. Ein Mann bittet mich, schnell ein Foto von ihm zu machen.

Bisher war es bedeckt, jetzt kommt die Sonne heraus. Auf Dauer ist das unangenehm, allerdings steht nicht zu befürchten, dass es ein sonniger Tag wird.


Swissalpine

Nach zehn Kilometern erreichen wir den Ort Chants, kaum mehr als eine lose Ansammlung kleinerer Höfe. Das Dorf liegt auf 1822 Metern, wir haben also schon ein wenig Höhe gutgemacht. Schätzungsweise bin ich etwas mehr als eine Stunde unterwegs, aber ich fühle mich noch so frisch und agil wie am Anfang.

Am Versorgungsstand werden Wasser, isotonische Getränke, heiße Brühe, Müsliriegel und Bananen verteilt. Ich habe mir vorgenommen, an jedem Stand wenigstens drei Becher zu trinken, um nicht irgendwann zu dehydrieren. Außerdem brennt die Sonne hier ausnahmsweise sehr kräftig.

Rechts des Weges rauscht in einiger Entfernung der Fluss. In Chants macht das Tal einen Knick nach Norden, unsere Route folgt aber einem anderen Weg, hinauf in ein Hochtal. Hier wird es richtig steil.

Noch einmal kreuzt der Feldweg eine sanft abfallende Almwiese, dann geht es über den Fluss und hinein in den Wald. Die Strecke folgt zunächst einer Forststraße, die sich in ziemlich steilen Serpentinen den Hang hinaufschraubt. Weil das Terrain noch relativ einfach ist, kann man dieses Stück trotz der Steigung noch gerade eben laufen. Ich mache ganz kleine Schritte, fange aber nie an zu marschieren. Die Bäume schirmen die Sonne ab, das ist ganz angenehm.

Nach ein oder zwei Kilometern verlassen wir die Straße, um einem noch steileren Pfad in direkter Linie den Berg hinauf zu folgen. Der Weg ist zu schmal, als dass zwei Läufer nebeneinander herlaufen könnten, und zu steil, als dass man laufend schneller wäre als gehend. Hier marschieren alle Läufer, um Kräfte zu sparen, aufgereiht in ihren grellen Funktionsshirts wie an einer bunten Perlschnur, mitten in dem immer alpiner werdenden Gelände.

Endlich neigt sich das Steilstück dem Ende. Die ersten Läufer fangen wieder an zu traben, ich ebenfalls. Die von den Berghängen herablaufende Grate und Verwerfungen geben Stück für Stück den Blick in das Hochtal frei. Wir haben die Baumgrenze hinter uns gelassen, hier oben wächst nichts mehr, das höher ist als ein Mensch.

Wieder folgt die Route einem Wildbach, grüne Matten bedecken den Talkessel. Der Pfad, auf dem wir hier oben laufen, ist zerklüftet und von Steinen durchsetzt, man muss jetzt genau hinsehen, wohin man die Füße setzt.

Das Wetter hat sich wieder eingetrübt, und der Blick hinauf in Richtung Keschhütte, dem nächsten bedeutenden Wegpunkt, verheißt kaum Besserung. Der Wind frischt auf. Mal geht es wieder ein wenig bergab in eine Senke, in der Summe aber stetig bergauf.

Die ersten Tropfen fallen vom Himmel, die Steine unter den Füßen werden langsam nass.


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Als der Regen stärker wird, hole ich den blauen Müllbeutel hervor, den ich in einem Gürtel um die Hüfte trage, und reiße im Laufen drei Löcher für Kopf und Arme hinein.

Noch einmal wird es steil, wir müssen kurzweilig marschieren, und dann taucht die Keschhütte auf. Die Berghütte liegt auf 2632 Metern, 15,6 Kilometer sind es bis hierher gewesen. Ich bin zwei Stunden gelaufen, aber das erfahre ich erst hinterher.

Der Nordwind bläst jetzt ziemlich kalt von den Gletschern herab, die im Nebel nur schemenhaft zu erkennen sind. Die Dreitausender sind über uns, man sieht sie nicht. Es regnet kräftig. Kaum bin ich stehengeblieben, friere ich. Schnell zwei Becher Brühe trinken und etwas Wasser, und dann rasch weiter.

Nördlich des Kamms, auf dem die Keschhütte liegt, schneidet sich das Gebirge in ein weiteres Hochtal ein. Die Strecke verliert auf den nächsten Kilometern wieder rund 200 Höhenmeter, verläuft aber nicht ganz hinab bis auf den Talgrund, sondern entlang des linksseitigen Hangs an ihm vorbei. Man kann rechts auf die Weite der Hochebene herunterschauen, sofern die Wolken das zulassen. Dort wohnen keine Menschen, es gibt keine Bewirtschaftung und keine Straßen, nur wilde Pferde und das trübe Grau des Nebels, das sich über die Landschaft gelegt hat.

Der Pfad ist schlüpfrig und schmal. Ich tänzele über das Geröll und die kleinen Bäche, die von den Berghängen links oberhalb des Weges herablaufen, und es kommt mir so vor, als berührten die Sohlen kaum den Boden und schwebten über den nassen Untergrund hinweg. Das Feld der Läufer hat sich deutlich entzerrt. Ich genieße es, schnell über die Steine zu rennen und hochkonzentriert, fast intuitiv die Bewegungen meiner Füße zu koordinieren. Nach mehr als zwei Stunden auf den Beinen bin ich hier oben in der stetigen Bewegung ganz bei mir, hellwach, für den Moment sehe ich keine anderen Menschen.

Irgendwann geht es doch wieder bergauf. In der Ferne sind Schneefelder zu erkennen. Rechts des Weges taucht ein kleiner Bergsee auf. Wanderer haben dort einige Steinmänner zur Orientierung gebaut.

Ebenso, wie der Körper vorhin noch warm und aufgeladen jede Felsstufe genommen hat, verlässt ihn jetzt zunehmend die Energie, im Angesicht des letzten zehrenden Anstiegs zum Sertigpass. Es regnet, es sind vielleicht fünf Grad über Null, und der anhaltende Nordwind drückt die gefühlte Temperatur noch weiter nach unten.

Ich verliere das Gefühl in meinen Fingern.

Es geht nun so steil aufwärts, dass die Läufer wieder zu marschieren anfangen. Noch 200 Meter sind es, vielleicht 300, dann wird es nur noch bergab gehen, das ist meine Hoffnung.

Endlich taucht die Versorgungsstation in der Scharte auf.


Swissalpine

Der höchste Punkt der Route ist erreicht: 2739 Meter. Er markiert die Hälfte der Wegstrecke. Es liegt noch etwas Schnee hier oben.

Die Scharte, die den Bergkamm am Sertigpass einschneidet, hat in etwa den Effekt eines Windkanals. Die Böen fegen unbarmherzig über den Pass, mir tun die Menschen leid, die hier oben Getränke und Riegel verteilen.

Ich kippe schnell zwei Becher warme Brühe herunter und noch einmal zwei mit irgendeinem blassgelben Sportgetränk, das leicht süßlich schmeckt, um damit ein Energygel aus der Tube herunterzuspülen. Das ergibt zusammengenommen eine recht dürftige Brotzeit, aber der Sertigpass bei Regen und Kälte ist kein Ort, an dem ich mich lange aufhalten will. Mir ist jetzt auch höllisch kalt, und nachdem ich versucht habe, hinter einem Meter altem Mauerrest windgeschützt zu pinkeln – was nicht funktioniert hat – mache ich mich an den Abstieg, hinein in den Nebel.

Der Weg vom Sertigpass hinab ist extrem abschüssig, es geht in engen Serpentinen abwärts. Lose Geröllplatten liegen auf nasser Erde und feinem Schotter, was das Bergablaufen nicht gerade sicherer macht. Man muss sich wieder ziemlich konzentrieren, um nicht auszurutschen oder irgendwo hängenzubleiben, um dann beschleunigt von der sich schnell hangabwärts bewegenden Körpermasse nach vorne zu stürzen.

Die Koordination der kalten Beine, die mit einer isolierenden Schicht aus Sonnencreme überzogen sind und in deren Haaren sich Tropfen sammeln wie Glasperlen, spielt sich ab wie automatisiert. Ich denke nicht nach, ich laufe einfach, und meine Füße scheinen irgendwie zu wissen, auf welche Steine sie treten können und auf welche besser nicht. Ich will einfach schnell diese unwirtliche Umgebung hinter mich bringen.

Endlich lichtet sich der Nebel, ich kann unter mir das Sertigtal erkennen. Die Strecke hat in kurzer Zeit 500 Höhenmeter verloren, meine Knie fühlen sich aber immer noch gut an.

Langsam weicht das Geröll zurück und gibt wieder Raum für ein wenig zaghaftes Grün. Der Pfad ist nicht mehr ganz so kurvig, das Gefälle nicht mehr ganz so stark. Der Nebel verzieht sich: Weiter unten kann ich die nächste Versorgungsstation erkennen.

Ich frage einen Läufer, wie lange wir schon unterwegs sind, und er schaut auf seine Uhr. 3 Stunden, 19 Minuten. Ich bin einerseits erleichtert, weil ich mich nicht danach fühle, bereits 3 Stunden und 19 Minuten zu laufen. Ich bin aber auch besorgt, weil ich noch nicht weiter als bis Kilometer 25 gekommen bin.

Vielleicht hätte ich mir doch mehr Energie aufsparen sollen.

Wir laufen jetzt über breite Wege, die durch den Regen stellenweise sehr aufgeweicht sind. Es geht weiter bergab, aber auch immer wieder über ebene Abschnitte, bis Sertig Dörfli in Sichtweite kommt, nach 28 Kilometern. Nach eingängigem Studium des Höhenprofils vor dem Lauf bin ich mir sicher, auf dem letzten Drittel der Strecke nur noch leicht bergab laufen zu müssen. Das stimmt leider nicht.

Die Route verlässt die breiten Zufahrtswege, die entlang des Tals die kleinen Gehöfte und Almen miteinander verbinden, und führt nun entlang des rechtsseitigen Hangs durch den Wald.

Der schmale Pfad folgt jeder Kehre, immer wieder geht es ein kleines Stück bergab und dann wieder hinauf, oft sind es nur zehn Meter oder gar fünf, aber ich bin einfach schon so kaputt, jedes Mal denke ich: Das kann doch jetzt wirklich nicht euer Ernst sein. Jedes Mal überlege ich, ob es die aufgewendete Energie wert ist, das nächste Steilstück laufend zu überwinden. Manchmal entscheide ich mich dafür, manchmal dagegen, allein das fortwährende Abwägen nach jeder Senke, so scheint es mir, raubt wertvolle Kraft.

Ich bin wirklich gut fertig und frage mich, wann dieser Hügelpfad endlich ein Ende haben wird, schließlich muss es ja irgendwann zurück nach Davos gehen. Irgendwann kommt das 30-Kilometer-Schild. Es hat ganz schön auf sich warten lassen.


Swissalpine

Ich werde oft gefragt, warum ich mir so etwas antue.

Mir fallen viele Antworten ein, als ich dort in der Schweiz über diesen Hügelpfad laufe und ein bisschen mit meinen Nerven am Ende bin.

»We are at home in our games because it is the only place we know just what we are supposed to do«, soll der Philosoph Albert Camus gesagt haben.

»Seldom do people know exactly what is required of them to succeed. Often we think we’re moving in the right direction only to learn that the rules have changed«, sagt der Läufer Dean Karnazes.

Selten ist unser Leben so klar definiert wie bei einem Marathonlauf. Wir wissen genau, was wir tun müssen, um das Ziel zu erreichen, alles ist vermessen, sogar hoch oben in den Bergen, wo es sonst kaum Wegmarkierungen gibt. Das ist bei den meisten anderen Zielen im Leben nicht so.

Wir wissen nicht, ob das, was wir tun, uns dorthin bringt, wo wir hinwollen. Wir wissen nicht einmal, ob das, was wir im Leben anstreben, uns wirklich glücklich macht.

Der vermeintliche Traumjob? Wird leidige Routine, ein Hamsterrad.

Das dicke Bankkonto? Hilft auch nicht dem, der am Ende einsam ist.

Familie? Kann zerbrechen – Frau weg, Kinder weg.

Und die Liebe, wem braucht man es zu sagen, kann uns erfüllen, aber wenn ein Sturm kommt, dann ist sie zerbrechlich, dann gib uns einen Grund aus tausend, und wir schmeißen hin.

Jeder kennt diese Geschichten, wir haben Angst.

An diesem Tag laufe ich einfach weiter, vielleicht ist das die trotzige Antwort auf dieses Dilemma.


Swissalpine

Irgendwann werde ich gleichgültig gegenüber der Distanz, die noch vor mir liegt. Sie interessiert mich nicht mehr, ich werde ja zwangsläufig ans Ziel kommen, wenn ich nur einen Schritt vor den anderen setze.

Schließlich ebnet sich auch der arg hügelige Wegverlauf ein, es geht jetzt überwiegend bergab. Ich werde langsam genügsam und heiter, ich akzeptiere die Erschöpfung.

Wie lange renne ich jetzt schon?

Vier Stunden oder so, wahrscheinlich noch länger. Und, nun ja, ich renne eben noch immer.

Am nächsten Versorgungsstand in Claavadel nach 35 Kilometern trinke ich drei Becher Cola hintereinander. Das Sertigtal mündet hier in das Landwassertal. Es regnet nicht mehr, es ist nicht mehr kalt, und es fegt einem auch kein Wind um die Ohren.

Zum ersten Mal begreife ich, dass ich bald am Ziel sein werde, dass es dann geschafft ist. Ich denke darüber nach, wie sich das anfühlen wird.

Laufe ich diesen Marathon nur, damit ich auf meiner Liste einen weiteren Haken setzen kann?

To-Do-Listen abhaken macht glücklich, das behaupten viele.

Vielleicht funktionieren die Leute so. Vielleicht brauchen sie die Million auf dem Konto, die 1000 gelesenen Bücher im Schrank, die 50 Stempel im Pass, die 100 Frauen, die sie ins Bett gekriegt haben, um etwas vorzeigen zu können im Leben, etwas, das ihnen keiner mehr wegnehmen kann, egal wie die Dinge sich wandeln. Und das tun sie ja meistens.

Was wir früher wollten, kommt uns heute vielleicht ziemlich dumm vor. Was wir uns im Kopf zurechtgelegt haben, fällt in sich zusammen, eine große Illusion. Wir fürchten uns vor den Unwägbarkeiten unserer Wünsche und Träume, es ist leichter, sich auf Dinge zu konzentrieren, die sich messen lassen.

Der Weg biegt nach rechts ab, er führt durch den Wald hinunter nach Davos. Noch zwei Kilometer, sagt mir das letzte Schild, an dem ich heute vorbeilaufe.


Davos

Der Untergrund auf den letzten Metern ist angenehm für die Beine, ich werde noch einmal etwas schneller. Der Gedanke, beinahe 42 Kilometer und 3440 Höhenmeter durch fortwährendes Laufen überwunden zu haben, gibt mir Energie.

Zugegeben, wir sammeln und suchen, daran führt kein Weg vorbei. Was bleibt am Ende übrig? Ganz klar: Es sind die Erinnerungen. Auch wenn das kitschig klingt, Erinnerungen sind unsere größten Schätze. Sie sind nichts Rationales, Erinnerungen sind emotional. Erlebnisse, Orte, Menschen.

Wir erinnern uns, weil wir gefühlt haben.

Es macht auch keinen Sinn, 42 Kilometer über einen Pass zu rennen, würde man dabei nichts fühlen, sondern nur abhaken wollen, dann bliebe nichts übrig außer einer nackten Zahl auf einem Zettel.

Die Bäume geben jetzt immer wieder den Blick auf die Stadt frei. Ich laufe zügig bergab, meine Beine fühlen sich gut an, soweit man das noch sagen kann nach dieser Strecke. Der Weg verlässt die Forststraße, es geht noch einmal einen wendigen Pfad hinab, dann erreiche ich den Grund des Tals.


Davos

Der Zieleinlauf ist im Stadion von Davos, viele Menschen stehen an der Strecke. Eine langgezogene Gerade, vorbei an sorgfältig aneinandergereihten Häusern, will nicht enden.

Ich weiß, dass ich gleich angekommen bin.

In diesem Moment bin ich seltsam gerührt, ich könnte weinen, ob aus Erleichterung, dass es geschafft ist, oder aus Erschöpfung, die sentimental macht, das kann ich nicht sagen.

Es geht noch einmal eine schmale Straße hinauf und dann nach rechts. Das Stadion ist zu sehen. Man läuft in die Arena ein und dreht noch eine Ehrenrunde über die Aschebahn. Ich laufe durch das Ziel – nach 4 Stunden und 59 Minuten. Ich erfahre das erst später, es ist auch nicht wichtig.

Ich trage keine Uhr am Handgelenk.


Swissalpine

www.swissalpine.ch


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5 comments

timo 10/08/2011 at 17:55

Respekt vor der Leistung. Und danke für die klasse Vertextung!

Reply
Solminore 26/09/2011 at 09:38

Herzlichen Glückwunsch! Dein Bericht macht Lust, es selbst einmal zu versuchen. Die Streckenbeschreibung klingt jedenfalls interessanter als die des Jungfrau-Marathons.

Meine eigene Rechtfertigung fürs Laufen ist übrigens die: Weil ich es kann.

Reply
Bambie 31/07/2012 at 16:59

Sehr guter Text, der extrem treffend ist… denke, Du sprichst damit jedem K42-Finisher (habe ihn am 28.7.2012 gemacht) aus dem Herzen! 😉

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Harzquerung 2013 – Warum einen Ultramarathon laufen? « Run. Travel. Grow. 04/12/2012 at 20:02

[…] Laufs war ich am Ende wirklich gut fertig. Ich konnte mir kaum vorzustellen, dass ich schon einmal mehr als die doppelte Zeit ununterbrochen gelaufen bin. Das ist so ein schöner, weil beflügelnder Gedanke, wenn es um das […]

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Dahab, Ägypten: Meine wichtigste Erkenntnis über das Reisen 25/03/2014 at 19:09

[…] eines bestimmten Kulturkreises sein. Eine journalistische Recherche. Der Reiz, über körperliche Grenzen zu gehen. Das Bedürfnis nach Entspannung und Kontemplation. Der Wunsch, sich der Welt zu […]

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