Warum Nha Trang nicht das Nizza des Ostens ist

02/01/2015

Die Küstenstadt Nha Trang galt einmal als das »Nizza des Ostens«. Damals herrschten noch die Franzosen über Vietnam. Heute dominieren Hoteltürme, nur ein paar alte Heiligtümer gibt es noch.

Der Mensch zieht immer Vergleiche, damit er nicht überfordert wird. Das gilt auch für touristische Ziele. Nha Trang zum Beispiel, die Küstenstadt Vietnams am südchinesischen Meer, galt den französischen Kolonialherren als „Nizza des Ostens“. So erklärt es der Reiseführer gleich im ersten Satz zu der Stadt. Ob man also will oder nicht – die Assoziation ist gesetzt: Nha Trang, das ist irgendwie Nizza.

Vergleiche sind immer schwierig. Einerseits sind sie selten wirklich korrekt, weil auf dieser Welt grundsätzlich kaum ein Fall (Mensch, Stadt, Situation) dem anderen gleicht. Andererseits sind wir auf sie angewiesen, weil wir sonst orientierungslos durch unser Leben stolpern würden. In jedem Fall sind Vergleiche unvermeidlich, man kann sich kaum von ihnen freimachen.

Nha Trang verdankt seinen Ruf als Nizza des Ostens seiner rund fünf Kilometer langen, von Palmen gesäumten Strandpromenade. Fern der mediterranen Heimat wussten die europäischen Besatzer das Klima und die Topografie dieses Ortes zu schätzen. Es ist das ganze Jahr über warm, der Sand gleißend-weiß und müllfrei, tatsächlich also ein bisschen Nizza. Der Strand ist nun allerdings der einzige Vorzug Nha Trangs.


Nha Trang
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Nha Trang
Ein bisschen Nizza: die Strandpromenade von Nha Trang.


Backpacker kommen in der Regel in einem kleinen Viertel südlich des Zentrums unter, das in etwa von der Nguyen Tih Minh Khai im Norden und der Tue Tinh im Süden begrenzt wird. Und hier fängt das Problem an. Die Unterkünfte sind recht spartanisch, was an sich völlig in Ordnung ist, sie sind aber auch ziemlich seelenlos. Man geht dunkle, schmucklose Treppenhäuser hinauf, das Zimmer sieht dann nicht anders aus. Niemand hat hier offenbar Gedanken an so etwas wie eine Einrichtung verschwendet. Ich komme mir mehr vor wie in einem Stundenhotel als in einer Traveller-Absteige.

Die nähere Umgebung verfügt über Restaurants, in denen in aller Regel nur Touristen essen (was immer ein schlechtes Zeichen ist). Über allem liegt eine Geschäftigkeit, die vielleicht auch in anderen Touristenvierteln vorherrschend ist, aber in der Backpacker-Meile von Nha Trang nicht einmal versucht wird zu kaschieren. Es beschleicht einen ständig das Gefühl: Das Essen könnte besser sein und dafür günstiger – und schon kommt man sich wie ein deutscher Spießbürger vor, der im Urlaub nichts Besseres zu tun hat als sich über die Speisekarte zu beschweren. Furchtbar, also schnell diesen Ort verlassen.

Wir schlendern die Promenade entlang mit diesem leichten Zweifel, ob genau dieser Akt des Flanierens nun einen Ausflug nach Nha Trang gerechtfertigt haben könnte. Irgendwie nicht. Natürlich, die Sonne scheint, das Wasser liegt vor uns (gerade um die Mittagszeit ist es zu heiß zum Schwimmen), und das erlaubt erst einmal eine gewisse Vergnüglichkeit. Doch die Hoteltürme direkt an der corniche erinnern daran, dass der Strand nicht zu einer einsamen Bucht gehört, sondern als touristisches Massenprodukt vermarktet wird, vor allem für russische Gäste übrigens.

Aber Moment, kann man jetzt einwenden, das ist doch am Mittelmeer auch nicht anders! Das stimmt. Aber nach Nizza fährt man nicht zum Baden, sondern für ein savoir vivre zwischen nachmittäglichem Kaffee und abendlichem Wein – für die Illusion also, dass man der stumpfen Routine des Alltages irgendwie eine natürliche Erhabenheit des Genießens entgegensetzen kann. Womit wir wieder in Nha Trang wären.

Das Meer ist natürlich schön, um sich abzukühlen, aber man verreist ja auch deshalb, weil man das Prinzip des Strandurlaubs mit seinem Herumliegen und Braunwerden aus nachvollziehbaren Gründen ablehnt. Was also hat Nha Trang zu bieten, wenn die Haare nach einem Sprung ins Meer wieder getrocknet sind?


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Nha Trang
Nha Trang
Nha Trang abseits der corniche sieht recht schmucklos aus.


Das Stadtbild selbst ist leider nicht sehr ansprechend. Funktionale Wohnblocks, Motorbike-Verkehr, Stromkabel über den Straßen. Gleichzeitig fehlt die Größe und Urbanität einer Stadt wie Saigon. Ich fühle mich mutmaßlich so inspiriert wie ein asiatischer Tourist, der am Dienstagmittag durch die Fußgängerzone von Gelsenkirchen läuft. Okay, und jetzt?

Zum Glück hat der Reiseführer noch zwei Ausflugs-Tipps parat – genauer gesagt: die kulturellen Top-Sehenswürdigkeiten Nha Trangs. Wir folgen der Promenade nach Norden über die große Hafenbrücke, um uns Po Nagar anzugucken, einen hinduistischen Tempel des Cham-Volkes, das heute eine ethnische Minderheit in Vietnam stellt. Der Haupttempel wurde, nachdem er zuvor bereits einmal zerstört worden war, im 11. Jahrhundert neu errichtet. Es ist das letzte große Bauwerk der Cham, der Ziegelbau ist erstaunlich gut erhalten. Nha Trang stimmt uns ein wenig milde.


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Kulturvisite beim Tempel Po Nagar: eine kleine Entschädigung.


Einen zweiten Stopp an diesem Monsuntag machen wir bei der Long-Son-Pagode mit ihrer weißen Buddha-Statue auf der Spitze eines kleinen Hügels. Wir können uns nicht entscheiden, ob wir die Anlage nun besonders beeindruckend finden sollen, laufen aber erst einmal umher mit dem Gestus von Leuten, die ihr ernsthaftes Interesse für ein kulturgeschichtliches Thema auch irgendwie durch die Züge in ihrem Gesicht zum Ausdruck bringen wollen. Aber so richtig springt der Funke nicht über. Womöglich ist jetzt die Zeit, um zum Strand zurückzufahren und noch einmal zu schwimmen.


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Zu guter Letzt: Die Long-Son-Pagode.


Nizza des Ostens, dieser Vergleich schien wohl vor hundert Jahren angemessener als heute. Die Stadt muss damals ein kleiner Fischerort gewesen sein, dem die Kolonialherren aus Frankreich ihren kulturellen Stempel aufdrückten. Heute überragen die Hoteltürme das Meer, es herrscht touristische Geschäftigkeit, und doch bewegt sich die Zeit für den Besucher so schleppend voran wie ein Verdurstender in der Wüste. Abschied. Und die große Lust, mal wieder Nizza zu sehen.


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