Mythos Bondi Beach

30/11/2019

Surfer, Schwimmer, Schaulustige: Sie alle versammeln sich in Sydney an einem ikonischen Ort. Bondi Beach ist der bekannteste Strand Australiens. Warum eigentlich?

Der berühmteste Strand Australiens wird von Surfern aus Sydney eher gemieden. »Die Einheimischen kommen nicht unbedingt hierher«, sagt Bruce Hopkins. »Die Wellen sind nicht gut zu reiten, sie brechen schnell.« Trotzdem ist Bondi Beach ein Mythos, seine Anziehungskraft reicht weit über die Landesgrenzen hinaus. Hopkins hat zur Legendenbildung beigetragen.

Als Head Life Guard ist Bruce »Hoppo« Hopkins das Gesicht der erfolgreichen australischen Fernsehserie Bondi Rescue. 13 Staffeln zeigen die Arbeit der Rettungsschwimmer. Hopkins – 50 Jahre alt, schlank, Dreitagebart – macht den Job seit 27 Jahren. Sein Alter sieht man ihm nicht an. »Ich genieße das immer noch«, sagt er in seinem Büro im Bondi Pavillon über die Arbeit. »Es ist gut, hier draußen zu sein und Leuten zu helfen.« Man glaubt es ihm sofort.

In der Tat gibt es viel zu tun. An belebten Tagen kommen 30.000 bis 40.000 Besucher an den Strand am Pazifischen Ozean. Bondi Beach ist ein Wahrzeichen, offizielles Nationalerbe Australiens, Symbol für die Identität des Landes, eine internationale Marke.

THE HYPE IS REAL

Touristen aus aller Welt gehen hier einmal ins Meer oder stellen sich zumindest für ein Foto auf der Promenade auf. Ortsfremde legen ihre zumeist eher bleichen Körper kurz oder etwas zu lange in die Sonne. Manche melden sich bei der Surfschule am Nordende des Strandes für einen Crashkurs an, um einmal, für zwei oder drei Sekunden, auf dem Brett zu stehen. Viele sind es allerdings nicht. Am Bondi Beach bekommt man den Eindruck: Hier geht es nicht in erster Linie ums Surfen. Bondi ist aber auch kein klassischer Badestrand, es gibt gefährliche Strömungen. Offenbar geht es um etwas anderes.




Bondi Pavillon, Bruce Hopkins, Touristen am Strand.


Frühmorgens am Strand liegt das Wasser noch ruhig da unter einem dunstigen Himmel. Hinter den Wolken wartet die Sonne auf ihren Auftritt. Mehrere Dutzend Jogger stapfen bereits durch den Sand, den Strand auf und ab, ihre Bühne misst gut einen Kilometer. Die ersten Surfbretter liegen im Wasser, Handtücher werden ausgebreitet, Kleidungsstücke abgelegt, Kinder betüddelt. An öffentlichen Fitnessgeräten machen junge Frauen und Männer ihre Übungen, und man fühlt sich, sofern es einem die Form nicht verbietet, dazu ermutigt, auch gleich mal ein paar Klimmzüge zu machen, weil es hier nicht lächerlich, sondern völlig selbstverständlich erscheint.

Geht es am Bondi Beach eher um Körperkult als um Surferkult, wobei ja beides irgendwie zusammenhängt? Dieser Eindruck drängt sich auf, im Vorortviertel Bondi und den Straßen rund um den Strand.



Klimmzüge am Morgen.


Fitte Herren laufen barfuß mit Surfboard unter dem Arm durch die Stadt, den Overall bis unter den Bauchnabel heruntergekrempelt. Schönlinge auf Skateboards schieben austrainierte Waden durch die Straßen. Lange Hosen tragen Männer hier offenbar nur in Berufen, in denen das absolut notwendig ist. Die Hotpants vieler Frauen scheinen zeigen zu wollen, wie viele Stunden Workout in den Oberschenkeln stecken. Nahezu alle Menschen sehen auf interessante Weise gut aus. Man könnte sie jederzeit ablichten für ein Instagram-Foto, das wiederum werbetauglich wäre für praktisch jedes Konsumprodukt, das Fitness, Glück und das richtige Leben verspricht.

DER TÜRSTEHER IM KOPF

Die Leute bewegen sich in Bondi zwischen schicken, lässigen Brunchlokalen und Bars, hochpreisigen Friseursalons, Surfshops und Designer-Modeläden – oft in Begleitung ihrer »Designerhunde«, wie eine Einheimische etwas spöttisch anmerkt. Bäckereien erheben das Brotbacken zum Kunsthandwerk (»artisan sourdough bakers«), Imbisse sind selbstverständlich vegan (»plant based eatery«). Der Versuch, in einem Café eine Cola zu bestellen – die zuckerfreie Variante! – schlägt fehl. Es gebe nur selbstgemachte Limonaden, erklärt die Bedienung mit einem etwas mitleidigen Blick. »Sorry.«

Wer als Besucher in Bondi glaubt, irgendwann sei es nun doch zu viel der Klischees, lernt rasch dazu. Ein stämmiger Typ am Nebentisch teilt zum Beispiel seiner Begleiterin mit, dass er gerne sein eigenes Fitnessstudio aufmachen würde. »There’re many models in town.«

Leif Randt schrieb in einer Geschichte für die »Zeit« über den Bondi Beach: »Am Anfang designen Menschen Orte, dann designen sich Menschen auf Orte hin.« Er habe das Gefühl, dass in Bondi auch kompetitive Kräfte wirkten, Konkurrenz also. Randt beschreibt den Strand als eine Art Club, dessen Türsteher in den Köpfen der Menschen sitzt. Den weniger sportlichen Badegästen werde zwar nicht der Zutritt verweigert, aber: »Jeder entscheidet für sich allein, ob er an einem Ort aus der Norm fallen möchte oder nicht.«


Lifeguard am Bondi Beach.


Bruce Hopkins kennt Bondi seit seiner Kindheit. Vor 20 Jahren hätten in der Gegend noch viel mehr Einheimische gewohnt, sagt er. Viele junge Leute kämen für zwei, drei Jahre zum Arbeiten her. Wer Familie habe, ziehe heute eher woanders hin. »Es ist sehr viel teurer geworden, hier zu leben.« Eine Zwei-Zimmer-Wohnung taxiert Hopkins auf 800 bis 1000 australische Dollar Miete, das sind 500 bis gut 600 Euro – pro Woche.

Der Rettungsschwimmer, der die Leute berufsmäßig immer im Blick hat, weiß um die Veränderungen in der sozialen Struktur. Mehr Menschen als früher machten Bodybuilding und Fitness. »A little bit of Botox here and there.« Schaulaufen auf der Promenade. »Was immer du machst, du wirst gesehen.« Es sei eine Gegend geworden, in der es viel ums Image gehe, stellt Hopkins fest, jedoch mit dem unaufgeregten Gleichmut eines Surfers, der merkt, dass er eine Welle nicht erwischt und einfach auf die nächste wartet.

PFEIFE UND JET SKI

Auch die Arbeit der Rettungsschwimmer hat sich verändert. »Als ich angefangen habe, hatten wir nur Boards und Trillerpfeifen«, erzählt Hopkins. Mittlerweile ist er für Workshops weltweit unterwegs. »Damals hatten wir keine Jet-Ski.« Die Ausbildung und das Training seien professioneller geworden. Früher reagierten die Lebensretter vor allem, wenn es Notfälle gab. Heute setzt man auf Prävention, klärt auf, greift frühzeitig ein.

Sechs Rettungsschwimmer sind am Bondi Beach jeden Tag im Einsatz, an belebten Tag noch mehr. Der ereignisreichste Tag, an den sich Hopkins erinnern kann, bescherte seiner Crew 230 Einsätze. In den seltensten Fällen geht es ums Ertrinken. Viel häufiger sind zum Beispiel Verletzungen durch Surfbretter und Sonnenstiche. »Viele Touristen sind nicht an die Hitze gewöhnt«, sagt Hopkins. Positiv wirkt sich das strikte Alkoholverbot aus.




Surfer, Hoppo, Beach-Häuser.


Mittags am Strand haben sich die sportlichen Aktivitäten sichtbar verlangsamt, auch wenn jetzt mehr Trubel herrscht als am Morgen. Sie sind alle noch oder wieder da: Surfer, Pumper, Pärchen, Familien, Tagesausflügler, Touristen. Die Sonne strahlt, der Sand blendet.

Wer das Treiben am Bondi Beach eine Weile beobachtet, landet bei der Frage: Warum ist ausgerechnet dieser Strand so berühmt?

VON ELIZABETH BIS MEGAN

Schon im 19. Jahrhundert kamen die Bewohner Sydneys hier her. Mit dem Bondi Life Saving Club wurde 1906 der erste Rettungsschwimmer-Club Australiens gegründet. Englands Königin Elizabeth II, die auch Staatsoberhaupt Australiens ist, adelte den Strand 1954 mit einem Besuch. Bei den Olympischen Spielen 2000 wurden die Beachvolleyball-Turniere am Bondi Beach gespielt. Über die Jahrzehnte kamen immer mehr Touristen. Besonders gerne feiern sie hier Weihnachten und Silvester, mitten im Sommer.

Im Oktober 2018 hockten sich Prinz Harry und seine Frau Meghan barfuß in den Sand und unterhielten sich (bejubelt von Zuschauern und abgelichtet von Fotografen) mit ein paar Surfern, die sich um Menschen mit psychischen Problemen kümmern. Bondi Beach war wieder einmal in den Schlagzeilen. Die Royals surften allerdings nicht. Der Prinz nahm lediglich ein Board in die Hand und rieb es mit Wachs ein, mehr ein symbolischer Akt.

Hopkins hat eine einfache Erklärung für die Popularität des Strandes: Bondi Beach liege nicht weit von der City und dem Flughafen entfernt, perfekt für Reisende. »Wenn sie nach Australien kommen, dann kommen sie nach Bondi.« Möglich, dass sich der Mythos Bondi dadurch verselbstständigt hat und heute durch einen niemals abreißenden Strom an Selfies ständig reproduziert.


Swim Good, Swim Good.


Ein ikonisches Bild ist der Meerwasserpool des Bondi Icebergs Club am südlichen Abschluss des Strandes, umspült von den rauen Wellen des Ozeans. Der Club geht auf ein paar hartgesottene Rettungsschwimmer zurück, die auch in der kalten Jahreszeit ihre Fitness trainieren wollten. Das war 1929. In diesen Tagen ist jeder Gast für einen Besuch willkommen.

Abends im Restaurant des Icebergs. Gehobenes Ambiente, es läuft Jazz. In dem Lokal lassen sich immer wieder Prominente blicken. Der Blick fällt durch die Fensterfront zum Strand. Im Halbdunkel liegen noch Dutzende Surfer auf dem Wasser. Die Silhouetten verschwinden langsam, der Vorhang der Nacht fällt. Morgen beginnt die nächste Aufführung.

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