Der See der wilden Tiere

16/11/2011

Kariba — Wenn es bereits am frühen Abend stockfinster ist, Krokodile weniger als fünf Gehminuten entfernt durch das ufernahe Unterholz kriechen und man die heiße Nacht mitten im afrikanischen Busch an einer rudimentär zusammengeschusterten Bar mit einigen Bier und Tequila ablöscht, befindet man sich möglicherweise bei Warthogs in Simbabwe.

Das Camp am Lake Kariba ist wie die meisten Backpacker-Lodges – sofern dort wegen saisonalen Desinteresses keine überambitionierten Traveller logieren – ein durchaus sympathischer Ort zum Verweilen. Die kleinen Holzhütten sind einfach, sauber und naturgemäß nicht ganz geschlossen, an der Rückseite liegt jeweils eine offene, mit roten Steinplatten geflieste Dusche.

Als wir das Camp an einem Februarabend erreichten, ließen wir unser Gepäck gleich stehen und gingen hinüber zur eingangs erwähnten Bar. Dort tranken sich zwei weiße Simbabwer, die laut eigener Aussage einmal in der Rugby-Nationalmannschaft gespielt hatten, munter diskutierend durch die tropische Abendhitze.

Einer von ihnen hieß Andy und erzählte, sein Bruder habe einige Zeit im Gefängnis gesessen, weil er in öffentlichkeitswirksamer Form – die genauen Umstände sind in Simbabwe im Prinzip nebensächlich – gegen das herrschende Regime von Robert Mugabe opportuniert hatte, der das Land seit 21 Jahren regiert, als einer der letzten waschechten Despoten Afrikas gilt und deshalb nicht mehr in die Europäische Union einreisen darf.


Lake Kariba
Lake Kariba
Lake Kariba


Er selbst, berichtete Andy, sei bei den letzten Wahlen raus auf das Land gefahren und habe dort gefilmt, wo Mugabe bisher immer verdächtig viele Stimmen bekommen hatte, wo aber tatsächlich überhaupt keine Menschen wohnen. Das alles habe gewaltig nach Wahlbetrug gestunken, aber wen hätte das verwundert?

Für seine Undercover-Recherchen jedenfalls schien der stämmige Ex-Rugbyspieler – nun Geschäftsmann, wie er betonte – nicht allzu drakonisch bestraft worden zu sein, saß er doch als freier Mann am Kariba-Stausee und ließ es sich an diesem späten Februarabend ziemlich gut gehen.

Es wurde noch einige Zeit schwadroniert, und irgendwann, nachdem etwa zwei Stunden an der Bar vergangen waren, luden uns zwei andere Simbabwer, George und seine Nichte Stacey, in recht angetrunkenem Zustand in ihr Haus ein. Es sollte sich nur unweit des Camps direkt am Ufer des Sees befinden.

Das Gepäck wurde rasch aus den netten Hütten auf einen Jeep verladen, und bevor der aus der Trinklaune heraus geborene Plan noch richtig abgewogen war, holperte das Fahrzeug über die bucklige Erdpiste durch die Nacht. Wir tranken Dosenbier, bei besonders tiefen Schlaglöchern schäumte es uns über die Hände.

Im Prinzip war es völlig ausgeschlossen, im Halbdunkeln eine Straße zu erkennen, aber schlussendlich standen wir vor einem sauber verputzten Haus mit einem spitz zulaufenden Holzdach, dem zweistöckigen Anwesen unseres Gastgebers.


Lake Kariba


George – das wurde schnell klar – schien in Simbabwe einiges richtig gemacht zu haben. Wir blickten bei raffiniert gewürzten Hähnchenflügeln von einer überdachten Veranda über den Pool auf den nächtlichen See.

Plötzlich war da ein Schnauben unter den Bäumen auf der Wiese, und tatsächlich, nachdem wir einige Minuten angestrengt in die Dunkelheit gespäht hatten, lief ein ausgewachsenes Flusspferd durch den Garten.

George schloss das Gatter ab und führte uns in eines der Schlafzimmer, es lag direkt unter dem Dach. Der Tag war ziemlich anstrengend gewesen, wir waren von Harare herauf nach Kariba gefahren, über die staubigen Überlandstraßen.

Am nächsten Morgen wachten wir zum letzten Mal innerhalb der Staatsgrenzen Simbabwes auf. Eine rote Sonne hing am diesigen Himmel.

Heute, so war der Plan, wollten George und Stacey mit uns noch einmal raus auf den See fahren, eine Einladung, die wir angesichts der horrenden Nationalpark-Eintrittsgelder, die an das Einkommensniveau der herumreisenden Westler angepasst sind, dankend annahmen.

Mit einem stark motorisierten Boot ging es hinauf auf das Wasser. Wir sahen Büffel, Elefanten, Hippos und Krokodile. Trotz akribischen Ausschauhaltens war beim besten Willen nicht eine einzige Umzäunung irgendeines Tierreservats zu erkennen.

Hier war alles Wildnis, und wenn man ins Wasser fiel, wurde man womöglich gefressen.


Lake Kariba
Lake Kariba
Lake Kariba


Später am Tag luden wir unsere Gastgeber am Hafen zum Essen ein und wurden dankenswerter Weise bis zur Grenze nach Sambia gefahren, zur großen Dammmauer des Kariba-Stausees. Von dort erwischten wir noch einen Minibus nach Lusaka, der die sambische Hauptstadt spät am Abend erreichte. Das klappte alles noch so gerade.

Manchmal passiert es nämlich, erzählte uns George, dass die Menschen aus Kariba zum Supermarkt fahren, und wenn dann ein Elefant auf der Straße steht ohne Anstalten sich zu bewegen, dann fahren die Menschen aus Kariba an diesem Tag eben nicht zum Supermarkt.



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