Ötztaler Alpen (5) – Weißkugel

04/09/2011

Es ist noch finster draußen, die Luft mild. Wir stehen auf der Terrasse des Hochjoch-Hospizes, bald wird der Tag heraufziehen. Talabwärts legen sich Lichtstreifen über den schwarzblauen Himmel hinter den Bergketten. Mit dem ersten Dämmerlicht nehmen wir den steinigen Pfad herunter zum Hintereisbach. Auf der anderen Seite erste schweißtreibende Serpentinen hinauf, um das Hochjochfernertal zu erreichen. Dort begleitet der Weg den Fluss, immer am Hang entlang, und dann fällt die Sonne über den Kamm. Auf der Schöne-Aussicht-Hütte, am hinteren Ende des Hochtals, ist es jetzt 8 Uhr. Wir bestellen Espresso und eine heiße Zitrone, wir rasten nur kurz. Der Weg auf die Weißkugel folgt ab hier erst dem Pfad hinab nach Kurzras in Italien, er biegt aber bald nach rechts ab und windet sich den Bergkamm hinauf. Man verliert nur wenig Höhenmeter. Der Boden ist trocken und staubig. Bald lassen wir den letzten Skilift hinter uns, der hier oben im Sommer deplatziert aussieht, fast fremdartig, wie die Gerätschaft einer untergegangenen Zivilisation. Dann endlich das Teufelsjoch, der Blickt fällt auf das Ziel des heutigen Tages.

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Weißkugel vom Teufelsjoch.
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Hintereisferner vom Teufelsjoch.

Wir marschieren und klettern den Gratrücken entlang, manchmal weicht der unmarkierte Steig von der Schneide ab und umrundet ein Steilstück. Rechts fällt der Kamm zum Hintereisferner ab, der sich vom Gipfel der Weißkugel über sieben Kilometer das Tal herunterzieht. Das Blockwerk ist an diesem Augusttag völlig schneefrei, ansonsten dürfte sich die Wegfindung schwierig gestalten. Irgendwann hat das Auf und Ab ein Ende, der Weg erreicht den Gletscher. Fußspuren ziehen hinauf zum Hintereisjoch, einer Einschartung des Südgrats, von dort geht es auf den Gipfel. Der Schnee ist schon etwas sulzig, kurz vor dem Joch sinken die Stiefel tief ein.

Wir erreichen die Scharte und stehen vor einer zehn Meter hohen Firnwand. Sie sieht so aus wie eine Welle, die kurz vor dem Brechen zu Eis erstarrt ist. Der Weg führt schräg links den Aufschwung hinauf, so umgeht er das Steilstück. Unter dem Eis fließt Wasser. Man hofft, dass die nicht allzu dicke Schneeplatte nicht doch irgendwann einmal einbricht. Der Weg zum Gipfel geht über einen breiten Firngrat. Die letzten Meter zum Kreuz erfordern konzentrierte Kletterei über ausgesetztes Blockwerk, das ein Abrutschen angesichts der etwa zweihundert Meter steil abfallenden Westflanke nur sehr bedingt verzeiht. Wir stehen auf dem Gipfel, es ist mittlerweile kurz vor Mittag.

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Weißkugel, Gipfelgrat.
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Hintereisferner (vorne) und Schnalskamm (hinten) von der Weißkugel.
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Wildspitze von der Weißkugel.

Über den Bergen formen sich immer mehr Quellwolken. Wir sind nicht sicher, ob noch ein Gewitter heraufzieht. In jedem Fall schnell absteigen, denken wir uns, denn wir wollen nicht den Normalweg nehmen, sondern den über den Hintereisferner. Die Schneebrücken dürften trotz voran geschrittener Tageszeit noch fest sein, außerdem ersparen wir uns zwei Stunden Wegzeit, die gewaltige Eiszunge wälzt sich durch das Tal direkt zum Hochjoch-Hospiz hinab. Der obere Teil des Gletschers ist zugeschneit, wir folgen älteren Spuren. Eine der Schneebrücken ist einen halben Meter breit offen, beim Überschreiten lassen sich die Ausmaße der tiefen, schwarzen Spalte erahnen. Der Großteil des Ferners ist allerdings aper und erzeugt keine Nervosität.

Wir laufen beinahe drei Stunden über die wuchtige Eisplatte, die überall von kleinen Bächen durchsetzt ist. Finden sie keinen Weg mehr talabwärts, bohren sie sich in den Gletscher hinein. Wir blicken in teichgroße Löcher mit glatten blauschimmernden Wänden, in die das Wasser viele Meter hinabstürzt. Den Grund kann man meist nicht sehen. Wir gehen nicht mehr angeseilt, über die meisten offenen Spalten können wir springen. Der Gletscher neigt sich seinem Ende zu. Unten angekommen kämpfen wir uns mit müden Beinen einen Schutthang hinauf, um den Weg zu finden, der zurück zur Hütte führt. Wir erreichen sie nach etwa elf Stunden, lange Pausen haben wir auf unserer Tour auf die Weißkugel nicht gemacht.

Ötztaler Alpen : Schneeriesen am Horizont (Spiegel Online)

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Weißkugel vom Hintereisferner.

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1 comment

Fünf leichte Dreitausender in den Ortler Alpen - Run. Travel. Grow. 17/01/2014 at 17:07

[…] die Schlüsselstelle wird mit C bewertet. Bei klarem Wetter reihen sich die höchsten Gipfel der Ötztaler Alpen im Norden nebeneinander. Das Dreigestirn aus Ortler, Zebrú und Königspitze ist natürlich auch zu […]

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