Machu Picchu sehen und sterben?

15/01/2013

Machu Picchu muss man gesehen haben, heißt es. Von den Ruinen gibt es schon eine Million Bilder. Die Inkastadt liegt abgeschieden im peruanischen Hochland und ist doch maximal zugänglich. Lohnt der Besuch?

Cusco — Machu Picchu ist ein Ort der Verheißung: eine verborgene Inka-Stadt in den peruanischen Anden, die berühmteste Sehenswürdigkeit Südamerikas, eines der neuen sieben Weltwunder. Sinnbild für die untergegangenen Kulturen dieser Welt, Sehnsuchtsort für den Entdecker im jedem Reisenden, Symbol für das Fernweh selbst. Ewiges Machu Picchu.

Der Ausblick über die Ruinenstadt in den Bergen nordöstlich von Cusco ist weltberühmt, es gibt kaum einen, der ihn nicht irgendwo schon einmal gesehen hat. Man wird nie ermitteln können, wie viele Millionen Fotos bisher diese eine Perspektive eingefangen haben: den Blick vom Haus des Wächters über die Stadt bis zum Huanya Picchu. Auf Youtube kann man sich eine ganze Menge Videos von Machu Picchu anschauen. Es ist ein Bild, das sich ins kollektive Gedächtnis der Welt eingeprägt hat.


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Die große Frage lautet: Muss man sich Machu Picchu überhaupt »in echt« angucken?

Im Vorwort zu 1000 Places to See Before You Die steht das angeblich asiatische Sprichwort: »Es ist besser, etwas einmal selbst zu sehen als tausendmal davon zu hören.« Das ist eine streitbare These, und ihr Wahrheitsgehalt hängt sicherlich davon ab, um welches Objekt der Begierde es sich handelt. Nun also Machu Picchu, die Mega-Sehenswürdigkeit.

Auch andere Reisende diskutieren im Internet : Peru mit oder ohne Machu Picchu? Offensichtlich sind wir nicht die einzigen Südamerika-Neulinge, die sich gefragt haben, ob es überhaupt noch nötig ist, sich die Ruinen mit eigenen Augen anzuschauen, wo man sie doch scheinbar schon eine Million Mal gesehen hat. Die Suche nach der Antwort berührt eine grundsätzliche Frage unserer Zeit: Welchen Wert hat die unmittelbare Welterfahrung, wenn jeder Ort prinzipiell schon von überall aus für jeden zugänglich ist?

Ein weiterer Grund zur Sorge: Natürlich geht es bei jedem allzu bekannten Ausflugsziel furchtbar kommerziell zu. Das Gelände ist weitgehend unzugänglich, der Zugang strikt geregelt, die Tickets ziemlich teuer, und Busladungen von trägen Bauchspeck-Touristen lassen sich jeden Tag bis zu den Eingangstoren fahren und müssen dann nur noch, prustend und schwitzend, die letzten Meter bis zur berühmten Aussichtsstelle selbst laufen. Es ist also komplett überfüllt. Jeder macht die obligatorischen Fotos.

Es ist ein schwieriges Unterfangen geworden, einen Ausflug nach Machu Picchu selbstständig zu organisieren, weil zum Beispiel die günstigen Tickets für den Zug nach Aguas Caliente begrenzt sind und oft im Vorhinein von den Tour-Anbietern restlos aufgekauft werden. Machu Picchu ist Perus große Tourismusmaschine, etwa 90 Prozent aller Fremdenverkehrseinnahmen des Landes entfallen allein auf diese Sehenswürdigkeit. Ein Besuch ist in diesem Licht ein reichlich abstoßendes Szenario, da will man erst einmal überhaupt nicht mitmachen, bei diesem Ausverkauf, auch wenn alle Welt dahin pilgert, na von mir aus bitte. Andererseits: Machu Picchu.


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Die Abwägung in dieser Sache dreht sich vor allem um die Frage, ob man das Auslassen der durchaus kostspieligen Attraktion nicht bis an sein Lebensende bereuen würde. Verwandte werden ungläubig fragen: »Wie, du warst in Peru, aber hast nicht Machu Picchu gesehen?« Es fällt leicht, den Big Ben, das Kolosseum oder den Eiffelturm zu ignorieren, denn London, Rom und Paris liegen heutzutage quasi um die Ecke. Ein Flug nach Südamerika ist immer noch einigermaßen teuer, und in Cusco, dem Ausgangspunkt für eine Tour nach Machu Picchu, ist der Reisende üblicherweise nur einmal im Leben. Also wird er am Ende natürlich doch Machu Picchu besuchen.

Als wir nach Ausflügen zum Colca Canyon, zum Titicacasee und auf den frostigen Gipfel des Chachani in der bedeutendsten historischen Stadt Südamerikas eintreffen, buchen wir in unserem Hostel gleich für den kommenden Tag für 180 US-Dollar pro Person einen zweitägigen Ausflug nach Machu Picchu.

Die große Frage des Reisenden: Wie wird es nun sein, die Ruinen selbst zu sehen, über die verfallene Stadt zu schauen, das weltbekannte Abziehbild mit der eigenen, wahrgenommen Wirklichkeit abzugleichen? Wird das jede Huldigung wert sein? Alles nur irgendwie ganz nett? Oder eine Enttäuschung?

Wer sich in Cusco aufhält, findet genug Gelegenheiten, eine organisierte Tour zu buchen. Üblicherweise fährt ein Bus die Touristen bis nach Ollantaytambo, in der Stadt besteigt man die alte, nostalgisch erscheinende Prachteisenbahn bis nach Aguas Caliente, und von dort fahren am nächsten Morgen Shuttlebusse durch den Bergnebelwald bis direkt hinauf zur Ruinenanlage. Von Aguas Caliente aus, so haben wir gehört, kann man aber auch bequem laufen: immerhin etwas Eigenleistung.


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Es ist für Kurzentschlossene wirklich kaum noch möglich, sich alle Bausteine für die Tour nach Machu Picchu kurzfristig selbst zu organisieren. Wir vertrauen also auf unser Komplettpaket, das noch eine einstündige Führung durch die Ruinen enthält, damit wir eben nicht nur wie blöd Fotos von Machu Picchu schießen, sondern auch etwas über die Geschichte dieses Ortes erfahren.

Auf der Fahrt nach Ollantaytambo sieht man durch das Busfenster die schneebedeckten Berge der Cordillera Vilcabamba. Die Straße ist kurvig, es geht Hänge hinauf und Täler hinab, irgendwann erreicht man die Stadt. Dort kann man in einem Restaurant gemütlich einen café con leche und einen Papaya-Saft trinken, um danach ausgeruht zum kleinen Bahnhof herüberzuschlendern.

Die Fahrt mit dem Zug ist dann so eine Pseudoattraktion, alles ist auf alt und teuer und herrschaftlich gemacht, dient aber von der Aufmachung her wohl nur dazu, allen Touristen, die das Urubamba-Tal gleichsam eines Nadelöhrs irgendwie passieren müssen, ein wenig Dollars aus der Tasche zu ziehen. Die Eisenbahn folgt immer dem Fluss.


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Aguas Caliente liegt eingezwängt zwischen bewaldeten, oft vernebelten Berghängen. Die Luft ist feucht. Hier übernachten die meisten Touristen, die Machu Picchu sehen wollen, einmal, was gleichzeitig Segen und Verhängnis von Aguas Caliente ist: Das Geld spaziert hier durch die Straßen, die Peruaner müssen es nur noch einsammeln.

Der Weg vom Bahnhof in den Ort ist nicht weit und führt natürlich gleich über einen großen Markt. Menschen schieben sich zwischen den Ständen entlang, es dauert alles wahnsinnig lange. Die Hauptstraße von Aguas Caliente führt steil bergan. Ein Restaurant reiht sich hier an das nächste, in den oberen Stockwerken gibt es Gästezimmer. Kellner winken die Touristen herein, sprechen die Leute an, machen Scherze. »Hello my friend«, »Take a look at the menu«, »Please come in«.

Wer in einem Restaurant ein Sandwich mit chorizo für 15 Soles bestellt, bekommt manchmal nur ein aufgetautes Burgerbrötchen mit zwei Scheiben Presswurst ohne Salat und Soßen. Wir stellen fest: Aguas Caliente ist eine Zumutung.


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Abends im Hotel packen wir für den kommenden Morgen. Die Frage: Lohnt sich Machu Picchu oder ist das nicht eigentlich die totale Abzocke?

Wir beschließen, mindestens eine Stunde vor Sonnenaufgang zu Fuß aufzubrechen, um so wie früh wie möglich am Eingang des Parks zu sein, am besten noch vor der ersten Busladung fußfauler Komforttouristen.Die Laternen beleuchten die Straße entlang des Rio Urubamba nur spärlich, es regnet kräftig. Irgendwann kreuzt der Weg den Fluss, ein Mann in Uniform taucht aus der Dunkelheit auf, um hier, an diesem checkpoint, unsere Tickets zu kontrollieren. Wir steigen durch den feuchten Wald in Serpentinen den matschigen Pfad zu den Ruinen hinauf.

Machu Picchu liegt auf 2300 Metern im Gebirge, die Wälder sind in Wolken gehüllt, bald bricht der Tag herein. Um kurz vor 6 Uhr morgens betreten wir das Parkgelände, nur ein paar kleine Gruppen sind schon mit uns hier. Es regnet noch immer, die dichten Wolken nehmen jede Sicht. Der Tag dämmert, aber das merkt man kaum.

Wir können uns trotz Wegweisern und gepflasterten Pfaden kaum auf dem Gelände orientieren. »Wir müssen zum Haus des Wächters, da ist die Aussicht am besten«, sagt mein Reisebegleiter. Also gehen wir zum Haus des Wächters. Wir sehen: nichts. Die Hütte bietet immerhin Platz zum Unterstellen. Wir sind durchgeschwitzt vom Aufstieg durch den Wald, wir frieren.

Dann passiert es: Der Wind reißt kleine Löcher in den Nebel, durch die wir die ersten Fetzen der eigentlichen Kernstadt erkennen können. Minuten vergehen, das Bild wird klarer. Es ist so, als nehme jemand langsam Teile aus einem schiefergrauen Puzzle heraus, unter dem das eigentliche bunte Bild verborgen liegt. Die Wolken geben den Blick frei auf die morgendliche, immer noch im Dunst liegende Inkastadt Machu Picchu. Der berühmte Huanya Picchu, der weltbekannte Hügel, thront über der Stadt.

Machu Picchu: Wir sehen es mit eigenen Augen.



Weil noch kaum andere Leute unterwegs sind, fühlt es sich so an, als seien wir selbst für einen kleinen Moment Hiram Bingham, der die Stadt 1911 als erster Weißer auf einer Forschungsreise offiziell entdeckte, nachdem sie bereits vergeblich von den spanischen conquistadores gesucht worden war. Es existierten zu dieser Zeit aber bereits Landkarten anderer Europäer, in denen die exakte Lage der Stadt eingezeichnet war.

Schwer zu sagen, ob sich der Ausblick so anfühlt, wie wir erwartet haben, aber wir sind auf jeden Fall ziemlich erschlagen. Bei Nebel, sagen manche, sei Machu Picchu am schönsten. Abgleich mit der Vorstellung, die man von diesem Ort hatte: Der Zugang erfolgt quasi »von rechts« des weltberühmten Bildes. Ich habe immer geglaubt, man steige »von links« in die Szenerie hinein, obwohl es dafür natürlich keinen vernünftigen Beleg gab, es war einfach das Bild in meinem Kopf.

Das Licht ist immer noch dämmrig. In den ersten Minuten können die Augen kaum den Blick von den Ruinen abwenden. Für diesen kurzen Augenblick bekommt der Reisende hier am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, tatsächlich das Gefühl, die Stadt gerade entdeckt zu haben. Als sei er einfach durch den Dschungel spaziert, das Ziel unbekannt, und plötzlich: Machu Picchu.





Sobald die ersten geführten Reisegruppen auf das Gelände laufen, ist es mit diesem Eindruck aber vorbei. Das allgegenwärtige Bild von Machu Picchu, stellen wir fest, hat immer eine größere Abgeschiedenheit des Ortes transportiert, als das in der Realität der Fall ist. Aguas Caliente jedenfalls erscheint immer noch relativ nah gelegen. Man muss kein Abenteurer sein, um nach Machu Picchu zu gelangen.

Die Wolken geben jetzt fast die gesamte Stadt frei, wir laufen zurück zum Eingang, um unseren Guide zu treffen. Jesús führt uns mit einer distanziert-ungerührten Haltung durch die Ruinen. Er referiert leicht ironisch, manchmal spöttisch, die Geschichte der Inkastadt. Es ist ganz angenehm, ihm zuzuhören. Wir besichtigen den Sonnentempel, den heiligen Platz, das Haus des Priesters, das Gefängnis und die Sonnenuhr Intihuatana.


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Die Wissenschaft ist sich immer noch nicht einig darüber, was für einen Zweck Machu Picchu für die Inkakönige und ihr Reich hatte. Da liegt ein grob behauener Stein am Boden. »It is a compass, but people will sit on it later«, sagt Jesús. Er zeigt mit der Spitze seines Spazierstocks auf den Felsblock, schüttelt den Kopf und schaut lächelnd in die Ferne, die linke Hand steckt in der Hosentasche: wie ein englischer Gentleman. Jesús ist der ganze Auflauf zwischen den Mauern hier etwas zuwider, aber er ist auch zu relaxt, um groß herumzuschimpfen oder zu Moralpredigten über den touristischen Ausverkauf anzusetzen. Es liefe wohl auch seiner Geschäftsgrundlage zuwider.

Der Vormittag ist angebrochen, als wir uns von Jesús verabschieden und beschließen, noch auf den Cerro Machu Picchu zu steigen. Es geht jetzt darum, noch eine andere Perspektive zu bekommen, die nicht so einfach zu haben ist, die immerhin ein bisschen exklusiv erscheint.

Der Gipfel des Cerro Machu Picchu liegt noch einmal 600 Meter oberhalb der Stadt, der Aufstieg ist steil und um die Mittagszeit schweißtreibend. Der Reisende muss sich am Eingang des Geländes eine zusätzliche Erlaubnis für die Besteigung des Bergs einholen. Lohnt sich der Aufstieg?

Was deutlich wird von ganz oben, ist die Lage Machu Picchus innerhalb des Gebirges: Die Stadt wirkt klein zwischen den steilen, dicht bewachsenen Schluchten der Berge, durch die sich der Rio Urubamba hindurchwindet wie eine Würgeschlange. Im Südosten sieht der Reisende das Sonnentor, eine Scharte im Grat, durch die der Inka-Trail hinunter zur Ruinenanlage führt. Die Mehrtageswanderung ist oft auf Wochen hinaus ausgebucht.


Machu Picchu
Machu Picchu


Es erscheint hier oben auf dem Berg völlig klar, dass der Reiz Machu Picchus vor allem der Umgebung geschuldet ist. Machu Picchu: die untergegangene Stadt im schwer zugänglichen Hochland, immer noch eines der letzten großen historischen Rätsel unserer Erde. Dabei ist die Stadt, wie gesagt, gar nicht so schwierig zu erreichen: Jeden Tag kommen 2000 Besucher. Die relative Einsamkeit auf dem Cerro Machu Picchu ist wohltuend, man vergisst für einen Moment, dass die Stadt im Prinzip das ganze Jahr über von Touristenhorden belagert wird wie ein Disneyland.

Zurück in der alten Stadt kann man es jetzt gelassener angehen. Der beste Ausblick des Tages liegt ein paar Stunden zurück, die Sonne scheint grell auf die Steine, die Nebelschleier sind fortgezogen. Machu Picchu hat nichts Spirituelles mehr an sich.

Wahrscheinlich sind um die Mittagszeit die meisten Touristen hier: Da steht die neue asiatische Oberschicht in feinen Stoffen unter Sonnenschirmen neben amerikanischen Hobbyarchäologen im Khaki-Dress mit Wohlstandsplauze.

Etwas oberhalb der Ruinen setzt sich ein gut gelaunter, eloquenter Österreicher um die 60 mit seinem Unterhemd in die Sonne, streckt den Rücken durch, während sein linker Unterarm auf dem aufgestützten Knie liegt, und schaut über die Stadt. Er sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus Joachim Gauck und unserem ehemaligen Deutschlehrer auf dem Gymnasium. Auch wir rasten an diesem Platz und essen etwas von unserem Proviant. Machu Picchu sieht jetzt wirklich aus wie das Gewöhnlichste auf der ganzen Welt.


Machu Picchu


Beim Blick über die Stadt, kurz vor dem Abstieg nach Aguas Caliente, stellt sich zwangsläufig wieder die Frage: Hat sich der Besuch nun gelohnt? Und wenn ja, liegt das daran, dass man diesen Ort wirklich als außergewöhnlich und sehenswert empfunden hat? Oder weil es der allgemeinen Erwartungshaltung entsprach, Machu Picchu zu sehen?

Feststeht: Ohne den morgendlichen Aufstieg durch den Bergnebelwald wäre uns die Besichtigung dieses Ortes wohl nur halb so spannend vorgekommen. Mit dem Bus irgendwo hinfahren, aussteigen, fotografieren, Abmarsch: Das ist Sightseeing-Tourismus, das hat mit Reisen nichts zu tun.

Aber natürlich ist auch der tougheste Abenteurer in Machu Picchu ein Tourist. Das muss nicht schlimm sein. Nur beantwortet es nicht die Frage: Hat sich Machu Picchu gelohnt?

An dieser Stelle hilft es, die Zukunft zu antizipieren: Wir jedenfalls glauben, uns auch noch in 20 Jahren genau an den Moment erinnern zu können, als sich der Nebel über Machu Picchu verzog und die Sicht auf die alte Inkastadt preisgab. Dieser Umstand ist, wenn wir ehrlich sind, schon eine ganze Menge wert. Denn an welche Momente, die gerade ein Jahr oder auch nur einen Monat zurückliegen, erinnert man sich schon wirklich?

Am Eingang zum Gelände hat sich am frühen Nachmittag eine lange Schlange gebildet: zufriedene Touristen, müde Touristen. Die Busse fahren die Besucher im Minutentakt zurück nach Aguas Caliente. Wir steigen ab.


Machu Picchu

Reisezeit: ..Machu Picchu kann prinzipiell das ganze Jahr über besichtigt werden. Am besten sind aber die trockenen Sommermonate zwischen Juni und September. Im Dezember und Januar kann es im Bergland zu heftigen Regenfällen und Erdrutschen kommen. Touristen werden manchmal von der Zivilisation abgeschnitten.

Anreise: ..Mehrere Fluggesellschaften fliegen Lima mit ein oder zwei Zwischenstopps von Deutschland aus an. Die Busse von der Hauptstadt nach Cusco brauchen gut 20 Stunden, es gibt auch Flugverbindungen mit Lan Airlines. Von Cusco fahren Busse bis Ollantaytambo, von dort geht es mit der Eisenbahn nach Aguas Caliente. Shuttlebusse fahren hinauf nach Machu Picchu, Reisende können aber auch zu Fuß gehen.

Einreise: ..Touristen aus Deutschland können sich 183 Tage ohne Visum in Peru aufhalten.

Veranstalter: ..Unzählige Agenturen in Cusco bieten Machu Picchu als zweitägiges Komplettpaket an. Enthalten sind der Bus bis Ollantaytambo, die Hin- und Rückfahrt mit dem Hiram Bingham Orient Express, eine Übernachtung in Aguas Caliente und der Eintritt zum Gelände. Die Preise liegen bei umgerechnet 150 bis 200 Euro. Selbstorganisierte Kurztrips können problematisch sein, weil die Tourenanbieter oft das gesamte Kontingent an Zugtickets aufkaufen.

Übernachtung: ..In Cusco gibt es Unterkünfte aller Preisklassen – vom 5-Sterne-Hotel bis zur einfachen alojamiento. In Aguas Caliente gibt es ebenfalls ein breites Spektrum an Übernachtungsmöglichkeiten. In der Hochsaison im Sommer lohnt eine vorherige Reservierung.

Geld:..In Cusco gibt es zahlreiche Banken, die alle gängigen Kreditkarten akzeptieren. 1 Euro entspricht etwa 3,4 Nuevos Soles (Stand Januar 2013).

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9 comments

idiomalatinohamburg 19/01/2013 at 09:45

Reblogged this on Idioma Latino Hamburg.

Reply
Florian 03/03/2013 at 00:12

Schöner Bericht. Mein Reisepartner und ich waren genauso skeptisch was Machu Picchu angeht und wir waren kurz davor nicht zu gehen, obwohl wir schon in Cusco waren. Dann hörten wir, daß man die Bahnstrecke von Ollantaytambo auch laufen kann und dann durch die “Backdoor” mit dem Bus zurück und das klang nach einer runden Sache.

Die Ruinen fanden wir auch nicht so spektakulär, v.a. verglichen mit den spektakulären Maya Ruinen in Mexiko und Guatemala. Aber die Lage und die Wanderung, auch die auf den Cerro Machu Pichu waren schon ein Erlebnis. Auch den ersten Blick von der Watcher’s Hut vergisst man nicht.

Nächstes Mal würde ich versuchen auf einem der angeblich vielen Geheimwege die Kontrollen zu umgehen. $60 USD Eintritt ist eine verdammte Abzocke. So viel kostet eine Woche Angkor Wat und das ist schon Abzocke…

Die Bahnwanderung: Inka Rail – Machu Picchu für Sparfüchse

Reply
Philipp Laage 05/03/2013 at 02:16

Hey Florian,

ich habe deinen Bericht über “Inka Rail” gelesen, auf jeden Fall eine gute Sache! Leider hatten wir nicht so viel Zeit und vielleicht hat uns dazu ein wenig der Wagemut gefehlt. Es ist auf jeden Fall eine verdammte Abzocke, soviel steht fest. Umso besser euer Tip mit dem Fußmarsch.

Schönen Gruß, Philipp

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Südamerika (1) - Peru oder die Periodik des Alltags 12/06/2013 at 10:22

[…] aufzwingt. … Wir raffen uns auf zu einem Frühstück, der Bus fährt bald los. Großes Machu Picchu. Wir sehen hier wirklich großartige Orte in Peru, die absoluten Highlights. Ich denke an die […]

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Roland P. 15/07/2014 at 14:42

Vielen Dank für diesen sehr einfühlsamen Reisebericht! Wir stehen selbst gerade vor der Frage, wieviel Machu Picchu es denn auf einer Perureise wirklich sein muss.

Reply
Philipp Laage 23/07/2014 at 11:57

Bin gespannt, zu welcher Entscheidung ihr kommt, Roland!

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Peter 19/08/2015 at 13:22

Hallo, bin hier zufällig über diesen Artikel gestolpert. Ich war 2002 in Peru und bin damals über den Inka-Trail in 4 Tagen nach Machu Picchu gewandert. Es war das erste JAhr in dem man sich schon zwangsweise eine geführten Gruppe anschließen musst, das Ziel war eigentlich den Inka-Trail allein (mit einem Kumpel) zu begehen. Es war trotzdem eine sehr schöne Sache, vor allem wenn an bedenkt wioe überlaufen das ganze mittlerweile geworden ist. Mit dem Bus hin zu fahren kam schon damals nicht in Frage. Allerdings kann ja Machu Picchu nichts dafür, und um es so einsam wie auf vielen Bilder propagiert zu erleben,muss man sich wohl in einer Wettertechnisch unschöneren Zeit da hin begeben.
Im übrigen war ich mal während der Regenzeit (April) am Kilimandjaro, also außerhalb der Saison. Es waren kaum Laute da, das Wetter aber durchaus tauglich.

Peter

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Julia 23/04/2018 at 18:32

Hey Philipp,
ich bin heute zufällig über deinen Uyuni Artikel auf deinen Blog gestoßen…du hast einen wunderbaren Schreibstil, gefällt mir total!
Interessanter Weise haben wir Machu Picchu im August 2016 buchstäblich haargenau so erlebt wie du. Inklusive der Vorab-Überlegungen, ob sich das wirklich lohnt, und dem Fazit, dass man diesen Moment dort oben nie vergessen wird – toller Beitrag!
Ich werde dir direkt mal auf Facebook folgen.
Reisegrüße, Julia

Reply
Philipp Laage 10/05/2018 at 10:49

Hallo Julia! Ich finde es spannend, dass sich das individuelle Erleben so ähneln kann. Ohne den Nebel dort oben hätte mir etwas gefehlt, stimmungsmäßig…

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