Sierra Leone, paradise undetected

02/02/2014

Es gibt sie noch, die unentdeckten Paradiese auf dieser Erde. Der Tokeh Beach in Sierra Leone ist so ein Ort: einsamer Strand, Palmen, Meer – und vor allem Abgeschiedenheit. Ein Aussteiger erzählt.

Das Paradies auf Reisen ist seltsamerweise immer ein Strand. Oder sagen wir: eine Bucht. Jedenfalls liegt es an einem Meer. Das Hinterland ist in diesem Paradies mit saftiger Vegetation überzogen. Und natürlich dürfen Palmen nicht fehlen, die sich in Richtung der untergehenden Sonne biegen.

Das Paradies definiert sich darüber hinaus durch seine Unzugänglichkeit. Ein weiter, mühsamer Weg ist nötig, um an diesen verheißungsvollen Ort zu gelangen. Das wusste schon Leonardo di Caprio in dem harmlosen Hollywoodfilmchen The Beach. Das Paradies auf Reisen ist immer ein quasi-mystischer Ort: Dort wohnen aus der Zeit gefallene Menschen. Dort liegt ein Geheimnis verborgen. Oder den Reisenden überkommt auf der Stelle das Gefühl, niemals wieder fortgehen zu wollen, weil alle Antworten offen daliegen oder die entsprechenden Fragen nicht mehr gestellt werden müssen.

Wer in Sierra Leone auf zerfurchten Schlammpisten über Land gereist ist und zum Tokeh Beach auf der Freetown Peninsula durchstößt, hat das Gefühl, eine Art Paradies zu erreichen (was auch immer sich nun genau hinter dem Begriff verbirgt, soll an dieser Stelle nicht behandelt werden): Der Sand quietscht unter den Füßen. Das Meer ist warm und klar, das Ufer wild bewachsen. Schönste Zivilisationsabwesenheit.

Hier möchte man nun bleiben und sich von den Strapazen erholen, nicht nur von den körperlichen natürlich. Morgens vor dem Frühstück im Meer schwimmen, mit Salzwasser in den Haaren Kaffee trinken, die Füße in Sandalen stecken. Danach: lesen, spazieren, auf den Ozean schauen. Die Prioritäten in Ordnung bringen.

Mehr als zehn Jahre ist der grausame Bürgerkrieg in Sierra Leone nun her, und noch immer kommen kaum Touristen an den Tokeh Beach. Das hat wiederum mit der Unzugänglichkeit des Ortes zu tun: Die Flüge sind teuer, die Straßen schrecklich, die Vorurteile gewaltig. Am Ende landet man immer bei der müßigen Frage, wann der Auflauf an Menschen das Paradies zerstört. Am Tokeh Beach, unter dem wolkenvergangenen Himmel Westafrikas, dürfte das noch eine Weile dauern.


Tokeh BeachTokeh BeachTokeh Beach
Tokeh Beach
Tokeh Beach
Sehnsuchtskulisse am Tokeh Beach.


Ein Mann, der sich durchaus mehr Touristen wünscht, ist unser Gastgeber Joseph Pierce, ein junger britischer Auswanderer, der zusammen mit einem libanesischen Freund das Tokeh Sands Beach Resort leitet. Die Libanesen, das muss man kurz erklären, kontrollieren die meisten Geschäftszweige in Sierra Leone. Sogar das Flaschenwasser trägt arabische Schriftzeichen auf dem Etikett.

Joseph ist ziemlich muskulös und gutaussehend. Aber ihn umgibt stets eine gewisse Melancholie, die sich manchmal um seine Augen herum manifestiert. Vielleicht kommt das von der Abgeschiedenheit dieses Ortes. »It’s not an easy life, but I wasn’t scared«, sagt der 31-Jährige. In London habe er jedenfalls mehr Angst, auf die Straße zu gehen.

Während unseres Aufenthalts in seinem Resort setzt sich Joseph häufig schweigend zu uns an den Esstisch und fängt dann an, ziemlich viel zu erzählen, aber nie aufbrausend oder hektisch. Er redet mit der Stimme eines Mannes, der sich über viele Dinge ganz grundsätzlich viele Gedanken gemacht hat. »I have securities. I can afford to take risks others wouldn’t be able to have here.« England habe er verlassen, weil es dort »actually boring« gewesen sei. Dann der rührende Satz: »I have nowhere to go home to.«

Man fragt sich, was Josephs Vision für diesen Ort ist. Was er in diesem Flecken Erde sieht. Ein Paradies? Immerhin, vor dem Bürgerkrieg um die Diamanten des Landes war der Tokeh Beach eine beliebte Destination bei Touristen. Hier an dieser Stelle stand ein Resort mit 600 Betten. Die Gäste flogen mit einem Helikopter vom internationalen Flughafen herüber. Die Ruinen stehen heute vermoost und verwildert zwischen den Palmen. Man muss an Robinson Crusoe denken. Der Strand ist verlassen.

Wer kommt überhaupt an den Tokeh Beach? Joseph unterscheidet drei Gruppen von Gästen: »People who have a lot of money; people who have a lot of money which they don’t want to spend; people from charity organizations who don’t want to pay for anything.« Es kommen also business people und NGOs – aber fast keine Touristen.

Wir erfahren nicht, was Joseph über das Paradies denkt, ob er hier wirklich angekommen ist. Er ist Geschäftsmann und wünscht sich mehr Gäste, ein unentdecktes Paradies bringt ihm nicht viel. »I can see this to become a popular destination«, sagt er.

In der letzten Regenzeit haben die Trucks der Baufirmen allerdings wieder die Straße von Freetown nach Tokeh zerstört. Ohne einen geländegängigen Wagen bleibt das Paradies vorerst abgeschnitten von den Auswüchsen der Zivilisation. Man will sich die Frage nicht stellen, ob das nun gut oder schlecht ist. Man will einfach hier bleiben, unter den Palmen liegen und den Kopf freispülen im warmen Meerwasser.


Tokeh BeachTokeh Beach
Tokeh Beach
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Verwitterte Bungalows aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg säumen den Strand.



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7 comments

Freetown: "Welcome to Sierra Leone" - Run. Travel. Grow. 14/05/2014 at 10:30

[…] Sierra Leone, paradise undetected (Run.Travel.Grow.) […]

Reply
Traveltipps.eu (Dirk) 28/06/2014 at 10:19

Krass, würde ich liebend gern mal hin. Was würdest du generell über die Sicherheit da sagen? kann man sich bedenkenlos frei bewegen ohne ausgeraubt zu werden? Und was koste die Flüge so…?
Gruß Dirk

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Philipp Laage 04/07/2014 at 19:46

Hallo Dirk! Die Sicherheit ist nicht weniger ein Problem als in anderen (sicheren) afrikanischen Ländern wie Tansania, Senegal oder Sambia. Wir haben überhaupt keine schlechten Erfahrungen gemacht.Die Flüge kosten schnell mal 850 Euro. Das Fortkommen im Land ist relativ schwierig, Mietwagen und Fahrer im Verhältnis ebenfalls teuer. Es ist am Ende sicher kein günstiger Urlaub.

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Krankheit, Krieg und Korruption: Das ewige Afrika 24/09/2014 at 19:53

[…] afrikanische Schreckgespenst ist wieder da. Die Postkartenidylle am Tokeh Beach bleibt vorerst menschenleer. Sierra Leone wird wohl in Vergessenheit geraten, so wie […]

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Chris 20/04/2015 at 23:06

In der Tat ein Paradies – und mit der Unzugänglichkeit hast du zu 100% recht. Viele der schönsten Fleckchen auf Erden, die ich erleben durfte, waren ebenso mehr oder weniger schwer zugänglich und unbekannt: Carriacou (Grenada), Saba (NL-Antillen), Karimunjawa Islands (indonesien), Port Barton (Philippinen) – um nur einige zu nennen, wobei das wohl alles noch nichts gegen den Tokeh Beach ist.

Generell finde ich deine Afrika-Artikel megainteressant und bin gerade dabei alle durchzuforsten. Gerade da noch so wenige Leute Afrika individuell bereisen und davon noch viel weniger auch Reiseblogger sind, freut es mich immer sehr, spannende (und wie bei dir auch noch exzellent geschriebene) Artikel über den Kontinent zu lesen.

LG und bitte mehr davon!
Chris

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Philipp Laage 26/04/2015 at 14:59

Vielen Dank für deinen Kommentar, Chris. Eigentlich verwunderlich, dass viele Traveller Afrika keine Beachtung schenken, oder?

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Chris 02/05/2015 at 19:38

Tja, liegt wohl an den gängigen Vorurteilen und den fehlenden Informationen.
Der Mangel an Backpackern liegt zudem denke ich am zum Teil höheren Preisniveau (ohne es zu kennen) und einfach der Unbekanntheit. Viele wandeln ja doch lieber auf den bekannten Pfaden von Thailand & Co.
Für “klassische” Urlauber bedarf es wohl vor allem mal einer ordentlichen Marketing-Kampagne der Länder. Potential ist dort sicher vorhanden.
Ich hoffe, in den nächsten Jahren dann auch eigene Erfahrungen machen zu können. Bisher ist Afrika leider auch bei mir ein weißer Fleck.

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