Über den Wolken auf den Ortler

21/08/2014

Der Ortler ist der König von Tirol. Bis zu 3905 Meter ragt er auf, ein mächtiges Ungetüm von Berg, wild und auch über den Normalweg keine Kleinigkeit. Eine Besteigung über dem Wolkenmeer.

Als wir aufstehen, ist die Nacht noch pechschwarz. So macht man das in den Bergen, wenn man etwas erleben und am Ende sicher wieder nach Hause kommen will.

Die Gebirgslandschaft draußen vor der Tür der Julius-Payer-Hütte, die sich von Italien nach Österreich erstreckt – soweit jedenfalls reicht der Blick, wenn es hell ist – diese Landschaft ist noch nicht zu erkennen. Und doch müssen bereits jetzt die klimatischen Bedingungen für das große Schauspiel gesetzt sein, das später folgen soll. Schon in diesem Moment bewegen sich warme und kalte Luft in einem bestimmten Verhältnis, zieht Wind herauf, ändert sich die Temperatur im Tal und um die Gipfel. Die Aufführung ist arrangiert, aber dieses Arrangement der Natur bleibt vorerst unsichtbar. Die Nacht verrät nichts von dem fantasiehaften Bühnenprogramm, das der Himmel und die Wolken zwei Stunden später mit dem Einfall des ersten Tageslichts zeigen werden. Noch weiß ich nicht, dass mir einer der schönsten Gipfelaufstiege meines Lebens bevorsteht.

Dabei war es so ein toller goldener Abend gestern, darin lag schon eine Andeutung, eine Verheißung für den kommenden Tag. Warme Lichtströme touchierten die Kämme von Westen. Der aufziehende Mond stand genau über dem Gipfelkreuz des Ortlers, während die sinkende Sonne den Gletscherpanzer orange anstrahlte. Der Ortler, das ist das Ziel für heute: 3905 Meter, der höchste Berg Tirols.


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Payerhütte, im Hintergrund die Weißkugel.

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Ortler von der Payerhütte.

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Weil das Wetter an diesem Tag verspricht, so gänzlich hervorragend zu werden, herrscht vor Sonnenaufgang ein großes Gedränge auf der Hütte. Alle Gruppen wollen früh loskommen, hinein in die Nacht, hinein in den Morgen, in einen schimmernden Tag.

Wir sind zu dritt, ein Ehepaar und ich, plus Bergführer Hubert, der uns mit diesem frühmorgendlichen Optimismus begrüßt, den alle Menschen haben, die ihr Leben zu einem großen Teil in der Natur verbringen. »Auf geht’s«, sagt Hubert.

In der Stunde vor Morgengrauen klettern wir locker über einfachen Fels in der Dunkelheit nach oben. Mithilfe der Stirnlampe finden sich immer Tritte und Griffe, der Aufstieg ist nicht schwierig, aber in diesem Terrain kann man durchaus abstürzen. Ich bin konzentriert auf den Fels vor meinen Augen. Ich will mir keinen Fehler erlauben in diesem Gelände, auch wenn Hubert uns in den steilen Passagen sichert. So bemerke ich erst bei einer Rast das Schauspiel, das nun, hinter mir, endlich beginnt.

Die Berghänge lassen noch kaum Konturen erkennen. Doch ein gelbes Licht löst sie langsam aus dem schwarzblauen Nachthimmel heraus. Darunter quellen violett schimmernde Wolken aus den Tälern hervor. Die schwarzen Gipfel ragen heraus wie aus einer aufbrausenden, stürmischen See. Und doch ist es vollkommen ruhig, eine fast schon andächtige Stille liegt über dem Land. Was für ein Sonnenaufgang! Man fühlt sich klein und doch ganz groß, im selben Moment.


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Die nächtlichen Felspartien liegen jetzt hinter uns, wir steigen über den Gletscher auf. Der Tag wird immer heller, das Farbenspiel in unserem Rücken verändert sich. Die ersten Sonnenstrahlen brennen das frühmorgendliche Violett aus den Wolken. Mattes Gelb, Gold und Orange überziehen die Berge. Die Wolken bleiben. Sie sehen nicht mehr so apokalyptisch aus wie im ersten Licht des Tages.


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Die Steigeisen bohren sich in das hartgefrorene Eis. Knarz knarz. Zwei Schritte. Und wieder, und wieder, immer weiter. Anfangs geht es steiler den Hang hinauf. Wir müssen noch eine Felsstufe hinaufklettern. Danach ist der Gletscher flach und zahm. Die Morgensonne hat die Farben endgültig gesättigt. Der Himmel über uns ist tiefblau, sieht aus wie mit Farbe angestrichen. Als wir den Sattel der Flanke erreichen, zeigt sich in der Ferne die wuchtige Bernina-Gruppe, mit dem einzigen Viertausender der Ostalpen.

Auf einem ungefährlichen Weg bringen wir die letzten Höhenmeter zum Gipfel hinter uns. Von dort blicken wir hinab auf eine Schneelandschaft, die nicht vermuten lässt, dass gerade Hochsommer ist. Aus der Schwärze der Nacht hat sich ein eisblauer Tag geschält.

Wir sind auf den Ortler gestiegen, über den Wolken. Ein wahrlich erhebendes Gefühl.


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Im Hintergrund die Bernina-Gruppe.

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Königspitze und Ortler-Gruppe.

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Ortler (3905 m)

Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: von der Tabarettahütte (2556 m) in ca. 2 Stunden
Übernachtung: Payerhütte (3029 m), +39 0473 613010 (Hütte), +39 0473 666372 (Tal), Lager ab 13 Euro, Halbpension ab 41 Euro
Gipfel: Schwierigkeit PD+ / III, Klettersteig und Gletscher, ca. 4 Stunden



Weitere Informationen:
Praktische Infos zum Ortler-Normalweg
Ortler-Doku im hrfernsehen (Youtube)

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9 comments

Christina Hemmer 21/08/2014 at 18:06

Traumhafte Fotos und ein super Bericht. Manchmal vergesse ich, wie schoen mein Heimatland ist! Danke fuers Erinnern!

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Philipp 22/08/2014 at 13:25

Gern geschehen, Christina! Am Ende des Tages gibt es keinen besseren Ort als eine gemütliche Alpenhütte.

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Aylin 21/08/2014 at 23:31

Fantastische Fotos und wie immer toll geschrieben!

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Philipp Laage 22/08/2014 at 13:26

Danke, Aylin!

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Oleander Auffarth 22/08/2014 at 13:41

ganz phantastische Eindrücke, Philipp! Ein Bild schöner als das andere…

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Philipp Laage 22/08/2014 at 13:54

Es war ein sehr besonderer Tag.

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Anita 03/09/2014 at 08:12

Ich schliesse mich den Kommentaren an! Ein ganz grosses *hach wie schön” von meiner Seite 🙂

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Philipp Laage 06/09/2014 at 10:28

Danke, Anita! 😉

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Smartphone auf Reisen oder: Das Ende der Erinnerung 29/01/2015 at 22:47

[…] ins Tal schien und ich grundlos bester Stimmung war (noch am Morgen hatte ich auf dem Gipfel des Ortler gestanden), fiel mir ein Text in die Hände, der die Gedanken ausformulierte, die ich nur vage im […]

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