Die Raue, die Hässliche, die Schöne

03/06/2014

La Paz/Sucre/Uyuni — Bolivien ist für mich das vielseitigste Land Südamerikas (ich habe allerdings noch nicht alle gesehen). Es gibt Wüsten, Regenwald, Vulkane und vergletscherte Sechstausender. Die Städte des Landes sind zwar nicht die größten Sehnsuchtsziele für Reisende, aber doch sehenswert. La Paz ist rau und karg, Sucre angenehm warm und kultiviert, und Uyuni? Nun ja: recht hässlich.

LA PAZ

La Paz


La Paz verlangt dem Reisenden viel ab. Das merkt jeder, der mit dem Flugzeug dort ankommt. Die Schutzhütten der Alpen liegen auf etwa 2500 Metern und damit bereits an der Baumgrenze. Der internationale Flughafen von La Paz-El Alto befindet sich dagegen auf knapp 4000 Metern. Wer die Maschine verlässt, braucht auch für kleine Schritte viel Atemluft, bevor sich der Körper an die Höhe gewöhnt hat. Bergsonne, kalte Nächte, dünne Luft: La Paz ist eine raue Stadt.

Wenn nach zwei bis drei Tagen die Akklimatisierung fortgeschritten ist, wird der Geist aufnahmefähig. Was stellt man fest? La Paz sieht aus wie in das Tal hineingefräst. Die Häuser krallen sich in die Hänge des Chokeyapu-Canyons wie widerspenstige Büsche. In der Downtown wechseln sich moderne Bürotürme, Stadtpaläste im Stil der Belle Époque und viktorianische Villen ab. Eine städtebauliche Ordnung ist schwer zu erkennen.

Oben in El Alto stehen die unverputzten Ziegelhäuser der Indigenen. Je höher die Wohngegend, umso ärmer die Bevölkerung, das ist ein typisches Muster. Der Höhenunterschied innerhalb der Stadt beträgt 1000 Meter. Es geht also meistens bergauf und bergrunter. Wie gesagt: Die Luft ist dünn.

Auf der Hauptstraße El Prado kollabiert am Nachmittag regelmäßig der Verkehr. Die Taxifahrer müssen dann eine besondere Kreativität bei der Wegfindung an den Tag legen. Direkt bei der Iglesia de San Francisco, dem repräsentativsten Bau der Stadt, beginnt die Calle Sagárnaga. Und was hier an Ausflügen angeboten wird, ist ebenfalls nichts für sanfte Gemüter mit dem Bedürfnis nach Entspannung.

Es ist zum Beispiel möglich, eine Tour auf den Gipfel des stark vergletscherten Huayna Potosí zu buchen, immerhin ein Sechstausender. Oder man steigt gleich auf den heiligen Illimani, der La Paz überragt wie eine strenge Frostgottheit. Alternativ kann man auf der Death Road, der camino de la muerte, mit einem Fahrrad über 3000 Höhenmeter hinab in die subtropischen Yungas brettern. Die Stoßrichtung ist klar: Weniger als ein halsbrecherischer Abenteuertrip ist kaum zu bekommen.

Am wenigsten wird die Verfassung des Reisenden in Alto Florida und Los Pinos strapaziert, in den südlichen Stadtteilen. Die Straßen sehen aus wie in amerikanischen Vororten, mit diners und kleinen Boutiquen. Wem das raue Klima der Hauptstadt auf den Körper schlägt, der kann auch mit Bus oder eben Mountainbike nach Coroico in die bereits erwähnten Yungas fahren. Dort ist es durchgehend T-Shirt-warm. Gute Erholung!


La Paz
La Paz
La Paz
La Paz
La Paz
La Paz: Millionenstadt auf 4000 Metern.


UYUNI

Uyuni


Um es kurz zu machen: Uyuni ist nicht schön. Schmucklose Baracken wurden hier in der Hochebene entlang schachbrettartiger Straßen angelegt. Der Wind pfeift frisch aus der Weite der Landschaft herüber. Es ist staubig.

Nach Uyuni kommen nur deshalb so viele Touristen, weil die Stadt neben der weltberühmten Salar de Uyuni liegt und zugleich der Einfallspunkt zur spektakulären Hochebene Südboliviens ist. Dort gibt es Lagunen mit rotem oder grünen Wasser und Flamingos vor schneebeckten Vulkanen.

In Uyuni sitzen all die Agenturen, die Mehrtagesausflüge mit dem Geländewagen in die Wildnis anbieten. Manche arbeiten kompetent, andere fahrlässig. Es ist ein ständiger Kampf um Kunden. Folgerichtig herrscht zwischen Urlaubern und Einwohnern ein zwischenmenschliches Klima, das im besten Fall von professionell-freundlichem Geschäftssinn geprägt ist.

In Uyuni hocken sich natürlich auch die jede Menge Rasta-Europäer in den Straßen zusammen. Die Angewohnheit, sich an öffentlichen Orten sofort im Schneidersitz auf den Boden zu setzen, sorgt bei den hart arbeitenden Bolivianern des Ortes selbstverständlich für skeptisches Stirnrunzeln. Vieles spricht dafür, dass die ebenfalls zahlreich präsenten und manchmal etwas verkrampft wirkenden asiatischen Reisenden viel mehr verstanden haben als die westlichen Backpacker mit ihren blöden Bollerstoffhosen.

Uyuni ist alles in allem eine Durchgangsstation. Was es Schönes zu sehen gibt, liegt außerhalb der Stadt. Man wartet darauf, dass die Tour endlich losgeht. Man gibt etwas zu viel Geld in den auf Touristen zugeschnittenen Restaurants aus. Am besten liest man endlich das »gute Buch«, das schon die ganze Zeit den Rucksack schwer macht. Oder man versucht, in 3571 Metern Höhe eine Runde laufen zu gehen. Sehr anstrengend!


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Uyuni
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Von Uyuni führt die Straße in Niemandsland.


SUCRE

Sucre


Zuerst wieder eine Aussage zum Klima, denn das spürt man als Reisender schließlich sofort: Es ist angenehm warm in Sucre. Die überschaubare Stadt liegt nur noch auf 2800 Metern. Sie ist nicht mehr den kalten Winden der Altiplano ausgesetzt.

Wer nach Sucre kommt, befindet sich an einem geschichtsträchtigen Ort. Bevor Bolivien 1825 unabhängig von Spanien wurde, hieß die Stadt La Plata. Die neue Namensgeber war Antonio José de Sucre, ein enger Vertrauter Simón Bolívars, des größten Helden der südamerikanischen Geschichte. Eine originalgetreue Kopie der Unabhängigkeitserklärung gibt es im Casa de la Libertad zu sehen. Das Original liegt im Safe der Nationalbank.

In Sucre findet man natürlich auch das typisch Bolivianische: die Märkte, die traditionell gekleideten Frauen und Männer, das Essen. Aber es gibt eben auch die ansehnliche Altstadt mit den Herrschaftsbauten aus der Zeit der spanischen Kolonisation, die absolut zurecht zum Unesco-Welterbe zählt. Sucre versprüht ein bürgerlich-heiteres Flair.

Wer durch Bolivien reist, wird in Sucre ein wenig zur Ruhe kommen. Was klug ist: es mit dem Sightseeing nicht übertreiben. Empfehlenswert sind so profane Tätigkeiten wie Spazierengehen und Kaffeetrinken. Eine schöne Aussicht bietet das Franiskanerkloster Convento La Recoleta. Oben angekommen zeigt sich Bolivien von seiner schönsten Seite.


Sucre
Sucre
Sucre
Sucre
Sucre
Sucre
Vielleicht die charmanteste Stadt Boliviens: Sucre.


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9 comments

aylinberktas 03/06/2014 at 14:36

Fantastische Fotos! Hab mich über den Schneidersitz & die Bollerstoffhosen köstlich amüsiert 🙂

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Philipp Laage 04/06/2014 at 22:47

Haha, dankeschön. Ja, man trifft die Bollerstoffhosenmenschen fast überall.

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Christina 30/06/2014 at 22:51

Sehr schöner Bericht und traumhafte Fotos. Habe Fernweh nach Bolivien bekommen. (Was sind denn Bollerstoffhosen?)

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Philipp Laage 04/07/2014 at 15:01

Danke, Christina. Na, ich würde mal sagen: Diese extrem weiten Stoffhosen, die man sich so in die Schuhe steckt.

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Ein Wochenende in ... ASUNCIÓN - Run. Travel. Grow. 23/07/2014 at 15:08

[…] auf dem Weg von La Paz nach Buenos […]

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3000 Höhenmeter Downhill auf der Death Road - Run. Travel. Grow. 21/08/2014 at 15:30

[…] – La Paz, Uyuni, Sucre: Die Raue, die Hässliche, die Schöne – […]

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Geplatzte Reifen, besoffene Fahrer- eine gewöhnliche Tour durch die Salar de Uyuni | Today We Travel 21/02/2015 at 16:12

[…] scheinbar ist der Alkohol eine der wenigen Freuden, die das Leben in der kargen, zugegebenermaßen hässlichen, Wüstenstadt Uyuni  versüßt. Die Fahrer, die gleichzeitig Guide, Mechaniker und Koch spielen müssen, schauen […]

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Chris 20/04/2015 at 23:24

Perfekte Zusammenfassung der 3 Städte auf dem bolivianischen Teil des Gringo-Trails.
La Paz empfand ich als ebenso faszinierend. Es war toll, diese rustikale Schönheit zu besuchen. Gerade die Lage im Talkessel, das pulsierende El Alto und die Gondelbahnen (die dürften während deines Besuchs noch im Bau gewesen sein) haben es mir angetan.
Sucre fand ich schon wieder so schön und herausgeputzt, dass es schon an der Grenze zum Langweiligen stand. Irgendwie fehlen da die Ecken und Kanten.
Und Uyuni ist nun mal nur der Ausgangspunkt zur absolut spektakulären Salar – wer in der Stadt länger als ein bis maximal zwei Nächte bleibt, hat wohl wirklich einfach zu viel Zeit (oder zu weite Bollerstoffhosen). 😉

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Philipp Laage 26/04/2015 at 15:01

La Paz hat mir persönlich auch am besten gefallen – vor allem wegen der Berge drum herum. Und Uyuni… was soll man sagen? Schnell weiter zu den Vulkanen.

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