Die Grenze der Gegenwart

10/11/2012

Europa versucht seit drei Jahren, den Euro zu retten, die Banken zu regulieren, die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Aber wer ist in der Krise? Staaten, Banken, die Währung? Die Geschichte eines Systemfehlers.

Wer in Brüssel das erste Mal die Rue de la Loi in Richtung Place de Schuman hinauffährt, könnte das Berlaymont-Gebäude für einen unbedeutenden Büroturm halten, dabei sitzt hier die Kommission der Europäischen Union. Auf dem Vorplatz wehen 27 Fahnen im Wind, eine für jedes Mitgliedsland der EU.

In diesem Sommer ist es besonders laut auf dem Platz, Autos stauen sich, aufgerissene Straßen, Baustelle. Frauen und Männer tragen Aktenkoffer durch den Verkehr. Politiker, Diplomaten, Lobbyisten. Sie betreten das Hochhaus eilig und verlassen es wieder, es ist ein fortwährendes Kommen und Gehen wie in einem Bienenstock.

In Kitty O’Shea’s Irish Pub gleich gegenüber treffen sich die jungdynamischen Karrieristen zum Feierabendbier, auf der Rue de Franklin stellen die Restaurantbesitzer am Nachmittag die Tische raus, man kann hier gut sitzen, die Pizza kostet ungefähr zehn Euro. Die Menschen sprechen Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch. Es herrscht lockere Straßencafé-Atmosphäre.

Hier trifft sich das kosmopolite Europa, die Bildungselite, die selbstverständlich im Ausland studiert hat, für die der Schlagbaum an der Grenze nur noch das Symbol einer antiquierten Vergangenheit ist. Vielleicht kommen diese Menschen dem Ideal des europäischen Staatsbürgers am nächsten. Freies Europa, grenzenloses Europa. Es ist das gleiche Europa, das sich seit mehr als zwei Jahren in der Krise befindet.

Die Krise ist zum allgemeinen Zustand geworden, die Zeitungen berichten von ihr, die Fernsehnachrichten, das Radio, fast jeden Tag. Irgendwo wird immer eine Bank gerettet, ein Rating herabgestuft, ein Gipfel einberufen. Müsste diese Krise nicht sichtbar sein, hier im Europaviertel in Brüssel, im Machtzentrum der EU, wo Beobachter gleichsam den Ursprung und die Lösung aller Probleme der Euro-Währungszone verorten?

Wer am frühen Abend in der Rue Franklin die ersten zwei blanches getrunken hat, während die Sonne warm durch die Bäume fällt, der wird sich umschauen und zu dem Schluss kommen: Hier ist die Krise nicht.

Die Nachrichten erzählen von der verlorenen Generation in Spanien, die keine Arbeit findet, obwohl sie bestens ausgebildet ist, sie erzählen von den Menschen in Griechenland, die sich erschießen, weil sie kein Geld mehr zum Leben haben, nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll und deshalb lieber sterben. Ein Land im freien Fall.

In den Straßen um die EU-Kommission in Brüssel herrscht trotz allem ein Zustand von Alltäglichkeit. Als sei das bloß eine griechische, eine spanische Krise, ein Problem Südeuropas.

Amadeu Altafaj Tardio schaut in die Runde der versammelten Journalisten. Er trägt einen tadellosen Anzug, sein Gesicht sieht müde und angespannt aus. Es ist ein Freitagmittag im Juni, midday briefing in der Kommission, draußen ist der Himmel grau. Tardio ist der Sprecher von Währungskommissar Olli Rehn. Das ist der Mann, der in der EU für die Wirtschaft zuständig ist. Die Korrespondenten aus Rom und Madrid, aus Berlin und Washington nehmen Platz im Pressesaal, die Sitze sehen aus wie im Kino. Hinter den Scheiben machen sich die Übersetzer bereit, an jedem Platz liegt ein Kopfhörer.

Eine Journalistin fragt, ob es stimmt, dass Spanien einen Antrag auf Finanzhilfen aus dem Hilfsfonds EFSF stellen wird. Es gibt Gerüchte, dass Spanien viele Milliarden Euro für Löcher in den Bilanzen seiner Großbanken braucht und deshalb schon am morgigen Samstag »unter den Euro-Rettungsschirm schlüpft«. Zwei Sekunden ist es still, dann sagt Tardio schleppend langsam, man könne dies nicht bestätigen. Er sieht dabei ziemlich unglücklich aus.

Am nächsten Tag läuft über die Nachrichtenticker, dass Spanien 100 Milliarden Euro an Krediten für seine maroden Geldhäuser bekommen soll. Das Land kämpfe gegen eine massive Bankenkrise, heißt es.

Bankenkrise, Schuldenkrise, Eurokrise. Es scheint nicht ganz klar zu sein, wer nun genau in der Krise ist: die Bankbilanzen, die Staatshaushalte, die Gemeinschaftswährung? Oder hängt vielleicht alles zusammen?


EU-Kommission
Brüssel
EU-Kommission


Das große Narrativ der Krise, das die Debatte bis heute dominiert, geht immer ähnlich: Die Euro-Staaten haben nicht »solide gewirtschaftet« und »zu viele Schulden« gemacht, auch weil sie in der Finanzkrise 2008 »die Banken retten« mussten. Deshalb stehen nun mehrere Länder »unter dem Druck der Finanzmärkte«, ihnen »droht die Pleite«. Es kommt nun in erster Linie darauf an, dass die Staaten sich zu »mehr Haushaltsdisziplin« verpflichten – das ist deutsche Lesart – oder »das Wachstum ankurbeln«, das fordern vor allem Frankreich, Spanien und Italien. Die südeuropäischen Staaten, heißt es, müssten wieder »wettbewerbsfähig« werden.

Es klingt so, als gebe es da eine Fehlentwicklung, die sich mit bekannten Werkzeugen wieder korrigieren lasse. Als gehe es bloß um die Frage der richtigen Stellschraube.

Die Krise ist keine europäische Krise.

Ein zentrales Instrument der »Euro-Rettung« klingt irgendwie technokratisch-effizient, funktioniert aber nach einem banalen Prinzip: Die Länder, deren Zahlungsfähigkeit noch als grundsolide eingestuft wird, leihen den Ländern, deren Verschuldung als gefährlich hoch eingeschätzt wird, neues Geld, das sie selbst nicht haben. ESM heißt das, European Stability Mechanism. Journalisten benutzen für diese supranationale Finanzinstitution oft das falsche Bild des »Euro-Rettungsschirms«. Die formulierte Absicht hat wenig mit der Realität zu tun.

Der Rettungsschirm – ein Fallschirm, der zum Regenschirm wurde – ist nur eine von vielen sprachlichen Nebelkerzen, die allenfalls die Oberfläche des Krisengeschehens beschreiben. Es ist eine Krise, die Menschen bedroht, unmittelbar und existenziell, aber über deren eigentliche Ursache und langfristige Auswirkungen kaum etwas zu lesen ist. Es ist eine Krise, die wahrscheinlich mehr umstürzen wird als das derzeitige Finanz- und Wirtschaftssystem. Sie könnte das unterbewusste Verständnis vom »Lauf der Dinge« verändern, grundlegende Annahmen in Frage stellen, die die Gesellschaft von der Welt prozessiert, das Bild zerstören, das wir uns vom Leben gemacht haben. Es spricht vieles dafür, dass es sich um die größte Systemkrise der modernen Geschichte handelt.

Es ist das Wesen einer Systemkrise, dass die Fehlsteuerung nicht in einem einzelnen, isolierbaren Teilbereich zu finden ist, sondern aus dem innersten Funktionsprinzip des Systems selbst erwächst. Das heißt auch, dass eine Lösung der Krise nicht durch die Korrektur einer Fehlsteuerung gelingt, sondern nur durch eine Neuordnung des Systems selbst.

Um zu verstehen, warum die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise nicht mehr aufhören wird, muss man das innerste Funktionsprinzip des weltweit dominierenden Wirtschaftssystems analysieren, sozusagen die Regel erster Ordnung, aus der sich alle Folgeentwicklungen ableiten. Wann dieses Grundprinzip funktioniert und wann nicht mehr, erklärt den Aufstieg und den anzunehmenden Niedergang des Systems.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem basiert auf einem Widerspruch.

Die kapitalistische Wirtschaft basiert auf dem Ökonomischen Prinzip der Gewinnmaximierung. Gewinn als Differenz aus Ertrag und Aufwand: Ich investiere etwas, und ich kriege am Ende mehr heraus, als ich hineingesteckt habe. Es geht darum, die eingesetzten Produktionsfaktoren – Kapital, Arbeitskraft, Maschinen, Fachwissen, Zeit, Energie – möglichst profitabel zu verwerten. Das war vor 100 Jahren so, das ist heute so. Der Verkäufer auf dem Wochenmarkt arbeitet nach diesem Prinzip, der mittelständische Autozulieferer, der Hedgefonds in der Londoner City. Kein Händler, Unternehmer oder Investor sagt: Wenn ich alle Erträge und Aufwendungen gegeneinander aufrechne, dann steht am Ende eine schwarze Null. Man würde diesen Menschen auslachen – und seine Firma bald durch einen Konkurrenten vom Markt verdrängt.

Das ist die Logik des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs: Es geht darum, in kürzerer Zeit bessere Waren und Dienstleistungen für geringere Kosten herzustellen.

Jedes Unternehmen in einem Land will Gewinne machen. Dadurch steigt der Wert aller produzierten Waren und Dienstleistungen: das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Eine Zunahme des BIP bedeutet Wirtschaftswachstum. Jedes Unternehmen strebt einen möglichst hohen Gewinn an, die Volkswirtschaft als Ganzes strebt nach Wachstum. Das ist die Analogie.

Wie sieht dieses Wachstum aus?

Der Physiker Albert Barlett hat einmal gesagt: »Die größte Beschränktheit der menschlichen Spezies ist ihre Unfähigkeit, die Exponentialfunktion zu verstehen.« Unternehmen und Volkswirtschaften rechnen mit prozentualem Wachstum im Vergleich zum Vorjahr. 2 Prozent Wachstum von 100 Euro, das ist jedes Jahr ein größerer absoluter Zuwachs: Nach einem Jahr sind es 102 Euro, nach 10 Jahren 121, nach 100 Jahren 724. Die Kurve steigt immer steiler an. Das ist exponentielles Wachstum. Es ist die Form von Wachstum, die seit dem Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft vom 8. Juni 1967 eines der obersten Ziel der deutschen Politik darstellt. Das Gesetz sieht »stetiges und angemessenes« Wachstum vor. Es meint exponentielles Wachstum.

Wachstum, das klingt immer noch vor allem nach Wohlstand. Es klingt nach der Entfaltung einer Gesellschaft, letztlich nach dem Siegeszug des Lebens selbst. Bäume wachsen, Kinder wachsen auf. Warum sollen nicht auch Unternehmen und Volkswirtschaften wachsen?

Die Antwort hat mit der Frage zu tun, wie Gewinn entsteht, auf der Mikroebene des Wachstums. Angenommen ein Unternehmer stellt am Tag mit 100 Mitarbeitern 100 Tablet-Computer her. Dieser Unternehmer kauft irgendwann eine Maschine, die seine Tablets automatisch zusammensetzen kann, die selbst elektronische Feinarbeit präzise und fehlerfrei ausführt. Der Unternehmer wird alle Mitarbeiter, die er für die Produktion seiner Computer nicht mehr braucht, entlassen. Er zahlt die Löhne nicht aus Menschenfreundlichkeit, er steht im Wettbewerb mit anderen Anbietern, er muss Kosten sparen. Er handelt strikt nach dem Ökonomischen Prinzip. Was passiert aber, wenn sich die entlassenen Mitarbeiter keine Tablets mehr leisten können, weil sie kein Einkommen mehr haben? Sie fallen als Nachfrager und Konsumenten aus. Der Unternehmer muss sich fragen: Wer kauft meine Tablets, wenn ich am Ende nur noch zehn Entwickler und zwei Designer brauche, um 1000 Geräte am Tag herzustellen?

Wenn menschliche Arbeit durch Maschinen und Computer ersetzbar ist, werden die überflüssigen Mitarbeiter entlassen – jedes Unternehmen handelt nach diesem Prinzip. Das ist der Landwirtschaft so ergangen, gerade passiert das in der Industrieproduktion, und der Dienstleistungssektor steuert auf die gleiche Entwicklung zu.

Ohne menschliche Arbeit gibt es aber keinen Lohn, keine Kaufkraft, keinen Konsum, keine Steuereinnahmen. Je mehr Branchen auf menschliche Arbeit verzichten können, umso mehr nimmt die Wirtschaft Schaden.

Es ist der große kapitalistische Widerspruch zwischen der betriebswirtschaftlichen und der volkswirtschaftlichen Logik: Je näher jede Einheit des Systems seinem inhärenten Ziel kommt, umso mehr zerstört sich das System als Ganzes selbst.

Dieser Widerspruch ist wie ein Samenkorn, in dem alle fehlerhaften Auswüchse des heutigen Wirtschaftssystems angelegt sind. Dieser Widerspruch erklärt die Teilung der Welt in so viele Arme und so wenige Reiche, den Überfluss im Mangel. Die Geschichte dieses Widerspruchs ist spannender als jede Verschwörungstheorie, es ist die Geschichte von Frieden und Wohlstand, von Ausbeutung und Elend, es ist letztlich die Geschichte des Menschen in der Moderne bis zur Überdehnung der Moderne, an der Grenze der Gegenwart, an der wir heute stehen.

Das System funktioniert, solange genug neue Arbeit entsteht.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem hätte natürlich niemals einen so durchschlagenden Erfolg gehabt, wenn es noch vor der weltweiten Expansion an seinem ureigenen Widerspruch gescheitert wäre. Das Versprechen des Kapitalismus lautet: Durch technischen Fortschritt entstehen immer mindestens genauso viele Arbeitsplätze, wie durch Rationalisierungen in der Produktion vernichtet werden. Die Mitarbeiter, die zur Herstellung der Tablets nicht mehr gebraucht werden, finden in einer anderen Branche neue Arbeit. Sie können sich wieder Tablets kaufen, der produzierende Unternehmer ist glücklich.

Der russische Ökonom Nikolai Kondratjew hat dazu eine Theorie der langen Konjunkturwellen aufgestellt. Seine These: Es gibt Erfindungen – sogenannte Basisinnovationen – die so durchschlagend sind, dass sie die Produktionsprozesse der Wirtschaft grundlegend umwälzen und massenhaft neue Investitionen anstoßen.

Der Siegeszug der Dampfmaschine im 19. Jahrhundert; die günstige Massenproduktion von Stahl, der Bergbau und die Ausbreitung von Eisenbahn und Dampfschiff am Ende des 19. Jahrhunderts; Elektrotechnik, Chemieindustrie und Verbrennungsmotor am Anfang des 20. Jahrhunderts – das waren die ersten drei Zyklen. Nach dem Ersten Weltkrieg beginnt der »vierte Kondratjew«: die Automatisierung der Produktion durch Einzweck-Werkzeugmaschinen. Fließbandfertigung, Arbeitsteilung, Spezialisierung: das Prinzip des Fordismus. Neue Technologie schafft neue Wirtschaftszweige, diese schaffen neue Arbeitsplätze, das schafft neues Wachstum. Ein fortlaufender Zyklus, das kapitalistische Selbsterhaltungsmuster.

Der Aufstieg des Westens ist die letzte Phase natürlichen Wachstums.

Die Blütezeit des Westens war so gesehen die Hochphase des »vierten Kondratjew«. Der englische Wirtschaftshistoriker Eric Hobsbawm nennt die 50er- und 60er-Jahre das »goldene Zeitalter des Kapitalismus«. Neue Industriezweige entstehen, die viele Güter für den Verbraucher erschwinglich machen: Haushaltselektronik, Lebensmittel, Autos, der Einzelhandel wächst. Die Entwicklung der zivilen Luftfahrt macht das Reisen für die Massen möglich. Alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens werden durch die Marktwirtschaft erschlossen: Es ist die »innere Expansion des Kapitalismus«. In Deutschland herrscht Vollbeschäftigung, das Wirtschaftswachstum ist konstant hoch, wie in allen OECD-Ländern. Der Aufschwung ist auch dadurch bedingt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg riesige Infrastruktursysteme wiederaufgebaut werden müssen: Flughäfen, Straßen, Brücken, ganze Städte waren verwüstet.

Die passende Wirtschaftspolitik in den westlichen Industrienationen liefert der Keynesianismus, ein nachfrageorientierter Ansatz, benannt nach dem Überökonomen des 20. Jahrhunderts, John Maynard Keynes. Keynes ist der Ansicht, dass der Staat in die Privatwirtschaft eingreifen muss, um Arbeitslosigkeit zu verhindern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat dieses Konzept großen Erfolg: Der Staat sorgt dafür, dass die massenhaft produzierten Güter massenhaft Käufer finden. Wenn die Nachfrage einbricht, stützt der Staat durch Verschuldung die Konjunktur, das nennt sich deficit spending. Die Gewinne der Unternehmen werden in höhere Löhne gesteckt, die Arbeiter sind zahlungskräftige Konsumenten. Das Hauptgeschäft der Banken ist es, der Industrie und dem Staat Kredite für weitere Investitionen zur Verfügung zu stellen, die aufgrund der insgesamt hervorragenden Wirtschaftslage problemlos bedient werden können.

Das »Wirtschaftswunder« in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, die große Erzählung der jungen Bundesrepublik, ermöglicht den Aufbau der sozialen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb, stabilen Preisen durch eine unabhängige Bundesbank und eine Verbesserung der allgemeinen Lebensverhältnisse. Arbeitgeber und Gewerkschaften verhandeln die Tarife im Rahmen von Sozialpartnerschaften unabhängig vom Staat. Der Aufbau der Sozialsysteme sichert die Menschen für Notzeiten ab.

Das innere Funktionsprinzip des Kapitalismus funktioniert, weil in neuen Branchen mindestens genau so viele Jobs entstehen, wie in sterbenden Branchen und durch Rationalisierungen in der Produktion vernichtet werden. Die Armut und der Mangel verschwinden, die Reichen werden reicher, der Mittelstand lernt den Konsum zu schätzen. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard verspricht: »Wohlstand für alle.«

Die meisten Menschen damals glauben, dass es nun immer so weitergehen müsse mit dem Wohlstand und dem Wachstum. Da ist zwar der Kalte Krieg, aber der Westen steht auf der richtigen Seite der Geschichte. Dahinter steckt der glühende Fortschrittsglaube, der dem Kapitalismus schon immer innewohnte und der das Bewusstsein der Moderne bis heute prägt. Die Schriftsteller Eckhart Nickel und Christian Kracht bemerkten einmal, es habe sich um eine Zeit gehandelt, »in der Luftkissenboote, enge Badehosen aus Frottee und die corporate identity der Fluglinie PanAm den Weg in eine optimistisch erwartete und euphorisch moderne Zukunft deuteten.« In den 70er-Jahren ist diese Zeit zu Ende.

Die Krise ist eine Wachstumskrise.

Schon in den 60er-Jahren sinkt die Kapitalrentabilität der Unternehmen in den westlichen Marktwirtschaften, das Verhältnis aus Gewinn und investiertem Kapital, die Rendite. Ich investiere genauso viel Geld wie früher, aber der Gewinn ist nicht mehr so hoch. Durch sinkende Grenzrenditen gehen die Anreize für Investitionen zurück. Das hat negative Folgen für die Wirtschaft als Ganzes.

Die erste Hälfte der 70er-Jahre ist gekennzeichnet durch Stagflation, einer Kombination aus Stagnation und Inflation. Das Wachstum der Volkswirtschaften verlangsamt sich, zum anderen verteuern sich die Preise durch einen externen Schock: die erste Ölkrise.

Am 6. Oktober 1973 beginnen Ägypten und Syrien mit dem Angriff auf den Sinai und die Golanhöhen den vierten israelisch-arabischen Krieg, den Jom-Kippur-Krieg. Die Organisation der erdölexportierenden Staaten (OPEC) drosselt im Verlauf des Kriegs die Ölfördermenge um 5 Prozent, um die westliche Unterstützung Israels in dem Konflikt zu brechen.

Am 17. Oktober 1973 liegt der Ölpreis bei rund 3 US-Dollar pro Barrel, im Verlauf des Jahres 1974 steigt er auf 11,16 Dollar. In den USA verdoppelt sich die Inflationsrate bis Ende 1974 auf 11 Prozent, 1975 verdoppelt sich die Arbeitslosigkeit auf 8,4 Prozent gegenüber 1973. Die Massenarbeitslosigkeit in den westlichen Industrienationen kehrt zurück, 1973 ist das letzte Jahr mit Vollbeschäftigung in den OECD-Staaten.

Der Ölpreisschock von 1973 legt die Schwäche des Westens offen, seine Abhängigkeit von fossilen Energieträgern als Brennstoffen des Wachstums. Es zeigt sich zum ersten Mal, dass es sich bei dem, was wir heute Krise nennen, eigentlich um eine Wachstumskrise des Kapitalismus handelt, auf die der Club of Rome bereits 1972 in seiner Studie Die Grenzen des Wachstums hingewiesen hat.

Im Lauf der 70er-Jahre stößt die innere Expansion des Kapitalismus an seine Grenzen: Das Wachstum bricht ein, die Konsumgütermärkte sättigen sich langsam. Es ist ein Wohlstandsniveau erreicht, das sich immer mühsamer genauso schnell wie bisher steigern lässt. Die Menschen mit Haus, Garten und Auto, mit ihrer schönen, kleinen Familie könnten natürlich noch viel mehr arbeiten und sich dann eine Finka in Spanien, eine Luxuslimousine und schicke Designerkleidung kaufen, aber der Aufwand wäre das zusätzlich gewonnene Glück nicht wert, das ist eine Frage des Grenznutzens von Konsum, der Befriedigung von Bedürfnissen. Seit den 70er-Jahren werden die Menschen trotz scheinbar unbegrenzter neuer Konsumangebote subjektiv nicht glücklicher.

Die Stagflation der 70er-Jahre zeigt zum ersten Mal: Auf lange Sicht ist da keine neue Technologie, keine neue Branche, die so revolutionär ist, dass sie den Menschen in Zukunft wieder massenhaft Arbeit geben kann. Das Selbsterhaltungsprinzip des Wirtschaftssystems – technischer Fortschritt erschließt neue Industriezweige, die den Überschuss an überflüssig gewordenen Arbeitskräften auffangen – zeigt erste Störanfälligkeiten. In den USA beginnt die große Deindustrialisierung.

Es sind im Prinzip zwei fundamentale Fragen, die sich Mitte der 70er-Jahre stellen. Wie lassen sich die Renditen der Unternehmen wieder steigern? Und wo lässt sich das investitionsfreudige Kapital weiter möglichst gewinnbringend anlegen, wo doch die Kapitalerträge auf den gesättigten Gütermärkten des Westens sinken?

Die Deregulierung der Märkte ist eine Antwort auf die Wachstumskrise.

Auf die erste Frage reagiert der Staat mit einer neuen Wirtschaftspolitik. Eine Gruppe junger chilenischer Ökonomen, die an der Chicago University vom Ökonomen Milton Friedman ausgebildet wurden, prüfen nach dem Staatsstreich vom 11. September 1973 und der Machtergreifung Augusto Pinochets in Chile zum ersten Mal ein Maßnahmenpaket, das heute oft als Neoliberalismus bezeichnet wird, aber eher als marktradikal bezeichnet werden kann: Privatisierung von Staatsbetrieben, Abbau von Handelsbeschränkungen, Steuersenkungen für Unternehmen und Vermögende, Ausgabenkürzungen im Sozialbereich und ein Ausbau des Niedriglohnsektors. Die Chicagoer Schule drängt den Einfluss des Staats weitgehend zurück, die Wirtschaft wird den freien Kräften des Markts unterworfen.

In den USA markieren die Reagonomics unter Ronald Reagan zu Beginn der 80er-Jahre den Schwenk zu einer neoliberalen Wirtschaftsordnung. In England ist es der Thatcherismus unter Marget Thatcher, der den Arbeitsmarkt dereguliert, die Gewerkschaften entmachtet und dem Marktmechanismus die Steuerung der Wirtschaft überlässt. In Deutschland sorgt Kanzler Helmut Schmidt zusammen mit seinem Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff mit dem Lambsdorff-Papier für eine Aufweichung der sozialen Sicherungssysteme und den Schwenk zu einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik. Für Unternehmen und Wirtschaft hat die neue Politik positive Effekte, die Firmen machen wieder mehr Gewinne, das Wachstum stabilisiert sich.

Wo aber gibt es nun einen Markt, auf dem weiter hohe Kapitalerträge möglich sind, profitable Investments?

Die Antwort ist ebenso simpel wie folgenschwer: Weil es diesen Markt in der realen Wirtschaft nicht gibt, entsteht ein zunehmend fiktiver Markt: der Finanzmarkt, wie wir ihn heute kennen.

Bereits am 17. August 1971 wurde die Goldbindung des US-Dollar aufgehoben. Bis dato konnten die Zentralbanken ihre Dollarreserven gegen einen festen Wechselkurs in Gold eintauschen. Diese Verpflichtung existierte aber seit Ende der 50er-Jahre ohnehin nur noch auf dem Papier. Die weltweiten Dollarreserven überstiegen durch die wachsende Verschuldung der USA im Ausland bereits den Wert des Goldes, das Vertrauen in die Stabilität der US-Währung sank. Durch die hohen Kosten des Vietnamkriegs stieg in den USA außerdem die Inflationsrate. Weil alle anderen Währungen an den Dollar gekoppelt waren, stieg die Inflation gleichzeitig weltweit. US-Präsident Richard Nixon sah sich schließlich gezwungen, den Gold-Devisen-Standard aufzuheben.

Ab diesem Zeitpunkt war der Dollar endgültig nicht mehr durch einen real existierenden Wert gedeckt. Am 11. März 1973 wiederum heben die führenden Industrienationen die Kopplung ihrer Währungen an den US-Dollar auf, die sie 1944 auf der Konferenz von Bretton-Woods beschlossen haben. Es entstehen freie Wechselkurse und Devisenmärkte, auf denen die Währungen gehandelt werden.

Die Entkoppelung der Geldmenge von physisch vorhandenen Werten und das System freier Wechselkurse machen den Weg frei für die Expansion des Finanzmarkts. Die 80er-Jahren besiegeln die financialisation of capitalism: Der Anteil der Finanzgeschäfte am Bruttoinlandsprodukt wird immer größer. Es sind die Jahre des großen Spekulationsbooms.

Ein letztes Aufbegehren gibt es, als der Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), Paul Volcker, Anfang der 80er-Jahre den Leitzins auf teilweise über 20 Prozent anhebt, um die Inflation zu bekämpfen. Ein hoher Leitzins lässt die Zinsen der Geschäftsbanken steigen und verteuert somit neue Kredite. Notenbanken begrenzen auf diese Weise die umlaufende Geldmenge. Eine extreme Hochzinspolitik würgt aber die Wirtschaft ab und führt leicht in eine Deflation: Die Preise für Güter fallen, dadurch wiegen die Schulden höher, es drohen Insolvenzen und Arbeitslosigkeit. Das »monetaristische Experiment« scheitert. Volcker gibt seine Politik nach zwei Jahren auf, die Fed senkt die Leitzinsen wieder, die Arbeitslosigkeit geht zurück. Die Geldschleusen können sich wieder öffnen.

In London fallen 1986 mit dem big bang die Devisenvorschriften, Handelsrestriktionen und Finanzverkehrsklauseln. Es beginnt ein weltweiter Wettlauf um die vorteilhaftesten Finanzstandorte. Es ist der Startschuss für die große Deregulierung, die internationale Verflechtung der Finanzgeschäfte und den computergestützten Hochgeschwindigkeits- handel. Großbanken, Investmentgesellschaften, Versicherungen und Pensionsfonds steigen in den Handel mit Devisen und Finanzprodukten ein.

Da ist der Anleihemarkt, auf dem verzinsliche Wertpapiere, also Teilschuld- verschreibungen wie Unternehmens- und Staatsanleihen, Pfandbriefe und Rentenpapiere gehandelt und in Rentenfonds gebündelt werden. De facto handelt es sich diesen Finanzprodukten um langfristige Kredite. Fremdkapital gegen Schuldverschreibungen. Derjenige, der Anleihen – englisch bonds – kauft, bekommt dafür Geld, das er irgendwann mit Zinsen zurückzahlen soll. Dieses Geld muss er irgendwie erwirtschaften.

Auch der Geldmarkt selbst wächst, mit steigenden Forderungen von Zentralbanken und Geschäftsbanken. Dieser Markt umfasst Tagesgeld, kurzfristige Rückkaufvereinbarungen (Repo), Wertpapierleihe und Geldmarktpapiere mit einer kurzfristigen Laufzeit wie bei US-Treasury Bills. Es handelt sich bei diesen Produkten ebenfalls um Kredite.

In den 90er-Jahren expandieren vor allem die Aktienmärkte, dort werden Unternehmensanteile gehandelt, deren Volumen sich an der Marktkapitalisierung der Firmen bemisst. Der Down Jones Industrial Average erlebt in den 90ern einen rasanten Punktanstieg, in Deutschland klettert der DAX zwischen 1985 und 2000 von 831 auf 6751 Punkte. Die Unternehmenskultur ändert sich: Ein möglichst hoher shareholder value, die Rendite der Aktionäre und Kapitalgeber, bestimmt mehr und mehr das Wirtschaften der Unternehmen.

Die maßgeblichen Akteure an den Finanzmärkten, die den großen Boom befeuern, sind die institutionellen Anleger wie Banken, Versicherungen und Pensionsfonds, die in unterschiedlichen Bereichen des Kapitalmarkts investieren. Geldmarktfonds kaufen vor allem sehr liquide Wertpapiere, Rentenfonds Anleihen, und Investmentfonds Derivate und andere spekulative Finanzprodukte. Die Königsklasse der Investmentsparte sind die Hedgefonds, Schattenbanken ohne Lizenz, die meist von Offshore-Finanzplätzen besonders risikoreich mit Derivaten und Leerverkäufen spekulieren.

Derivate gliedern sich auf in Termingeschäfte wie Futures oder Optionen und Swap-Geschäfte, etwa credit default swaps oder Zins-Swaps, mit denen ein Unternehmen sich quasi einen festen Zinssatz einkauft, der im Tausch mit einem variablen Zinssatz das Risiko steigender Marktzinsen absichert (was manchmal sehr schief gehen kann). Es gibt aber auch Devisen-Swaps für Wechselkurse, es gibt im Grunde für jede Transaktion ein Swap-Tauschgeschäft. Es geht vor allem darum, Erwartungsrisiken monetär abzusichern.

Derivate sind Finanzprodukte, die immer abhängig von der Entwicklung anderer Wertpapiere sind. Sie sind im Prinzip eine Art leveraging, ein Hebel: Der Gewinn durch das Derivat ist viel höher als die Veränderung des eigentlichen Basiswerts. Das erhöht die Eigenkapitalrendite: Das Geschäft soll möglichst viel Geld bringen im Verhältnis zum eingesetzten Kapital.

Der Finanzmarkt handelt mit Versprechen auf Wachstum in der Zukunft.

Es sind am Ende nicht mehr als Zahlungsforderungen und Zahlungsversprechen, die auf jedem Teilmarkt des Finanzmarkts erschaffen, gehandelt und gebündelt werden. Je abstrakter ein Papier ist, umso weniger direkten Bezug hat es zur realen Wirtschaft, umso größer ist die Gefahr, die Entwicklung falsch vorauszusehen, umso höher ist aber auch die Rendite: Risiko als Handelsware. Dabei entsteht eine kaskadische Ableitungsstruktur.

Während Aktienkurse eine reale Wertentwicklung wiederspiegeln, aber eben auch schon Werterwartungen, stellen zum Beispiel mortgage backed securities – das sind zu Wertpapieren verbriefte Hypothekenkredite – quasi eine zweite, indirekte Ableitung dar, während sich diese Produkte in dritter Ableitung wiederum bündeln und als neue Papiere weiterverkaufen lassen. So entstehen viel mehr Computerwerte als reale Wertschöpfung. Ein weltweites Schneeballsystem.

Die 80er-Jahre sind die Ära der legendären Spekulanten, Männer wie Michael Milken, den »König der Junk-Bonds«, der das Ignorieren von Wertpapiergesetzen einmal als kreative Zerstörung preist und mit Schrottpapieren hunderte Millionen von Dollar verdient. Er wird zum Vorbild für die Filmfigur Gordon Gekko, den Prototyp des geldgierigen Investmentbankers im Film Wall Street, gespielt von Michael Douglas, der erklärt: Greed is good – Gier ist gut. Die Hedgefonds-Manager und Broker der Investmenthäuser werden zu Götzen eines entfesselten Finanzkapitalismus, junge Gordon Gekkos in teuren Anzügen, die die nur noch Maßlosigkeit zelebrieren. Viele Banker werden in dieser Zeit richtig reich.

George Soros attackiert 1992 in einem Devisengeschäft die Bank of England und gewinnt mit einem Schlag Milliarden. Das englische Pfund wertet ab, England muss das Europäische Währungssystem verlassen. Soros – heute Philanthrop und Zeitgeistkritiker – erklärt seit einigen Jahren immer wieder, schon damals, in den Achtzigern, habe sich die heutige »Superblase« des Finanzsystems entwickelt.

Die Zentralbanken verlieren zunehmend die Kontrolle über die Geldschöpfung. Den Großteil der umlaufenden Geldmenge erschaffen heute private Banken durch die Vergabe von Krediten in Form von Giralgeld. Im Gegensatz zu Notenbankgeld handelt es sich dabei lediglich um den Zahlungsanspruch auf Bargeld. Zentralbanken steuern die Menge an Giralgeld über die Mindestreserve, die im Euroraum bei 1 Prozent liegt. Der Geldmengenmultiplikator ist 100, die Geschäftsbanken können aus ihren Einlagen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) theoretisch das Hundertfache an neuen Krediten schaffen.

Wenn die Geschäftsbanken das Kreditvolumen ausweiten, erhöhen sie damit ihre Gewinnmöglichkeiten. Sie unterliegen genauso dem Grundprinzip des Wirtschaftens: effiziente Kapitalverwertung, Maximierung der Rendite. Das Geld soll dorthin fließen, wo es sich am schnellsten vermehrt. Durch die Kreditexpansion wächst weltweit die Verschuldung. Es sind zwei Seiten der gleicher Medaille: Kein Schuldschein ohne die Forderung eines Gläubigers.

In den USA kommt noch ein weiteres Problem hinzu: Das Land importiert dauerhaft mehr als es exportiert. Ein starker US-Dollar, der ständig aufwertet, macht die amerikanischen Exporte teuer, das Handelsbilanzdefizit wächst. Die USA können ihre Einfuhren nur finanzieren, indem sie sich im Ausland verschulden. Das klappt bis heute ohne Probleme. Die USA bekommen so lange Geld von anderen Ländern, wie diese amerikanische Staatsanleihen kaufen. Die Obergrenze hängt nur davon ab, wie groß das Vertrauen in die Stabilität des US-Dollars ist. Und die Welt vertraut Amerika bis heute. Der massive Kapitalzufluss lässt die Staatsverschuldung immer weiter wachsen, bis auf mehr als 16 Billionen US-Dollar in 2012. Die Schuldenuhr läuft ohne Unterlass.

Was an den Finanzstandorten des Westens einen Spekulationsboom ermöglicht, hat in den Ländern der Dritten Welt negative Auswirkungen. Die hemmungslose Kreditvergabe an korrupte Regime führt oft in die wirtschaftliche Strangulation, weil die Machthaber das Geld zum einen nicht für Investitionen in die heimische Wirtschaft ausgeben. Zum anderen müssen die Zinsen für die Kredite in ausländischer Währung zurückgezahlt werden. Dumm nur, dass die Dollarzinsen ab den 70er-Jahren deutlich steigen.

Die Expansion der Finanzmärkte verschleiert die Krise des Wachstums.

Was ist das Irre, Unglaubliche, letztlich Wahnwitzige an dem sogenannten Finanzmarkt, an den Krediten und Kreditverbriefungen und gebündelten Kreditverbriefungen?

Die Finanzprodukte sind nicht mehr wert als das Papier, auf dem sie gedruckt sind, als die Forderung im Computer, als das Versprechen darauf, dass die Kredite irgendwann beglichen werden, was früher oder später nur noch mit neuen Krediten funktioniert. Das Kreditvolumen ist nicht mehr durch reale Geschäftserfolge begrenzt, sondern nur noch durch das Maß an Zukunftserwartungen. Es ist eine große Wette auf Wertschöpfung und Wachstum, das erst in der Zukunft entstehen soll. Die Investoren handeln mit Erwartungen, als seien es real existierende Waren und Dienstleistungen. Dieses Wachstum ist seinem Wesen nach hohl, es ist eine Blase.

Die Gewinnmöglichkeiten auf den virtuellen Finanzmärkten täuschen darüber hinweg, dass ein grundlegender Innovationsschub in der realen Wirtschaft ausbleibt, eine neue industrielle Revolution, die den Menschen massenhaft neue Jobs bringt. Der Finanzmarkt fungiert quasi als neuer Kondratjew-Zyklus, er suggeriert die nächste lange Welle wirtschaftlicher Prosperität. Der Boom an den Finanzmärkten verschleiert die Stagnation der Weltwirtschaft mit abnehmenden Wachstumsraten. Die reale Wertschöpfung wird ins Abstrakte gehebelt. Es geht darum »Geld aus Geld« zu schaffen, das »Geld für sich arbeiten zu lassen«. Marktwirtschaft auf Steroiden. Kurzfristig lassen sich die Renditen sogar noch steigern, allerdings profitiert davon nur noch ein zunehmend kleiner Teil der Bevölkerung, der das Geld hat, am globalen Spekulationsgeschäft teilzunehmen.

Die Blase platzt dann, wenn der Wert der real hinterlegten Güter berichtigt werden muss oder sogar ausfällt. Oder wenn niemand mehr darauf vertraut, dass die Kredite durch reales Wachstum zurückgezahlt werden können. Das Platzen vieler kleiner Blasen auf abgegrenzten Teilmärkten des Kapitalmarkts begleitet den Siegeszug des Finanzkapitalismus seit seiner Entstehung in den 80er-Jahren.

Die Schuldenkrise in Süd- und Mittelamerika Anfang der 80er-Jahre resultiert im Kern daraus, dass Länder wie Brasilien, Argentinien und Mexiko nicht genug Geld erwirtschaften können, um die großzügig zur Verfügung gestellten ausländischen Kreditlinien zu begleichen.

Der Börsencrash vom »Schwarzen Montag« am 19. Oktober 1987 korrigiert für eine Weile den Kursverlauf des Dow Jones, nachdem die USA durchsickern lassen, den Dollarkurs nicht mehr gegen eine Abwertung im Vergleich zu Yen und D-Mark zu stützen, den Dollar also im Wert sinken zu lassen.

Die bubble economy in Japan stürzt ab 1990 ab, als die durch Spekulationen irrational in die Höhe getriebenen Preise von Immobilien und Aktien massenhaft berichtigt werden müssen. Die Irrationalität des spekulativen Wechselspiels: Japanische Banken sicherten vor dem Platzen der Blase neue Kredite für Immobilienkäufe ihrerseits mit ohnehin schon überbewerteten Immobilien ab.

In der Tequila-Krise in Mexiko ab 1994 muss die Regierung den Wert des Peso im Verhältnis zum US-Dollar berichtigen, viele Banken stehen vor dem Bankrott.

Die Asienkrise in den ostasiatischen Tigerstaaten hat ihre Ursache in einem Kreditboom bei Aktien und Immobilien.

Die Argentinienkrise Ende der 90er-Jahre: ein überbewerteter Peso, hohe Staatsverschuldung, ein Vertrauensverlust in die eigene Währung.

Das grundlegende Muster dieser Krisen ist immer gleich. Irgendwann merken die Investoren, dass hinter bestimmten Zahlungsversprechen zu wenige reale Werte stehen. Die Spekulation verliert den Boden unter den Füßen. Die Folgen sind immer ähnlich: Kapitalabfluss, Kreditausfälle, Pleiten, Rezession.

Warum stoppt niemand die Spekulationen?

Die Antwort: Solange die Blase wächst, sind reale Gewinne möglich. Das durch Spekulationen erzeugte Geld kann in tatsächlich existierende Güter investiert werden. Banken vergeben auf Basis überbewerteter Immobilien und Aktien neue Kredite, die der Bürger wiederum für realen Konsum ausgeben kann: Autos, Häuser, Schmuck. Der Staat, der sich verschuldet, investiert in Renten, Sozialsysteme, Bildung, Infrastruktur. Das schafft reale Arbeitsplätze, reales Geld auf dem Konto der Bürger, realen Konsum von Waren und Dienstleistungen. Der Investmentbanker kann sein Geld jederzeit von der Bank holen und sich ein teures Luxus-Apartment kaufen, eine Yacht, er kann drei Köche einstellen und einen Fahrer. So sind die Finanzmärkte mit den Gütermärkten verbunden. Virtuelles Vermögen zahlt für reale Werte. Staaten, Banken und Privatleute vertrauen jedes Mal darauf, dass der Boom anhält, die Kredite beglichen werden und die Schulden zurückgezahlt. Bis das Vertrauen zusammenbricht: Es kommt zum Crash.

Wer verliert, hat sein Geld eben »falsch angelegt«, die Bank hat sich in der Krise »verzockt«. Das ist okay, es geht gleich wieder von vorne los. Das Versprechen: Beim nächsten Mal kannst du es schaffen, dann bist du dabei, dann bist du der Gewinner.

Es ist eines der großen Rätsel des ausgehenden 20. Jahrhunderts, warum das Mantra des Finanzkapitalismus, der große Traum vom schnellen Reichtum, den gesamten Globus erfasst, obwohl die meisten Menschen über die Jahre eher eine Verschlechterung ihrer Lebensverhältnisse erleben. Nach dem Zerfall der Sowjetunion glauben einige sogar an ein end of history, ein Ende der Geschichtsschreibung, den unipolaren Weltmoment. Die Vereinigten Staaten als einzige Supermacht, der amerikanische Traum ohne Ländergrenzen als endgültiger Sieg des Westens.

Die Deregulierung der Arbeitsmärkte schreitet unterdessen voran. Bill Clintons Sozialreform vom 20. August 1996 höhlt in den USA in historischem Ausmaß die Sozialsysteme aus, es ist eine Antwort auf die wachsende Staatsverschuldung. Bundeskanzler Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Wolfgang Clement und Peter Hartz beschließen ein knappes Jahrzehnt später die Agenda 2010 in Deutschland: Arbeitslosen- und Sozialhilfe werden zusammengelegt, die Zahlung von Arbeitslosengeld auf ein Jahr begrenzt, Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung gekürzt. Die Folge sind ein Ausbau des Niedriglohnsektors und wachsende Einkommensunterschiede.

Schröder und sein Amtskollege Tony Blair in England bereiten den neoliberalen Schwenk 1999 in einem Grundsatzpapier vor. Sie fordern mehr Flexibilität von den Bürgern. Die Zeiten hätten sich geändert. Zentrale These: »Die Fähigkeit der nationalen Politik zur Feinsteuerung der Wirtschaft hinsichtlich der Schaffung von Wachstum und Arbeitsplätzen wurde über-, die Bedeutung des einzelnen und der Wirtschaft bei der Schaffung von Wohlstand unterschätzt. Die Schwächen der Märkte wurden über-, ihre Stärken unterschätzt.« Der Staat kann also im Grunde nichts tun, der Markt soll es richten.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank zwingen den Entwicklungs- und Schwellenländern per Washington Consensus die marktradikalen Wirtschafts- instrumente im Gegenzug für neue Kredite auf: Abbau der Handelsbeschränkungen, Subventionsabbau, Privatisierungen, Deregulierung der Märkte. In Afrika und Mittel- und Südamerika führt das zu großen Fehlsteuerungen der Wirtschaft, weil falsche Annahmen über das Verhältnis von Staat und Markt in diesen Ländern getroffen werden. Wo der Staatsbetrieb privatisiert wird, schließt der Marktmechanismus die Versorgungslücke oft nämlich genau nicht, es entstehen Oligopole, die einige Wenige reich machen, oder der Markt kollabiert komplett. Tatsächlich haben sich diejenigen Entwicklungsländer am besten entwickelt, die nicht die wirtschaftspolitischen Maßnahmen des Washington Consensus befolgt haben.

Die Unternehmen verlagern Arbeitsplätze ins Ausland, dort sind die Arbeitsbedingungen oft schlecht, Umweltzerstörungen werden nicht geahndet. Wenn der Rohstoffriese Glencore im sambischen Kupfer- und Kobaltbergwerk Mopani mit Schwefeldioxid das Trinkwasser verschmutzt, wenn der Chemiekonzern Union Carbide Corporation durch Fahrlässigkeit und mangelnde Sicherheitsstandards in Bhopal tausende Menschen umkommen lässt, dann sind das indirekte Folgen eines wachsenden Zwangs zur Renditesteigerung ohne Rücksicht auf soziale und ökologische Folgen.

Die reale Wirtschaft wird abhängig von den Finanzmärkten.

Durch die Expansion der Finanzmärkte in den westlichen Marktwirtschaften wachsen die Abhängigkeiten zwischen Finanzwirtschaft und wertschöpfender Wirtschaft. Das BIP verliert an Aussagekraft, tatsächliches und virtuelles Wachstum sind nur noch schwer voneinander zu trennen. Ab Ende der 90er-Jahre reißt die Schere zwischen den Umsätzen aus realwirtschaftlichen Transaktionen und dem Handelsvolumen von Finanzprodukten wie Derivaten, aber auch von Devisengeschäften (BIZ-Jahresbericht 2008, S.102) endgültig auseinander.

Die EU-Kommission schafft mit dem Aktionsplan für Finanzdienstleistungen (FSAP) einen nahezu unbegrenzten Binnenmarkt für Finanzprodukte in Europa. Die Pensionsfonds dürfen die Beiträge zur Betriebsrente nach einer EU-Richtlinie von 2001 auf den europäischen Finanzmärkten anlegen. Die Öffnung staatlicher und betrieblicher Leistungen für den internationalen Finanzmarkt werden mit dem positiv besetzten Label »Privatisierung« versehen. Die Frage ist: Wie lassen sich möglichst viele einfache Sparer am global angelegten Schneeball-Handel mit Finanzprodukten beteiligen? Rentenfonds, Lebensversicherungen, Bausparkassen.

In den USA hebt Bill Clinton 1999 den Glass-Steagal-Act auf, der das Geschäft von Geschäfts- und Investmentbanken bisher voneinander getrennt hat. Das erhöht die Abhängigkeit der Realwirtschaft von der im Grunde bereits hochgradig aufgeblasenen Finanzwirtschaft, von reinen Computerwerten. Die Gelder aus Bank- und Wertpapiergeschäft fließen zusammen, Sparkassen können nun auch mit Derivaten handeln, die Kontrollmechanismen werden aufgeweicht. Die rot-grüne Bundesregierung lässt 2004 Hedgefonds und den spekulativen Derivatehandel in Deutschland zu.

Die kapitalistische Marktwirtschaft wird durch Investitionen in Finanzprodukte stimuliert, aber erlebt keinen substanziellen Auftrieb. Das »echte« Wachstum, das auf Ressourcenabbau und technologischem Fortschritt basiert, stagniert mehr oder weniger. Es gibt sie nicht: eine große, neue Wachstumsbranche.

Das Platzen der Dotcom-Blase ist aus diesem Grund besonders interessant, weil sie endgültig alle Hoffnungen zunichtemacht, die mit dem Siegeszug des Computers verknüpft werden. Die Verfechter der new economy glauben bis zu diesem Zeitpunkt, die »digitale Revolution« ändere das gesamte Wirtschaften: vom Produktions- zum Informationszeitalter, vom Stofflichen zum Virtuellen. Dahinter steckt ein wesentlicher Denkfehler: Kein Computer löst den kapitalistischen Widerspruch aus betriebswirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher Logik auf.

Die digitale Revolution macht immer mehr menschliche Arbeit überflüssig.

Zwar revolutionieren die Informationstechnik, das Internet und die Digitalisierung beinahe alle gesellschaftlichen Systeme im Sinne eines fünften Kondratjew-Zyklus. Zum ersten Mal in der Geschichte macht diese Umwälzung aber mehr Menschen in der Güterproduktion von Waren und Dienstleistungen überflüssig, als dass sie neue Branchen mit massenhaft neuen Jobs hervorbringt. Die Computertechnologie bringt keinen globalen Aufschwung, weil sie menschliche Arbeit ersetzt. Das Wirtschaftssystem aber braucht diese Arbeit, deren Lohn nach dem marktwirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage entsteht. Wenn ein kritisch großer Teil der Bevölkerung arbeitslos wird, fehlen dem Staat Steuereinnahmen und der Wirtschaft Nachfrager.

Irgendwann merken auch die Investoren, dass die Erwartungen an die neu entstandenen Internetfirmen maßlos übertrieben sind. Im Jahr 2000 platzt die Blase, die Aktienkurse des US-Technologieindex Nasdaq und am Neuen Markt in Deutschland brechen ein, die Bewertungen korrigieren sich, der Hype ist zu Ende.

Auf das Platzen der Dotcom-Blase reagiert die amerikanische Notenbank mit einer Niedrigzinspolitik. Nach dem Crash auf den Technologiemärkten und dem kollektiven Bewusstseinsschock durch die Anschläge von 9/11 pumpt die Fed »billiges Geld« in den Markt, sie senkt die Leitzinsen auf 1 Prozent. Die Banken sollen mit dem Geld die Wirtschaft in den USA stimulieren, Kredite vergeben, Investitionen ermöglichen, Konsum fördern. Die Ausweitung der Geldmenge kommt aber kaum bei den Bürgern an, sie führt vor allem direkt in die nächste Blase – auf dem Immobilienmarkt. Wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in ihrem Jahresbericht 2009 schreibt, ist neben dem schuldenbasierten Wachstum der Industrienationen vor allem die lange Niedrigzinsphase verantwortlich für den Crash von 2008.

Die US-Immobilienkrise ist der Anfang vom Ende des Systems.

Der Handel mit verbrieften Hypotheken ist vielleicht eine der wahnwitzigsten Wetten der Wall Street, und sie wird 2008 mit dem Platzen der Spekulationsblase zu einer globalen Finanzkrise führen. Die Investmentbanken bündeln Immobilienkredite unterschiedlicher Risikoklassen – manche Schuldner können ihre Hypotheken bezahlen, manche nicht, manche nur, wenn es gut läuft – und verkaufen diese Pakete als sogenannte mortgage backed securities an andere Banken, Versicherungsgesellschaften und Pensionsfonds, als seien es tatsächlich real existierende Handelsgüter. Die verbrieften Kredite bestehen zum Teil aus mehreren hundert Hypotheken, Mathematiker berechnen diese Produkte mit komplizierten Formeln, um das Risiko zu minimieren, falls manche Schuldner ihre Hypotheken nicht mehr begleichen können. Es ist eine schlechte Wette, eine größenwahnsinnige Wette. Aber sie ist erst der Anfang.

Die Investmenthäuser kommen nun auf die Idee, das Risiko der verbrieften Hypothekendarlehen wiederum mit neuen, im Prinzip aus dem Nichts heraus erfundenen Wertpapieren abzusichern: mit sogenannten credit default swaps, zu Deutsch Kreditausfallversicherungen. Der eigentliche Gedanke: Verliert ein Hypothekenpapier seinen Wert, begleicht das CDS den Ausfall, der Käufer ist geschützt. Allerdings werden die CDS technisch nicht als Versicherungen klassifiziert, denn sonst müsste der Emittent, der die Papiere ausgibt, den besicherten Gegenwert wirklich besitzen. Credit default swaps sind Derivate. Die Wall-Street-Banken verkaufen diese Papiere, auch wenn sie gar keine mortgage backed securities besitzen, außerbörslich und ohne Regulierungen an Versicherungen und Fonds in der ganzen Welt.

Der globale CDS-Schattenmarkt hat zum Ausbruch der Finanzkrise 2007 ein Volumen von rund 60 Billionen US-Dollar, das ist mehr als das Vierfache der US-Staatsverschuldung, und selbst dieser Wert ist eine Schätzung, weil niemand weiß, wer wie viele CDS gekauft und verkauft hat.

Aus den Darlehen für Eigenheime ist riesiges Finanzvermögen entstanden, ein perpetuum mobile der Geldvermehrung, ein Versteckspiel wertloser Forderungen, die mit wertlosen Scheinversicherungen abgesichert werden.

Nur wenige Mahner wie der amerikanische Nationalökonom Nouriel Roubini, der als »Dr. Doom« verspottet wird, wittern die Gefahr. Da sind allenfalls kaum wahrnehmbare Vorzeichen einer echten, globalen, existenziellen Krise, die so richtig losbrechen könnte, wenn die große Immobilienblase platzt. Wie ferne, dunkle Gewitterwolken an einem doch eigentlich sattblauen Himmel.

Der Ökonom Hyman Minski ist der Auffassung, dass die Akteure auf freien Kapitalmärkten immer größere Risiken eingehen, wenn die Geschäfte gut laufen. Der Erfolg befeuert die Casino-Mentalität. Am Anfang besichern die Händler Spekulationen mit realen Gewinnen, dann können sie nur noch die Zinsen der Kredite erwirtschaften, schließlich nehmen sie auch für die Zinsen neue Kredite auf. Es entsteht ein Schneeballsystem, ein Ponzi-Spiel. Am Ende steht die Hoffnung, dass die eigentliche Investition all die Kredite doch noch einmal bezahlen kann. Es kommt aber natürlich zum Crash. Nouriel Roubini nennt die Immobilienkrise in den USA einen typischen »Minsky-Moment«.

Es ist im Prinzip reiner Wahnwitz, Hybris, totale Irrationalität, die zutage tritt, wenn all die bedeutungsschweren Finanzgeschäfte als das enttarnt werden, was sie wirklich sind, die Arbeit all der angesehenen Händler und Spekulanten, die jeden Tag in den Abendnachrichten für eine halbe Minute die Computerbildschirme anbrüllen, dessen Job im Grunde niemand versteht. Der Fernsehzuschauer kennt nur die Insignien der Macht – die Millionengehälter, die Autos, die schicken Anzüge – und zieht daraus seine Schlüsse. Die Wall Street preist freie Kapitalmärkte als wertvoll für den Wohlstand der Gesellschaft und lobbyiert erfolgreich gegen strengere Regulierungen von Finanzgeschäften.

Es ist allzu leicht, die finanzielle Katastrophe, die daraus folgt, auf die gierigen Banker zu schieben. Gordon Gekko sagt im zweiten Teil von Wall Street: »Wir alle beten denselben Götzen an. Die Wahrheit ist, jetzt sind wir alle ein Teil von dem. Banken, Verbraucher, wir bewegen das Geld im Kreis herum. Wir nehmen einen Dollar, pumpen ihn mit Steroiden voll und nennen es Hebelwirkung. Es ist auch die Gier, die es möglich macht, dass sich mein Barkeeper drei Häuser ohne Vermögen kaufen kann. Es ist Gier, die die Regierung der USA dazu veranlasste nach dem 11. September die Zinssätze auf ein Prozent zu senken, damit wir alle wieder shoppen gehen können.«

Gordon Gekko hat insofern Recht, als dass »der Markt« alle Finanzströme der Wirtschaft abbildet, also jeden Verbraucher und seinen Konsum einschließt. »Geld anlegen«, »Geldanlage«, »das Geld für sich arbeiten lassen«, »das Geld investieren« – alles Synonyme für eine Wette auf die Zukunft, auf einen realen Wertzuwachs. Der Zusammenhang ist den meisten Menschen überhaupt nicht klar. Sie kaufen eine Aktie für 10 Euro in der Hoffnung, dass das Unternehmen klug wirtschaftet und investiert, neue Märkte erschließt, den Gewinn steigert und letztlich »wächst«, dass es in drei Jahren mehr Wert ist als jetzt. Die Aktionäre in drei Jahren, die dann kaufen, hoffen ihrerseits, dass die Firma in sechs Jahren noch mehr Wert ist. Dieser Automatismus wird gar nicht hinterfragt. Alle Menschen mit einer Lebensversicherung, mit einem Bausparvertrag, mit ein paar Aktien sind Teil des großen Schneeballsystems.

Laut einer Studie von McKinsey wächst das weltweite Geldvermögen zwischen 2002 und 2006 von 99 Billionen Dollar auf 167 Billionen, um 14 Prozent pro Jahr. Die Zeitschrift The Economist hat ausgerechnet, dass die weltweite Staatsverschuldung zwischen 2001 und 2011 um 140 Prozent auf 43 Billionen US-Dollar gestiegen ist (heute sind es fast 50 Billionen). Das Volumen der außerbörslich gehandelten Derivate liegt 2003 laut Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) bei 200 Billionen Dollar, in 2007 sind es 596 Billionen – fast zehnmal höher als das weltweite Bruttoinlandsprodukt. Im Krisenjahr 2008 halten die fünf größten US-Banken 175 Billionen Dollar an Derivaten, darunter 110 Billionen Swaps, 28 Billionen Optionen, 20 Billionen Futures und 17 Billionen Kreditderivate. Es ist die große Superblase, von der George Soros später sprechen wird.

Vor dem Platzen der Immobilienblase in den USA ist die Weltwirtschaft im Prinzip schon ein sterbenskranker Patient, dessen Überleben nur mit gefährlichen Medikamenten gesichert werden kann. Die reale Wirtschaft hängt am Tropf der Finanzmärkte, ein Kreditcrash hat unmittelbar fatale Folgen für die Unternehmen, ihre Mitarbeiter, für die ganze Gesellschaft. Die Vermögenden bezahlen die globale Überproduktion mit fiktivem Anlagekapital, die einfachen Bürger finanzieren ihren Konsum mit Krediten, die Regierungen ihre Staatshaushalte. Das Geld, um diese Schulden am Ende einmal bezahlen zu können, müssen Arbeitnehmer und Unternehmen aber mit ganz realen Produkten und Dienstleistungen verdienen. Das anhaltende Wachstum basiert auf Verschuldung, es ist ein defizitäres System, globale Blasenökonomie.

In den USA platzt schließlich die Immobilienblase: Wenn sich herausstellt, dass kein realer Basiswert existiert, verlieren alle abgeleiteten Finanzprodukte ihren Wert. In den USA haben Millionen Menschen auf Kredit Häuser gekauft, die sie sich durch den Wert ihrer Arbeit und ihres Einkommens eigentlich nicht leisten können. Irgendwann will die Banken Geld sehen, der Schuldner kann nicht zahlen, die Hypothek platzt. Alle abgeleiteten Derivate verlieren ihren Wert. Das passiert massenhaft, im großen Stil. Jeder, der solche Papiere gekauft hat, muss seine Bilanzen berichtigen. Was noch schlimmer ist: Auch die credit default swaps für den Ausfall der Hypothekenverbriefungen werden fällig. Ungedeckte Milliardenwerte, die keiner bezahlen kann. Finanzielle Kernschmelze.

15. September 2008. Another black monday on Wall Street. Die viertgrößte Investmentbank der USA ist pleite. Man kann die These vertreten, dass nicht der Einsturz des World Trade Centers das Ende des amerikanischen Jahrhunderts eingeleitet hat sondern der sagenhafte Fall von Lehman Brothers. Mit der Pleite der Bank steht auch der weltgrößte Versicherungskonzern American International Group (AIG) vor der Zahlungsunfähigkeit. Andrew Sheng von der chinesischen Bankenaufsichtsbehörde wird später in der oscarprämierten Dokumentation Inside Job erklären: »Wenn AIG pleite gegangen wäre, hätte weltweit kein Flugzeug mehr fliegen dürfen.« Die US-Regierung unter President Barack Obama muss mit einem bailout in Höhe von 150 Milliarden US-Dollar einspringen, das zu einem nennenswerten Teil der Investmentbank Goldman Sachs zugute kommt.

Die Schweizer Großbank UBS muss wegen Wertberichtigungen mit 60 Milliarden US-Dollar gestützt werden. In Deutschland gehen zahlreiche Landesbanken wie die WestLB pleite. Die wertlos gewordenen Papiere werden in sogenannte bad banks ausgelagert, finanzielle Müllhalden, für die der Staat mit Steuergeldern einspringt. Die größte dieser Institute trägt den lustigen Namen FMS Wertmanagement.

Die Rettungsmaßnahmen der Regierungen dienen dazu, den totalen Kollaps des globalen Finanzsystems zu verhindern, wo doch alles angefangen hat mit den Kreditnehmern in Colorado, Virginia oder Florida, die irgendwann ein eigenes Haus haben wollten. Die US-Immobilienkrise zeigt wie unter einem Brennglas den stetigen Drang zu mehr Konsum, mehr Wohlstand, ohne dass es den Menschen möglich wäre, diesen Wohlstand unter den Bedingungen des bestehenden Wirtschaftssystems je zu verdienen.

Die Regierungen der führenden Marktwirtschaften blicken 2008 direkt in den Abgrund. Sie nehmen Milliarden in die Hand, die sie selbst gar nicht haben, um damit die Bilanzlücken der Banken und Versicherungen zu stopfen. Der große Irrtum: Die riesigen Defizite sind natürlich nicht weg, sie verschieben sich lediglich in die Haushaltsbilanzen der Staaten. Es ist irreführend, erst von einer Bankenkrise zu sprechen und dann von einer Staatsschuldenkrise, als ob beides nicht in direktem Zusammenhang stünde. Die Staatsverschuldung in den USA und Europa wächst, die große Überakkumulation an Kapital in Form von Forderungen und Schulden wird bloß umgelagert.

Es entsteht ein perfider Kreislauf: Die Staaten verschulden sich bei den Banken, um damit die Banken zu retten. Das wird im Laufe der Zeit immer teurer, weil durch die wachsende Staatsverschuldung auch die Bonität der Länder sinkt und die Zinsen steigen. Mit den Hilfsgeldern der Staaten sollen die Banken ihrerseits Staatsanleihen kaufen, also Kredite an die Länder geben, damit sich diese billiger, also für geringere Zinsen, Geld bei den Banken leihen können. Es ist ein absurdes Theater.

Die Leitzinsen der Notenbanken sinken auf Rekordtiefs, um den Defizitkreislauf zwischen Banken und Staaten tunlichst aufrecht zu erhalten. Die Fed in den USA weitet die Geldmenge so weit aus, dass die Bilanzsummen der US-Geschäftsbanken von 800 Milliarden Dollar vor dem Lehman-Crash auf 2 Billionen Dollar danach wachsen.

Nachdem sich die Banken durch die milliardenschweren »Rettungspakete« scheinbar erholt haben, werden ab 2010 die Staatsschulden zum eigentlichen Problem. Die Investoren zweifeln daran, ob bestimmte Länder in Europa wie Griechenland oder Spanien jemals ihre Schulden begleichen können, dementsprechend steigen als Risikoabsicherung die Zinsen für neue Kredite, es droht die Pleite, ein logischer Prozess.

Die Krise ist eine Vertrauenskrise.

Es ist allerdings das Wesen von Schuldenkrisen, dass sie nur durch eine Abwertung der jeweiligen Währung oder einen reset, einen kompletten Forderungsausfall und der Einführung einer neuen Währung gelöst werden können.

Die Medien in Europa sprechen von der Schuldenkrise, von der Bankenkrise, von der Finanzkrise. Tatsächlich handelt es sich um eine Währungskrise. Die Eurostaaten sind durch ihre gemeinsame Währung quasi schicksalhaft aneinander gebunden. Griechenland und Spanien können nicht abwerten, also verschulden sie sich immer weiter. Ganz am Ende steht der Vertrauensverlust in der Bevölkerung. Nicht die Investoren verlieren das Vertrauen, sondern die Menschen, die nicht mehr glauben, dass ihre Bank ihr Geld sicher angelegt hat, dass sie reale Werte hinterlegt hat für die Zahlen, die auf dem Kontoauszug stehen. Alle wollen gleichzeitig ihr Geld sehen, die Banken sind sofort zahlungsunfähig: das schlimmste Szenario, ein bank run. Das wäre das Platzen der Superblase. Das gesamte Wirtschaftssystem bricht zusammen.

Das hohe Risiko, das derzeit existiert, lässt sich im Jahresbericht 2012 der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), der Notenbank der Notenbanken, dezidiert nachlesen. Den Politikern in Europa ist der Ernst dieser Lage durchaus bewusst. Nur drücken sie sich in der Regel nicht so deutlich aus. Nur ganz selten.

21. Juni 2012, Euro-Finanzministertreffen in Luxemburg. Jean-Claude Juncker, der Chef der Eurogruppe, ist ins Europaviertel auf dem Kirchberg-Plateau gekommen, wo der Rat der Europäischen Union im April, Juni und Oktober tagt. Christine Lagarde, die Vorsitzende des Internationalen Währungsfonds (IWF) und EU-Währungskommissar Olli Rehn sind ebenfalls gekommen. Die europäischen Finanzminister beraten schon den ganzen Tag, wie die europäische Krise zu lösen sei, es liegt jetzt so eine gewisse Abendmüdigkeit über dem Pressezentrum. Die Korrespondenten schreiben ihre Tageszusammenfassung aus den wenigen Informationen darüber, wie es nun weitergehen soll.

Dann gibt es Nachrichten aus Spanien: Die Banken brauchen bis zu 62 Milliarden Euro aus dem Hilfsfonds EFSF. Für die späten Abendstunden wird eine Pressekonferenz einberufen.


Lagarade, Regling, Juncker


»Es gibt ein großes Problem«, sagt Jean-Claude Juncker zu den Journalisten. »Ich will keine Pressekonferenz geben, denn ich will das Spiel zwischen Portugal und Tschechien sehen.« Es gibt ein bisschen anbiederndes Gelächter. Juncker nuschelt wieder wie ein Weltmeister. Die Kollegen sagen etwas böse, er wirke manchmal leicht betrunken, aber das lässt sich nicht beurteilen, man will nichts unterstellen.

Es folgen Verlautbarungen, die gleich eine Agenturmeldung wert sind: Die internationalen Aufseher der Troika werden kommenden Montag nach Athen reisen, um die Finanzlage Griechenlands zu beurteilen. Am gleichen Tag wird Spanien die Milliardengelder für seine Banken offiziell beantragen. Juncker ist nur schwer zu verstehen, es ist anstrengend, ihm zuzuhören. Aber was er sagt, haben im Prinzip alle erwartet. Trotzdem schreiben die Journalisten jetzt alles mit.

Interessanter ist das, was Christine Lagarde zu sagen hat. »Bon soir, good evening«, so beginnt sie ihr Statement. Lagarde trägt einen grauen Blazer, durch den ihre Gesichtsfarbe umso mehr danach aussieht, als ruhe sie sich das ganze Jahr über auf einer Yacht vor Saint-Tropez aus. Sie sieht überhaupt nicht müde aus. Und während sie lächelt wie eine strenge und gleichzeitige gütige Tante, skizziert sie das Bedrohungsszenario der Eurozone: »Wir sehen ganz deutlich wachsende Spannungen und akuten Druck auf den Banken und Staatshaushalten.« Sie sagt »additional tension« und »acute stress«. Es ist jetzt ganz ruhig im Saal. »Der IWF glaubt, dass entschiedene und kraftvolle Schritte in Richtung einer echten europäischen Währungsunion bekräftigt werden müssen, um das Vertrauen in das System wiederherzustellen. Das Überleben der Eurozone wird derzeit in Frage gestellt.«

Lagarde zählt nun drei kurzfristige und drei langfristige Maßnahmen auf. Die Schnellmaßnahmen: Direkte Finanzhilfen für angeschlagene Banken aus den Fonds EFSF und ESM, weil bisher nur Staaten Hilfen beantragen konnten, eine Konsolidierung der Staatshaushalte und »eine kreative und erfinderische« Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Langfristig: eine europäische Bankenunion mit gemeinsamer Einlagensicherung, eine Fiskalunion mit mehr finanzpolitischen Kompetenzen bei der EU in Brüssel und Strukturreformen der südeuropäischen Arbeitsmärkte.

Nur die Notenbanken können den Crash noch hinauszögern.

Was Christine Lagarde mit einer kreativen Geldpolitik meint, ist die scheinbar einfachste und bequemste Lösung für die Probleme in Griechenland und Spanien. Die EZB kauft einfach so lange Staatsanleihen der Krisenländer, bis deren Zinsen sinken. Sie gibt unbegrenzt Notenbankkredite an die überschuldeten Staaten. Es ist die Forderung nach der »Bazooka«, dem schwersten Geschütz der Währungshüter.

Bereits im Dezember 2011 und Februar 2012 stellte die EZB den Geschäftsbanken der Eurozone eine Billion Euro für Niedrigzinsen zur Verfügung. Die Bilanzsumme der Euro-Notenbank hat sich in der Krise nahezu verdreifacht, die Geldmenge wächst munter, das Finanzvolumen ebenso. Ähnliches gilt für die Fed und die japanische und englische Notenbank. Die Märkte werden mit Geld überschwemmt, es ist ein »Löschen mit Feuer«. Dabei ist das eigentliche Problem nicht, dass zu wenig Geld existiert, sondern zu viel.

Keine drei Monate nach dem Finanzministertreffen folgt EZB-Präsident Mario Draghi der IWF-Empfehlung. Er verkündet: Die Notenbank wird »unbegrenzt« Staatsanleihen der Krisenländer kaufen. Fast zur gleichen Zeit kündigt der Präsident der US-Notenbank, Ben Bernanke an, die Fed werde jeden Monat Hypothekenpapiere im Wert von 40 Milliarden US-Dollar kaufen, so lange die US-Wirtschaft schwächelt. Die geldpolitische Maßnahme ist das letzte Mittel der Fed, um das Wachstum in den USA anzukurbeln, weil der Leitzins schon bei 0 Prozent liegt. Es ist das dritte quantitative easing seit dem Ausbruch der Krise 2007, QE3. Die Geldschleusen öffnen sich weiter. Seit 2006 veröffentlicht die Fed die Geldmenge M3 nicht mehr, um das Vertrauen in den Dollar zu erhalten.

Volkswirte um den Globus spekulieren gerade, was sich aus den Notenbank-Interventionen für Probleme ergeben könnten, sowohl in Europa als auch in den USA mit ihren 16 Billionen Dollar Schulden. Manche behaupten, es werde eine Deflation geben, weil die Wirtschaft lahmt, die Löhne sinken, und damit auch die Preise. Andere sagen, die Ausweitung der Geldmenge führe früher oder später zwangsläufig in die Inflation. Kritiker der Inflationsthese meinen jedoch: Es gibt keinen Lohnanstieg und auch keinen Preisanstieg, also auch keine Inflation. Die Notenbank-Milliarden landen schließlich nicht in der realen Wirtschaft und bei den Verbrauchern, sondern in den Bilanzen der Banken.

Länder wie Griechenland und Spanien, die gerade wirtschaftlich zusammenbrechen, zeigen eher deflationäre Züge, auch in den USA sieht angesichts einer lang anhaltenden Rezession nichts nach Preisanstiegen aus. Deshalb werden Ökonomen wie Paul Krugman nicht müde, die deutsche Sparpolitik zu schelten, weil sie die Wirtschaftskraft der angeschlagenen Staaten weiter abwürgt. Nur gibt es ein Dilemma.

Die Alternative zum Sparen ist klassische keynesianische Konjunkturpolitik: Wachstum durch Staatsverschuldung. Diesen Weg können sich die westlichen Staaten aber nicht mehr leisten, ihnen droht durchweg ein Staatsbankrott. Deshalb sind die Notenbanken die einzigen Institutionen, die das Vertrauen in das System noch eine Weile aufrecht erhalten können. Indem sie neues Geld am Computer erschaffen.

Manche Beobachter sagen, dass die Volkswirtschaften des Westens auf das gleiche Phänomen zusteuern wie in den 70-Jahren: Stagflation. Eine Inflationierung der Währungen durch massive Interventionen der Zentralbanken, dazu eine Stagnation durch sinkendes Wirtschaftswachstum bis zur Rezession. Die Inflation schlägt bloß noch nicht voll auf die Wirtschaft durch, weil die Geldflut bisher nur die Finanzmärkte erreicht hat.

Die Menschen merken den Wertverlust allerdings schon jetzt: Die Zinsen auf Tagesgeld, Festgeld und Girokonten sind so gering, dass sie nicht mehr die Inflationsrate ausgleichen. Das Geld von heute kann in einem Jahr weniger Güter kaufen – obwohl der numerische Betrag langsam wächst. Pensionskassen und Lebensversicherungen können das Geld der Arbeitnehmer und Kunden immer schwieriger vermehren. Die riesigen Finanzblasen suchen verzweifelt nach rentablen Anlagemöglichkeiten, nach echten Werten. »Geld aus Geld machen«, das funktioniert nicht mehr.

Die Ausweitung der Geldmenge ist die letzte Möglichkeit, um die Staatspleite der USA und nahezu aller europäischen Staaten zu verhindern. Es ist die einzige Karte, die noch gespielt werden kann in diesem riskanten Spiel. Die USA verschulden sich mittlerweile hauptsächlich bei ihrer eigenen Notenbank. Wenn die Vereinigten Staaten oder ein Staat aus der Eurozone offiziell pleite gehen – sie sind es angesichts der immensen Schuldenberge de facto schon heute – werden die Bürger das Vertrauen in den Dollar oder den Euro verlieren, es gibt einen bank run, wahrscheinlich weltweit, denn der Dollar ist Leitwährung, und das System bricht in sich zusammen.

Aus diesem Grund werden Fed und EZB unbegrenzt neues Geld erschaffen. Auch Griechenland darf nicht in die Pleite entlassen werden, weil das Vertrauen in den Euro sonst dahin wäre. Angela Merkel weißt das, Antonio Samaras weiß das, alle wissen es. Deshalb unternehmen die europäischen Regierungen immer wieder neue Schritte, die einen Staatsbankrott Griechenlands hinauszögern.

Die Schulden können nicht durch Wirtschaftswachstum abgebaut werden.

Die Geschichte hat gezeigt, dass es nur drei Wege gibt, Schulden abzubauen: durch einen Schuldenschnitt, durch Wirtschaftswachstum oder durch Inflation. Ein weltweiter Schuldenschnitt bedeutet, dass jeder Gläubiger, der hinter einem Kredit steht, auf seine Forderung verzichtet. Die Folge wäre eine globale Pleite von Banken, Versicherungen und allen anderen institutionellen Großanlegern, also im Prinzip ein Crash. Inflation läuft auf ein vergleichbares Szenario hinaus. Bleibt also nur das alte Rezept: Wirtschaftswachstum. Die Hoffnung, »aus den Schulden wachsen« zu können, weil die Schuldenlast im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung abnimmt.

Es ist im Prinzip das gleiche Problem wie schon in den 70er-Jahren, nur ist heute der Handlungsspielraum deutlich begrenzt. Die Wachstumsraten sinken, auf absehbare Zeit wird es ohne eine neue technologische Revolution kein nennenswertes Wirtschafts- wachstum mehr geben. Vor 30 Jahren sind aus diesem Problem heraus die riesigen Finanzmärkte entstanden, als Doping für die Marktwirtschaft, als virtueller Hebel. Die vielleicht größte Illusion des 20. Jahrhunderts. Dieses Mittel steht in absehbarer Zeit nicht mehr zur Verfügung.

Die Beratungsgesellschaft McKinsey hat für das Weltwirtschaftsforum 2011 ermittelt, dass die Volkswirtschaften bis 2020 zusätzliche Kredite in Höhe von 103 Billionen US-Dollar brauchen, nur um das bisherige Wachstumsniveau aufrecht zu erhalten.

Die Schwellenländer können die Wachstumskrise nicht lösen.

Lange ruhte die Hoffnung auf den Schwellenländern, auf den BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Dort – so die These – gibt es noch Wachstums- potenzial, der Aufschwung steht noch aus, die Mittelschichten entstehen gerade erst.

Das Wachstum in China beispielsweise hängt aber ganz entscheidend von der Nachfrage des Westens ab. China leiht den USA und Europa Geld, damit diese wiederum Produkte aus China kaufen können. Bricht dieser Defizitzyklus ein, verlangsamt sich auch das Wachstum in China, der »Konjunkturmotor der Welt stottert«, schreiben dann die Zeitungen. Außerdem ist der Bauboom in China, der das Wachstum maßgeblich anstößt, wahrscheinlich auch eine Blase. Wenn der Staat das Land in eine handfeste Wirtschaftskrise steuert, sind sogar soziale Unruhen möglich.

Denn die Menschen in den Schwellenländern sind ungeduldig, sie schauen nach Westen, sie wollen »Sicherheit und Konsum, das ist die Siegerformel des 21. Jahrhunderts«, wie Georg Diez in einem Aufsatz über das Reisen schreibt. Der Westen finanziert die globale Überproduktion mit Schulden, die sich entwickelnde Welt hängt vom US-Dollar ab wie ein Sterbenskranker von lebenserhaltenden Geräten.

Es spricht außerdem viel dafür, dass es für einen Aufstieg in die Erste Welt nach westlichem Vorbild schlicht nicht genügend Ressourcen auf der Erde gibt. Der Aufstieg der westlichen Industrienationen basierte auf der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, die für die Menschen in Lagos, Sao Paolo oder Hyderabad in diesem Umfang nicht mehr zur Verfügung stehen. Dabei sind die Folgen des Klimawandels und die Belastungen der Umwelt sogar noch völlig außen vor. Schon jetzt ist der Kampf um die weltweit noch verfügbaren Rohstoffe entbrannt, wie der Geostratege Parag Khanna in seinem Buch Der Kampf um die Zweite Welt sehr ausführlich darlegt. In dieser Welt sind Pipelines die »nahezu unsichtbare Infrastruktur der Globalisierung, die neuen Linien auf Landkarten«.

Bis heute ist eine der großen Menschheitsfragen des 21. Jahrhunderts, die Frage nach dem Weg in eine postfossile Gesellschaft, vollkommen unbeantwortet. Wann das globale Ölfördermaximum erreicht ist, darüber streiten die Experten, die Schätzungen reichen von 2007 bis 2034, aber irgendwann kommt peak oil, die Menge des geförderten Erdöls wird sinken. Das weltweite Transportsystem und der globalisierte Handel basieren aber fast ausschließlich auf Erdöl oder Erdgas, es gibt bisher kein Substitut, das eine ähnliche hohe Energiedichte aufbringt, es gibt keinen Ersatz.

Schon aus diesem Grund ist es unwahrscheinlich, dass die Menschen in den Staaten der Zweiten Welt geschlossen auf ein Wohlstandsniveau aufsteigen, das den Menschen in der Ersten Welt gleichkommt. Einen Wachstumsboom durch steigende Binnennachfrage wird es kaum geben.

Der große kapitalistische Widerspruch ist nicht mehr zu lösen.

Der Ausbruch der Finanzkrise in 2007 ist erst der Beginn einer Krise gewesen, die unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem vor ein ungelöstes Problem stellt: Die Produktionskapazitäten reichen irgendwann aus, um für jeden Menschen auf dieser Welt genug Waren und Dienstleistungen herzustellen, die mehr als nur seine Grundbedürfnisse befriedigen – aber zur Herstellung dieser Güter müssen längst nicht mehr alle Menschen arbeiten. Der Fortschritt vernichtet systematisch menschliche Arbeit, denn im Mikrokosmos des Unternehmens ist Arbeit ein Kostenfaktor, der dann gestrichen wird, wenn es eine günstigere Alternative gibt. Der Wirtschaft gehen die Nachfrager aus, der Widerspruch aus betriebswirtschaftlicher- und volkswirtschaftlicher Logik ist irgendwann nicht mehr zu lösen.

Der Ökonom Jeremy Rifkin hat diese Entwicklung 1995 in seinem Buch Das Ende der Arbeit bereits vorhergesagt. Er prognostiziert: »In allen Wirtschaftszweigen werden raffinierte Computer, Telekommunikation, Roboter und andere Technologien des Informationszeitalters mit rasender Geschwindigkeit menschliche Arbeitskraft ersetzen.« Die Hoffnung, verloren gegangene Industriearbeitsplätze würden durch Jobs im Dienstleistungssektor ersetzt, bewahrheite sich nicht. In einem Interview erklärt Rifkin: »Wir sind mitten in einer Umwälzung, die die industrielle Revolution noch übertrifft.« Bereits zwischen 1995 und 2002 gingen laut Rifkin 31 Millionen Industriearbeitsplätze in den 20 größten Volkswirtschaften verloren, während die globale Industrieproduktion um 30 Prozent zunahm. Die Arbeit wird auf lange Sicht verschwinden, zumindest für einen Großteil der Menschen.

Die gleiche Prognose soll auch die graue Eminenz der US-Außenpolitik, Zbigniew Brzeziński, geäußert haben, als er 1995 auf einer Konferenz im Fairmond Hotel in San Francisco von einer 20:80-Gesellschaft sprach. Demnach müssen bald nur noch 20 Prozent der Bevölkerung arbeiten, um die Nachfrage der Welt zu befriedigen. 80 Prozent müssen durch Brot und Spiele beschäftigt werden. »Tittytainment« soll Brzeziński das genannt haben, aber das ist nicht klar belegt.

Die Arbeitsgesellschaft gerät an ihre Grenzen.

Die Arbeitsgesellschaft, die jedem Menschen ein anständiges Leben ermöglichen soll, stirbt aus. In den westlichen Industrieländern rutschen bereits große Teile der Mittelschicht in die Armut, das ist nur der Anfang einer Entwicklung, die sich in den kommenden Jahren weiter verstärken wird. Immer weniger Arbeit muss unter immer mehr Menschen aufgeteilt werden. Die Kuchenstücke werden immer kleiner.

Der Mensch im Westen, der gerade erst an der Grenze zu einer Zukunft steht, die sein Leben vollkommen verändern wird, spürt diesen Druck schon jetzt. Die Psyche leidet. Die wenig Gebildeten bekommen erst gar keine Arbeit mehr, in Deutschland wartet sozusagen gleich Hartz IV. Diejenigen, die gerade eben noch einen Job finden, müssen länger und härter arbeiten, und sie bekommen dafür weniger Geld, weniger soziale Absicherung, weniger Rentenansprüche und keine Anerkennung.

Die Top-Performer auf der anderen Seite, die Hochgebildeten, die multilingualen Uni-Absolventen mit Auslandspraktika und drei Fremdsprachen kämpfen sich durch ihre 60-Stunden-Wochen, die keinen Raum mehr lassen für etwas anderes als Arbeit, weil sie verinnerlicht haben, dass »die Wirtschaft« das eben erwarte und der Wettbewerb hart sei. Die schlauen, klugen Köpfe müssen vielleicht keine Armut fürchten. Aber sie kämpfen darum, den Wohlstand ihrer Eltern zu halten, sie kämpfen gegen die eigenen Erwartungen, gegen ihr persönliches Scheitern, den Vorwurf, ihre Chancen nicht genutzt zu haben. Die Rücksichtslosen wandern dabei durch die Hierarchien nach oben, die Sensiblen bleiben auf der Strecke und fragen sich, warum die Welt so schwierig ist.

Die Menschen an beiden Enden der Skala – von der ökonomischen Ausschussware bis zur hochqualifizierten Wissensarbeiterelite – teilen eine Gemeinsamkeit: Sie nehmen den zunehmenden Druck, der auf ihnen lastet, als gegeben hin, als allgemeinen Zustand. So sei eben das Leben, sagen sie. Ökonomische Gewalt ist anonym.

Die Krise ist eine Verteilungskrise.

Nicht nur die Arbeit muss aufgeteilt werden unter immer weniger Menschen. Der Ertrag aus dieser Arbeit, die Güter und Gewinne, müssen an immer mehr Menschen verteilt werden, die keinen Lohn bekommen, weil sie arbeitslos sind. Möchte man nun wieder den Krisenbegriff bemühen, könnte man von einer Verteilungskrise sprechen, deren Ausmaße sich gerade erst abzuzeichnen beginnen. Der Markt als Ort der effizienten Allokation, die Angebot und Nachfrage zusammenbringt, ist gescheitert. Für Finanzprodukte, für Waren, für menschliche Arbeitsleistung.

Es wird die Aufgabe des politischen Systems sein, die Mittel, die nur noch Wenige erwirtschaften, durch Gesetze gerecht an alle zu verteilen. Der Sozialdemokrat Gerhard Schröder hat einmal gesagt, es ginge nicht so sehr um Verteilungsgerechtigkeit, sondern um Chancengerechtigkeit. Die Gegenwart zeigt schon jetzt, wie falsch er damit lag.

Amerika und Europa haben bereits jetzt das Problem, dass die Arbeit in den westlichen Marktwirtschaften im globalen Rechenspiel längst zu teuer geworden ist. Es heißt immer, dieser oder jener Staat sei »nicht mehr wettbewerbsfähig«, und damit ist vor allem der Wettbewerb zu viel ärmeren Ländern gemeint, deren Bevölkerung weit unter unserem Wohlstandslevel lebt. Die Volkswirtschaften in Griechenland, Italien, Spanien, Frankreich sind aufgeblasen, ihre Waren auf dem globalen Markt kaum konkurrenzfähig. Arbeitsplätze verschwinden. Große Teile der Bevölkerung in den westlichen Industrienationen driften in die Verelendung. Kein Wachstumspakt wird dagegen etwas ausrichten können, es ist einfach die Logik der Entwicklung menschlicher Arbeit im herrschenden Wirtschaftssystem.

Es ist der Schwäche des Euro-Währungssystems mit ihren unterschiedlich starken Volkswirtschaften geschuldet, dass die Defizite des Weltwirtschaftssystems nun zuerst in Europa so offen zutage treten – und nicht in den USA mit dem US-Dollar als Weltleitwährung.

Nun sitzt die politische Führung Europas regelmäßig zusammen, die »vier Präsidenten« Jean-Claude Juncker, Mario Draghi, José Barroso und Herman van Rompuy, die Staats- und Regierungschefs und ihre Finanzminister, sie suchen verzweifelt nach einem Ende der Krise, versuchen »den Euro zu retten«, aber wollen eigentlich nur einen Vertrauensverlust in das ungedeckte Finanzsystem verhindern.

Die Politiker in Europa blenden die wahren Probleme der Krise aus.

Der Juni in Brüssel wird gegen Ende noch einmal richtig warm. Am letzten Donnerstag und Freitag steht wieder ein EU-Gipfel an, es ist schwül-warm an diesem Tag, die Straßen rund um das Justus-Lipsius-Gebäude sind besonders staubig von den Baustellen.

Am Eingang zum Ratsgebäude: Sicherheitskontrollen wie am Flughafen, alle Taschen und Rücksäcke werden gescannt, die Akkreditierungen geprüft. Die Arbeitsplätze der Journalisten bilden ein Feldlager aus Schreibtischen, es sind mit Sicherheit über 300 Pressevertreter vor Ort. Drinks for free, Essen for free, in der Kantine gibt es Steak mit Bohnen, Kellner räumen die Tische ab. Es ist ein riesiger Auflauf. Die europäischen Regierungschefs kommen morgens ins Ratsgebäude – das nennt sich door step – und geben in ein kurzes Statement in die Kamera ab. Wir erwarten konstruktive Gespräche, die Lage ist ernst, wir werden alles tun, was nötig ist. Zwei Tage Gipfelmarathon, zwei Tage Wahnsinn.


EU-Gipfel, Brüssel
EU-Gipfel, Brüssel
EU-Gipfel, Brüssel
EU-Gipfel, Brüssel


Einen Beschäftigungs- und Wachstumspakt für Europa wollen sie beschließen: Angela Merkel, Francois Hollande, Mariano Rajoy und Mario Monti. Der Pakt ist ein Zugeständnis Merkels, dass ihre Sparpolitik die angeschlagenen Länder der Eurozone nur weiter in den Abgrund reißt. Merkel erklärt dialektisch: »Es ist klar, dass wir auf der einen Seite solide Haushalte brauchen, als zweite Seite der Medaille aber auch mehr Arbeitsplätze schaffen wollen.«

Der Pressesaal in der ersten Etage ist am Abend brütend heiß, es läuft das Spiel Deutschland gegen Italien, die Journalisten gucken Fußball und warten auf die Kanzlerin. Angela Merkel kommt nicht. Bald schaut keiner mehr auf die leere Bühne vorne, sondern nur noch auf den kleinen Fernseher. Eine halbe Stunde vergeht, eine ganze Stunde. Irgendwann taucht Regierungssprecher Steffen Seibert auf und erklärt, es werde heute keine Pressekonferenz der Bundeskanzlerin mehr geben. Verwunderung. Der Wachstumspakt galt als beschlossene Sache, was kann es da noch für ein Problem geben? Erst mal Fußball schauen.

Deutschland verliert, die Italiener jubeln, aber so richtig ist niemand dabei. Es geht auf Mitternacht zu. Manche Journalisten haben gute Kontakte zu den Regierungsspitzen, es gehen Gerüchte um: Spanien und Italien blockieren den Wachstumspakt, weil sie kurzfristige Zusagen von der Kanzlerin wollen. Zusagen für Hilfen, die endlich die erdrückend hohen Zinsen auf ihren Staatspapieren senken. Die letztlich eine Staatspleite abwenden sollen. Die Agenturen schreiben: Italien und Spanien setzen Deutschland massiv unter Druck. «Wir finanzieren uns zu Kosten, die zu hoch sind«, hat der spanische Ministerpräsident Rajoy gesagt. Nun also Verhandlungspoker, ein Showdown in der Nacht.

Am Morgen ist Merkel eingeknickt. Länder mit »guter Haushaltsführung« dürfen sich künftig auch ohne strenge Sparprogramme Geld aus den Hilfsfonds EFSF und ESM leihen. Eine gemeinsame Aufsichtsbehörde der Euroländer unter Einbeziehung der EZB soll die Banken in Europa kontrollieren. Unter dieser Bedingung könnte der Rettungsfonds ESM maroden Banken aus hochverschuldeten Ländern künftig direkte Hilfen gewähren. Es sind die roten Linien der deutschen Krisenpolitik, die Angela Merkel endgültig überschritten hat.

Am Mittag gibt es dann die Pressekonferenz, die eigentlich schon an Vorabend stattfinden sollte. Merkel trägt einen weißen Blazer, sie hat kaum geschlafen in dieser Nacht, um 9 Uhr war sie wieder im Ratsgebäude. Steffen Seibert nimmt Platz, neben ihm die geschlagene Kanzlerin, die jetzt vor den deutschen Journalisten erklären muss, warum sie mit den Zugeständnissen ein Prinzip der deutschen Euro-Politik eben doch nicht aufgegeben hat: Hilfsgelder nur gegen eisernes Sparen, Leistung nur für Gegenleistung.


Angela Merkel


Merkel sagt zum Beispiel einen Satz wie: »Es ist festgelegt worden, dass falls von bestimmten Instrumenten im Sinne der Finanzmarktstabilität – das sind also Sekundärmarktinterventionen, Primärmarktinterventionen – Gebrauch gemacht wird, die Konditionalität inhaltlich dadurch ausgefüllt wird, dass man die Länderempfehlungen der Kommission nimmt und sagt, diese müssen verpflichtend von den Ländern, die einen Antrag stellen, umgesetzt werden, und zwar in einem auszuhandelnden zeitlichen Ablauf.« Es ist ein typischer Merkel-Satz, ein kraftloser, technokratischer Satz. Er soll ausdrücken: Wir befolgen die Regeln, alles hat seine Ordnung. Er sagt in Wirklichkeit: Wir werden jedem weiter unbegrenzt Geld leihen, wenn er nur das Versprechen abgibt, sich zu bessern. Keine Troika, keine Aufseher.

In dieser Antwort auf die Probleme steckt das Problem selbst: Es gibt immer weiter Geld gegen ein Versprechen, das nicht eingelöst werden kann.

Merkel wird noch am gleichen Tag zurückfliegen nach Deutschland, sie wird am Nachmittag im Bundestag sitzen, ihre Augen werden ihr zufallen, man weiß nicht, wie sie das durchsteht, und dann werden die Oppositionspolitiker von SPD und Grünen Brandreden gegen ihre Krisenpolitik halten und am Ende doch für den dauerhaften Hilfsfonds ESM abstimmen. Angela Merkel ist im Grunde eine tragische Person.

Immerhin: Der Wachstumspakt steht. Das Kapital der Europäischen Investitionsbank (EIB) in Luxemburg soll bis Ende 2012 um 10 Milliarden Euro aufgestockt werden. Danach könnte die Bank in den nächsten vier Jahren zusätzliche Darlehen von 60 Milliarden Euro vergeben. Mit den Anleihen will die EU-Kommission außerdem den Ausbau großer Infrastrukturprojekte im Bereich Verkehr, Energie und Telekommunikation mitfinanzieren und private Investitionen in Höhe von rund 5 Milliarden Euro anstoßen. Und rund 55 Milliarden Euro aus EU-Töpfen zur Förderung der Regionen sollen »umgewidmet« werden. Das sind Mittel, die im Finanzrahmen bis 2013 eingeplant, aber noch nicht für konkrete Projekte reserviert sind.

Welche Branchen nun aber wachsen sollen und warum und in welchem Rahmen – das ist unklar. Wachstum, die heilige Kuh des Kapitalismus, soll Europa langfristig aus der Krise führen und die Arbeitslosigkeit bekämpfen. Es sind falsche Antworten auf falsche Fragen.

Warum klammert sich die Politik so sehr an das bestehende System?

Die globale Vermögenselite profitiert vom bestehenden System.

Es gibt wohl keine geheime Weltregierung. Aber es gibt informelle Treffen von Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Medien, Zirkel der Macht, Arenen der Macht, Möglichkeiten der Einflussnahme auf wichtige politische Entscheidungen.

Auf die Herausforderungen der Weltwirtschaft angemessen zu regieren, hieße nicht weniger, als einen Systemwechsel zu wagen. Daran hat niemand ein Interesse, der vom bisherigen System profitiert: die ökonomische Elite, die aus ihrem Geld noch mehr Geld machen und damit reale Güter kaufen kann.

Laut Global Wealth Report gibt es weltweit 11 Millionen Dollar-Millionäre, das sind 0,16 Prozent der Weltbevölkerung. Immobilien sind da noch nicht mit eingerechnet. Die globale Klasse der Reichen, die high net worth individuals (HNWIs), besitzt mehr als ein Drittel des weltweiten Geldvermögens. In den USA gehören dem obersten 1 Prozent der Einkommensskala ein Drittel des nationalen Gesamtvermögens. Das Geld »fließt« quasi von unten nach oben und sammelt sich dort. Das System produziert einige wenige Gewinner und viele Verlierer, wie Nobelpreis-Ökonom Joseph Stiglitz in seinem Buch Der Preis der Ungleichheit skizziert. Nur haben die Gewinner den größten Einfluss auf die Politik.

Der Ökonom John Kenneth Galbraith spricht von den USA als »predator state«: Der Staat enteignet quasi die Massen zugunsten privater, einflussreicher Akteure und Großkonzerne. Mächtige Lobbys und Korruption sichern die Interessen der Militär- und Rohstoffindustrie, des Finanzwesens, die Macht des Geldes und ihren Einfluss auf die Institutionen des Staates. Das Modell funktioniert auf der ganzen Welt.

Abgesehen davon erscheint die Möglichkeit, auf internationaler Ebene einen reset des Banken-, Währungs- und Wirtschaftssystems durchzuführen, als Utopie. Dass schon die zaghaftesten Reformversuche ohne große Erfolgsaussichten verpuffen, kann dafür als Beweis dienen: Die geplante Finanztransaktionssteuer in elf EU-Ländern sieht für den Handel mit Derivaten einen Steuersatz von gerade einmal 0,01 Prozent vor.

Und natürlich fürchtet die Politik das Chaos, das ein unkontrollierter Zusammenbruch der Wirtschaft mit sich brächte: eine Kreditklemme, Rezession, Insolvenzen, Arbeitslosigkeit, ein Zusammenbruch der Sozialsysteme, massive Wohlfahrtsverluste. Ein Kollaps mit unabsehbaren Folgen.

Das weltweit dominierende Wirtschaftssystem funktionierte aber nur für ein kurzes historisches Zeitfenster – solange der Widerspruch aus betriebswirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher Logik aufgehoben werden konnte und mehr Jobs entstanden als verloren gingen. Es ist keine Zukunftsbranche in Sicht, die den Menschen wieder massenhaft Arbeit geben wird. Darauf hat das kapitalistische Wirtschaftssystem keine Antwort. Heute ist auch kein natürliches, stetiges Wirtschaftswachstum mehr möglich. Die Superblase des Finanzmarkts, die dieses Problem fast 30 Jahre verschleiert hat, platzt gerade, die Notenbanken zögern den endgültigen Vertrauensverlust in das Währungssystem noch hinaus.

Die marktliberalen Annahmen, dass etwa Profite auf den Finanzmärkten der Wirtschaft helfen oder niedrigere Löhne Arbeitslosigkeit eindämmen, haben sich als falsch erwiesen. Trotzdem halten die ökonomischen Eliten und die Politik am System fest, während die Mittelschichten ihren Wohlstand verlieren und die Armut im »reichen« Westen zurückkehrt. Diese Situation wird den Menschen als »alternativlos« verkauft. Dabei wird es bald eine historische Notwendigkeit sein, sich über Alternativen Gedanken zu machen.

Für das 21. Jahrhundert stellen sich drei große Frage.

Wie lassen sich die ungedeckten Finanzwerte aus dem Wirtschaftskreislauf abziehen, ohne dass dieser vollkommen zusammenbricht?

Was für ein Wirtschaftssystem funktioniert ohne stetiges Wachstum?

Wie sieht eine menschenwürdige Gesellschaft aus, in der ein großer Teil der Menschen nicht mehr arbeiten muss?

Schon eine Lösung für die erste Frage zu finden, scheint wenig aussichtsreich. Die mediale Öffentlichkeit klammert die Notwendigkeit eines neuen Weltwirtschaftssystems nahezu aus. Es ist unklar, wie lange die Notenbanken mit ihrer expansiven Geldpolitik den Vertrauensverlust in das Währungssystem noch aufrecht erhalten können, wie lange sich der Ausbruch einer Kettenreaktion verhindern lässt. Zusammenbrüche lassen sich, sobald sie einmal richtig losbrechen, in ihrer Dynamik kaum vorhersehen. Eine unkontrollierte Staatspleite im Euro-Raum könnte den Crash auslösen, aber auch eine neue Ölkrise.

Die Krise ist eine Bewusstseinskrise.

Selbst wenn es irgendwie gelingt, die ungedeckten Finanzwerte und damit die Schulden kontrolliert abzubauen – ohne einen Zusammenbruch der Wirtschaft, ohne soziale Unruhen und Bürgeraufstände – dann blieben die langfristigen Fragen dennoch ungelöst.

Welches nachhaltige Produktions- und Verteilungssystem ermöglicht den Menschen in einer Postarbeitsgesellschaft ein Leben in Würde und Frieden?

Die Antwort führt viel weiter als zu neuen wirtschaftspolitischen Systementwürfen. Es ist die Frage nach dem Wesen des Menschen.

Die sogenannte Krise, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erodiert, wird uns irgendwann fragen: Was werden wir für Menschen sein, wenn sich alle Umstände unseres Lebens grundlegend ändern?

Vielleicht werden Werte wie Mitgefühl und Solidarität wieder eine größere Rolle spielen, vielleicht wird es eine Hinwendung zu Bedürfnissen geben, die jenseits des Konsums liegen, die dem inneren Wachstum und der persönlichen Entfaltung als Mensch dienen. Vielleicht werden wir uns mehr den Dingen des Lebens widmen, die nicht verschwinden, wenn wir sie verbrauchen, sondern die erst durch das Teilen wachsen und mehr werden: Liebe, Vernunft, Phantasie.

Das ökonomische System betrifft unser Leben viel weitreichender als durch Arbeitsmarktzahlen, Gehaltsabrechnungen und Konsumausgaben. Es ist eine Schablone für unsere Psyche. Wir alle sind Teil der Krise, denn wir sind alle Teil des Markts. Die meisten Menschen kennen nichts anderes als das kapitalistische Wettbewerbssystem. Die Erwerbstätigkeit eines jeden Bürgers ist bloß noch Selbstzweck und keine Frage des Überlebens mehr. Wir aber haben den Marktmechanismus voll verinnerlicht, er durchdringt alle Bereiche unseres Lebens, das fängt in der Schule an, bei der Bildung. In der Ausbildung oder an der Universität sammeln wir Kompetenzen, um später neben der Konkurrenz zu bestehen, das Leistungsprinzip ist in uns, wir erziehen unsere Kinder danach. Die Wissenschaft unterwirft sich dem Ökonomischen Prinzip, das Gesundheitswesen, die Kultur: Ohne Gewinn gibt es keine Transaktion. Keine Forschung, keine Heilung, keine Muse.

Die Frage nach der finanziellen Verwertbarkeit reicht hinein bis in die menschlichen Beziehungen, bis in unser Privatleben. Wir networken, tauschen Kontakte aus wie nützliche Werkzeuge, und das Unternehmen will mit unserer emotionalen Intelligenz Geld verdienen.

Die Warenförmigkeit des Lebens macht auch vor der Liebe nicht halt, der quasi-religiösen Gegenwelt zur immer härteren Arbeitswelt, das hat die israelische Soziologin Eva Illouz in Der Konsum der Romantik sehr deutlich aufzeigt. Wir nehmen diesen Einfluss gar nicht mehr wahr: Wir schmeißen uns auf den »Singlemarkt«, »umwerben« eine Frau, klicken durch »Partnerbörsen«.

Die Krise des Kapitalismus ist in allerletzter Konsequenz eine Bewusstseinskrise. Der Markt hat versagt. Man könnte auch sagen: Der Mensch hat versagt.

Was kann man selbst tun als junger Erwachsener, der noch ein paar Jahrzehnte in diesem 21. Jahrhundert verbringen wird?

Entschlossen handeln, sich organisieren, revoltieren? An der Überkomplexität der Probleme verzweifeln, resignieren, das Schicksal auf sich zukommen lassen? Sich auf die schönen, subjektiven Wahrheiten des Lebens beschränken: wie man richtig reist, was gute Literatur ausmacht, was es über die Liebe zu sagen gibt. Eskapismus zelebrieren oder Hedonismus? Zyniker werden oder Freiheitskämpfer?

Es gibt vieles, was man tun könnte oder vielleicht tun sollte. Nur eines besser nicht: eine Lebensversicherung abschließen.

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5 comments

Abdel Ka 14/09/2014 at 02:48

Hey Phil,
ein wirklich sehr lesenswertes Essay welches ich immer wieder lesen werde um mir immer wieder Gedanken zu machen wie es weiter gehen könnte. Für mich versteht sich.

Ich bin dem lieben Herren dankbar das wir uns mal über den Weg gelaufen sind…. Denn dieses Essay beantwortet viele meiner Fragen, erweitert meinen Horizont und stellt neue Fragen in den Raum… Was Dir zu Gute kommt ist, das ich dir und deinem Geiste traue.

Vielen Dank & mach weiter so.

Dein Abdel Ka

Reply
Philipp Laage 15/09/2014 at 23:20

Hey Abdel,

ich danke dir für deine netten Worte. Es freut mich immer sehr, wenn ich so ein persönliches Feedback bekomme. Das ist mir mehr wert als 100 oberflächliche Likes auf Facebook oder sowas.

Erschreckenderweise scheint noch kein Problem, das in dem Essay besprochen wird, wirklich von der Politik in Angriff genommen, geschweige denn gelöst worden zu sein. Ich kann nicht behaupten, die Bruchlinien unserer Zeit klar nachzeichnen zu können. Aber ich bleib dran, haha…

Ich hoffe, wir treffen uns bald mal wieder, spätestens vor Weihnachten.

Beste Grüße und alles Gute dir,

Philipp

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travelchrismunich 24/08/2015 at 22:06

Hallo Philipp,

auf deine Seite bin ich aufgrund des Artikels zum Libanon gestoßen, wo ich nun hinfahren werde. 😉

Ich stimme dir zwar nicht 100%-tig zu, aber im wesentlichen ist das ein außergewöhnlich guter Artikel! Er spricht das Problem richtig an. Ich bin mir aber sicher, dass das “System” nicht grundlegend verkehrt ist. Wir müssen uns nur für die Zukunft mehr darauf fixieren, dass reine Arbeit nicht unbedingt der Schlüssel ist. Bildung ist der eigentliche Schlüssel. Nur damit werden wir langfristig Arbeit haben. Wir müssen forschen, uns entwickeln und weg kommen, vom reinen produzieren.

Menschen werden übrigens immer gebraucht: Wir dürfen den sozialen Bereich nicht vergessen. Der Bedarf an Arbeit wird in Zukunft enorm steigen. Das gleiche gilt für Dienstleistungen generell und für institutionelle Bildung.

Die Zukunft liegt darin, weniger zu arbeiten und damit hoffentlich mehr Zeit zu haben für wichtige Dinge, wie Familie, Ehrenamt usw.

Liebe Grüße

Chris

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Das amerikanische Diner - Run. Travel. Grow. 25/06/2016 at 18:28

[…] begann früher, vielleicht unter Clinton, oder wahrscheinlich noch eher, in den Achtzigern mit der financialization of capitalism. Sind das noch die guten, alten amerikanischen Straßen, fragt sich der Bürger und wählt Trump. […]

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Orlando, Florida: Das amerikanische Diner 10/07/2016 at 07:01

[…] begann früher, vielleicht unter Clinton, oder wahrscheinlich noch eher, in den Achtzigern mit der financialization of capitalism. Sind das noch die guten, alten amerikanischen Straßen, fragt sich der Bürger und wählt Trump. […]

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