Das ewige Afrika: Krankheit, Krieg und Korruption

24/09/2014

Der Ebola-Ausbruch ruft die typischen Schablonen ab, die wir auf Afrika anlegen. Ohne sie kommen wir Menschen aus Mitteleuropa nicht weit. Ein Geständnis der Ahnungslosigkeit.

Der Himmel über Freetown strahlt unschuldig blau. Von einer Autobrücke aus fotografiere ich bunte Wellblechbaracken, die allereinfachste Verhältnisse verbergen. Pittoreske Armut als Sightseeing-Programm. Wir besuchen den Cotton Tree, ein uralter Kapokbaum und Wahrzeichen der Hauptstadt von Sierra Leone. Und wir stolpern in einer Kapelle in eine Hochzeit hinein.

Unsere Reisegruppe ist heiter unterwegs. Freetown ist ein freundlicher Ort an diesem Tag im Oktober 2013. Ein Jahr später – man verfolgt es gerade jeden Tag in den Medien – ist alles anders. Meine Bilder im Kopf scheinen aus einer anderen Stadt zu sein, aus einem anderen Land.

Zur Zeit herrscht in Freetown Ausgangssperre. Hilfsorganisationen und Regierungsbeamte gehen von Haus zu Haus, um Ebola-Infizierte zu finden und aufzuklären. Leichen liegen auf der Straße. Die tödliche Seuche breitet sich immer weiter aus, der Ausbruch ist der bisher schlimmste. Liberia hat es am heftigsten getroffen, aber daneben ist Sierra Leone der größte Virus-Hotspot.

»The Ebola epidemic in West Africa has the potential to alter history as much as any plague has ever done«, warnte kürzlich der oberste Seuchenexperte der USA, Michael Osterholm, in der New York Times.


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Freetown im Oktober 2013.


DER KRISENKONTINENT

Da ist es wieder, das typische Bild von Afrika: Krankheiten, Armut und Katastrophen. Auch die Reaktionen kennt man schon: Das ganze Elend sei zum größten Teil selbstverschuldet! Da stürmen diese Wilden, die noch an Hexer und Magie glauben, einfach eine Krankenstation! Afrika scheint vielen als ein hoffnungsloser Fall, für immer Dritte Welt.

Als die Ebola-Epidemie in Westafrika irgendwann wirklich bedrohlich wurde, las ich wieder in dem Buch Ach, Afrika: Berichte aus dem Inneren eines Kontinents* von Bartholomäus Grill, Auslandskorrespondent und Afrikakenner. Er beschreibt, wie eingeschränkt die Sicht eines Europäers auf Afrika ist. Die religiösen, ethnischen und sozialen Referenzsysteme fehlten. So bleibe nur eine Art »hermeneutischer Kolonialismus«, spekulative Interpretation.

Man erliegt den eigenen Projektionen: Afrika als das urtümliche, wilde Land. Als der kaputte Kontinent. Kriege, Krankheiten und Korruption: drei Konstanten, die sich in vielen Ländern finden lassen. Darfur, Ostkongo, Ruanda: Der ausdruckslose Soldat in Camouflage auf der Ladefläche eines Geländewagens ist ein archetypisches Bild von den großen afrikanischen Konflikten.

Aber dann gibt es diese Freundlichkeit, die Offenheit der einfachen Leute, die einem überall begegnet. Auf unserer Fahrt durch das Moyamba District in Sierra Leone hatten wir eine Reifenpanne und mussten in einem Dorf Halt machen. Die Kinder der einzigen Schule folgten ihrer Neugier und drängelten sich bald um unsere Wagen. Der Rektor tauchte auf und bestand darauf, dass die Kinder für uns singen. Wir waren ganz einfach gerührt.


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Schulkinder begrüßen uns in einem Dorf.


In den meisten afrikanischen Ländern stellt sich zum Beispiel auch die Frage: Wie kann man in einem Bus voller Fremder nicht anfangen miteinander zu sprechen? In einer deutschen U-Bahn wird man für einen aufdringlichen Sonderling gehalten.

ARMUT IST NICHT FRÖHLICH

Andererseits gibt es dieses ewige Missverständnis von der fröhlichen Armut in Afrika: Die Menschen haben nichts, aber sieh mal, wie sie trotzdem lachen! Ein Klischee. Und doch glaubt man sich, wenn man selbst durch Afrika reist, plötzlich leichter und sorgenfreier zu fühlen.

Im Kreuzberger Biomarkt, wo linke Akademiker 200 Euro für ihren Wocheneinkauf ausgeben und einen Lebensstil pflegen, den sich vielleicht drei Prozent der Weltbevölkerung leisten können, wird mit biederster Ruppigkeit der Kaffee bestellt, als gäbe es an diesem Tag speziell und allgemein im Leben nichts zu lachen. Wie entsetzlich falsch einem das plötzlich erscheint!

Aber wie falsch ist es auch zu glauben, die Menschen in Afrika nähmen das Elend irgendwie leichter. Und wie naiv zu glauben, man könne sich von dieser vermeintlichen Leichtigkeit im Umgang mit seinen Problemen etwas mit nach Hause nehmen, als ob einen die eigenen Sorgen dann weniger berührten.

AUFKLÄRUNG UND ABERGLAUBE

Wenn man im Stillen die unterschiedlichen Maßstäbe abwägt und versucht, seine persönliche Haltung zu finden, muss man irgendwann kapitulieren: Die »andere Seite« ist doch kaum nachzuvollziehen. Etwas anderes zu behaupten ist reine Anmaßung. Vielleicht muss man das einfach akzeptieren.

Ein Medizinmann in Kamerun habe ihm den »abendländischen Erkenntnisdrang« ausgetrieben, schreibt Grill. Alles erklären und durchdringen, eine schlüssige Antwort finden müssen: Das ist das Selbstverständnis der europäischen Aufklärung. Nicht überall ist es zu finden. Was dächte wohl der Dorfälteste Sengbeh Sannoh, wenn er die Berliner Charité betreten würde? Wenn man ihm eine Infusion legen wollte? Ich traf den Mann im Dschungel von Sierra Leone in dem kleinen Dorf Jene.


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Dorfältester und Dorfbewohner mit Schlangenbiss in Jene.


Zwischen den Lehmhütten saß jemand, dem eine Schlange in den Fuß gebissen hatte. Man erzählte uns, dass die Menschen in dieser Region glauben, dass Frauen, die von einer grünen Schlange gebissen werden, in vier Monaten schwanger werden. Auf dem T-Shirt von Sannohs Sohn stand wiederum: »Washing hands with soap is best.« Das Shirt einer Hilfsorganisation.

AFRIKA ALS EXOTISCHES ABZIEHBILD

Auf Reisen in Afrika bin ich manchmal unerklärlich gerührt, mich ergreift so ein humanistischer Optimismus, und ich denke: Irgendwie wird es schon klappen mit uns Menschen, wir werden unsere kulturellen Differenzen überwinden, den anderen in seinem Anderssein verstehen lernen und zusammen an der Zukunft arbeiten. Was anderes könnte auch das Ziel sein?

Aber dann sehe ich ein, dass ich mir doch bloß gut in der Rolle des abenteuerlustigen Reisenden gefalle, des vermeintlich einfühlsamen Entdeckers. Dabei verstehe ich oft wenig bis überhaupt nichts von den Menschen und der Art, wie sie leben. Und natürlich bin ich komplett privilegiert. Wie albern, da die Hand auszustrecken und zu sagen: Ach komm, lass gut sein, wir sitzen doch alle im gleichen Boot.

Trotzdem kann ich nicht abstreiten, dass mir das Schicksal der Menschen zu Herzen geht. Dass es mich anrührt und nachdenklich und sentimental macht. Damit ist natürlich niemandem geholfen. Und man ist nah dran an einem historischen Schuldkomplex. Aber ich bin überzeugt, dass Mitgefühl immer besser ist als Gleichgültigkeit oder gar Zynismus.

»Das Afrika, das unser Traveller erkundet, ist nur ein Sammelsurium exotischer Abziehbilder, die er zur Kulisse auf der Reise zu sich selber arrangiert hat«, schreibt Bartholomäus Grill. Den Eindruck hat man oft. Ich kann nicht leugnen, dass er bis zu einem gewissen Punkt auch für mich selbst zutrifft. Afrika als Abenteuer, dass unser Leben in Überfülle ein bisschen aufregend macht!

KRIEG UND VERSÖHNUNG

Sierra Leone ist gerade kein Ort für exotische Selbstinszenierung. Die Ebola-Epidemie reproduziert das Klischee von Afrika als Kontinent der Katastrophen. Das ist nachvollziehbar und doch so traurig.

In Freetown haben wir auf unserer Reise das Sierra Leone Peace and Cultural Monument besucht, ein Mahnmal für den Bürgerkrieg, der vor mehr als zehn Jahren unter anderem um die Diamanten des Landes geführt wurde.


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Sierra Leone Peace and Cultural Monument.


Über das Gelände führte uns Peter Momoh Bassie, 29 Jahre alt. Er hatte beide Elternteile im Krieg verloren. Auf einer Schautafel zeigte er uns den Namen seines erschossenen Vaters. Er kenne auch den Menschen, der seine Mutter umgebracht habe, der lebe in der Nachbarschaft. »I know the guy who shot my mother.« Er sagte diesen Satz ohne Zorn, Vergangenheit ist Vergangenheit. Was für eine Bereitschaft, den Teufelskreis der Gewalt zu überwinden!

SIERRA LEONE IST EIN VORBILD

»It was not a tribe war«, erklärte uns der Chef des Fremdenverkehrsamtes, Cecile Williams, bei einem Mittagessen in Freetown. Die meisten Menschen hätten sich ausgesöhnt und Frieden gefunden. Der Aussteiger und Hotelbesitzer John Pierce aus Großbritannien am Tokeh Beach zeigte sich überzeugt: »They are Sierra Leones first, and everything else second. The tolerance of the people is their winning point.«

UN-Generalsekretär Ban-Ki Moon sagte 2010 in Freetown: »Sierra Leone represents one of the world’s most successful cases of post-conflict recovery, peacekeeping and peacebuilding.«

Das klingt so gar nicht nach dem typischen Afrika.


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Peter Momoh Bassie.


Das Ziel unserer Reise war, das touristische Potenzial Sierra Leones auszuloten. Es könnte ein Sektor sein, der Geld ins Land bringt, das waren die Hoffnungen des Ministeriums. Dann kam Ebola. Alle Pläne, das Land zu einer Urlaubsdestination zu machen, sind auf unabsehbare Zeit hinfällig.

Das afrikanische Schreckgespenst ist wieder da. Die Postkartenidylle am Tokeh Beach bleibt vorerst menschenleer. Sierra Leone wird wohl in Vergessenheit geraten, so wie ganz Afrika, jedes Mal wenn die eine Krise vorüber ist – solange bis die nächste kommt. Dazwischen kann man nur versuchen zu verstehen. Scheitern und es weiter versuchen. Es ist der einzige Weg.

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4 comments

Madlen 08/11/2014 at 18:33

Sehr schöner Artikel! Spricht mir sehr aus dem Herzen. Wie oft schwanke ich in meinen Diskussionen, wenn es um das Thema Afrika geht. Ich habe das Gefühl, es ist schwer, die “richtige” Perspektive einzunehmen. Das fiel mir sogar noch schwerer nach meiner Projektarbeit in Uganda.
Und dann … kaum rafft sich ein Land etwas auf und man hat Hoffnung, kommt die nächste Katastrophe und man fragt sich, warum jetzt schon wieder Afrika? LG, Madlen

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Oli 08/11/2014 at 19:04

Toller Beitrag. Ich denke aber, dass sich diese eingeschränkte Wahrnehmnung nicht auf Afrika beschränkt, sondern auch auf viele andere Kulturen, die man nicht auf Anhieb durchdringen kann. Sehr spannend.

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Philipp Laage 18/11/2014 at 20:05

@Madlen: Womöglich gibt es keine “richtige” Perspektive auf diesen Kontinent.
@ Oli: Da gebe ich dir Recht.

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Jens 02/12/2017 at 12:46

“Ach Afrika” könnte ich eigentlich auch mal wieder lesen! Schöne Gedanken, die Du Dir da gemacht hast!

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