Asunción: Abseits aller Erwartungen

23/07/2014
Ascunción

Asunción ist nur ein Name auf der Landkarte in Südamerikas vielleicht unspannendstem Land. Träge fließt der Río Paraguay in der Chaco-Hitze. Man kommt ohne Erwartungen und geht ohne Wehmut.

I. Der Anlass

Als reisender Mensch findet man irgendwann Gefallen an Orten, die andere nicht einmal besuchen würden, wenn man ihnen eine Reise dorthin schenkte. Das in vielerlei Hinsicht unbedeutende Paraguay jedoch findet sich in wirklich keiner wichtigtuerischen Bucket-List, von denen es in den Weiten des Internets so viele gibt. Das hat seinen Grund. In Paraguay gibt es schlicht nichts zu sehen – zumindest nicht für einen normalen Reisenden, der keine fünf Jahre in Südamerika verbringt, um die lokalen Bräuche in jedem Dorf zwischen Cartagena und Ushuaia zu erforschen.

Auch wir waren also nur »auf Durchreise«, wie man so sagt. Auf der Route von La Paz nach Buenos Aires liegt nun einmal Paraguay, das man durchqueren muss, will man die Iguazú-Wasserfälle besuchen. Und so machten wir Halt in der Hauptstadt Asunción, von der man gemeinhin nicht mehr kennt als den Namen auf der Weltkarte.

Tatsächlich handelt es sich um eine der ältesten Städte in Südamerika, gegründet 1537 von den Spaniern. Offizieller Name damals wie heute: La Muy Noble y Leal Ciudad de Nuestra Señora Santa Maria de la Asunción. Die Stadt ist Zentrum des Landes, der Industrie, der Korruption, eine halbe Million Einwohner, keine bedeutenden Sehenswürdigkeiten. Einfach mal nichts tun, auch schön. Wir blieben zwei Nächte in Asunción.


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II. Die Erwartungen

An eine Stadt wie Asunción hat man eigentlich überhaupt keine Erwartungen. Paraguay weckt nun mal keine Sehnsüchte, und seine Hauptstadt ist für nichts bekannt außer den Umstand, eben Hauptstadt von Paraguay zu sein. Eigentlich ist das eine ziemlich gute Ausgangslage, denn jeder weiß: Erwartungen können enttäuscht werden. Wer aber gar keine Bilder im Kopf hat, schafft größtmöglichen Raum für Überraschungen. Man könnte sagen: Wir waren erwartungsvoll, ohne überhaupt etwas zu erwarten.

III. Der erste Eindruck

Wir reisten von Nordwesten an, über die Ruta 9, die etwas nördlich der Stadt den braunen, behäbigen Río Paraguay überquert. Jenseits des Flusses erkennt man von weitem die Wolkenkratzer, die signalisieren, dass man nun die Hauptstadt des Landes erreicht hat. Wir strandeten an einem Sonntag in Asunción, und es war praktisch menschenleer auf den Straßen. Über allem lag eine stickige Hitze, die wohl typisch für das subtropische Chaco-Klima ist. Die heißen Straßen lösten eine große Behäbigkeit aus. Man konnte sich gut vorstellen, wie die Reinkarnation von Klaus Kinski hier irgendwo auf einer morbiden Veranda hockte und – vor Nichtstun wahnsinnig geworden – grobe Unverschämtheiten von sich gab.


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IV. Die Orientierung

Das Stadtzentrum ist wie viele andere Viertel wie ein Schachbrett angelegt, sodass man sich anhand der Straßennamen eigentlich nicht verlaufen kann. Wer auf einem Spaziergang die wenigen schmucken Gebäude Asuncións ablaufen möchte, startet am besten am Plaza de los Héroes mit dem Pantheón. Es ist auch sinnvoll, sich dort in der Nähe eine Unterkunft zu besorgen. Zum Fluss ist es nicht weit. Wer eigensinnige Gründe dafür findet, sich noch andere Gegenden der Stadt anzuschauen – bitte.

V. Der Sehnsuchtsort

Wenn man behauptet, Ascunción habe keine Sehenswürdigkeiten, dann ist das natürlich eine subjektive Verkürzung. Es gibt ein paar repräsentative Gebäude im Kolonialstil. Allerdings wurde die Stadt im 19. Jahrhundert unter der Diktatur José Gaspar Rodríguez de Francias komplett zerstört – und da war Paraguay schon unabhängig. Während man in anderen südamerikanischen Städten wie Sucre oder Cusco also das architektonische Erbe der Spanier bestaunen kann, sind in Asunción kaum Gebäude aus der Kolonialzeit erhalten. Das Pantheón zum Beispiel wurde 1863 gebaut. Eine Altstadt im geläufigen Sinne – üblicherweise der charmanteste Ort einer Stadt – gibt es also nicht.

Alternativ könnte man sich einfach an den Río Paraguay setzen und beim Blick auf den trüben Fluss ein wenig schwermütig werden. Womöglich finge man dabei an, zu trinken. Aber das ist letztlich nichts, was man einem Reisenden in Asunción ernsthaft empfehlen möchte. Rückblickend fühlten wir uns wohl in unserem Hostal el Jardin mit seinem kleinen Garten am wohlsten. Wenn allerdings die Unterkunft der schönste Ort ist, dann spricht das in bemerkenswerter Klarheit gegen das Reiseziel.


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VI. Das Gefühl beim Abschied

Hasta que algún dia, würde wohl einer sagen, der Spanisch beherrscht. Bis eines Tages – oder eben auf Nimmerwiedersehen. Aber das ist kein Vorwurf. Es ist bloß so, dass Asunción so behäbig und unspektakulär ist, dass ein Besuch eher träge macht, als einen zu neuen Kräften bringt. Und die kann man schon gebrauchen, wenn man zwei Tage vor Ankunft mit einem Bus zwanzig Stunden vom bolivianischen Hochland hinab in die Yungas gefahren ist.

So empfindet man beim Abschied von Asunción: nichts. Keine Wehmut, kein Bedauern. Aber auch keine Euphorie, kein großes Endlich-weg-hier. Eher ist es so, als käme man gleichsam einer schon lange nicht mehr benutzten Maschine langsam wieder in Fahrt. Man freut sich konkret auf das, was vor einem liegt – auf die Iguazúfälle, auf Buenos Aires. Hinter einem liegt nur ein tropisches Nirgendwo, Hochhäuser und Bäume unter einer Hitzeglocke, leere Straßen und kleine Gärten und ein brauner Fluss.

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4 comments

Cornelia Lohs 15/11/2014 at 23:42

Wir waren im Januar ein paar Tage in Asuncion. Am ersten Tag hat es uns gar nicht gefallen, aber dann haben wir uns doch irgendwie in den Ort verliebt ( http://atterrata.com/2014/01/15/asuncion-liebe-auf-den-zweiten-blick/ ).

Reply
Philipp Laage 18/11/2014 at 20:07

Cornelia, ich glaube, wir kamen auch an einem Sonntag dort an. Dann wirkt die Stadt wirklich deprimierend.

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Anonymous 02/10/2016 at 20:15

Schöne Bilder, Philipp! Und ein Erwartungsvakuum ist doch mal herrlich entspannend., Wie ein verregneter Tag.

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Argentinien: Abschied in Buenos Aires - Von Philipp Laage 02/06/2018 at 20:27

[…] Asuncion, da hatten wir ein schönes Hostel gehabt. Ich weiß, es klingt absurd, aber ich erinnere mich noch […]

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