Das Schlimmste zum Schluss

31/10/2012

Cabanaconde — Es ist ein befremdliches Gefühl, aus der gewohnten Taxierung von Zeit und Raum herauszufallen, ins undefinierbare Nichts, wenn man in einem Land außerhalb des westlichen Kulturkreises am gefühlt späten Abend in eine vollkommen unbekannte Stadt hineinfährt. Die Dunkelheit hat die Konturen des Tages bereits verwischt, die Laternen leuchten nur spärlich, und die Orientierung reicht allenfalls bis zur nächsten Straßenecke. Wenn diese Stadt eigentlich nur ein Dorf in den Bergen ist, in dem die Einwohner auf mehr als 3000 Metern Seehöhe abseits des Welttrubels ein entbehrungsreiches Leben in dürftig zusammengehaltenen Ziegelbaracken führen, dann kommt man sich als westlicher Reisender spätestens komplett deplatziert vor.

Cabanaconde im peruanischen Hochland ist so ein Ort.

Warum sollte man hier am Tagesende unterkommen, inmitten primitiver Lebensverhältnisse, die einen sofort beschämen, aber gleich mit der Einschränkung, daran lasse sich im Allgemeinen wenig und hier und heute an diesem Abend im Speziellen ohnehin überhaupt nichts ändern, wieder verworfen werden, nur um sich in einem der wenigen Hostels ein deftiges Alpakasteak zu bestellen und einen Pisco Sour hinterherzukippen?


Cabanaconde
Cabanaconde
Cabanaconde

Die Antwort auf diese Frage bekommt der Reisende am Morgen, wenn der raum- und zeitlose Ort Farben und Formen bekommt, wenn er sich unter dem wolkenlosen Himmel auszudehnen scheint, nachdem er am Abend in der Wahrnehmung zusammengeschrumpft ist zu ein paar ärmlichen Hütten und zerfurchten Gesichtern unter schweren Hüten und zu ein paar einsamen Straßenhunden; somewhere, nowhere, am Rand der bekannten Welt.

Wenn es also hell ist in Cabanaconde, dann erinnert sich der Reisende wieder, warum er überhaupt hier hergekommen ist, dann sieht er in jeder Himmelsrichtung hohe Bergketten: Das kleine Dorf liegt oberhalb des Colca-Tals, über der Bruchkante eines Canyons, auf dessen Grund der Rio Colca fließt, inmitten von mehr als 5000 Meter hohen, schneebedeckten Gipfeln.

Statistikfanatiker führen an dieser Stelle an, der Colca-Canyon sei – sofern man ihn von der höchsten nahegelegenen Bergspitze bis hinunter zum Talgrund vermisst – noch weit vor dem berühmten Grand Canyon die zweittiefste Schlucht der Welt. Diese Zahlenreiterei ist wenig erkenntnisreich, weil beide Canyons ganz unterschiedliche geologische Formationen aufweisen und folgerichtig auch einen ganz anderen Charakter besitzen: Der Colorado River hat sich in ein vollkommen flaches Hochplateau hineingefressen, der Rio Colca fließt im Grunde einfach in einem besonders tiefen Gebirgstal.

Colca Canyon
Colca Canyon
Sangalle, Colca Canyon

Da jede sinnvolle Erkundung eines neuen Orts im besten Fall zu Fuß stattfinden sollte und es außerdem einen halbwegs komfortabel ausgetretenen Pfad hinab in die Schlucht gibt, liegt es gleich sehr nahe, in den Colca-Canyon hinabzusteigen, um dort – ja was eigentlich zu tun?

Man wird das noch herausfinden.

Zuerst führt der Weg aus dem Ort heraus und vorbei an einfachen Hinterhöfen und Stallungen, in dem sich abwechselnd Esel, Schweine und Hühner befinden. Das führt dem Reisenden vor Augen, dass diejenigen Peruaner im Colca-Tal, die nicht von Einkünften aus dem Canyon-Tourismus leben, hauptsächlich Subsistenzwirtschaft betreiben. Dementsprechend passiert der Weg auch einige terrassenartig angelegte Felder, bevor er sich – an Steilheit deutlich zunehmend – in engen, staubigen Serpentinen die Schlucht hinunterwindet.

Ein Aufbruch am frühen Morgen ist angeraten: Bereits am Vormittag brennt die Sonne unerbittlich auf die trockenen Hänge des Canyons. Staub und Sand scheinen das Licht wie ein Spiegel zu reflektieren und heizen die gesamte Schlucht auf.

Ganz unten im Tal – man sieht es schon von weit oben – wächst auf einem begrenzten Streifen entlang des Flusses plötzlich üppiges Grün, und einem fällt sofort das schöne, weil immer etwas märchenhaft angehauchte Wort Oase ein.

Sangalle nennt sich die Ansammlung von kleinen Häuschen am Fuße des Canyons, der Ort ist nach etwa zwei Stunden von Cabanaconde aus erreicht. Die Sonne brennt hier wirklich unerbittlich auf die dörren Hänge, kaum ein Mensch ist zu sehen in den kleinen Ferienanlagen mit den einigermaßen lieblos angerichteten Bungalows.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei Sangalle, möglicherweise aufgrund akuter Springflutgefahr, schon vor Jahren aufgegeben und verlassen worden. Ein Detail stört aber diesen Eindruck: Gleich zwei sorgfältig gepflegte Swimmingpools zieren das Gelände der Oase. Und tatsächlich, unter der heißen, äquatornahen Sonne leuchten im Wasser auf einmal die weißen Körper eines amerikanischen Pärchens in den gleißend hellen Mittag.

Was tut man nun an diesem Ort, außer sich kurz zu erfrischen?

Sonnenbaden in der marternden Gluthitze kommt nicht in Frage, ein anregendes Buch ist gerade jetzt nicht zur Hand, und der naheliegendste Gedanke – ein zünftiges 13-Uhr-Besäufnis im Schatten mit ein paar trinkfesten Reisebegleitern, was im Urlaub durchaus auch ohne irgendeinen Anlass seine Berechtigung hat – scheidet wegen mangelnder Gastronomieangebote ebenfalls aus. Also ein bisschen von der Hängebrücke auf den Fluss anschauen, dann die mehr als 1000 Höhenmeter wieder nach oben steigen.

Sangalle – so viel lässt sich recht schnell sagen – kann man gesehen haben, muss man aber nicht; das ist immerhin ein Urteil, das jeden Marco-Polo-Reiseführerleser abschreckt, und damit ist der Ausflug nicht auf ganzer Linie ein Irrtum.

Sangalle, Colca Canyon

Es zeigt sich nun, beim Aufstieg aus der Talschlucht, das ganze trügerische Wesen einer Canyon-Durchsteigung.

Wartet auf einem Berg nach getaner Arbeit die Aussicht über das weite Land, der Triumph des Gipfels, dieses erhabene Gefühl, über der Welt und ihren Dinglichkeiten zu stehen, so führt einem der Grund einer Schlucht, die Enge zwischen den tausend Meter hohen Berghängen, eher das Verfahrene und die Mühseligkeit des Lebens vor Augen, die immer wiederkehrende Anstrengung, sich von den Umständen nicht lähmen zu lassen.

Man möchte jetzt nicht sagen, die Wanderung in eine Schlucht sei eben nicht nur der Weg auf den Grund eines Gebirgstals, sondern auch seiner persönlichen Beschränktheiten und Hemmungen, das wäre zu einfach und zu schlecht. Aber natürlich ist es so: Es ist leicht, hinabzusteigen auf den Talgrund, aber umso schwerer, wieder heraufzusteigen.

Dort unten verengt sich der Blickwinkel, die Übersicht geht verloren, man wird ganz klein, und dann muss man auch noch die größte Anstrengung aufbringen, um nach oben zu kommen. Es ist viel erstrebenswerter, sich einen Hang hinaufzuquälen, um einen bislang verborgenen Punkt zu erreichen, einen neuen Blick zu bekommen, eine neue Sicht auf die Lage, anstatt überhaupt erst wieder das Level zu erreichen, von dem man aufgebrochen ist.

Vielleicht muss man manchmal genau das, hinab in eine Schlucht und wieder zurück, aber das ist meist kein angenehmer Weg, und die Entourage in dieser Geschichte hat schließlich Urlaub.

Glücklicherweise kann der erschöpfte Reisende – sollte er auf halbem Weg aus dem Canyon unter der gnadenlosen Mittagssonne an den Rand seiner Kreislaufkapazitäten kommen – einfach einen einheimischen Bauern ansprechen und auf dem Rücken eines Maulesels gegen ein geringes Entgelt aus der Schlucht nach oben reiten.

Dort erschließt sich dann wieder die Weite des Tals, das Ausmaß der riesig hohen Felswände, das enorme Gefälle, überhaupt die irre Architektur der Landschaft. Schön sieht das am Abend aus, bevor es wieder dunkel wird in Cabanaconde.

In dem einzigen Internetcafé des Ortes sitzt an manchen Abenden ein Junge vor dem Rechner und spielt Counter Strike. In der Hütte rattert das Maschinengewehr, draußen streunen dürre Hund durch die Gassen, und die Sicht reduziert sich wieder auf das Dürftige, das Ärmliche, die Kälte zwischen den Fugen der Häuser.

Man möchte dann am nächsten Tag ganz hoch auf einen Berg steigen. Oder weiterreisen.

Cabanaconde / Colca Canyon

Reisezeit: ..Zwischen Mai und Oktober ist die Luft klar und trocken, es regnet kaum. Die Nächte können in der Höhe sehr kalt werden, auch wenn es tagsüber ziemlich warm wird.

Anreise: .. Mehrere Fluggesellschaften fliegen Lima mit ein oder zwei Zwischenstopps von Deutschland aus an. Nach Arequipa sind es mit dem Bus etwa 18 Stunden. Von dort brauchen die Busse über die Altiplano-Hochebene etwa 5 bis 6 Stunden nach Cabanaconde. Tickets gibt es im Bahnhof. Je schneller der Bus, umso höher der Preis.

Einreise: ..Touristen aus Deutschland können sich 183 Tage ohne Visum in Peru aufhalten.

Übernachtung: ..In Cabanaconde gibt es ein paar kleinere Hostels für wenig Geld, Buchungen sind zum Teil über das Internet möglich. In Sangalle auf dem Grund des Canyons können Reisende in kleinen Ferienbungalows übernachten.

Geld:..Ein Euro sind etwa 3,3 Nuevos Soles (Stand November 2012).


Cabanaconde, Peru auf einer größeren Karte anzeigen

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5 comments

Auf den Chachani in Peru – Premiere auf 6000 Metern Höhe « Run. Travel. Grow. 24/12/2012 at 14:18

[…] Vorteil unserer Reiseplanung: Wir wollen erst noch weiter reisen zum Colca-Canyon und von dort weiter über Puno bis nach Copacabana in Bolivien am Titicacasee. Wir werden uns also […]

Reply
Die größte Sehenswürdigkeit Südamerikas – Machu Picchu sehen und sterben? « Run. Travel. Grow. 15/01/2013 at 23:46

[…] wir nach Ausflügen zum Colca Canyon, zum Titicacasee und auf den frostigen Gipfel des Chachani in der bedeutensten historischen Stadt […]

Reply
» Auf den Chachani in Peru – Premiere auf 6000 Metern Höhe Run. Travel. Grow. 06/04/2013 at 17:29

[…] Vorteil unserer Reiseplanung: Wir wollen erst noch weiter reisen zum Colca-Canyon und von dort weiter über Puno bis nach Copacabana in Bolivien am Titicacasee. Wir werden uns also […]

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» Die größte Sehenswürdigkeit Südamerikas – Machu Picchu sehen und sterben? Run. Travel. Grow. 06/04/2013 at 17:57

[…] wir nach Ausflügen zum Colca Canyon, zum Titicacasee und auf den frostigen Gipfel des Chachani in der bedeutendsten historischen Stadt […]

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Südamerika (1) - Peru oder die Periodik des Alltags 12/06/2013 at 10:13

[…] weiße Mann fotografiert die armen Bauern. … Wir wandern einen Tag hinab in die Schlucht des Colca-Canyons und wieder herauf, denn wir wollen schnell weiter, zum großen Titicacasee im Süden des Landes. […]

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