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Philipp Laage

Jugendbanden, Raubüberfälle, Gewalt: Quito gilt für Reisende als eine der gefährlichsten Großstädte Südamerikas. Aber was soll das genau heißen? Eindrücke von einem Ort, an dem Polizisten auf Segways fahren.

Der Mann im Park trägt eine Maske wie ein Bankräuber: ein Kopf in Comic-Optik. Doch der Typ bedroht niemanden, er bringt die Menschen zum Lachen. Mehrere Dutzend sitzen im Gras und hören den Sprüchen des Maskierten zu. Mein Spanisch ist zu schlecht, um die Worte zu verstehen. Ich frage einen Zuschauer, wer hier dargestellt werden soll. Rafael Correa. In Ecuador kann sich ein Kabarettist in einen Park der Hauptstadt stellen und öffentlich den Präsidenten verspotten, ohne unangenehme Folgen fürchten zu müssen.


Komiker im Parque El Ejido.


Quito, das sind schneeweiße Kirchen, museale Gassen und schneebedeckte Vulkane am Horizont. Was für ein Schmuckstück. Der Parque El Ejido, die Bühne unseres Komikers, liegt genau zwischen der Altstadt und dem Backpacker-Viertel Mariscal, also zwischen den zwei Hauptorten, an denen sich Touristen aufhalten. Ich spaziere zwischen den Vierteln hin und her, als wäre es der harmloseste Zeitvertreib der Welt. Doch ich gehe anscheinend ein großes Risiko ein.

CRIME CITY

»Die Gefährdung durch Kriminalität und Gewaltbereitschaft ist in Ecuador hoch«, steht in den Reise- und Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes. Ein erhöhtes Risiko bestehe in Quito. Hoch, höher, Hauptstadt? Nun hat die staatliche Repression Andersdenkender in den meisten Ländern wenig mit der Sicherheitslage für Touristen zu tun. Doch die heiteren Menschen im Park vermitteln mir Sorglosigkeit. Keine bösen Blicke, nicht einmal prüfende. Keiner nimmt mich ins Visier und wägt ab, was bei mir zu holen wäre. Jedenfalls fällt mir niemand auf, und ich habe einen sensiblen Sensor für sowas.

La Mariscal, Plaza Foch. An dem zentralen Platz sitzen Dutzende Rucksackreisende in den Cafés und Restaurants. Eine Live-Band spielt. Die Höhensonne scheint kräftig, Quito liegt auf 2850 Metern. In den Seitenstraßen finden sich viele Hostels, aber auch Agenturen, die Ausflüge in die Anden anbieten, Wandern, Trekking. Mariscal wird Gringolandia genannt, wegen der vielen Touristen. Klingt wie ein Freizeitpark.


Gringolandia: Unterwegs in Mariscal.


Ich laufe nicht nur tagsüber durch Mariscal, sondern auch nachts. Die Straßen sind dann erst recht voll. Musik dringt aus Bars und Clubs, Lady Gaga und 50 Cent, Konsens-Pop. In den Läden mischen sich Ecuadorianer unter die Ausländer, Gringos kippen Shots, Tanz und Temperament, alles harmlos. Draußen, gegen Mitternacht, sehe ich ein paar nicht so eindeutige Blicke in der Dunkelheit, was am Alkoholkonsum liegen dürfte. Die Bürgersteige sind voller Menschen, alles safe. Ich laufe allein zu meinem Hotel, Avenida 6 de Diciembre, wie jeden Abend. Tagsüber, nach dem ersten Kaffee, spaziere ich durch Mariscal. Gringolandia, dies ist ein Ort für mich. Ich bin vergnügt.

In den Reise- und Sicherheitshinweisen heißt es: »In größeren Städten, an touristischen Schwerpunkten (z.B. Ausgehviertel Mariscal Sucre in Quito) und in öffentlichen Verkehrsmitteln kommt es in erheblichem und weiter steigendem Umfang zu Diebstählen, Raubüberfällen und Sexualdelikten.« Die Täter wendeten verschiedenste Tricks an: Ablenkungsmanöver, Bußgeld-Erpressung unter Verwendung falscher Uniformen, Raub oder Vergewaltigung nach Verabreichung von bewusstseinsmindernden Drogen in Speisen, Getränken oder auf Prospekten, Überfälle durch Taxifahrer in nicht registrierten Taxis, die aktiv Kunden ansprechen. Wie passen diese drastischen Warnungen mit meinen Eindrücken zusammen?

IN DER HAND DER GANGS

Es ist Sommer 2016, als ich Quito besuche. Als mein Artikel über Ecuadors Hauptstadt veröffentlicht wird, meldet sich Blogger Florian Blümm zu Wort und fragt skeptisch nach: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass man im Mariscal mittlerweile nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straße kann, oder?«

Florian war selbst Ende 2012 in Quito, wie er schreibt. Damals sei Mariscal praktisch »Bandengebiet« gewesen. »Läden wurden demoliert. Das Hostel hatte dicke Gitterstäbe.« Ein Deutscher aus seinem Hostel sei frühmorgens auf dem Weg zum Bus mit dem Messer überfallen worden und habe Kamera, Geld und alles außer den Reisepass abgeben dürfen. Quito sei einer der unsichersten Großstädte Südamerikas.

Florian fragt: Hat sich in den vergangenen vier Jahren wirklich so viel verändert? Ich kann – ohne den Vergleich zu haben – nur mutmaßen. Offenbar schon.


Die Altstadt von Quito ist seit 1978 Unesco-Weltkulturerbe.


VULKANE AM HORIZONT

Die Telefériqo entrückt mich von der Stadt. Die Seilbahn führt zu den oberen Hängen des Rucu Pichincha. Wer die Kabine verlässt, steht auf fast 4000 Metern, doch der Gipfel ist immer noch fern. Gewaltige Anden. Dimensionen, die das Auge ständig täuschen. Von hier oben ist der Blick spektakulär. Unten die Stadt, die sich über 50 Kilometer von Norden nach Süden durch das Hochtal schlängelt. Und in der Ferne die Vulkane. Aber was für welche. Links der Cayambe, Ecuadors dritthöchster Berg, 5796 Meter. Mittig der für Alpinisten anspruchsvolle Antisana. Und rechts der bekannte Cotopaxi, der häufig Asche ausspuckt, ein vergletscherter, symmetrischer Kegel wie gemalt. Ich schaue, staune, schieße Fotos.

Viele Menschen haben sich an den Aussichtspunkten hier oben versammelt. Tagesausflügler, Einheimische. Manche unternehmen Ausflüge zu Pferd, eine Tageswanderung führt auf den Rucu Pichincha. Ich laufe ein paar Hundert Meter bergan. Warten auf die Nacht. Auf die blaue Stunde, wenn die Sonne nur noch die Gletscher anstrahlt. Das Lichtspiel ist in alle Richtungen betörend. Besser als Kino. Irgendwann leuchtet Quito in der Dunkelheit. Ich mache die letzten Fotos, mit Langzeitbelichtung. Rasch wird es kalt, Zeit für mich, die Seilbahn ins Tal zu nehmen.

Das Auswärtige Amt schreibt: »Auf Wanderstrecken zu beliebten Touristenzielen (z.B. Lagune San Pablo und Wasserfall El Peguche bei Otavalo, Vulkan Pichincha via Bergstation Cruz Loma und in der Umgebung von Vilcabamba) kam es in der Vergangenheit mehrfach zu Überfällen bzw. Gewaltverbrechen. Auf lokale Hinweise sollte besonders geachtet werden.« Klingt übel.



Cotopaxi, Rucu Pichincha, Cayambe.


Wie sicher ist ein Ort auf Reisen? Das ist eine häufige und schwer zu beantwortende Frage. Ich glaube, es hängt sehr von der persönlichen Erfahrung ab. Aber vielleicht fühle ich mich in Quito nur sicher, weil mir noch nie etwas Schlimmes passiert ist. Alles halb so wild, bis der Ernstfall eintritt? Alles Glückssache?

EINE FREUNDLICHE WARNUNG

Am Rand der Altstadt, nahe der Jungfrau von Quito auf dem Panecillo, verstoße ich mutwillig gegen eine der wichtigsten Sicherheitsregeln: keine Wertsachen offen zeigen. Ich bleibe immer wieder stehen, hole die Fotokamera aus meinem Rucksack und nehme mir Zeit für die vielen hübschen Motive. Ein Quiteno hält kurz an, kurbelt das Autofenster herunter und ruft »¡Cuidate!« Vorsicht! Ich ignoriere die nächste Regel: auf die Einheimischen hören. Aber ich schaue mich ganz oft um. Beobachtet mich jemand? Nein. Später, am belebten Plaza de la Independencia, halte ich den Mann im Auto endgültig für einen übervorsichtigen Kauz, den das Leben misstrauisch gemacht hat.

Kinder füttern Tauben, Frauen diskutieren den Tag, alte Männer sitzen unergründlich schweigend unter den Bäumen. Springbrunnen plätschern, umringt vom Präsidentenpalast, der blütenweißen Kathedrale und dem Luxushotel »Plaza Grande«. Ältere Touristen in beiger Trekkingkleidung stolpern etwas ungläubig durch die Szenerie. Das Centro Histórico ist Pflichtstopp organisierter Rundreisen. Ich steige auf die Türme der Basilica de Volo Nacional, trinke einen jugo im Café des alten Teatro Bolivar und kaufe mir einen Schal aus Alpakawolle. Viele Menschen machen Selfies in den Straßen. Gelöste Stimmung. Wie gefährlich kann ein Ort sein, an dem die Touristenpolizei auf Segways patrouilliert?


Plaza de la Independencia, Blick von der Basilica de Volo Nacional.


SONNTAGS IM PARK

New York war einmal sehr unsicher. Als Tourist nach Harlem zu fahren, erforderte stabiles Gottvertrauen. Doch die Stadt räumte auf, die Kriminalität nahm ab. Ist etwas Ähnliches in Quito passiert? Die Stadt hat jedenfalls auch eine Art Central Park, den Parque La Carolina. Aus der Vogelperspektive ist die Ähnlichkeit des Grundrisses nicht zu übersehen. La Carolina liegt lang gestreckt mitten in Quito an der Avenida Amazonas mit ihren Bürotürmen. Der Park ist kleiner als das Vorbild am Big Apple, aber die Dichte an Menschen am Wochenende ist ähnlich. Mindestens.

Ich trete ein und stehe quasi auf einem riesigen Volksfest. In einer künstlichen Lagune fahren Tretbötchen im Kreis. Die Menschen spielen Fußball, Basketball, eine ecuadorianische Variante des Volleyballs, sie joggen und turnen – die meisten liegen allerdings einfach in der Sonne, essen Eis und passen auf, dass ihre Kinder nicht ausbüxen. Ich setze mich unter den Schatten eines Baumes und beobachte das Geschehen. Ich stand vor zwei Tagen auf dem Chimborazo, ich kann Entspannung gebrauchen. Der Sonntag ist sonnig und warm. Freundliche Blicke für den Gringo. Das hier sind nicht die Armen und Ärmsten. Die allgegenwärtige Heiterkeit wirkt vollkommen selbstverständlich.


Künstliche Wasserstraße im Parque La Carolina.


Das britische Außenministerium erklärt, Überfälle und Diebstähle seien »very common« – besonders in La Carolina. In der renommierten New York Times heißt es noch im März 2018, die Kriminalität in Quito sei ein erhebliches Problem. Überschrift des Artikels: »Five Destinations That Call for Caution«. Die anderen Risikoziele sind Karatschi, Caracas, Ho-Chi-Minh-City und Rangun. Das kommt mir ziemlich willkürlich vor. Wem hilft diese Information?

Nachdem ich die Stadt allein erkundet habe, kann ich sagen: Ich halte Quito im Vergleich zu anderen südamerikanischen Großstädten nicht für besonders gefährlich. Jedenfalls nicht die Ecken, an denen man sich als Tourist aufhält. Die gängigen Sicherheitstipps sollte man trotzdem beherzigen und sich nur darüber hinwegsetzen, wenn man glaubt zu wissen, was man tut – und dann kann man natürlich immer noch Pech haben, wie überall auf der Welt. Wer aber nur die Sicherheitshinweise liest, bekommt den Eindruck, Quito sei ein bedrohlicher Hexenkessel. Das ist mit der Wirklichkeit vor Ort nur schwer ein Einklang zu bringen.



Quito am Abend.

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Weiße Villen über dem Meer, perfektes Licht. Auf Santorin finden Urlauber die Kulisse für romantische Traumbilder, die vehement nach einer Darstellung verlangen. Am schönsten ist es auf der Kykladen-Insel im Herbst.

Der Tag beginnt mit einem Terrassenfrühstück unter wolkenlosem Himmel. Mittags suchen wir bei mehr als 25 Grad den Schatten auf. Wenn die glutrote Sonne dann im Ägäischen Meer versunken ist, reicht ein leichter Pulli gegen die Abendkühle. Es ist Anfang Oktober, und auf Santorin drängt sich der Sommer noch einmal derart überzeugend auf, dass man das Gefühl bekommt, hier ginge er nie zu Ende. Eine durchaus willkommene Illusion.

Doch die Saison ist fast vorbei. Jetzt, da die Touristen in angenehm dosierter Zahl zwischen den blütenweißen Häusern umherspazieren, ist es auf der allzu bekannten Kykladen-Insel vielleicht am schönsten.

Santorin ist ein Sinnbild. Für mediterrane Leichtigkeit, die angesichts der Preise oft nur sehr exklusiv zu haben ist. Und für Romantik. Die Kulisse der Insel ist so pittoresk, als wäre sie allein für ein kitschiges Gemälde entworfen worden. Eine Verheißung für Honeymooner und alle Menschen, die sich lieben oder das zumindest glauben und dafür noch die passenden Bilder brauchen. Santorin liefert.





Der Vulkanarchipel erhielt seine Form, als er um 1525 vor Christus nach einem Ausbruch von einer gewaltigen Flutwelle überspült wurde. Übrig blieb die Caldera, der gewaltige Kegel aus schwarzem Gestein. Der Hauptort Thira liegt direkt am Rand einer 300 Meter hohen Wand, die steil zum Meer abfällt. Die Häuser wurden auf die Felsen gesetzt wie Juwelen auf eine Krone. Im Mittagslicht strahlen sie so gleißend, dass die Augen schmerzen. Doch der berühmte Sonnenuntergang taucht sie in ein sanftes Licht. Das Schauspiel vollzieht sich jeden Abend, Einheimische und Besucher halten dann inne. Es verwundert kaum, dass die Phönizier die Insel »Kalliste« nannten – die Schönste.

Noch etwas charmanter als Thira – auch Fira genannt – ist Oia im Norden. Dort befindet sich der wohl beste Aussichtspunkt: die Ruinen des Venezianer-Kastells Argyri. Abends warten an dieser Stelle Dutzende auf die goldene Stunde, und das nicht umsonst.

Wer die große Inszenierung der Natur privat genießen will, muss etwas tiefer in die Tasche greifen. Ein Zimmer in einem Boutique-Hotel oder Apartment mit Blick auf die Caldera kostet gut und gerne 300 Euro pro Nacht und mehr. Für die Filetgrundstücke mit Panoramaaussicht gibt es schließlich nur begrenzten Platz. Überhaupt ist Santorin ein Ziel für Menschen mit Geld. Und für solche mit richtig viel Geld.

Die Oberschicht der asiatischen Wohlstandsgesellschaften kommt auf einer Reise durch Europa gerne auf das griechische Eiland. In Südkorea haben sie eine Kopie von Santorin errichtet, für Hochzeitspärchen, die sich den teuren Trip in die Ägäis nicht leisten können. Die Chinesen sind verrückt nach der Insel, seit der Kassenschlager »Beijing Love Story« in Teilen hier gedreht wurde. Man kann versuchen, die Preise der Handtaschen zu schätzen. Céline: 2000 Euro. Chanel: 4000 Euro. Hin und wieder eine Birkin Bag von Hermès: ab 12 000 Euro aufwärts.





In den schmalen Gassen in Thira und Oia gibt es neben Restaurants mit sechssprachigen Speisekarten vor allem Boutiquen und Juweliere. Eine schlichte schwarze Lederjacke für 1200 Euro? Für viele Gäste ein ganz normales Mitbringsel.

Beruhigend ist, dass man Santorin auch als Normalverdiener genießen kann. Dafür wählt man am besten eine Ferienwohnung abseits der erstbesten Lagen. Die schönsten Dinge auf Santorin sind ohnehin kostenlos, zum Beispiel die Wanderung entlang des Kraters von Oia nach Thira im Abendlicht. Oder der schwarze Strand von Perissa, wo es sich bei 22 Grad Wassertemperatur auch im Oktober noch hervorragend baden lässt. Es muss auch nicht gleich der Hummer in einem der Restaurants in der Ammoudi-Bucht sein. In zweiter oder dritter Reihe finden sich in Oia viele Lokale mit guten wie günstigen Speisen. Wir empfehlen »Melitini«. Und der Sonnenuntergang gehört sowieso jedem.

Ein Herbsturlaub auf Santorin kann also sehr bodenständig sein. Es braucht nicht viel außer der Sonne, der Wärme und dem Meer. Freilich könnte man dafür auch auf eine andere griechische Insel reisen. Aber am Ende ist es natürlich doch dieses Bühnenbild aus weiß getünchten Häusern und Kirchen und blauen Kuppeldächern am Rand des Vulkankraters, das einen Besuch auf Santorin so verlockend macht.

Auf den blank geputzten Wegen und vor kleinen Balustraden stehen Touristen und versuchen, sich gegenseitig ins rechte Licht zu rücken, euphorisiert beinahe, als könnten sie nicht glauben, plötzlich Teil dieses Ortes zu sein. Die Inszenierung ist harte Arbeit.

In den Lokalen wird der Kaffee lauwarm, weil die Tasse noch einige Minuten für das perfekte Instagram-Foto zurecht geschoben wird. Auch würde es vieles vereinfachen, wenn man die besten Selfie-Spots durch Markierungen am Boden auswiese, mit einigen fotografischen Hinweisen. Doch bis das passiert, wird man weiter Männer aus der halben Welt mit teuren Spiegelreflexkameras beobachten können, die ihre Frauen in der harten Mittagssonne zu porträtieren versuchen.
Mit Blitz.

Auf Santorin glaubt man, dass die touristische Wahrnehmung allein durch Phantasie und Projektionen geprägt ist. Auf dieser Insel sucht niemand das »authentische Griechenland«, das wäre lächerlich. Santorin ist ein ultimativer Sehnsuchtsort, wo Urlauber – wie formulierte es einmal jemand so schön – der Wirklichkeit ihrer Träume auf den Grund gehen. Hier stellt sich die Frage, wie lange eine Illusion trägt, wenn sie sich fortwährend durch die passende Kulisse bestätigt.





Doch viele kommen nur kurz auf die Insel, für eine Cola und das perfekte Foto. An manchen Sommertagen drängen rund 70 000 Touristen durch die Gassen. Die Insel will ihre Zahl begrenzen, es wird einfach zu viel. Selbst im Oktober liegen häufig noch drei Kreuzfahrtschiffe nebeneinander vor der Insel. Doch der große Besucheransturm ist dann vorbei. Die Airlines haben ihre Charterflüge bis zum nächsten Frühjahr eingestellt. Sehr bald schließen so gut wie alle Restaurants und Geschäfte.

Kommt dann überhaupt noch jemand? Die Besitzerin einer Boutique in Oia antwortet politisch inkorrekt, indem sie ihre Sonnenbrille anhebt und mit den Fingern ihre Augen auseinanderzieht: Asiaten. Sie mögen keine Sonne, und ins Meer gehen sie auch nicht. Das leuchtet ein, denkt man, doch im Winter gibt es wahrlich bessere Reiseziele. Und der Sommer auf Santorin ist schließlich lang genug.

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Life is a beach – oder sollte es zumindest sein, nicht wahr? Der Strand verlangt nach Optimismus und verheißt Happiness. Die Tropeninsel Palawan hat die traumschönsten Exemplare zu bieten.

Ich bin kein Strandmensch. Man könnte physische Gründe vermuten: heller Hauttyp, keine ausdefinierten Muskeln. Eine beneidenswerte Strandfigur kostet wahnsinnig viel Zeit. Mein Körper ist eher dafür gebaut, zwölf Stunden ohne Mühen zu marschieren, als in Badehose eine beeindruckende Figur zu machen. Mag ich deshalb die Berge lieber? Vielleicht. Ich glaube vor allem, Freude entsteht durch Aktivität. Im Gebirge muss man eine gute Weile laufen, um die erhabensten Orte zu erreichen. Der Strand dagegen lädt dazu ein, sich sofort hinzulegen. Sonnenschirm, Liege, Handtuch. Delirium.

Die Bilder palmengesäumter asiatischer Strände haben in mir nie große Sehnsucht ausgelöst. Wenn andere von Thailand schwärmten, ließ mich das stets kalt. Strände finde ich irgendwie kitschig und platt. Das Konzept Strandurlaub erschien mir immer rätselhaft. Trotzdem ging es eines langen Winters auf eine Insel, die kaum mehr zu bieten hat als Sonne, Palmen und tolle Strände – all dies allerdings in vollendeter Ausführung.

Palawan auf den Philippinen wurde 2014 von den Lesern der Zeitschrift Condé Nast Traveller zur schönsten Insel der Welt gekürt. Solche Rankings sind immer etwas zweifelhaft, doch das war natürlich schon eine Ansage. Palawan gilt als sogenannte Trauminsel, da lässt sich wenig diskutieren. Sehenswürdigkeiten von Format gibt es auf der Insel nicht. Man kann dem einheimischen Volk der Batak einen Besuch abstatten, mit einem Kajak durch einen Unterwasserfluss paddeln und tauchen.

Palawans Versprechen ist die Idee vom beach life: Schlafen in einer Holzhütte, zum Meeresrauschen erwachen, barfuß laufen, vom Tag nichts wollen. Und in dieser Einfachheit der Dinge zwischen windschiefen Palmen und bonbonfarbenen Sonnenuntergängen stellt sich dann so etwas wie lässige Zufriedenheit ein. Ein Bekannter sprach außerdem von einer »Pärcheninsel«. Auch das leuchtet ein: Palawan ist die perfekte Kulisse für Romantik.

Der Schriftsteller Leif Randt schrieb in einer Geschichte über den Bondi Beach, an sonnigen Orten seien positive Vibes wichtiger als Inhalte, und dass er das eigentlich gut finde. Aber wahrscheinlich beschreibt es mein Problem mit dem Strand: Ich misstraue seinem Glücksimperativ und der aufgesetzten positivity. Am Strand sind die Leute immer super gelaunt, weil sie verinnerlicht haben, dass das am Strand so sein sollte.

Trotzdem flogen wir nach Palawan. Ich hatte das Reiseziel sogar vorgeschlagen. Wir suchten also das Strandleben. Hier ist das Ergebnis:

BACUIT-ARCHIPEL

Begrünte Karstfelsen, türkisblaues Wasser: Das sind die ikonischen Landschaftsbilder von Palawan, die auf Instagram besonders oft geteilt werden. Das tropische Paradies lässt sich im Bacuit-Archipel im Norden der Insel erstaunlich einfach per organisierte Bootstour erreichen. Ausgangspunkt ist das einstige Fischerdorf El Nido, heute ein geschäftiger Traveller-Hotspot. Um die Touristen nicht zu verwirren, heißen die Tagesausflüge A, B, C und D. Wir wählten Route A, weil es angeblich die schönste ist.



Die vier Bootstouren sind in jedem Hostel in El Nido buchbar, was man später auf den Inseln sieht: überall Touristen. Vor Shimizu Island reihten sich die Boote dicht an dicht. Die Big Lagoon sähe ohne Menschen natürlich toller aus, aber wir waren ja selbst Teil dieses organisierten Spektakels. Also brav mit dem Kajak fahren und schnorcheln. Der Seven Commandos Beach mit seinem weißen Sand und den Palmen war perfekt, aber eben überlaufen. All dies überraschte uns nicht. Wir waren vergnügt. Wer hier noch Robinson-Crueso-Atmosphäre erwartet, kommt allerdings zwanzig Jahre zu spät.

Wow-Effekt: 6/10
Robinson-Crueso-Feeling: 3/10
Romantik-Faktor: 3/10

LIO BEACH

Lio Beach liegt keine halbe Stunde nördlich von El Nido. Der Strand ist von der Hauptstraße aus nicht zu sehen und praktisch menschenleer. Es gibt keine günstigen Backpacker-Hütten, eher Resorts, in denen die Nacht im Doppelzimmer so 80 Euro kostet. Wir übernachteten im Balai Adlao, um uns für die vorherigen 10-Euro-Nächte in hellhörigen Hostels zu entschädigen. Hier stiegen sonst Paare ab, die per Direktflug nach El Nido und mit einem privaten Flughafentransfer anreisten. Wir kauften Exklusivität, ohne schlechtes Gewissen.



Das neugebaute Resort war sehr clean, ein Bruch mit der nachlässig wuchernden Tropenvegetation. Die Restaurants erinnerten an Fast-Food-Filialen. Der gut ausgeleuchtete Surf- und Beachshop hätte auch in einem Einkaufszentrum im Ruhrgebiet stehen können. Alles seltsam deplatziert. Aber dann gingen wir zum Strand und erblickten das tropische Panorama der einsamen Bucht: wie für uns allein entworfen. Wir genossen chinesische Küche zum Sound der Wellen, einen dramatischen Sonnenuntergang, Klimaanlage, blütenweiße Laken und endlich warmes Wasser in der Dusche. Wir waren nun angekommen.

Wow-Effekt: 6/10
Robinson-Crueso-Feeling: 4/10
Romantik-Faktor: 8/10

CALITANG & NACPAN BEACH (TWIN BEACH)

Zum Twin Beach fährt man von El Nido aus eine knappe Stunde nach Norden, erst über eine asphaltierte Straße, dann über Erde. Der Zwillingsstrand heißt so, weil dort zwei Strände in einer schmalen Landzunge zusammenlaufen: Calitang Beach und der rund vier Kilometer lange und formschöne Nacpan Beach. Mehrere Imbisse und Strand-Cottages stehen unter den Palmen am Wasser. Man kann Chicken Adobo essen, Kokosnusmilch schlürfen, seine Füße in den Sand stecken und ab und zu ins Meer gehen. Es ist nicht wirklich leer am Nacpan Beach, aber die Menschen zerstreuen sich. Im Hinterland liegt ein verschlafenes Dorf mit Kirche und Sportplatz. Angenehmes Nichstun.



Wir bezogen eine Hütte im Garten einer Familienpension am Calitang Beach. Abends aßen wir auf Plastikstühlen süßlich-scharf angemachten Fisch, zubereitet von den Frauen der Herberge. Ein etwas kränklicher Hundewelpe weckte unser Mitleid. War es am ersten Tag sonnig gewesen, zogen am zweiten Tag Wolken auf, und der Wind legte zu. Am Horizont wippten die Palmen. Fischerboote lagen morbid auf der Wiese. Im Dorf traf man auf Kühe, Schweine und Hühner.

Spätestens abends präsentierte sich der Nacpan Beach als Klischee eines traumhaften Tropenstrandes, zugleich wirkte alles etwas nachlässig und verfallen. Auch das stürmische Wetter arbeitete beharrlich gegen die Schönheit der Landschaft an. An vielen Stränden fürchtet man, die eigene Gefühlswelt könne nicht mit der Perfektion der Kulisse mithalten. Hier lagen die Dinge anders. Wir waren sehr zufrieden an diesem Ort.

Wow-Effekt: 7/10
Robinson-Crueso-Feeling: 6/10
Romantik-Faktor: 7/10

PRINCE JOHN LODGING

Wer auf Palawan Einsamkeit sucht, dem sei Prince John Lodging wärmstens empfohlen. Die Herberge liegt nördlich von Port Barton und ist per Boot erreichbar. Der Strand eignet sich wegen der Steine zwar nicht gut zum Baden, aber das ist egal. Gastgeber John, ein junger Filipino, heißt alle Gäste persönlich willkommen. Das ist ihm ein ernsthaftes Anliegen. Die Holzhütten sind angenehm spartanisch. Abends speist man auf einer Terrasse im Kerzenschein, in wohltuendem Abstand zur nächsten Ansiedlung und zu übrigen Reiseplänen. An diesem Ort adaptiert man das beach life quasi automatisch.

Wow-Effekt: 4/10
Robinson-Crueso-Feeling: 8/10
Romantik-Faktor: 7/10



INOLADOAN ISLAND

Inoladoan Island vor Port Barton beherbergt ein einzelnes Resort, das sich allerdings nicht hermetisch vor anderen Tagesgästen abschirmt. Viele Ausflugsboote machen auf der Insel Halt für ein Mittagessen. Nicht der perfekte weiße Sand ist hier die Top-Sehenswürdigkeit, es sind die Meeresschildkröten im türkisfarbenen Wasser. Wir waren ganz begeistert und verbrannten uns beim Schnorcheln auch gleich den Rücken (was wir leider erst abends feststellten). Ansonsten ist die Insel der geeignete Ort, um sich im Schatten unter Palmen in Genügsamkeit zu verlieren. Der Ausblick ist tadellos. Die Hitze erzwingt Trägheit. Die Gedanken drehen sich langsamer. Life is a beach, für zwei Stunden.

Wow-Effekt: 8/10
Robinson-Crueso-Feeling: 3/10
Romantik-Faktor: 4/10



SABANG

Sabang ist ein Stadtstrand und deshalb erst einmal abschreckend. Wer das Urlaubsdorf um die Mittagszeit erreicht, ist etwas enttäuscht: Auch die zwei besten Resorts am Platz – Sheridan und Daluyon – liegen meerseitig dicht gedrängt und haben keinen eigenen Strand. Die Versöhnung erfolgt am Abend: Wenn die Sonne über den Bergen untergeht und Dunst über der Bucht liegt, will man doch noch einmal in die Fluten steigen. Das Meer erscheint im Halbdunkeln wild, die Lichtstimmung ist mystisch. Auch morgens um sechs Uhr hat man die Brandung für sich und kann den Tag eigentlich nicht besser beginnen als mit einem Sprung in die Wellen. Sabang ist schön in der Dämmerung.

Wow-Effekt: 4/10
Robinson-Crueso-Feeling: 2/10
Romantik-Faktor: 5/10



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Reisen ist der ideale Zustand für Menschen, die sich lieben: Das haben uns Hollywood und die Werbung beigebracht. Ich glaubte daran. Was für Irrtum. Wir haben uns nur ablenkt von der Stille, die zwischen uns lag.

Unsere Reise war vorbei, bevor sie begonnen hatte. In Argentinien kam sie buchstäblich und metaphorisch gesprochen zu ihrem Ende, dabei sollte das mit uns doch erst richtig losgehen. Was für ein Klischee, doch es stimmte.

Wir hätten die unbequemen Wege der vergangenen drei Wochen auf vereiste Berge, durch Salzwüsten und über Schlammpisten im bolivianischen Dschungel in euphorischer Erwartung auf die Zukunft – auf unsere Zukunft – als etwas Verbindendes erleben sollen. Wir hätten beglückt darauf anstoßen sollen in dieser leichten, schönen Metropole: Buenos Aires. Wir taten es nicht. Wahrscheinlich hatten wir beide schon eine Ahnung. Nun lief ich allein durch die Straßen, Sommer auf der Südhalbkugel, und mein Herz war froh.

Du warst zwei Tage vor mir abgereist. Ich habe vergessen, wieso. Termingründe, Flugverbindungen, sowas. Wir hatten uns nett verabschiedet. Ich blieb in der Wohnung deiner Bekannten. Lag sie im Stadtteil Flores? Ich weiß es nicht mehr. Von Buenos Aires blieb mir wenig Faktenwissen in Erinnerung, nicht einmal grundlegende Orientierung.

Ich habe nur noch einzelne Szenen im Kopf. Wie ich durch das Réserva Ecológica joggte, das Naturreservat direkt am Rio de la Plata, wo mir Buenos Aires tatsächlich als »Stadt der guten Lüfte« erschien. Ich lief mit diesem allerbesten Gefühl beim Laufen, mich von ungesunden Anhaftungen befreit und leichten Schrittes einer positiven Zukunft zu nähern.

In Uyuni war ich auch gejoggt, auf 3650 Metern – eine kurzatmige Qual. Dort war es am Abend komisch gewesen zwischen uns, das weiß ich noch sehr genau, in einem schmucklosen Hostel in dieser hässlichen Stadt am Rand der großen Salzwüste, die so viele Touristen anlockt. Vor allem kalt war es in Uyuni gewesen.


Reserva Ecológica de Buenos Aires.


Wie ich die Wärme in Buenos Aires genoss. In San Telmo ein fettes Steak essen, schon mittags Rotwein trinken und sich an den morbiden Fassaden erfreuen. Hinten im Restaurant dudelte Tangomusik. Ich hatte keinerlei Interesse, es mit dem Tanzen einmal selbst zu versuchen, was du dir vielleicht gewünscht hättest (ich fragte dich nie). Ich saß in der warmen Sonne und genoss, wieder für mich zu sein.

In Asuncion, da hatten wir ein schönes Hostel gehabt. Ich weiß, es klingt absurd, aber ich erinnere mich noch an genau einen einzigen Satz von dir aus den drei Tagen in Paraguays Hauptstadt: »Ich fände es schön, wenn wir im Hostel mal einen Salat machen würden.« Mir stand auf unserer Reise stets der Sinn danach, auswärts zu essen. Aber bitte mit Nachtisch und noch einem Glas Malbec, etwas verschwenderisch also. Das war dir, glaube ich, immer etwas dekadent und unnötig vorgekommen, und auch nicht allzu gesund.

Ich willigte ein zum Salat, etwas enttäuscht, und meinte ein grundsätzliches Problem erkannt zu haben. Schwachsinn. Aber im Rückblick sind es oft solche Details, aus denen man eine Wahrheit herauszulesen glaubt. Als hätte der Salat gezählt und nicht das Gespräch dazu.

Wir hatten unsere Reise angefüllt mir Erlebnissen: Mountainbiken auf der Death Road, Bergtour auf den Huayna Potosí, Jeeptour zu Lagunen und Flamingos, Besuch der Iguazu-Wasserfälle. Aber in den stillen Momenten – nach dem Ankommen, vor dem Aufbrechen – da war es stumm geblieben zwischen uns.

Gut, ich habe dir Vorträge gehalten. Zum Beispiel, warum es nun genau zur Eurokrise in Europa gekommen war und andere Dinge, die dich maßlos langweilten. Du hast dir kaum Mühe gegeben, das Gegenteil vorzuspielen.


Steak und Rotwein: Restaurant in San Telmo.


Philippo, so hattest du mich am Anfang immer genannt und dann wohlwollend gelächelt, mit Zuneigung. Das wurde bald seltener. Ich kann es dir nicht verübeln.

Ich habe dich generell zu wenig gefragt. Es war eine Zeit, in der ich mich selbst gerne reden hörte und dem Zuhören wenig Bedeutung beimaß. Ich interessierte mich für die großen Zusammenhänge, du für das Einzelschicksal. Ich sah in allem sofort Symptome von etwas Größerem, du sahst wahrscheinlich immer etwas genauer hin. Ich konnte aufbrausend sein in meinem Ernst und damit völlig albern. Du schienst mir, unter der Oberfläche, immer etwas traurig, und ich war nicht in der Lage herauszufinden, wieso.

Nun war es zu spät, du warst abgeflogen. Prächtiges Buenos Aires, eine Stadt mit europäischem Charakter. Ich dachte an Madrid und Rom. Im angesagten Viertel Palermo trank ich feinen Kaffee und schlenderte durch Boutiquen. Ich fühlte mich als Teil einer kosmopolitischen Jugend, nur weil ich feuerrote Nike-Turnschuhe zu einem günstigen Kurs erstand. Sowas konntest du natürlich nur belächeln.

So saß ich am letzten Tag der Reise da: allein, ausgeglichen, etwas selbstgerecht. Nicht beunruhigt. Dabei war die Sache zwischen uns längst klar.

Am nächsten Morgen saß ich im Flugzeug nach Deutschland, und schon bald, in einigen Wochen – der Baum im Hof würde wieder Blätter tragen, der Frühling noch aufziehen über der wintergrauen Stadt – da sollten wir Fremde sein.


San Telmo.


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Welche Stadt wurde fast vier Jahre belagert, lockt heute reiche Saudi-Araber und bietet Juden eine sichere Heimat inmitten feierwütiger Muslime? Sarajevo, einzigartige Metropole in einem kaputten Land.

»Bosnien war einmal ein Königreich«, sagt Jasmin Hasanovic. »Wenn wir sterben, brauchen wir kein Paradies. Wir leben schon in einem.« Ich schaue Jasmin ratlos an. War das ein verklärter Rückblick auf vergangene Zeiten? Verblendeter Patriotismus? Oder trockener Humor, gebacken in Zeiten der Not mit ihrer eigenen absurden Komik?

Eigentlich kann das nur Sarkasmus gewesen sein: Bosnien, ein Paradies. Aber was weiß ich schon? Bosnien, denke ich, das war doch der erste Genozid in Europa nach dem Zivilisationsbruch der Deutschen. Der Vielvölkerstaat Jugoslawien war zerfallen, und die Fratze des Rassenhasses zeigte sich ohne Scham.

Jasmin lenkt das Auto in Richtung Süden über die breite Ausfallstraße. Sein Name gehört hier nicht den Frauen, sondern den Männern. Der Bosniake ist ein stämmiger Typ. Glatze, abgebrühtes Lächeln. Nicht fies, eher leicht melancholisch. Auf seinem T-Shirt steht kein Name einer Metal-Band, sondern »I love Budapest«.

Wir sind unterwegs in der Stadt, die neben Srebrenica wie keine andere für das Grauen des Bosnienkrieges in den neunziger Jahren stand: Sarajevo. Die belagerte Stadt. Wo der Tod vor der Haustür wartete. Wo die Kugeln in die Kinderzimmer flogen.

»Im Krieg wirst du schnell erwachsen«, sagt Jasmin. »Ich war damals zwölf, aber eigentlich war ich schon zwanzig.«

Damals – das war, als serbische Milizen, die Tschetniks, ihre Geschütze auf den Hügeln rund um die Stadt postierten und die bosnischen Muslime von der Außenwelt abschnitten. Als die Welt abends vom Sofa durch den Fernseher auf den Balkan schaute. Sarajevo war 1425 Tage eingekesselt, die längste Belagerung einer Stadt im 20. Jahrhundert.

Sarajevo: ein Name, der tonnenschwere Gewichte trägt. Sein Klang ist immer noch bedrückend, zumindest für einen Reisenden, der nur die Geschichten von damals kennt. Sarajevo, ein Name so aschgrau wie das Gesicht einer trauernden Mutter.

Doch die Zeit näht alle Wunden mit beharrlicher Nadel. Sarajevo heute: eine moderne Sightseeing-Metropole. Der Krieg ist vorbei. Aber er ist trotzdem noch da. Er hat die Fassaden der Häuser versehrt und die Erinnerungen der Menschen.


Ehemalige Geschützstellung, Sarajevos Zentrum, Jasmin Hasanovic.


Wo Scharfschützen einmal Brustkörbe ins Visier nahmen, hängen heute Blumenkästen vor den Fenstern. Ich bin mit Jasmin in den Vorort Butmir gefahren, südlich des Flughafens gelegen. Viele Häuser hier sind frisch gestrichen, Himbeeren und Rosen blühen in den Vorgärten. Schuppen, Gewächshäuser, Wäsche an der Leine, ein Hund bellt: die Idylle der Peripherie. Kein Mensch ist zu sehen. Ab und zu tuckert ein Auto vorbei.

Wir halten vor einem Haus, das komplett unscheinbar aussähe, wären da nicht die vielen Einschusslöcher auf der Fassade. Dazu schäbiger Putz, vernagelte Fenster. Dies ist das Tunnel-Museum, Adresse Ulica tunneli 1, von außen sieht es aus wie ein geplündertes Bauernhaus. Doch ohne das umkämpfte Gebäude würde es das Sarajevo von heute so nicht geben. Hier lag der Eingang zum »Tunnel des Lebens«. Der Name ist verdient.

Der Flughafen von Sarajevo war am Anfang der Blockade der schwächste Punkt des Belagerungsrings und ein Korridor nach draußen. Wollten die Menschen aus der Stadt oder wieder hinein, mussten sie vierhundertfünfzig Meter über das Flugfeld sprinten. Das wurde »fast zu einer sportlichen Disziplin«, steht auf einer Museumstafel. Die UN übernahm den Flughafen 1992 von den Serben, was die Belagerung keineswegs beendete. Zwar wurde eine Luftbrücke eingerichtet, doch der Transfer von Truppen und Zivilisten über das Flugfeld blieb streng verboten. Und so fingen die Bosniaken an, einen Tunnel zu graben.

Vier Monate und vier Tagen schufteten die Männer fast ohne Pause: Sie schweißten Metallstreben in Sarajevos Fabriken, schlugen Bäume in den Wäldern außerhalb der Stadt, legten Starkstrom- und Treibstoffleitungen. Soldaten, Waffen, Munition, Medikamente, Lebensmittel, die Kriegswährung Zigaretten: Alles gelangte durch den Tunnel in die Stadt.

»Für vier Stangen Zigaretten konnte man in der Stadt ein Fahrrad kaufen«, erinnert sich Jasmin. Er selbst beschaffte sich feine Marlboros im Holiday Inn, dem Hotel der Krisenreporter, und verkaufte sie in der Stadt mit Aufschlag weiter. Andere legten die Geschäfte offensichtlich breiter an: »Es gibt ungefähr dreißig Multimillionäre in Sarajevo, von denen einige im Krieg reich wurden. Viele hatten ein großes Interesse an der Belagerung.« Hunderttausende eingeschlossene Menschen waren ein profitträchtiger Markt. Was bedeutet schon dreifacher Preis, wenn es am Nötigsten fehlt? Was, wenn es morgen nichts mehr gibt?

Ich steige hinunter in den Tunnel, von dem heute noch fünfundzwanzig Meter für Touristen geöffnet sind. Das Herz des Museums sieht aus wie ein gewöhnlicher Bergwerksschacht. Längst ins Erdreich gezogen sind Schweiß, Tränen, Blut, Adrenalin und Todesangst, die hier einmal das Mikroklima bildeten.

Im übrigen Museum sind Relikte des Krieges ausgestellt: ein Fahrrad; ein Generator; alte Tretminen; der rostige Lastwagen des »crazy driver«, der die Menschen vom Tunnel weg in die Berge brachte, nachts und ohne Licht; ein Lorenwagen, in dem die Verwundeten transportiert wurden; das ungeliebte Dosenfleisch ICAR der Amerikaner, noch aus Zeiten des Vietnamkriegs, dem in Sarajevo ein ironisches Denkmal errichtet wurde. »Das haben nicht einmal Hunde gegessen«, sagt Jasmin.

Eine Dokumentation zeigt Geschäftsleute mit Hut, Mantel und Aktentasche, die über Straßen spurten, um nicht erschossen zu werden: Kriegsalltag damals, surrealer Irrsinn.


Verdienter Name: Besuch im »Tunnel des Lebens«.


Solche Szenen sind weit weg, wenn man heute durch Sarajevo spaziert. Keine Gefahr geht aus von dieser Stadt. Auch erfolgt die Anreise nicht mehr durch einen Tunnel, sondern ganz convenient mit der Lufthansa ab München oder Wien.

Eine bosnische Kollegin hatte mir vor der Reise versprochen: Du wirst herzensgute Menschen treffen. Sie hat nicht übertrieben. Im Flugzeug komme ich mit Jasmina ins Gespräch, einer Architektin, die in Wien einen Kongress besucht hat. Wo ich hinmüsse, fragt sie. In die Altstadt, wo alle Reisenden übernachten. Ihre Tochter könne mich mitnehmen, sagt sie, die hole sie nämlich ab, da könne ich mir das Geld für das Taxi sparen. So persönlich habe ich mir den Empfang nicht vorgestellt.

Auch Jasmina floh während der Belagerung durch den Lebenstunnel, mit ihren zwei Kindern. «Es war sehr eng.« Das weiß sie noch. Meine unbeholfene Pauschalfrage: Wie ist das Leben heute in Bosnien? Puh. Jasmina überlegt kurz, während ihre Tochter das Auto durch die Nacht lenkt. Es komme nichts voran. »Wenn im Fernsehen auf einem Sender Fußball läuft und auf dem anderen die Politiker reden, dann entscheide ich mich für Fußball.« Die adrette Frau sieht nicht aus wie ein Fußballfan.

Wer Sarajevo betritt, die Stadt in sich aufnehmen will, der beginnt auf dem Bascarsija-Platz mit dem Sebilj-Brunnen in der Mitte. Ein einzelner Baum, umringt von Bänken, trägt grüne Blätter. Dunkle Wolken quellen am Horizont, doch Löcher im Himmel lassen die Sonne durch. Sommerhitze will sich entladen. Großer Trubel, viele Touristen.

Manche sitzen auf Plastikstühlen in einem der Imbisse und essen Cevapi, Hackfleisch-Röllchen mit Brot und Zwiebeln, sonst nichts, der Salat ist mehr Dekoration. Oder sie durchschreiten die Menge mit Trekkingsandalen und Bauchtasche, sicher aus gutem Grund sehr eilig. Kinder jagen Tauben, ohne sie je zu erwischen. Wenn ein Mädchen sorglos Brot auf den Boden wirft, wenden sich die Hälse um. Der Mann mit der Futtertonne macht ein großartiges Geschäft. Heiteres Durcheinander.

Modegeschmack heißt für die bosnischen Männer, teure Markenstücke irgendwie zu kombinieren. Wichtig ist, dass etwas wie Armani auf dem Shirt steht. Plakative Statusberichte auf dem Weg nach oben, baldigen Erfolg ankündigend.

Ich sitze da in der Sommerhitze und trinke Kaffee – der ist wichtig hier. Drei Rituale kennt der Tag in Sarajevo, erklärt mir eine Bosnierin: Morning coffee, gossip coffee, fuck off coffee (Man verdünnt nur noch mit Wasser, um dem Gegenüber zu zeigen: Es ist Zeit zu gehen).

Starbucks gibt es hier nicht, denn keiner will Kaffee im Pappbecher, den man verhuscht und abwesend im Gehen trinkt. Man will am besten sitzen und plaudern, zumindest aber sitzen. Ich habe das Privileg, für mich zu sein und doch in Gesellschaft. Merak, sagen sie hier, kaum zu übersetzen. Es heißt so etwas wie: den Moment genießen.


Straßenszenen am Bascarsija-Platz: Merak!


Rund um den Bascarsija-Platz im osmanischen Altstadt-Viertel erinnert Sarajevo tatsächlich an Istanbul. In der Fußgängerzone mit Fassaden im Gründerzeitstil, keine zehn Minuten entfernt, ist es Budapest. Weiter im Süden drückt sich die sozialistische Vorstadt-Architektur grau gen Himmel. In Sarajevo spaziert man durch Jahrhunderte, die große Reiche schufen und wieder zerfallen ließen. Die Stadt an der Miljacka altert stromaufwärts. Ich laufe in zwei Richtungen durch die Geschichte.

Die Osmanen kamen im 15. Jahrhundert und brachten den Islam auf den Balkan. Sie errichteten die Kaisermoschee, noch heute Sitz des bosnischen Großmuftis; die Karawanserei mit dem alten Baum im Hof; und die Altstadt, grob gemauerte Häuser, Aufbauten aus Holz, darüber Schrägdächer mit roten Schindeln, in den kleinen Läden Kupferservice, wohin man auch schaut. Aus dem Dorf wurde damals eine Stadt. Ihr Name geht auf das türkische Wort saray zurück, für Palast. So sah der Stadthalter wohl seine Ansiedlung.


Sarajevos osmanisches Marktviertel: Moscheen und Souvenirshops.


Die k.u.k. Monarchie verwebte Sarajevo mit den Geschicken der europäischen Großmächte: Bosnien ging 1878 an Österreich-Ungarn. Büchereien entstanden in Sarajevo, Schulen, Theater, eine Universität, die erste Tram Europas. Ich setze mich in den verblassten Schatten dieser Epoche, ins elegante Hotel Europa, und trinke im Saal im Erdgeschoss einen Kaffee. Mittlerweile heißt die feine Adresse Hotel Europe, klingt internationaler.

Europa, welche Pracht! Und welche Abgründe. Das Völkersterben des Ersten Weltkriegs nahm in Sarajevo seinen Anfang – durch einen Schuss. Der serbische Extremist Gavrilo Princip ermordete auf der Lateinerbrücke den österreich-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand, und wegen einer völlig wahnwitzigen Bündnispolitik der Großmächte stand bald ganz Europa in Flammen. Die Donaumonarchie ging ebenso unter wie das Osmanische Reich. Sarajevo hat die fremden Mächte abgeschüttelt und gleichermaßen in sich aufgenommen.

An das folgenreiche Attentat von 1914 erinnert eine Steintafel, die man leicht übersieht. Das angeschlossene Museum ist etwas bemitleidenswert. Autos brettern vorbei, geschichtsvergessen, wie mir sinnloser Weise scheint, und die Miljacka schleppt sich als dürrer Strom durch hitzeschwere Luft.


Sarajevos Quartier aus Zeiten der Donaumonarchie, Anschlagsort Lateinerbrücke.


Und wohin strebt der Zeitenfluss in Sarajevo? Nach Mekka, fürchten manche. Die Saudis investieren kräftig in die Stadt. Sie kaufen Land, ziehen Villen hoch.

Den 74 Meter hohen Wolkenkratzer in Sarajevos City mit dreistöckiger Mall und Luxushotel hat die saudische Al-Shiddi-Gruppe gebaut, für 50 Millionen Euro. Im Nordosten der Stadt entsteht eine gated community für reiche Saudis, Emiratis, Kuwaitis und Kataris. Der Herrscher Ras al-Khaimahs, Scheich Sa’ud ibn Saqr al-Qasimi, hat in den Bergen oberhalb der Stadt das »Sunnyland« errichten lassen, ein Ausflugsareal mit Sommerrodelbahn.

Die Golfaraber, Bewohner der Wüste, schätzen das muslimische Sarajevo für ihre Glaubensbrüder – und für die frische Luft, das satte Grün in den Hängen. Das arme Bosnien ist außerdem lächerlich günstig für sie.

Der Einfluss der neuen Gäste vom Golf ist in Sarajevo nicht zu übersehen. Die Wasserpfeife erlebt seit wenigen Jahren eine Renaissance, sehr zu meiner Freude. Überall kann man nargile rauchen, bekommt dann aber meist kein Bier. In meinem Hotel gehen Männer in Dishdasha und voll verschleierte Frauen ein und aus. Die Araber sind nicht unwillkommen in der Stadt, denn sie bringen Geld, und das zählt erst einmal. Aber sie treten oft auf wie neue Herren.

Auf dem Bascarsija-Platz bückt sich eine Frau im Niqab hinunter zu den Tauben, am Arm eine Designerhandtasche. Andere arabische Frauen tragen nur Kopftuch, zu riesigen Luxus-Sonnenbrillen, als müssten sie sich auf dem Weg ins Café prominentengleich vor Paparazzi verstecken. Ein arabischer Tourist schiebt einen Kinderwagen, darin aber nur Einkaufstüten. Der Junge muss laufen. Viele arabische Männer haben ihre traditionelle Tracht in der Heimat gelassen und sehen nun aus wie Beach Boys: dünne Ärmchen in grellen T-Shirts. Die Söhne neben mir am Tisch schauen verwöhnt und unbefriedigt. Zur Bedienung sagen sie nicht bitte und danke, sondern »Ketchup!« Sie spucken nur einzelne Worte aus wie verdorbenes Fleisch.

Viele Araber sind natürlich harmlos und nett. Sie bringen bloß mit, was die meisten anderen Touristen auch im Gepäck haben: eine erfreulich pralle Reisekasse, eine Portion Unbeholfenheit und ein paar krude heimatliche Überzeugungen, über die man als Einheimischer nur milde den Kopf schüttelt. Aber ein paar Dinge laufen in Bosnien schon grundsätzlich anders als auf der arabischen Halbinsel.


Arabische Gäste vor der Gazi-Husrev-Beg-Moschee und auf der Lateinerbrücke.


Die Araber seien die schlimmsten, erzählt Amina, eine junge Bosnierin mit Kopftuch und riesigen, strahlenden Augen. Sie könnten nicht kommunizieren und würden sofort anzüglich, als wüssten sie nicht, wie man sich einer Frau nähert, die ihnen nicht zugewiesen wurde. Ob sie mit der Hand manchmal an sich heruntergehe, solche Dinge fragten die Typen gleich im dritten Satz. Indiskutabel sei das und ein ziemliches Trauerspiel. Ein Kuwaiti, erzählt Amina, habe sie allen Ernstes auf der Stelle heiraten wollen, wegen der Augen. Sie habe nur gelacht. »Ich trage mein Kopftuch aus Überzeugung«, sagt die blitzgescheite junge Frau. Wir sitzen in der Altstadt bei einer Wasserpfeife zusammen.

Amina hat sich das Englisch selbst beigebracht, im Gespräch mit Touristen. Sie arbeitet für eine Forstfirma, Logistik. Sie hat also Glück gehabt. Die Perspektiven für junge Leute sind schlecht. Es gebe da einen Witz. Warum ist der Kaffee in Bosnien so gut? Weil er überall von Studenten mit so guten Uni-Abschlüssen gemacht wird.

Amina ist sehr religiös. Für sich selbst, sagt sie, und ich habe keinen Zweifel daran. Ihre Freundinnen trügen Miniröcke und Spaghetti-Tops, alles kein Problem. Aber sie selbst spare sich auf. Kein Sex vor der Ehe und so. Würde der Vater einen Christen als Freund akzeptieren? Das könnte schwierig werden, sagt Amina. Ihr großer Bruder schaut kurz vorbei. Im nächsten Moment hat er für uns schon gezahlt und ist verschwunden.

Amina ist mit ihrer wertkonservativen Einstellung eher die Ausnahme in Sarajevo. An einem Freitagabend ist Partyvolk auf den Straßen unterwegs, die Bars sind voll. In einem Park treffe ich Mia, 21, die im Moment in Wien studiert, und Amira, 22, in Nürnberg geboren, ein Jahr nach dem Krieg. Beide sind Muslime und trinken billigen Schnaps. Ramadan ist gerade vorbei, da gibt es Nachholbedarf.

Mia hat einen christlich-orthodoxen Freund. Kein Problem sei das. »Die Politiker kommen nicht klar, aber die Menschen schon«, sagt sie. Zwar könnten sich die drei Volksgruppen (muslimische Bosniaken, christlich-orthodoxe Serben, katholische Kroaten) nicht ausstehen, aber man halte es aus miteinander. Will sie nach dem Studium hierbleiben? »Der durchschnittliche Monatslohn sind 400 Euro«, antwortet Mia. Noch ein Schluck aus dem Fläschchen, es schmeckt ganz grausig. Dann brechen sie auf in die Nacht.


So geht Multikulti: auf amerikanisch gemachtes Café, türkisches Restaurant, chinesische Touristin mit Wasserpfeife.


Es ist ein Schauspiel: Wie sich die Nacht über Sarajevo legt. Eines Abends steige hinauf zur Gelben Festung, einem beliebten Aussichtspunkt. Holzveranda, Picknicktische unter Bäumen, ein Rundweg entlang der alten Mauer des Kastells. Der Blick fällt in den Talkessel von Sarajevo, verliert sich in der Ferne.

Zuerst gehen die Straßenlaternen an. Die Sonne versinkt hinter den Hügeln im Westen, dann leuchten die Minarette. Um viertel vor neun beginnen die Muezzins mit dem Gebetsruf. Schatten übernimmt das Tal. Letzte Wolken glühen am Himmel wie die Kohle der Wasserpfeifen rund um den Bascarsija-Basar, irgendwo dort unten im Marktviertel.

Der Ruf zum Gebet ist kein Signal für Einkehr und Besinnung, es scheint mir genau andersherum zu sein: Jetzt füllen sich die Straßen, das Nachtleben erwacht, als riefen die Moscheen nicht zu einem religiösen Ritus auf, sondern zu Ausgelassenheit, zu säkularen Freuden. Dann leuchten auch alle Werbebanner und Fassadenlichter. Die Beobachter auf der Gelben Festung aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und vom Golf schauen still dabei zu, wie der Tag langsam abblendet, ohne zu Ende zu gehen.


Sonnenuntergang über Sarajevo, Blick von der Gelben Festung.


Ein junger Amerikaner hat leider seinen travel buddy aus dem Hostel wiedererkannt und stellt jetzt lautstark uninteressante Smalltalk-Fragen. Die Penetranz des Gesprächs stört die abendliche Ruhe und steht in einem ungünstigen Verhältnis zur Ahnungslosigkeit des Sprechenden. Er ist der Bar-und-Hostel-Welt junger Backpacker entstiegen auf diesen Hügel, aber gedanklich steckt er noch bei der Frage, wo das günstigste Bier zu bekommen wäre.

Viele Traveller wissen wenig, trotz Internet und Wikipedia. Eine junge Britin beichtet mir: »Als ich nach Sarajevo kam, wusste ich nicht, dass es hier mal einen Krieg gegeben hat.«

Wer einmal in Sarajevo ist, übersieht die Spuren des Krieges nicht. Zwischen Gelber Bastion und osmanischem Viertel erstreckt sich ein Friedhof, einer von vielen in Sarajevo. Die Todestage auf den Grabsteinen berichten von Menschen, die viel zu früh starben.

Der Krieg, er hat damals die ganze Stadt erschüttert. Ich fahre mit dem Bus durch die Trabantenstädte aus sozialistischer Zeit, abseits des Sightseeing-Sarajevos. »B3« steht in riesigen Lettern auf einem Wohnturm, zehn oder fünfzehn Stockwerke hoch. An einem anderen Gebäude prangt das Loch eines Granateinschlags auf der Fassade, so groß wie ein Campingtisch. Niemand hat den Schaden beseitigt, über die Fenster kommt man nicht ran.

Jugoslawien zerbrach 1991 – aber eigentlich schon früher. Wie sagt Jasmin Hasanovic? Jugoslawien starb mit Tito. Das war 1980. Danach ging es bergab. Ein Glanzmoment: die Olympischen Winterspiele 1984. Doch die alte Bobbahn in den Wäldern oberhalb der Stadt ist verfallen und schillert ungesund in allen Farben des Schimmels. Das Café Tito, unweit des bosnischen Nationalmuseums, huldigt nostalgiereich der alten Zeit. Kriegsgerät steht im Garten, ein leichter Panzer, eine Haubitze.

Von hier ist man gleich auf der einstigen Sniper Alley. Während der Belagerung war die heutige Hauptverkehrsstraße Zmaja od Bosne ein lebensgefährlicher Ort. Serbische Heckenschützen hockten in den nahen Hochhäusern und nahmen von dort aus Zivilisten ins Visier, auch Kinder. »Warum zwei Kugeln vergeuden?«, fragte damals ein serbischer Scharfschütze die Polizei. »Wenn ich ein Kind töte, dann töte ich auch die Mutter.«

Als ich später in den Südosten des Landes reise, in die Republik Srpska, eine der zwei Entitäten mit eigener Verwaltung und eigenen Gesetzen, da höre ich die Schauergeschichten der anderen Seite: Die Muslime hätten damals Mujaheddin aus Asien angeheuert, erzählt mir ein serbischer Naturfreund. Die hätten mit abgeschnittenen Köpfen Fußball gespielt. Die Wahrheit eines Krieges hängt ganz oft davon ab, wen man fragt.


Ehemalige Sniper Alley, Olympia-Relikte, das alte Holiday Inn heute.


An diesen Zahlen ist wenig zu rütteln: Im Schnitt fielen während der Belagerung Sarajevos täglich 329 Granaten auf die Stadt, an einem Tag waren es sogar 3777. Am Ende wurden 11.541 Tote identifiziert, darunter 1600 Kinder. Doch was können solche Zahlen fassbar machen? Eigentlich nichts. Das dachte sich auch Jasminko Halilovic – und hatte eine Idee.

Zuerst sammelte der junge Bosnier Kriegsgeschichten von Kindern für ein Buch. Short Storys, oft nur Anekdoten, zwangsläufig lakonisch und bestürzend scharfsichtig: »Sniper killed my brother. It killed my childhood too.« Der Name des Projekts: War Childhood.

Immer mehr Kinder wollten dabei sein, manche schickten auch Fotografien von Gegenständen, die ihnen im Krieg wichtig waren. Doch die passten nicht zum Konzept des Buches. Also, dachte sich Jasminko, müsste man sie ausstellen. Und so eröffnete er 2016 das War Childhood Museum in Sarajevo, fünf Gehminuten vom Sebilj-Brunnen entfernt.

Nicht die großen Zusammenhänge werden in den Räumlichkeiten veranschaulicht, sondern die privaten Tragödien des Krieges – durch ein Kleid, eine vom Granatsplitter aufgeschlitzte Adidas-Mütze oder ein Dosenfleisch (Pâté de Boeuf). Ein Mädchen namens Meliha zeigt einen blauen Stoffhasen, der ihrem Bruder gehörte; der Junge wurde in den Armen der Mutter erschossen. Eine Emina zeigt den gefälschten Pass, mit dem sie in die Heimat zurückkehren konnte. Denisa: ein bunter Kinderzauberstab aus einem Hilfspaket. Abracabdra hätten sie damit gespielt, schreibt das Mädchen, und gehofft, dass auf einen Schlag der Krieg endet. Leider habe das aber noch lange Zeit gedauert.

»Ich habe gelernt, wie stark und widerstandsfähig Kinder sind«, sagt Jasminko, der sieben Jahre an seinem Projekt gearbeitet hat. Das Museum erzähle die Geschichte jener, die überlebten. Vom Leben soll es also berichten und weniger vom Tod.

Viele Bosniaken flohen im Krieg nach Norden, auch nach Deutschland. »Ich denke, Besucher aus Westeuropa verlassen das Museum mit dem Gedanken, dass frühere Kriegskinder heute ihre Mitbürger sind oder als Flüchtlinge in ihre Länder kommen«, sagt Jasminko. »Wenn sie verstehen, was diese Kinder durchgemacht haben, sind sie vielleicht dazu in der Lage, sie bei ihrer Integration zu unterstützen.« Hoffentlich kommt Jasminko so bald nicht nach Deutschland, denke ich, wo »die Ausländer« und »Überfremdung« in diesen Tagen wieder das wichtigste Thema sind. Es könnte ihm das Herz brechen.

Dabei hat der stille, schmale Bosnier mit den aristokratischen Gesichtszügen genug Sorgen. Die Situation in Bosnien sei weit entfernt von gut. »Politiker, die während des Krieges an der Macht waren, sind heute immer noch im Amt. Sie nutzen die Medien, um die Menschen zu manipulieren«, klagt Jasminko mir. »Die einzigen, die ihnen trauen, sind ungebildete Wähler und, traurigerweise, einige EU-Funktionäre.«


Zauberstab und Dosenfleisch: Alltagsgegenstände im War Childhood Museum.


Der ethnische Riss durch das Land ist tief. Er bestimmt die Politik. Seit dem Dayton-Friedenvertrag besteht das Land aus zwei Gebieten mit eigener Legislative und Exekutive, eine absurde Konstruktion. Die Serben würden sich am liebsten abspalten. Die Kroaten fühlen sich Zagreb näher als Sarajevo. Das ist Bosnien heute: Korruption, Armut, Braindrain.

Als ich mit Jasmin Hasanovic nach dem Besuch beim Tunnel zurück in die Innenstadt aufbreche, stoppt uns an einer Kreuzung ein serbischer Polizist. Wir sind hier schon in der Republik Srpska, die Grenze verläuft südlich der Stadt. Hier im Vorort-Nirgendwo kontrolliert der Beamte nun Fahrzeuge. Ein kaputter Blinker, keine Papiere? Da wird wohl ein Bußgeld fällig, am besten in bar. An unserem Wagen kann der Polizist partout nichts bestanden. »Das Geld macht alles kaputt«, sagt Jasmin später – einer seiner Lieblingssätze.

»Es gab viele Versprechungen auf ein besseres Leben nach dem Krieg. Nichts davon wurde eingehalten, nichts ändert sich«, führt Jasmin die prekäre Situation weiter aus. Es klingt ernüchtert. »Wir verlieren die junge Generation.«

Ob die Volksgruppen noch einmal zu den Waffen greifen könnten, frage ich. Das glaubt er nicht. Die Menschen heute seien vernetzt, sagt Jasmin. Sein Bruder hat eine Serbin geheiratet, der Vater war einverstanden. »Wenn es in den neunziger Jahren Facebook gegeben hätte, wäre es vielleicht nie zum Krieg gekommen.«

Ein Freund habe auf dem sozialen Netzwerk kürzlich folgendes erklärt: »Ich habe drei Söhne. Wenn heute jemand an meine Tür käme und sagte ‘Ich brauche sie für einen Krieg’, dann würde ich den Typen erschießen.« Jasmin schweigt, als wäre dem nichts hinzuzufügen. Wie geht der alte Spruch? Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.

Auch eine religiöse Radikalisierung durch die Saudi-Araber ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Die israelische Zeitung »Haaretz« schrieb kürzlich, warum das muslimische Sarajevo der sicherste Ort für Juden in Europa sei. »Dieses Land ist eines der wenigen, die frei von Antisemitismus sind«, erklärte der Präsident der jüdischen Community der Reporterin.

Schon unter den Osmanen lebten jüdische Familien in der Stadt. Und es waren Muslime, die eines der wichtigsten Bücher des Judentums, die Haggadah, während der Besetzung durch die Nazis versteckten. Heute läuft man in drei Minuten von der Kaisermoschee zur Synagoge der Aschkenasim. Die jüdische Gemeinde wächst im »Jerusalem Europas«, wie es oft heißt.


Davidstern, Kaisermoschee und Synagoge von Sarajevo, alter jüdischer Friedhof.


Und so macht Bosnien irgendwie weiter als das, was es ist: ein dysfunktionales Land mit einer wahrlich sehenswerten Hauptstadt. Sarajevo ist Geschichtsbuch und Mahnmal, Multikulti-Metropole und Partystadt, Trendziel junger Globetrotter und Heimat eines liberalen und weltoffenen Islams, dessen Existenz von so vielen Hetzern in Zweifel gezogen wird. Arabischen Judenhassern sollte die Stadt ein Vorbild sein. »Wir sind Muslime, aber du kannst leben, wie du willst«, sagt Jasmin Hasanovic, bevor wir uns voneinander verabschieden.

Nein, Bosnien ist nicht das Paradies, denke ich. Aber Sarajevo ist ein kleines Wunder.

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Kopenhagen ist die Stadt des dänischen Designs. Ein Essay über Ästhetik und die skandinavische Mentalität, über Besitz und die verführerische Macht des Konsums – und eine ganz besondere Lampe.

I. Der Anlass

Wenn ich recht überlege, lief alles auf die Lampe hinaus. Ein besonderes Modell, von dem noch ausführlich zu sprechen sein wird. Das Design betörte mich derart, dass ich erschrak und einige gründliche Gedanken anstieß. Wohin sie führten? Auch davon später.

Vordergründig wollte ich nach Kopenhagen, um eine Geschichte über Vesterbro zu recherchieren. Die Leitfrage lautete: Wie lebendig, berauschend und groundbreaking kann ein Szeneviertel sein, wenn es sogar von den offiziellen Tourismusvermarktern als Hipster-Quartier etikettiert wird? Um es vorwegzunehmen: mäßig.

Unterbewusst jedoch wollte ich vor allem ein paar Tage in einer Großstadt verbringen, die all das hat, was Berlin fehlt: Übersichtlichkeit, Umgangsformen, Klasse – die Einsicht, dass anlasslose Freundlichkeit kein Zeichen falscher Angepasstheit ist, sondern das Zusammenleben fremder Menschen einfach sehr viel angenehmer macht.

Ryanair hatte Flüge für fünfzig Euro im Angebot und ich nur ganz kurz Skrupel, den Billigflug der halbtägigen und mehr als doppelt so teuren Bahnreise über Hamburg vorzuziehen. Das Geld, ich ahnte es vielleicht schon, würde ich noch brauchen können.



II. Die Erwartungen

Kopenhagen ist das urbane Schaufenster Dänemarks. Dafür, dass die Dänen gleich nebenan leben, wissen wir von ihnen eigentlich ziemlich wenig, außer dass sie laut World Happiness Report drei Jahre hintereinander das glücklichste Volk der Welt waren. Auf Platz zwei hinter Norwegen lässt es sich bestimmt immer noch zufrieden leben.

Zugeschrieben wird dieses Lebensglück der international bekannten Hyggeligkeit, eine dänische Erfindung. Hyggelig heißt so viel wie angenehm, gemütlich, komfortabel, wohnlich. Eine besonders treffende Übersetzung ist, wie ich finde, heimelig. Draußen mag der Weltensturm toben, doch er dringt nicht ein ins kaminfeuerwarme Haus.

Die Skandinavier wissen offenbar, wie das gute Leben aussieht. Savoir vivre, nur ohne selbstgedrehte Zigaretten, Kaffeeflecken und Existenzängste. Müsste das nicht in einer Stadt wie Kopenhagen besonders klar zu sehen sein?

Europa wirkt nördlich des 55. Breitengrads ja erst einmal wie die bestmöglich denkbare Version der Welt. Immer, wenn ich zuvor in Norwegen, Schweden oder Finnland gereist war, in diesen Bilderbuchländern mit ihren stilvoll gekleideten Menschen, beschaulichen Städtchen und fortschrittlichen Sozialsystemen, da hatte es mich plötzlich fundamental verstört, dass zum Beispiel Kindern im Niger von der Mangelernährung die Gesichter zerfressen werden oder Familien in Indien in Gegenwart ihrer eigenen Ausscheidungen leben. Ein Wohlstand wie in Skandinavien schreit einem ins Bewusstsein, welch unterschiedliche Zivilisationsniveaus ohne globalen Aufschrei parallel existieren können. Doch der Schock hatte immer nur kurz gewährt, wenn ich durch Trondheim, Stockholm oder Helsinki gelaufen war – alles dort schien stets so schön.

Nun also nach Kopenhagen zu den Design-Dänen, diesen erstaunlichen Glückspilzen.



III. Der erste Eindruck

Der typische Kopenhagen-Trip besteht aus Bummeln in der Einkaufstraße Strøget und Hippie-Kommune Christiania, einem Besuch des Vergnügungsparks Tivoli und einem Selfie vor der Kleinen Meerjungfrau. Vesterbro gleich westlich des Zentrums ist auf unspektakuläre Weise ganz gediegen. In der Zweckarchitektur mancher Straßen ist das einstige Arbeiterviertel noch erkennbar, doch die meisten Fassaden strahlen Bürgerlichkeit aus. Die Rotlichtmeile neben dem Hauptbahnhof wirkt harmlos, man bemerkt sie kaum. Neben dem Burgerladen liegt ein Sexshop, und das ist schon die maximale Provokation.

Am ersten Abend tritt ein Dealer an mich heran und erklärt: »Ich habe zwei Gramm Kokain für 500 Kronen«, so als würde er Tomaten auf dem Wochenmarkt verkaufen. Ich antworte sachlich: »Nein, vielen Dank.« Hat man diesen freundlichen Kriminellen nur hier hingestellt, um dem Viertel einen letzten Hauch von Verrufenheit zu verleihen?

Es funktioniert nicht. Vesterbro ist so aufgewertet, etabliert und somit eigentlich durch – dagegen wirkt Prenzlauer Berg wie ein aufstrebendes Problemviertel. Der entscheidende Punkt ist: Die Dänen selbst interessiert eine solche Abwägung null.

Dahinter steckt diese skandinavisch-egalitäre Kultur, die der dänische Designer Sigurd Larsen mir einmal so beschrieb: »Nie denken, dass man besser als andere ist, lieber zurückhaltend sein.« Das ist zehnmal sympathischer als die bierernste Avantgarde-Haltung, die der Berliner Auskenner unablässig vor sich her trägt, zu wechselnder Schuhmode (momentan müssen es klobige Air Max 95 oder 97 sein, die Nike in einem kapitalistischen Husarenstreich wieder als neuen heißen Scheiß auf den Markt gebracht hat, für 180 Euro).

Vesterbro ist unaufgeregt hübsch. Hilfsbereite Menschen bevölkern hyggelige Gassen. Sie tragen todschicke, sauteure Klamotten und wollen trotzdem keine neidischen Blicke, zumindest würden sie das nie zugeben. Diese Mentalität ist vielleicht nur möglich durch üppigen und fair verteilten Wohlstand, durch das nötige Kleingeld, das in der Stadt des Arne Jacobsen überall verlockende Verwendung findet. Mein profanes Bedürfnis am ersten Tag in Kopenhagen: Hier will ich schöne Dinge kaufen.



IV. Die Orientierung

Kopenhagen ist sehr übersichtlich, die Wege sind kurz. Nach Vesterbro mit seinen Flanierstraßen Istedgade und Vesterbrogade kann man vom Hauptbahnhof aus laufen. Das Rotlichtviertel stellt, wie gesagt, kein Hindernis dar. Im südlichen Vesterbro liegt das Meatpacking District, quasi eine Miniaturausgabe des gleichnamigen New Yorker Stadtteils, und auch hier waren früher Schlachthöfe untergebracht. Dann kamen die unvermeidlichen Cafés, Bars, Restaurants, Clubs und Galerien.

Der Reisende findet in Vesterbro alles, was er braucht: tagsüber guten Kaffee (bei Bang & Jensen, Café Dyrehaven oder Enghave Kaffe) und gutes Essen (bei Juicy Burger, Warpigs oder FAMO), abends gute Drinks (im Brass Monkey, NOHO oder 1656), nachts gute Musik (je nach Geschmack im Jolene, Bakken, KB18 oder KB3). Mit diesen Empfehlungen kommt man locker durch ein langes Wochenende und hat dann noch nicht Nørrebro im Nordwesten der Stadt gesehen, das andere bekannte Hipster-Viertel.

Was erklärt dieses Wort noch? Eigentlich nichts. In ihrem kleinen Laden im Meatpacking District treffe ich die Modedesignern Maxjenny Forslund. Sie sagt über Vesterbro: »Es ist das Epizentrum der Hipster. Niemand hier trägt Socken, aber alle haben coole Fahrräder.« Eine humorvoll gemeinte Überspitzung und doch falsch, weil der Hipster sich gerade dadurch auszeichnet, dass die Distinktion stets eine neue Mode erfordert. Der Hipster ohne Socken ist nur ein Klischee, wie Latte-Macchiatto-Mutter und Segelschuh-Snob.



V. Der Sehnsuchtsort

Woran erkennt man auf Reisen einen Sehnsuchtsort? Vielleicht daran, dass man ihn immer wieder aufsucht, nicht von ihm lassen kann. Mir erging es so mit einem Einrichtungsgeschäft auf der Istedgade: DANSKmadeforrooms.* Und das lag an der eingangs erwähnten Lampe: die »Lektor Desk« der schwedischen Manufaktur Rubn. Mattgold und schwarz, schlichtes skandinavisches Design, zu einem Preis von 3498 Kronen. Das sind rund 500 Euro – für eine Tischlampe.

Die Ironie der Geschichte des skandinavischen Stils liegt in dem Bedeutungswandel, den die Designobjekte erfahren haben: Möbelklassiker, die heute das Konto bluten lassen, waren ursprünglich überhaupt nicht teuer. Das hatte mit dem Aufbau des Sozialstaates nach dem Krieg zu tun. Jeder Mensch im Land sollte gutes Design haben. Und so haben damals viele Möbelmacher kostenlos für große Supermarktketten Stücke entworfen: Massenproduktion und billiger Verkauf. Erst viel später wurden die Möbel dann zu Design-Ikonen.

Ich stehe nun also vor dieser Lampe für 500 Euro und bin ganz begeistert. Ich überlege tatsächlich, sie zu kaufen. Das ist doch kompletter Wahnsinn. Ich habe zu Hause eine Tischlampe, ich brauche keine Tischlampe, ja habe ich denn vollkommen die Maßstäbe verloren? Doch die Lampe ist einfach schön. Bestechend schön, wie mir scheint. Ihre schlichte Form, die hochwertige Verarbeitung – sie strahlt die ganze klare Eleganz Skandinaviens aus, die ich ohnehin so liebe. Ich will sie haben, ich muss sie haben.


Einrichtungsgeschäft DANSKmadeforrooms © DANSKmadeforrooms


VI. Das Gefühl beim Abschied

Die Lampe hat mich euphorisiert, doch das Gefühl beim Abschied ist: Scham. Was ich mit 500 Euro alles tun könnte! Zum Beispiel drei Wochen durch Sri Lanka reisen, und alle Ausgaben wären gedeckt. Und jetzt will ich mir eine Lampe zum Preis eines Fernfluges auf den Tisch stellen. Und diese dann betrachten und denken – echt schön?

In der post-materialistischen Filterblase der Reise-Community ist ein solcher Kauf kaum zu entschuldigen. »Investiere in Erlebnisse, nicht in Dinge«, rufen sie dir aus den Weiten ihrer Blogs zu, bevor sie ihre Jobs kündigen und Wohnungen aufgeben, alle Möbel verkaufen und losziehen. Und sie haben ja Recht. Wie schrieb Boris Pofalla einmal in einer klugen Gegenwartsanalyse in der FAZ: »Der tiefe Glaube der Nachkriegsgeneration, dass die Dinge schon einen Sinn stiften werden, wenn man sie nur in ausreichender Menge und Qualität zusammenträgt, erodiert gerade.« Der Schein der schönen Dinge verblasst.

Das bringt mich zu dem, was eine gute Freundin mir neulich schrieb, als es um etwas Alltägliches und dann kurz um alles ging. Die ewigen, großen Fragen – das seien doch: Geht Liebe? Und was machen wir, bis wir sterben? Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Konsumgüter als Ersatzbefriedigung, das ist doch ein längst entzauberter Irrglaube.

Trotzdem kann ich nicht abstreiten, dass mich der Anblick einer formschönen Uhr an meinem Handgelenk aus ästhetischen Gründen erfreut. So ist es auch bei der Lampe. Nichts ist falsch daran, Konsumgüter schön zu finden. Ob man sie auch besitzen muss, ist eine andere Frage. Warum eigentlich?

Vermutlich liegt es oft daran, dass guter Geschmack als Ausweis einer interessanten Persönlichkeit wahrgenommen werden will. Da ist mir der dänische Ansatz lieber: Gutes Design ist in erster Linie gutes Design – und im besten Fall soll es jeder besitzen können. Heute sind die Lampen und Stühle aber nun doch sehr teuer, und vielleicht sollte man Skandinavien auch nicht zu sehr idealisieren. Ich habe die Lampe nicht gekauft.

*Der Autor hat weder Geld noch Sachwerte für die Verlinkung bekommen.



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Alexander von Humboldt versuchte 1802, den Chimborazo zu besteigen, und machte den höchsten Vulkan Ecuadors zu einem Mythos. Wer den Fußstapfen des berühmten Forschers folgt, kommt dem Himmel ganz nah.

Alexander von Humboldt bluten die Hände, als er sich die Hänge des Chimborazo hinaufkämpft. Es ist der 23. Juni 1802 in den Anden des heutigen Ecuadors, das scharfe Vulkangestein schlitzt dem neugierigen Universalgelehrten bei jedem Fehltritt die Haut auf.

»Unsere Begleiter waren vor Kälte erstarrt und ließen uns im Stich«, wird Humboldt später in seinem Tagebuch notieren. »Sie versicherten, sie würden vor Atemnot sterben, obwohl sie uns wenige Stunden zuvor voller Mitleid betrachtet und behauptet hatten, daß die Weißen es nicht einmal bis zur Schneegrenze schaffen.« Das war eine Fehleinschätzung. Der berühmte deutsche Naturforscher steigt so hoch wie kein Mensch zuvor.

Mit dem Versuch am Chimborazo, der damals als höchster Berg der Erde galt, begründete Humboldt einen Mythos. Er inspirierte Schriftsteller und Maler. Simón Bolivar stilisierte den eigenen Gipfelsturm 1822 gar zum Symbol für die Befreiung Südamerikas von den Spaniern. Heute ziert der 6268 Meter hohe Vulkan das Wappen Ecuadors.


Mythos Chimborazo: der höchste Berg Ecuadors.


Während Humboldt damals noch das Fehlen eines einheimischen Führers beklagte, müssen heutige Trekkingtouristen auf diese Hilfe nicht verzichten. Die Agenturen in Ecuadors Hauptstadt Quito bieten eine kommerzielle Besteigung des technisch leichten Vulkans auch für Reisende an, die noch nie auf Steigeisen gelaufen sind. Der Gipfel ist vermessen und erforscht. Gezähmt und entzaubert, könnte man sagen. Nein, der Aufstieg auf den Chimborazo ist keine Pionierleistung mehr, aber immer noch ein gewagtes Unterfangen. Kein Scheinabenteuer mit Erfolgsgarantie. Viele scheitern, an der Höhe, an der Kondition.

»Todo bien?« Alles in Ordnung? Bergführer Wily Rivera Iza, 29, dreht sich in der milden Gipfelnacht immer wieder zu mir um und erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden. Es ist gut zwei Stunden nach Mitternacht, jenseits von 5200 Metern. Sterne funkeln am Himmel. Die Route führt bald nur noch über Gletscher, es geht steil bergan. Und die Luft ist schon ziemlich dünn. Das Atmen fällt schwer. Sí sí, todo bien, noch.


Bergführer Wily: Todo bien?


Wer sich unvorbereitet an den Chimborazo wagt, wird scheitern oder riskiert seine Gesundheit. Eine gute Akklimatisierung ist alles, sonst droht soroche, die Höhenkrankheit.

Die Symptome beschrieb Humboldt schon vor mehr als zweihundert Jahren: »Wir fühlten eine Schwäche im Kopf, einen ständigen Schwindel, der in der Situation, in der wir uns befanden, sehr gefährlich war.« Hinzu kamen Übelkeit und Zahnfleischbluten. Der Forscher erfasste den Effekt der Höhe auf den Körper sehr präzise: Der geringe Sauerstoffpartialdruck sorgt dafür, dass die Lunge weniger Sauerstoff aufnehmen kann als auf Seehöhe.

Für den Chimborazo braucht man deshalb eine Woche Zeit. Und wer nur nach Ecuador reist, um möglichst schnell auf den Gipfel zu steigen, macht sowieso etwas falsch. Denn die dreihundert Kilometer lange »Straße der Vulkane« ist in ihrer kargen Schönheit viel zu bestechend, um die Anwesenheit in den ecuadorianischen Anden allein einem sportlichen Ziel zu unterwerfen. Es geht um Anmut und Ästhetik, demütiges Schauen und Staunen. Fast wie nebenbei steigt man da auf die niedrigeren Gipfel, um sich zu akklimatisieren. Der Blick geht so selten wie nötig auf den Wanderweg und so häufig wie möglich in die Ferne.


Vulkanberge Cayambe, Antisana: Riesen in der Ferne.


Fünf Tage vor der Gipfelnacht am Chimborazo sitze ich mit meinem Bergführer Wily auf der Terrasse einer hübschen Hacienda nördlich von Quito. Wir besprechen die Touren: zuerst auf den Fuya Fuya (4263 Meter), dann auf den Imbabura (4630 Meter), zuletzt die obligatorische Technikschulung am Vulkan Cayambe in rund 5000 Metern Höhe.

Wily stand schon mehr als hundert Mal auf dem Gipfel des Chimborazo. Für mich wäre es mein bis dahin höchster Berg, deutlich mehr als 6000 Meter. »Wenn du dich nicht gut angepasst hast, wirst du Probleme bekommen, und wir müssen umkehren«, warnt mich der kleine stämmige Ecuadorianer mit den sanften Augen. In großer Höhe seien sogar Halluzinationen möglich. »Manche Kunden haben dort schon Bären und Füchse gesehen.« Andere, wie man weiß, einen Schneemenschen namens Yeti…

Einstweilen sind das ewige Eis und die halluzinogene Höhenluft noch weit weg. Warm scheint das Abendlicht auf die Berge rund um den Ort Cayambe. Die Hacienda ist prachtvoll gelegen, allerdings nur auf 2800 Metern. Etwas dürftig für die nächtliche Akklimatisierung.


Abendstimmung auf der Hacienda nördlich von Quito.


Die Tour auf den Fuya Fuya beginnt überaus zahm an der Laguna Mojanda auf 3600 Metern. Páramo heißt die tropisch-alpine Landschaft nahe des Äquators in dieser Höhe. Gelb blüht der Romerillo. Vom Kratersee aus verläuft der Trampelpfad durch das typische Ichu-Gras, das hier paya genannt wird. »Die Menschen benutzen es zur Dämmung ihrer Häuser«, klärt Wily auf. Dann zerreibt er einen Strauch, der leicht nach Minze riecht und im Tee angeblich gegen die Höhenkrankheit helfen soll. Doch die ist zu ernst, um auf Placebos zu vertrauen. Also lieber noch ein bisschen höher steigen, Meter machen, den Körper anpassen.


Dimensionen, die das Auge überfordern: Aufstieg auf den Fuya Fuya.


Entspannte zwei Stunden sind es auf den Fuya Fuya. Von oben kann man bis nach Quito schauen, was überrascht, weil die Autofahrt von dort zum Berg zwei Stunden gedauert hat. Die Ausdehnung des Vulkans ist so gewaltig, das sie immer wieder das Auge täuscht. Der Fuß hat einen Durchmesser von mehreren Kilometern. Auch die schiere Höhe der Berge unterschätzt das Gehirn. Die Millionenstadt Quito liegt bereits auf 2850 Metern. Humboldt schrieb wieder erstaunlich treffend: »Berge, die uns durch ihre Höhe in Erstaunen versetzen würden, wenn sie am Meeresufer stünden, sehen aus wie bloße Hügel, wenn sie sich auf dem Rücken der Kordilleren erheben.«

Humboldt hielt die gesamte Gebirgskette der Anden-Westkordillere für unterhöhlt, für einen riesigen Supervulkan – was im Prinzip stimmt. Ecuador hat die höchste Vulkandichte der Welt. Unter dem Land brodelt es quasi ständig. Im Sommer 2015 war der Cotopaxi zuletzt aktiv, bis dato einer der beliebtesten Trekkingberge des Landes. Die Asche flog bis nach Quito, der Präsident verhängte vorsorglich den Ausnahmezustand.

Doch die gefährliche Plattentektonik hat eben auch eine majestätische Landschaft geschaffen. Das Abendlicht streicht die Berge in warmen Farben an, ob rund um Cayambe oder hoch über der Hauptstadt mit Blick auf den Cotopaxi.

Humboldt beschrieb das Hochland von Quito als eine der »wundervollsten und malerischsten Gegenden der Erde«. Der Forschungsreisende war auf seiner zweiten Südamerika-Expedition mehrere Wochen in der Provinz Quito unterwegs, die in kolonialen Zeiten die längste Zeit zum Vizekönigreich Peru gehörte.


Will unbedingt gemalt werden: Hochland von Quito.


Während der Aufstieg zum Fuya Fuya nicht mehr als eine leichte Wanderung ist, hat die Besteigung des Imbabura am Folgetag durchaus hochalpinen Charakter. Die letzte Stunde zum Gipfel führt abschüssig über Felsen, man braucht hin und wieder die Hände. Ja, das bereitet Freude. Am Gletscher des Cayambe wiederum bespricht Wily noch einmal die Ausrüstung und übt das Gehen auf Steigeisen und die Benutzung des Eispickels. Pflichtprogramm. Wer all dies aber nicht bereits in den Alpen erlernt hat, handelt streng genommen fahrlässig und sollte sich nicht unbedingt gleich am Chimborazo versuchen. Doch ein zahlender Kunde ist für die Agenturen in erster Linie ein zahlender Kunde und kein blutiger Anfänger, der sich ohne Not in Gefahr begibt.

Am Tag vor der Gipfelnacht geht es vom Cayambe über Quito nach Süden, eine Autofahrt von mehreren Stunden. Irgendwann rückt der mächtige Chimborazo endlich ins Blickfeld. Stolz thront er über der kargen Ebene. Wilde Vikunjas grasen vor dem Gipfelaufbau, so als hätten sich die Tiere dort eigens für einen Landschaftsmaler postiert.

Das Quartier für die kurze Nacht ist die Carrel-Hütte in 4800 Metern Höhe, eine überraschend bequeme Unterkunft mit Stockbetten. Abends schenkt der Koch eine kräftige charusco aus, eine Kartoffelsuppe. Die untergehende Sonne wirft ihre feuerroten Strahlen über das Wolkenmeer, aus dem der Vulkankegel wie eine Insel herausragt.


Jenseits des Wolkenmeeres: Vikunja, Carrel-Hütte, Chimborazo.


In der Nacht zeigt sich bald, dass die Besteigung des Chimborazo trotz Akklimatisierung und moderner Technik ein beschwerliches Unterfangen ist. Ab 5800 Metern wird die Besteigung für mich zu einem zähen Ringen mit den eigenen Kräften. Die Serpentinen winden sich steiler den Hang hinauf, als es von unten aussieht. Aber wie naiv bin ich auch, in diesen Bergen meinen Augen zu vertrauen.

Schneefall setzt ein. Die Bergstiefel hängen schwer an den Füßen. Kein Höhenmeter kommt mehr locker aus den Oberschenkeln. Stirnlampen anderer Bergsteiger leuchten in der Ferne, doch viele kapitulieren. Lunge und Beine zwingen sie zur Umkehr.

23. Juni 1802: Humboldt hofft, über einen Felsgrat statt über Schnee zum Gipfel aufsteigen zu können. Er hat keine Steigeisen. Die Füße schmerzen, die Kälte beißt unerbittlich. »Unser Aufenthalt in dieser ungeheuren Höhe war äußerst traurig und düster. Wir waren in einen Nebel gehüllt, der uns nur hin und wieder die uns umgebenden Abgründe erblicken ließ.« Dann wieder zaghafter Optimismus, womöglich durch optische Trugbilder hervorgerufen: »In uns kam ein Schimmer von Hoffnung auf, den Gipfel erreichen zu können.«

Am Ende sind alle Mühen vergebens. Eine gewaltige Gletscherspalte versperrt Humboldt den Weg und zwingt ihn zur Umkehr. Er kommt bis auf etwa 5600 Meter. Erst 1880 erreicht der britische Alpinist Edward Whymper als erster Mensch überhaupt den Gipfel des Berges.

Wir haben mehr Glück und laufen nicht arglos vor irgendwelche Spalten. Bergführer Wily macht im eisigen Dunst den Vorgipfel des Chimborazo aus, den Ventimilla. Er bleibt jetzt immer häufiger stehen, um mir etwas Zeit zum Durchatmen zu geben. Kurz vor dem Gipfel flacht das Massiv ab. Wir durchschreiten jetzt Büßereis, auch Zackenfirn genannt: Nadeln aus Schnee und Eis, typisch für die Hochgebirge der Tropen.

Nach einer weiteren quälenden halben Stunde ist der Hauptgipfel erreicht. Atmen, trinken. Das Blut rauscht durch die Schläfen.


Auf dem Gipfel mit Wily: eine moderne Eroberung?


Wir befinden uns an jenem Ort auf der Welt, der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt liegt – quasi am nächsten zur Sonne. Das liegt daran, dass der Durchmesser am Äquator größer ist als zum Beispiel am Standort des Mount Everest, dem höchsten Berg der Welt. Doch von Wärme oder gar himmlischer Erleuchtung ist nichts zu spüren. Menschenfeindlich ist die Eiswelt auf Humboldts Schicksalsberg. Keine Fernsicht, die Kuppe liegt im Dunst.

War unsere Besteigung nun der große Sieg, der dem Forscher einst verwehrt blieb? Die persönliche Landnahme des modernen Entdeckers?

Humboldt selbst verortete die ästhetische Erfahrung in der Schrift Ansichten der Kordilleren nicht auf dem Berg, sondern darunter. Nicht die Aussicht sei erhebend, sondern die Ansicht des Berges. Beides erlebt zu haben, ist aber zweifellos die schönste Kombination, wie ich finde. Aber das konnte Humboldt nicht ahnen.

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Der Elbrus im Kaukasus ist der höchste Berg Russlands und zählt zu den berühmten Seven Summits. Eine kuriose Reise auf das Dach Europas, zwischen brennender Gipfeleuphorie und brennendem Plastikmüll.

I — SIEBEN GIPFEL

Die Seven Summits sind ein Mythos. Zumindest für mich, der nicht in den Bergen aufwuchs. Wir machten zwar jeden Sommer Wanderurlaub in Mayrhofen, doch der Hausberg hieß Ahornspitze, keine dreitausend Meter, und wenn der Gipfel im Juli mal eingeschneit war, sah das schon verdammt gefährlich aus. Die Berge waren für mich nie natürliches Habitat, sondern eine Ausnahme von der Regel, nur zweite Heimat.

Ich weiß nicht mehr, in welchem Alter ich den Begriff Seven Summits zum ersten Mal hörte, aber er löste sofort eine unheimliche Faszination aus. Die höchsten Gipfel der sieben Kontinente: sagenhafte Orte großer Abenteuer, mächtig, magisch, fast schon transzendent. Und unerreichbar in diesem kleinen Leben, das man sein eigenes nennt. Doch die Ferne und auch die Gipfel schrumpfen, je älter man wird.

Ich bestieg nicht nur die Ahornspitze, auch Wilden Freiger, Großvenediger, Großglockner, ein paar stattliche Dreitausender also. Und irgendwann nahm ich einen höheren Berg ins Visier: den Kibo im Kilimandscharo-Massiv, höchster Punkt Afrikas. Technisch unschwierig, nur die Höhe von 5895 Metern ist eine Herausforderung. Und siehe da: Damit kam ich gut klar. Und so hatte ich meinen ersten Seven Summit bestiegen. Aus dem Mythos war Wirklichkeit geworden. Man kann diese Berge erklimmen.


Gipfel des Kibo (2010), ernster Blick und rote Hände.


Die Seven Summits sind allerdings eine Klammer für sieben Gipfel, die sich in Zugänglichkeit, Schwierigkeit und Ernsthaftigkeit (ein wunderschöner Begriff aus der Bergsteigersprache, der noch jenseits vom technischen und konditionellen Anspruch so etwas wie das gesamte Gefahrenpotential eines Berges meint) extrem unterscheiden.

Der Kilimandscharo in Tansania ist ein technisch leichter Trekkingberg, der jedes Jahr von vielen Menschen erwandert wird, die sonst nicht bergsteigen. Der Denali in Alaska (6190 Meter) dagegen ist ein ernsthafter Expeditionsberg in einer unwirtlichen Klimazone, der wegen seiner Abgelegenheit tadellose Logistik voraussetzt; Stürme und polare Temperaturen von minus 30 Grad sind häufig – ein Gipfel für Profis. Der Aconcagua in Südamerika (6962 Metern) wiederum lässt sich dank des trockenen Klimas an guten Tagen sogar ohne Steigeisen erwandern. Der Gipfel ist anspruchsvoll wegen der Höhe und möglicher Wetterstürze.

Der Mount Vinson (4892 Meter) bleibt ein Berg für absolute Spezialisten, weil er nun einmal in einer Eiswüste namens Antarktis liegt. In Australien ist man sich unschlüssig, welcher als höchster Berg gelten darf: der Mount Kosciuszko (2228 Meter), ein leichter Wanderberg, oder die Carstensz-Pyramide in Indonesien (4848 Meter), dummerweise in einem Bergbaugebiet gelegen. Aber ehrlich gesagt ist der höchste Berg Australiens auch eher unspannend.

Und dann ist da natürlich der legendäre Mount Everest, mit 8848 Metern der höchste Berg der Erde in Asien. Seine Besteigung führt in die »Todeszone«, wo der menschliche Körper auch in völliger Ruhe stetig abbaut. Objektiv liefert der Everest keine großen technischen Schwierigkeiten. Mit Fixseilen, Flaschensauerstoff, Sherpas und einem soliden Wetterfenster ist der Aufstieg für einen trainierten (und reichen) Bergsteiger durchaus machbar. Bloß wenn ein kleines Detail schiefgeht, wird es gleich lebensgefährlich.

Bleibt der Elbrus in Russland, nach gängiger Ansicht höchster Berg Europas. Mein Bruder, ein guter Freund und ich wollten diesen Berg besteigen: 5642 Meter Höhe, ein weitläufig vergletscherter Vulkankegel nahe der Grenze zu Georgien, mein zweiter der Seven Summits.

Ein weiteres Mal sollte der Mythos entzaubert werden, das Reich des Phantastischen in die reale Welt überführt werden. Viele Kindheitsträume werden in der Realitätsmühle des Erwachsenenlebens langsam zerrieben – manche bleiben und wollen wahr werden.


Elbrus, West- und Ostgipfel.


II — VON PISTEN UND RAUPEN

Der Elbrus ist eine Naturgewalt. Den zweithöchsten Gipfel des Kaukasus überragt er noch um einige hundert Meter. Wer bei Google Maps auf Satellitenmodus umschaltet und auf den Elbrus zoomt, sieht zuerst einen weißen Klecks, der dann aber schnell riesig wird. Dieser gigantische Gletscherturm ist also das Ziel. Wie kommt man da hoch?

Dazu ein paar praktische Ausführungen:

Wie kommt man zum Elbrus?

Die meisten Reisenden aus Deutschland fliegen mit Aeroflot über Moskau ins Provinzstädtchen Mineralnyje Wody. Von dort sind es noch einmal drei Stunden mit dem Auto oder Bus in den kleinen Talort Terskol am Fuß des Elbrus. Wir hatten die ganze Tour über einen deutschen Veranstalter gebucht, der auch den Transfer organisiert hat.


Terskol, Szene am Straßenrand.


Wie schwierig ist der Elbrus?

Aus alpinistischer Sicht ist der Elbrus ein technisch einfacher Berg. Es gibt keine Kletterpassagen und nur wenig ausgesetzte Stellen. Die Spur auf der Normalroute ist ausgetreten. In regelmäßigen Abständen wurden dünne Stöcke in den Schnee getrieben, damit man nicht von der spaltenfreien Aufstiegsroute abkommt. Viele Bergsteiger gehen ohne Seil. Im Prinzip muss man nur sicher auf Steigeisen laufen können. Im Prinzip.

Einen Berg kann man nie allein anhand seiner objektiven Schwierigkeiten bewerten. Die Wetterbedingungen und die persönliche Erfahrung des Bergsteigers sind ebenso wichtig. Jedes Jahr sterben laut der örtlichen Bergrettung 15 bis 30 Menschen am Elbrus. Wie uns berichtet wurde, brach drei Wochen vor unserer Reise ein amerikanischer Polizist allein zum Gipfel auf, offenbar gut trainiert – niemand sah ihn je wieder.

Laut dem Leiter der Bergrettung am Elbrus sterben die Leute, weil sie ohne Führer unterwegs sind, ihre Kondition überschätzen und in Schlechtwetter geraten. Im Nebel und Sturm ist es leicht, von der Route abzukommen und in eine der zahllosen Gletscherspalten zu stürzen. Oder die Leute sind nicht ausreichend akklimatisiert, ignorieren die Symptome der Höhenkrankheit und brechen irgendwann zusammen. Nicht der Berg selbst macht den Aufstieg gefährlich, es ist – in der Regel – die Verantwortungslosigkeit der Leute.


Akklimatisierung auf der Schneerampe.


Wie besteigt man den Elbrus?

Das Zauberwort heißt – wie an allen hohen Bergen – Akklimatisierung.

Kurzer medizinischer Einschub: Mit steigender Höhe nimmt der Luftdruck ab. Denn je mehr man sich vom Meeresniveau entfernt, umso kürzer wird quasi die Luftsäule zwischen Atmosphäre und Erde. Damit nimmt auch der sogenannte Sauerstoffpartialdruck ab: Die Lunge kann nicht mehr so viel Sauerstoff aufnehmen, der Körper wird also unterversorgt. Man wird höhenkrank. Der Blutdruck erhöht sich, in lebenswichtigen Organen wie Lunge und Gehirn sammelt sich Flüssigkeit (Ödembildung), was unbehandelt und ohne sofortigen Abstieg in niedrigere Höhen bald zum Tod führt.

Akklimatisierung bedeutet vereinfacht gesagt, seinen Körper langsam an die große Höhe zu gewöhnen. Man geht nicht in einer Tour vom Tal auf den Gipfel, sondern bewegt sich langsam aufwärts. Man steigt zum Beispiel auch mal einige hundert Höhenmeter auf, nur um diese wieder abzusteigen und weiter unten zu übernachten. So bilden sich innerhalb weniger Tage mehr rote Blutkörperchen für den Sauerstofftransport.

Unser Programm sah so aus: Ankunft in Terskol auf 2140 Metern. Tag eins: Mit der Seilbahn auf 3700 Meter und von dort auf 4100 Meter. Nacht im Tal. Tag zwei: Wieder auf 3700 Meter und einen Wohncontainer beziehen. Aufstieg auf 4500 Meter, Nacht auf 3700 Metern. Tag drei: Aufstieg bis zum Pastuchov-Felsen auf 4700 Meter, Nacht auf 3700 Metern. Tag vier: Ruhetag auf 3700 Metern. Tag fünf: Gipfelsturm. Unser Programm war durchaus eng getaktet, zwei Tage mehr zur Akklimatisierung wären besser gewesen.


Gletscherbach.

Steigeisen anlegen.

Oberhalb des Pastuchov-Felsens auf etwa 4800 Metern.


Wie ist die Infrastruktur am Berg?

Wer das erste Mal vom Elbrus hört, mag den Berg für abgelegen und einsam halten – das Gegenteil ist der Fall. Als höchster Berg Russlands und einer der Seven Summits lockt der Gipfel Bergsteiger aus der ganzen Welt, vor allem aber aus Russland selbst. Außerdem besuchen viele Tagestouristen seine Hänge, weil sie die Seilbahn in drei Etappen (zweimal Gondel, einmal Sessellift) bis auf 3700 Meter bringt.

Zwischen 3500 Metern (Station der Gondelbahn) und 4100 Metern (Diesel Hut) gibt es mehrere Hütten, dutzende Blechcontainer und noch mehr versprengte Zeltplätze. Es ist ein wahrer Massenauflauf. In einer milden und sturmfreien Nacht machen sich bestimmt um die 250 Menschen oder sogar noch mehr auf den Weg zum Gipfel.

Unsere Reisegruppe bestand aus sieben Teilnehmern plus Bergführer Viktor. Zu acht bezogen wir einen der Container, eingerichtet mit bequemen Stockbetten. Sogar Strom gab es, denn hässliche Masten ziehen sich vom Tal bis hoch auf die Bergflanke. Im benachbarten Container verpflegte Köchin Nadeshda uns und andere Gruppen mit Tee, Kaffee, Nudeln, Frikadellen, Pelmeni und köstlicher Bortsch. Die Verpflegung und Wasser in Kanistern hatten wir mit der Seilbahn auf den Berg gebracht.


Keine Alpenvereinsidylle: Unterkünfte und Seilbahnen am Elbrus.


Wie läuft der Gipfeltag ab?

Gipfeltag trifft es nicht wirklich. Je nach Startpunkt bricht man irgendwann zwischen 23 und 2 Uhr in der Nacht auf. Wie an jedem hochalpinen Berg ist man bemüht, spätestens um die Mittagszeit wieder unten zu sein. So vermeidet man Gewitter, die besonders gerne nachmittags aufziehen, und allzu weichen Schnee, der sich in Lawinen lösen kann und das Risiko von Spaltenstürzen erhöht – oft sind die Risse im Eis überschneit.

Vom Lager in 3700 Metern Höhe auf den 5642 Meter hohen Westgipfel sind es gut 1900 Höhenmeter. Schon in den Ostalpen wäre das eine mehr als zünftige Gipfeletappe. In der dünnen Luft am Elbrus ist es eine Strecke, die die Kraft vieler Aspiranten übersteigt.

Und so hat sich ein System etabliert, das gleichermaßen als Aufstiegshilfe für die Touristen und gewinnträchtiges Geschäftsmodell der einheimischen Russen fungiert: Auf dem unteren Teil des Gletschers fahren Pistenraupen. Die Fahrzeuge bringen die Bergsteiger in der Gipfelnacht bis zum Pastuchov-Felsen auf 4700 Meter – eine Fahrt kostet 600 Euro. Klingt nach irre viel Geld. Doch geteilt durch zwölf Personen, die auf dem Gefährt Platz finden, ist das ein annehmbarer Preis, um die zu bewältigenden Höhenmeter zu halbieren. Das Angebot wird von vielen Bergsteigern dankend angenommen.

Wer den Berg komplett aus eigener Kraft bezwingen möchte, kann dies natürlich trotzdem tun. Aus unserer Gruppe war ich allerdings der einzige.


Schneeraupen, auch Ratraks genannt.


III — RUSSISCHE MENTALITÄT

Unser Ruhetag am Elbrus war sonnig und warm. Wir hockten auf den Steinen vor unserem Wohncontainer und waren guter Dinge. Alle fühlten sich ausreichend akklimatisiert. Das Wetter in der Gipfelnacht sollte gut werden. Plötzlich roch es komisch – beißend.

Entgeistert stellten wir fest: Keine zwanzig Meter von unserem Container entfernt brannten Säcke voller Plastikmüll. Nicht wegen eines Missgeschicks. Ein russischer Mitarbeiter der nahen Berghütte hatte die Säcke mit Spiritus übergossen und angezündet. Mindestens vier Stunden schwelte der Brand. Der giftige Rauch wurde vom Wind genau zu unserer Hütte getragen, er zog durch die Ritzen in den Container, legte sich auf die Matratzen, kroch in die Schlafsäcke. Wir waren zuerst ungläubig, dann entrüstet – und flüchteten schließlich.

In Skandinavien würde man wegen einer solchen Aktion wahrscheinlich sofort des Landes verwiesen, in der Schweiz ins Gefängnis gesteckt. Auch vom Deutschen Alpenverein dürfte man keine Milde erwarten. Wir trafen Viktor und konfrontierten ihn mit der einzig naheliegenden Frage: Wie zur Hölle konnte so etwas sein?

Viktor lächelte etwas verlegen. »It’s Russian mentality.«

Wir mussten davon ausgehen, dass Viktor Recht hatte. Überall am Berg rund um die Lager hing der Müll zwischen den Felsen: Metall, hunderte von verrosteten Konservendosen, verreckte Maschinen, verrottete Fässer. Niemand fühlte sich dazu berufen, die Hinterlassenschaften der Menschen ins Tal zu bringen, die Hänge zu reinigen. Keiner war sich einer Schuld bewusst. Die Natur am Elbrus galt offenbar nicht als allzu schützenswert.

Ich hatte mich als Kind nicht einmal getraut, beim Wandern ein benutztes Taschentuch in die Wälder zu schmeißen. Ich war bekümmert.


Müll nahe der Lager.


Der schuldlose Viktor versöhnte uns, mit seinem ruhigen Wesen und seiner lakonischen Art, die wohl auch Ausdruck russischer Mentalität war.

Am Ruhetag absolvierten wir ein Sicherheitstraining. Es ging darum, den Sturz auf einem vereisten Hang möglichst schnell mithilfe des Pickels zu bremsen. Wir warfen uns rückwärts, vorwärts und bäuchlings auf einen kurzen steilen Hang und studierten die Handgriffe ein. Man hat nur wenige Sekunden, sonst wird man zu schnell.

Viktor schaute sich die Technik der Teilnehmer an. Von jedem wollte er in jeder Körperhaltung mindestens zehn Versuche sehen. Nach anderthalb Stunden waren wir durch. Erwartungsvolle Frage aus der Runde an unseren Bergführer: »So, how did we do it?« Hier ging es doch irgendwie um Leben und Tod, oder nicht?

Viktor lächelte unter seinem schmalen Intellektuellen-Schnauzbart hervor wie der Schriftsteller, der er auch hätte sein können. Kurzes Schweigen, dann sagte er leicht amüsiert: »It’s your life.« Wir lachten herzlich.


»Russian mentality«: Bergführer Viktor, ein verkannter Poet?


IV — A RUSH OF BLOOD TO THE HEAD

Vor der Gipfelbesteigung schläft man schlecht. Oder überhaupt nicht. Wir haben um 18 Uhr zu Abend gegessen und uns gleich danach artig in die Stockbetten gelegt. Mein Herz pocht schnell und kräftig. Nicht weil ich schlecht akklimatisiert bin, mehr vor Aufregung. Die Minuten kriechen vorwärts, zweimal muss ich noch raus. Man hört, wie die anderen versuchen zu schlafen. Wälzen, Räuspern. Wenigstens schnarcht niemand. Kurz nach zehn klingelt mein Wecker.

Die anderen brechen erst um 0.45 Uhr von der Hütte auf, weil sie die Pistenraupe nehmen. Ich trage meinen Rucksack und die Stiefel möglichst leise aus dem Container, um niemand zu wecken. Die Nacht ist mild, fünf Grad, vielleicht mehr. Die Wolken vom, nun ja, Vorabend (es ist ja immer noch der gleiche Abend) haben sich verzogen. Das ist gut.


Grandioses Abendlicht vor der Gipfelnacht.


Drüben im anderen Container hat Nadeshda, die gute Seele unserer Unternehmung, schon Porridge gemacht. Ich esse mit Appetit, die Müdigkeit klebt noch hinter den Lidern. Heißer Tee wandert in meinen Becher und in meine Trinkflasche, ich kaufe außerdem eine kleine Flasche Coca-Cola, weil ich sonst nur anderthalb Liter dabei hätte. Zu wenig.

Dann kommt mein persönlicher Bergführer Sascha in die Stube. Er musste gestern hoch zur Hütte kommen, weil es eben doch einen Idioten gibt, der nicht die Raupe nehmen und stattdessen von der Hütte den gesamten Weg auf den Gipfel laufen möchte. Sascha weicht meinem Blick aus, sagt praktisch nichts. Dann geht er wieder raus. Wir wollen um 23 Uhr aufbrechen.

Kurz vorher schaue ich aus der Stube, niemand zu sehen. Als ich dann rauskomme, steht Sascha da und sagt: »I am waiting for you five minutes.« Mir wird klar: Er hat echt keinen Bock. Minimalkommunikation.

Wir laufen los, betont langsam. Ich kann durch die Nase atmen. Die Nacht beginne ich mit zwei langärmeligen Funktionsshirts unter der Hardshell-Jacke, das passt. Nach den ersten zwanzig Minuten auf Schotter geht es auf den Gletscher. Steigeisen anlegen, Fleecehandschuhe ebenso.

Der Weg wird nun mehrere Stunden der Gletscherpiste folgen, die ich schon von den Akklimatisierungstouren kenne. Bis auf 4900 Meter geht es hinauf, dort ist eine Pistenraupe verreckt und versinkt langsam im Schnee. Ich habe mir den Weg bis dorthin in vier Mini-Rampen eingeteilt.

Die erste ist nur ein kurzer Aufschwung hinauf zur Diesel Hut auf 4100 Metern. Dann geht es über mehrere Wellen im Gletscher hinauf zum ersten Felsriemen, 4400 Meter. Der nächste Riemen sind die Pastuchov-Felsen auf 4700 Metern, Rampe drei. Nummer vier führt zur Raupe. Das ist der Weg, den ich schon einmal gelaufen bin.

Sascha hustet in die Nacht. Wir halten nur zweimal kurz, um etwas zu trinken. In der Ferne zucken über der weiten Ebene nördlich des Kaukasus Blitze durch die Dunkelheit. Meine Blicke gehen immer wieder besorgt nach rechts. Zu oft musste ich an hohen Bergen schon umkehren, um mir der Sache jetzt sicher zu sein. Auch wenn über uns Sterne sind.


Die Nächte vor dem Gipfelaufstieg sind kurz oder nicht vorhanden.


Sascha bittet auf Rampe zwei um eine weitere Pause. Bald darauf um noch eine. Wenn wir anhalten, fange ich bald an zu frieren. Ich muss feststellen, dass Sascha zu langsam für mein Tempo ist. Und der Weg ist eindeutig. Immer mehr Stirnlampen in der Nacht: Bergsteiger, die von anderen Stützpunkten aufgebrochen sind. Die Spur ist breit und ausgetreten, der Mond scheint hell. Ich beschließe, mein Tempo zu gehen. Sascha fällt zurück.

Kurz vor Rampe drei überholt mich die Pistenraupe, auf der mein Bruder und unsere Truppe zum Pastuchov-Felsen fahren. Ein lautes Ungetüm in der stillen Nacht. Sie sehen mich, ich winke mit meinem Trekkingstock. Mir wird warm ums Herz.

Auf den steileren Passagen des Gletschers laufe ich kleine Serpentinen, das kostet weniger Kraft. Ich steige mit solidem Tempo, der Atem geht ruhig. Hinter dem Pastuchov-Felsen lege ich ein drittes Funktionsshirt an. Die Cola ist fast leer, nach gut vier Stunden Aufstieg.

Nach der verreckten Raupe geht es noch einige Höhenmeter steil bergauf, lotrecht zum Hang. Die Nachtschwärze dämmert langsam davon. Blick nach rechts: Es wird kein Gewitter mehr von Norden hereinziehen. Zum ersten Mal bin ich sicher, dass der Gipfeltag stabiles Wetter bereithält. Diese Erkenntnis lässt mich innerlich jubeln, treibt mich an. Und es ist noch etwas anderes: Ich weiß, ich werde bald meinen Bruder einholen.

Nach dem steilen Aufschwung quert die Route nach links unterhalb des ausladenden Ostgipfels vorbei. Der Weg ist hier weniger steil. Ich mache schnelle und konzentrierte Schritte. Mein Bruder, ich will ihn einfach nur einholen und in den Arm nehmen.

Adrenalin steigt auf, ein Höhenrausch setzt ein. Ich spüre, wie gut ich akklimatisiert bin, könnte jauchzen vor Freude. Bin erleichtert über das gute Wetter, jetzt kann nichts mehr schief gehen. Mein Bruder vor mir, mein guter lieber Bruder. Ich bin so unerklärlich bewegt von all dem, dass mir Tränen in die Augen schießen. Ich weine, und in meinem Rücken touchiert die Morgensonne die ersten Bergspitzen am Horizont.


Bergsteiger auf dem Weg zum Elbrus-Sattel gegen fünf Uhr morgens.


Kurz vor dem Sattel zwischen Ost- und Westgipfel hole ich unsere Gruppe ein, es ist kurz nach fünf Uhr. Mein Bruder und mein Kumpel sehen schon ganz schön fertig aus. Ich spreche ihnen Mut zu, laufe mit ihnen. Doch im Sattel merke ich, wie mein Kreislauf runterfährt, wie es mich schüttelt. Die Jungs sind in guten Händen, Viktor ist bei ihnen. Ich muss mein Tempo machen, sonst klappe ich hier zusammen. Zeit für die Daunenjacke.

Vom Sattel aus folgt die Route einem steilen Aufschwung auf das Gipfelplateau, es sind noch dreihundert weitere Höhenmeter. Hier oben ist das keine Kleinigkeit. Erschöpfung macht die Beine schwer. Ich kämpfe gegen die Steigung, Schritt für Schritt, es ist mühsam. Doch endlich laufe ich in die Morgensonne hinein, vom Schatten ins Licht.


Licht und Schatten im Elbrus-Sattel.


Auf dem Plateau sind schon einige Bergsteiger. Die Sonne strahlt so unschuldig, dass man sich kaum vorstellen kann, dass an diesem Berg regelmäßig so viele Menschen den Tod finden. Breit und wenig steil führt der Weg nun die letzten Meter hinauf zur höchsten Firnspitze.

Auf dem Gipfel werden Fahnen ausgerollt, auch ich muss Bilder schießen, für zwei heitere Kasachen. Den Gipfel bezwungen, für Ruhm und Ehre und das Vaterland, so muss es wohl sein. Ich lasse meine Blicke von diesem riesigen Vulkankegel umher wandern. Schokolade, Tee, ich sammele meine Kräfte. Es ist halb acht, ich bin achteinhalb Stunden aufgestiegen.

Zwei Teilnehmer aus unserer Gruppe erreichen den Gipfel. Wir gratulieren uns gegenseitig und machen Fotos. Die beiden erzählen, dass mein Bruder und mein Freund umgekehrt seien. Dann beginne ich mit dem Abstieg. Schade, ich hätte es ihnen so gegönnt.

Kurz bevor das Gipfelplateau endet, tauchen auf einmal zwei Menschen vor mir auf – es sind mein Bruder und mein Kumpel! Sie sind offenbar doch weitergegangen. Und nunmehr völlig erschöpft. Aber sie haben es geschafft.

Ich verteile Schokolade und Tee, drehe noch einmal um. Wir gehen die letzten Meter zusammen. Es ist das Schönste, gemeinsam hier oben zu sein.


Gipfelplateau und Gipfelaussicht.



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Das Sommerhaus am See ist in Finnland mehr als eine Ferienunterkunft. In der Hütte zwischen Wald und Wasser, dem Mökki, findet der Finne zu sich selbst. Diesem Geheimnis wollte ich auf die Spur kommen.

Wenn die Finnen einen Sehnsuchtsort haben, dann ist es das mökki, das Sommerhaus am See. Dort saunieren sie und schwimmen, grillen und fischen. Sie fahren mit dem Boot aufs Wasser und gehen in den Wald, um Beeren und Pilze zu sammeln, was jeder darf in Finnland. Oder sie sitzen einfach zusammen und lassen den Tag den Tag und das Leben das Leben sein. Es geht um die Natur und darum, nichts zu wollen, also um eine große Kunst des Daseins.

Das Refugium zwischen Wald und Wasser, den beiden bestimmenden Elementen der finnischen Seenlandschaft, ist kein Prestigeobjekt für eine elitäre Oberschicht, nach dem Motto: fleißig durchmalochen, zu Geld kommen, dann Exit und ihr könnt mich alle mal, Endstation Haus am See. So denken vielleicht die Deutschen.

Der deutsche Großstädter hat seinen Kleingarten. Die räumliche Enge erscheint zwingend in einem Land mit 80 Millionen Menschen, aber vielleicht ist das auch eine Mentalitätsfrage. Die Finnen haben auf jeden Fall kein Raumproblem, mit ihren genügsamen fünfeinhalb Millionen Einwohnern auf einer Fläche fast so groß wie die Bundesrepublik. Doch das mökki ist vor allem Ausdruck einer Haltung.

Kein Statussymbol ist das Sommerhaus, sondern Teil eines Alltags, den man sich so oft es geht so angenehm wie möglich gestalten will. Viele mökki sind seit Generationen in Familienbesitz. Es gibt spartanische Hütten ohne Strom und warmes Wasser, eingerichtet nur mit dem Nötigsten, aber auch mehrstöckige Fünf-Sterne-Häuser zum Mieten: 250 Quadratmeter Wohnfläche, Bootsanleger, drei Schlafzimmer, Whirlpool, High-Tech-Grill. Komfort muss nicht sein, doch in jedes mökki gehört eine Sauna.


Das Haus am See ist der Sehnsuchtsort der Finnen.


Ich war nach Finnland gereist, um eine Geschichte über die Seenplatte im Südosten des Landes zu schreiben. Das war der vordergründige Plan. Doch eigentlich wollte ich der finnischen Freizeitkultur auf die Spur kommen. Welches Lebensgefühl steckt dahinter? Kann man sich wie ein Finne fühlen, wenn man in einem mökki in der Sauna sitzt und nur stark genug dampft und schwitzt? Kein leichtes Unterfangen, anmaßend womöglich. Und am Ende sollte ich Antworten auf ganz andere Fragen erhalten, aber das ist ja oft so – dass man eine bestimmte Sache sucht und eine andere findet, was keineswegs schlecht sein muss.

Die Finnische Seenplatte war mir als perfekter Ort für mein Vorhaben sofort ins Auge gefallen. Ein kurzer Blick auf die Karte genügt, und man erkennt ein blaugrünes Mosaik aus Inseln und Gewässern. Ein besonders großer Klecks Blau stellt den Saimaa dar, den größten See Finnlands. Allein in diesem Seensystem stehen fast 45 000 Ferienhäuser, in ganz Finnland etwa eine halbe Million.

Mein Finnair-Flug ging von Berlin über Helsinki nach Savonlinna. Von dort war es nur eine kurze Autofahrt zum Linansaari-Nationalpark, einem geschützten Teil des Saimaa-Gebietes. Die Maschine landete inmitten abertausender Kiefern und Fichten. Der Flugplatz wirkte so menschenleer wie ein Hochsitz im Wald.

Kaum konnte ich Luft holen, saß ich in einem violetten BMW Z3 Cabriolet, der von einer jungen Frau vom örtlichen Tourismusbüro gesteuert wurde. Tanja hatte den Auftrag, mir die Region zu zeigen, damit ich Material für meine Geschichte bekam. Sie war freundlich, aber ohne künstlichen PR-Ton in der Stimme. Zurückgenommen, ohne reserviert zu wirken. Und sie sagte ständig »Fiß« statt »fish« (zum einen ist das Thema Fisch in diesem Teil Finnlands unvermeidlich, zum anderen haben die Finnen ein Problem damit, das deutsche »sch« korrekt auszusprechen). Allein in der Sekunde der falschen Aussprache verwandelte sich diese Frau, die wie alle Finninnen eine kluge und selbständige war, in ein niedliches Mädchen.

Mit dem Sportwagen durch die Landschaft zu heizen, hatte in meinen Augen wenig mit der Ursprünglichkeit des finnischen Sommerlebens zu tun. Aber irgendwie mussten wir in der nur spärlich besiedelten Region von A nach B kommen.

Die erste Unterkunft meines Aufenthalts war das Hotel & Spa Resort Järvisydän. Es lag direkt am See, hatte aber wenig mit einem mökki zu tun, das ich ja eigentlich suchte. Stattdessen gab es alle Vorzüge eines modernen Hotels und eine Sauna in der privaten Blockhütte. Die Bewusstseinserfahrung Sommerhaus ließ sich scheinbar mit Komfort vereinen.


Die Natur Finnlands: Wald und Wasser.


Am nächsten Tag fuhren wir mit Kajaks hinaus auf den See. Tanja hatte ihr Cabrio ohne mit der Wimper zu zucken gegen ein wackliges Boot getauscht und die schicke Sommerjacke gegen eine Schwimmweste. Wir paddelten. Zum ersten Mal genoss ich es, hier draußen in der Natur unterwegs zu sein, ich war ihr ganz nahe.

Auf einer kleinen Insel stand eine Frau am Ufer, die sich als Barbara vorstellte. Die 69-jährige deutsche Auswanderin wohnte seit 13 Jahren in ihrem mökki mitten im Linansaari-Nationalpark. Sie hatte, so schien es, ihr Glück gefunden. Meine Neugier auf Finnland, seine Seen und die einsamen Ferienhäuser konnte sie nur allzu gut verstehen. »Immer mehr haben Burn-out, die wollen alle ihre Ruhe.« Ich stimmte zu, ohne mich angesprochen zu fühlen. Ruhe ja, Burn-out nein.

Eines muss man sagen: Das Setting für perfekte finnische Ferien stimmt im Linansaari-Nationalpark. Der Besucher kann mit seinem Kajak von Insel zu Insel paddeln und immer wieder einen Halt zum Wandern einlegen.

Auf der Hauptinsel des Parks traf ich den örtlichen Guide Jari. Touristen hatten in der Nähe des Anlegers ihre Zelte aufgeschlagen, doch wir wollten die Insel erkunden. Oft kämen Elche herübergeschwommen und legten sich ganz oben auf der Spitze des Eilands ins Gras, erzählte Jari. Der Wanderweg dorthin war ziemlich zugewachsen. Zwischen alten Fichten und Espen lagen bemooste Felsen wie in einem Fabelwald. Ich sehnte mich nur noch mehr nach einer einsamen Hütte.


Unterwegs im Linansaari-Nationalpark.


Weiter ging es nach Oravi an der Grenze des Nationalparks. In dem Ort konnte man jedes erdenkliche Zubehör zum Campen und Fischen kaufen: von Angeln und Köchern über Zelte, Isomatten und Schwimmwesten bis zu Brennern und Gas in Kartuschen. In einem Laden hingen Bildern von stolzen Männern an der Wand, die riesige Zander und Hechte in die Kamera hielten. Manche Russen, berichtete der Verkäufer, machten die Fische am Computer noch etwas größer.

Aufgrund der geografischen Nähe verbringen viele Russen im Saimaa-Gebiet ihren Urlaub. Doch die Russen mag in Finnland niemand, seit die Rote Armee 1939 ins Land einfiel. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Finnland neutral, ständig eingekeilt zwischen den zwei großen Machtblöcken. Fortan machten die Finnen vieles richtig, während die Sowjets vieles falsch machten. Finnland ist heute eines der wohlhabendsten, gebildetsten und emanzipiertesten Länder der Welt. Vom großen Nachbarn kann man das nicht behaupten.

Tanja zeigte mir Savonlinna mit seiner Burg Olavinlinna, die als die am besten erhaltene mittelalterliche Festung Nordeuropas gilt. Wir aßen kalakukko, Maränen im Brot, also erneut »Fiß«. Dann bestiegen wir einen 108 Jahre alten Dampfer und unternahmen eine Bootsfahrt. Am Ufer zogen in großzügigen aber regelmäßigen Abständen die mökki vorbei, angestrichen in Rot, Gelb und Weiß: Symbole nicht enden wollender Sommer am See. Meine Sehnsucht wurde erneut befeuert.


Mittelalterliche Festung in Savonlinna: die Burg Olavinlinna.


Was machte nur den Reiz des mökki aus? Gib einem Finnen sein Haus am See, und er ist glücklich – davon war auszugehen. Keine Frage: Wenn man mit Familie und Freunden beisammensitzt, kein Zivilisationslärm stört und der Sommerhimmel auch um Mitternacht noch nicht finster geworden ist, scheint der Weg zum Glück kurz zu sein.

Findet sich im mökki vielleicht die Einsicht, dass alles egozentrische Schaffen und Streben, alle kühnen Ambitionen und inneren Kriege unter dem Spiegel des Universums nichts als Schall und Rauch sind? Doch sind die Finnen nicht auch jenes Volk, das sich ständig komatös betrinkt und einander besonders häufig im Suff und Affekt ermordet? Schweigen die finnischen Männer wirklich nur aus Höflichkeit so viel, oder weil letztlich alles vergebens ist?

Wir übernachteten östlich von Savonlinna in einer Ferienanlage mit komfortablen Hütten direkt am See. Hierhin verschlug es wohl Finnen, die erstaunlicherweise nicht im Besitz eines eigenen mökki waren. Die Landschaft rund um das Ferienareal war genauso schön wie überall sonst. Der See schimmerte klar und kühl.

Tanja und ich fuhren, nun wieder im violetten BMW Z3 Cabriolet, nach Kerimäki, wo die größte christliche Holzkirche der Welt stand. Bis zum Kreuz am Dachfirst waren es 37 Meter. Emporen, Rundbögen, Kuppeln und Dachlaternen schmückten das Gotteshaus. Es war deshalb so groß, weil man allen Mitgliedern der Gemeinde gleichzeitig die Teilnahme an der Messe ermöglichen wollte. Dafür musste allerdings jeder bei den Bauarbeiten mithelfen. Pfingsten 1848 wurde die Kirche eingeweiht.


In Kerimäki steht die größte christliche Holzkirche der Welt.


Dann fuhren Tanja und ich mit einem Paddelboot auf eine unbewohnte Insel und wanderten relativ schweigsam durch die Wälder. Es war ein sonniger Tag, das Licht fand seinen Weg durch die Äste bis auf den Waldboden. Dass die Finnen oft lange Zeit gar nichts sagen, ist keineswegs ein Zeichen von Desinteresse. Man möchte sich nicht aufdrängen. Man spricht nicht um des Redens willen. Warum sollte man die angenehme Stille des Waldes durch überflüssige Plauderei vertreiben?

Kein anderes Land in der EU verfügt über einen so großen Waldanteil wie Finnland, rund 70 Prozent sind es. Der Wald ist praktisch überall. Der kleinste Anteil dieser Fläche besteht noch aus echten Urwäldern, aber ein Laie erkennt den Unterschied sowieso nicht. Der Finne liebt den Wald – er hat auch keine andere Wahl.

»In vorchristlicher Zeit waren die Wälder unsere Kirche«, erklärte mir Anna-Maria. Sie arbeitete im Forstmuseum Lusto, unweit von Savonlinna. Das Gebäude war der Form eines Baumstumpfes nachempfunden, alles sah natürlich und modern zugleich aus. In Sachen Design machte den Nordeuropäern einfach keiner etwas vor.

Mit Religion hatte ich nichts am Hut, aber der Wald begeisterte auch mich seit frühester Kindheit. Im Museum erfuhr ich vom »Geist des Waldes«, einer unsichtbaren Energie, die gemäß altem finnischen Volksglauben in vielerlei Form in Erscheinung treten konnte – meist als mächtiger Bär. Der Wald habe magische Kräfte, hieß es auf einer Schautafel. Er könne Krankheiten heilen, aber den Menschen auch in den Wahnsinn treiben. Was genau das eine begünstigte und das andere verhinderte, erfuhr ich leider nicht. Es lag wohl, überlegte ich, wie so oft am Menschen selbst.


Wo ist der Geist des Waldes?


Außer Frage stand für mich, dass ich der Seele des mökki nicht in einer Ferienunterkunft auf die Spur kommen würde. Ich brauchte Zugang zu einem authentischen finnischen Ferienhaus in Privatbesitz. Tanja war bemüht, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Sie tätigte ein paar Anrufe. Tatsächlich, eine Freundin sei über das Wochenende verreist, ich könnte eine Nacht in ihrem Haus am See verbringen.

Das Haus der Freundin lag in relativer Abgeschiedenheit im Wald, nur zwanzig Meter vom See entfernt. Wenn ich »vom See« schreibe, dann klingt es so, als habe es stets immer nur den einen See gegeben, um den herum sich diese Reise abspielte, aber das ist natürlich Unsinn. Es gab, wie eingangs erwähnt, unzählige Seen hier im Südosten Finnlands.

»Am See« zu sein taugte nicht als Ortsangabe, es war mehr eine Gemütsbeschreibung. Man war am See oder nicht. War man es nicht, galt es, schleunigst dorthin zu kommen. Im Sommer ist der See für die Finnen wie ein Gravitationspunkt, in dem sich eine Art natürliche Ordnung einstellt. So kann das Leben aussehen, wenn man es einmal hinter sich lässt – bis der Winter kommt.

Tanja fuhr zurück in die Stadt, und ich saß eine Weile vor der Hütte, nunmehr vollkommen allein. Das Tageslicht schwand bereits. Ich hörte dem Wald zu, der mich ganz weltlich bezirzte. Irgendwann wurde es dunkel. Ich ging hinein ins mökki und entzündete einige Kerzen, denn Strom gab es nicht. Genau so sollte es sein.

In der Hütte befand sich natürlich eine Holzsauna. Ich legte einige Scheite in den kleinen Ofen und entfachte ein Feuer. Die Sauna heizte sich auf. Als die richtige Temperatur erreicht war, setzte ich mich hinein. Ich wollte, nein ich musste schwitzen. Durch ein kleines Fenster konnte ich hinaus auf den See schauen, der im Mondlicht schimmerte. So saß ich da, dampfend und immer tiefer atmend, draußen die Schwärze der Nacht, drinnen nur der flackernde Schein der Flammen.

Nach einer Viertelstunde trat ich nackt hinaus in den Wald und ging hinunter zum See. Ich stieg ins Wasser, doch ich fror sofort. Mein Körper dampfte in der Dunkelheit. Ich band mir ein Handtuch um und setzte mich vor der Hütte auf die Bank. Da war ich nun, in einem echten mökki, saunierend wie ein Finne, mitten in der Natur. Und was soll ich sagen? In den Schatten der Nacht lag ein großes Unbehagen.


Abends allein am See.


Die natürliche Bewegung des Reisens und das Unterwegs-Sein waren zu einem Ende gekommen, Körper und Geist heruntergefahren. Und nun? Die verworrenen Gedanken setzten sich nicht klarer zusammen als zuvor. Die Rastlosigkeit war nicht verschwunden, nur für einen Moment nicht mehr so stark. Ich fand nicht zu mir selbst, ich fand – niemanden.

Vielleicht, dachte ich auf der Bank vor dem Haus am See, sind wir immer noch Nomaden, Suchende in der Welt, für die es keinen größeren Trost gibt, als am Ende des Tages um ein wärmendes Feuer zusammenzukommen. Alleine reisen ist einfach, alleine ankommen ist schwierig. Für das mökki gilt das besonders.

Häufig wird zwischen Alleinsein und Einsamkeit unterschieden, als wären das zwei völlig verschiedene Gefühlsregungen. Die eine, sagt man, lädt einen mit positiver Energie auf, die andere erzeugt Traurigkeit. Wahrscheinlich sind es nur die Dosis und der Ort, die den Unterschied machen. Alleine und im Grunde ja zufrieden saß ich vor dem mökki, der laue Wind trug einen dummen Gedanken heran, und wie verlassen kam ich mir plötzlich vor! Beklemmend war die Stille über dem See.

Auch die typische Schweigsamkeit der Finnen – vornehmlich der Männer – erschien mir plötzlich überhaupt nicht mehr als erstrebenswerter Wesenszug. War sie nicht ein Ausdruck dumpfer Bekümmertheit, die nicht gegen sich selbst ankam? Und hatte ich nicht stets erst im Austausch mit anderen und mehr noch im Selbstgespräch wieder zu mir gefunden, wenn die Dinge in meinem Leben zu entgleiten drohten?


Spartanische Unterkunft: mein mökki für eine Nacht.


Der Morgen am See war sonnig und hell und klar. Die Verirrungen der Nacht kamen mir vor wie ein zusammenhangloser Traum. Ich ging noch einmal in den See und wusch mich ab. Bald würde Tanja hier sein. Sie furchte ihren BMW-Cabrio ungerührt von den Bodenwellen über den Waldweg zum Haus am See.

Wie meine Nacht im mökki gewesen sei, fragte Tanja. Ich wollte meine Gedanken nicht ausführlich darlegen. Ganz wunderbar, sagte ich also. Ein Finne war ich nicht geworden, aber doch um eine wertvolle Einsicht reicher. Es war oft schwierig, sich auszuhalten, das ging nur in der Bewegung. Doch wenn ich zur Ruhe kam auf meiner Reise, musste Zerstreuung auf mich warten oder ein Lagerfeuer mit Menschen.

***

April 2017, südlich von Tampere. Dieser Winter ist lang und kalt, selbst für finnische Verhältnisse. Letzte Nacht gab es wieder Frost. Das Dach der Holzhütte trägt eine feine Schneeschicht, genauso wie der Steg. Der See hat nicht mehr als drei Grad. Violett schillert der Abendhimmel am anderen Ufer. Ich trete aus der Sauna und steige ins eiskalte Wasser, wie ein echter Finne. Meine Begleitung sitzt schon drinnen vor dem Kamin. Die Schatten ziehen über den Wald, doch die Hütte ist warm.


Bei Tampere, April 2017.



Weitere Informationen:

Saimma und wieso sich die großen Seen lohnen (Oliver Zwahlen, Weltreiseforum.com)

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Die Karibik müsste das perfekte Kreuzfahrtziel sein. Wie sonst ließe sich die Inselwelt besser entdecken? Doch auf einem Schiff der »Wohlfühlflotte« lernt man vor allem eines: Entspannen ist harte Arbeit.

Die Begrüßung ist unmissverständlich. »Willkommen in Ihrem Traumurlaub«, sagt eine Frauenstimme über die Lautsprecher der Mein Schiff 3.

Die gerade eingetroffenen Gäste haben sich oben am Pooldeck versammelt und erfahren nun von der kollektiven Mission ihrer Kreuzfahrt: »Wir wollen neue Länder, neue Kulturen, neue Menschen kennenlernen.« Dazu bleibt auf dieser Karibik-Fahrt mehr Gelegenheit als geplant: Eine Charter-Maschine aus Deutschland ist nicht angekommen, die Abfahrt von Bridgetown verzögert sich um einen Tag. Zeit, Barbados zu erkunden.

Keine halbe Stunde dauert der Fußweg vom Anleger hinüber in die Stadt. Mittagshitze, kurze Schatten, es sind kaum Einheimische in den Straßen unterwegs. Das Ziel der meisten Kreuzfahrtpassagiere ist der nahe Strand: gleißend-weißer Sand, türkises Wasser, blauer Himmel, ein paar Flöckchenwolken – die archetypische Karibik-Kulisse, die jeder Reisende verinnerlicht hat. Ob Barbados oder Barbuda, das ist eigentlich schon zweitrangig.



Als »Wohlfühlflotte« bezeichnet die Reederei Tui Cruises ihre Schiffe. In der Karibik scheint diese Marketingformel noch passender zu sein als in anderen Fahrgebieten. Schließlich ist es dort im deutschen Winter warm, an Bord wird man verwöhnt, und das Schiff bringt den Gast gemütlich von Insel zu Insel, buchstäblich im Schlaf.

Tatsächlich liegt es ja nahe, die Karibik auf einer Seereise zu erkunden, selbst als Reisender, dem das Konzept der Massen-Kreuzfahrt ähnlich zuwider ist wie einem Wildpferd der Streichelzoo. Wenn Kreuzfahrt, dann doch wohl hier, wo die Sonne fast das ganze Jahr nur auf das blaue Meer und ein paar putzige Inseln scheint.

Axel Sorger steht jeden Morgen eine halbe Stunde vor dem Festmachen des Schiffes auf. Vor dem 9.00-Uhr-Briefing mit der Mannschaft dreht der General Manager der Mein Schiff 3 seine Runde an Bord: die Spuren der Nacht sichten, das Schiff durch die Augen der Gäste sehen. »Ich suche mir immer andere Wege«, sagt er.

Sorger ist verantwortlich für die 1030 Frauen und Männer seiner Crew und die knapp 2800 zahlenden Passagiere. Er weiß: Die Wohlfühl-Stimmung stellt sich auch unter karibischer Sonne nicht von selbst ein. Sie zu erzeugen, ist ein harter Job. Jeden Tag.




Womit steht und fällt so eine Kreuzfahrt für die Gäste?

»Alles rund um Essen und Trinken ist wirklich schon wichtig«, antwortet Sorger. Die Leute wollten es sich gut gehen lassen, den Alltag loslassen. »Eigentlich suchen alle Entspannung und dass es so reibungslos wie möglich funktioniert« – ob einer zu Hause nun eine Haushälterin hat oder sehr lange für die Reise sparen musste.

Dem Anspruch, maximal zu entspannen, steht allerdings ein üppiges Bordprogramm entgegen: Aqua-Gymnastik, Kosmetik-Workshop, Tanzkurs, Schmuckauktion, Rumverkostung, Konzert, Varieté, der Vortrag »Kohlenhydrate, unsere heimlichen Dickmacher« – das ist nur ein Auszug der Aktivitäten für einen Tag an Bord.

Der typische Kreuzfahrer, denkt der Neuling, scheint ein ambivalentes Wesen zu sein: Er will unbedingt seine Ruhe haben, gleichzeitig darf ihm unter keinen Umständen auch nur eine Spur langweilig werden. Er wirkt bequem und gereizt zugleich.

Aber eigentlich ist das Ziel ja, die Karibik kennenzulernen. Erster Halt also: die Insel Dominica. Im Programm stehen 31 verschiedene Landausflüge. Wie wäre es mit der Panoramafahrt inklusive »einer kleinen Folkloretanzdarbietung«? Wohl eher Touri-Klamauk.

Besser klingt die Wanderung zum Sari-Sari-Wasserfall durch den Regenwald, Schwierigkeitsgrad vier, rutschiger Untergrund, festes Schuhwerk bitte. Na wunderbar, diese Beschreibung verspricht einen willkommenen Kontrast zum Wohlfühl-Modus an Bord.

Franklin Christopher, 37, ist der lokale Guide für den Ausflug. Er dürfe über alles reden, sagt er, bis auf zwei Dinge: Politik und Marihuana. Schmunzeln im Bus. Christopher erzählt, dass die älteste Frau auf Dominica 127 Jahre alt wurde. Wie sie das geschafft habe? Kurze Kunstpause. »Weil sie nie verheiratet war.« Der Bus lacht. Ein bisschen Stand-Up-Comedy gehört zum Repertoire jedes guten Touristenführers, das hat Christopher gelernt.

Die Wanderung zum Wasserfall ist in der Tat ein forderndes Unterfangen. Oft steht die Reisegruppe knietief im Fluss und bildet eine Kette, damit das Wasser niemanden von den Beinen reißt. Die Feuchtigkeit zieht die Hosenbeine hoch, von oben fällt Platzregen. Am Ende sind alle nass. Das war keine Kaffeefahrt, sondern Natur pur – großartig. Reingewaschen vom träge machenden Luxus kehrt die Gruppe bester Laune zum Schiff zurück.



Guadeloupe ist am Tag darauf ganz anders als das dicht bewaldete Dominica, eher beschaulich-zivilisiert. Die Insel ist ein französisches Übersee-Departement. Als Landausflug steht eine Kajaktour durch die Mangroven an. So kann man die karibische See einmal mit der eigenen Muskelkraft erschließen und hat sich die Entspannung am Ende des Tages verdient.

Antigua ist wiederum eine Insel, die sich gut ohne organisierten Ausflug erkunden lässt. Die Taxifahrer warten schon am Ende des Piers, um sich mit Wucherpreisen zu überbieten. Die Auswahl der Ziele ist groß: Antigua wirbt als Insel mit 365 Stränden, einer für jeden Tag des Jahres. Das ist sehr optimistisch gezählt, aber gute Werbung.

Nicht weit von der Hauptstadt entfernt, eine gute Stunde zu Fuß nördlich von Saint John’s, befindet sich mit dem Runaway Beach bereits ein echtes Schmuckstück. Weißer Sand schiebt sich auf mehreren hundert Metern sanft unter das karibische Türkis des Wassers. Die einzige Strandbar ist leicht morbide, wie ein Piratenversteck, nur mit viel zu lauter Dance-Musik. Das scheint aber keinen der dösenden Touristen zu stören. Der Strandverkäufer will fünf US-Dollar für eine Kokosnuss: ein guter Witz in der sengenden Mittagshitze.

In der Bucht nebenan, am Dickenson Beach, liegen direkt am Wasser ein paar Hotels, Ferienhäuser und Restaurants. Palmen werfen etwas Schatten, ohne Sonnenbrille schmerzen die Augen. Hier kann man die Stunden nun in Ruhe vorbeiziehen lassen, ist am späten Nachmittag aber auch froh, dass das Schiff einen in der Nacht wieder woanders hinbringen wird. 365 Tage Strand? Einer reicht manchmal auch.



So ein Kreuzfahrtschiff ist nach zwei bis drei Tagen im Prinzip erkundet, auch wenn sich die Reedereien immer neue Attraktionen an Bord ausdenken – wobei die Mein Schiff 3 eher mit einem konventionellen Programm aufwartet. Kurzer Blick auf die elektronische Anzeige: Das »Meine-Schönheit«-Team zeigt heute, »wie man ein einfaches Tages-Make-Up schminken kann«. Außerdem wird die Reise-DVD beworben: »Wohlfühlmomente, die ewig währen.«

Shoppen lässt sich an Bord auch, in Duty-free-Geschäften. Wird das denn viel gemacht? Zahlen könne er keine nennen, sagt General Manager Sorger. Der Wettbewerb sei hart. Aber klar, ohne Nachfrage gäbe es das Angebot nicht. Wird also auch schon mal, sagen wir, eine Breitling-Uhr an Bord gekauft? »Absolut, absolut.«

In Philipsburg auf St. Martin besteht der Hafen aus einem einzigen großen Duty-free-Bereich, dort kann das Einkaufen also gleich weitergehen. Höhepunkt des zur Niederlande gehörenden südlichen Inselteils Sint Maarten ist aber ein besonderer Flughafen: der Princess Juliana International Airport. Die Landebahn trennt nur ein kleiner Streifen Sand namens Maho Beach vom Meer. Und so fliegen die großen Jets von Delta oder Air France nur wenige Meter über den Köpfen der Urlauber über den Strand hinweg, scheinbar zum Greifen nahe.



Letzter Reisetag, es geht nach La Romana in der Dominikanischen Republik. Noch hat die Hurrikan-Saison nicht begonnen, die Sonne strahlt auf das Pooldeck, wo an diesem Tag noch einmal besonders viele Passagiere zusammenkommen, um sich richtig wohlzufühlen.

An einem solchen Seetag erinnert das Schiff tatsächlich sehr an das viel beschworene «schwimmende Hotel«, von dem bei Kreuzfahrten stets die Rede ist. Pool, Sonnenbaden, Drinks von der Bar. Der Kreuzfahrer findet hier zu sich selbst.

Aber gibt es ihn überhaupt, den typischen Kreuzfahrttouristen? Das ist wohl wirklich ein Vorurteil. Auf der Mein Schiff 3 jedenfalls trifft man sehr unterschiedliche Gäste. Da ist der Typ Malocher, der die Engländer ohne Ironie als »Inselaffen« bezeichnet, aber herzerwärmend seine Enkelin in den Arm nimmt und erklärt: »Familie ist das wichtigste.« Der erste Rum-Cola steht 16.00 Uhr vor ihm auf dem Tisch.

Da ist der abgeklärte Vielflieger aus dem Management-Mittelbau der deutschen Industrie, der glaubt, die ganze Welt sowieso schon zu kennen. »St. Martin machen wir mit dem Mietwagen«, verkündet er selbstbewusst, ohne seinem Gegenüber je zuzuhören.

Und da sind die wirklich Vermögenden, die per Business-Class-Flug anreisen und in einer bis zu 54 Quadratmeter großen Suite des exklusiven Wohnbereiches X-Lounge residieren. Sie speisen häufig in den Bezahlrestaurants des All-inclusive-Schiffes und führen ihren Schmuck ebenso stolz vor wie ihre Tischmanieren.



Dimitris Papatsatsis kennt sie alle. Er hat sich in der Diamant Bar mit einem Kaffee hingesetzt, zu leiser Pianomusik. Der Kapitän der Mein Schiff 3 ist gebürtiger Grieche, ein zurückgenommener Typ, und er erklärt: »Der deutsche Gast ist kein einfacher Gast.« Ach nein? »Der deutsche Gast möchte alles, was ihm versprochen wurde. Er verlangt, was er bezahlt hat.« Und er kann sich gut beschweren.

Was er schon alles gehört habe, erzählt Papatsatsis. Beispiel: »Was machen Sie als Grieche auf einem deutschen Schiff?« Ja, kein Witz. Papatsatsis lacht, während der Erstfahrer überlegt, was genau auf dieser Kreuzfahrt er noch einmal ist – Entdecker, Weltenbummler zur See oder doch bloß der Pauschaltourist-Prototyp? Der Kapitän hat für sich schon die Antwort gefunden: »Du wirst zum Psychologen.«

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