Hochtour am Nachmittag

21/08/2012

Neustift im Stubaital — Das Auge sucht das Blickfeld mechanisch nach dem einzigen Farbtupfer ab, den es in dieser Höhe gibt. Wo ist der nächste rote Punkt, die nächste Wegmarkierung? Grobes Blockgestein verliert sich im Nebel, die Sicht beträgt vielleicht zehn Meter, der Grat steigt weiter an. Manchmal greifen die Hände nach dem Fels, um das Gleichgewicht des Körpers halten zu können. Sehr viel höher kann es nicht mehr gehen, aber es taucht immer nur ein neuer Felsbrocken auf. Und noch einer. Karge Monotonie. Dann endlich setzt sich das hölzerne Gipfelkreuz gegen das undurchdringliche Grau der Umgebung ab.

Es ist eigentlich keine gute Idee, noch am späten Nachmittag, gegen 17 Uhr, vollkommen allein auf einem mehr als 3400 Metern hohen Alpengipfel zu stehen, im Nebel über den Gletschern.


Wilder Freiger, Gipfelgrat

Drei Stunden zuvor hat noch die Sonne geschienen, 1200 Meter weiter unten im Tal. Auf der Terrasse der Sulzenauhütte greifen Wanderer in der Mittagshitze zum ersten Radler des Tages, sie essen Kaiserschmarrn, trinken Kaffee, manche sind aus dem Tal aufgestiegen, manche machen hier halt auf dem Stubaier Höhenweg, die Hütte ist voll.

Wir sind am Vormittag von der Nürnberger Hütte über die Mairspitze gekommen, es ist jetzt an der Zeit, die Bergstiefel auszuziehen, die Füße ins Gras zu halten und einen Apfelstrudel zu bestellen – oder noch auf den Wilden Freiger zu steigen, auf einen der großen, vergletscherten Dreitausender in den Stubaier Alpen.

Es ist mittlerweile kurz nach Mittag, etwa 14 Uhr, bis zum Sonnenuntergang bleiben also noch ungefähr fünf Stunden für Auf- und Abstieg. Die Karte zeigt die Aufstiegsroute: ein Wanderweg, dann Gletscher, am Ende ein Felsgrat. Wie sind die Schneeverhältnisse? Optimal, auf den Höhen ist in den vergangenen Tagen kein neuer Schnee gefallen.

Es gibt eine goldene Regel im Gebirge: Gehe niemals allein und unangeseilt auf einen Gletscher. Wenn du in eine Spalte stürzt, brichst du dir womöglich alle Knochen und falls nicht, wird eventuell niemand dein verzweifeltes Rufen aus den Tiefen der kalten Eishöhle hören. Etwas anders stellt sich die Situation dar, wenn der Gletscher aper ist und die Spalten nicht von Schnee überdeckt sind, sondern offenliegen. Dann ist einem rational handelnden Menschen durchaus zuzutrauen, dass er die Risse im Eis wahlweise umgeht oder überspringt. Einen Versuch ist es wert.

Der Weg verläuft zuerst vorbei an der Blauen Lacke, einem kleinen Gebirgssee, an dessen Ufer Wanderer bestimmt drei Dutzend Steinmandl aufgestellt haben. Die Sonne ist hier noch kräftig an diesem Sommertag. Nach einer ausscherenden Linkskurve steigt der Pfad etwas steiler an bis zur Fernerstube, das ist der Gletscher, der westlich des Wilden Freigers vom Berg herabfließt. Auf der Karte führt der Weg ab hier blau gepunktet über das Eis, aber natürlich gibt es hier gar keinen richtigen Weg mehr, man muss jetzt selbstständig eine Route finden. Der Gletscher ist tatsächlich aper, die Spalten liegen frei.

Bald macht die Eiszunge einen Schwenk nach Osten, durch die Richtungsänderung ist das Eis an dieser Stelle besonders aufgerissen. Es ist ein Zick-Zack-Kurs über den Gletscher. Im oberen Bereich der Fernerstube liegt noch etwas Schnee, aber nur ganz wenig, und das Gelände ist flach. Irgendwann ist der Felsgrat erreicht, der Himmel hat sich zugezogen.


Wilder Freiger
Wilder Freiger, Gletscher
Wilder Freiger

Noch eine gute halbe Stunde leichte Blockkletterei trennt den Bergsteiger an dieser Stelle vom Gipfel. Der Grat ist in Nebel gehüllt, niemand ist hier oben unterwegs um diese Tageszeit. Es ist nicht ganz leicht, immer sofort den nächsten roten Punkt im Gelände auszumachen, aber es gibt im Prinzip nur einen Weg: weiter nach oben, bis das Kreuz auftaucht.

Drei Stunden hat der Aufstieg am Ende gedauert. Es ist schon spät am Nachmittag, aber die Dunkelheit wird noch wenigstens zwei Stunden auf sich warten lassen. Das Zeitfenster reicht aus.

Auf dem Weg bergab gabelt sich der Grat in zwei Richtungen auf, man verliert im Nebel leicht die Orientierung, steigt womöglich auf der falschen Seite des Bergs ab und landet dann irgendwann irrtümlich auf der Müllerhütte. Vor dem falschen Abbiegen bewahrt ein Kompass.

Plötzlich trägt der Wind ferne Ruflaute vom Gletscherbecken an das Ohr, die gar nicht da sind, es wird langsam etwas befremdlich hier oben: schnell hinunter zur Fernerstube.

Auf dem Gletschereis ist es möglich, mit den Steigeisen ein bisschen zu traben, das Eis ist hart, die Zacken finden sofort Halt, deshalb sind die Schritte präzise. Keine halbe Stunde dauert die Passage über den Gletscher. Nach knapp fünf Stunden ist der Alleingang auf den Wilden Freiger vorbei, auf der Sulzenauhütte warten Radler und Strudel, dieses Mal wirklich. Heute geht es nirgendwo mehr hin.

Wilder Freiger (3418 m)
Anreise: bis Grawaalm (1530 m)
Hüttenzustieg: über Sulzenaualm (1847 m), ca. 2 Stunden
Übernachtung: Sulzenauhütte (2191 m), +43 676 3877073, 40 Zimmerlager, 100 Lager, ab 8 Euro
Gipfel: Schwierigkeit PD, Gletscherspalten, ca. 3-4 Stunden


Wilder Freiger auf einer größeren Karte anzeigen

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6 comments

Patrick Ribis 23/08/2012 at 07:45

Ganz unterschreiben tu ich dir das nicht, und bloggen würde ich das so auch nicht!
Ich will hier keine Grundsatzdiskussion anfangen aber ich wäre dir dankbar wenn du berücksichtigen würdest dass da bei deinem Trip nur eine Momentaufnahme des Freigers gemacht hast. Geh da mal öfters zu allen Jahreszeiten und über Jahre hinweg, dann lernst du den Wandel des Hochgebirges kennen und siehst wie es sich bewegt und verhält.
Dann wirst du feststellen dass deine postings und tourenempfehlungen defensiver werden…

MfG
Patrick Ribis
Berg und Schiführer
Neustift

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Philipp 24/08/2012 at 15:39

Lieber Patrick,

du hast natürlich Recht: Es hängt IMMER von den Bedingungen am Berg ab. Eine objektiv leichte Route kann bei Schnee und Nebel richtig heikel und gefährlich werden. Und die objektive Schwierigkeit steht auch immer im Verhältnis zur eigenen Erfahrung. Da zählt eine gesunde Selbsteinschätzung. Die Unfallstatistiken des DAV sagen ja auch, dass fehlende Selbsteinschätzung einer der Hauptgründe für Unfälle sind.

Ich wäre sicher nicht allein auf den Berg gestiegen, wenn der Gletscher nicht aper gewesen wäre. Ich erwarte von einem Bergsteiger aber auch, dass er sich über mehrere Quellen über einen Berg informiert und sich ein umfassendes Bild macht, was auf ihn zukommt. Ich habe die objektive Schwierigkeit in der Infobox angegeben. Wer Höhenmeter, Anforderungen und die Distanz auf der Karte einbezieht, kann sich ein erstes Bild machen. Das entbindet ihn aber nicht von seiner eigenen Verantwortung.

Wie siehst du das?

Viele Grüße und danke für ihren (berechtigten) Hinweis,

Philipp

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Patrick Ribis 24/08/2012 at 15:51

Dein Bild im oberen Bereich der Fernerstube scheint nicht Aper zu sein…
“kopfschüttel”

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Philipp 24/08/2012 at 17:06

Ich kann bestätigen: Es war aper genug, um sicher über den Gletscher gehen zu können. Ich habe den Artikel noch um einen Sicherheitshinweis ergänzt. Dass es bei der Gefahrenabwägung immer auf den Einzelfall ankommt, dürfte dir als Freerider ja bewusst sein.

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Höhenrausch auf dem Dach Europas - philipp laage / geschichten vom reisen 06/09/2017 at 14:53

[…] bestieg nicht nur die Ahornspitze, auch Wilden Freiger, Großvenediger, Großglockner, ein paar stattliche Dreitausender also. Und irgendwann nahm ich […]

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Höhenrausch auf dem Dach Europas — Reisedepeschen 13/12/2017 at 18:24

[…] bestieg nicht nur die Ahornspitze, auch Wilden Freiger, Großvenediger, Großglockner, ein paar stattliche Dreitausender also. Und irgendwann nahm ich […]

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