Die Periodik des Alltags

12/06/2013

Vier Wochen Peru: Titicacasee, Machu Picchu, die weißen Berge der Anden! Doch vor allem: Freiheit, Euphorie, die Erwartung, dass alles anders wird. Die Ernüchterung, dass es nicht so kommt. Eine Erzählung vom Reisen.

Lima — Abflug nach Peru, 23 Stunden über den Globus, es geht zum ersten Mal nach Südamerika. Das wird eine große Reise.

Zwischenlandung in Atlanta. Der Beamte von der Einwanderungsbehörde hebt die Hand und legt mir nahe zu schweigen, als ich erzählen will, was ich in Peru mache: »Holidays, Sir«. Es interessiert ihn nicht.

Im Flughafen kaufe ich das Time Magazine und The Atlantic. Der Blick des Journalisten auf ein journalistisches Produkt: Aufmachung, Teaser, der Aufbau der Storys. Ich trinke einen Kaffee und fühle mich sehr sophisticated. Ich denke daran, dass Reisen überhaupt nicht mehr mondän ist.

Boarding für den Flug nach Lima. Die Frage, was man sich davon verspricht.

Reisen ist diese feine Gratwanderung: zwischen Einsamkeit und Alleinsein, zwischen banaler und anregender Gesellschaft, Überdruss und Genügsamkeit, stressigem Aktionismus und Tatendrang.

Die Freundlichkeit der Stewardessen: ein Zwangsoptimismus, den man irgendwie schätzt. Diese euphorische Erwartungshaltung auf einem Interkontinentalflug, obwohl eigentlich alles stressig ist. »Welcome on bord, Sir.« Ja! Genau! Recht herzlichen Dank.

Über den Wolken wird das Verhältnis zu den Bezugspunkten des Lebens neu verhandelt: zu Orten und Plätzen, Bars und Cafés, Strecken und Wegen durch die Stadt, aber auch inneren Abläufen, Mustern im Kopf, der Einteilung des Tages in bestimmte Sinnabschnitte. Zeit zum Ausspannen, Arbeiten, Essen, Telefonieren, daraus setzt sich der Tag ja meist schon zusammen.

Die Sehnsucht des Reisenden: sich der Periodik des Alltags entziehen.

Als der Flieger abhebt, letzte Gedanken an zuhause: Macht mal, schuftet mal, ihr Bürostuhlsklaven, ihr Kleingeister. Ihr seid zufrieden mit euren zwei Wochen Sommerurlaub in der Pfalz oder auf Gran Canaria.

Ich trinke einen Rotwein. Das Gefühl, leicht betrunken in die Ferne zu fliegen, weil das irgendwie ein großer Moment ist.

Die Überheblichkeit des Reisenden: Man stellt es – jetzt endlich, nach langer Mühe, der Routinearbeit den Rücken kehrend – alles besser an.

Der Aeropuerto Internacional Jorge Chávez in Lima ist eher klein, sehr überschaubar, irgendwie friedlich. Mit dem Taxi durch die nächtlichen Vororte. Spärliches Licht, Gesichter im Schatten. Mein dummes Vorurteil: alles gang land hier.

– Lima Miraflores –

Wohlstand kommt ohne Ästhetik aus, das sieht man hier ganz deutlich. Stacheldraht auf den Mauern der Häuser, teure Sushi-Restaurants, die ausländischen Botschaften stehen wie Kasernen auf kleinstem Raum. Der Himmel hängt grau über Lima, das ist normal um diese Jahreszeit, im September. Nur ein paar Surfer mit Neoprenanzügen stürzen sich in den Ozean, die Küste fällt steil zum Wasser hin ab.


Lima


Umherschlendern und wissen, dass man Zeit hat, dass man sich an nichts orientieren muss, dass man frei ist in seinen Entscheidungen.
Die Haut der Bewohner von Miraflores ist sehr hell, hier leben viele Nachfahren der spanischen Besatzer, reiche Leute, die criollos oder – etwas abfälliger – chollos. Es sieht alles so europäisch aus.

Ich habe viereinhalb Wochen in Peru, mehr als einen ganzen Monat, der keine geregelten Abläufe kennt. Vier Wochen, die sich anfühlen wie ein ganzes Jahr.

Meine zwei Reisebegleiter sind aus Düsseldorf und Miami angereist. Wir essen Sandwiches am Parque Central.

Ich habe endlich Zeit, nach zwei Jahren geregeltem Arbeitsleben.

– Arequipa –

Der Bus hat 18 Stunden gebraucht, wir haben geschlafen und Filme auf einem kleinen Fernseher geguckt. In 3 Meters above the sky kämpft ein harter Typ um eine Frau aus gutem Haus, sie verlieben sich, aber er kann seinem Wesen letztlich nicht entkommen, er prügelt sich, er versaut es, das Ganze nimmt kein gutes Ende.

Wir waren dann wieder eingeschlafen und als wir aufwachten, war draußen plötzlich Wüste, die costa lag da, trocken und karg.


Arequipa
Arequipa
Arequipa


Wir waren losgefahren ohne eine große Idee von etwas, was diese Reise nun bedeuten könnte, von etwas, das stattfinden müsste: Frauen aufreißen, Wagemutiges tun, möglichst den Touristen-Touristen hinter sich lassen, ins individualisierte Extrem gehen.
Just having a good time.

Der Tag hat schon zwei oder drei Stunde Farbe, als wir uns der weißen Stadt Perus nähern. Schneebedeckte Vulkane am Horizont. Der Himmel ist diesig, Schneekuppen ragen aus den Wolken. Wir suchen ein kleines Hostel und schlendern durch die Gassen. Sehr weiße Haut unter sehr weißer Sonne.

Triviales Gefühl, aber: Arequipa fühlt sich gut an.

Die Lust auf einen Kaffee am Nachmittag. Der weite Raum über den schneebedeckten Vulkanen der Stadt. Blauer Himmel.

In der Santa Catalina bieten die Geschäfte feine Alpaka-Wolle an. Handschuhe, Schals, Pullover. McDonalds und Starbucks in der Haupteinkaufsstraße. Alles sehr vertraut und doch ganz weit weg. Man sitzt jetzt mitten in Peru und war vor zwei Tagen noch in Deutschland.

Warmes Abendlicht am Plaza Principal de la Virgen de la Asunción, die mächtige Kathedrale aus Sillargestein überragt den Platz, Kinder scheuchen Tauben auf, das Sonnenlicht bricht sich im Wasser des Springbrunnens, überall sind Menschen. Gelbstichige Stadt, alles retro und doch Gegenwart.

Die angenehme Anonymität des Reisenden.

Irgendwann leuchtet die Sonne nur noch die schneebedeckten Gipfel an. Wir essen Hühnchen mit Reis und Kartoffeln, klassischerweise.

Der Wunsch: auf einer Bank sitzen und glücklich sein.


Arequipa
Arequipa
Arequipa
Arequipa


– Abends in Cabanaconde 

Das Kärgliche, Ärmliche fordert den ignoranten Touristen heraus, der überall einfach nur rumsitzen und sich toll fühlen möchte.

Einsamkeit, Beklemmung. Was willst du hier, Fremder?

Frauen in bunten Gewändern, tiefe Falten, große Hütte. Scham, dass man die isolierte und ländliche Armut pittoresk findet. Der privilegierte weiße Mann fotografiert die armen Bauern.

Wir wandern einen Tag hinab in die Schlucht des Colca-Canyons und wieder herauf, denn wir wollen schnell weiter, zum großen Titicacasee im Süden des Landes.

Was lässt sich in welcher Zeit sehen?

Die Oase am Fuß der Schlucht ist verlassen und leblos. Die Sonne brennt glutheiß, man kann kaum richtig sehen, so grell blenden die Berghänge.

Reisen als Konsumoptimierung: Orte ablaufen, Fotos schießen, abhaken. Das, wofür man die Pauschaltouristen spöttisch bemitleidet und verachtet.

Rückweg nach oben in der Mittagshitze, wir wollen morgen weiter.

Das Unvermögen, sich davon freizumachen.


Colca-Canyon
Colca-Canyon
Colca-Canyon

– Auf der Fahrt nach Puno –

Wir fahren mit dem Bus hinauf auf die Hochebene der Altiplano, vorbei am Misti und Chachani, immer höher schraubt sich die Straße. Man erwartet jetzt eigentlich einen Pass, einen Scheitelpunkt, hinter dem es gleich wieder bergab geht. Doch dann tut sich das Hochland auf, mehr als 3500 Meter hoch, bis weit an den Horizont. Nichts außer weitem Gras durchzogen von Tümpeln. Wasservögel und Alpakas.

Der Misti aus der Entfernung: eine Schneekuppe am Himmel, mehr nicht, weil das dörre Land darunter sich kaum gegen den Himmel abzeichnet.

Hineinfahren in die Nacht, Menschenleere. Dieses seltsame Gefühl, tief im Hochgebirge unterwegs zu sein und dennoch gleich das Meer zu erreichen.

Gefällt man sich eigentlich in dem, was man macht?

Wir wissen nicht, ob sich die Landschaft gleich verändert. Wie sich das Tal immer weiter auftut, als habe es jemand mit einem Messer aufgeschnitten, wo man eigentlich glaubte, gleich ginge es überhaupt nicht mehr weiter. Wie man im Bus dasitzt und durch das peruanische Hochland fährt.

Ist das wichtig, dass man sich dabei gefällt? Oder gerade nicht?

Diese Frage ließe sich ja jedem ultraproletenhaften Partyurlauber stellen, der am Samstagabend in El Arenal in so eine verheißungsvolle Nacht zieht, frisch rasiert, gestylet, braun gebrannt, in dieser selbstgewissen Vorfreude auf die Ereignisse der Nacht. Der gefällt sich sicher auch, in dem ganzen Ding, das er da durchzieht.

Draußen ist es komplett dunkel, wir sehen nichts mehr.

Reisen als ein sehr selbstbestätigender Akt, also als ein komplett sozialer Akt, der diesen Spiegel braucht.

Been there, done that.


Altiplano
Altiplano
Altiplano


– Abends in Puno –

Die Lichter der Stadt, weiß und orange.

Unheimlich ist das Wissen, dass hinter dem See, noch viel tiefer auf diesem Kontinent, nur noch Urwald kommt, tausende Kilometer weit. Die Abwesenheit von Zivilisation, die Abwesenheit des Menschen. Wir müssen ein Zimmer für die Nacht finden.

Wie stark der Ablauf des Tages Maß und Orientierung auf Reisen gibt. Busfahrtzeiten, eine offene Grenze, die Dunkelheit.

Ein Coca-Tee an der Rezeption, die Besitzerin des Hostels ist eine gute Gastgeberin, das Zimmer ist einfach und ruhig.

Man sitzt ja nicht den ganzen Tag bei irgendwelchen Urvölkern, wandert auf einsamen Bergpfaden, liegt pirschend im Busch. Man fährt Bus, man geht »kurz ins Internet« und liest die Nachmittagszusammenfassungen der einschlägigen Nachrichten-Websites, man sucht etwas Vernünftiges zu essen und will gelegentlich einfach einen guten Kaffee trinken (ganz oft schwierig).

Draußen auf den Straßen läuft eine Parade durch die Stadt, wir wissen nicht, welches Fest gefeiert wird, aber die Bürgersteige sind voll, Männer trinken Alkohol, spielen Instrumente. Die Verkleideten tanzen über die Fahrbahn. Lautes, lebensfrohes Puno.

Immer wieder die Frage, warum man reist, warum an einen bestimmten Ort? Etwas Schönes sehen, etwas Erbauendes?

Wir suchen ein passables Restaurant. Das ceviche wird mit einer roten Schote serviert, ich beiße herzhaft hinein, weil ich denke, dass es sich um Paprika handelt. Schmerz und Tränen. Die lachenden Kellner. Die Verlassenheit von Puno, die wir wahrnehmen. Das laute Leben, das draußen vor uns an der Tür vorbeizieht. Der Widerspruch in diesem Moment.

Ich bestelle Milch, um die Schärfe zu beruhigen, damit ich weiter essen kann. Zum Abschluss gibt es einen papaya con leche und einen Kaffee (mäßig gut, viel Milch).

Mein Verloren-Sein in der Ferne.

– Auf der Fahrt nach Copacabana –

Im Bus zur Grenze: Hippies mit Schal und dieser Nagetierfrisur, die Seiten kurz, im Nacken ganz lang. Die Einladung zu einem Rave auf der Isla del Sol. Leute mit komischen Flecken im Gesicht, lächelnd und drauf.

Mein Zorn auf die Backpacker. Wie sie dasitzen in ihren lumpigen Klamotten und Armut zelebrieren. Ihre Langweile im Gesicht, ihre gespielte Abgeklärtheit. Wie sie sich an nichts mehr begeistern können und trotzdem alles awesome finden.

An der Grenze zu Bolivien müssen wir aussteigen und die Pässe stempeln lassen. Souvenirs im Nirgendwo. Die Soldaten sehen müde aus.

Diese Anmaßung der Traveller-Kaste, die behauptet, das Land und die Leute kennenlernen zu wollen, die sogenannte Kultur, und dann diese dämliche Frage, in welcher Zeit das denn überhaupt zu machen wäre: zwei Wochen, zwei Monate, zwei Jahre? Dabei ist es ja – wie immer wieder deutlich wird – schon schwer genug, nur einen einzelnen Menschen gut einschätzen zu können, den man sogar schon länger und ganz gut kennt, der unter den gleichen soziokulturellen Bedingungen aufgewachsen ist wie man selbst. Die Traveller wollen gleich wissen, wie »die Menschen in Peru so sind.«

Mein Eingeständnis, dass ich nur für mich reise, dass das eine ganz egoistische Komponente hat.


Copacabana
Copacabana


– Am Chachani 

In 5000 Metern Höhe geht die Sonne unter über der Altiplano-Hochebene. Die Gratlinien sind fein angeschnitten von den letzten Sonnenstrahlen des Tages, dazwischen scheint die Farbe in der Luft etwas Stoffliches zu haben. So als könne man zugreifen und etwas herauslösen wie Knetmasse.

Absolute Stille. Meine Rührung über das, was ich gerade sehe.

Die Fotos sind geschossen, die Erinnerungen gibt es schon, aber ich stehe immer noch an diesem Ort und kann nicht glauben, was ich sehe. Jetzt nur noch zuschauen. In zehn Minuten ist es hier oben komplett dunkel. Drüben am Hang spült Bergführer Jésus die Töpfe vom Abendessen, die Zelte liegen schon im Schatten.

Ich weine.


Chachani
Chachani
Chachani


– Cusco 

Wieder liegt eine lange Nachtfahrt hinter uns. Wir laufen herum und wissen nichts mit dem Tag anzufangen, außer herumzulaufen. Wir sind nur noch zu zweit. Cusco ist sonnig und klar an diesem Tag.

Was ich glaube: Das Zuhause reist mit, es verändert die Reise, die Sicht auf die Reise, die Herangehensweise.

Wir sind in der Hauptstadt des alten Inka-Reiches, Cusco ist das kulturelle Zentrum Südamerikas. Artesanías an jeder Ecke, die Stoffe kommen oft aus der Fabrik, aber viele Omis stricken die Socken noch am Straßenrand. Am Plaza del Armas vor den wuchtigen Iglesia de Compañía gibt es einen großen Straßenumzug. Die Kinder aus den Kindergärten der Stadt haben sich verkleidet. Kostüme und Comedy, Folklore und Batman.


Cusco
Cusco
Cusco
Cusco
Cusco

Müsste man nicht eigentlich komplett alleine reisen?

Die Mütter laufen neben den Kindern, sie bringen ihre Töchter und Söhne wieder in Reih und Glied, wenn diese einfach stehen bleiben und sich umschauen. Wir sitzen auf der Treppe nahe den Arkadengängen und essen – gegen jedes ungeschriebene Backpacker-Gesetz – einen Cheeseburger von McDonalds. Es wird Abend in Cusco, am nächsten Tag wollen wir Machu Picchu sehen.

Ist Reisen nun Weltentzug oder nicht? Wie altmodisch dieser Gedanke ist, letztlich dumm. Meine Sehnsucht nach einer größeren Welt.

Vielleicht muss man die Grenzen von Heimat und Ferne aufheben, das Internet immer dabei haben, Mails checken, an Artikeln feilen, Online-Banking machen, all diese Dinge. Oder genau das Gegenteil tun.

Mach die Welt zu deinem zuhause. Wie ich es nicht mehr hören kann.

Am Morgen der schlimme Kater. Wir sind in so einem Sauftouristen-Hostel abgestiegen, bestimmt 400 Schlafplätze, Happy Hour jeden Abend. Die Drinks sind groß und stark gemischt. An der Bar nur crazy dudes, die den ganzen Tag gute Laune haben, dabei hat man ja fast nie den ganzen Tag gute Laune.

Was ich nicht sagen kann: dass sich der Mensch allein durch das Reisen in seinen Gewohnheiten verändert, ob ihm das Reisen eine Veränderung aufzwingt.

Wir raffen uns auf zu einem Frühstück, der Bus fährt bald los. Großes Machu Picchu. Wir sehen hier wirklich großartige Orte in Peru, die absoluten Highlights. Ich denke an die Momente dazwischen.

Meine Gewissheiten und wie sie schwinden.


Cusco
Cusco
Cusco


– Iquitos –

Peru sieht hier ganz anders aus als im Rest des Landes, irgendwie karibischer, denke ich mir, obwohl ich noch nie in der Karibik war.

Wie lässig es ist, durch Iquitos zu fahren in einem offenen Dreirad, das eigentlich nichts kostet. Einfach herumfahren. Wir brechen auf in den Dschungel, zwei Tage sind wir fort im Amazonas-Regenwald.

Der Wunsch, dass die Planung entgleitet. Die Angst, dass es wirklich so kommt.

Wir besuchen noch eine butterfly farm, eine junge Amerikanerin macht einen Rundgang mit uns. Sie ist Volunteer und drei Monate in Iquitos, in dieser Farm am Rande der Stadt.

Am Hafen essen wir fangfrischen Fisch, der wieder fast nichts kostet. Wie freundlich die Menschen sind, und sei es nur, weil sie etwas verkaufen wollen. Wie egal mir das ist.

Immer wieder einen Kaffee trinken (warum eigentlich?) – Herumsitzen unter der tropischen Sonne. Die Frage, was nun anzufangen wäre mit dieser Reise, was sie bedeuten kann, was sie ausgelöst hat, warum das nun gut war, hierhin oder dorthin zu fahren.

Wie ich nicht rauskomme aus meinem dummen Kopf.


Iquitos
Iquitos
Iquitos
Iquitos
Iquitos


– Auf dem Weg nach Huaraz –

Fahrt durch den Elendsgürtel nach Norden. Knapp ein Drittel aller Peruaner wohnen in Lima. An jeder Ecke: Händler, Schmuggler, Checker, die informellen Arbeiter der informellen Siedlungen, primitiv zusammengebastelt aus Schilfrohr, Wellblech und Abfall. Die barriadas erobern die trockenen Hänge der Küstenwüste.

Ich will etwas Sinnvolles zu Papier bringen, aber es gelingt nicht.

Der Humboldtstrom treibt den Nebel an Land, den grauen garúa, der alles etwas depressiv aussehen lässt. Endlose trübe Küste entlang der Panamericana.

Busfahrten sind ganz wichtig, weil einem dann erst diese Gedanken kommen, weil man dann erst Zeit hat, alles zu reflektieren und zu sinnvoll scheinenden Schlüssen zu verbinden, obwohl man ja weiß, dass das alles wieder nur temporäre Einsichten sind, aber anders geht es gar nicht. Man kann nicht immer versuchen, zeitlose Wahrheiten aufzuschreiben, bei denen jeder in zwanzig Jahren zustimmend nickt, damit braucht man gar nicht anfangen, das gelingt vielleicht einmal in drei Texten. Also: die Erwartungen zurückschrauben und das Temporäre zulassen.

Wieder: Hineinfahren in die Nacht, dieses Mal bin ich allein, endlich allein. Mein Reisegefährte ist von Lima zurückgeflogen. Das Land faltet sich auf, als der Bus die Küste verlässt. Meine Sehnsucht nach dem Gebirge.

Der Bus gestern Abend hatte keinen Platz mehr für mich, ich musste eine Nacht warten, dadurch kann ich den Bergführer in Huaraz erst morgen treffen. Die Sonne geht langsam unter. Die kurvige Straße, meine Gedanken, die sich winden und wenden.

Meine Unzufriedenheit mit mir selbst.

– Im Nationalpark Huascarán –

Ich liege im Zelt auf 3900 Metern, draußen die vergletscherten Sechstausender der Cordillera Blanca. Queñua-Bäume wachsen entlang des kleinen Flusses an unserem Lagerplatz im Llanganuco-Tal.

Meine Überlegung: wie viel Zeit es braucht, sich von den Strukturen und Zwängen der Heimat zu lösen, und ob dazu nicht Abgeschiedenheit, Einsamkeit und ein klarer Bruch nötig sind.

Draußen macht Marcus, unser Koch, das Abendessen fertig. Stille im Tal. Mein Wunsch, eine Zeitung zu lesen.

Die Vermutung: Es ist eine unglaublich wichtige Erfahrung, einmal mit sich selbst allein in der Fremde zu sein, damit man seinen Platz in der Welt findet, ein Verhältnis, ein Arrangement treffen kann mit all dem Unbekannten, das einem im Leben begegnet, ganz grundsätzlich.

Am nächsten Morgen: Aufbruch zum Basislager des Nevado Pisco. Große Euphorie.


Nationalpark Huascarán
Nationalpark Huascarán
Nationalpark Huascarán


– Huaraz 

Nach einer Woche in der Wildnis: erst mal wieder duschen und dann ein nettes Restaurant suchen. Wie gut es tat, wirklich raus zu sein. Plötzlich scheinen Dinge wieder möglich zu sein.

Meine Freude über das, was war.

2012. What a year. Januar: Totalabstinenz, Klarkommen, Ruhigstellen, kein Alkohol und keine Musik, bitte überhaupt keine Emotionen, lieber Nichtempfinden als mieses Empfinden. Februar: wieder Rantasten, mit Tendenz zur Rückfälligkeit, aber alles schon okay, der Weg stimmt.

Ich rufe meine Eltern an, die sich schon Sorgen gemacht haben, und laufe abends einfach die Straßen bergan, ich weiß nicht, wohin ich gehe.

März: Reise, Bruch, Reflexion, zum letzten Mal. April: so ein offener, weiter, breiter Sommer kündigt sich an, der viel verheißt, erahnen lässt. Mai: Umzug, eine Änderung der allgemeinen Umstände. Und auch: raus aus dem eigenen Hirn, irgendwie der Selbstverfolgung entkommen.

Oberhalb von Huaraz haben sich rund 400 Menschen versammelt. Bierkästen, ganze Schweine auf dem Grill, Volksfeststimmung. Was ich erst langsam begreife: Es soll hier einen Stierkampf geben. Die Leute suchen sich die besten Plätze am Hang. Trunkenheit und Handgemenge. Die Leute lachen mich an und sagen »gringo«.

Juni: Der Reisemoment, ein Monat entwurzelt, aber überall glücklich, viel Arbeit auch, ungewohnte Arbeit. Eine Zeit, die man erst im Rückblick als Wendepunkt erkennt. Brüssel, diese Sommernacht, Tanzen bei Madame Mustache, Morgensommerlicht, Herzklopfen, natürlich auch wieder eine Verklärung, aber doch: die Möglichkeit der Liebe. Da steht man wieder auf der Bühne des Lebens und sitzt nicht mehr in der Grübelkammer.

So irre, so vieles, dieses Jahr, das noch nicht einmal zu Ende ist. Blick auf die Berge hinter Huaraz nach einer Woche im Gebirge, nur mit dem Bergführer und mir selbst: fast schon zu gut dieser Sommer.

Bevor der Stierkampf richtig losgeht und die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, laufe ich wieder runter in die Stadt.

Mein Optimismus in dieser Stunde.


Huaraz
Huaraz
Huaraz


– Zurück in Lima –

In der Hitze des Mittags laufe ich nach Barranco. Ich bin allein und trinke Wein in einem kleinen Restaurant. Wie ich einfach ziellos umherlaufe und mich frage, was das soll.

Mein Versuch, durch das Verschwinden in der Ferne in der Heimat alle Teile noch mal neu zu ordnen, sie anders zusammenzusetzen, ein neuer Mensch zu werden.

Das Verschwinden gelingt besonders gut im Stadtverkehr. Junge Paare, die knutschen: Das ist immer ein schönes und gleichzeitig melancholisches Bild, weil es einen an Zeiten erinnert, wo nicht so viel ausgehandelt werden musste, weil es mehr gab, dass die Richtung, den Rahmen vorgab.

Der Gedanke: Die globale Urbanität als Sieg des Humanismus? Oder des Konsumismus? Der Sieg des Westens? Vielleicht fühlt man sich deshalb so wohl dabei, weil man nichts anderes mehr kennt. Aber vielleicht wollen sich junge Menschen einfach schicke Anziehsachen kaufen, mit ihren Freunden in der Mall abhängen und die neusten Lieder auf ihrem Smartphone haben. Und vielleicht ist das überhaupt nicht verkehrt.

Meine Erkenntnis: Die Reise an sich, also die Bewegung von einem Ort zu einem anderen, die man eher als Fortbewegung bezeichnen muss, ist erst einmal überhaupt nichts wert.

Wie kann das Reisen eine gänzliche andere Erfahrung sein als das Leben zuhause, wenn man sich den gleichen Mechanismen unterwirft?

Meine Verwirrung in dieser Frage.

Der letzte Abend am Plaza Mayor. Ich setze mich auf die Stufen der Kathedrale von Lima. Ich wälze die grundsätzlichen Fragen des Lebens. Vier Wochen sind vorbei, aber es kommt mir vor, als sei ich erst gestern angereist. Meine Rastlosigkeit.

Das Taxi Richtung Flughafen ist pünktlich.

Die Illusion, dass zu Hause alles anders wird.


Lima Barranco
Lima Barranco
Lima Barranco
Lima Barranco


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8 comments

MrCoconutyoga 12/06/2013 at 12:47

Hallo Philipp!

Zunächst mal Glückwunsch zu den tollen Bildern und dem schönen Stil, in dem Außen- und Innenwelt sichtbar werden – das Beobachten und das Reflektieren. Viele Deiner Gedanken habe ich mir immer wieder so oder so ähnlich gestellt. Die Krux, sich und seine Maßstäbe mitzunehmen und die unglaubliche Herausforderung sich und sein Verhältnis zur Welt zu verändern und doch seine aktuellen Widersprüche anzunehmen. Fortschritte, Rückschläge, “temporäre Einsichten” – wie Du es nennst. Die Schwierigkeit Heimat und Fremde auszutarieren. Lange Busreisen als Form der Meditation – als Zwischenraum zwischen Innen- und Außenwelt, die fundamentale Fragen vertiefen. Auch das Bild von der Grübelkammer und der Bühne des Lebens ist mir sehr vertraut. Es ist sicher schwer befriedigende Antworten auf diese Fragen zu finden – als noch schwerer empfinde ich es, Erkenntnisse dauerhaft umzusetzen. Aber ich bin dankbar, dass dieser Prozess stattfindet – auch wenn ich nicht weiß, ob ich jemals die richtigen Antworten finden werde. Ich glaube nicht, dass man Ruhe findet, wenn man diesen Fragen nicht nachgeht – nicht wenn sie so drängen. Und so sehr man sich damit bisweilen beschwert – diese Suche entwickelt eine Intensität, die an temporären Zielen eine unglaubliche Tiefe erzeugt – ob sie sich nun in Melancholie oder Glücksgefühlen äußert – auch das spricht aus Deinen Zeilen sehr deutlich. Und vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem das Grübeln nicht mehr notwendig ist. Das wäre eine gewisse Erlösung. Bis dahin gibt es sicher noch einiges zu erleben. Liebe Grüsse!

Oleander

Reply
Philipp Laage 13/06/2013 at 16:08

Schön gesagt hast du das. In diesem Sinne: weiter entdecken, weiter unterwegs sein, beweglich bleiben. Alles andere bringt ja nichts!

Reply
Weltreisender 14/06/2013 at 08:16

fantastischer text, philipp. wundervolles portrait. so geht das, beim reisen. beruehrt. bewegt. btw – ganz schoen viel bewegung fuer viereinhalb wochen. glueckwunsch! und danke. wuehl nur weiter.

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Philipp Laage 25/06/2013 at 15:55

Hey Markus, danke für die Blumen. Vielleicht war es ein bisschen zuviel Bewegung, wer weiß?

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Peru: Die Allgewalt des Dschungels - Im Amazonasgebiet Pacaya-Samiria 17/01/2014 at 17:36

[…] die unermessliche Distanzlosigkeit des Amazonasbeckens. … Raul haben wir in der Tropenstadt Iquitos getroffen, die nur mit Flugzeug und Schiff zu erreichen ist. Beim Verlassen des Fliegers bläst der […]

Reply
Zwischen Drogenrausch und Inka-Ruinen auf der Isla del Sol - Run. Travel. Grow. 24/01/2014 at 14:23

[…] wohlstandsüberdrüssige Europäer, Australier und Amerikaner geworden. … Als wir uns auf unserer Reise zur Südgrenze Perus in der Stadt Puno im Bus zur bolivianischen Grenze auf unsere Plätze setzten, drückte uns ein […]

Reply
Peru, Colca Canyon - Das Schlimmste zum Schluss - Run. Travel. Grow. 24/01/2014 at 14:27

[…] Fugen der Häuser. … Man möchte dann am nächsten Tag ganz hoch auf einen Berg steigen. Oder weiterreisen. […]

Reply
Dahab, Ägypten: Meine wichtigste Erkenntnis über das Reisen 11/03/2014 at 14:32

[…] Frage wurde nach meiner Reise nach Peru immer größer. Die Geschichte darüber handelt von diesem Widerspruch aus Erwartung und […]

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