Zwischen Drogenrausch und Inka-Ruinen auf der Isla del Sol

18/11/2012

Die Hippies suchen fern der Heimat ihr Paradies. Leider geht der Traum vom Glück selten in Erfüllung – auch nicht auf der Isla del Sol im Titicacasee. Die Sinneseindrücke werden dort auch ohne Trip herausgefordert.

Man muss kein elitärer Dandy sein, um den Hippie- und Drogentourismus in den Aussteigerenklaven dieser Welt für rundum verachtungswürdig zu halten. Die Grundidee dahinter ist, aufgrund des deutlich abgesenkten Einkommens- und Preisniveaus in den Entwicklungsländern einen hedonistischen Lebensstil zu zelebrieren, der sich durch eine Beteiligung am lokalen Drogenhandel und die Vernachlässigung des äußeren Erscheinungsbildes bequem gegenfinanzieren lässt. Das ist immer eine traurige Geschichte.

Leider ist auch der Titicacasee, der größte Hochgebirgssee der Erde in der südamerikanischen Altiplano, zu einem Anlaufpunkt für wohlstandsüberdrüssige Europäer, Australier und Amerikaner geworden. Als wir uns auf unserer Reise zur Südgrenze Perus in der Stadt Puno im Bus zur bolivianischen Grenze auf unsere Plätze setzten, drückte uns ein verwahrlost aussehender, aber selig grinsender Franzose gleich einen Flyer in die Hand, der in schlecht designtem Artwork für einen »moonlight rave« auf der Isla del Sol warb. Da wir wenig Lust auf Goa-Trance, Liquid Ecstasy und hypnotisches Tanzen im Mondlicht verspürten, lehnten wir freundlich, aber entschieden ab.

Der junge Mann hatte seinen Reisepass wohl bei einem der üblichen Initiationsriten für Langzeitaussteiger ins Feuer geworfen, in jedem Fall verließ er kurz vor dem Grenzübergang den Bus, um sich augenscheinlich auf einem anderen Weg an dem nur halbherzig bewachten Kontrollposten vorbei zu schleichen. Nachdem wir wenig später im Zielort Copacabana auf bolivianischem Staatsgebiet eine einfache Pension bezogen, die Kleidung gewechselt und uns auf die Suche nach einem passablen Restaurant gemacht hatten, begegnete uns der Franzose in einem der Cafés schließlich wieder.

Das verwundert nicht: Copacabana scheint reichlich ausländische Kundschaft für Gelegenheitsticker jeder Couleur zu bieten. Das öffentliche Leben wird vollkommen vom Tourismus dominiert. Man kann den Eindruck gewinnen, dass die kleine Stadt am Ufer des Sees lediglich aus Hostels, Restaurants, Internetcafés und Souvenirgeschäften besteht, was nach der zweitägigen Fahrt über die peruanische Hochebene für den Moment aber nicht unangenehm ins Gewicht fällt.


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In Copacabana kann der Reisende im Prinzip alles tun, worauf er auch in der Heimat Lust bekommt, wenn gerade eine mehr oder weniger komfortable, aber trotzdem ermüdende Busfahrt hinter ihm liegt: Kaffee trinken; im Internetcafé abhängen, um kurz die Nachrichten aus aller Welt querzulesen oder ein retromäßig verfremdetes Instagram-Foto zu posten; faul in der Sonne herumsitzen.

Das Stadtbild ist weder besonders ansprechend, noch öffnet sich in den kleinen Gassen die Tür zu einem pulsierenden kulturellen und sozialen Leben, was – wenig verwunderlich – der Abgeschiedenheit der Stadt geschuldet ist. Es ist natürlich der große, weite See, der so viele Reisende überhaupt auf die Halbinsel Copacabana lockt.


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Um überhaupt einen Eindruck von den Ausmaßen des Titicacasees zu bekommen, fuhren wir am Morgen mit der Fähre in Richtung Isla del Sol bis Challapampa am Nordende der Insel.

Leider ist es in 3800 Metern Höhe über Normalnull durchweg ziemlich kalt, sofern nicht gerade die Sonne mit voller Wucht brennt, und die Fehlwahrnehmung, sich aufgrund der Ausmaße des Sees irgendwo am Meer zu befinden und deshalb einigermaßen sommerliche Kleidung tragen zu können, macht die Situation nicht gerade besser.

Auf dem Oberdeck unserer kleinen Fähre saßen einige Hobbymusiker, die sicherlich einen ordentlichen Batzen Gras wegrauchen konnten, aber weit von einer eremitischen Selbstaufgabe entfernt waren. So wurde lediglich fleißig musiziert und gesungen, und unser Boot erreichte nach mehr als einer Stunde Fahrt den kleinen Hafen im Norden des Eilands.

Unweit von Challapampa gab es dann tatsächlich einen Sandstrand, was die Sinnesorgane noch einmal in zusätzlichem Maße überforderte. Das eigentlich Irre am Titicacasee ist nämlich das Gefühl, sich gleichzeitig im Hochgebirge und am Mittelmeer zu befinden.

Die Sonne und das Wasser suggerieren dauernd, dass es möglich wäre, kurzerhand eine Badeshorts anzuziehen und in das Blau des Sees hineinzulaufen. Dann verschwindet die Sonne hinter einer Wolke, ein Windstoß fährt unter den Pullover, und der Reisende glaubt, nach Einbruch der Dämmerung auf der Terrasse einer alpinen Berghütte zu sitzen.

Die tiefblaue Farbe des Wassers täuscht außerdem darüber hinweg, dass der See in den vergangenen Jahren immer stärker verschmutzt wurde, weshalb sich ZEIT Online einmal zu der Überschrift »Drecksloch in den Anden« hinreißen ließ.


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Am nördlichen Ende der Isla del Sol liegen einige Inka-Ruinen: das Laberinto Chicana und die Roca Sagrada. Es ist natürlich immer so eine Sache mit den Überresten untergegangener Hochkulturen. Wenn man sich nicht zufällig brennend für die Geschichte der jeweiligen Zivilisation interessiert, sind Ruinen in erster Linie ein paar mehr oder weniger anspruchsvoll zusammengesetzte Steine, deren Besuch keinen substanziellen Mehrwert bietet, der über das Hintergrundwissen hinausgeht, das es in Büchern und im Internet nachzulesen gibt.

Immerhin glaubten die Inka, dass der Sonnengott Inti seine Kinder Manco Cápac, den ersten Inka-Herrscher, und seine Frau Mama Ocllo auf einem Felsen auf der Isla der Sol zur Erde hinabgeschickt hat, was dem Besuch der Ruinen eine gewisse Relevanz unterstellt.

Viel eindrucksvoller als die Überreste des Inka-Reichs ist der Ausblick, den es von den bergigen Höhen der Insel aus zu bestaunen gibt. Der Reisende glaubt, sich an der Küste in Kroatien oder Montenegro zu befinden, oder im Süden Spaniens oder Italiens. Dabei liegt der höchste Punkt der Isla del Sol auf mehr als 4000 Metern. Während das Gehirn immer wieder diese Mittelmeer-Schablone über die Szenerie legen will, spürt die Haut sehr deutlich, dass die Lufttemperatur absolut nicht zu dem visuellen Eindruck passt.

Vom Norden der Insel führt ein ausgedehnter Wanderweg bis zur Südspitze nach Yumani. Dort legt die Fähre ab, die den Reisenden am Nachmittag wieder zurück nach Copacabana bringt. Die Strecke ist in zwei bis drei Stunden zu machen.

Während der kleinen Wanderung fällt der Blick über die weite Wasseroberfläche des Titicacasees, tief im Osten hinter dem Küstenstreifen erheben sich an klaren Tagen die schneebedeckten Gipfel der Cordillera Real in den Himmel, nach Norden reicht der See bis zum Horizont.

Einzig irritierend sind die sporadisch hinter Steinen und Büschen hervorspringenden Inselbewohner, die wie Gespenster aus dem kargen Nichts der Landschaft auftauchen und für die weitere Benutzung des gut ausgebauten Pfads ein paar Bolivianos einfordern, für die man im Gegenzug eine Art Ticket erhält. Darauf stehen die Namen wenig bekannter Ruinenanlagen, die der Reisende erst noch zu Gesicht bekommen soll. Man kommt sich beim Bezahlen des Wegzolls einigermaßen dumm vor, aber der Betrag ist auf der anderen Seite wirklich keine Diskussionen wert.


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Kurz vor Yumani, bevor der Weg sich wieder hinab zur Küste windet, stehen noch ein paar kleine Restaurants, in denen sich schwerfällige aber extrem freundliche Omis um eine halbwegs passable Pizza bemühen.

Als wir uns hinsetzten und uns der Kopf durch die Stunden in der Sonne ein bisschen schwindelig geworden war, torkelte draußen eine vollkommen zugedröhnte Rockstar-Imitation durch die Hitze: schwankend, schief hängende Mundwinkel, wahllos mit den Finger durch die Gegend zeigend, Lederkleidung. Und tatsächlich, auf der Westseite der Isla del Sol sah man vom Höhenzug aus das Feldlager aus Zelten direkt unten am Wasser, das eine Art provisorische Behausung für die dauerdraufen Aussteiger geworden war.

Der von allerlei chemischen Substanzen nicht mehr zurechnungsfähige Rockerhippie versuchte uns einen furchterregenden Blick zuzuwerfen, aber das misslang auf ganzer Linie, konnte er sich doch kaum mehr schneller als in Zeitlupengeschwindigkeit bewegen. Wohin der junge Mann unterwegs war, wusste er womöglich selber nicht, und die Insel würde ihn bald wieder vergessen, genau wie seine Begleiter.

Die Drogen waren hier sozusagen konstituierend für das Ereignis an sich, ohne sie hätte im Prinzip überhaupt nichts stattgefunden. Wer zu kaputt oder einfach pleite war und sich nicht länger durchschnorren konnte, reiste wohl irgendwann ab, flog vielleicht sogar in die Heimat und nahm dort eine mittelmäßig bezahlte Vollzeitstelle an.

Es ist auch nicht recht einzusehen, warum die Verwahrlosung in einer exotischen Fremde etwas Glanzvolleres und Erhabeneres sein sollte als zu Hause.


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Nach dem Essen nahmen wir die Fähre zurück nach Copacabana. Am Abend stiegen wir auf den Cerro Calvario, den Wallfahrtsberg gleich neben der Stadt, denn von dort kann man aus einer gewissen Höhe der Sonne beim Untergehen über dem Titicacasee zusehen.

In der Ferne waren die Bergketten der Cordillera zu erkennen, die Wasseroberfläche lag ebenmäßig vor uns wie ein glattgestrichenes Tuch, und die Sonnenkugel färbte sich in feuriges Orange, bis sie schließlich die Landmasse auf der anderen Seite des Ufers erreichte.

Es war ein Sonnenuntergang wie am Meer. Als wir den Kreuzweg hinabstiegen, der auf den Hügel führte, pfiff ein eisiger Wind über die Treppenstufen.




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6 comments

Auf den Chachani in Peru – Premiere auf 6000 Metern Höhe « Run. Travel. Grow. 24/12/2012 at 14:18

[…] Wir wollen erst noch weiter reisen zum Colca-Canyon und von dort weiter über Puno bis nach Copacabana in Bolivien am Titicacasee. Wir werden uns also für ein paar Tage dauerhaft oberhalb von 3500 Metern aufhalten. Der höchst […]

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Die größte Sehenswürdigkeit Südamerikas – Machu Picchu sehen und sterben? « Run. Travel. Grow. 15/01/2013 at 23:46

[…] wir nach Ausflügen zum Colca Canyon, zum Titicacasee und auf den frostigen Gipfel des Chachani in der bedeutensten historischen Stadt Südamerikas […]

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» Auf den Chachani in Peru – Premiere auf 6000 Metern Höhe Run. Travel. Grow. 08/04/2013 at 09:57

[…] Wir wollen erst noch weiter reisen zum Colca-Canyon und von dort weiter über Puno bis nach Copacabana in Bolivien am Titicacasee. Wir werden uns also für ein paar Tage dauerhaft oberhalb von 3500 Metern aufhalten. Der höchst […]

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» Die größte Sehenswürdigkeit Südamerikas – Machu Picchu sehen und sterben? Run. Travel. Grow. 09/04/2013 at 06:43

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Südamerika (1) - Peru oder die Periodik des Alltags 12/06/2013 at 10:14

[…] in die Schlucht des Colca-Canyons und wieder herauf, denn wir wollen schnell weiter, zum großen Titicacasee im Süden des Landes. … Was lässt sich in welcher Zeit sehen? … Die Oase am Fuß der […]

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Bolivien: Schneesturm am Huayna Potosí - Run. Travel. Grow. 17/01/2014 at 16:53

[…] bolivianischen Cordillera Real, deren Gipfel der Reisende von der Hochebene der Altiplano und vom Titicacasee aus sehen kann. Von La Paz ist der Berg nur zwei Stunden mit dem Jeep entfernt. Auf 4750 Metern […]

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