Wie wir einmal der Beschleunigung entkamen

14/05/2014

Es ist schwierig geworden, der Rastlosigkeit des vernetzten Lebens zu entkommen. Im Tayrona-Nationalpark im Norden Kolumbiens gelingt uns das für eine kurze Zeit. Am Ende gehen wir mit einem seltsamen Gefühl.

Dritter Tag im Tayrona-Nationalpark an der Karibikküste Kolumbiens: Wir haben einen seltenen Zustand erreicht. Es kostet uns keine Anstrengung mehr, nichts zu tun. Die Unruhe ist gewichen. Wir sind am Meer, und das ist alles.

Woran merkt man, dass man wirklich zur Ruhe kommt und die permanente und deshalb kaum mehr bewusst wahrnehmbare Rastlosigkeit ablegt?

Wir merken es daran, dass sich das Aufstehen und Schlafengehen dem Lauf der Sonne angepasst hat. Wir haben nicht mehr das Gefühl, etwas tun zu müssen, wenn der Tag vorbei ist. Wir stehen auf, wenn der Morgen dämmert.

Wir haben auch aufgehört, auf die Uhr zu schauen. Es gibt kein Telefonnetz und kein Wifi. Das macht normalerweise schnell nervös. Aber ab einem bestimmten Punkt ist keine News mehr so wichtig, dass man sie nicht auch am nächsten Tag lesen könnte oder in einer Woche. Der Reiz der Dinge, die einen umgeben, reicht völlig aus.


Tayrona
Tayrona
Tayrona
Schwere Wolken über trüber See.


Vielleicht ist der Mensch mit der Permanenz der Internetverbindung degeneriert. Abschalten ist nicht mehr vorgesehen, das ist die Doktrin der großen Technologiekonzerne. Der Mensch verlernt, nur mit sich selbst zu sein, und wer das kulturpessimistisch nennt, hat die Auswirkungen der digitalen Revolution noch nicht verstanden.

Man braucht dabei nicht soweit gehen wie Ray Kurzweil, Visionär und Entwicklungschef bei Google, der davon ausgeht, dass technischer Fortschritt und Wissen exponentiell wachsen und sich die Grenze zwischen Mensch und Maschine früher oder später aufhebt. Es reicht, die Generation zu beobachten, die ein Offline-Leben nicht mehr kennt.

Wir schauen von der Veranda unserer Herberge auf den Palmenhain, der die Sicht auf den Ozean nimmt. Sitzen, quatschen, schauen. Kaffee und Zigaretten. Ich rauche wieder, wohl auch deshalb, weil man sich sonst so gesund fühlt unter dieser Sonne. Arecifes heißt der Strandabschnitt. Man muss vom Ende der Straße eine Stunde laufen, von Bucht zu Bucht. Tayrona ist der beliebteste Nationalpark Kolumbiens und erzeugt dennoch ein Gefühl großer Abgeschiedenheit.


Tayrona
Tayrona
Tayrona
Wilde Tiere, wildes Wasser.


Urlauber kommen wegen der rauen Natur, die nicht der kommerzialisierten Ästhetik eines »paradiesischen« Strandes aus den Reisekatalogen entspricht. Mannshohe Wellen rollen über die Korallensee mit ihren gefährlichen Strömungen. Schilder warnen: In dieser Bucht sind schon mehr als 100 Menschen gestorben. Die Monotonie der Küstenvegetation wird aufgebrochen durch glattgeschliffene Felsen, tonnenschwere Monolithe aus dem kaum zu durchdringenden Bergdschungel der Sierra Madra. In entlegenen Tälern soll noch immer Koka angebaut werden.

Die Infrastruktur ist sehr einfach. Bis auf die Eco-Lodge in Cañaveral, wo die Straße endet, gibt es nur Zelte, Hängematten und Holzhütten. Die Lagerplätze sind durch kleine Buschpfade verbunden. Generatoren erzeugen Strom. Ihr Rattern ist der Tribut an das bisschen Zivilisation hier. Wir essen immer nur Reis mit camarones, mit Krabben, oder Nudeln mit Thunfisch.

Vielleicht braucht es diesen räumlichen Abstand, um die allgemeine Ruhelosigkeit des Alltags zu überwinden. Das Flugzeug bringt einen nur bis Cartagena, von dort fährt der Bus in fünf Stunden nach Santa Marta, dann wieder umsteigen. Mit einem anderen Bus geht es nach Zaino an der Grenze zum Nationalpark, dort fährt ein Minibus bis zum Ende der Straße, dann geht es zu Fuß weiter. Man muss sich langsam vorarbeiten und ist deshalb am Ende besonders weit weg.

Die Sierra Madra ist schon geografisch ein abgeschiedener Ort. Noch immer leben in den Bergen Kogi-Indianer, Nachfahren der Tairona, die hier um 200 nach Christus Fische fingen, Felder bestellten und Gold schmiedeten. Man kann einem Dschungelpfad zu einem verfallenen Tairona-Dorf folgen, er beginnt in Cabo de San Juan de la Guía, dem letzten Zivilisationsposten entlang der Küste des Nationalparks.


Tayrona
Tayrona
Tayrona
Tayrona
Tayrona
Cabo de San Juan de la Guía.


Der Zeltplatz von Cabo de San Juan bietet sicher 200 Gästen Platz. Es gibt eine Küche und Plastikstühle, Toilettenhäuschen und Duschkabinen. Iguanas sonnen sich auf den Felsen. Am Nachmittag kommt eine Gruppe euphorischer Israelis mit dem Boot von Taganga herübergefahren. Die Typen fotografieren sich ständig gegenseitig, schreien betont crazy und machen mit dem kleinen Finger und dem Zeigefinger den Teufelsgruß. Doch eine verrückte Party gibt es nicht. Die Nacht bleibt Nacht und wird nicht zum Tag. Die enttäuschten Israelis fahren wieder.

Wir übernachten in einem hölzernen Pavillon mit Hängematten. Er steht auf einer Anhöhe, die nur durch einen Streifen Sand mit dem Festland verbunden ist. Die Brandung rauscht von drei Himmelsrichtungen heran. Es hört sich an, als schlafe man auf dem offenen Ozean, frei schwebend zwischen Wind und See. Am Morgen weckt uns die Sonne.

Nach dem Frühstück folgen wir einem Trampelpfad durch den Wald. Wir laufen barfuß. Nach fünf Minuten stößt der Weg wieder auf das Meer. Hinter dem Vorhang aus Blättern und Ästen liegt ein menschenleerer Strand. Weißer Sand und rauschende Wellen vor sattgrünen Berghängen. Sonne, Salz und Sand. Wir sitzen da, bis das Abendlicht schräg in die Wellen fällt. Die Reise hat ihren Ruhepunkt erreicht.


Tayrona
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Tayrona
Die verlassene Bucht hinter Cabo de San Juan.


Manchmal kommt es einem vor, als sei man in einer Klischeegeschichte gefangen, in einer müden Dramaturgie: Der Reisende findet die Abgeschiedenheit in der Ferne und erholt sich von der Beschleunigung des vernetzten Lebens. Doch genau das passiert unter anderen Umständen nicht mehr. Zu meinen, man könnte es doch jederzeit so haben, wenn man denn wollte, ist eine Illusion.

Es sind natürlich ökonomische Bedingungen, die zu unserem rastlosen Alltag führen, die Technik ist nur das Werkzeug. Ständiges Wachstum bedingt immer mehr Produktion und mehr Konsum. Technische Automatisierung verschärft die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Wo der Mittelstand obsolet wird, kann es sich niemand mehr erlauben, nur Mittelmaß zu sein. Es scheint, als hielten immer weniger Menschen die Fliehkräfte dieser Beschleunigung aus.

Die Zeit in Tayrona ist eine kostbare Zeit. Als wir ankamen, dachte ich, die Tage könnten uns lang werden an diesen einsamen Stränden. Am Abend vor der Abreise bin ich wehmütig und würde gerne bleiben.



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3 comments

Palomino- viel Natur, wenig Mensch | Today We Travel 30/01/2016 at 12:56

[…] mundo“, wie er sagt. Sie kommen der Natur wegen nach Palomino. Der spektakuläre Tayrona Nationalpark ist nur einen Steinwurf entfernt. Die karibische See, die hier so kraftvoll und lautstark ist, hat […]

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Simon 19/06/2016 at 06:44

Leider habe ich knapp zwei Jahre später das Gefühl, dass auch der Tayrona-Nationalpark zunehmend Kommerzialisierung und Beschleunigung zum Opfer fällt. Vielleicht interessiert Euch in diesem Rahmen auch mein Artikel unter http://unterwegs-reiseblog.de/tayrona-nationalpark-kolumbien/. Wenigstens: Wenn man ein wenig sucht, findet man dort auch heute noch ruhige und einsame Stellen.

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Philipp Laage 23/06/2016 at 15:44

Hallo Simon! Interessant, wie schnell sich die Dinge ändern. Wir mussten zum Beispiel keinen Informationsfilm anschauen und uns Anweisungen eines Rangers anhören, wie du es in deinem Artikel beschreibst. Wahrscheinlich hängt die Besucherzahl auch von den verschiedenen Jahres- und Ferienzeiten ab. Immerhin: kein WLAN.

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