Salzwüsten, Friedhöfe, Flamingos

27/05/2013

Die Salar de Uyuni ist der größte Touristenmagnet im Süden Boliviens. Doch weiter im Süden, an der Grenze zu Chile, warten noch schönere Ausblicke – Flamingos vor schneebedeckten Bergen.

Uyuni — Uyuni muss man nicht gesehen haben, darauf habe ich an anderer Stelle bereits hingewiesen. Den »Charme einer sibirischen Arbeiterstadt« (O-Ton Reiseführer) konnten wir zwar nicht erkennen, aber der Ort hat etwas Kärgliches und Verschlossenes, eine unpersönlich-kommerzielle Gastfreundlichkeit. Viele Menschen tragen hier ein Lächeln im Gesicht und Verachtung in den Augen.

Die Augen der Weltgeschichte richteten ihren Blick zuletzt im 19. Jahrhundert auf Uyuni, als der Ort eine strategische Bedeutung während des Salpeterkrieges gegen Chile einnahm. Bolivien verlor bei dieser Auseinandersetzung seinen Anschluss zum Pazifik. Derlei Trauma hat sich tief in das Bewusstsein der oft rührend melancholisch wirkenden Bolivianer eingegraben, zumal die wirtschaftliche Entwicklung der folgenden Nachkriegsjahrzehnte deutlich schleppender verlief als bei den siegreichen chilenischen Nachbarn, die sich mit der Provinz zwischen Antofagasta und Arica umfassende Salpetervorkommen gesichert hatten.

Heute, da die Wogen der Zeit über Uyuni gespült wurden, ist die Stadt eigentlich unbedeutend, wären da nicht die Touristen, die es aus allen Teilen Südamerikas an diesen Ort zieht. Denn von Uyuni aus sind dem Reisenden die menschenleeren Landstriche im Südosten Boliviens zugänglich, hier starten mehrtägige Ausflüge mit dem Geländewagen.

Der Besucher erwartet mehr oder weniger karge Eintönigkeit, aber was er in den folgenden Tagen sehen wird, löst in ihm abwechselnd ungläubige Erregung und ehrfürchtiges Schweigen aus.

SALAR DE UYUNI

Touristen springen leichtfüßig über Jeeps, stemmen mannshohe Getränkeflaschen, die umzufallen drohen wie der Turm von Pisa. Sie tragen anderen Touristen auf der Hand oder stampfen, ebenso riesenhaft, mit den Füßen auf ihnen herum.

Das Panorama der gleißend weißen Salzwüste im Süden Boliviens, der Salar de Uyuni, hebt die Proportionen auf. In allen Himmelsrichtungen sieht das Auge nur Salz und darüber meist wolkenlosen Himmel, die Linie des Horizonts trennt das Weiß vom Blau. Nur ab zu schleppt sich in distanzloser Ferne ein Jeep über die Ebene, scheinbar knapp über dem Boden schwebend wie eine schwarze, klumpige Drohne.

Wenn man bei Google Earth über Bolivien scrollt, scheint es sich bei dem weißen Fleck auf der Karte um einen Fehler zu handeln. Die Salar de Uyuni ist die größte Salzwüste der Welt, aber der Begriff ist irreführend: Eigentlich handelt es sich bei der Wüste um einen Salzsee. Nur vereinzelt gluckst Wasser durch eines der ojos im Salz, es störmt durch eines der »Augen« an die Oberfläche. Die Salzkruste ist bis zu sieben Meter dick.

»Weißes Meer« sagen die Einheimischen zu der salar. Und tatsächlich, im März und April, wenn Überschwemmungen große Teile der Salzpfanne unbefahrbar machen, bildet die Ebene einen natürlichen Spiegel. Die beste Aussicht bietet dann wohl der heilige Berg Tunupa nördlich des Sees, auf dessen Gipfel die gleichnamige Gottheit wohnen soll.

Die bedeutendste Geldquelle der salar ist aber nicht das zu gewinnende Speisesalz, sondern das gigantischen Lithium-Vorkommen, dessen Volumen auf 5,4 Millionen Tonnen taxiert wird. Bolivien, so schätzen manche, könnte in Zukunft den Erbfeind Chile als führenden Produzenten des silberweißen Alkalimetalls ablösen.

Touristen gelangen über den kleinen Ort Colchani auf das Salz. Von dort fährt der Geländewagen noch einige hundert Meter, bis er das berühmte Salzhotel erreicht, in dem – naheliegenderweise – alles aus Salz gefertigt ist: die Mauern, die Stühle, die Tische. Dies ist dann also der Ort, um Fotos zu machen. Besonders lange hält man es auf dem Salz nicht aus, das Sonnenlicht brennt unerbittlich und tut in den Augen weh.


Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Salar de Uyuni


CEMENTERIO DE TRENES

Auf der Agenda der Touranbieter von Uyuni steht auch der Friedhof der Eisenbahnen. Etwas außerhalb der Stadt verrosten hier alte Züge aus der Zeit des Minenbooms. Die Kessel bekommen jedes Jahr mehr Löcher, Radsätze verschwinden langsam im Boden. Eher wenig begabte Sprayer haben sich an den Metallskeletten ausgetobt, um die Reisenden aus aller Welt mit politischen und allgemeinphilosophischen Aphorismen zu belehren. Wenn der kalte Höhenwind weht, schwingt einsam eine leere Schaukel zwischen den Waggons. Neben den Schienen wächst wildes Gras.


Cementerio de Trenes
Cementerio de Trenes
Cementerio de Trenes


LAGUNA CAÑAPA

Es folgen nun etwa 150 Kilometer unbefestigte Landstraße von Uyuni bis Alota, einem kleinen Dorf mit einer Herberge für die Nacht. Die Landschaft ist baumlos, Braun- und Rottöne dominieren, und immer wieder tauchen schneebedeckte Berge am Horizont auf. Es herrscht kaltes, trockenes Hochgebirgsklima. Alota liegt 3816 Meter hoch.

Von dort geht es am nächsten Tag weiter zu den zahlreichen Lagunen auf der Hochebene Südboliviens. Glaubt man zunächst noch, dass das wiederholte Ansteuern von öden Gebirgsseen ein eintöniges Spektakel werden könnte, wird man gleich an der ersten Lagune eines Besseren belehrt.

Die überraschende Entdeckung: Das sind ja Flamingos im Wasser! Der zoologisch wenig belesene Reisende hat diese Tiere in viel wärmeren Klimazonen, ja regelrecht in den Tropen verortet. Bildungslücke: Flamingos sind extrem anpassungsfähige Tiere, die das Wasser aus vornehmlich alkalischen und salzigen Seen ohne Probleme trinken können und mit ihren Schnäbeln Kleintiere aus dem Wasser filtern. Kaltes Klima scheuen sie nicht: Die Temperaturen auf der Altiplano fallen im Winter oft deutlich unter minus 20 Grad Celsius – ein Umstand, der den in Bolivien beheimateten Arten kaum etwas ausmacht. Dort findet man zum Beispiel den Andenflamingo und seinen kleineren Artverwandten, den seltenen Jamesflamingo, den die Bolivianer chururu nennen.

Die Flamingos der Laguna Cañapa sind eher scheu, sie weichen den kleinschrittigen Bewegungen des Reisendem am Ufer mit großzügigem Vorsprung aus und verlegen ihren Ruheplatz an die andere Seite des Ufers. Dennoch, die gespiegelten Berge im glasklaren Wasser des Sees geben ein feines Panorama ab.


Laguna Cañapa
Laguna Cañapa
Laguna Cañapa
Laguna Cañapa


LAGUNA HEDIONDA

Spätestens an diesem Ort lässt sich die Szenerie kaum noch verarbeiten, ohne in spontane Ausrufe des Staunens zu verfallen.

Die Flamingos stolzieren durch die Lagune, als liefen sie auf einem Spiegel. Wenn der Fotograf weit genug in die Hocke geht, bildet das Ufer auf der anderen Seite durch die Perspektive eine Symmetrieachse. Die Tiere bewegen sich – wenn überhaupt – nur langsam, und das Bild scheint in einem nahezu surrealen Panorama zu verharren. So viel Anmut hat der Reisende in dieser unwirtlichen Landschaft nicht erwartet.

Erst als der Guide zum Aufbruch bittet, können sich die Augen von dem See abwenden. Doch es soll noch schöner werden…


Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda
Laguna Hedionda


Salar de Uyuni

Reisezeit: ..Am günstigsten sind Reisen nach Bolivien in der trockenen Jahreszeit zwischen Mai und Oktober. Während der Regenzeit sind manche Straßen womöglich nicht passierbar. Die Salar de Uyuni ist im März und April teils noch überschwemmt, sodass nicht alle Ausflugsziele angesteuert werden können.

Anreise: ..Boliviens Hauptstadt La Paz ist von Europa aus eher mühselig und nur mit Zwischenstopp in Lima zu erreichen. Von dort am besten mit einem Nachtbus weiter nach Uyuni. Die Salzwüste und die Lagunen sind nur per Geländewagen zu erreichen.

Einreise: ..Reisende aus Deutschland bekommen in der Regel eine Aufenthaltsgenehmigung für 90 Tage. Manchmal stellen die Einreisebehörden aber nur eine Genehmigung für 30 Tage aus.

Veranstalter: ..Alle Touranbieter für die Salar de Uyuni und die Lagunen im Süden sitzen in Uyuni. Möglich sind Tagesausflüge auf die Salzpfanne und mehrtägige Touren, die alle touristischen Highlights bis zur Grenze zu Chile abdecken. Eine Tour mit zwei Übernachtungen, Fahrer und Verpflegung kostet umgerechnet etwa 80 Euro. Es lohnt sich, Informationen über die Seriosität der Anbieter einzuholen und die Empfehlungen anderer Reisender zu beachten: Manche Guides setzen sich volltrunken ans Steuer, nicht selten gibt es Unfälle.

Übernachtung: ..In Uyuni gibt es zahlreiche Hostels und kleine Hotels, die sich auf die Touristenscharen vor Ort eingestellt haben. Im Süden des Landes übernachten Reisende während der Tour in der Regel in Gruppenschlafsälen.

Geld:..In Uyuni gibt es ATMs, die gängige Kreditkarten akzeptieren. 1 Euro sind etwa 9 Bolivianos (Stand Mai 2013).


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10 comments

Florian 29/05/2013 at 15:37

Wenn man nur 30 Tage Visum bekommt z.b. am Grenzübergang bei Copacabana von Peru, dann muss man sich erstmal damit abfinden. Die 2 Extrastempel für nochmals 60 Tage gibt es aber ohne Wimpernzucken im immigration office in jeder größeren bolivianischen Stadt in 2 Minuten, z.B. in der Bankenstraße in La Paz.

Eine Tagestour Salar Uyuni sollte nicht mehr als 140 Bolivianos kosten (15 EUR), eine 3Tagestour zu den Lagunen nicht mehr als 400 Bolivianos (45 EUR). Dazu kommen noch 30 Bolis für die Isla Incahuasi (außer man umgeht die Kontrolle gegen den Uhrzeigersinn) und 100 Bolis für den Nationalpark an der Laguna Colorada.

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Philipp Laage 29/05/2013 at 15:57

Danke für die Hinweise!

400 Bolivianos für die Drei-Tages-Tour kommt mir arg günstig vor. Wir sind überall auf Preise um die 700 Bolivianos gestoßen. Oder haben wir es einfach mit dem Verhandeln nicht hinbekommen?

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Florian 29/05/2013 at 17:03

@Philipp:
Sorry, Du hast Recht, mein Fehler. Es waren 600 Bolivianos für 3 Tage. Ich glaube ich konnte n bissl runterhandeln, aber net viel. Ich bin mit dem Touranbieter gegenüber von der Bushaltestelle gefahren, direkt am Eck. Die Touren sind eh alle gleich.

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MrCoconutyoga 29/05/2013 at 16:46

atmosphärisch erzählt und sehr ausdrucksstarke Bilder mit faszinierenden Reflektionen. Es hat einen Moment gebraucht bis ich begriffen haben, dass die schwarzen Punkte in der Luft schwebende Jeeps sind…

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Philipp Laage 30/05/2013 at 22:50

Keine Ahnung auch, wie weit die Jeeps weg waren: 500 Meter, 800, 1000?

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Südbolivien (2) - Lagunen, Geysire, heiße Quellen - Run. Travel. Grow. 30/07/2013 at 22:03

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Argentinien: Abschied in Buenos Aires - Von Philipp Laage 02/06/2018 at 20:28

[…] ich noch sehr genau, in einem schmucklosen Hostel in dieser hässlichen Stadt am Rand der großen Salzwüste, die so viele Touristen anlockt. Vor allem kalt war es in Uyuni […]

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