Reisen von Gestern: Interrail durch Europa

05/01/2013

Billigflieger und Internet haben Interrail zu einer überholten Reiseform gemacht. Wer will heute noch stundenlang mit der Bahn durch Frankreich fahren? Ein Rückblick auf eine Reise, der heute keinen Sinn mehr hätte.

Interrail, was war das noch gleich? Man kaufte ein Ticket, setzte sich in einen Zug und fuhr dann einfach los, quer durch Europa. Man verbrachte einen nicht geringfügigen Teil seiner Reisezeit in schlecht ausgestatteten Regionalzügen, man machte Nudeln auf Campingkochern warm, und am Ende jedes Tages lautete die bedeutendste Frage: Wo finden wir heute Abend einen Platz zum Übernachten? Es galt in erster Linie, eine Distanz zu überwinden – was am Ziel wartete, war eigentlich zweitrangig.

Heute fliegen die Anfang-Zwanzigjährigen mit einem Billigflieger in zwei Stunden nach Rom, nach Barcelona, nach Prag, und sie wissen dort schon ganz genau, in welche Galerie sie unbedingt müssen, in welches Café und in welchen Club. Irgendwer ist immer schon da, hat das alles schon gesehen, kennt sich besser aus, ist morgen schon wieder weg. Weil das nächste Abenteuer nur zwei Flugstunden entfernt liegt. Dazwischen ist alles Niemandsland, Felder in Endlosschleife, Zeitverschwendung.

Interrail ist im Prinzip eine vollkommen antiquierte Form des Reisens, eine grand tour, nur ohne Geld und Glorie: Entschleunigung statt Hypermobilität, Beschwerlichkeit statt Hedonismus, das mühsam Zugängliche anstelle des immer gleich Präsenten.

»Auf Interrail« zu sein bedeutet, überall da draußen, an jeder Destination, das verbindende, ortsunabhängige Element zu finden: den Schlafplatz, den Supermarkt, die große Sehenswürdigkeit.

Heute führt die Suche zum Exklusiven, zum Vergänglichen: der Club, in dem man genau diesen Sommer oder Winter gewesen sein muss, die eine Party in dieser einen Nacht mit diesem einen DJ. Heute will niemand mehr wirklich vor dem Eiffelturm stehen, es gibt ihn schon tausendfach online. Die immer gleichen Bilder, die gleichen Kameraperspektiven, austauschbare Gesichter.

Wer vor sechs Jahren Interrail gemacht hat, stand unmittelbar vor der Schwelle zum sozialen Internet für die breite Masse, zur totalen Vernetzung, zum Reisen in der Digitalität.

Heute sind alle Perspektiven und Einstellungen, alles Wissen über einen Ort, schon universell verfügbar. Deshalb rückt das Beständige aus dem Fokus, und das Vorübergehende wird interessant. Vielleicht fällt es dadurch noch schwerer, auf Reisen nichts verpassen zu wollen. Vielleicht hätten die Nerven damals, im Sommer 2006, schon auf der ersten langen Zugfahrt durch Belgien blank gelegen. Es ist ein Rückblick auf eine Reise, die heute so nicht mehr möglich wäre, die heute so keinen Sinn mehr ergeben würde.

PARIS

Was weiß man mit 19 Jahren von Paris? Stadt der Kultur, Stadt der Kunst, Stadt der Liebe. Tausend Dinge, von denen man nichts versteht. Eine Stadt, die sich vor dem jungen Reisenden aufspaltet wie Licht in einem Kaleidoskop, tausend Orte und Begebenheiten in jeder Sekunde: die totale Überforderung.

Natürlich ist die Zeit viel zu knapp, und wir können auch nicht draußen schlafen, also suchen wir ein Hostel und hetzen dann zu den großen Sehenswürdigkeiten der Stadt: Notre-Dame, Louvre, Eiffelturm. Wir schießen Fotos in Schwarz-Weiß am Place de la Concorde, die wir später vergrößert an die Wand unseres Kinderzimmers hängen, das kein Kinderzimmer mehr ist. Wir schauen betont gedankenverloren auf diesen Bildern, in den Posen suchen wir die Zeitlosigkeit gestandener Männer.

In Paris geht es darum, einfach dazusitzen, im Jardin des Tuileries oder am Ufer der Seine, und Erwachsen-Sein zu zelebrieren, Lebemomente zu simulieren. Aber wie sehen die eigentlich aus? Es sind Momente des Verliebens, des kreativen Schaffens, des Tanzes und des Rauschs. Wir kennen die guten Orte dafür nicht in Paris. Wir bewegen uns wie durch eine Kulisse, wir sind nicht Teil dieser Stadt. Wir sind zu jung, zu klein, zu unerfahren für Paris. Wir ahnen nur, was irgendwann im Leben noch einmal auf uns warten könnte.


paris 1
paris 3
paris 10
paris 4
paris 6
paris 8
paris 9
paris 2
paris 5
paris 7


NIZZA

Das Südländische, Mediterrane springt einem gleich entgegen, wenn man den Bahnhof von Nizza verlässt. In der Architektur, in der Vegetation, durch die Wärme der Sonne auf der Haut. Nizza ist ein guter Ort, er ist unbeschwert, leicht. Die Uferpromenade, das Meer, die Wellen: Endlich sind wir an der Cote d’Azur.

Wir lassen unsere Sachen in einer Herberge und schlendern los ohne den Druck, hier etwas sehen zu müssen, vielleicht auch, weil Nizza angenehmerweise keine großen Sehenswürdigkeiten bereithält, weil es eher als Ganzes wird. Wer nach Nizza kommt, will einfach in Nizza sein und nicht Dieses oder Jenes tun. Dieser Anspruch macht es für den Reisenden leicht.

Wir sehen das volle Leben Südfrankreichs: Es ist WM, die Équipe Tricolore gewinnt das Halbfinale, am Abend fahren Autocorsos durch die Stadt, die Menschen feiern auf den Straßen. Wenn ein Ort an den Rand des Ausnahmezustands gerät, ist das immer spannend. Wir machen da jetzt mal mit, laufen rum, quatschen mit Leuten. Wir wollen ein bisschen männlich sein und trinken Four Roses aus der Flasche. Nizza – hier könnte man eine gute Weile bleiben. Aber es gibt noch so viel zu sehen.


nizza 2
nizza 3
nizza 1


MONACO

Monaco kennt man aus den Hochglanzmagazinen und Celebrity-Sendungen im Fernsehen. Die Steuern sind niedrig, die Autos sind teuer, hier ist der Reichtum zu Hause, zumindest solange es Vorteile gegenüber dem heimischen Fiskus mit sich bringt. Wir zählen Ferraris und Lamborghinis.

Natürlich sind wir nicht so dumm, in Monaco nach einer Unterkunft zu suchen, wir wollen am Abend noch weiter. Ein Tag Monaco, ein Tag Luxusgucken. Welche Namen haben die Yachten? Was für Autos parken vor dem Casino? Eine Cola am Hafen kostet 8 Euro: Man, ist das irre!

Der Himmel ist wolkig und verhangen an diesem Tag, Monaco liegt unter einem grauen Schleier. Die an der Küste angelegten Wohnblocks sind hässlich. Vielleicht ist es gar nicht so toll, hier die Hälfte des Jahres seine Zeit zu verbringen. Aber vermutlich ist das so wie mit Los Angeles, über das ja immer alle Prominenten schimpfen, obwohl sie alle Häuser im Norden der Stadt haben, einfach weil sie dort unter ihresgleichen sind, weil sie sich ständig über den Weg laufen. Monaco liegt am Mittelmeer, reich und klobig, aber das war es auch schon. Marseille ist halt cooler.


monaco 1
monaco 3
monaco 2


MENTON

Eine Nacht an der Cote d’Azur hatten wir am Strand geschlafen, morgens waren wir im Meer schwimmen, im Sonnenschein. Jetzt regnet es, unsere Sachen sind ein bisschen klamm. Südfrankreich ist plötzlich gar nicht mehr so verheißungsvoll.

Die Reisegruppe stockt an der Grenze zu Italien in Menton. Wo soll es jetzt hingehen? Wie fahren wir weiter? Es ist schwül, die Stimmung ist geladen, alles stockt. Es gibt einen handfesten Streit. Das Verfahrene der Situation wird aufgebrochen durch die spontane Entscheidung, einfach einen Nachtzug nach Italien zu nehmen.


menton


ROM

Rom ist für den jungen, bisher weitgehend unbereisten Interrailer ähnlich wie Paris: eine Stadt als einzige Überforderung. 2500 Jahre Geschichte: die Kaiserzeit, die Katholische Kirche, das Heilige Römische Reich. Eine Stadt wie ein Museum. Wir bringen kaum Fachwissen mit über die Bauwerke, die Kulturschätze, die Kunstwerke der Stadt. Wir laufen durch die Straßen und unsere Augen sehen nur Oberfläche. Überall sind Zeichen, die wir nicht lesen können. So kommen wir hier nicht weiter. Aber für uns geht es in Rom auch um etwas Anderes.

Am Abend lernen wir an der Spanischen Treppe eine Gruppe junger, amerikanischer Juden kennen, mit denen wir uns ganz ordentlich betrinken. Die Mädchen sehen verdammt gut aus. Man gibt sich Biere aus, redet erst Smalltalk und später alkoholgeschwängert über den Sinn des Lebens, man tauscht Emailadressen.

Auf dem Rückweg jugendlicher Übermut: Wir rennen durch die Gassen zum Hostel, wir reißen Pflanzen aus Blumenkübeln, wir stacheln uns gegenseitig an, wir benehmen uns, ehrlich gesagt, ganz schön asozial. Das liegt daran, dass wir das Gefühl haben, die Stadt erobert zu haben, hier genau richtig zu sein, weil wir diese schönen, freundlichen Amerikaner getroffen haben, mit denen der Abend so lustig und ausgelassen war. The world can be your friend in one night.


rom 1
rom 3
rom 2


VENEDIG

Italien, die andere Seite des Stiefels. In Venedig ist das Museumhafte des Stadtbilds so überdeutlich wie kaum in einer anderen europäischen Metropole. Wir können Venedig unmöglich auslassen. Das ist schon wieder lustig: Wir wissen ja erneut rein gar nichts über die Stadt, außer dass sie berühmt ist. Niemand von uns hat während der langen Zugfahrten überhaupt einen Reiseführer gelesen, um zu wissen, vor welcher Sehenswürdigkeit man sich jetzt genau fotografieren lassen muss. Es läuft also wieder auf das Flanieren hinaus: einfach mal Venedig auf sich wirken lassen.

Wir gehen zum Markusplatz, wir suchen ein halbwegs preiswertes Restaurant, wir versuchen uns in den engen Straßen nicht zu verlieren. Venedig ist anstrengend. Aber es ist natürlich auch ziemlich schön. Man hat das ja alles schon im Kopf und prüft das bloß noch einmal: die Brücken, die Gondeln, die Wasserwege. Das Wetter ist leider blendend, und deshalb ist es in den Gassen brechend voll. Manchmal hat man das Gefühl, in einem Freizeitpark unterwegs zu sein. Abends wird es ruhiger, die Touristen sind müde.

Man müsste vielleicht noch einmal wiederkommen, wenn es neblig und nass ist, und dann müsste man fünf Tage gedankenversunken durch die Gassen laufen, ohne von dem unerträglichen Kommerz der Marke Venedig behelligt zu werden.


venedig 3
venedig 2
venedig 7
venedig 4
venedig 1
venedig 8
venedig 6
venedig 5


TOSKANA

Toskana. Das ist schon wieder ein Wort, bei dem ganz viel mitschwingt. Italienischer Lebensstil, gelbe Felder, alte Burgen, guter Wein. Wir legen uns unweit einer Stadt, deren Namen wir allesamt bis heute nicht erinnern, auf ein Feld und schlafen unter dem Sternenhimmel, nicht mal die Zelte bauen wir auf. Wir sind auf Durchreise, langsam geht es Richtung Heimat, also müssen wir in dieser Nacht und am nächsten Morgen einmal konzentriert den Toskana-Moment aufschnappen. Wir schlafen also unter freiem Himmel und am nächsten Tag wandern wir zu einer kleinen Festung auf einem Hügel. Blick über die Hänge und dörren Felder: Das ist die Toskana. Na gut. Im Rückblick, muss man sagen, wäre es vielleicht schön gewesen, in Florenz gehalten zu haben.


toskana 2
toskana 1


GAP

Gap ist eine ungeplante Station unserer Reise. Wir erreichen die Stadt in den französischen Alpen am späten Abend, es regnet, es ist frisch, und weil am kommenden Tag die Tour de France in der Stadt gastiert, gibt es beim besten Willen kein freies Zimmer mehr für uns. Es gibt außerdem nirgendwo einen guten Park zum Übernachten.

Wir marschieren ohne Plan durch leere Straßen: Wohnhäuser, eine Tankstelle, irgendwann Gewerbegebiet. Wir legen uns nieder zum Schlafen auf der steinernen Laderampe eines Anbieters von Gaskatuschen, die jedenfalls stehen vor der Halle in den Regalen. Es wird eine Nacht auf kaltem Beton.

Am nächsten Tag finden wir für den Abend einen Campingplatz, die Sonne scheint. Wir haben den ganzen Tag Zeit, wir steigen von Gap auf einen mittelhohen, aber doch schon alpin-kargen Berg. Weite Aussicht über das Land. Zum ersten Mal sind wir richtig in der Natur, das ist schön, davon verstehen wir etwas, vom In-der-Natur-Sein. In drei Tagen werden wir wieder in Deutschland sein.


gap 1
gap 2


Was bleibt von einer Interrail-Tour? Die Kulturhauptstädte Europas können wir nur als Abstraktion der Wirklichkeit wahrnehmen. Kleine Jungs in großen Städten, Dynamik und Charakter der Metropolen bleiben uns verschlossen. Wir sehen immer nur Ahnungen und Andeutungen von Lebenswegen, die wir noch nicht kennen. Eine schöne Frau auf der Straße, zwei Männer mit Schals und Halbschuhen im Café, Balkonfrühstücke, Zigaretten und Wein, Kunst, Bohème, Lebensart.

Andersherum ist es wichtig, sich diese Oberfläche mal anzuschauen, um sie dann später einmal, wer weiß, selbst zu erleben und zu entzaubern.

Man lernt auf Interrail natürlich auch, sich ein bisschen zu organisieren, in der Gruppe Probleme zu lösen, solche Geschichten. Aber das ist nur das Beiwerk.

Es ist für viele der erste Schritt in die große Welt, die heute viel kleiner erscheint, nicht nur, weil man älter geworden ist. Heute ist alles gleich ultrapräsent, wenn man 40 Euro für einen Flug bezahlt. Die Umwege verschwinden. Niemand braucht mehr ein Interrail-Ticket, aber das Reisen ist genauso wichtig wie früher. Es geht dabei nur am Rande um Sehenswürdigkeiten – sondern um ein Gefühl für die Welt und das Leben.



Interrail 2006 auf einer größeren Karte anzeigen

You may also like

3 comments

Anonymous 13/02/2016 at 15:31

Schöner Beitrag! Erinnert mich an meine eigene Interrailtour durch Frankreich 1984.

Reply
Rosa 24/01/2018 at 16:17

Schade, dass du das langsame Reisen von damals per interrail heute als tot bezeichnest. Der Weg ist das Ziel.

Reply
Philipp Laage 09/03/2018 at 20:50

Liebe Rosa, tot ist das langsame Reisen nicht unbedingt, nur etwas aus der Mode gekommen, wie mir scheint.

Reply

Leave a Comment

css.php