Smartphone auf Reisen: Das Ende der Erinnerung

29/01/2015

Auf einer Berghütte in den Ortler Alpen braucht man kein Internet. Doch das Smartphone ist auf Reisen zum ständigen Begleiter geworden. Das ist fatal. Wir verlernen eine Fähigkeit, die das Leben erst sinnvoll macht.

Vor einigen Jahren, also ungefähr mit 19, hatte ich plötzlich das Verlangen, wieder in die Berge zu fahren – so wie früher als Kind. Ich fragte zwei Freunde, die noch nie 1000 Höhenmeter an einem Tag irgendwo hinaufgestiegen waren, und sie fanden die Idee sofort ziemlich stark. Seit diesem Sommer vor einigen Jahren also fuhren wir jedes Jahr in die Berge, jedes Mal in leicht wechselnder Besetzung.

Eigentlich ist ein Urlaub in den Bergen, so wie wir ihn angingen, eine ausgesprochen einfache Unternehmung: Man läuft den ganzen Tag von einer Hütte zur nächsten, rastet und trinkt zwischendurch, abends geht man um 21 Uhr schlafen, und morgens ist man um 6 Uhr wieder auf den Beinen. Auf den Pfaden und Steigen im Hochgebirge lenkt nichts den Geist ab, das Ganze hat etwas Meditatives, was meiner Ansicht nach wenig mit dem neumodischen Meditieren der Großstädter in ihren stilsicher eingerichteten Altbauwohnungen zu tun hat.

Ich habe die Abende auf den Berghütten immer als etwas unglaublich Erfüllendes erlebt. Wir sind den ganzen Tag marschiert, oft fegte uns stundenlang Regen ins Gesicht. Aber abends saßen wir in einem vom offenen Feuer gewärmten Gastraum, aßen Schnitzel, tranken Radler, und der Kopf glühte im warmen Dämmerlicht der Stube. Man fühlte sich auf eine höchst erholsame Art vollkommen erschöpft. Dann kam der Sommer in den Ortler Alpen.


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Auch in diesem Jahr in Südtirol saßen wir nach einem langen Wandertag abends auf der Hütte an einem rustikalen Holztisch in der Runde und bestellten Essen und Radler und manchmal auch einen Obstler. Doch etwas war anders. Aufgrund eines besonderen Angebots der Telekom war es möglich, in einem EU-Land seiner Wahl kostenlos im Internet zu surfen.

Wir saßen also beisammen, und der eine schrieb mit seiner Freundin bei Whatsapp, der andere verfolgte den Bundesliga-Liveticker, und der dritte überflog alle fünf Minuten die Facebook-Timeline. Die Smartphones, die meist auf dem Tisch lagen, wirkten wie Gravitationspunkte, denen sich die Hände immer wieder näherten. Sie zogen die Aufmerksamkeit der Anwesenden unterschwellig auf sich wie eine Droge, von der man nicht die Finger lassen kann.

Aus heutiger Sicht scheint es mir, als hätten wir an diesen Abenden auf den Hütten nicht wirklich miteinander gesprochen im Sinne von: etwas ausgetauscht. Man sagt etwas, der anderen nimmt es auf, denkt nach, kommt zu einem Gedanken und gibt diesen zurück – und daraus entsteht diese dichte, bedeutende Stimmung, die in dem ganz bestimmten Moment etwas zwischen Menschen verändert. Unsere Abende aber blieben statisch.

Einmal spielten wir Mensch ärgere dich nicht. In dieser Stunde, in der wir unsere volle Aufmerksamkeit dem unvorhersehbaren Reiz des Würfelspiels widmeten, verfielen wir in Begeisterung. Die Temperatur am Tisch stieg. Doch schon nach kurzer Zeit kehrten wir zurück zu unseren kurzsilbigen Gesprächen, und die Aufmerksamkeit ging weg vom Tisch in einen Raum, der woanders lag als in der heimeligen Schankstube der Hütte.


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Mit einem gewissen Bedauern blickte ich, der noch eine Woche in den Bergen blieb, auf die vergangene Woche in unserer alten Wandergruppe zurück. Irgendetwas hatte gefehlt, ich spürte eine dumpfe Ernüchterung und gleichzeitig eine anhaltende Sehnsucht nach Momenten, die nicht eingetreten waren und deren Chance auf baldige Wiederholung in unbestimmbarer Ferne lag.

Als ich mich am Ende meiner Reise von Sulden auf den Heimweg machte, die Nachmittagssonne satt ins Tal schien und ich grundlos bester Stimmung war (noch am Morgen hatte ich auf dem Gipfel des Ortler gestanden), fiel mir ein Text in die Hände, der die Gedanken ausformulierte, die ich nur vage im Kopf hatte.


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Christoph Scheuermann schrieb im SPIEGEL folgende Sätze:

»Allmählich begann sich etwas zwischen mir und meinen Freunden zu verschieben. Wir wurden ungeduldiger, unkonzentrierter miteinander, wenn wir uns sahen, vielleicht in der Befürchtung, etwas zu verpassen, was parallel im Internet passiert. Wir stellten einander weniger Fragen, denn unsere Leben synchronisierten sich ja online. Noch ein Effizienzgewinn. Ich frage mich, was wir mit der gesparten Zeit gemacht haben. Unsere Sprache wurde kurzatmiger, wir rutschten in Superlative ab – irre, krass, Wahnsinn, geil. Die Zwischentöne aber, die Selbstironie, die Zweifel, diese schöne, alberne Melancholie nach drei, vier Stunden Plaudern, all das, auf dem Vertrauen wächst und später vielleicht Freundschaft, wurde seltener.«

Ich glaube nicht, dass sich der Wert unserer Freundschaft durch die Reise negativ verändert hat. Freundschaft heißt, dass man, auch wenn man sich ein halbes Jahr nicht gesehen hat, so offen und unverstellt miteinander reden kann, als wäre kein Tag vergangen. Ohne auf die eigene Rolle zu achten, auf das Bild, das man sich über die Jahre von sich selbst gemacht hat. Unsere Reise in die Berge war gemessen an diesem Ideal mit Sicherheit kein Ausfall nach unten – aber was, wenn es immer so bliebe?

Heute zweifle ich manchmal, ob die Leute meine Bedenken zu Smartphones überhaupt nachvollziehen können. Und es wurde schon so viel über die Auswirkungen des Internets gesagt, dass man es nicht mehr hören kann (und dazu wird eine ganze Menge Schwachsinn gesagt, was es nicht gerade leichter macht). Aber mittlerweile glaube ich, dass uns etwas abhanden kommt: die volle Präsenz in der physischen Gegenwart, eine urmenschliche Fähigkeit und Notwendigkeit auf dem Weg zu einer erfüllten Existenz.

Die immer nur kurzfristige, geteilte und flüchtige Aufmerksamkeit der mobilen Internetnutzung zerstört die Fähigkeit, einen Moment im Leben voll und ganz wahrzunehmen. Sie zerstört damit auch die Fähigkeit, überhaupt Erinnerungen zu produzieren und, ganz allgemein, bewusst zu leben. Die Vergangenheit wird so zu einem vagen Dunst. Man erkennt im Rückblick nicht mehr klar, was man überhaupt erlebt hat.

Erstaunlicherweise glauben die Menschen, dass sie mit ihrem Smartphone ganz viele Erinnerungen einfangen und teilen – das Gegenteil ist der Fall.

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11 comments

Aylin 30/01/2015 at 18:42

Hey Philipp, es ist doch ein Trauerbild, wenn ganze Gruppen (z.B. in Wartesituationen am Flughafen, Lobby etc.) stumm nebeneinander sitzen oder Leute im Restaurant nicht mehr richtig miteinander sprechen, weil das Internet/ Candy Crush/ FB aktualisieren (…) anscheinend mehr Aufmerksamkeit verdient. Das bewusste Offline-sein müssen wir wohl erlernen bzw. uns selber dazu “zwingen”, um nicht der Versuchung “mal eben was updaten/ aktualisieren” zu erliegen. Gleichzeitig, auch wenn das nicht Hauptthema dieses übrigens gelungenen Artikels ist, erfordert es von einem selbst, nach außen zu signalisieren: Ich bin nicht immer erreichbar/ online. Während der Kulturpessimist nun Smartphone und Internet verteufelt, glaube ich, dass es Teil des Fortschrittsprozesses ist, den Umgang mit all den Möglichkeiten bewusst zu gestalten- und sicher lernen wir mit der Zeit, was uns wirklich gut tut. 🙂

Schöner Artikel! LG Aylin

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runtravelgrow.de 02/02/2015 at 22:02

Hey Aylin! Ich bin völlig dagegen, Smartphones und Internet zu verteufeln – beides ist großartig. Ich sehe es wie du: Man muss den Umgang damit erst erlernen. So, dass er das Leben bereichert und nicht das Gegenteil bewirkt. Ich glaube aber, bei vielen herrscht die Meinung vor, die Technik muss vollkommen zu Recht exzessiv genutzt werden, einfach weil es GEHT – und da ist der Fehler. Liebe Grüße!

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Manuel 02/02/2015 at 16:45

Hi Philipp,

ein gelungener Artikel und du triffst da wirklich den Nagel auf den Kopf.

Auch in meinem Freundeskreis (und auch bei mir selbst) fällt mir immer häufiger auf, wie Dauerpräsent die Smartphones sind. Irgendwer schaut eigentlich immer drauf. Ein kurzer Blick, was sich bei Facebook tut, oder eben nur mal die Mails checken. Statt eine Unterhaltung selbst in Gang zu bringen, wartet man lieber darauf von anderen unterhalten zu werden.

Ich denke das Problem ist, wie Aylin schon so treffend bemerkt hat, dass wir erst lernen müssen damit umzugehen.
Zum ersten mal, haben wir Menschen die Möglichkeit, rund um die Uhr, an jedem Platz der Erde, immer in Echtzeit mit Freunden und Familie vernetzt zu sein. Immer und überall so gut wie jede Information abrufen zu können.
Das ist natürlich ein Erleichterung unseres Lebens, der seines Gleichen sucht. Doch ist es auch eine unglaublich große Versuchung.

Wir haben jetzt lange die Vorteile von Netzwerken genossen. Jetzt wird es mal wieder Zeit für Gesellschaft:) sonst sind wir bald so “sozial”, dass wir das Reden verlernen.

Dein Artikel hat mich jedenfalls daran erinnert, auch bei mir selbst mal wieder mehr drauf zu achten, dass das Handy in der Tasche bleib, danke dafür!:)

Gruß Manuel

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Philipp Laage 02/02/2015 at 22:21

Hallo Manuel, freut mich, dass der Text auch bei dir einen Nerv getroffen hat. Ich muss mir das oft immer wieder bewusst machen, dass ich manche Situationen besser in Erinnerungen behalten werde, wenn ich das Handy in der Tasche lasse. Intuitiv greift man eben doch oft danach…

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Danièle 08/02/2015 at 11:01

Lieber Philipp
Danke für deinen Artikel. Das Thema war diese Woche bei uns in den Bergen ebenfalls ein grosses Thema! Ich habe mir erlaubt, deinen Link in meinem Blog zu posten.

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Philipp Laage 09/02/2015 at 18:04

Aber gerne doch, Danièle.

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Alexandros Tsachouridis 22/03/2015 at 17:46

Ab und zu schaue ich hier rein. Immer wieder schenkst du mir ein Laecheln, denn du hast stets die Gabe, dass du Themen aufgreifst, die sich mit Veraenderung befassen. Und du reflektierst auf eine Art und Weise fuer uns alle mit – dir ist die Gabe verliehen, dass du Bilder in Buchstaben malen kannst. Soviel dazu.

Generell ist das ein heikles Thema, diese Smartphones und das www.
Wir in der westlichen Welt sind doch damit aufgewachsen. Ich erinnere mich noch an das Modem, das so piepste und machte, dann war man drin. Das war noch ein Erfolgsgefuehl auf 56k Level. Aber Zeiten aendern sich, das war uns allen damals schon klar.

Doch wer lehrte uns damit umzugehen. Meine Lehrer an der Hauptschule, vor ueber 15 Jahren sagten schon: -Passt auf, dass ihr nicht zu viel da im www rumhaengt, das macht euch bloed und stumpf, das wahre Leben ist hier in der realen Welt…-

Wir haben gelacht, denn wir waren ja alle noch jung und spielten lieber Flaschendrehen und Ballspiele ala Voelkerball und wer der beste Sportler war, war eindeutig relevanter und auch gesuender, als jemand zu sein, der die meisten digitale Freunde zaehlen kann.

Heute, da leben wir in 2015 und erschreckenderweise durfte ich auf meinen Reisen durch Indien und Bangladesch erfahren, dass junge Leute uns als Vorbild nutzen. Sie wollen auch in den Konsum-Luxus kommen, online sein, sharing, likes und whatsappen… und wo immer es Internet gibt, wollen sie sich das Signal in die Adern hauen. In China schicken Eltern ihre Kinder in Kliniken, weil diese abhaengig sind und nicht mehr am normalen Alltag teilnehmen. In Deutschland gibt es auch schon Einrichtungen, wo junge Leute sich mit dem Thema Internet auseinandersetzen muessen, weil sie damit nicht mehr umgehen koennen.

Wir haben also eine Zeit erreicht, wo uns das Netz sprichwoertlich eingefangen hat – wir sind ihr Futter geworden.
Aber traurig ist daran eigentlich viel mehr, dass die Vernetzung in einem gesunden Verhaeltnis enorme Vorteile bieten koennte. Austausch an Wissen, support von Projekten die sonst keine Reichweite erhalten oder schlichtweg das mediale Licht auf extreme Veraenderungen lenken und somit Menschen zum Nachdenken anregen. Teils passiert das auch, dein Blog ist ja ein guter Ort und damit ein Beweis fuer sinnvolles Handeln im Netz. Du teilst ja etwas, was gesund ist – naemlich deine gesunde Moral und dein natuerliches Gefuehl zur Umwelt und der globalen Entwicklung.

Ich hatte damals einen Bericht von dir nach Griechenland geschickt, du schriebst ueber die Krise. Die Leser erkannten deine enorme Arbeit und das waere alles nicht gewesen, wenn es das Internet und diese www Entwicklung gegeben haette.

Also versuche ich persoenlich die negative Entwicklung auszublenden, wenn das auch extrem schwer ist. Ich selbst besitze gar kein Smartphone und habe nicht einmal einen Internetanschluss zu Hause, hier in Griechenland. Und so fuehle ich mich gesuender und lese jetzt deinen Beitrag an einem offenen PC, in der Bar, in der ich arbeite. Der Deejay spielt Musik, die Menschen sitzen rum und tun – was wohl ? Sie schauen in ihre Phones und klicken hastig paar comments oder scrollen runter und rueber, links und rechts… auf allen Tischen liegen diese Geraete, von denen wir alle wissen, dass allein schon die Herstellung mit Blut verbunden ist… aber wen interessiert das ?

Wenige, aber diese wenigen werden mehr, so mein Gefuehl. Nach vielen Jahren der Reise komme ich zu dem Entschluss, dass viele Menschen wieder einen Gang runterschalten wollen. Sie treffen sich in kleinen Gruppen und reflektieren ihren Lebensstil. Erkennen darin eine enorme Geschwindigkeit, welche ihnen am Ende doch alles nur erschwert hat, weil der Genuss fehlte.

Jetzt drehe ich meinen Kopf nach links, da sitzen zwei Jungs, beide am Smartphone, der eine hat ein Bier vor sich, der andere seinen eigenen Aschenbecher. Der mit der Kippe war schon frueher und ich hoerte ihn sagen, dass sein Kollege gleich kommt, sie haetten sich gegen 19.30 Uhr verabredet… jetzt sitzen sie also gemeinsam da und doch sind sie alleine…

Dieses Bild hat sich auch bei mir eingepraegt, seit ich in Griechenland arbeite. Seit drei Monaten. Aber am Ende ist halt doch jeder fuer sein eigenes Wohl und Sein verantwortlich und jeder selbst wird spueren, was sich richtig anfuehlt.

Du bist nicht allein mit deinen Gedanken.

Danke, dass du dir wieder einmal die Zeit genommen hast, um dich mit Buchstaben zu verkoerpern.
Auf dass du gesund und gluecklich deinen Pfad im Leben gehen kannst… und vor allem in Ruhe und im Einklang mit dem was dir gut tut.

peace.
Alexandros Tsachouridis

Reply
Philipp Laage 25/03/2015 at 19:59

Alexandros, vielen herzlichen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Das finde ich toll, wenn sich jemand so viel Zeit nimmt, mache ich selbst viel zu wenig.

Ich will auch gar nicht wie so ein Technikpessimist klingen, aber manchmal packe ich es echt nicht mehr: Man sitzt am schönsten Ort der Welt und hat nichts besseres zu tun, als seine Timelines zu checken. Bei manchen habe ich den Eindruck, dass sie ihr Leben abseits des Geräts verpassen.

Die guten Wünsche gebe ich gerne an dich zurück! Schau gerne bald wieder rein.

Philipp

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12mal12 Januar - heldenwetter 04/10/2015 at 18:07

[…] dieser Punkt sollte natürlich nicht nur Gelaber sein, sondern auch eine Empfehlung beinhalten: Dieser sehr kritische Beitrag auf Run, Travel, Grow übers Smartphone auf Reisen hat mir sehr gut gefallen […]

Reply
Nickel 17/08/2016 at 12:06

Hallo Philipp,
durch zufall habe ich dein Artikel gefunden und gelesen. Ich finde deione Gedancken Toll! mir geht es auch so, aber alles so auf dem “Papier” zu bringen? aller Achtung.
Ich finde Deine andere Reiseberichte auch sehr schön. Als jemand, der auch öffter Auf dem Gipfel steht, beuge ich mich vor deinen bergischen Gefühle!

wer weißt, vielleicht trifft man sich mal irgend wo auf einem Gipfel.
Viele Grüße
Nickel

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Nickel 17/08/2016 at 12:13

… viel Schreibfehler 🙁
Sorry

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