Abschied in Buenos Aires

21/01/2018

Eine Reise ist die beste Ablenkung von der Wirklichkeit zwischen zwei Menschen. Eine Idealversion des Zusammenseins in malerischen Kulissen. Das haben uns Hollywood und die Werbung gelehrt. Was für ein Irrtum.

Unsere Reise war vorbei, bevor sie begonnen hatte. In Argentinien kam sie buchstäblich und metaphorisch gesprochen zu ihrem Ende, dabei sollte das mit uns doch erst richtig losgehen. Was für ein Klischee, doch es stimmte.

Wir hätten die unbequemen Wege der vergangenen drei Wochen auf vereiste Berge, durch Salzwüsten und über Schlammpisten im bolivianischen Dschungel in euphorischer Erwartung auf die Zukunft – auf unsere Zukunft – als etwas Verbindendes erleben sollen. Wir hätten beglückt darauf anstoßen sollen in dieser leichten, schönen Metropole: Buenos Aires. Wir taten es nicht. Wahrscheinlich hatten wir beide schon eine Ahnung. Nun lief ich allein durch die Straßen, Sommer auf der Südhalbkugel, und mein Herz war froh.

Du warst zwei Tage vor mir abgereist. Ich habe vergessen, wieso. Termingründe, Flugverbindungen, sowas. Wir hatten uns nett verabschiedet. Ich blieb in der Wohnung deiner Bekannten. Lag sie im Stadtteil Flores? Ich weiß es nicht mehr. Von Buenos Aires blieb mir wenig Faktenwissen in Erinnerung, nicht einmal grundlegende Orientierung.

Ich habe nur noch einzelne Szenen im Kopf. Wie ich durch das Réserva Ecológica joggte, das Naturreservat direkt am Rio de la Plata, wo mir Buenos Aires tatsächlich als »Stadt der guten Lüfte« erschien. Ich lief mit diesem allerbesten Gefühl beim Laufen, mich von ungesunden Anhaftungen befreit und leichten Schrittes einer positiven Zukunft zu nähern.

In Uyuni war ich auch gejoggt, auf 3650 Metern – eine kurzatmige Qual. Dort war es am Abend komisch gewesen zwischen uns, das weiß ich noch sehr genau, in einem schmucklosen Hostel in dieser hässlichen Stadt am Rand der großen Salzwüste, die so viele Touristen anlockt. Vor allem kalt war es in Uyuni gewesen.


Reserva Ecológica de Buenos Aires.


Wie ich die Wärme in Buenos Aires genoss. In San Telmo ein fettes Steak essen, schon mittags Rotwein trinken und sich an den morbiden Fassaden erfreuen. Hinten im Restaurant dudelte Tangomusik. Ich hatte keinerlei Interesse, es mit dem Tanzen einmal selbst zu versuchen, was du dir vielleicht gewünscht hättest (ich fragte dich nie). Ich saß in der warmen Sonne und genoss, wieder für mich zu sein.

In Asuncion, da hatten wir ein schönes Hostel gehabt. Ich weiß, es klingt absurd, aber ich erinnere mich noch an genau einen einzigen Satz von dir aus den drei Tagen in Paraguays Hauptstadt: »Ich fände es schön, wenn wir im Hostel mal einen Salat machen würden.« Mir stand auf unserer Reise stets der Sinn danach, auswärts zu essen. Aber bitte mit Nachtisch und noch einem Glas Malbec, etwas verschwenderisch also. Das war dir, glaube ich, immer etwas dekadent und unnötig vorgekommen, und auch nicht allzu gesund.

Ich willigte ein zum Salat, etwas enttäuscht, und meinte ein grundsätzliches Problem erkannt zu haben. Schwachsinn. Aber im Rückblick sind es oft solche Details, aus denen man eine Wahrheit herauszulesen glaubt. Als hätte der Salat gezählt und nicht das Gespräch dazu.

Wir hatten unsere Reise angefüllt mir Erlebnissen: Mountainbiken auf der Death Road, Bergtour auf den Huayna Potosí, Jeeptour zu Lagunen und Flamingos, Besuch der Iguazu-Wasserfälle. Aber in den stillen Momenten – nach dem Ankommen, vor dem Aufbrechen – da war es stumm geblieben zwischen uns.

Gut, ich habe dir Vorträge gehalten. Zum Beispiel, warum es nun genau zur Eurokrise in Europa gekommen war und andere Dinge, die dich maßlos langweilten. Du hast dir kaum Mühe gegeben, das Gegenteil vorzuspielen.


Steak und Rotwein: Restaurant in San Telmo.


Philippo, so hattest du mich am Anfang immer genannt und dann wohlwollend gelächelt, mit Zuneigung. Das wurde bald seltener. Ich kann es dir nicht verübeln.

Ich habe dich generell zu wenig gefragt. Es war eine Zeit, in der ich mich selbst gerne reden hörte und dem Zuhören wenig Bedeutung beimaß. Ich interessierte mich für die großen Zusammenhänge, du für das Einzelschicksal. Ich sah in allem sofort Symptome von etwas Größerem, du sahst wahrscheinlich immer etwas genauer hin. Ich konnte aufbrausend sein in meinem Ernst und damit völlig albern. Du schienst mir, unter der Oberfläche, immer etwas traurig, und ich war nicht in der Lage herauszufinden, wieso.

Nun war es zu spät, du warst abgeflogen. Prächtiges Buenos Aires, eine Stadt mit europäischem Charakter. Ich dachte an Madrid und Rom. Im angesagten Viertel Palermo trank ich feinen Kaffee und schlenderte durch Boutiquen. Ich fühlte mich als Teil einer kosmopolitischen Jugend, nur weil ich feuerrote Nike-Turnschuhe zu einem günstigen Kurs erstand. Sowas konntest du natürlich nur belächeln.

So saß ich am letzten Tag der Reise da: allein, ausgeglichen, etwas selbstgerecht. Nicht beunruhigt. Dabei war die Sache zwischen uns längst klar.

Am nächsten Morgen saß ich im Flugzeug nach Deutschland, und schon bald, in einigen Wochen – der Baum im Hof würde wieder Blätter tragen, der Frühling noch aufziehen über der wintergrauen Stadt – da sollten wir Fremde sein.


San Telmo.


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2 comments

Eva 11/04/2018 at 12:23

Ein interessanter Artikel!!! Nach dem Lesen habe ich nachgedacht. Würde ich gerne BUENOS AIRES besuchen oder nicht?!
Ich mache meine Augen zu und stelle mir vor, wie der Autor die Wärme in Buenos Aires geniesst, in San Telmo sitzt, ein fettes Steak isst…. Und jetzt kann ich sicher antworten: JA, ich will Argentinien unbedingt besuchen und mich ein wenig entspannen. In Zukunft werde ich bestimmt ein Ticket kaufen und in dieses wunderbare Land fahren.

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Philipp Laage 10/05/2018 at 10:47

Buenos Aires ist sicher eine Stadt, in der man verschiedensten Gefühlen gut nachgehen kann 🙂

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