3500 Höhenmeter Downhill auf der Death Road

31/12/2013

La Paz — Die Death Road komprimiert die Klimazonen Südamerikas auf eine vierstündige Abfahrt. Es ist so, als stauchten sich die Vegetationsstufen der Erde zusammen, ebenso wie die tropfenförmigen Serpentinen der Strecke. Die »gefährlichste Straße der Welt« windet sich hinab, von schneebedeckten Bergen bis hinunter in die Tropen, von der kalten Cordillera bis in die feucht-heißen Yungas. Mit dem Mountainbike ist es eine rauschhafte Fahrt, die immer am Abgrund entlangführt.

Den Höhenunterschied, die Gravitationskraft des Gefälles, den physischen Druck des Ortswechsels spürt man erst hinterher. Durch den Schmerz in den Handballen, durch das Knacken im Ohr und die seltsam gedämmten Geräusche. Man kann das Wechselspiel der Landschaft über die fast 3500 Höhenmeter nicht mit allen Sinnen aufnehmen. Dafür fordert die Abfahrt einem zu viel Konzentration ab.

Wir starten am Abra La Cumbre auf 4650 Metern. Der Wind fegt kalt über den Pass. Die Fahrräder werden vom Dach des Minibusses geladen, unsere Gruppe legt die Helme an. Direkt nebenan: schneebedeckte Gipfel, Nebel, ein Bergsee. Wir sind höher noch als La Paz, die Hauptstadt Boliviens, die an der Grenze der Altiplano-Hochebene liegt und deren Häuser an den Hängen eines weit ausgeschnittenen Talkessels festsitzen wie widerspenstige Büsche in einer kargen Felswand.


Death Road, Bolivien
Death Road, Bolivien
Spärliche Vegetation am La Cumbre in 4650 Metern.


Die Death Road, die camino de la muerte, wurde in den 30er-Jahren von paraguayischen Zwangsarbeitern gebaut, um das Hochland mit den Regenwäldern des Amazonasbeckens zu verbinden. 65 Kilometer ist die Strecke lang. Der erste Abschnitt folgt heute der neuen, asphaltierten Straße, die 2006 durch die Berge gelegt wurde. Auf der ursprünglichen Strecke sind bislang einfach zu viele Menschen in den Abgrund gestürzt oder von Schlammlawinen verschüttet worden.

Hochalpine, trockene Luft am La-Cumbre-Pass. Die ersten Meter in die Pedale treten. Kälte durchfährt das zu dünne Gewebe meines Oberteils, die Höhenluft reizt die Augen. Man muss sich überhaupt erst einmal an das Bergabfahren gewöhnen, an die Geschwindigkeit und das Kurvenverhalten. Der Helm sitzt sperrig auf dem Schädel. Immer wieder überholen uns schwere Laster.

Nach kurzer Zeit gibt die Straße den Blick frei auf ein Hochtal. Die Steilhänge des Gebirges verlieren sich in sattgrünen Wiesen, aber hier oben wächst noch kein Baum und kein Strauch. Mein Körper verkrampft auf dem Sattel, durch die Kälte, durch die starre, im Grunde reglose Haltung, denn es geht nur bergab. Strampeln muss man nicht. Die Fahrradhandschuhe können den Wind nicht abhalten.


Death Road, Bolivien
Die Serpentinen führen durch ein alpines Hochtal hinab.


Irgendwann verlässt unsere Gruppe die Hauptstraße und biegt ab auf die alte Yungas-Straße: einspurig, natürlich nicht asphaltiert, sondern erdig, voll Geröll. Immer am Hang und damit an der Schlucht entlang. Seit die neue Route eröffnet wurde, fahren hier nur noch vergnügungssüchtige Touristen hinab, die mutmaßlich niemals in die Not kommen werden, einen Lastwagen zum Broterwerb über eine derart schlecht gesicherte Straße steuern zu müssen.

Das Gefälle ist ganz ordentlich. Man spürt beim stetigen Abbremsen des Mountainbikes die Muskeln in den Unterarmen. Manchmal springt der Reifen über grobes Geröll: Sturzgefahr. Wer zu schnell in eine Kurve fährt, den transportieren die Fliehkräfte erst sanft über den Straßenrand hinaus und dann in den Abgrund. Wenig später ist man mit großer Wahrscheinlichkeit tot. Aber das scheint den bolivianischen Anführer unserer Gruppe nicht zu besorgen. Er fährt heiter vorne weg.

Der Minibus mit der Ausrüstung fährt mit einem gewissen Abstand hinter uns her. Der Fahrer darf sich glücklich schätzen, dass ihm auf dieser Straße keine Fahrzeuge entgegenkommen. Früher sind Laster und Autos in fatalistischer Regelmäßigkeit den Abhang heruntergestürzt. »Puta madre«, riefen dann die Insassen der folgenden Wagen. Doch es gab eben keinen anderen Weg in die Regenwälder.

Die Vegetation ist nun schon sehr üppig. Wir haben den Nebelwald erreicht und sind jetzt vielleicht noch auf 3000 Metern Höhe, eventuell schon niedriger. Kleine Wasserfälle prasseln rechts von uns auf die Straße und begleiten die Fahrt als Bäche am Wegrand. Ich bin seit – ich weiß es gar nicht – zehn Jahren kein Mountainbike mehr gefahren. Nach zwei, drei Stunden werde ich sicherer und teste die Spielräume meines fahrerischen Könnens aus. Die Luft ist warm, das Gefühl der Kälte nur noch vage Erinnerung.


Death Road, BolivienDeath Road, Bolivien
Straße ohne Geländer: Die Death Road hat sich ihren Namen verdient.


Irgendwann wird es richtig heiß. Ich öffne den Reißverschluss meines Hemds so weit es geht und krempele die Ärmel hoch. Die Straße ist jetzt staubig. Dreck hat sich auf der Haut gesammelt. Der Abhang links der Strecke ist nicht mehr so furchterregend tief. Es fühlt sich an, als könne man die erdige Wärme der Vegetation riechen, als würden alle Sinne miteinander vermischt zu einem wohlig-warmen Gefühl der Entspannung. Weite Aussicht über grüne Täler, aber immer nur für ein paar Sekunden.

Das Land ist wieder so fruchtbar, dass es von den Bolivianern bestellt werden kann. Hier wachsen Kaffee, Obstbäume und Coca. Der Anbau ist legal. Die Sträucher werden nicht zu Kokain weiterverarbeitet, sondern wandern als Genussmittel des täglichen Lebens auf die Märkte der Hauptstadt. Wir haben die Tropen erreicht.

Nur noch ein paar hundert Meter sind es bis zur Puente Yolosa auf 1200 Metern. Der Luftdruck im Ohr hat sich noch nicht an die neue Höhe angepasst, die eigene Stimme ist heruntergedimmt und dumpf. Die Sonne brennt auf den Schädel. In der Bauchfalte sammelt sich Schweiß. Wir holen das Trinken nach.

Nach gut vier Stunden ist die Fahrt zu Ende. Ich steige vom Fahrrad und fühle mich ein bisschen wie nach einer wilden Achterbahnfahrt: Die Erschöpfung ist da, obwohl man ja eigentlich die ganze Zeit nur herumsaß. Was bleibt, wenn das Gehör wieder klar ist, sind die schmerzenden Hände, die den Lenker umkrallt und das Gewicht des Körpers beim steten Bremsen aufgefangen haben. In ihnen sammeln sich die Wucht und Gewalt der Bewegung über 3500 Höhenmeter hinweg.

Wer Zeit hat, sollte nun mindestens zwei Nächte in Coroico entspannen.


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Angekommen in den Yungas: Blumen und Schmetterline.


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6 comments

Erik 04/01/2014 at 12:51

Hey Phil,

bist du selbst auch Motorrad gefahren auf dieser Route ? Hört sich echt spannend an dieses Adventure 😉 … die Straße und der Blick sind faszinierend!!

LG

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Philipp Laage 04/01/2014 at 15:47

Hey Erik, nein, kein Motorrad, sondern Mountainbike. War schon waghalsig genug! 😀

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Florian 21/03/2014 at 04:24

Philipp, danke! Lass Dich drücken! Dies ist der erste Death Road Artikel, bei dem mir nicht schlecht wird und es gibt sehr viele Death Road Artikel.

Wenn die Leute “gefährlichste Strasse der Welt” hören geht die Fantasie komplett mit ihnen durch. Dass die Strasse schon seit Jahren für normalen Verkehr gesperrt ist und keine Busse mehr bei 5m Sicht die Klippe herunterfallen interessiert dann niemanden mehr. Selbst vor der Umgehungsstrasse war der gefährliche Teil der “Death Road Tour” nicht die Abfahrt mit dem Mountainbike sondern die Rückfahrt mit dem Bus bei Gegenverkehr.

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Bolivien: Schneesturm am Huayna Potosí - Run. Travel. Grow. 14/05/2014 at 10:42

[…] 3000 Meter Downhill auf der Death Road […]

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La, Paz, Uyuni, Sucre - Die Raue, die Hässliche, die Schöne 03/06/2014 at 13:58

[…] heiligen Illimani, der La Paz überragt wie eine strenge Frostgottheit. Alternativ kann man auf der Death Road, der camino de la muerte, mit einem Fahrrad über 3000 Höhenmeter hinab in die subtropischen […]

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Argentinien: Abschied in Buenos Aires - Von Philipp Laage 02/06/2018 at 20:30

[…] hatten unsere Reise angefüllt mir Erlebnissen: Mountainbiken auf der Death Road, Bergtour auf den Huayna Potosí, Jeeptour zu Lagunen und Flamingos, Besuch der […]

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