Schneesturm am Huayna Potosí

29/11/2013

La Paz — Die Temperatur liegt unter null Grad. Wir sind fast auf 6000 Meter aufgestiegen und sehen nur die Schneeflocken im Lichtkegel unserer Stirnlampen. Rechts von uns, irgendwo tief unten in den Regenwäldern der Yungas, entlädt ein Gewitter Blitze in die Schwärze der Nacht. »Esto no es bueno«, sagt Luis.

Adrian hält sein Gesicht kurz gegen die Böen. In seinem Bart bleibt der Schnee hängen. Die Augen sind Schlitze, der Wind geht immer schärfer über die Haut. Von der kaum ermesslichen Weite des Amazonas-Beckens zieht ein Sturm herauf.

Wir stapfen einen Hang hinauf und sinken mit unseren Expeditionsstiefeln immer wieder tief in den Schnee ein. Oben biegt der Weg offenbar links ab. Adrian und ich haben keine Ahnung. Wir können unsere Augen wirklich kaum mehr offen halten. Nur Luis kennt die Route. Er ist Bergführer und hat den Huayna Potosí schon mehr als hundert Mal bestiegen. Das Wetter gefällt ihm ganz und gar nicht.

Eigentlich sollte es kein schwerer Aufstieg werden auf den 6088 Meter hohen Berg in der bolivianischen Cordillera Real, deren Gipfel der Reisende von der Hochebene der Altiplano und vom Titicacasee aus sehen kann. Von La Paz ist der Berg nur zwei Stunden mit dem Jeep entfernt. Auf 4750 Metern steht eine geräumige Herberge direkt neben einem Stausee auf dem Zongo-Pass, das Refugio Huayna Potosí.

Als wir dort eintrafen, gab es weder Heizung noch offenes Feuer. Die Räume waren kalt, und in der Nacht wärmten wir uns gegenseitig in einem Schlafsack.


Huayna Potosí
Lamas, Huayno Potosí
Refugio Huayna Potosi
Lamas, Huayna Potosí
Huayna Potosí
Alpakas beim Refugio Huayna Potosí, dem Sechstausender liegt ein Stausee zu Füßen.


Auf der Hütte rasteten wir einen Tag und eine Nacht. Wir beobachteten wenig scheue, womöglich domestizierte Alpakas und folgten immer wieder skeptisch dem Wechselspiel der Wolken am Gipfel des zerklüfteten Sechstausenders. Oft lagen die Gletscher im Nebel.

Der zweite Tag am Berg war ebenfalls ziemlich entspannt. Wir stiegen auf zu einem Hochlager auf etwas mehr 5100 Metern und bezogen eine kleine, orange Metallbüchse am Hang des Berges, die eigens der Agentur gehörte, über die wir unsere Besteigung gebucht hatten. Drinnen stand ein Hochbett mit Matratzen, ein kleiner Tisch, es gab eine Küchenzeile und Töpfe. Nudeln mit Soße waren das Abendessen.

Am Abend hofften wir auf gutes Wetter für den Gipfeltag: Adrian, der Franzose, der mit seinem Fahrrad einmal komplett durch Zentralasien gefahren war; Luis, der sehr junge Bergführer; der Dritte war ich. Es war wolkig, aber nicht düster. In der Ferne konnte man den heiligen Berg Illimani sehen, den zweithöchsten Gipfel Boliviens. Ein Sehnsuchtsziel.


Huayna Potosí
Huayna Potosí
Huayna Potosí
Illimani vom Huayna Potosí
Abenddämmerung im Hochlager, in der Ferne der mächtige Illimani.


Nun waren wir also kurz nach Mitternacht aufgebrochen und stehen jetzt rund 50 Meter unterhalb des Gipfels. Adrians Höhenmesser zeigt an, dass wir höher als 6000 Meter sind. Die Morgendämmerung lässt auf sich warten. Der Weg führt über einen ein Meter breiten Firngrat, der zu beiden Seiten ins Schwarz abfällt.

Weil wir die Wegrichtung gewechselt haben, bläst der Eiswind wieder direkt in unser Gesicht. Ohne Skimasken können wir nicht mehr geradeaus schauen. Die Haut im Gesicht ist schon taub. Wir bewegen uns langsam, aber nicht unbedingt wegen der Höhe, obwohl ich erst vor fünf Tagen in La Paz gelandet bin.

Luis dreht sich zu uns um und ihm steht irgendwie ungläubiges Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Wenn wir einfach weitergehen, fürchtet er, bläst uns der Sturm den Berg hinab. Wir beschließen also abzusteigen, kurz vor dem Gipfel.

Nach einer guten halben Stunde müssen wir eine Steilstufe hinabklettern, die mir beim Aufstieg gar nicht so hinderlich erschien. In niedrigerer Höhe klart der Sturm auf. Dämmerlicht kriecht über die Berghänge. Der Gipfel, den wir nicht erreicht haben, färbt sich im Morgenlicht rosa. Neben uns kollabiert eine Japanerin im Schnee.


Am Huayna Potos´
Am Huayna Potos
Am Huayna Potos
Am Huayna Potos
Am Huayna Potos
Erschöpfung und Schrecken in den Gesichtern, düstere Wolken am Morgen.


Zurück im Hochlager stellen wir fest: Der Tag wird nicht sonderlich freundlicher, aber der Sturm am Gipfelgrat hat sich verzogen. Möglicherweise hätten wir den Gipfel erreicht, wenn wir eine halbe Stunde später aufgebrochen wären. Aber solche Überlegungen sind immer müßig und führen zu nichts.

Wir standen auf 6000 Metern in einem wirklich unangenehmen Sturm. Wir kühlten erbärmlich aus. Eisschnee im Gesicht hinderte uns am Sehen und Fortkommen. Natürlich möchte man gerne sagen: Wir standen auf dem Gipfel. Andererseits: Die 50 Meter mehr wären ohne Sturm kein Problem gewesen.

Ich erinnere mich an die Worte meines Bergführers in Peru: »The mountain will be here next year.« But maybe I will be not, denke ich.

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4 comments

3000 Höhenmeter Downhill auf der Death Road - Run. Travel. Grow. 17/01/2014 at 16:49

[…] der Welt« windet sich hinab, von schneebedeckten Bergen bis hinunter in die Tropen, von der >kalten Cordillera bis in die feucht-heißen Yungas. Mit dem Mountainbike ist es eine rauschhafte Fahrt, die immer am […]

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Zwischen Drogenrausch und Inka-Ruinen auf der Isla del Sol - Run. Travel. Grow. 24/01/2014 at 14:25

[…] des Titicacasees, tief im Osten hinter dem Küstenstreifen erheben sich an klaren Tagen die schneebedeckten Gipfel der Cordillera Real in den Himmel, nach Norden reicht der See bis zum Horizont. … Einzig […]

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La, Paz, Uyuni, Sucre - Die Raue, die Hässliche, die Schöne 03/06/2014 at 13:56

[…] ist zum Beispiel möglich, eine Tour auf den Gipfel des stark vergletscherten Huayna Potosí zu buchen, immerhin ein Sechstausender. Oder man steigt gleich auf den heiligen Illimani, der La […]

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Argentinien: Abschied in Buenos Aires - Von Philipp Laage 02/06/2018 at 20:33

[…] hatten unsere Reise angefüllt mir Erlebnissen: Mountainbiken auf der Death Road, Bergtour auf den Huayna Potosí, Jeeptour zu Lagunen und Flamingos, Besuch der Iguazu-Wasserfälle. Aber in den stillen Momenten […]

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