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Philipp Laage

Der Elbrus im Kaukasus ist der höchste Berg Russlands und zählt zu den berühmten Seven Summits. Eine kuriose Reise auf das Dach Europas, zwischen brennender Gipfeleuphorie und brennendem Plastikmüll.

I — SIEBEN GIPFEL

Die Seven Summits sind ein Mythos. Zumindest für mich, der nicht in den Bergen aufwuchs. Wir machten zwar jeden Sommer Wanderurlaub in Mayrhofen, doch der Hausberg hieß Ahornspitze, keine dreitausend Meter, und wenn der Gipfel im Juli mal eingeschneit war, sah das schon verdammt gefährlich aus. Die Berge waren für mich nie natürliches Habitat, sondern eine Ausnahme von der Regel, nur zweite Heimat.

Ich weiß nicht mehr, in welchem Alter ich den Begriff Seven Summits zum ersten Mal hörte, aber er löste sofort eine unheimliche Faszination aus. Die höchsten Gipfel der sieben Kontinente: sagenhafte Orte großer Abenteuer, mächtig, magisch, fast schon transzendent. Und unerreichbar in diesem kleinen Leben, das man sein eigenes nennt. Doch die Ferne und auch die Gipfel schrumpfen, je älter man wird.

Ich bestieg nicht nur die Ahornspitze, auch Wilden Freiger, Großvenediger, Großglockner, ein paar stattliche Dreitausender also. Und irgendwann nahm ich einen höheren Berg ins Visier: den Kibo im Kilimandscharo-Massiv, höchster Punkt Afrikas. Technisch unschwierig, nur die Höhe von 5895 Metern ist eine Herausforderung. Und siehe da: Damit kam ich gut klar. Und so hatte ich meinen ersten Seven Summit bestiegen. Aus dem Mythos war Wirklichkeit geworden. Man kann diese Berge erklimmen.


Gipfel des Kibo (2010), ernster Blick und rote Hände.


Die Seven Summits sind allerdings eine Klammer für sieben Gipfel, die sich in Zugänglichkeit, Schwierigkeit und Ernsthaftigkeit (ein wunderschöner Begriff aus der Bergsteigersprache, der noch jenseits vom technischen und konditionellen Anspruch so etwas wie das gesamte Gefahrenpotential eines Berges meint) extrem unterscheiden.

Der Kilimandscharo in Tansania ist ein technisch leichter Trekkingberg, der jedes Jahr von vielen Menschen erwandert wird, die sonst nicht bergsteigen. Der Denali in Alaska (6190 Meter) dagegen ist ein ernsthafter Expeditionsberg in einer unwirtlichen Klimazone, der wegen seiner Abgelegenheit tadellose Logistik voraussetzt; Stürme und polare Temperaturen von minus 30 Grad sind häufig – ein Gipfel für Profis. Der Aconcagua in Südamerika (6962 Metern) wiederum lässt sich dank des trockenen Klimas an guten Tagen sogar ohne Steigeisen erwandern. Der Gipfel ist anspruchsvoll wegen der Höhe und möglicher Wetterstürze.

Der Mount Vinson (4892 Meter) bleibt ein Berg für absolute Spezialisten, weil er nun einmal in einer Eiswüste namens Antarktis liegt. In Australien ist man sich unschlüssig, welcher als höchster Berg gelten darf: der Mount Kosciuszko (2228 Meter), ein leichter Wanderberg, oder die Carstensz-Pyramide in Indonesien (4848 Meter), dummerweise in einem Bergbaugebiet gelegen. Aber ehrlich gesagt ist der höchste Berg Australiens auch eher unspannend.

Und dann ist da natürlich der legendäre Mount Everest, mit 8848 Metern der höchste Berg der Erde in Asien. Seine Besteigung führt in die »Todeszone«, wo der menschliche Körper auch in völliger Ruhe stetig abbaut. Objektiv liefert der Everest keine großen technischen Schwierigkeiten. Mit Fixseilen, Flaschensauerstoff, Sherpas und einem soliden Wetterfenster ist der Aufstieg für einen trainierten (und reichen) Bergsteiger durchaus machbar. Bloß wenn ein kleines Detail schiefgeht, wird es gleich lebensgefährlich.

Bleibt der Elbrus in Russland, nach gängiger Ansicht höchster Berg Europas. Mein Bruder, ein guter Freund und ich wollten diesen Berg besteigen: 5642 Meter Höhe, ein weitläufig vergletscherter Vulkankegel nahe der Grenze zu Georgien, mein zweiter der Seven Summits.

Ein weiteres Mal sollte der Mythos entzaubert werden, das Reich des Phantastischen in die reale Welt überführt werden. Viele Kindheitsträume werden in der Realitätsmühle des Erwachsenenlebens langsam zerrieben – manche bleiben und wollen wahr werden.


Elbrus, West- und Ostgipfel.


II — VON PISTEN UND RAUPEN

Der Elbrus ist eine Naturgewalt. Den zweithöchsten Gipfel des Kaukasus überragt er noch um einige hundert Meter. Wer bei Google Maps auf Satellitenmodus umschaltet und auf den Elbrus zoomt, sieht zuerst einen weißen Klecks, der dann aber schnell riesig wird. Dieser gigantische Gletscherturm ist also das Ziel. Wie kommt man da hoch?

Dazu ein paar praktische Ausführungen:

Wie kommt man zum Elbrus?

Die meisten Reisenden aus Deutschland fliegen mit Aeroflot über Moskau ins Provinzstädtchen Mineralnyje Wody. Von dort sind es noch einmal drei Stunden mit dem Auto oder Bus in den kleinen Talort Terskol am Fuß des Elbrus. Wir hatten die ganze Tour über einen deutschen Veranstalter gebucht, der auch den Transfer organisiert hat.


Terskol, Szene am Straßenrand.


Wie schwierig ist der Elbrus?

Aus alpinistischer Sicht ist der Elbrus ein technisch einfacher Berg. Es gibt keine Kletterpassagen und nur wenig ausgesetzte Stellen. Die Spur auf der Normalroute ist ausgetreten. In regelmäßigen Abständen wurden dünne Stöcke in den Schnee getrieben, damit man nicht von der spaltenfreien Aufstiegsroute abkommt. Viele Bergsteiger gehen ohne Seil. Im Prinzip muss man nur sicher auf Steigeisen laufen können. Im Prinzip.

Einen Berg kann man nie allein anhand seiner objektiven Schwierigkeiten bewerten. Die Wetterbedingungen und die persönliche Erfahrung des Bergsteigers sind ebenso wichtig. Jedes Jahr sterben laut der örtlichen Bergrettung 15 bis 30 Menschen am Elbrus. Wie uns berichtet wurde, brach drei Wochen vor unserer Reise ein amerikanischer Polizist allein zum Gipfel auf, offenbar gut trainiert – niemand sah ihn je wieder.

Laut dem Leiter der Bergrettung am Elbrus sterben die Leute, weil sie ohne Führer unterwegs sind, ihre Kondition überschätzen und in Schlechtwetter geraten. Im Nebel und Sturm ist es leicht, von der Route abzukommen und in eine der zahllosen Gletscherspalten zu stürzen. Oder die Leute sind nicht ausreichend akklimatisiert, ignorieren die Symptome der Höhenkrankheit und brechen irgendwann zusammen. Nicht der Berg selbst macht den Aufstieg gefährlich, es ist – in der Regel – die Verantwortungslosigkeit der Leute.


Akklimatisierung auf der Schneerampe.


Wie besteigt man den Elbrus?

Das Zauberwort heißt – wie an allen hohen Bergen – Akklimatisierung.

Kurzer medizinischer Einschub: Mit steigender Höhe nimmt der Luftdruck ab. Denn je mehr man sich vom Meeresniveau entfernt, umso kürzer wird quasi die Luftsäule zwischen Atmosphäre und Erde. Damit nimmt auch der sogenannte Sauerstoffpartialdruck ab: Die Lunge kann nicht mehr so viel Sauerstoff aufnehmen, der Körper wird also unterversorgt. Man wird höhenkrank. Der Blutdruck erhöht sich, in lebenswichtigen Organen wie Lunge und Gehirn sammelt sich Flüssigkeit (Ödembildung), was unbehandelt und ohne sofortigen Abstieg in niedrigere Höhen bald zum Tod führt.

Akklimatisierung bedeutet vereinfacht gesagt, seinen Körper langsam an die große Höhe zu gewöhnen. Man geht nicht in einer Tour vom Tal auf den Gipfel, sondern bewegt sich langsam aufwärts. Man steigt zum Beispiel auch mal einige hundert Höhenmeter auf, nur um diese wieder abzusteigen und weiter unten zu übernachten. So bilden sich innerhalb weniger Tage mehr rote Blutkörperchen für den Sauerstofftransport.

Unser Programm sah so aus: Ankunft in Terskol auf 2140 Metern. Tag eins: Mit der Seilbahn auf 3700 Meter und von dort auf 4100 Meter. Nacht im Tal. Tag zwei: Wieder auf 3700 Meter und einen Wohncontainer beziehen. Aufstieg auf 4500 Meter, Nacht auf 3700 Metern. Tag drei: Aufstieg bis zum Pastuchov-Felsen auf 4700 Meter, Nacht auf 3700 Metern. Tag vier: Ruhetag auf 3700 Metern. Tag fünf: Gipfelsturm. Unser Programm war durchaus eng getaktet, zwei Tage mehr zur Akklimatisierung wären besser gewesen.


Gletscherbach.

Steigeisen anlegen.

Oberhalb des Pastuchov-Felsens auf etwa 4800 Metern.


Wie ist die Infrastruktur am Berg?

Wer das erste Mal vom Elbrus hört, mag den Berg für abgelegen und einsam halten – das Gegenteil ist der Fall. Als höchster Berg Russlands und einer der Seven Summits lockt der Gipfel Bergsteiger aus der ganzen Welt, vor allem aber aus Russland selbst. Außerdem besuchen viele Tagestouristen seine Hänge, weil sie die Seilbahn in drei Etappen (zweimal Gondel, einmal Sessellift) bis auf 3700 Meter bringt.

Zwischen 3500 Metern (Station der Gondelbahn) und 4100 Metern (Diesel Hut) gibt es mehrere Hütten, dutzende Blechcontainer und noch mehr versprengte Zeltplätze. Es ist ein wahrer Massenauflauf. In einer milden und sturmfreien Nacht machen sich bestimmt um die 250 Menschen oder sogar noch mehr auf den Weg zum Gipfel.

Unsere Reisegruppe bestand aus sieben Teilnehmern plus Bergführer Viktor. Zu acht bezogen wir einen der Container, eingerichtet mit bequemen Stockbetten. Sogar Strom gab es, denn hässliche Masten ziehen sich vom Tal bis hoch auf die Bergflanke. Im benachbarten Container verpflegte Köchin Nadeshda uns und andere Gruppen mit Tee, Kaffee, Nudeln, Frikadellen, Pelmeni und köstlicher Bortsch. Die Verpflegung und Wasser in Kanistern hatten wir mit der Seilbahn auf den Berg gebracht.


Keine Alpenvereinsidylle: Unterkünfte und Seilbahnen am Elbrus.


Wie läuft der Gipfeltag ab?

Gipfeltag trifft es nicht wirklich. Je nach Startpunkt bricht man irgendwann zwischen 23 und 2 Uhr in der Nacht auf. Wie an jedem hochalpinen Berg ist man bemüht, spätestens um die Mittagszeit wieder unten zu sein. So vermeidet man Gewitter, die besonders gerne nachmittags aufziehen, und allzu weichen Schnee, der sich in Lawinen lösen kann und das Risiko von Spaltenstürzen erhöht – oft sind die Risse im Eis überschneit.

Vom Lager in 3700 Metern Höhe auf den 5642 Meter hohen Westgipfel sind es gut 1900 Höhenmeter. Schon in den Ostalpen wäre das eine mehr als zünftige Gipfeletappe. In der dünnen Luft am Elbrus ist es eine Strecke, die die Kraft vieler Aspiranten übersteigt.

Und so hat sich ein System etabliert, das gleichermaßen als Aufstiegshilfe für die Touristen und gewinnträchtiges Geschäftsmodell der einheimischen Russen fungiert: Auf dem unteren Teil des Gletschers fahren Pistenraupen. Die Fahrzeuge bringen die Bergsteiger in der Gipfelnacht bis zum Pastuchov-Felsen auf 4700 Meter – eine Fahrt kostet 600 Euro. Klingt nach irre viel Geld. Doch geteilt durch zwölf Personen, die auf dem Gefährt Platz finden, ist das ein annehmbarer Preis, um die zu bewältigenden Höhenmeter zu halbieren. Das Angebot wird von vielen Bergsteigern dankend angenommen.

Wer den Berg komplett aus eigener Kraft bezwingen möchte, kann dies natürlich trotzdem tun. Aus unserer Gruppe war ich allerdings der einzige.


Schneeraupen, auch Ratraks genannt.


III — RUSSISCHE MENTALITÄT

Unser Ruhetag am Elbrus war sonnig und warm. Wir hockten auf den Steinen vor unserem Wohncontainer und waren guter Dinge. Alle fühlten sich ausreichend akklimatisiert. Das Wetter in der Gipfelnacht sollte gut werden. Plötzlich roch es komisch – beißend.

Entgeistert stellten wir fest: Keine zwanzig Meter von unserem Container entfernt brannten Säcke voller Plastikmüll. Nicht wegen eines Missgeschicks. Ein russischer Mitarbeiter der nahen Berghütte hatte die Säcke mit Spiritus übergossen und angezündet. Mindestens vier Stunden schwelte der Brand. Der giftige Rauch wurde vom Wind genau zu unserer Hütte getragen, er zog durch die Ritzen in den Container, legte sich auf die Matratzen, kroch in die Schlafsäcke. Wir waren zuerst ungläubig, dann entrüstet – und flüchteten schließlich.

In Skandinavien würde man wegen einer solchen Aktion wahrscheinlich sofort des Landes verwiesen, in der Schweiz ins Gefängnis gesteckt. Auch vom Deutschen Alpenverein dürfte man keine Milde erwarten. Wir trafen Viktor und konfrontierten ihn mit der einzig naheliegenden Frage: Wie zur Hölle konnte so etwas sein?

Viktor lächelte etwas verlegen. »It’s Russian mentality.«

Wir mussten davon ausgehen, dass Viktor Recht hatte. Überall am Berg rund um die Lager hing der Müll zwischen den Felsen: Metall, hunderte von verrosteten Konservendosen, verreckte Maschinen, verrottete Fässer. Niemand fühlte sich dazu berufen, die Hinterlassenschaften der Menschen ins Tal zu bringen, die Hänge zu reinigen. Keiner war sich einer Schuld bewusst. Die Natur am Elbrus galt offenbar nicht als allzu schützenswert.

Ich hatte mich als Kind nicht einmal getraut, beim Wandern ein benutztes Taschentuch in die Wälder zu schmeißen. Ich war bekümmert.


Müll nahe der Lager.


Der schuldlose Viktor versöhnte uns, mit seinem ruhigen Wesen und seiner lakonischen Art, die wohl auch Ausdruck russischer Mentalität war.

Am Ruhetag absolvierten wir ein Sicherheitstraining. Es ging darum, den Sturz auf einem vereisten Hang möglichst schnell mithilfe des Pickels zu bremsen. Wir warfen uns rückwärts, vorwärts und bäuchlings auf einen kurzen steilen Hang und studierten die Handgriffe ein. Man hat nur wenige Sekunden, sonst wird man zu schnell.

Viktor schaute sich die Technik der Teilnehmer an. Von jedem wollte er in jeder Körperhaltung mindestens zehn Versuche sehen. Nach anderthalb Stunden waren wir durch. Erwartungsvolle Frage aus der Runde an unseren Bergführer: »So, how did we do it?« Hier ging es doch irgendwie um Leben und Tod, oder nicht?

Viktor lächelte unter seinem schmalen Intellektuellen-Schnauzbart hervor wie der Schriftsteller, der er auch hätte sein können. Kurzes Schweigen, dann sagte er leicht amüsiert: »It’s your life.« Wir lachten herzlich.


»Russian mentality«: Bergführer Viktor, ein verkannter Poet?


IV — A RUSH OF BLOOD TO THE HEAD

Vor der Gipfelbesteigung schläft man schlecht. Oder überhaupt nicht. Wir haben um 18 Uhr zu Abend gegessen und uns gleich danach artig in die Stockbetten gelegt. Mein Herz pocht schnell und kräftig. Nicht weil ich schlecht akklimatisiert bin, mehr vor Aufregung. Die Minuten kriechen vorwärts, zweimal muss ich noch raus. Man hört, wie die anderen versuchen zu schlafen. Wälzen, Räuspern. Wenigstens schnarcht niemand. Kurz nach zehn klingelt mein Wecker.

Die anderen brechen erst um 0.45 Uhr von der Hütte auf, weil sie die Pistenraupe nehmen. Ich trage meinen Rucksack und die Stiefel möglichst leise aus dem Container, um niemand zu wecken. Die Nacht ist mild, fünf Grad, vielleicht mehr. Die Wolken vom, nun ja, Vorabend (es ist ja immer noch der gleiche Abend) haben sich verzogen. Das ist gut.


Grandioses Abendlicht vor der Gipfelnacht.


Drüben im anderen Container hat Nadeshda, die gute Seele unserer Unternehmung, schon Porridge gemacht. Ich esse mit Appetit, die Müdigkeit klebt noch hinter den Lidern. Heißer Tee wandert in meinen Becher und in meine Trinkflasche, ich kaufe außerdem eine kleine Flasche Coca-Cola, weil ich sonst nur anderthalb Liter dabei hätte. Zu wenig.

Dann kommt mein persönlicher Bergführer Sascha in die Stube. Er musste gestern hoch zur Hütte kommen, weil es eben doch einen Idioten gibt, der nicht die Raupe nehmen und stattdessen von der Hütte den gesamten Weg auf den Gipfel laufen möchte. Sascha weicht meinem Blick aus, sagt praktisch nichts. Dann geht er wieder raus. Wir wollen um 23 Uhr aufbrechen.

Kurz vorher schaue ich aus der Stube, niemand zu sehen. Als ich dann rauskomme, steht Sascha da und sagt: »I am waiting for you five minutes.« Mir wird klar: Er hat echt keinen Bock. Minimalkommunikation.

Wir laufen los, betont langsam. Ich kann durch die Nase atmen. Die Nacht beginne ich mit zwei langärmeligen Funktionsshirts unter der Hardshell-Jacke, das passt. Nach den ersten zwanzig Minuten auf Schotter geht es auf den Gletscher. Steigeisen anlegen, Fleecehandschuhe ebenso.

Der Weg wird nun mehrere Stunden der Gletscherpiste folgen, die ich schon von den Akklimatisierungstouren kenne. Bis auf 4900 Meter geht es hinauf, dort ist eine Pistenraupe verreckt und versinkt langsam im Schnee. Ich habe mir den Weg bis dorthin in vier Mini-Rampen eingeteilt.

Die erste ist nur ein kurzer Aufschwung hinauf zur Diesel Hut auf 4100 Metern. Dann geht es über mehrere Wellen im Gletscher hinauf zum ersten Felsriemen, 4400 Meter. Der nächste Riemen sind die Pastuchov-Felsen auf 4700 Metern, Rampe drei. Nummer vier führt zur Raupe. Das ist der Weg, den ich schon einmal gelaufen bin.

Sascha hustet in die Nacht. Wir halten nur zweimal kurz, um etwas zu trinken. In der Ferne zucken über der weiten Ebene nördlich des Kaukasus Blitze durch die Dunkelheit. Meine Blicke gehen immer wieder besorgt nach rechts. Zu oft musste ich an hohen Bergen schon umkehren, um mir der Sache jetzt sicher zu sein. Auch wenn über uns Sterne sind.


Die Nächte vor dem Gipfelaufstieg sind kurz oder nicht vorhanden.


Sascha bittet auf Rampe zwei um eine weitere Pause. Bald darauf um noch eine. Wenn wir anhalten, fange ich bald an zu frieren. Ich muss feststellen, dass Sascha zu langsam für mein Tempo ist. Und der Weg ist eindeutig. Immer mehr Stirnlampen in der Nacht: Bergsteiger, die von anderen Stützpunkten aufgebrochen sind. Die Spur ist breit und ausgetreten, der Mond scheint hell. Ich beschließe, mein Tempo zu gehen. Sascha fällt zurück.

Kurz vor Rampe drei überholt mich die Pistenraupe, auf der mein Bruder und unsere Truppe zum Pastuchov-Felsen fahren. Ein lautes Ungetüm in der stillen Nacht. Sie sehen mich, ich winke mit meinem Trekkingstock. Mir wird warm ums Herz.

Auf den steileren Passagen des Gletschers laufe ich kleine Serpentinen, das kostet weniger Kraft. Ich steige mit solidem Tempo, der Atem geht ruhig. Hinter dem Pastuchov-Felsen lege ich ein drittes Funktionsshirt an. Die Cola ist fast leer, nach gut vier Stunden Aufstieg.

Nach der verreckten Raupe geht es noch einige Höhenmeter steil bergauf, lotrecht zum Hang. Die Nachtschwärze dämmert langsam davon. Blick nach rechts: Es wird kein Gewitter mehr von Norden hereinziehen. Zum ersten Mal bin ich sicher, dass der Gipfeltag stabiles Wetter bereithält. Diese Erkenntnis lässt mich innerlich jubeln, treibt mich an. Und es ist noch etwas anderes: Ich weiß, ich werde bald meinen Bruder einholen.

Nach dem steilen Aufschwung quert die Route nach links unterhalb des ausladenden Ostgipfels vorbei. Der Weg ist hier weniger steil. Ich mache schnelle und konzentrierte Schritte. Mein Bruder, ich will ihn einfach nur einholen und in den Arm nehmen.

Adrenalin steigt auf, ein Höhenrausch setzt ein. Ich spüre, wie gut ich akklimatisiert bin, könnte jauchzen vor Freude. Bin erleichtert über das gute Wetter, jetzt kann nichts mehr schief gehen. Mein Bruder vor mir, mein guter lieber Bruder. Ich bin so unerklärlich bewegt von all dem, dass mir Tränen in die Augen schießen. Ich weine, und in meinem Rücken touchiert die Morgensonne die ersten Bergspitzen am Horizont.


Bergsteiger auf dem Weg zum Elbrus-Sattel gegen fünf Uhr morgens.


Kurz vor dem Sattel zwischen Ost- und Westgipfel hole ich unsere Gruppe ein, es ist kurz nach fünf Uhr. Mein Bruder und mein Kumpel sehen schon ganz schön fertig aus. Ich spreche ihnen Mut zu, laufe mit ihnen. Doch im Sattel merke ich, wie mein Kreislauf runterfährt, wie es mich schüttelt. Die Jungs sind in guten Händen, Viktor ist bei ihnen. Ich muss mein Tempo machen, sonst klappe ich hier zusammen. Zeit für die Daunenjacke.

Vom Sattel aus folgt die Route einem steilen Aufschwung auf das Gipfelplateau, es sind noch dreihundert weitere Höhenmeter. Hier oben ist das keine Kleinigkeit. Erschöpfung macht die Beine schwer. Ich kämpfe gegen die Steigung, Schritt für Schritt, es ist mühsam. Doch endlich laufe ich in die Morgensonne hinein, vom Schatten ins Licht.


Licht und Schatten im Elbrus-Sattel.


Auf dem Plateau sind schon einige Bergsteiger. Die Sonne strahlt so unschuldig, dass man sich kaum vorstellen kann, dass an diesem Berg regelmäßig so viele Menschen den Tod finden. Breit und wenig steil führt der Weg nun die letzten Meter hinauf zur höchsten Firnspitze.

Auf dem Gipfel werden Fahnen ausgerollt, auch ich muss Bilder schießen, für zwei heitere Kasachen. Den Gipfel bezwungen, für Ruhm und Ehre und das Vaterland, so muss es wohl sein. Ich lasse meine Blicke von diesem riesigen Vulkankegel umher wandern. Schokolade, Tee, ich sammele meine Kräfte. Es ist halb acht, ich bin achteinhalb Stunden aufgestiegen.

Zwei Teilnehmer aus unserer Gruppe erreichen den Gipfel. Wir gratulieren uns gegenseitig und machen Fotos. Die beiden erzählen, dass mein Bruder und mein Freund umgekehrt seien. Dann beginne ich mit dem Abstieg. Schade, ich hätte es ihnen so gegönnt.

Kurz bevor das Gipfelplateau endet, tauchen auf einmal zwei Menschen vor mir auf – es sind mein Bruder und mein Kumpel! Sie sind offenbar doch weitergegangen. Und nunmehr völlig erschöpft. Aber sie haben es geschafft.

Ich verteile Schokolade und Tee, drehe noch einmal um. Wir gehen die letzten Meter zusammen. Es ist das Schönste, gemeinsam hier oben zu sein.


Gipfelplateau und Gipfelaussicht.



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Zum ersten Mal in meinem Leben spüre ich die drückend-warme Luft Afrikas. Auf den Gipfel des Kilimandscharo soll es gehen, ohne Frage ein ambitioniertes Vorhaben. Vorher erlebe ich noch ein anderes Gefühl, das für mich gänzlich neu ist.

Moshi — Der Mann mit der Maschinenpistole lächelt mürrisch die Menschen an, die durch die Passkontrolle kommen. Er ruht in seiner beigen Uniform etwas abseits auf einem Stuhl und sieht für westliche Augen ein bisschen so aus wie ein Milizenführer. Über den Gepäckbändern kreisen im fahlen Neonlicht derweil unzählige Moskitos und anderes Getier nervös durcheinander. Es ist halb elf abends und das Thermometer zeigt etwa 25 Grad an. Ich schwitze sehr unter meinem Fleecepullover, aber die Aussicht, bereits am Flughafen von Stechmücken in Beschlag genommen zu werden, erscheint mir wenig verlockend. Die meisten Wartenden, von denen nicht wenige durch ihre sonnengegerbte Haut und die Safaribekleidung weltläufige Reiseerfahrung auszustrahlen versuchen, stehen erst einmal in der gedrungenen Eingangshalle herum und wissen nicht so recht, was sie mit der Situation anfangen sollen.

Ich plaudere mit Jenny und Mathias, die ich am Flughafen in Amsterdam kennengelernt habe. Jennys Gepäck kommt jetzt, natürlich, nicht über das Gepäckband gefahren. Wir erfahren, dass auf den Flügen der KLM, die herunter zum Kilimanjaro Airport gehen, gerne das ein oder andere Gepäckstück liegen bleibt, weil sonst die zulässige Maximaltraglast überschritten wäre. Das ist natürlich, so oft es auch passiert, ein echtes Ärgernis. Als ich meinem Fahrer zu verstehen gebe, dass nun eben das Gepäck einer Mitreisenden noch nicht angekommen sei, man nun einige Erkundigungen einholen wolle und er doch bitte noch zehn Minuten warten möge, ist die Verwirrung perfekt.

Offenbar habe ich den guten Mann mit meinem Englisch maßlos überfordert, er verweist mich hilflos wieder und wieder an die Gepäckstelle und schiebt mir ein Formular unter die Nase, glaubt er doch, ich selbst würde mein Gepäck vermissen. Das ist aber Unsinn, schließlich hängt der große, grüne Seesack offensichtlich über meiner Schulter. Irgendwann scheint auch mein Fahrer von dieser Sachlage überzeugt zu sein. Das Gepäck des Mädchens hingegen liegt tatsächlich in Holland. Ich tippe meine Telefonnummer in ein sehr altes Handy, das im Gegensatz zu meinem funktioniert. Man wird sich dann morgen im Hotel sehen, vermutlich.


DSC_0046Der Kilimandscharo vom Park View Inn aus gesehen.


Im nächsten Moment sitze ich in einem kleinen Van, der in Deutschland definitiv keine TÜV-Zulassung bekommen hätte. Die in regelmäßigen Abständen künstlich über den Asphalt gezogenen Bodenwellen überfährt der Fahrer noch genau mit einer solchen Geschwindigkeit, bei der er davon ausgehen kann, dass der Wagen keinen nachhaltigen Schaden davontragen und diese Fahrt von 40 Kilometern nach Moshi somit nicht die letzte für ihn selbst gewesen sein wird, bevor man ihn aufgrund seiner Fahrlässigkeit und des mutwilligen Verschleißens von Firmeneigentum hochkantig hinauswirft. Die Steppe ist vom Vollmond hell erleuchtet, am Straßenrand stehen einige dürre Büsche. Ab und zu überholen wir Fußgänger, die noch einen weiten Weg vor sich haben.

Die Silhouette des gewaltigen Bergmassivs des Kilimandscharo zeichnet sich im Mondlicht am Horizont ab. Die Position des Berges im Verhältnis zum Fahrzeug scheint sich während der gesamten Fahrt aufgrund des enormen Ausmaßes dieser topografischen Erhebung überhaupt nicht zu verändern. Durch diese Distanzlosigkeit habe ich ein bisschen das Gefühl, die Straße würde unter uns auf einer riesigen rotierenden Kugel hinweggezogen, während sich Berg und Wagen, wie auf einer durchsichtigen Ummantelung darüber liegend, keinen Meter von der Stelle bewegen. Einige Gemäuer, zusammengestellte Plastikstühle, Holzkarren und spärliche Laternenbeleuchtung rauschen sehr schnell an uns vorbei.

Obwohl ich ein paar Menschen sehe, überkommt mich ein Gefühl relativ entschiedener Verlassenheit. Also frage ich den Fahrer, wie viele Einwohner die Stadt Moshi habe, jedoch scheint mir seine Antwort »around one million« bei aller betont nachlässigen Großzügigkeit deutlich zu hoch. Das macht aber auch gar nichts, denn es ist ohnehin dunkel und ich ein wenig erleichtert, als wir, der Fahrer und ich, endlich das Parkview Inn erreichen. Im Badezimmer töte ich nicht ganz ungeschickt eine Stechmücke, deren Überreste an der weißen Wand kleben bleiben, und krieche dann rasch unter das Moskitonetz, weil ich nicht weiß, ob man diesem Malarone wirklich trauen kann. Im matten Zimmerlicht bahnt sich das engmaschige Netz seinen Weg von der Aufhängung an der Zimmerdecke bis hinab auf mein Laken. Ich komme mir vor, als fielen klebrige Riesenspinnweben auf mich herab, wie bei der Spinne Kankra im Herrn der Ringe. Aber ich bin eben auch sehr müde an diesem Abend.


Parkview Inn Moshi
Parkview Inn Moshi
Parkview Inn Moshi
Parkview Inn MoshiIm Park View Inn in Moshi.


Weil es ab spätestens halb neun viel zu heiß ist, um schlafen zu können, stehe ich trotz dieser typischen Reiseerschöpfung recht früh auf, um ein Frühstück aus scrambled eggs, halbherzig geröstetem Weißbrot und aromatischen Minibananen zu mir zu nehmen. Im Anschluss holt mich mein Guide im Hotel ab. Sein Name ist Theodory, oder einfach Tito. Er sieht mit seinem schwarz-rot gestreiften Polohemd und der Kappe mit dem Schriftzug »Beauty Hunter« ein bisschen so aus wie eine Mischung aus Zeitungsverkäufer und Tennisspieler. Bereits am immer noch frühen Vormittag fühlt sich meine Stirnhaut recht ölig an.

Ich nehme in den Räumlichkeiten von Mauly Tours auf einem durchgesessenen Sofa Platz, um mich über die bevorstehende Besteigung des Kibo unterrichten zu lassen. Jegliche Erläuterungen zur nötigen Ausrüstung, zum Verlauf der Route und zu den zu durchschreitenden Klimazonen sind mir natürlich schon bekannt. Ich lausche jedoch aus Höflichkeit brav dem Vortrag des jungen Mannes, denn es scheint mir, als sei er sehr stolz darauf, dieses Wissen nun, in diesem bedeutungsträchtigen Moment, vortragen zu können. In Wirklichkeit ist das für ihn aber vermutlich reine Routine. Um ihm nicht das Gefühl zu geben, ohnehin schon über alles Bescheid zu wissen, stelle ich wohl dosiert einige Zwischenfragen und leihe mir am Ende sogar noch für zehn Dollar ein Paar Gamaschen, deren Mitnahme ich vor Reiseantritt eigentlich als überflüssig erachtet habe.

Entgegen der meisten anderen Bewohner von Moshi machen die meisten der Bediensteten im Parkview Inn eine Miene, als sei ein naher Verwandter gestorben, und deshalb habe ich keine große Lust, meinen verbleibenden freien Tag dort zu verbringen. Als ich Tito meinen Plan unterbreite, nun in die Stadt gehen zu wollen, grinst er mich leicht verstohlen an, nuschelt etwas von »you can get robbed« und gibt mir mit einem undefinierbaren Achselzucken zu verstehen, dass es wohl bei mir liegt, was daraus wird.


Mauly Tours Moshi
Mauly Tours MoshiBlick aus dem Fenster von Mauly Tours in Moshi.


Ich gehe noch einmal zurück ins Hotel und treffe dort Oliver, einen jungen Kerl, der am nächsten Tag zusammen mit mir aufsteigen wird. Nachdem ich erfahre, dass er bereits seit Weihnachten durch Afrika reist, an einer Rallye von Marokko über Mauretanien bis in den Senegal teilgenommen hat, im Zuge dessen in Fés im abendlichen Stadtverkehr beinahe ohne Benzin liegen geblieben, dann aber doch irgendwann von Dakar nach Johannesburg geflogen ist, um einige Wochen in Südafrika zu verbringen, scheint mir sein gutgemeinter Ratschlag, dass man sich in Moshi bei Tag keine Sorgen machen muss, als durchaus annehmbar, und so spaziere ich bei mittlerweile gleißender Mittagssonne die Aga Khan Road hinab in Richtung Mawenzi Road. Es ist sehr heiß, der Straßenrand sehr holprig, und ich bin wirklich sehr weiß in dieser tansanischen Sonne.

In der Ziellosigkeit dieses Tages liegt ein gewisser Reiz, aber ich beschließe dennoch, Mathias und Jenny in ihrem Hotel, dem Buffalo, aufzusuchen. Meine Kamera habe ich im Rucksack verstaut, einer närrischen Hoffnung folgend, ich könne ein paar tolle Schnappschüsse dieser gänzlich fremden Stadt einfangen. Je mehr ich mich jedoch in den Gassen verliere, umso unangebrachter und, nun ja, gefährlicher erscheint mir dieses Vorhaben. Obwohl die meisten Afrikaner, mit denen ich ins Gespräch komme, sehr freundlich und gebildet sind, lassen die beiläufig fallengelassenen Verweise auf diese oder jene »art gallery« eines Cousins oder Freundes erkennen, dass dieser viel zu weiße Mann in erster Linie ein kleines Geschäft verspricht.

Und auch wenn man davon ausgehen kann, dass es sich bei den meisten Zeitgenossen nicht um hinterhältige Straßenräuber handelt, sondern um einfache Einwohner, die ihrem Tagwerk nachgehen, halte ich die Idee, auf dem übervollen Marktplatz von Moshi meine Kamera aus der Tasche zu ziehen, für keine gute. Vergliche man den Preis meines kleinen Reisebegleiters mit dem durchschnittlichen tansanischen Monatslohn, so käme man zu dem Schluss, dass es bei gegebener Situation eigentlich überhaupt keine andere Möglichkeit gibt, als mir diese Kamera mit den dazu nötigen Mitteln abzunehmen. Alles andere wäre absurd. Abgesehen davon gibt es aber nicht viel zu rauben, denn in den zwei Stunden, die ich in den Straßen und Gassen verbringe, sehe ich genau zwei Menschen, die annähernd europäisch aussehen. Wenn es hier tatsächlich Touristen gibt, dann halten sie sich alle im Schatten ihrer kleinen Hotels und Hostels auf.

Zu allem Überfluss gebe ich an anderer Stelle allzu tölpelhaft meine Ortsunkenntnis preis, sodass mir ein Mann namens Jonathan sogleich anbietet, mich zum Buffalo geleiten zu wollen. Ohne zu wissen, weshalb genau, folge ich dem Mann, der sich selbstverständlich auch als »local artist« entpuppt und mir alsbald seine handgemalten Bilder für zwei Dollar das Stück anbietet. Entweder ist es um die Vielseitigkeit der tansanischen Handwerkskunst wahrlich schlecht bestellt, oder aber die vermeintlich selbstgefertigten Drucke stammen doch aus maschineller Hand. Man muss jedenfalls kein blitzgescheiter Mensch sein, um zu erkennen, dass sich die an allen Ecken angebotenen Bilder ziemlich ähneln. Man könnte auch sagen: Es sind die gleichen. Im Hotel kann ich derweil niemanden antreffen, also hinterlasse ich eine Notiz an der Rezeption. Dumm, unwissend, westlich feilsche ich einige Zeit mit Jonathan darüber, wie viel seine kurze Führung nun wert ist und lasse ihn dann mit 2000 tansanischen Schilling davonziehen. Für ihn ist es sicher noch ein gutes Geschäft. Ich fühle mich schlecht, als ich daran denke, wie viel Geld ich manchmal in Deutschland an einem einzigen Abend vertrinke.

Nach einem Dutzend Gesprächen über angebliche Verwandte in Deutschland und unzähligen »hakuna matata brother Phil« bekomme ich in erster Linie Hunger und setze mich in ein kleines Straßenrestaurant. Ich bestelle etwas mit chicken und Reis und beobachte den Koch, der unter freiem Himmel ein ganzes Huhn, über dem einige schwarze Fliegen kreisen, mit einem groben Beil in kleine Stücke hackt. In diesem Moment frage ich mich, was in Gottes Namen ich hier überhaupt gerade tue, und mit einem Mal komme ich mir sehr einsam vor. Das halte ich im zweiten Nachsinnen aber schon wieder für einen dummen Gedanken, vermutlich liegt es nur daran, dass Mathias und Jenny nicht im Hotel gewesen sind. Denn eigentlich bin ich sehr vergnügt darüber, hier im vollkommenen Nirgendwo auf einem Plastikstuhl zu sitzen und eine Cola aus der Flasche zu trinken.

Auch wenn man denkt, schon alles aus dem Fernsehen oder dem Internet oder von all den wahnsinnig individuell durch die Welt ziehenden Erasmus-Traveller-Freunden zu kennen, die heutzutage mit einer Selbstverständlichkeit durch Indochina backpacken, als führen sie einen Sonntag ins Naherholungsgebiet Berlin Barnim, lerne ich dort, in Afrika, ein gänzlich neues Gefühl kennen – und zwar das, ein Fremder zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass ich tatsächlich der einzige Weiße bin, den ich seit einer Stunde gesehen habe. Vielleicht auch daran, dass offensichtlich ist, dass ich hier keiner Beschäftigung nachgehe, sondern als Tourist umherreise. Ich falle aus dem Bild heraus. Kein Gefühl von multi-kulti, wie man es noch von früher von der kindlichen Aufregung am Flughafen her kennt, oder später ultrahip und kosmopolit-urban von der Kreuzberg-Stipvisite des letzten Berlin-Besuchs. Auch kein Gefühl, in einem prickelnd-aufregenden Schmelztiegel der Völkervernetzung durch das Gewühl einer Metropole zu streifen. An diesem frühen Nachmittag des 5. März bin ich das erste Mal in meinem Leben wirklich ein Fremder. Nicht, weil ich herablassend behandelt werde oder die Menschen eine grundlegend schlechte Meinung von mir haben, sondern weil ich dort bin, wie ich dort bin. Man kann es lesen aus dieser Restaurantszene wie aus einem Buch, und erkennen in jedem Schritt, den ich betont gleichgültig versuche über die erdige und aufgeheizte Straße zu setzen.

Satt wie ich schließlich bin, stellt sich an diesem Punkt meiner Reise nun die alte Frage nach einer ernstzunehmenden Nachmittagsangetrunkenheit. Da so etwas alleine selbst auf Reisen wenig Charme hat und wohl überhaupt nur Spross von viel zu vielen realitätsverzerrenden Romaneindrücken ist, gebe ich meinen sportlichen Ambitionen der nächsten Tage einstweilen Vorrang und mache mich zurück auf den Weg ins Hotel. Dort angekommen überkommt mich eine große Müdigkeit. Bevor ich mich mit einem Buch in den Innenhof setze, ruhe ich eine Weile auf meinem Zimmer. In der Ferne ragt der schneebedeckte Gipfel des Kilimandscharo aus den Wolken. Der armselige Pool liegt etwas deplatziert im Schatten des benachbarten Gebäudes.


Parkview Inn MoshiBlick vom Balkon meines Zimmers im Park View Inn in Moshi.


Gänzlich unerwartet tauchen auf einmal Mathias und Jenny im Innenhof auf, und es gibt ein mittelgroßes Hallo. Angesichts dieser Wendung der Ereignisse kommen wir nun doch nicht umher, einige Kilimanjaro Lager zu ordern und werden mit nahender Dunkelheit, sitzend und erzählend, zunehmend angetrunkener. Hat mich im Laufe des Mittags noch das Gefühl einer gewissen Einsamkeit gestreift, entwickelt sich der Tag nun also doch zur vollen Zufriedenheit aller. Allerdings, Jennys Gepäck ist immer noch nicht da, und obendrein akzeptiert keine der ortsansässigen Banken ihre Kreditkarten, was zusammengenommen für ein wenig Anspannung sorgt. Soviel kann aber verraten werden: Vor dem Antritt ihrer Gipfelbesteigung wird das vermisste Gepäckstück doch noch ankommen.

Im Anschluss unseres zweistündigen Plauschs gehen wir herüber in die Bristol Lodges. Dort treffen wir Oliver vom Vormittag wieder und obendrein zwei andere Herren, mit denen ich meine Tour am Morgen beginnen soll. Es gibt chicken curry, süßsaures Gemüse auf Reis, noch mehr Kilimanjaro Lager, und jeder erzählt, was ihn nun zu diesem Berg verschlagen hat, der da in gut 30 Kilometern von uns aus der Steppe herausragt und seine 5000 Meter Höhenunterschied zum Flachland aus der Ferne in keiner Weise erkennen lässt. Jeder erzählt also, und alles in allem sind wir wirklich ziemlich unterschiedliche Menschen, die da an diesem Tisch sitzen, während ein Tansanier im Smoking sich an einem alten Klavier bemüht, das ohne jeden Zweifel noch aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft stammt, wenn nicht sogar der deutschen.

Die Nacht beginnt früh in Tansania, und so werden wir recht bald müde. Ab und zu fällt der Strom aus, und die Terrasse, auf der die Essecke eingerichtet ist, wird in Dunkelheit getaucht. Es dauert immer einige Augenblicke, bis der Notgenerator anspringt, und bis dahin ist es still, eine Stille, als könne man nun, wo es kein Geräusch mehr gibt, weil Musik und Gespräche verstummen, kurz den Abend selbst hören.


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In den Tiefen des Kongobeckens, im tropischen immerfeuchten Regenwald Zentralafrikas, im Lobéké-Nationalpark in Kamerun, dort liegt das Herz des Waldes. Es birgt ein mächtiges Geheimnis.

Die Erde strahlte. Immer wenn die schiefergrauen Wolken die Sonne freilegten, strahlte die Erde intensiv rotbraun, so wie sie das meiner Erfahrung nach nur in Afrika tut. Motorroller, ramponierte Autos und die schweren Trucks der Holzfirmen rumpelten über die Erde, die hier gleichzeitig die Straße war. Die meisten Wege in Yokadouma sind nicht asphaltiert.

Die Provinzstadt im Osten Kameruns mit ihren modrigen Häusern und zusammengeflickten Baracken war unser letzter längerer Halt, bevor es endgültig in die Wildnis der immerfeuchten Tropen ging, nach Süden ins Niemandsland zwischen Kamerun, Demokratischer Republik Kongo und Zentralafrikanischer Republik. Kaum eine Region liegt der Zivilisation ferner. Darin lag die Verheißung.

In Yokadouma waren noch einige Besorgungen zu machen, Dinge abzusprechen, Sachen zu organisieren. Wir brauchten genug Verpflegung, Fahrer und Helfer, und sicher musste auch noch über die eine oder andere Absprache verhandelt werden, die bislang mehr den Status einer vagen Absichtserklärung gehabt hatte.

Was war das eigentlich für ein irrer Plan, den wir gemacht hatten für diese Reise? Wir wollten in den südlichsten Zipfel Kameruns, in den Regenwald des Lobéké-Nationalparks, um Waldelefanten und Flachlandgorillas zu sehen, und wir wollten sogar hinüber in die Zentralafrikanische Republik, ins Dzanga-Sangha-Reservat, wo die Tierbeobachtungen noch spektakulärer sein sollten.

Hunderte Elefanten kommen in dem Schutzgebiet auf weiten Lichtungen zusammen, um spezielle Mineralien aus dem Boden zu saugen, ein Arche-Noah-haftes Naturschauspiel an einem der entlegensten Orte des afrikanischen Kontinents. Es gab aber ein Problem: In der Zentralafrikanischen Republik herrschte Bürgerkrieg. Wir wussten das, gingen aber grundlos davon aus, dass ein Besuch jenseits der Grenze dennoch möglich sein würde.

Man konnte sich schon in Yokadouma die Frage stellen, welche Erfolgsaussichten für dieses Unterfangen bestanden. Allerdings, wir hatten eine Einladung der Sangha-Lodge in Bayanga, die unseren Besuch erwartete. Die Visa für die Zentralafrikanische Republik waren noch kurz vor der Reise über Brüssel beschafft worden, sie zierten nun tatsächlich unsere Pässe. Das Projekt war sozusagen abgesegnet, aber man fragte sich, welcher Beamte dieses zerfallenen Staates die Befugnisgewalt ausübte, während das Land sich in Kämpfen zwischen den islamischen Séléka-Rebellen und christlichen Anti-Balaka-Milizen aufrieb.

Noch bizarrer war der Anlass unserer Reise: Das Fremdenverkehrsamt wollte uns Journalisten und Reiseveranstaltern das touristische Potential Kameruns unten im Regenwald von Lobéké vorführen. Kein europäischer Tourist würde je dorthin fahren, solang es für das Grenzgebiet eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gab. Doch das Programm der Reise war nicht geändert worden.


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Ab Yokadouma führte die Straße nach Süden bis zur Grenze zum Kongo. Sie hatte natürlich keinen Asphalt und durchschnitt den tropischen Regenwald über eine Distanz von mehreren hundert Kilometern. An der Straße lagen vereinzelt Dörfer von Pygmäen, wobei der Begriff schwierig ist.

Feststeht, dass diese Menschen kleingewachsener sind als die Bantu-Völker der Region und den Wald so gut kennen, wie kaum jemand sonst. Diese Menschen schauten unseren Autos scheinbar hochkonzentriert, aber irgendwie auch komplett apathisch hinterher. Wir waren, wie immer, viel zu spät losgekommen, aber was war das für eine Herangehensweise? Zu spät für was? Hier zeigte sich wieder einmal das grundlegend andere Verständnis von der Zeit, das in Afrika herrscht. Dinge passieren nicht zu einer vorher abgesprochenen Uhrzeit, sondern dann, wenn alle nötigen Bedingungen sich eingestellt haben, wann immer das sein mag.

Wir mussten ziemlich merkwürdig aussehen, wie wir angestrengt in unseren Autos nach Süden fuhren, mehr noch rutschten. Wer waren wir? Die rasenden Reporter? Was gab es dort unten im tiefsten Regenwald so Wichtiges zu tun, dass man es derart eilig haben konnte? Allein das Wort Zeitplan war ein hohler Begriff in diesem Teil der Welt, eine abstrakte Hülle. Als könnte man die Zeit in ein mathematisches Raster fügen.

Hier im äußersten Südosten Kameruns gab es auch keine touristische Infrastruktur mehr. Es gab, genau genommen, überhaupt keine Infrastruktur. Unser Fahrer versuchte, auf der durch steten Regen aufgeweichten Piste möglichst ohne einen Unfall voranzukommen. Wenn die Hinterachse auf der feuchten Erde bedenklich zur Seite ausschlug, ging ein Raunen durch das Fahrzeug. Aber der Mann fuhr die Strecke letztlich doch vollkommen routiniert. Für ihn war die Beschaffenheit der Straße der Normalzustand, also musste man dazu auch nichts sagen.

Es war erstaunlich, wie ungelenke Lastwagen mit meterdicken Baumstämmen überhaupt über diese Straße bewegt werden konnten. Einmal sahen wir einen Laster, der im Straßengraben auf der Seite lag. Wer würde je kommen, um ihn abzuschleppen? Eher doch würden die Gezeiten das Fahrzeug im Lauf der Jahre zersetzen wie Ameisen einen Kadaver.


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Die Lastwagen mit den aufgeladenen Tropenhölzern riefen in mir eine traurige Verstimmung hervor, nicht allein wegen ihrer Lautstärke und groben, aufdringlichen Mechanik. Sie zeigten, dass selbst die entlegensten Orte der Welt und ihre unberührten Naturschätze nicht vor dem Zugriff einer profitorientierten Verwertungsökonomie geschützt waren. Die Holzfirmen schlugen Schneisen durch die Vegetation, um die besten und edelsten Stämme herauszuholen. Sie beuteten den Wald aus, weil er sich, in seiner kaum durchdringlichen und menschenfeindlichen Wildheit, nicht nachhaltig bewirtschaften lässt. Irgendwo saßen die Auftraggeber dieses Raubbaus in feinen Anzügen und tranken Cognac, die Hintermänner, die das große Geld einstrichen und dafür verantwortlich waren, dass sich ein mittelloser Fernfahrer für ein paar Zentralafrikanische Francs durch die Erde wühlte.

In einem Dorf, dessen Name nirgendwo stand, ging ein heftiger Tropenregen nieder. Wir machten Pause vor dem Bretterverschlag einer Frau, die uns irgendetwas in Fett Gebackenes servierte, eine Art Krapfen, der leicht süßlich schmeckte. Es war die einzige Mahlzeit zwischen Frühstück und Abendessen.


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Wir erreichten das Dorf Goumela. Hier bog die Straße nach Osten zur Grenze Richtung Zentralafrika ab. Wir fuhren weiter zum Eingang des Lobéké-Nationalparks. Dort residierte der administrative Chef, Romuald Guedoguena Botondono, in einem einstöckigen, von Feuchtigkeit zersetzten Haus. Er war die lokale Autorität, mit der wir über das erste große Problem verhandeln mussten.

Einer unserer Fahrer war nicht angekommen. Ausgerechnet er besaß die Zelte. Offenbar hatte ihn noch die örtliche Polizei in Yokadouma festgesetzt, weil er betrunken gefahren war, aber genau ließen sich die Umstände seines Verschwindens nicht ermitteln. In jedem Fall hatten wir nun keine Zelte mehr. Weil es in einem Umkreis von ein paar hundert Kilometern keine Hotels oder Gasthäuser gab, waren wir ziemlich aufgeschmissen.

Die einzige Unterkunft nahe Goumela war ein verlassenes Camp des World Wide Fund (WWF). Die Organisation hatte sich jahrelang und schließlich mit Erfolg darum bemüht, aus Lobéké und den Regenwaldgebieten jenseits der Grenzen ein trinationales Schutzgebiet zu machen. Wir mussten Herrn Botondono erst einiges an Respekt und Unterwürfigkeit entgegenbringen, bevor er uns die Erlaubnis erteilte, in dem WWF-Camp zu nächtigen.

Es gab dort kein fließendes Wasser, aber wir brachten einen Generator zum Laufen, sodass wir zumindest auf der Gemeinschaftsterrasse Licht für das Abendessen hatten. Schlafen konnten wir in gemauerten Hütten mit jeweils zwei Betten und Moskitonetzen. Mücken drehten Kreise im Licht. Ich dachte an das Herz der Finsternis von Joseph Conrad und unter welchen Bedingungen man hier im Tropenwald dem Wahnsinn verfallen konnte (womöglich geschwächt von verschiedenen Fiebern und Infektionskrankheiten).


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Der nächste Tag begann wie überall in den Tropen um sechs Uhr morgens. Nebel lag über dem Wald, die Sonne dahinter tauchte alles in ein milchiges, weißes Licht. Der Wald erwachte mit solch einer orchestralen Vielstimmigkeit, dass man nur zuversichtlich in den Tag starten konnte. Aber so ging es nicht allen.

Eine Frau aus unserer Gruppe verlor die Nerven, noch bevor es etwas zu frühstücken gab. Sie weigerte sich, auch nur zur Grenze der Zentralafrikanischen Republik aufzubrechen, eine Fahrt von zwei bis drei Stunden. Vollkommen verrückt sei das, sagte sie. Sogar das Auswärtige Amt warne vor Reisen ins Grenzgebiet. Es habe doch Berichte von Rebellenübergriffen auf kamerunisches Territorium gegeben (von denen auch wir anderen wussten, allerdings war nie klar, wo genau entlang der hunderte Kilometer langen Grenze es zu Vorfällen gekommen war und mit welchem Ausgang). Nichtsdestotrotz, wer könne in der Gottverlassenheit dieser Gegend schon für irgendwas garantieren, geschweige denn für unsere Sicherheit? Sie wollte jetzt, auf der Stelle, zurück nach Yokadouma.

Gegen Panik sind Argumente wirkungslos. So blieb unserer Reiseleiterin, einer resoluten Kamerunerin, keine andere Wahl, als Fahrer und Wagen abzustellen, um die Frau wieder nach Norden zu bringen, acht Stunden.

Unser Zureden hatte ihre Angst nicht gelindert, sondern eher noch den Eindruck verstärkt, dass es sich bei dieser Reise um ein Himmelfahrtskommando handelte, in dessen Verlauf der gesunde Menschenverstand aller Beteiligter in der heißen Tropenluft allmählich verdampfte.

Ich persönlich vertraute den Einschätzungen der lokalen Bevölkerung und Würdenträger, so wie überall auf der Welt. Und die besagten: Solange wir in Kamerun waren, gab es keinen Grund zur Sorge. Alles Weitere mussten wir an der Grenze zu Zentralafrika sehen. Trotzdem drängte sich erneut die Frage auf, warum wir überhaupt an diesen Ort gekommen waren. Auch wenn wir ihn für sicher hielten: Auf absehbare Zeit würden keine Touristen herkommen. Ich konnte also keine Reisegeschichte schreiben, die Abdruckchancen hatte. Und die Reiseveranstalter konnten keine Rundreisen in diesem Teil Kameruns anbieten. Doch der tropische Regenwald des Kongobeckens löste eine Anziehungskraft aus, die all diese Abwägungen in den Hintergrund rücken ließ.

Wir betraten einen einzigartigen Teil der Welt: Der tropische Primärwald Afrikas türmt sich auf wie mehrstöckige Häuser, immergrün und undurchdringlich, auf einer Fläche, die so groß ist wie ganz Mitteleuropa, durchsetzt nur von Flüssen, an denen einfache Dörfer liegen, abgeschieden von allem, das uns das Gefühl gibt, in der Welt zu sein.

Dieser Wald beflügelt die Phantasie: Liegt dort vielleicht der Schlüssel zu einem ontologischen Verständnis der Dinge verborgen, den wir einfach noch nicht gefunden haben? Wie alt ist dieser Wald? Viele tausend Jahre. Er existierte lange vor dem Menschen und er wird lange nach ihm existieren. Buchstäblich klein ist man zwischen den Baumstämmen, die Hybris des modernen Menschen wird dort gebrochen, unweigerlich: durch Erschöpfung, durch den Biss einer Zecke, durch ein Fieber, das nicht mehr zurückgeht.

Der tropische Regenwald sei ein Lebensraum, »der wie kein anderer missverstanden worden ist«, schreibt der Evolutionsbiologe Josef Helmut Reichholf. Dort herrscht ein Mangel an Nährstoffen, auf den die Pflanzen und Tiere mit Spezialisierung reagieren. Die große Diversität der Arten sei kein »Luxus der Natur«, sondern eine Notwendigkeit des Überlebens, jede Nische des Ökosystems wird belegt. Vielfalt und Seltenheit bedingen sich. Der Regenwald als überreicher Garten Eden ist eine Illusion. Der Kreislauf des Lebens bringt keinen Überschuss hervor, deshalb leben dort nur wenige Menschen. Sie sind Fremdkörper.

In einer Zeit, in der sich die Menschen erst durch das digitale Veröffentlichen ihres Lebens über die eigene Wichtigkeit versichern, vermittelt der tropische Regenwald eine Ahnung von der Bedeutungslosigkeit der eigenen Existenz. Man begibt sich in den Wald hinein, und alle Spuren verschwinden. Das erzeugt eine Demut, die die Selbstbezüglichkeit des Lebens im Westen für eine Weile nachhaltig dämpft. Im Regenwald muss man mehr auf seine Umgebung Acht geben (Wurzeln, Insekten, Schlangen) als auf sein Gemüt, das kommt noch hinzu.


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Die Fahrt nach Libongo an der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik dauerte ungefähr zwei Stunden. Wie lang eine Wegstrecke in Kilometern ist, hat hier wenig zu sagen. Wichtiger ist, wie die Wolken stehen. Ob es regnen wird. Wie es um die Beschaffenheit der Straße bestellt ist. Anders als gestern brannte die Sonne an diesem Tag heiß: zwei Stunden also.

Libongo liegt am Kadéi-Fluss, der die Grenze zwischen Kamerun und Zentralafrika bildet. Behäbig und braun floss der Strom dahin. Wir fuhren vor bis zur Polizeistation des Dorfes. Hier war selbstverständlich niemand über unser Kommen oder Anliegen informiert, deshalb gehörte es nun zum ganz normalen Prozedere, den höchsten Autoritäten einen Besuch abzustatten, die gegenseitigen Motive abzuklären und Vertrauen zu schaffen. Praktisch hieß das, dass erst einmal eine ganze Zeit gar nichts vorankam.

Es gab eine Grenzstation und einen Beamten, der sich die Briefe der kamerunischen Behörden zeigen ließ, die wir mitführten. Ein Mann schrieb mit größter Sorgfalt unsere Personalien auf einen schmutzigen Zettel. Wir schlenderten zum Fluss. Frauen wuschen dort Kleidung, am Wegrand rostete ein Autowrack in der Sonne. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte am anderen Ufer irgendwelche Zeichen von Kämpfen oder feindlich gesinnten Rebellen auszumachen: nichts.

Wir gingen in die Taverne des Dorfes und tranken Bier, so wie wir im Prinzip schon seit Beginn der Reise überall Bier tranken, weil das Wasser wenig erfrischend war und die Limonaden viel zu süß.

Die Taverne hatte keine Wände, ein heller Ort. Ein paar Plastikstühle standen vor einer Bar. Es lief hypnotische Musik. Sogleich fingen ein paar Alte an, für uns zu tanzen. Es waren die, denen es im Dorf wohl am schlechtesten ging und die folglich am meisten darauf angewiesen waren, von uns ein Almosen zu bekommen. Einige junge Dorfbewohner beobachteten uns aus der Entfernung, skeptisch.


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Zur späten Mittagszeit, als die Sonne fast keine Schatten mehr warf, war unsere Gruppe von einer bestimmten Grundzuversicht erfüllt. Gleich würde es losgehen, die Formalien mussten bald geklärt sein. Tatsächlich trafen endlich die Abgesandten der Sangha-Lodge ein. Sie brachten allerdings schlechte Nachrichten.

Die Frau aus der Lodge legte den Brief eines Ministers hervor, der in der Zentralafrikanischen Republik für den Tourismus zuständig war (den es nicht gab). Er könne nicht für unsere Sicherheit garantieren, stand in dem Schreiben. Damit war die Reise an dieser Stelle vorerst zu Ende. Denn die Betreiber der Lodge machten uns hier an der Grenze zwar eine höfliche Aufwartung, sie würden sich aber nie über die Anweisung des Politikers hinwegsetzen.

Die leise Hoffnung hatte in dem Umstand gelegen, dass Bayanga und das Dzanga-Sangha-Reservat im südlichsten Zipfel des Landes liegen. Man konnte annehmen, dass hier nichts vom Bürgerkrieg zu spüren war. Es wäre nur ein kurzer Ausflug über die Grenze und wieder zurück geworden. Und wo saß schon der Minister?

Konnte er eine Ahnung haben, wie es in seinem Land aussah? Hatte er sich vielleicht schon längst nach Frankreich abgesetzt? Es half nichts, darüber große Erörterungen anzustellen. Waldelefanten und Gorillas konnten wir auch in Lobéké sehen. Als die Wirkung der Biere nachgelassen hatte, erwachten wir wie aus einem Tagtraum, der Plan war bei nüchterner Betrachtung ein illusorisches Hirngespinst gewesen.

Noch einmal mussten wir, verschwitzt und erschöpft allein von der Luft und der Sonne, im WWF-Camp ohne fließendes Wasser übernachten. Am nächsten Tag konnten wir in den Lobéké-Park aufbrechen: Die Zelte waren gekommen!

Der hochgewachsene Botondono, der ein betont distinguiertes Französisch sprach, das in dieser gottverlassenen Ecke der Welt eine gewisse administrative Ordnung ausstrahlte, wollte aus unserem Misserfolg an der Grenze Kapital schlagen. Kurzerhand verlangte er den doppelten Preis dessen, was zuvor für den Ausflug nach Lobéké vereinbart worden war. Botondono war hier der uneingeschränkte Chef, von seinem Wohlwollen hing das Gelingen unserer Reise ab.

Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, wie unsere Reiseleiterin ihn zum Einlenken bewegte, aber schlussendlich wurden bewaffnete Ranger, Träger, Wasser und Autos organisiert. Sie sollten uns erst auf einer Dschungelpiste so weit wie möglich in den Wald hineinfahren. Dann war ein rund zwölf Kilometer langer Fußmarsch nötig, um den Lagerplatz für die Nacht zu erreichen. Von dort war es nicht weit zu einer Aussichtsplattform an einer Lichtung, von wo aus man Tiere beobachten konnte. Das eigentliche Ziel unserer Reise.

Wir brachen auf mit vier Autos: zwei Geländewagen mit Allrad-Antrieb und zwei gewöhnliche Pkws. Die Menschen von hier kannten den Weg, auch wenn er wegen der Vegetation kaum zu erkennen war. Sie hätten wissen müssen, dass es eine Unmöglichkeit war, mit einem normalen Auto in den Wald hineinzufahren. Das war aber noch kein Grund, es nicht zu versuchen. So fuhren sich erst das eine und wenig später das andere Auto so tief im Matsch fest, dass sie keinen Meter mehr vorwärts kamen.

Acht Reisende, drei Ranger und eine gute Handvoll Träger mussten sich auf zwei Geländewagen und deren Ladeflächen verteilen. Das Terrain war so unwegsam, dass die Fahrzeuge umherschaukelten wie Boote. Es ging durch Senken, über grobe Steine, und ab und an mussten die Männer einen Stamm mit der Motorsäge zerteilen, um die Durchfahrt freizumachen. Irgendwann konnten wir nicht mehr weiterfahren. Ab hier ging es nur noch zu Fuß weiter.


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Ich hatte mir wahrscheinlich durch das schlecht durchgebratene Fleisch auf einem Markt gründlich den Magen verdorben. Ich wurde merklich schwächer. Eine Strecke von zwölf Kilometern hätte mir unter normalen Umständen kaum eine Anstrengung abverlangt, doch ich war mit Sicherheit dehydriert. Jeder Schritt wurde mühsam. Immer wieder musste ich schnell hinter einem großen Tropenbaum verschwinden, und nach jedem Mal fühlte ich mich ausgelaugter. Hinzukam der üble Geruch eines toten Bocks, der wohl von einer Python zerdrückt worden war.

Ranger Prosper Mpande schlug mit seiner Machete einen Ast vom Baum und hielt ihn sich senkrecht über den offenen Mund. Nach wenigen Sekunden lief Wasser heraus, wie aus einem Hahn, den man leicht aufdreht. Wir tranken alle etwas. Die Träger hatten ungefähr ein Drittel des Wassers am Weg zurückgelassen, weil sie mehr nicht tragen konnten (schließlich waren manche mit den Autos zurückgeblieben). Die Menge des Wassers war so berechnet worden, dass sie für zwei Nächte und drei Tage genau ausreichte. Nun fehlte ein Teil. Wir würden also Wasser aus einem Gewässer schöpfen und abkochen müssen.

Anfangs war der Waldboden noch dicht bewachsen, dafür fiel immer wieder die Sonne durch die Baumkronen. Hier mussten schon Holzfäller unterwegs gewesen sein. Überall, wo es Schneisen gab, faltete sich die Natur am Boden in größter Verworrenheit auseinander. Als nach einer guten halben Stunde der Boden lichter und dunkler wurde, erreichten wir den urzeitlichen Primärwald, der niemals von Menschenhand verändert worden war.

Nach fast drei Stunden erreichten wir das Lager. Die Träger waren vorausgelaufen und hatten schon die Zelte aufgebaut. Bis zur Dämmerung waren es noch etwa drei Stunden, deshalb machten wir uns auf den Weg zur Plattform, in der Hoffnung, noch ein paar Tiere sehen zu können. Es kostete mich viel Energie, noch einmal loszugehen, und oben auf dem Hochsitz legte ich mich auf die Planken und schlief ein. Die anderen sollten mich wecken, wenn sich etwas Bedeutendes rührte: Elefanten oder Gorillas. Aber die zeigten sich nicht. Wir sahen aber Bongos, Sitatungas, Buschböcke, diverse andere Antilopen, Waldbüffel und Adler.


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Abends zuckte das Licht des Feuers in der Dunkelheit. Ich war fast zu schwach, um mich sitzend ohne Rückenlehne aufrecht zu halten. Wir kochten ein wenig Reis mit Gemüse. Ich hatte keinen Appetit. Irgendwann kroch ich in mein Zelt, legte mich auf der Isomatte auf den Rücken, blieb in der Kleidung des Tages liegen und schlief auf der Stelle ein.

Der Morgen war sofort da, es gab keine Zwischenphase zwischen Tag und Nacht. Der Dschungelpfad zur Lichtung war überschwemmt, ich zog die Schuhe aus. Wir bezogen Stellung auf dem Hochsitz. Die Ranger mahnten uns an, leise zu sein und nicht zu rauchen. Die Waldelefanten könnten den Geruch des Qualms auf viele hundert Meter Distanz riechen. Sie fürchten sich vor Feuer und flüchten. Wir warteten.

Die Morgensonne brachte den Wald zum Dampfen. Das Gras auf der Lichtung war von einem Bachlauf durchzogen, dahinter türmte sich der Wald auf, bis zu sechzig Meter hoch. Antilopen kamen zum Trinken hervor. Unsere Anwesenheit blieb unbemerkt.


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Vor dem Waldrand entdeckten wir einen Gorilla. Er bewegte sich ungefähr zweihundert Meter von uns entfernt durchs Gras. Durch die Linsen unserer Kameras und durch das Fernglas war er präzise zu sehen, aber auch ohne Hilfsmittel zeichnete sich sein schwarzer Körper mit dem weißen Rücken deutlich ab.

Der Gorilla lief mehrere Stunden vor uns auf der Lichtung umher, vollkommen ungestört, behäbig. Immer wieder setzte er sich nieder und kaute, nur um nach einiger Zeit ein paar Meter weiterzuziehen. Er hatte keine natürlichen Feinde.

Die Ranger erzählten uns von den Elefanten. Seit dem Bürgerkrieg ließ sich jenseits der Grenze noch weniger für ihren Schutz tun als sonst, also praktisch gar nichts. Wilderer hatten vor kurzem eine ganze Herde getötet. »Nous avons pleuré quand nous avons ecouté des incidents«, sagte Prosper zu der Tragödie.


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Die Stunden des Tages zogen vorüber, wir saßen still da. Nichts passierte. Kein Elefant kam und auch kein weiterer Gorilla. Am Himmel zogen sich Wolken zusammen. Es wurde still auf der Lichtung, die Geräusche verstummten. Die Regenwand kam näher, der Horizont verrauschte. Dann fielen Tropfen auf das Wellblechdach des Hochsitzes, so als würde ein Lastwagen darauf Kieselsteine abladen.

Wir mussten uns auf den Mittelpunkt der Plattform zurückziehen, weil der aufbrausende Wind den Regen unter das Blech trieb. Wir kauerten uns zusammen. Keine halbe Stunde dauerte der Wolkenbruch, dann kündigte ein diffuses Licht über dem Wald die Sonne an. Die Bäume begannen, zu strahlen, die Wolken am Himmel verflüchtigten sich, und wieder fing alles an zu dampfen. Ein dramatisches Schauspiel. Doch immer noch keine Elefanten.


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Als wir die Hoffnung aufgegeben hatten, zischte plötzlich einer der Ranger. Alle gingen in eine geduckte Haltung, so als drohte aus unmittelbarer Nähe Gefahr. Der Ranger deutete nach vorne. Aus dem Wald am anderen Ende der Lichtung kamen Elefanten hervor, eine Kuh, ihr Baby und noch ein weiteres Tier. Plötzlich blieben die Tiere stehen. Die Kuh warf ihren Rüssel nach oben, richtete die Ohren auf und schaute exakt in unsere Richtung. Wir beobachteten das durch die Linsen und das Fernglas. Es war so, als schaute uns der Elefant direkt ins Gesicht. Dann machte die Gruppe kehrt und verschwand wieder im Wald.

Einer hatte geraucht. Das lange Warten hatte uns nachlässig gemacht. Stunden lang waren wir durch den Busch gefahren, mühsam durch den Wald marschiert. Und dann hatte einer geraucht. Wir bekamen die Tiere vielleicht eine Minute zu Gesicht. Schon waren sie wieder verschwunden hinter der grünen Wand. Wir saßen bis zum Sonnenuntergang auf der Plattform, aber es kamen keine Elefanten mehr hervor. Die Bühne blieb leer. Wir mussten aufbrechen.


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Der Blick in die Augen des Elefanten war wie die intensive Verbindung mit einer alten Welt gewesen, die eigentlich versunken ist, aber hier im Nirgendwo des unzugänglichen Kongobeckens weiter existierte. Der Regenwald hatte eines seiner Geheimnisse offengelegt, für einen kurzen Moment.

Im Lager brachten wir die zweite Nacht herum. Am nächsten Tag würden wir den zwölf Kilometer langen Pfad zurück zur Waldstraße laufen. Wir würden umherschaukeln, bis wir die rotbraune Schlammstraße erreichten. Wir würden einen Tag brauchen, um zurück nach Yokadouma zu kommen. Der Wald würde lichter werden und die Dörfer zahlreicher. Wir würden langsam aus dieser versunkenen Welt auftauchen wie aus einem Traum, dessen Konturen so wie alle Erinnerungen langsam verschwimmen, und es würden nur noch einzelne, fragmentierte Bilder im Kopf zurückblieben, während das Herz eine seltsame Wehmut verspürt.

Ich hatte vier Tage nicht geduscht, und das bei tropischer Hitze. Die Kleidung war schon nach einem Tag schmutzig gewesen, doch es kümmerte mich nicht. Der Kopf war jetzt sehr klar. Was taten die Menschen nicht alles, um sich und allen anderen zu beweisen, dass sie glücklich sein konnten? Ich fuhr zurück, als Randfigur eines großen Schauspiels, und darin lag eine stille Freude.


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Machu Picchu muss man gesehen haben, heißt es. Von den Ruinen gibt es schon eine Million Bilder. Die Inkastadt liegt abgeschieden im peruanischen Hochland und ist doch maximal zugänglich. Lohnt der Besuch?

Cusco — Machu Picchu ist ein Ort der Verheißung: eine verborgene Inka-Stadt in den peruanischen Anden, die berühmteste Sehenswürdigkeit Südamerikas, eines der neuen sieben Weltwunder. Sinnbild für die untergegangenen Kulturen dieser Welt, Sehnsuchtsort für den Entdecker im jedem Reisenden, Symbol für das Fernweh selbst. Ewiges Machu Picchu.

Der Ausblick über die Ruinenstadt in den Bergen nordöstlich von Cusco ist weltberühmt, es gibt kaum einen, der ihn nicht irgendwo schon einmal gesehen hat. Man wird nie ermitteln können, wie viele Millionen Fotos bisher diese eine Perspektive eingefangen haben: den Blick vom Haus des Wächters über die Stadt bis zum Huanya Picchu. Auf Youtube kann man sich eine ganze Menge Videos von Machu Picchu anschauen. Es ist ein Bild, das sich ins kollektive Gedächtnis der Welt eingeprägt hat.


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Die große Frage lautet: Muss man sich Machu Picchu überhaupt »in echt« angucken?

Im Vorwort zu 1000 Places to See Before You Die steht das angeblich asiatische Sprichwort: »Es ist besser, etwas einmal selbst zu sehen als tausendmal davon zu hören.« Das ist eine streitbare These, und ihr Wahrheitsgehalt hängt sicherlich davon ab, um welches Objekt der Begierde es sich handelt. Nun also Machu Picchu, die Mega-Sehenswürdigkeit.

Auch andere Reisende diskutieren im Internet : Peru mit oder ohne Machu Picchu? Offensichtlich sind wir nicht die einzigen Südamerika-Neulinge, die sich gefragt haben, ob es überhaupt noch nötig ist, sich die Ruinen mit eigenen Augen anzuschauen, wo man sie doch scheinbar schon eine Million Mal gesehen hat. Die Suche nach der Antwort berührt eine grundsätzliche Frage unserer Zeit: Welchen Wert hat die unmittelbare Welterfahrung, wenn jeder Ort prinzipiell schon von überall aus für jeden zugänglich ist?

Ein weiterer Grund zur Sorge: Natürlich geht es bei jedem allzu bekannten Ausflugsziel furchtbar kommerziell zu. Das Gelände ist weitgehend unzugänglich, der Zugang strikt geregelt, die Tickets ziemlich teuer, und Busladungen von trägen Bauchspeck-Touristen lassen sich jeden Tag bis zu den Eingangstoren fahren und müssen dann nur noch, prustend und schwitzend, die letzten Meter bis zur berühmten Aussichtsstelle selbst laufen. Es ist also komplett überfüllt. Jeder macht die obligatorischen Fotos.

Es ist ein schwieriges Unterfangen geworden, einen Ausflug nach Machu Picchu selbstständig zu organisieren, weil zum Beispiel die günstigen Tickets für den Zug nach Aguas Caliente begrenzt sind und oft im Vorhinein von den Tour-Anbietern restlos aufgekauft werden. Machu Picchu ist Perus große Tourismusmaschine, etwa 90 Prozent aller Fremdenverkehrseinnahmen des Landes entfallen allein auf diese Sehenswürdigkeit. Ein Besuch ist in diesem Licht ein reichlich abstoßendes Szenario, da will man erst einmal überhaupt nicht mitmachen, bei diesem Ausverkauf, auch wenn alle Welt dahin pilgert, na von mir aus bitte. Andererseits: Machu Picchu.


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Die Abwägung in dieser Sache dreht sich vor allem um die Frage, ob man das Auslassen der durchaus kostspieligen Attraktion nicht bis an sein Lebensende bereuen würde. Verwandte werden ungläubig fragen: »Wie, du warst in Peru, aber hast nicht Machu Picchu gesehen?« Es fällt leicht, den Big Ben, das Kolosseum oder den Eiffelturm zu ignorieren, denn London, Rom und Paris liegen heutzutage quasi um die Ecke. Ein Flug nach Südamerika ist immer noch einigermaßen teuer, und in Cusco, dem Ausgangspunkt für eine Tour nach Machu Picchu, ist der Reisende üblicherweise nur einmal im Leben. Also wird er am Ende natürlich doch Machu Picchu besuchen.

Als wir nach Ausflügen zum Colca Canyon, zum Titicacasee und auf den frostigen Gipfel des Chachani in der bedeutendsten historischen Stadt Südamerikas eintreffen, buchen wir in unserem Hostel gleich für den kommenden Tag für 180 US-Dollar pro Person einen zweitägigen Ausflug nach Machu Picchu.

Die große Frage des Reisenden: Wie wird es nun sein, die Ruinen selbst zu sehen, über die verfallene Stadt zu schauen, das weltbekannte Abziehbild mit der eigenen, wahrgenommen Wirklichkeit abzugleichen? Wird das jede Huldigung wert sein? Alles nur irgendwie ganz nett? Oder eine Enttäuschung?

Wer sich in Cusco aufhält, findet genug Gelegenheiten, eine organisierte Tour zu buchen. Üblicherweise fährt ein Bus die Touristen bis nach Ollantaytambo, in der Stadt besteigt man die alte, nostalgisch erscheinende Prachteisenbahn bis nach Aguas Caliente, und von dort fahren am nächsten Morgen Shuttlebusse durch den Bergnebelwald bis direkt hinauf zur Ruinenanlage. Von Aguas Caliente aus, so haben wir gehört, kann man aber auch bequem laufen: immerhin etwas Eigenleistung.


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Es ist für Kurzentschlossene wirklich kaum noch möglich, sich alle Bausteine für die Tour nach Machu Picchu kurzfristig selbst zu organisieren. Wir vertrauen also auf unser Komplettpaket, das noch eine einstündige Führung durch die Ruinen enthält, damit wir eben nicht nur wie blöd Fotos von Machu Picchu schießen, sondern auch etwas über die Geschichte dieses Ortes erfahren.

Auf der Fahrt nach Ollantaytambo sieht man durch das Busfenster die schneebedeckten Berge der Cordillera Vilcabamba. Die Straße ist kurvig, es geht Hänge hinauf und Täler hinab, irgendwann erreicht man die Stadt. Dort kann man in einem Restaurant gemütlich einen café con leche und einen Papaya-Saft trinken, um danach ausgeruht zum kleinen Bahnhof herüberzuschlendern.

Die Fahrt mit dem Zug ist dann so eine Pseudoattraktion, alles ist auf alt und teuer und herrschaftlich gemacht, dient aber von der Aufmachung her wohl nur dazu, allen Touristen, die das Urubamba-Tal gleichsam eines Nadelöhrs irgendwie passieren müssen, ein wenig Dollars aus der Tasche zu ziehen. Die Eisenbahn folgt immer dem Fluss.


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Aguas Caliente liegt eingezwängt zwischen bewaldeten, oft vernebelten Berghängen. Die Luft ist feucht. Hier übernachten die meisten Touristen, die Machu Picchu sehen wollen, einmal, was gleichzeitig Segen und Verhängnis von Aguas Caliente ist: Das Geld spaziert hier durch die Straßen, die Peruaner müssen es nur noch einsammeln.

Der Weg vom Bahnhof in den Ort ist nicht weit und führt natürlich gleich über einen großen Markt. Menschen schieben sich zwischen den Ständen entlang, es dauert alles wahnsinnig lange. Die Hauptstraße von Aguas Caliente führt steil bergan. Ein Restaurant reiht sich hier an das nächste, in den oberen Stockwerken gibt es Gästezimmer. Kellner winken die Touristen herein, sprechen die Leute an, machen Scherze. »Hello my friend«, »Take a look at the menu«, »Please come in«.

Wer in einem Restaurant ein Sandwich mit chorizo für 15 Soles bestellt, bekommt manchmal nur ein aufgetautes Burgerbrötchen mit zwei Scheiben Presswurst ohne Salat und Soßen. Wir stellen fest: Aguas Caliente ist eine Zumutung.


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Abends im Hotel packen wir für den kommenden Morgen. Die Frage: Lohnt sich Machu Picchu oder ist das nicht eigentlich die totale Abzocke?

Wir beschließen, mindestens eine Stunde vor Sonnenaufgang zu Fuß aufzubrechen, um so wie früh wie möglich am Eingang des Parks zu sein, am besten noch vor der ersten Busladung fußfauler Komforttouristen.Die Laternen beleuchten die Straße entlang des Rio Urubamba nur spärlich, es regnet kräftig. Irgendwann kreuzt der Weg den Fluss, ein Mann in Uniform taucht aus der Dunkelheit auf, um hier, an diesem checkpoint, unsere Tickets zu kontrollieren. Wir steigen durch den feuchten Wald in Serpentinen den matschigen Pfad zu den Ruinen hinauf.

Machu Picchu liegt auf 2300 Metern im Gebirge, die Wälder sind in Wolken gehüllt, bald bricht der Tag herein. Um kurz vor 6 Uhr morgens betreten wir das Parkgelände, nur ein paar kleine Gruppen sind schon mit uns hier. Es regnet noch immer, die dichten Wolken nehmen jede Sicht. Der Tag dämmert, aber das merkt man kaum.

Wir können uns trotz Wegweisern und gepflasterten Pfaden kaum auf dem Gelände orientieren. »Wir müssen zum Haus des Wächters, da ist die Aussicht am besten«, sagt mein Reisebegleiter. Also gehen wir zum Haus des Wächters. Wir sehen: nichts. Die Hütte bietet immerhin Platz zum Unterstellen. Wir sind durchgeschwitzt vom Aufstieg durch den Wald, wir frieren.

Dann passiert es: Der Wind reißt kleine Löcher in den Nebel, durch die wir die ersten Fetzen der eigentlichen Kernstadt erkennen können. Minuten vergehen, das Bild wird klarer. Es ist so, als nehme jemand langsam Teile aus einem schiefergrauen Puzzle heraus, unter dem das eigentliche bunte Bild verborgen liegt. Die Wolken geben den Blick frei auf die morgendliche, immer noch im Dunst liegende Inkastadt Machu Picchu. Der berühmte Huanya Picchu, der weltbekannte Hügel, thront über der Stadt.

Machu Picchu: Wir sehen es mit eigenen Augen.



Weil noch kaum andere Leute unterwegs sind, fühlt es sich so an, als seien wir selbst für einen kleinen Moment Hiram Bingham, der die Stadt 1911 als erster Weißer auf einer Forschungsreise offiziell entdeckte, nachdem sie bereits vergeblich von den spanischen conquistadores gesucht worden war. Es existierten zu dieser Zeit aber bereits Landkarten anderer Europäer, in denen die exakte Lage der Stadt eingezeichnet war.

Schwer zu sagen, ob sich der Ausblick so anfühlt, wie wir erwartet haben, aber wir sind auf jeden Fall ziemlich erschlagen. Bei Nebel, sagen manche, sei Machu Picchu am schönsten. Abgleich mit der Vorstellung, die man von diesem Ort hatte: Der Zugang erfolgt quasi »von rechts« des weltberühmten Bildes. Ich habe immer geglaubt, man steige »von links« in die Szenerie hinein, obwohl es dafür natürlich keinen vernünftigen Beleg gab, es war einfach das Bild in meinem Kopf.

Das Licht ist immer noch dämmrig. In den ersten Minuten können die Augen kaum den Blick von den Ruinen abwenden. Für diesen kurzen Augenblick bekommt der Reisende hier am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, tatsächlich das Gefühl, die Stadt gerade entdeckt zu haben. Als sei er einfach durch den Dschungel spaziert, das Ziel unbekannt, und plötzlich: Machu Picchu.





Sobald die ersten geführten Reisegruppen auf das Gelände laufen, ist es mit diesem Eindruck aber vorbei. Das allgegenwärtige Bild von Machu Picchu, stellen wir fest, hat immer eine größere Abgeschiedenheit des Ortes transportiert, als das in der Realität der Fall ist. Aguas Caliente jedenfalls erscheint immer noch relativ nah gelegen. Man muss kein Abenteurer sein, um nach Machu Picchu zu gelangen.

Die Wolken geben jetzt fast die gesamte Stadt frei, wir laufen zurück zum Eingang, um unseren Guide zu treffen. Jesús führt uns mit einer distanziert-ungerührten Haltung durch die Ruinen. Er referiert leicht ironisch, manchmal spöttisch, die Geschichte der Inkastadt. Es ist ganz angenehm, ihm zuzuhören. Wir besichtigen den Sonnentempel, den heiligen Platz, das Haus des Priesters, das Gefängnis und die Sonnenuhr Intihuatana.


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Die Wissenschaft ist sich immer noch nicht einig darüber, was für einen Zweck Machu Picchu für die Inkakönige und ihr Reich hatte. Da liegt ein grob behauener Stein am Boden. »It is a compass, but people will sit on it later«, sagt Jesús. Er zeigt mit der Spitze seines Spazierstocks auf den Felsblock, schüttelt den Kopf und schaut lächelnd in die Ferne, die linke Hand steckt in der Hosentasche: wie ein englischer Gentleman. Jesús ist der ganze Auflauf zwischen den Mauern hier etwas zuwider, aber er ist auch zu relaxt, um groß herumzuschimpfen oder zu Moralpredigten über den touristischen Ausverkauf anzusetzen. Es liefe wohl auch seiner Geschäftsgrundlage zuwider.

Der Vormittag ist angebrochen, als wir uns von Jesús verabschieden und beschließen, noch auf den Cerro Machu Picchu zu steigen. Es geht jetzt darum, noch eine andere Perspektive zu bekommen, die nicht so einfach zu haben ist, die immerhin ein bisschen exklusiv erscheint.

Der Gipfel des Cerro Machu Picchu liegt noch einmal 600 Meter oberhalb der Stadt, der Aufstieg ist steil und um die Mittagszeit schweißtreibend. Der Reisende muss sich am Eingang des Geländes eine zusätzliche Erlaubnis für die Besteigung des Bergs einholen. Lohnt sich der Aufstieg?

Was deutlich wird von ganz oben, ist die Lage Machu Picchus innerhalb des Gebirges: Die Stadt wirkt klein zwischen den steilen, dicht bewachsenen Schluchten der Berge, durch die sich der Rio Urubamba hindurchwindet wie eine Würgeschlange. Im Südosten sieht der Reisende das Sonnentor, eine Scharte im Grat, durch die der Inka-Trail hinunter zur Ruinenanlage führt. Die Mehrtageswanderung ist oft auf Wochen hinaus ausgebucht.


Machu Picchu
Machu Picchu


Es erscheint hier oben auf dem Berg völlig klar, dass der Reiz Machu Picchus vor allem der Umgebung geschuldet ist. Machu Picchu: die untergegangene Stadt im schwer zugänglichen Hochland, immer noch eines der letzten großen historischen Rätsel unserer Erde. Dabei ist die Stadt, wie gesagt, gar nicht so schwierig zu erreichen: Jeden Tag kommen 2000 Besucher. Die relative Einsamkeit auf dem Cerro Machu Picchu ist wohltuend, man vergisst für einen Moment, dass die Stadt im Prinzip das ganze Jahr über von Touristenhorden belagert wird wie ein Disneyland.

Zurück in der alten Stadt kann man es jetzt gelassener angehen. Der beste Ausblick des Tages liegt ein paar Stunden zurück, die Sonne scheint grell auf die Steine, die Nebelschleier sind fortgezogen. Machu Picchu hat nichts Spirituelles mehr an sich.

Wahrscheinlich sind um die Mittagszeit die meisten Touristen hier: Da steht die neue asiatische Oberschicht in feinen Stoffen unter Sonnenschirmen neben amerikanischen Hobbyarchäologen im Khaki-Dress mit Wohlstandsplauze.

Etwas oberhalb der Ruinen setzt sich ein gut gelaunter, eloquenter Österreicher um die 60 mit seinem Unterhemd in die Sonne, streckt den Rücken durch, während sein linker Unterarm auf dem aufgestützten Knie liegt, und schaut über die Stadt. Er sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus Joachim Gauck und unserem ehemaligen Deutschlehrer auf dem Gymnasium. Auch wir rasten an diesem Platz und essen etwas von unserem Proviant. Machu Picchu sieht jetzt wirklich aus wie das Gewöhnlichste auf der ganzen Welt.


Machu Picchu


Beim Blick über die Stadt, kurz vor dem Abstieg nach Aguas Caliente, stellt sich zwangsläufig wieder die Frage: Hat sich der Besuch nun gelohnt? Und wenn ja, liegt das daran, dass man diesen Ort wirklich als außergewöhnlich und sehenswert empfunden hat? Oder weil es der allgemeinen Erwartungshaltung entsprach, Machu Picchu zu sehen?

Feststeht: Ohne den morgendlichen Aufstieg durch den Bergnebelwald wäre uns die Besichtigung dieses Ortes wohl nur halb so spannend vorgekommen. Mit dem Bus irgendwo hinfahren, aussteigen, fotografieren, Abmarsch: Das ist Sightseeing-Tourismus, das hat mit Reisen nichts zu tun.

Aber natürlich ist auch der tougheste Abenteurer in Machu Picchu ein Tourist. Das muss nicht schlimm sein. Nur beantwortet es nicht die Frage: Hat sich Machu Picchu gelohnt?

An dieser Stelle hilft es, die Zukunft zu antizipieren: Wir jedenfalls glauben, uns auch noch in 20 Jahren genau an den Moment erinnern zu können, als sich der Nebel über Machu Picchu verzog und die Sicht auf die alte Inkastadt preisgab. Dieser Umstand ist, wenn wir ehrlich sind, schon eine ganze Menge wert. Denn an welche Momente, die gerade ein Jahr oder auch nur einen Monat zurückliegen, erinnert man sich schon wirklich?

Am Eingang zum Gelände hat sich am frühen Nachmittag eine lange Schlange gebildet: zufriedene Touristen, müde Touristen. Die Busse fahren die Besucher im Minutentakt zurück nach Aguas Caliente. Wir steigen ab.


Machu Picchu

Reisezeit: ..Machu Picchu kann prinzipiell das ganze Jahr über besichtigt werden. Am besten sind aber die trockenen Sommermonate zwischen Juni und September. Im Dezember und Januar kann es im Bergland zu heftigen Regenfällen und Erdrutschen kommen. Touristen werden manchmal von der Zivilisation abgeschnitten.

Anreise: ..Mehrere Fluggesellschaften fliegen Lima mit ein oder zwei Zwischenstopps von Deutschland aus an. Die Busse von der Hauptstadt nach Cusco brauchen gut 20 Stunden, es gibt auch Flugverbindungen mit Lan Airlines. Von Cusco fahren Busse bis Ollantaytambo, von dort geht es mit der Eisenbahn nach Aguas Caliente. Shuttlebusse fahren hinauf nach Machu Picchu, Reisende können aber auch zu Fuß gehen.

Einreise: ..Touristen aus Deutschland können sich 183 Tage ohne Visum in Peru aufhalten.

Veranstalter: ..Unzählige Agenturen in Cusco bieten Machu Picchu als zweitägiges Komplettpaket an. Enthalten sind der Bus bis Ollantaytambo, die Hin- und Rückfahrt mit dem Hiram Bingham Orient Express, eine Übernachtung in Aguas Caliente und der Eintritt zum Gelände. Die Preise liegen bei umgerechnet 150 bis 200 Euro. Selbstorganisierte Kurztrips können problematisch sein, weil die Tourenanbieter oft das gesamte Kontingent an Zugtickets aufkaufen.

Übernachtung: ..In Cusco gibt es Unterkünfte aller Preisklassen – vom 5-Sterne-Hotel bis zur einfachen alojamiento. In Aguas Caliente gibt es ebenfalls ein breites Spektrum an Übernachtungsmöglichkeiten. In der Hochsaison im Sommer lohnt eine vorherige Reservierung.

Geld:..In Cusco gibt es zahlreiche Banken, die alle gängigen Kreditkarten akzeptieren. 1 Euro entspricht etwa 3,4 Nuevos Soles (Stand Januar 2013).

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Life is a beach – oder sollte es zumindest sein, nicht wahr? Der Strand verlangt nach Optimismus und verheißt Happiness. Die Tropeninsel Palawan hat die traumschönsten Exemplare zu bieten.

Ich bin kein Strandmensch. Man könnte physische Gründe vermuten: heller Hauttyp, keine ausdefinierten Muskeln. Eine beneidenswerte Strandfigur kostet wahnsinnig viel Zeit. Mein Körper ist eher dafür gebaut, zwölf Stunden ohne Mühen zu marschieren, als in Badehose eine beeindruckende Figur zu machen. Mag ich deshalb die Berge lieber? Vielleicht. Ich glaube vor allem, Freude entsteht durch Aktivität. Im Gebirge muss man eine gute Weile laufen, um die erhabensten Orte zu erreichen. Der Strand dagegen lädt dazu ein, sich sofort hinzulegen. Sonnenschirm, Liege, Handtuch. Delirium.

Die Bilder palmengesäumter asiatischer Strände haben in mir nie große Sehnsucht ausgelöst. Wenn andere von Thailand schwärmten, ließ mich das stets kalt. Strände finde ich irgendwie kitschig und platt. Das Konzept Strandurlaub erschien mir immer rätselhaft. Trotzdem ging es eines langen Winters auf eine Insel, die kaum mehr zu bieten hat als Sonne, Palmen und tolle Strände – all dies allerdings in vollendeter Ausführung.

Palawan auf den Philippinen wurde 2014 von den Lesern der Zeitschrift Condé Nast Traveller zur schönsten Insel der Welt gekürt. Solche Rankings sind immer etwas zweifelhaft, doch das war natürlich schon eine Ansage. Palawan gilt als sogenannte Trauminsel, da lässt sich wenig diskutieren. Sehenswürdigkeiten von Format gibt es auf der Insel nicht. Man kann dem einheimischen Volk der Batak einen Besuch abstatten, mit einem Kajak durch einen Unterwasserfluss paddeln und tauchen.

Palawans Versprechen ist die Idee vom beach life: Schlafen in einer Holzhütte, zum Meeresrauschen erwachen, barfuß laufen, vom Tag nichts wollen. Und in dieser Einfachheit der Dinge zwischen windschiefen Palmen und bonbonfarbenen Sonnenuntergängen stellt sich dann so etwas wie lässige Zufriedenheit ein. Ein Bekannter sprach außerdem von einer »Pärcheninsel«. Auch das leuchtet ein: Palawan ist die perfekte Kulisse für Romantik.

Der Schriftsteller Leif Randt schrieb in einer Geschichte über den Bondi Beach, an sonnigen Orten seien positive Vibes wichtiger als Inhalte, und dass er das eigentlich gut finde. Aber wahrscheinlich beschreibt es mein Problem mit dem Strand: Ich misstraue seinem Glücksimperativ und der aufgesetzten positivity. Am Strand sind die Leute immer super gelaunt, weil sie verinnerlicht haben, dass das am Strand so sein sollte.

Trotzdem flogen wir nach Palawan. Ich hatte das Reiseziel sogar vorgeschlagen. Wir suchten also das Strandleben. Hier ist das Ergebnis:

BACUIT-ARCHIPEL

Begrünte Karstfelsen, türkisblaues Wasser: Das sind die ikonischen Landschaftsbilder von Palawan, die auf Instagram besonders oft geteilt werden. Das tropische Paradies lässt sich im Bacuit-Archipel im Norden der Insel erstaunlich einfach per organisierte Bootstour erreichen. Ausgangspunkt ist das einstige Fischerdorf El Nido, heute ein geschäftiger Traveller-Hotspot. Um die Touristen nicht zu verwirren, heißen die Tagesausflüge A, B, C und D. Wir wählten Route A, weil es angeblich die schönste ist.



Die vier Bootstouren sind in jedem Hostel in El Nido buchbar, was man später auf den Inseln sieht: überall Touristen. Vor Shimizu Island reihten sich die Boote dicht an dicht. Die Big Lagoon sähe ohne Menschen natürlich toller aus, aber wir waren ja selbst Teil dieses organisierten Spektakels. Also brav mit dem Kajak fahren und schnorcheln. Der Seven Commandos Beach mit seinem weißen Sand und den Palmen war perfekt, aber eben überlaufen. All dies überraschte uns nicht. Wir waren vergnügt. Wer hier noch Robinson-Crueso-Atmosphäre erwartet, kommt allerdings zwanzig Jahre zu spät.

Wow-Effekt: 6/10
Robinson-Crueso-Feeling: 3/10
Romantik-Faktor: 3/10

LIO BEACH

Lio Beach liegt keine halbe Stunde nördlich von El Nido. Der Strand ist von der Hauptstraße aus nicht zu sehen und praktisch menschenleer. Es gibt keine günstigen Backpacker-Hütten, eher Resorts, in denen die Nacht im Doppelzimmer so 80 Euro kostet. Wir übernachteten im Balai Adlao, um uns für die vorherigen 10-Euro-Nächte in hellhörigen Hostels zu entschädigen. Hier stiegen sonst Paare ab, die per Direktflug nach El Nido und mit einem privaten Flughafentransfer anreisten. Wir kauften Exklusivität, ohne schlechtes Gewissen.



Das neugebaute Resort war sehr clean, ein Bruch mit der nachlässig wuchernden Tropenvegetation. Die Restaurants erinnerten an Fast-Food-Filialen. Der gut ausgeleuchtete Surf- und Beachshop hätte auch in einem Einkaufszentrum im Ruhrgebiet stehen können. Alles seltsam deplatziert. Aber dann gingen wir zum Strand und erblickten das tropische Panorama der einsamen Bucht: wie für uns allein entworfen. Wir genossen chinesische Küche zum Sound der Wellen, einen dramatischen Sonnenuntergang, Klimaanlage, blütenweiße Laken und endlich warmes Wasser in der Dusche. Wir waren nun angekommen.

Wow-Effekt: 6/10
Robinson-Crueso-Feeling: 4/10
Romantik-Faktor: 8/10

CALITANG & NACPAN BEACH (TWIN BEACH)

Zum Twin Beach fährt man von El Nido aus eine knappe Stunde nach Norden, erst über eine asphaltierte Straße, dann über Erde. Der Zwillingsstrand heißt so, weil dort zwei Strände in einer schmalen Landzunge zusammenlaufen: Calitang Beach und der rund vier Kilometer lange und formschöne Nacpan Beach. Mehrere Imbisse und Strand-Cottages stehen unter den Palmen am Wasser. Man kann Chicken Adobo essen, Kokosnusmilch schlürfen, seine Füße in den Sand stecken und ab und zu ins Meer gehen. Es ist nicht wirklich leer am Nacpan Beach, aber die Menschen zerstreuen sich. Im Hinterland liegt ein verschlafenes Dorf mit Kirche und Sportplatz. Angenehmes Nichstun.



Wir bezogen eine Hütte im Garten einer Familienpension am Calitang Beach. Abends aßen wir auf Plastikstühlen süßlich-scharf angemachten Fisch, zubereitet von den Frauen der Herberge. Ein etwas kränklicher Hundewelpe weckte unser Mitleid. War es am ersten Tag sonnig gewesen, zogen am zweiten Tag Wolken auf, und der Wind legte zu. Am Horizont wippten die Palmen. Fischerboote lagen morbid auf der Wiese. Im Dorf traf man auf Kühe, Schweine und Hühner.

Spätestens abends präsentierte sich der Nacpan Beach als Klischee eines traumhaften Tropenstrandes, zugleich wirkte alles etwas nachlässig und verfallen. Auch das stürmische Wetter arbeitete beharrlich gegen die Schönheit der Landschaft an. An vielen Stränden fürchtet man, die eigene Gefühlswelt könne nicht mit der Perfektion der Kulisse mithalten. Hier lagen die Dinge anders. Wir waren sehr zufrieden an diesem Ort.

Wow-Effekt: 7/10
Robinson-Crueso-Feeling: 6/10
Romantik-Faktor: 7/10

PRINCE JOHN LODGING

Wer auf Palawan Einsamkeit sucht, dem sei Prince John Lodging wärmstens empfohlen. Die Herberge liegt nördlich von Port Barton und ist per Boot erreichbar. Der Strand eignet sich wegen der Steine zwar nicht gut zum Baden, aber das ist egal. Gastgeber John, ein junger Filipino, heißt alle Gäste persönlich willkommen. Das ist ihm ein ernsthaftes Anliegen. Die Holzhütten sind angenehm spartanisch. Abends speist man auf einer Terrasse im Kerzenschein, in wohltuendem Abstand zur nächsten Ansiedlung und zu übrigen Reiseplänen. An diesem Ort adaptiert man das beach life quasi automatisch.

Wow-Effekt: 4/10
Robinson-Crueso-Feeling: 8/10
Romantik-Faktor: 7/10



INOLADOAN ISLAND

Inoladoan Island vor Port Barton beherbergt ein einzelnes Resort, das sich allerdings nicht hermetisch vor anderen Tagesgästen abschirmt. Viele Ausflugsboote machen auf der Insel Halt für ein Mittagessen. Nicht der perfekte weiße Sand ist hier die Top-Sehenswürdigkeit, es sind die Meeresschildkröten im türkisfarbenen Wasser. Wir waren ganz begeistert und verbrannten uns beim Schnorcheln auch gleich den Rücken (was wir leider erst abends feststellten). Ansonsten ist die Insel der geeignete Ort, um sich im Schatten unter Palmen in Genügsamkeit zu verlieren. Der Ausblick ist tadellos. Die Hitze erzwingt Trägheit. Die Gedanken drehen sich langsamer. Life is a beach, für zwei Stunden.

Wow-Effekt: 8/10
Robinson-Crueso-Feeling: 3/10
Romantik-Faktor: 4/10



SABANG

Sabang ist ein Stadtstrand und deshalb erst einmal abschreckend. Wer das Urlaubsdorf um die Mittagszeit erreicht, ist etwas enttäuscht: Auch die zwei besten Resorts am Platz – Sheridan und Daluyon – liegen meerseitig dicht gedrängt und haben keinen eigenen Strand. Die Versöhnung erfolgt am Abend: Wenn die Sonne über den Bergen untergeht und Dunst über der Bucht liegt, will man doch noch einmal in die Fluten steigen. Das Meer erscheint im Halbdunkeln wild, die Lichtstimmung ist mystisch. Auch morgens um sechs Uhr hat man die Brandung für sich und kann den Tag eigentlich nicht besser beginnen als mit einem Sprung in die Wellen. Sabang ist schön in der Dämmerung.

Wow-Effekt: 4/10
Robinson-Crueso-Feeling: 2/10
Romantik-Faktor: 5/10



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Remscheid — Es ist Oktober, Herbst geworden. Ich stehe in Remscheid-Hackenberg vor der Sporthalle. Der Tag im Juli, an dem ich beschlossen habe, einen Marathon zu laufen, kommt mir vor, als läge er in einer weit entfernten Vergangenheit, wie das mit vielen Dingen im Leben ist, die noch gar nicht so lange her sind.

Das Wetter ist ziemlich gut für so einen Lauf, weder Sonne noch Regen. Angenehme Temperaturen, weder kalt noch warm. Besser kann man es eigentlich nicht haben. Meine Startnummer habe ich mit vier Sicherheitsnadeln an meinem Shirt festgemacht, sie steckt in einer Klarsichthülle, wegen des Regens, vielleicht. Hoffentlich nicht.

Als ich am Morgen wach wurde, glaubte ich, ganz gut geschlafen zu haben. Die Nacht davor aber so gut wie gar nicht. Dafür hatte ich viel gegessen, weil man das so machen soll vor einem Marathon. Bis zum Vorabend dachte ich über all die Dinge nach, von denen ich oft gelesen hatte, wie wichtig sie sind: die wöchentliche Kilometerzahl, lange Trainingsläufe, Tempotraining.

Und ich dachte daran, wie wenig ich diese Dinge beherzigt hatte. Wie ich diesen typischen Anfängerfehler gemacht hatte: zu schnell zu viel zu trainieren. Wie ich glaubte, über den Dingen zu stehen, und wie ich genau diesen Fehler gemacht hatte.

Jetzt stehe ich vor der Toilette der Sporthalle, es ist 8 Uhr, in einer halben Stunde soll es losgehen. Ich binde den elektronischen Chip, der in Start und Ziel automatisch die Zeit misst, in die Schnürbänder meines Laufschuhs. Noch ein wenig trinken, dann langsam Richtung Start. Noch einmal pinkeln, dieses Mal im Busch, das machen die anderen Läufer auch so.

Ich stehe dann in dem Pulk von Menschen, die sich vor der Startlinie sammeln. Ich bin ziemlich ruhig. Alles ist ganz klar und eindeutig.

Ein guter Freund meinte einmal zu mir: Wenn du morgen etwas erreichen willst, muss es schon heute Realität in deinem Kopf sein. Wenn du etwas wirklich schaffen willst, muss der Endzustand – in diesem Fall das Überqueren der Ziellinie – schon so im Bewusstsein verinnerlicht sein, dass es gar nicht mehr anders passieren kann. Das ist wie beim Bergsteigen. An dem Tag, an dem du hochgehst, ab dem Moment, an dem du losläufst, gibt es nur einen möglichen Weg. Es gibt keine Alternative.

Ich bin also ganz ruhig.

Und dann laufe ich über die Startlinie. Der Chip an meinem Schuh fängt an, die Zeit zu zählen, aber das merke ich natürlich nicht.

KILOMETER 0 BIS 10

Ich begreife gar nicht richtig, dass ich gerade laufe, bei diesem Marathon, den ich mir schon so lange vorgenommen habe. Aber dann laufe ich einfach.

Remscheid sieht in Teilen ungefähr so aus, wie ich mir Nordkorea vorstelle: Aus der bewaldeten Landschaft ragen hässliche, graue Wohntürme heraus. Die Strecke führt über die ersten fünf Kilometer durch den Ort. An diesem Sonntagmorgen sind schon viele Menschen auf den Beinen und beobachten den Start der Läufer. Schilder, Trompeten, Trillerpfeifen, alles dabei.

Ich bin immer dicht umringt von anderen Läufern. Halbmarathon-, Marathon- und Ultraläufer sind zusammen gestartet. Das Ganze hat einen großen Vorteil: Man läuft nicht zu schnell los. Es ist praktisch unmöglich, sich vom Hauptfeld abzusetzen, wenn man am Anfang nicht direkt an der Startlinie stand. Irgendwann führt der Weg aus dem Ort heraus.

Meine größte Sorge ist mein Bein und der Wadenschmerz, der mich während des Trainings immer wieder geplagt hat. Er ist nicht da, er kommt auch nicht wieder. Die Taktik, auf vollständige Entlastung zugunsten der Regeneration zu setzen, ist also richtig gewesen.

Der erste Getränkestand kommt bei Kilometer 7. Ich habe mir vorgenommen, früh mit dem Trinken anzufangen, ich greife einen Pappbecher mit Zitronentee, den ich im Gehen leer mache. Man soll während eines Marathon ein bis vier Liter trinken, heißt es.

Nach einer Stunde erreiche ich die 10-Kilometer-Marke. Gutes Tempo, denke ich.

Ich bin nicht zu schnell gestartet. Ich habe keine Schmerzen. Im Prinzip fühle ich mich so, als wäre ich gerade erst losgelaufen. Als hätte ich nie etwas anderes getan, als zu laufen.

KILOMETER 10 BIS 25

Auf den folgenden Kilometern habe ich das erste Mal das Gefühl, dass sich die Strecke etwas zieht.

Asphalt und Waldboden wechseln sich jetzt immer häufiger ab. Es geht meist bergauf und bergab, selten eben geradeaus, aber das war ja vorher klar.

Kurz vor Kilometer 20 kommt das erste richtige Steilstück, es geht vielleicht 50 Meter in Serpentinen den Hang hinauf. Auf diesem Stück läuft niemand, der Kraftaufwand wäre die gewonnene Zeit nicht wert. Also marschiere ich bergauf, überholen kann man auf dem engen Pfad sowieso niemanden. Am Wegrand haben ein paar Leute eine Prosecco-Bar aufgebaut, so heißt es jedenfalls auf dem Schild. Im Prinzip ist da aber einfach ein Bierzelttisch, auf dem einige Pappbecher mit Sekt stehen. Die Leute selbst trinken Bier aus Flaschen, es ist jetzt vielleicht 10 Uhr morgens. Ich habe das Gefühl, dass die Leute sich schon lange auf diesen Tag gefreut haben. Prosecco trinkt trotzdem niemand.

Es geht dann irgendwann noch einmal durch eine Senke, ein Bachtal hinunter. Für die Halbmarathonläufer, an diesem Tag deutlich in der Überzahl, ist hier schon bald Schluss. Das bedeutet: Endspurt. Ich lasse mich aber nicht aus der Ruhe bringen, ich bleibe bei meinem Tempo.

Nach 21,2 Kilometern wird wieder Zeit genommen: Ich bin ziemlich exakt zwei Stunden unterwegs.

Nach einer weiteren bedeutungslosen Kehre stehen da plötzlich meine Eltern am Wegrand. Sie wollten versuchen, irgendwie an die Strecke heranzukommen, um mir ein wenig Energy-Gel zu geben. Das Erste, was mir auffällt, ist die große Erleichterung im Gesicht meiner Mutter. Ich sehe offensichtlich nicht wirklich erschöpft aus.

Die Hälfte ist geschafft, mein Fokus liegt auf der 25-Kilometer-Marke.

Man darf bei einem solchen Lauf nicht den Fehler machen, sich die gesamte Strecke ins Gedächtnis zu rufen. Kopf und Körper müssen sich von einer Etappe zur nächsten bewegen. Ich denke also: Bis zum nächsten Getränkestand, und dann sehen wir weiter.

Der Stand kommt nach weiteren 20 Minuten. Ich löse das Kohlenhydratpulver, das ich dabei habe, in Wasser auf. Es enthält viele Elektrolyte – das ist gut, ich habe viele Mineralstoffe beim Laufen ausgeschwitzt. Dazu gibt es eine Viertelbanane und eine Tube Powergel, das optisch und haptisch handelsüblichem Haargel sehr nahe kommt. Schmecken tut es aber süß, obwohl kein Zucker enthalten ist. Nur Kohlenhydrate, Kalium und Natrium.

Ich will keinen Zucker zu mir nehmen, das treibt den Blutzuckerspiegel nach oben und führt auf Dauer zu körperlicher Ermüdung und einem unangenehmen Erschöpfungshunger.

Ich fühle mich recht fit, eigentlich sogar sehr fit, und verschiebe meinen Gedankenhorizont auf die nächsten fünf Kilometer. Und ich denke an das Gedicht, das über meinem Bett hing, als ich noch klein war: Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte von Antoine de Saint-Exupery.

KILOMETER 25 BIS 34

Die andauernde Energieversorgung zahlt sich aus: Auf den nächsten neun Kilometern ändert sich die Wahrnehmung meiner Schmerzen nicht. Richtige Ernährung ist ein absoluter Schlüssel zum Erfolg, das wird mir jetzt bewusst. Durch eine Tube Gel alle halbe Stunde bleibt das Energielevel weitgehend konstant, nur die Muskeln werden natürlich immer schwerer, sie übersäuern langsam.

Ich bewege mich sehr lange auf gleicher Höhe mit einem älteren Mann, der einen grauen Vollbart trägt. Er läuft bei jeder Steigung gleichbleibendes Tempo. Das finde ich ziemlich beachtlich. Offensichtlich hat sich der Mann in seinen vielen Jahre als Läufer ein unglaubliches Maß an Disziplin und Kondition antrainiert. Er läuft nie zu schnell, fast in stoischer Gleichmäßigkeit.

Eine Sache habe ich dann etwas unterschätzt: Ab einer bestimmten Dauerbelastung ist es einfach nicht mehr angenehm, bergab zu laufen. Um Kilometer 30 herum ist die Strecke zwar nicht ganz so bergig wie bisher, aber jedes Abfedern des Oberschenkels bereitet Schmerzen. Überhaupt, die Beine fangen einfach an, weh zu tun.

Bei den Anstiegen versuche ich, meine Arme nicht über das Maß der minimalen natürlichen Bewegungsdynamik hinaus zu bewegen, die Beine eng beieinander zu halten und sehr viele kleine Schritte zu machen. Damit nehme ich einen zähen, besonders langen Hügel, ohne mich vollkommen zu verausgaben.

Zum Glück höre ich mich selbst nicht atmen, weil ich die ganze Zeit Musik höre.

Mit den Liedern ist es wie mit den Kilometerschildern, ich gehe von einem zum nächsten. Ich konzentriere mich auf den Moment, auf den nächsten Berg, manchmal nur auf die drei Meter, die sich immer wieder vor meinen Füßen auftun. »Baby steps«, nennt das der Ultraläufer Dean Karnazes.

Ich trinke jetzt mehr an den Getränkeständen, Gatorade und Wasser im Wechsel. Ich bin schon weiter, als ich denke, der nächste Getränkestand kommt bei Kilometer 34.

Über diesen Punkt hinaus bin ich noch nie in meinem ganzen Leben gelaufen.

KILOMETER 34 BIS 42

Die letzten sechs Kilometer sind die schlimmsten des gesamten Laufs. Ich bin jetzt weit über drei Stunden auf den Beinen. Bergablaufen tut fast noch mehr weh als bergauf. Ich versuche nur noch, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Manchmal grinse ich vor Schmerz.

Es ist die große Dialektik des Laufens, dass gleichzeitig das Allereinfachste und das Allerschwerste in einem Moment zusammenfallen. Einen Schritt vor den anderen setzen, das kann sogar ein Kleinkind, es ist eine der trivialsten menschlichen Bewegungen überhaupt. Und hier kostet jeder Schritt auf einmal so wahnsinnig viel Überwindung. Jeder einzelne Schritt. Du machst einen, du machst noch einen, und plötzlich hast du wieder einen Kilometer mehr geschafft – der Körper schafft das.

Ich denke, dass auch das ärgste Hindernis im Leben, das größte Problem, schon die einfachste Lösung in sich trägt.

Ein Marathon war für mich lange Zeit ein nahezu unüberwindbares Hindernis, eine beinahe mystische Distanz, aber er ist nur das Produkt aus vielen tausend Schritten, der einfachsten Sache überhaupt.

Wie weit kann man also gehen?

All diese Gedanken surren höchst unscharf durch meinen Kopf, als ich erschöpft auf Kilometer 40 zusteuere. Ich lasse die Möglichkeit, einfach stehen zu bleiben und damit den Schmerz abzustellen, einfach nicht in mein Bewusstsein.

Plötzlich ist der Waldboden wieder komplett matschig, das Auftreten und Abstoßen kostet doppelt Kraft. Ich merke selbst, wie sich mein Gesicht verzogen hat. Ich atme auch nicht mehr so gleichmäßig wie am Anfang.

Dann kommt die 40-Kilometer-Marke, ich habe zu diesem Zeitpunkt schon komplett abgeschaltet, treibende Lieder rauschen durch mein Ohr. Ich könnte jederzeit stehen bleiben, es erscheint als das Reizvollste auf der ganzen Welt.

Aber ich tue es nicht. Ich laufe eben doch weiter.

Auf den letzten zwei Kilometern lege ich deutlich an Tempo zu. Ich spüre ein Kribbeln, fast schon eine Gänsehaut in mir aufsteigen, ein Gefühl absoluter Energie, das sich auf meinen gesamten Körper überträgt, und ich überhole alle anderen Läufer, die mir auf den letzten Anstiegen begegnen. Ich balle die Fäuste, mein Gesicht sieht düster aus wie das eines Kriegers.

Ich sehe bestimmt sehr lächerlich aus. Aber ich fühle mich wie Held.

Ich schaue in die Augen der Zuschauer, die an der letzten Kehre stehen und alle Läufer anfeuern, ein belebender Augenblick.

Dann kommt das Ziel.

Der Kommentator ruft meinen Namen auf und gibt die Endzeit durch: Ich bin 4 Stunden und 22 Minuten durchgelaufen. Das Adrenalin legt sich.

Was gerade eben passiert ist, kommt mir mit einem Mal schon wieder vollkommen irreal vor. Die Distanz, die Zeit, alles. Das Einzige, was für einen kleinen Moment greifbar wird, ist das Gefühl von tiefer Zufriedenheit. Es ist geschafft, und ich wusste, dass es so kommen würde.

Die krasseste Sache an dieser ganzen Geschichte: Vor dem Marathon bin ich das letzte Mal am 23. September gelaufen, also vor über einem Monat.



Röntgenlauf-Marathon auf einer größeren Karte anzeigen

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Es sei der wundervollste Anblick gewesen, der sich ihm je in Afrika geboten habe, hat David Livingstone einst über die Victoriafälle geschrieben. Da wir nicht wissen, ob er jemals hoch oben von den Ruinen von Great Zimbabwe die Sonne über dem weiten Land des späteren Süd-Rhodesiens untergehen sah, muss diese Aussage erst einmal für sich stehen. In jedem Fall erwartet den Reisenden am Cataract Point im Victora Falls National Park in etwa folgende Szenerie: Von links und quasi direkt hinter der hölzernen Absperrung stürzt der gewaltige Sambesi hinein in eine 108 Meter tiefe Schlucht, und zwar über eine Bruchkante von 1700 Metern, deren Ende man von Westen schauend durch die bis zum Himmel aufsteigenden Gischt nur erahnen kann. Die Hänge der Kluft sind mit sattgrünen Pflanzen bewachsen, und wenn man Glück hat, wird das eintönige Blau des Himmels obendrein durch weiße Wolkenkissen zerstreut. Als ob das noch nicht genug Eindrücke für die Augen wären, ziehen sich durch das viele Wasser in der Luft eigentlich zu jeder Zeit die Spektralfarben eines oder gleich mehrerer Regenbögen über die Fälle. Man möchte Livingstone nun doch irgendwo zustimmen.

Aufgebrochen zu diesem Spektakel waren wir am Morgen in eben jener Stadt, die nach dem Entdecker benannt ist, und zwar in Livingstone in Sambia. An der Grenze zu Simbabwe zog jemand ein dickes Bündel Simbabwe-Dollar aus der Tasche. Durch eine höchst unglückliche Fiskalpolitik der Regierung unter Diktator Robert Mugabe hatte die Inflationsrate in Simbabwe im Juli 2008 nämlich einen Wert von 231 Millionen Prozent erreicht. Sie wuchs danach weiter, auch wenn keine offiziellen Zahlen mehr veröffentlicht wurden. Im November des gleichen Jahres verdoppelten sich die Preise mit jedem Tag. Die Wirtschaft kollabierte endgültig, und obendrein breitete sich die Cholera zu einer nationalen Epidemie aus. Nur drei Monate später, im Januar 2009, wurden ausländische Währungen endlich offiziell zugelassen, der ohnehin wertlos gewordene Simbabwe-Dollar schied aus, und seitdem wird der Zahlungsverkehr in Devisen abgewickelt. Die Farce hatte ein Ende. Nur an den Fällen stehen sie immer noch, die Händler und verkaufen lustige Scheine mit neun Nullen – als Souvenirs.


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Livingstone Bridge.


Von der stählernen Livingstone Bridge, die von »Zam« nach »Zim« führt, kann man mit einem Bungee-Seil an den Füßen in den Regenbogen hineinspringen, der sich unter der Brücke über dem Strom aufspannt. Der Sambesi fließt an dieser Stelle, nachdem er die Fälle hinter sich gelassen hat und nun in eine enge Schlucht gezwängt ist, mit ansehnlicher Geschwindigkeit. »You are now entering Zimbabwe«, steht auf einem Schild, und man legt 30 Dollar für ein Visum auf den Tisch, um dieses in den westlichen Nachrichten so verrufene, autokratische Land zu betreten, das unter den Staaten, deren Entwicklungsniveau im Human Development Index der Vereinten Nationen gemessen wird, in 2010 mit Rang 169 noch den letzten Platz belegt hatte. Nach Hyperinflation und Staatskrise ging es nun, so war auf der Webseite des Auswärtigen Amtes zu lesen gewesen, wieder etwas aufwärts. Das Warenangebot habe sich verbessert, auch wenn Treibstoff noch knapp werden könne und beim Reisen gelegentlich mit Einschränkungen zu rechnen sei. Die Versorgung mit elektrischem Strom und Trinkwasser sei beispielsweise nicht flächendeckend gesichert. Alles ganz normal also.

Victoria Falls Town, Simbabwe. Im Gegensatz zu Livingstone, drüben in Sambia, wirkt die Touristenstadt unweit der Fälle wie ein heruntergekommenes Nest. Zwar haben sich einige Luxusresorts am Stadtrand angesiedelt, innerhalb des Ortes passiert in der Regel aber wenig bis überhaupt nichts. Es sind generell nur wenige Menschen auf den Straßen zu sehen, dafür gibt es mehrere Banken und ein internationales Krankenhaus, was aber, wie gesagt, einzig dem Umstand Rechnung trägt, dass die meisten Touristen, sofern sie denn überhaupt einen Fuß auf simbabwisches Staatsgebiet setzten, nach Victoria Falls kommen, um sich mit einem klimatisierten Reisebus bis vor die Tore des Nationalparks fahren zu lassen. Kostengünstige Logis bietet das Victoria Falls Backpackers, in dem bei unserem Besuch keine anderen Reisenden anzutreffen waren.

Es sei Nebensaison, erklärte Roger, ein junger Angestellter, während auf dem kleinen Herd im Freien eine scharf gewürzte Tütennudelsuppe vor sich hin kochte. Entgegen meiner Mutmaßungen äußerte Roger unverblümt seine Abneigung gegenüber Robert Mugabe, der zwar seit 2008 gezwungen war, in einer Koalition mit der verfeindeten MDC zu regieren, jedoch in beständiger Regelmäßigkeit Mitglieder dieser Oppositionspartei ins Gefängnis werfen ließ. »You cannot keep all the power for yourself.« Damit ließ sich das ganze Dilemma, welches die Geschichte Simbabwes seit der erfolgreichen Unabhängigkeit 1980 umtreibt, eigentlich ziemlich genau auf den Punkt bringen. Noch in diesem Jahr, in 2011, sollte es Wahlen geben, aber ob und wann, das war bis dato nicht ausgemacht. »It will be violent«, soviel jedenfalls könnte man schon definitiv sagen.

Dann zückte Roger sein Handy, wählte im Menü den Unterpunkt »date and time« und bekam eine Auswahl an Weltzeiten aufgelistet. Das hatte ihn lange Zeit ungemein verwirrt. Er habe sich nie vorstellen können, so erzählte er, dass es an mehreren Orten der Welt im gleichen Moment unterschiedlich spät ist. Jedwede Versuche, mit beschränktem astrologischen Schulwissen etwas Licht ins Dunkel zu bringen, scheiterten. Den endgültigen Beweis hatte Roger aber ohnehin ein Video-Chat geliefert. »I saw the sun going down behind my friend, and I was like wowowo…«

Unser erster Tag in Simbabwe war noch zu jung, um ihn mit endlosem Herumhängen in einem ausgestorbenen Backpacker-Resort zu verbringen, und so hatten wir uns eben noch auf den Weg in den Nationalpark gemacht, um die Victoriafälle zu sehen. Auf dem Weg dorthin machte der Taxifahrer einen kurzen Zwischenhalt am Baobab Tree, einem mächtigen, knorrigen Baumgewächs von gewaltigen Ausmaßen. Vor dem Parkeingang verkauften Händler Wasserflaschen für lächerliche drei Dollar das Stück. Der Park sieht erst einmal sehr unspektakulär aus, allerdings nur, bis man Ausblick auf die Fälle bekommt. Am Danger Point empfiehlt es sich, bei aller Begeisterung ob der schier nicht real erscheinenden Szenerie, auf die regelmäßig über dem steinernen Weg niedergehende Gischt zu achten. Zuletzt ist man sonst gezwungen, sich vollkommen durchnässt nach vorne zu beugen, um die in einer Plastiktüte befindliche Fotokamera mit der Masse des eigenen Oberkörpers gegen den monsunartigen Niederschlag zu schützen. Das sieht ohne Zweifel ziemlich dümmlich aus.


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Victoria Falls National Park.


Langsam wurde es Abend im Park, Affen hüpften von Ast zu Ast, wir trockneten im orangegelben Sonnenlicht. Zurück in Victoria Falls Town kreuzten mitten in der Stadt wilde Warzenschweine die Straße. Der Seven Eleven hatte nur wenig Auswahl an Lebensmitteln. Wir bekamen südafrikanische Rand herausgegeben, in Simbabwe gibt es keine Dollarmünzen, so behelfen sich die Menschen einfach mit zwei Währungen. Es war allerdings nie ersichtlich, wie viele Rand nun genau einem Dollar entsprachen, und allem Anschein nach wurde das von Landesteil zu Landesteil unterschiedlich gehandhabt. Ein schmackhaftes Abendessen ließ sich in dem Supermarkt jedenfalls nicht finden. Zum Glück existiert in Simbabwe ein zuverlässiges Netz an Filialen eines Dreigespanns aus Pizza Inn, Chicken Inn und Creamy Inn, so auch in Victoria Falls. Die Versorgung war für das Erste sichergestellt, am Morgen würde es weitergehen, weg von dem Touristenort, weg von den rauschenden Wasserfällen und den Regenbögen darüber, hinein in das Land, auf dem dieser düstere Schatten lag. Nach dem Essen gab es Kaffee im Pappbecher, ein Taxi brachte uns zurück in die Lodge.


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Europa versucht seit drei Jahren, den Euro zu retten, die Banken zu regulieren, die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Aber wer ist in der Krise? Staaten, Banken, die Währung? Die Geschichte eines Systemfehlers.

Wer in Brüssel das erste Mal die Rue de la Loi in Richtung Place de Schuman hinauffährt, könnte das Berlaymont-Gebäude für einen unbedeutenden Büroturm halten, dabei sitzt hier die Kommission der Europäischen Union. Auf dem Vorplatz wehen 27 Fahnen im Wind, eine für jedes Mitgliedsland der EU.

In diesem Sommer ist es besonders laut auf dem Platz, Autos stauen sich, aufgerissene Straßen, Baustelle. Frauen und Männer tragen Aktenkoffer durch den Verkehr. Politiker, Diplomaten, Lobbyisten. Sie betreten das Hochhaus eilig und verlassen es wieder, es ist ein fortwährendes Kommen und Gehen wie in einem Bienenstock.

In Kitty O’Shea’s Irish Pub gleich gegenüber treffen sich die jungdynamischen Karrieristen zum Feierabendbier, auf der Rue de Franklin stellen die Restaurantbesitzer am Nachmittag die Tische raus, man kann hier gut sitzen, die Pizza kostet ungefähr zehn Euro. Die Menschen sprechen Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch. Es herrscht lockere Straßencafé-Atmosphäre.

Hier trifft sich das kosmopolite Europa, die Bildungselite, die selbstverständlich im Ausland studiert hat, für die der Schlagbaum an der Grenze nur noch das Symbol einer antiquierten Vergangenheit ist. Vielleicht kommen diese Menschen dem Ideal des europäischen Staatsbürgers am nächsten. Freies Europa, grenzenloses Europa. Es ist das gleiche Europa, das sich seit mehr als zwei Jahren in der Krise befindet.

Die Krise ist zum allgemeinen Zustand geworden, die Zeitungen berichten von ihr, die Fernsehnachrichten, das Radio, fast jeden Tag. Irgendwo wird immer eine Bank gerettet, ein Rating herabgestuft, ein Gipfel einberufen. Müsste diese Krise nicht sichtbar sein, hier im Europaviertel in Brüssel, im Machtzentrum der EU, wo Beobachter gleichsam den Ursprung und die Lösung aller Probleme der Euro-Währungszone verorten?

Wer am frühen Abend in der Rue Franklin die ersten zwei blanches getrunken hat, während die Sonne warm durch die Bäume fällt, der wird sich umschauen und zu dem Schluss kommen: Hier ist die Krise nicht.

Die Nachrichten erzählen von der verlorenen Generation in Spanien, die keine Arbeit findet, obwohl sie bestens ausgebildet ist, sie erzählen von den Menschen in Griechenland, die sich erschießen, weil sie kein Geld mehr zum Leben haben, nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll und deshalb lieber sterben. Ein Land im freien Fall.

In den Straßen um die EU-Kommission in Brüssel herrscht trotz allem ein Zustand von Alltäglichkeit. Als sei das bloß eine griechische, eine spanische Krise, ein Problem Südeuropas.

Amadeu Altafaj Tardio schaut in die Runde der versammelten Journalisten. Er trägt einen tadellosen Anzug, sein Gesicht sieht müde und angespannt aus. Es ist ein Freitagmittag im Juni, midday briefing in der Kommission, draußen ist der Himmel grau. Tardio ist der Sprecher von Währungskommissar Olli Rehn. Das ist der Mann, der in der EU für die Wirtschaft zuständig ist. Die Korrespondenten aus Rom und Madrid, aus Berlin und Washington nehmen Platz im Pressesaal, die Sitze sehen aus wie im Kino. Hinter den Scheiben machen sich die Übersetzer bereit, an jedem Platz liegt ein Kopfhörer.

Eine Journalistin fragt, ob es stimmt, dass Spanien einen Antrag auf Finanzhilfen aus dem Hilfsfonds EFSF stellen wird. Es gibt Gerüchte, dass Spanien viele Milliarden Euro für Löcher in den Bilanzen seiner Großbanken braucht und deshalb schon am morgigen Samstag »unter den Euro-Rettungsschirm schlüpft«. Zwei Sekunden ist es still, dann sagt Tardio schleppend langsam, man könne dies nicht bestätigen. Er sieht dabei ziemlich unglücklich aus.

Am nächsten Tag läuft über die Nachrichtenticker, dass Spanien 100 Milliarden Euro an Krediten für seine maroden Geldhäuser bekommen soll. Das Land kämpfe gegen eine massive Bankenkrise, heißt es.

Bankenkrise, Schuldenkrise, Eurokrise. Es scheint nicht ganz klar zu sein, wer nun genau in der Krise ist: die Bankbilanzen, die Staatshaushalte, die Gemeinschaftswährung? Oder hängt vielleicht alles zusammen?


EU-Kommission
Brüssel
EU-Kommission


Das große Narrativ der Krise, das die Debatte bis heute dominiert, geht immer ähnlich: Die Euro-Staaten haben nicht »solide gewirtschaftet« und »zu viele Schulden« gemacht, auch weil sie in der Finanzkrise 2008 »die Banken retten« mussten. Deshalb stehen nun mehrere Länder »unter dem Druck der Finanzmärkte«, ihnen »droht die Pleite«. Es kommt nun in erster Linie darauf an, dass die Staaten sich zu »mehr Haushaltsdisziplin« verpflichten – das ist deutsche Lesart – oder »das Wachstum ankurbeln«, das fordern vor allem Frankreich, Spanien und Italien. Die südeuropäischen Staaten, heißt es, müssten wieder »wettbewerbsfähig« werden.

Es klingt so, als gebe es da eine Fehlentwicklung, die sich mit bekannten Werkzeugen wieder korrigieren lasse. Als gehe es bloß um die Frage der richtigen Stellschraube.

Die Krise ist keine europäische Krise.

Ein zentrales Instrument der »Euro-Rettung« klingt irgendwie technokratisch-effizient, funktioniert aber nach einem banalen Prinzip: Die Länder, deren Zahlungsfähigkeit noch als grundsolide eingestuft wird, leihen den Ländern, deren Verschuldung als gefährlich hoch eingeschätzt wird, neues Geld, das sie selbst nicht haben. ESM heißt das, European Stability Mechanism. Journalisten benutzen für diese supranationale Finanzinstitution oft das falsche Bild des »Euro-Rettungsschirms«. Die formulierte Absicht hat wenig mit der Realität zu tun.

Der Rettungsschirm – ein Fallschirm, der zum Regenschirm wurde – ist nur eine von vielen sprachlichen Nebelkerzen, die allenfalls die Oberfläche des Krisengeschehens beschreiben. Es ist eine Krise, die Menschen bedroht, unmittelbar und existenziell, aber über deren eigentliche Ursache und langfristige Auswirkungen kaum etwas zu lesen ist. Es ist eine Krise, die wahrscheinlich mehr umstürzen wird als das derzeitige Finanz- und Wirtschaftssystem. Sie könnte das unterbewusste Verständnis vom »Lauf der Dinge« verändern, grundlegende Annahmen in Frage stellen, die die Gesellschaft von der Welt prozessiert, das Bild zerstören, das wir uns vom Leben gemacht haben. Es spricht vieles dafür, dass es sich um die größte Systemkrise der modernen Geschichte handelt.

Es ist das Wesen einer Systemkrise, dass die Fehlsteuerung nicht in einem einzelnen, isolierbaren Teilbereich zu finden ist, sondern aus dem innersten Funktionsprinzip des Systems selbst erwächst. Das heißt auch, dass eine Lösung der Krise nicht durch die Korrektur einer Fehlsteuerung gelingt, sondern nur durch eine Neuordnung des Systems selbst.

Um zu verstehen, warum die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise nicht mehr aufhören wird, muss man das innerste Funktionsprinzip des weltweit dominierenden Wirtschaftssystems analysieren, sozusagen die Regel erster Ordnung, aus der sich alle Folgeentwicklungen ableiten. Wann dieses Grundprinzip funktioniert und wann nicht mehr, erklärt den Aufstieg und den anzunehmenden Niedergang des Systems.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem basiert auf einem Widerspruch.

Die kapitalistische Wirtschaft basiert auf dem Ökonomischen Prinzip der Gewinnmaximierung. Gewinn als Differenz aus Ertrag und Aufwand: Ich investiere etwas, und ich kriege am Ende mehr heraus, als ich hineingesteckt habe. Es geht darum, die eingesetzten Produktionsfaktoren – Kapital, Arbeitskraft, Maschinen, Fachwissen, Zeit, Energie – möglichst profitabel zu verwerten. Das war vor 100 Jahren so, das ist heute so. Der Verkäufer auf dem Wochenmarkt arbeitet nach diesem Prinzip, der mittelständische Autozulieferer, der Hedgefonds in der Londoner City. Kein Händler, Unternehmer oder Investor sagt: Wenn ich alle Erträge und Aufwendungen gegeneinander aufrechne, dann steht am Ende eine schwarze Null. Man würde diesen Menschen auslachen – und seine Firma bald durch einen Konkurrenten vom Markt verdrängt.

Das ist die Logik des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs: Es geht darum, in kürzerer Zeit bessere Waren und Dienstleistungen für geringere Kosten herzustellen.

Jedes Unternehmen in einem Land will Gewinne machen. Dadurch steigt der Wert aller produzierten Waren und Dienstleistungen: das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Eine Zunahme des BIP bedeutet Wirtschaftswachstum. Jedes Unternehmen strebt einen möglichst hohen Gewinn an, die Volkswirtschaft als Ganzes strebt nach Wachstum. Das ist die Analogie.

Wie sieht dieses Wachstum aus?

Der Physiker Albert Barlett hat einmal gesagt: »Die größte Beschränktheit der menschlichen Spezies ist ihre Unfähigkeit, die Exponentialfunktion zu verstehen.« Unternehmen und Volkswirtschaften rechnen mit prozentualem Wachstum im Vergleich zum Vorjahr. 2 Prozent Wachstum von 100 Euro, das ist jedes Jahr ein größerer absoluter Zuwachs: Nach einem Jahr sind es 102 Euro, nach 10 Jahren 121, nach 100 Jahren 724. Die Kurve steigt immer steiler an. Das ist exponentielles Wachstum. Es ist die Form von Wachstum, die seit dem Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft vom 8. Juni 1967 eines der obersten Ziel der deutschen Politik darstellt. Das Gesetz sieht »stetiges und angemessenes« Wachstum vor. Es meint exponentielles Wachstum.

Wachstum, das klingt immer noch vor allem nach Wohlstand. Es klingt nach der Entfaltung einer Gesellschaft, letztlich nach dem Siegeszug des Lebens selbst. Bäume wachsen, Kinder wachsen auf. Warum sollen nicht auch Unternehmen und Volkswirtschaften wachsen?

Die Antwort hat mit der Frage zu tun, wie Gewinn entsteht, auf der Mikroebene des Wachstums. Angenommen ein Unternehmer stellt am Tag mit 100 Mitarbeitern 100 Tablet-Computer her. Dieser Unternehmer kauft irgendwann eine Maschine, die seine Tablets automatisch zusammensetzen kann, die selbst elektronische Feinarbeit präzise und fehlerfrei ausführt. Der Unternehmer wird alle Mitarbeiter, die er für die Produktion seiner Computer nicht mehr braucht, entlassen. Er zahlt die Löhne nicht aus Menschenfreundlichkeit, er steht im Wettbewerb mit anderen Anbietern, er muss Kosten sparen. Er handelt strikt nach dem Ökonomischen Prinzip. Was passiert aber, wenn sich die entlassenen Mitarbeiter keine Tablets mehr leisten können, weil sie kein Einkommen mehr haben? Sie fallen als Nachfrager und Konsumenten aus. Der Unternehmer muss sich fragen: Wer kauft meine Tablets, wenn ich am Ende nur noch zehn Entwickler und zwei Designer brauche, um 1000 Geräte am Tag herzustellen?

Wenn menschliche Arbeit durch Maschinen und Computer ersetzbar ist, werden die überflüssigen Mitarbeiter entlassen – jedes Unternehmen handelt nach diesem Prinzip. Das ist der Landwirtschaft so ergangen, gerade passiert das in der Industrieproduktion, und der Dienstleistungssektor steuert auf die gleiche Entwicklung zu.

Ohne menschliche Arbeit gibt es aber keinen Lohn, keine Kaufkraft, keinen Konsum, keine Steuereinnahmen. Je mehr Branchen auf menschliche Arbeit verzichten können, umso mehr nimmt die Wirtschaft Schaden.

Es ist der große kapitalistische Widerspruch zwischen der betriebswirtschaftlichen und der volkswirtschaftlichen Logik: Je näher jede Einheit des Systems seinem inhärenten Ziel kommt, umso mehr zerstört sich das System als Ganzes selbst.

Dieser Widerspruch ist wie ein Samenkorn, in dem alle fehlerhaften Auswüchse des heutigen Wirtschaftssystems angelegt sind. Dieser Widerspruch erklärt die Teilung der Welt in so viele Arme und so wenige Reiche, den Überfluss im Mangel. Die Geschichte dieses Widerspruchs ist spannender als jede Verschwörungstheorie, es ist die Geschichte von Frieden und Wohlstand, von Ausbeutung und Elend, es ist letztlich die Geschichte des Menschen in der Moderne bis zur Überdehnung der Moderne, an der Grenze der Gegenwart, an der wir heute stehen.

Das System funktioniert, solange genug neue Arbeit entsteht.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem hätte natürlich niemals einen so durchschlagenden Erfolg gehabt, wenn es noch vor der weltweiten Expansion an seinem ureigenen Widerspruch gescheitert wäre. Das Versprechen des Kapitalismus lautet: Durch technischen Fortschritt entstehen immer mindestens genauso viele Arbeitsplätze, wie durch Rationalisierungen in der Produktion vernichtet werden. Die Mitarbeiter, die zur Herstellung der Tablets nicht mehr gebraucht werden, finden in einer anderen Branche neue Arbeit. Sie können sich wieder Tablets kaufen, der produzierende Unternehmer ist glücklich.

Der russische Ökonom Nikolai Kondratjew hat dazu eine Theorie der langen Konjunkturwellen aufgestellt. Seine These: Es gibt Erfindungen – sogenannte Basisinnovationen – die so durchschlagend sind, dass sie die Produktionsprozesse der Wirtschaft grundlegend umwälzen und massenhaft neue Investitionen anstoßen.

Der Siegeszug der Dampfmaschine im 19. Jahrhundert; die günstige Massenproduktion von Stahl, der Bergbau und die Ausbreitung von Eisenbahn und Dampfschiff am Ende des 19. Jahrhunderts; Elektrotechnik, Chemieindustrie und Verbrennungsmotor am Anfang des 20. Jahrhunderts – das waren die ersten drei Zyklen. Nach dem Ersten Weltkrieg beginnt der »vierte Kondratjew«: die Automatisierung der Produktion durch Einzweck-Werkzeugmaschinen. Fließbandfertigung, Arbeitsteilung, Spezialisierung: das Prinzip des Fordismus. Neue Technologie schafft neue Wirtschaftszweige, diese schaffen neue Arbeitsplätze, das schafft neues Wachstum. Ein fortlaufender Zyklus, das kapitalistische Selbsterhaltungsmuster.

Der Aufstieg des Westens ist die letzte Phase natürlichen Wachstums.

Die Blütezeit des Westens war so gesehen die Hochphase des »vierten Kondratjew«. Der englische Wirtschaftshistoriker Eric Hobsbawm nennt die 50er- und 60er-Jahre das »goldene Zeitalter des Kapitalismus«. Neue Industriezweige entstehen, die viele Güter für den Verbraucher erschwinglich machen: Haushaltselektronik, Lebensmittel, Autos, der Einzelhandel wächst. Die Entwicklung der zivilen Luftfahrt macht das Reisen für die Massen möglich. Alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens werden durch die Marktwirtschaft erschlossen: Es ist die »innere Expansion des Kapitalismus«. In Deutschland herrscht Vollbeschäftigung, das Wirtschaftswachstum ist konstant hoch, wie in allen OECD-Ländern. Der Aufschwung ist auch dadurch bedingt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg riesige Infrastruktursysteme wiederaufgebaut werden müssen: Flughäfen, Straßen, Brücken, ganze Städte waren verwüstet.

Die passende Wirtschaftspolitik in den westlichen Industrienationen liefert der Keynesianismus, ein nachfrageorientierter Ansatz, benannt nach dem Überökonomen des 20. Jahrhunderts, John Maynard Keynes. Keynes ist der Ansicht, dass der Staat in die Privatwirtschaft eingreifen muss, um Arbeitslosigkeit zu verhindern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat dieses Konzept großen Erfolg: Der Staat sorgt dafür, dass die massenhaft produzierten Güter massenhaft Käufer finden. Wenn die Nachfrage einbricht, stützt der Staat durch Verschuldung die Konjunktur, das nennt sich deficit spending. Die Gewinne der Unternehmen werden in höhere Löhne gesteckt, die Arbeiter sind zahlungskräftige Konsumenten. Das Hauptgeschäft der Banken ist es, der Industrie und dem Staat Kredite für weitere Investitionen zur Verfügung zu stellen, die aufgrund der insgesamt hervorragenden Wirtschaftslage problemlos bedient werden können.

Das »Wirtschaftswunder« in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, die große Erzählung der jungen Bundesrepublik, ermöglicht den Aufbau der sozialen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb, stabilen Preisen durch eine unabhängige Bundesbank und eine Verbesserung der allgemeinen Lebensverhältnisse. Arbeitgeber und Gewerkschaften verhandeln die Tarife im Rahmen von Sozialpartnerschaften unabhängig vom Staat. Der Aufbau der Sozialsysteme sichert die Menschen für Notzeiten ab.

Das innere Funktionsprinzip des Kapitalismus funktioniert, weil in neuen Branchen mindestens genau so viele Jobs entstehen, wie in sterbenden Branchen und durch Rationalisierungen in der Produktion vernichtet werden. Die Armut und der Mangel verschwinden, die Reichen werden reicher, der Mittelstand lernt den Konsum zu schätzen. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard verspricht: »Wohlstand für alle.«

Die meisten Menschen damals glauben, dass es nun immer so weitergehen müsse mit dem Wohlstand und dem Wachstum. Da ist zwar der Kalte Krieg, aber der Westen steht auf der richtigen Seite der Geschichte. Dahinter steckt der glühende Fortschrittsglaube, der dem Kapitalismus schon immer innewohnte und der das Bewusstsein der Moderne bis heute prägt. Die Schriftsteller Eckhart Nickel und Christian Kracht bemerkten einmal, es habe sich um eine Zeit gehandelt, »in der Luftkissenboote, enge Badehosen aus Frottee und die corporate identity der Fluglinie PanAm den Weg in eine optimistisch erwartete und euphorisch moderne Zukunft deuteten.« In den 70er-Jahren ist diese Zeit zu Ende.

Die Krise ist eine Wachstumskrise.

Schon in den 60er-Jahren sinkt die Kapitalrentabilität der Unternehmen in den westlichen Marktwirtschaften, das Verhältnis aus Gewinn und investiertem Kapital, die Rendite. Ich investiere genauso viel Geld wie früher, aber der Gewinn ist nicht mehr so hoch. Durch sinkende Grenzrenditen gehen die Anreize für Investitionen zurück. Das hat negative Folgen für die Wirtschaft als Ganzes.

Die erste Hälfte der 70er-Jahre ist gekennzeichnet durch Stagflation, einer Kombination aus Stagnation und Inflation. Das Wachstum der Volkswirtschaften verlangsamt sich, zum anderen verteuern sich die Preise durch einen externen Schock: die erste Ölkrise.

Am 6. Oktober 1973 beginnen Ägypten und Syrien mit dem Angriff auf den Sinai und die Golanhöhen den vierten israelisch-arabischen Krieg, den Jom-Kippur-Krieg. Die Organisation der erdölexportierenden Staaten (OPEC) drosselt im Verlauf des Kriegs die Ölfördermenge um 5 Prozent, um die westliche Unterstützung Israels in dem Konflikt zu brechen.

Am 17. Oktober 1973 liegt der Ölpreis bei rund 3 US-Dollar pro Barrel, im Verlauf des Jahres 1974 steigt er auf 11,16 Dollar. In den USA verdoppelt sich die Inflationsrate bis Ende 1974 auf 11 Prozent, 1975 verdoppelt sich die Arbeitslosigkeit auf 8,4 Prozent gegenüber 1973. Die Massenarbeitslosigkeit in den westlichen Industrienationen kehrt zurück, 1973 ist das letzte Jahr mit Vollbeschäftigung in den OECD-Staaten.

Der Ölpreisschock von 1973 legt die Schwäche des Westens offen, seine Abhängigkeit von fossilen Energieträgern als Brennstoffen des Wachstums. Es zeigt sich zum ersten Mal, dass es sich bei dem, was wir heute Krise nennen, eigentlich um eine Wachstumskrise des Kapitalismus handelt, auf die der Club of Rome bereits 1972 in seiner Studie Die Grenzen des Wachstums hingewiesen hat.

Im Lauf der 70er-Jahre stößt die innere Expansion des Kapitalismus an seine Grenzen: Das Wachstum bricht ein, die Konsumgütermärkte sättigen sich langsam. Es ist ein Wohlstandsniveau erreicht, das sich immer mühsamer genauso schnell wie bisher steigern lässt. Die Menschen mit Haus, Garten und Auto, mit ihrer schönen, kleinen Familie könnten natürlich noch viel mehr arbeiten und sich dann eine Finka in Spanien, eine Luxuslimousine und schicke Designerkleidung kaufen, aber der Aufwand wäre das zusätzlich gewonnene Glück nicht wert, das ist eine Frage des Grenznutzens von Konsum, der Befriedigung von Bedürfnissen. Seit den 70er-Jahren werden die Menschen trotz scheinbar unbegrenzter neuer Konsumangebote subjektiv nicht glücklicher.

Die Stagflation der 70er-Jahre zeigt zum ersten Mal: Auf lange Sicht ist da keine neue Technologie, keine neue Branche, die so revolutionär ist, dass sie den Menschen in Zukunft wieder massenhaft Arbeit geben kann. Das Selbsterhaltungsprinzip des Wirtschaftssystems – technischer Fortschritt erschließt neue Industriezweige, die den Überschuss an überflüssig gewordenen Arbeitskräften auffangen – zeigt erste Störanfälligkeiten. In den USA beginnt die große Deindustrialisierung.

Es sind im Prinzip zwei fundamentale Fragen, die sich Mitte der 70er-Jahre stellen. Wie lassen sich die Renditen der Unternehmen wieder steigern? Und wo lässt sich das investitionsfreudige Kapital weiter möglichst gewinnbringend anlegen, wo doch die Kapitalerträge auf den gesättigten Gütermärkten des Westens sinken?

Die Deregulierung der Märkte ist eine Antwort auf die Wachstumskrise.

Auf die erste Frage reagiert der Staat mit einer neuen Wirtschaftspolitik. Eine Gruppe junger chilenischer Ökonomen, die an der Chicago University vom Ökonomen Milton Friedman ausgebildet wurden, prüfen nach dem Staatsstreich vom 11. September 1973 und der Machtergreifung Augusto Pinochets in Chile zum ersten Mal ein Maßnahmenpaket, das heute oft als Neoliberalismus bezeichnet wird, aber eher als marktradikal bezeichnet werden kann: Privatisierung von Staatsbetrieben, Abbau von Handelsbeschränkungen, Steuersenkungen für Unternehmen und Vermögende, Ausgabenkürzungen im Sozialbereich und ein Ausbau des Niedriglohnsektors. Die Chicagoer Schule drängt den Einfluss des Staats weitgehend zurück, die Wirtschaft wird den freien Kräften des Markts unterworfen.

In den USA markieren die Reagonomics unter Ronald Reagan zu Beginn der 80er-Jahre den Schwenk zu einer neoliberalen Wirtschaftsordnung. In England ist es der Thatcherismus unter Marget Thatcher, der den Arbeitsmarkt dereguliert, die Gewerkschaften entmachtet und dem Marktmechanismus die Steuerung der Wirtschaft überlässt. In Deutschland sorgt Kanzler Helmut Schmidt zusammen mit seinem Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff mit dem Lambsdorff-Papier für eine Aufweichung der sozialen Sicherungssysteme und den Schwenk zu einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik. Für Unternehmen und Wirtschaft hat die neue Politik positive Effekte, die Firmen machen wieder mehr Gewinne, das Wachstum stabilisiert sich.

Wo aber gibt es nun einen Markt, auf dem weiter hohe Kapitalerträge möglich sind, profitable Investments?

Die Antwort ist ebenso simpel wie folgenschwer: Weil es diesen Markt in der realen Wirtschaft nicht gibt, entsteht ein zunehmend fiktiver Markt: der Finanzmarkt, wie wir ihn heute kennen.

Bereits am 17. August 1971 wurde die Goldbindung des US-Dollar aufgehoben. Bis dato konnten die Zentralbanken ihre Dollarreserven gegen einen festen Wechselkurs in Gold eintauschen. Diese Verpflichtung existierte aber seit Ende der 50er-Jahre ohnehin nur noch auf dem Papier. Die weltweiten Dollarreserven überstiegen durch die wachsende Verschuldung der USA im Ausland bereits den Wert des Goldes, das Vertrauen in die Stabilität der US-Währung sank. Durch die hohen Kosten des Vietnamkriegs stieg in den USA außerdem die Inflationsrate. Weil alle anderen Währungen an den Dollar gekoppelt waren, stieg die Inflation gleichzeitig weltweit. US-Präsident Richard Nixon sah sich schließlich gezwungen, den Gold-Devisen-Standard aufzuheben.

Ab diesem Zeitpunkt war der Dollar endgültig nicht mehr durch einen real existierenden Wert gedeckt. Am 11. März 1973 wiederum heben die führenden Industrienationen die Kopplung ihrer Währungen an den US-Dollar auf, die sie 1944 auf der Konferenz von Bretton-Woods beschlossen haben. Es entstehen freie Wechselkurse und Devisenmärkte, auf denen die Währungen gehandelt werden.

Die Entkoppelung der Geldmenge von physisch vorhandenen Werten und das System freier Wechselkurse machen den Weg frei für die Expansion des Finanzmarkts. Die 80er-Jahren besiegeln die financialisation of capitalism: Der Anteil der Finanzgeschäfte am Bruttoinlandsprodukt wird immer größer. Es sind die Jahre des großen Spekulationsbooms.

Ein letztes Aufbegehren gibt es, als der Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), Paul Volcker, Anfang der 80er-Jahre den Leitzins auf teilweise über 20 Prozent anhebt, um die Inflation zu bekämpfen. Ein hoher Leitzins lässt die Zinsen der Geschäftsbanken steigen und verteuert somit neue Kredite. Notenbanken begrenzen auf diese Weise die umlaufende Geldmenge. Eine extreme Hochzinspolitik würgt aber die Wirtschaft ab und führt leicht in eine Deflation: Die Preise für Güter fallen, dadurch wiegen die Schulden höher, es drohen Insolvenzen und Arbeitslosigkeit. Das »monetaristische Experiment« scheitert. Volcker gibt seine Politik nach zwei Jahren auf, die Fed senkt die Leitzinsen wieder, die Arbeitslosigkeit geht zurück. Die Geldschleusen können sich wieder öffnen.

In London fallen 1986 mit dem big bang die Devisenvorschriften, Handelsrestriktionen und Finanzverkehrsklauseln. Es beginnt ein weltweiter Wettlauf um die vorteilhaftesten Finanzstandorte. Es ist der Startschuss für die große Deregulierung, die internationale Verflechtung der Finanzgeschäfte und den computergestützten Hochgeschwindigkeits- handel. Großbanken, Investmentgesellschaften, Versicherungen und Pensionsfonds steigen in den Handel mit Devisen und Finanzprodukten ein.

Da ist der Anleihemarkt, auf dem verzinsliche Wertpapiere, also Teilschuld- verschreibungen wie Unternehmens- und Staatsanleihen, Pfandbriefe und Rentenpapiere gehandelt und in Rentenfonds gebündelt werden. De facto handelt es sich diesen Finanzprodukten um langfristige Kredite. Fremdkapital gegen Schuldverschreibungen. Derjenige, der Anleihen – englisch bonds – kauft, bekommt dafür Geld, das er irgendwann mit Zinsen zurückzahlen soll. Dieses Geld muss er irgendwie erwirtschaften.

Auch der Geldmarkt selbst wächst, mit steigenden Forderungen von Zentralbanken und Geschäftsbanken. Dieser Markt umfasst Tagesgeld, kurzfristige Rückkaufvereinbarungen (Repo), Wertpapierleihe und Geldmarktpapiere mit einer kurzfristigen Laufzeit wie bei US-Treasury Bills. Es handelt sich bei diesen Produkten ebenfalls um Kredite.

In den 90er-Jahren expandieren vor allem die Aktienmärkte, dort werden Unternehmensanteile gehandelt, deren Volumen sich an der Marktkapitalisierung der Firmen bemisst. Der Down Jones Industrial Average erlebt in den 90ern einen rasanten Punktanstieg, in Deutschland klettert der DAX zwischen 1985 und 2000 von 831 auf 6751 Punkte. Die Unternehmenskultur ändert sich: Ein möglichst hoher shareholder value, die Rendite der Aktionäre und Kapitalgeber, bestimmt mehr und mehr das Wirtschaften der Unternehmen.

Die maßgeblichen Akteure an den Finanzmärkten, die den großen Boom befeuern, sind die institutionellen Anleger wie Banken, Versicherungen und Pensionsfonds, die in unterschiedlichen Bereichen des Kapitalmarkts investieren. Geldmarktfonds kaufen vor allem sehr liquide Wertpapiere, Rentenfonds Anleihen, und Investmentfonds Derivate und andere spekulative Finanzprodukte. Die Königsklasse der Investmentsparte sind die Hedgefonds, Schattenbanken ohne Lizenz, die meist von Offshore-Finanzplätzen besonders risikoreich mit Derivaten und Leerverkäufen spekulieren.

Derivate gliedern sich auf in Termingeschäfte wie Futures oder Optionen und Swap-Geschäfte, etwa credit default swaps oder Zins-Swaps, mit denen ein Unternehmen sich quasi einen festen Zinssatz einkauft, der im Tausch mit einem variablen Zinssatz das Risiko steigender Marktzinsen absichert (was manchmal sehr schief gehen kann). Es gibt aber auch Devisen-Swaps für Wechselkurse, es gibt im Grunde für jede Transaktion ein Swap-Tauschgeschäft. Es geht vor allem darum, Erwartungsrisiken monetär abzusichern.

Derivate sind Finanzprodukte, die immer abhängig von der Entwicklung anderer Wertpapiere sind. Sie sind im Prinzip eine Art leveraging, ein Hebel: Der Gewinn durch das Derivat ist viel höher als die Veränderung des eigentlichen Basiswerts. Das erhöht die Eigenkapitalrendite: Das Geschäft soll möglichst viel Geld bringen im Verhältnis zum eingesetzten Kapital.

Der Finanzmarkt handelt mit Versprechen auf Wachstum in der Zukunft.

Es sind am Ende nicht mehr als Zahlungsforderungen und Zahlungsversprechen, die auf jedem Teilmarkt des Finanzmarkts erschaffen, gehandelt und gebündelt werden. Je abstrakter ein Papier ist, umso weniger direkten Bezug hat es zur realen Wirtschaft, umso größer ist die Gefahr, die Entwicklung falsch vorauszusehen, umso höher ist aber auch die Rendite: Risiko als Handelsware. Dabei entsteht eine kaskadische Ableitungsstruktur.

Während Aktienkurse eine reale Wertentwicklung wiederspiegeln, aber eben auch schon Werterwartungen, stellen zum Beispiel mortgage backed securities – das sind zu Wertpapieren verbriefte Hypothekenkredite – quasi eine zweite, indirekte Ableitung dar, während sich diese Produkte in dritter Ableitung wiederum bündeln und als neue Papiere weiterverkaufen lassen. So entstehen viel mehr Computerwerte als reale Wertschöpfung. Ein weltweites Schneeballsystem.

Die 80er-Jahre sind die Ära der legendären Spekulanten, Männer wie Michael Milken, den »König der Junk-Bonds«, der das Ignorieren von Wertpapiergesetzen einmal als kreative Zerstörung preist und mit Schrottpapieren hunderte Millionen von Dollar verdient. Er wird zum Vorbild für die Filmfigur Gordon Gekko, den Prototyp des geldgierigen Investmentbankers im Film Wall Street, gespielt von Michael Douglas, der erklärt: Greed is good – Gier ist gut. Die Hedgefonds-Manager und Broker der Investmenthäuser werden zu Götzen eines entfesselten Finanzkapitalismus, junge Gordon Gekkos in teuren Anzügen, die die nur noch Maßlosigkeit zelebrieren. Viele Banker werden in dieser Zeit richtig reich.

George Soros attackiert 1992 in einem Devisengeschäft die Bank of England und gewinnt mit einem Schlag Milliarden. Das englische Pfund wertet ab, England muss das Europäische Währungssystem verlassen. Soros – heute Philanthrop und Zeitgeistkritiker – erklärt seit einigen Jahren immer wieder, schon damals, in den Achtzigern, habe sich die heutige »Superblase« des Finanzsystems entwickelt.

Die Zentralbanken verlieren zunehmend die Kontrolle über die Geldschöpfung. Den Großteil der umlaufenden Geldmenge erschaffen heute private Banken durch die Vergabe von Krediten in Form von Giralgeld. Im Gegensatz zu Notenbankgeld handelt es sich dabei lediglich um den Zahlungsanspruch auf Bargeld. Zentralbanken steuern die Menge an Giralgeld über die Mindestreserve, die im Euroraum bei 1 Prozent liegt. Der Geldmengenmultiplikator ist 100, die Geschäftsbanken können aus ihren Einlagen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) theoretisch das Hundertfache an neuen Krediten schaffen.

Wenn die Geschäftsbanken das Kreditvolumen ausweiten, erhöhen sie damit ihre Gewinnmöglichkeiten. Sie unterliegen genauso dem Grundprinzip des Wirtschaftens: effiziente Kapitalverwertung, Maximierung der Rendite. Das Geld soll dorthin fließen, wo es sich am schnellsten vermehrt. Durch die Kreditexpansion wächst weltweit die Verschuldung. Es sind zwei Seiten der gleicher Medaille: Kein Schuldschein ohne die Forderung eines Gläubigers.

In den USA kommt noch ein weiteres Problem hinzu: Das Land importiert dauerhaft mehr als es exportiert. Ein starker US-Dollar, der ständig aufwertet, macht die amerikanischen Exporte teuer, das Handelsbilanzdefizit wächst. Die USA können ihre Einfuhren nur finanzieren, indem sie sich im Ausland verschulden. Das klappt bis heute ohne Probleme. Die USA bekommen so lange Geld von anderen Ländern, wie diese amerikanische Staatsanleihen kaufen. Die Obergrenze hängt nur davon ab, wie groß das Vertrauen in die Stabilität des US-Dollars ist. Und die Welt vertraut Amerika bis heute. Der massive Kapitalzufluss lässt die Staatsverschuldung immer weiter wachsen, bis auf mehr als 16 Billionen US-Dollar in 2012. Die Schuldenuhr läuft ohne Unterlass.

Was an den Finanzstandorten des Westens einen Spekulationsboom ermöglicht, hat in den Ländern der Dritten Welt negative Auswirkungen. Die hemmungslose Kreditvergabe an korrupte Regime führt oft in die wirtschaftliche Strangulation, weil die Machthaber das Geld zum einen nicht für Investitionen in die heimische Wirtschaft ausgeben. Zum anderen müssen die Zinsen für die Kredite in ausländischer Währung zurückgezahlt werden. Dumm nur, dass die Dollarzinsen ab den 70er-Jahren deutlich steigen.

Die Expansion der Finanzmärkte verschleiert die Krise des Wachstums.

Was ist das Irre, Unglaubliche, letztlich Wahnwitzige an dem sogenannten Finanzmarkt, an den Krediten und Kreditverbriefungen und gebündelten Kreditverbriefungen?

Die Finanzprodukte sind nicht mehr wert als das Papier, auf dem sie gedruckt sind, als die Forderung im Computer, als das Versprechen darauf, dass die Kredite irgendwann beglichen werden, was früher oder später nur noch mit neuen Krediten funktioniert. Das Kreditvolumen ist nicht mehr durch reale Geschäftserfolge begrenzt, sondern nur noch durch das Maß an Zukunftserwartungen. Es ist eine große Wette auf Wertschöpfung und Wachstum, das erst in der Zukunft entstehen soll. Die Investoren handeln mit Erwartungen, als seien es real existierende Waren und Dienstleistungen. Dieses Wachstum ist seinem Wesen nach hohl, es ist eine Blase.

Die Gewinnmöglichkeiten auf den virtuellen Finanzmärkten täuschen darüber hinweg, dass ein grundlegender Innovationsschub in der realen Wirtschaft ausbleibt, eine neue industrielle Revolution, die den Menschen massenhaft neue Jobs bringt. Der Finanzmarkt fungiert quasi als neuer Kondratjew-Zyklus, er suggeriert die nächste lange Welle wirtschaftlicher Prosperität. Der Boom an den Finanzmärkten verschleiert die Stagnation der Weltwirtschaft mit abnehmenden Wachstumsraten. Die reale Wertschöpfung wird ins Abstrakte gehebelt. Es geht darum »Geld aus Geld« zu schaffen, das »Geld für sich arbeiten zu lassen«. Marktwirtschaft auf Steroiden. Kurzfristig lassen sich die Renditen sogar noch steigern, allerdings profitiert davon nur noch ein zunehmend kleiner Teil der Bevölkerung, der das Geld hat, am globalen Spekulationsgeschäft teilzunehmen.

Die Blase platzt dann, wenn der Wert der real hinterlegten Güter berichtigt werden muss oder sogar ausfällt. Oder wenn niemand mehr darauf vertraut, dass die Kredite durch reales Wachstum zurückgezahlt werden können. Das Platzen vieler kleiner Blasen auf abgegrenzten Teilmärkten des Kapitalmarkts begleitet den Siegeszug des Finanzkapitalismus seit seiner Entstehung in den 80er-Jahren.

Die Schuldenkrise in Süd- und Mittelamerika Anfang der 80er-Jahre resultiert im Kern daraus, dass Länder wie Brasilien, Argentinien und Mexiko nicht genug Geld erwirtschaften können, um die großzügig zur Verfügung gestellten ausländischen Kreditlinien zu begleichen.

Der Börsencrash vom »Schwarzen Montag« am 19. Oktober 1987 korrigiert für eine Weile den Kursverlauf des Dow Jones, nachdem die USA durchsickern lassen, den Dollarkurs nicht mehr gegen eine Abwertung im Vergleich zu Yen und D-Mark zu stützen, den Dollar also im Wert sinken zu lassen.

Die bubble economy in Japan stürzt ab 1990 ab, als die durch Spekulationen irrational in die Höhe getriebenen Preise von Immobilien und Aktien massenhaft berichtigt werden müssen. Die Irrationalität des spekulativen Wechselspiels: Japanische Banken sicherten vor dem Platzen der Blase neue Kredite für Immobilienkäufe ihrerseits mit ohnehin schon überbewerteten Immobilien ab.

In der Tequila-Krise in Mexiko ab 1994 muss die Regierung den Wert des Peso im Verhältnis zum US-Dollar berichtigen, viele Banken stehen vor dem Bankrott.

Die Asienkrise in den ostasiatischen Tigerstaaten hat ihre Ursache in einem Kreditboom bei Aktien und Immobilien.

Die Argentinienkrise Ende der 90er-Jahre: ein überbewerteter Peso, hohe Staatsverschuldung, ein Vertrauensverlust in die eigene Währung.

Das grundlegende Muster dieser Krisen ist immer gleich. Irgendwann merken die Investoren, dass hinter bestimmten Zahlungsversprechen zu wenige reale Werte stehen. Die Spekulation verliert den Boden unter den Füßen. Die Folgen sind immer ähnlich: Kapitalabfluss, Kreditausfälle, Pleiten, Rezession.

Warum stoppt niemand die Spekulationen?

Die Antwort: Solange die Blase wächst, sind reale Gewinne möglich. Das durch Spekulationen erzeugte Geld kann in tatsächlich existierende Güter investiert werden. Banken vergeben auf Basis überbewerteter Immobilien und Aktien neue Kredite, die der Bürger wiederum für realen Konsum ausgeben kann: Autos, Häuser, Schmuck. Der Staat, der sich verschuldet, investiert in Renten, Sozialsysteme, Bildung, Infrastruktur. Das schafft reale Arbeitsplätze, reales Geld auf dem Konto der Bürger, realen Konsum von Waren und Dienstleistungen. Der Investmentbanker kann sein Geld jederzeit von der Bank holen und sich ein teures Luxus-Apartment kaufen, eine Yacht, er kann drei Köche einstellen und einen Fahrer. So sind die Finanzmärkte mit den Gütermärkten verbunden. Virtuelles Vermögen zahlt für reale Werte. Staaten, Banken und Privatleute vertrauen jedes Mal darauf, dass der Boom anhält, die Kredite beglichen werden und die Schulden zurückgezahlt. Bis das Vertrauen zusammenbricht: Es kommt zum Crash.

Wer verliert, hat sein Geld eben »falsch angelegt«, die Bank hat sich in der Krise »verzockt«. Das ist okay, es geht gleich wieder von vorne los. Das Versprechen: Beim nächsten Mal kannst du es schaffen, dann bist du dabei, dann bist du der Gewinner.

Es ist eines der großen Rätsel des ausgehenden 20. Jahrhunderts, warum das Mantra des Finanzkapitalismus, der große Traum vom schnellen Reichtum, den gesamten Globus erfasst, obwohl die meisten Menschen über die Jahre eher eine Verschlechterung ihrer Lebensverhältnisse erleben. Nach dem Zerfall der Sowjetunion glauben einige sogar an ein end of history, ein Ende der Geschichtsschreibung, den unipolaren Weltmoment. Die Vereinigten Staaten als einzige Supermacht, der amerikanische Traum ohne Ländergrenzen als endgültiger Sieg des Westens.

Die Deregulierung der Arbeitsmärkte schreitet unterdessen voran. Bill Clintons Sozialreform vom 20. August 1996 höhlt in den USA in historischem Ausmaß die Sozialsysteme aus, es ist eine Antwort auf die wachsende Staatsverschuldung. Bundeskanzler Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Wolfgang Clement und Peter Hartz beschließen ein knappes Jahrzehnt später die Agenda 2010 in Deutschland: Arbeitslosen- und Sozialhilfe werden zusammengelegt, die Zahlung von Arbeitslosengeld auf ein Jahr begrenzt, Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung gekürzt. Die Folge sind ein Ausbau des Niedriglohnsektors und wachsende Einkommensunterschiede.

Schröder und sein Amtskollege Tony Blair in England bereiten den neoliberalen Schwenk 1999 in einem Grundsatzpapier vor. Sie fordern mehr Flexibilität von den Bürgern. Die Zeiten hätten sich geändert. Zentrale These: »Die Fähigkeit der nationalen Politik zur Feinsteuerung der Wirtschaft hinsichtlich der Schaffung von Wachstum und Arbeitsplätzen wurde über-, die Bedeutung des einzelnen und der Wirtschaft bei der Schaffung von Wohlstand unterschätzt. Die Schwächen der Märkte wurden über-, ihre Stärken unterschätzt.« Der Staat kann also im Grunde nichts tun, der Markt soll es richten.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank zwingen den Entwicklungs- und Schwellenländern per Washington Consensus die marktradikalen Wirtschafts- instrumente im Gegenzug für neue Kredite auf: Abbau der Handelsbeschränkungen, Subventionsabbau, Privatisierungen, Deregulierung der Märkte. In Afrika und Mittel- und Südamerika führt das zu großen Fehlsteuerungen der Wirtschaft, weil falsche Annahmen über das Verhältnis von Staat und Markt in diesen Ländern getroffen werden. Wo der Staatsbetrieb privatisiert wird, schließt der Marktmechanismus die Versorgungslücke oft nämlich genau nicht, es entstehen Oligopole, die einige Wenige reich machen, oder der Markt kollabiert komplett. Tatsächlich haben sich diejenigen Entwicklungsländer am besten entwickelt, die nicht die wirtschaftspolitischen Maßnahmen des Washington Consensus befolgt haben.

Die Unternehmen verlagern Arbeitsplätze ins Ausland, dort sind die Arbeitsbedingungen oft schlecht, Umweltzerstörungen werden nicht geahndet. Wenn der Rohstoffriese Glencore im sambischen Kupfer- und Kobaltbergwerk Mopani mit Schwefeldioxid das Trinkwasser verschmutzt, wenn der Chemiekonzern Union Carbide Corporation durch Fahrlässigkeit und mangelnde Sicherheitsstandards in Bhopal tausende Menschen umkommen lässt, dann sind das indirekte Folgen eines wachsenden Zwangs zur Renditesteigerung ohne Rücksicht auf soziale und ökologische Folgen.

Die reale Wirtschaft wird abhängig von den Finanzmärkten.

Durch die Expansion der Finanzmärkte in den westlichen Marktwirtschaften wachsen die Abhängigkeiten zwischen Finanzwirtschaft und wertschöpfender Wirtschaft. Das BIP verliert an Aussagekraft, tatsächliches und virtuelles Wachstum sind nur noch schwer voneinander zu trennen. Ab Ende der 90er-Jahre reißt die Schere zwischen den Umsätzen aus realwirtschaftlichen Transaktionen und dem Handelsvolumen von Finanzprodukten wie Derivaten, aber auch von Devisengeschäften (BIZ-Jahresbericht 2008, S.102) endgültig auseinander.

Die EU-Kommission schafft mit dem Aktionsplan für Finanzdienstleistungen (FSAP) einen nahezu unbegrenzten Binnenmarkt für Finanzprodukte in Europa. Die Pensionsfonds dürfen die Beiträge zur Betriebsrente nach einer EU-Richtlinie von 2001 auf den europäischen Finanzmärkten anlegen. Die Öffnung staatlicher und betrieblicher Leistungen für den internationalen Finanzmarkt werden mit dem positiv besetzten Label »Privatisierung« versehen. Die Frage ist: Wie lassen sich möglichst viele einfache Sparer am global angelegten Schneeball-Handel mit Finanzprodukten beteiligen? Rentenfonds, Lebensversicherungen, Bausparkassen.

In den USA hebt Bill Clinton 1999 den Glass-Steagal-Act auf, der das Geschäft von Geschäfts- und Investmentbanken bisher voneinander getrennt hat. Das erhöht die Abhängigkeit der Realwirtschaft von der im Grunde bereits hochgradig aufgeblasenen Finanzwirtschaft, von reinen Computerwerten. Die Gelder aus Bank- und Wertpapiergeschäft fließen zusammen, Sparkassen können nun auch mit Derivaten handeln, die Kontrollmechanismen werden aufgeweicht. Die rot-grüne Bundesregierung lässt 2004 Hedgefonds und den spekulativen Derivatehandel in Deutschland zu.

Die kapitalistische Marktwirtschaft wird durch Investitionen in Finanzprodukte stimuliert, aber erlebt keinen substanziellen Auftrieb. Das »echte« Wachstum, das auf Ressourcenabbau und technologischem Fortschritt basiert, stagniert mehr oder weniger. Es gibt sie nicht: eine große, neue Wachstumsbranche.

Das Platzen der Dotcom-Blase ist aus diesem Grund besonders interessant, weil sie endgültig alle Hoffnungen zunichtemacht, die mit dem Siegeszug des Computers verknüpft werden. Die Verfechter der new economy glauben bis zu diesem Zeitpunkt, die »digitale Revolution« ändere das gesamte Wirtschaften: vom Produktions- zum Informationszeitalter, vom Stofflichen zum Virtuellen. Dahinter steckt ein wesentlicher Denkfehler: Kein Computer löst den kapitalistischen Widerspruch aus betriebswirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher Logik auf.

Die digitale Revolution macht immer mehr menschliche Arbeit überflüssig.

Zwar revolutionieren die Informationstechnik, das Internet und die Digitalisierung beinahe alle gesellschaftlichen Systeme im Sinne eines fünften Kondratjew-Zyklus. Zum ersten Mal in der Geschichte macht diese Umwälzung aber mehr Menschen in der Güterproduktion von Waren und Dienstleistungen überflüssig, als dass sie neue Branchen mit massenhaft neuen Jobs hervorbringt. Die Computertechnologie bringt keinen globalen Aufschwung, weil sie menschliche Arbeit ersetzt. Das Wirtschaftssystem aber braucht diese Arbeit, deren Lohn nach dem marktwirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage entsteht. Wenn ein kritisch großer Teil der Bevölkerung arbeitslos wird, fehlen dem Staat Steuereinnahmen und der Wirtschaft Nachfrager.

Irgendwann merken auch die Investoren, dass die Erwartungen an die neu entstandenen Internetfirmen maßlos übertrieben sind. Im Jahr 2000 platzt die Blase, die Aktienkurse des US-Technologieindex Nasdaq und am Neuen Markt in Deutschland brechen ein, die Bewertungen korrigieren sich, der Hype ist zu Ende.

Auf das Platzen der Dotcom-Blase reagiert die amerikanische Notenbank mit einer Niedrigzinspolitik. Nach dem Crash auf den Technologiemärkten und dem kollektiven Bewusstseinsschock durch die Anschläge von 9/11 pumpt die Fed »billiges Geld« in den Markt, sie senkt die Leitzinsen auf 1 Prozent. Die Banken sollen mit dem Geld die Wirtschaft in den USA stimulieren, Kredite vergeben, Investitionen ermöglichen, Konsum fördern. Die Ausweitung der Geldmenge kommt aber kaum bei den Bürgern an, sie führt vor allem direkt in die nächste Blase – auf dem Immobilienmarkt. Wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in ihrem Jahresbericht 2009 schreibt, ist neben dem schuldenbasierten Wachstum der Industrienationen vor allem die lange Niedrigzinsphase verantwortlich für den Crash von 2008.

Die US-Immobilienkrise ist der Anfang vom Ende des Systems.

Der Handel mit verbrieften Hypotheken ist vielleicht eine der wahnwitzigsten Wetten der Wall Street, und sie wird 2008 mit dem Platzen der Spekulationsblase zu einer globalen Finanzkrise führen. Die Investmentbanken bündeln Immobilienkredite unterschiedlicher Risikoklassen – manche Schuldner können ihre Hypotheken bezahlen, manche nicht, manche nur, wenn es gut läuft – und verkaufen diese Pakete als sogenannte mortgage backed securities an andere Banken, Versicherungsgesellschaften und Pensionsfonds, als seien es tatsächlich real existierende Handelsgüter. Die verbrieften Kredite bestehen zum Teil aus mehreren hundert Hypotheken, Mathematiker berechnen diese Produkte mit komplizierten Formeln, um das Risiko zu minimieren, falls manche Schuldner ihre Hypotheken nicht mehr begleichen können. Es ist eine schlechte Wette, eine größenwahnsinnige Wette. Aber sie ist erst der Anfang.

Die Investmenthäuser kommen nun auf die Idee, das Risiko der verbrieften Hypothekendarlehen wiederum mit neuen, im Prinzip aus dem Nichts heraus erfundenen Wertpapieren abzusichern: mit sogenannten credit default swaps, zu Deutsch Kreditausfallversicherungen. Der eigentliche Gedanke: Verliert ein Hypothekenpapier seinen Wert, begleicht das CDS den Ausfall, der Käufer ist geschützt. Allerdings werden die CDS technisch nicht als Versicherungen klassifiziert, denn sonst müsste der Emittent, der die Papiere ausgibt, den besicherten Gegenwert wirklich besitzen. Credit default swaps sind Derivate. Die Wall-Street-Banken verkaufen diese Papiere, auch wenn sie gar keine mortgage backed securities besitzen, außerbörslich und ohne Regulierungen an Versicherungen und Fonds in der ganzen Welt.

Der globale CDS-Schattenmarkt hat zum Ausbruch der Finanzkrise 2007 ein Volumen von rund 60 Billionen US-Dollar, das ist mehr als das Vierfache der US-Staatsverschuldung, und selbst dieser Wert ist eine Schätzung, weil niemand weiß, wer wie viele CDS gekauft und verkauft hat.

Aus den Darlehen für Eigenheime ist riesiges Finanzvermögen entstanden, ein perpetuum mobile der Geldvermehrung, ein Versteckspiel wertloser Forderungen, die mit wertlosen Scheinversicherungen abgesichert werden.

Nur wenige Mahner wie der amerikanische Nationalökonom Nouriel Roubini, der als »Dr. Doom« verspottet wird, wittern die Gefahr. Da sind allenfalls kaum wahrnehmbare Vorzeichen einer echten, globalen, existenziellen Krise, die so richtig losbrechen könnte, wenn die große Immobilienblase platzt. Wie ferne, dunkle Gewitterwolken an einem doch eigentlich sattblauen Himmel.

Der Ökonom Hyman Minski ist der Auffassung, dass die Akteure auf freien Kapitalmärkten immer größere Risiken eingehen, wenn die Geschäfte gut laufen. Der Erfolg befeuert die Casino-Mentalität. Am Anfang besichern die Händler Spekulationen mit realen Gewinnen, dann können sie nur noch die Zinsen der Kredite erwirtschaften, schließlich nehmen sie auch für die Zinsen neue Kredite auf. Es entsteht ein Schneeballsystem, ein Ponzi-Spiel. Am Ende steht die Hoffnung, dass die eigentliche Investition all die Kredite doch noch einmal bezahlen kann. Es kommt aber natürlich zum Crash. Nouriel Roubini nennt die Immobilienkrise in den USA einen typischen »Minsky-Moment«.

Es ist im Prinzip reiner Wahnwitz, Hybris, totale Irrationalität, die zutage tritt, wenn all die bedeutungsschweren Finanzgeschäfte als das enttarnt werden, was sie wirklich sind, die Arbeit all der angesehenen Händler und Spekulanten, die jeden Tag in den Abendnachrichten für eine halbe Minute die Computerbildschirme anbrüllen, dessen Job im Grunde niemand versteht. Der Fernsehzuschauer kennt nur die Insignien der Macht – die Millionengehälter, die Autos, die schicken Anzüge – und zieht daraus seine Schlüsse. Die Wall Street preist freie Kapitalmärkte als wertvoll für den Wohlstand der Gesellschaft und lobbyiert erfolgreich gegen strengere Regulierungen von Finanzgeschäften.

Es ist allzu leicht, die finanzielle Katastrophe, die daraus folgt, auf die gierigen Banker zu schieben. Gordon Gekko sagt im zweiten Teil von Wall Street: »Wir alle beten denselben Götzen an. Die Wahrheit ist, jetzt sind wir alle ein Teil von dem. Banken, Verbraucher, wir bewegen das Geld im Kreis herum. Wir nehmen einen Dollar, pumpen ihn mit Steroiden voll und nennen es Hebelwirkung. Es ist auch die Gier, die es möglich macht, dass sich mein Barkeeper drei Häuser ohne Vermögen kaufen kann. Es ist Gier, die die Regierung der USA dazu veranlasste nach dem 11. September die Zinssätze auf ein Prozent zu senken, damit wir alle wieder shoppen gehen können.«

Gordon Gekko hat insofern Recht, als dass »der Markt« alle Finanzströme der Wirtschaft abbildet, also jeden Verbraucher und seinen Konsum einschließt. »Geld anlegen«, »Geldanlage«, »das Geld für sich arbeiten lassen«, »das Geld investieren« – alles Synonyme für eine Wette auf die Zukunft, auf einen realen Wertzuwachs. Der Zusammenhang ist den meisten Menschen überhaupt nicht klar. Sie kaufen eine Aktie für 10 Euro in der Hoffnung, dass das Unternehmen klug wirtschaftet und investiert, neue Märkte erschließt, den Gewinn steigert und letztlich »wächst«, dass es in drei Jahren mehr Wert ist als jetzt. Die Aktionäre in drei Jahren, die dann kaufen, hoffen ihrerseits, dass die Firma in sechs Jahren noch mehr Wert ist. Dieser Automatismus wird gar nicht hinterfragt. Alle Menschen mit einer Lebensversicherung, mit einem Bausparvertrag, mit ein paar Aktien sind Teil des großen Schneeballsystems.

Laut einer Studie von McKinsey wächst das weltweite Geldvermögen zwischen 2002 und 2006 von 99 Billionen Dollar auf 167 Billionen, um 14 Prozent pro Jahr. Die Zeitschrift The Economist hat ausgerechnet, dass die weltweite Staatsverschuldung zwischen 2001 und 2011 um 140 Prozent auf 43 Billionen US-Dollar gestiegen ist (heute sind es fast 50 Billionen). Das Volumen der außerbörslich gehandelten Derivate liegt 2003 laut Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) bei 200 Billionen Dollar, in 2007 sind es 596 Billionen – fast zehnmal höher als das weltweite Bruttoinlandsprodukt. Im Krisenjahr 2008 halten die fünf größten US-Banken 175 Billionen Dollar an Derivaten, darunter 110 Billionen Swaps, 28 Billionen Optionen, 20 Billionen Futures und 17 Billionen Kreditderivate. Es ist die große Superblase, von der George Soros später sprechen wird.

Vor dem Platzen der Immobilienblase in den USA ist die Weltwirtschaft im Prinzip schon ein sterbenskranker Patient, dessen Überleben nur mit gefährlichen Medikamenten gesichert werden kann. Die reale Wirtschaft hängt am Tropf der Finanzmärkte, ein Kreditcrash hat unmittelbar fatale Folgen für die Unternehmen, ihre Mitarbeiter, für die ganze Gesellschaft. Die Vermögenden bezahlen die globale Überproduktion mit fiktivem Anlagekapital, die einfachen Bürger finanzieren ihren Konsum mit Krediten, die Regierungen ihre Staatshaushalte. Das Geld, um diese Schulden am Ende einmal bezahlen zu können, müssen Arbeitnehmer und Unternehmen aber mit ganz realen Produkten und Dienstleistungen verdienen. Das anhaltende Wachstum basiert auf Verschuldung, es ist ein defizitäres System, globale Blasenökonomie.

In den USA platzt schließlich die Immobilienblase: Wenn sich herausstellt, dass kein realer Basiswert existiert, verlieren alle abgeleiteten Finanzprodukte ihren Wert. In den USA haben Millionen Menschen auf Kredit Häuser gekauft, die sie sich durch den Wert ihrer Arbeit und ihres Einkommens eigentlich nicht leisten können. Irgendwann will die Banken Geld sehen, der Schuldner kann nicht zahlen, die Hypothek platzt. Alle abgeleiteten Derivate verlieren ihren Wert. Das passiert massenhaft, im großen Stil. Jeder, der solche Papiere gekauft hat, muss seine Bilanzen berichtigen. Was noch schlimmer ist: Auch die credit default swaps für den Ausfall der Hypothekenverbriefungen werden fällig. Ungedeckte Milliardenwerte, die keiner bezahlen kann. Finanzielle Kernschmelze.

15. September 2008. Another black monday on Wall Street. Die viertgrößte Investmentbank der USA ist pleite. Man kann die These vertreten, dass nicht der Einsturz des World Trade Centers das Ende des amerikanischen Jahrhunderts eingeleitet hat sondern der sagenhafte Fall von Lehman Brothers. Mit der Pleite der Bank steht auch der weltgrößte Versicherungskonzern American International Group (AIG) vor der Zahlungsunfähigkeit. Andrew Sheng von der chinesischen Bankenaufsichtsbehörde wird später in der oscarprämierten Dokumentation Inside Job erklären: »Wenn AIG pleite gegangen wäre, hätte weltweit kein Flugzeug mehr fliegen dürfen.« Die US-Regierung unter President Barack Obama muss mit einem bailout in Höhe von 150 Milliarden US-Dollar einspringen, das zu einem nennenswerten Teil der Investmentbank Goldman Sachs zugute kommt.

Die Schweizer Großbank UBS muss wegen Wertberichtigungen mit 60 Milliarden US-Dollar gestützt werden. In Deutschland gehen zahlreiche Landesbanken wie die WestLB pleite. Die wertlos gewordenen Papiere werden in sogenannte bad banks ausgelagert, finanzielle Müllhalden, für die der Staat mit Steuergeldern einspringt. Die größte dieser Institute trägt den lustigen Namen FMS Wertmanagement.

Die Rettungsmaßnahmen der Regierungen dienen dazu, den totalen Kollaps des globalen Finanzsystems zu verhindern, wo doch alles angefangen hat mit den Kreditnehmern in Colorado, Virginia oder Florida, die irgendwann ein eigenes Haus haben wollten. Die US-Immobilienkrise zeigt wie unter einem Brennglas den stetigen Drang zu mehr Konsum, mehr Wohlstand, ohne dass es den Menschen möglich wäre, diesen Wohlstand unter den Bedingungen des bestehenden Wirtschaftssystems je zu verdienen.

Die Regierungen der führenden Marktwirtschaften blicken 2008 direkt in den Abgrund. Sie nehmen Milliarden in die Hand, die sie selbst gar nicht haben, um damit die Bilanzlücken der Banken und Versicherungen zu stopfen. Der große Irrtum: Die riesigen Defizite sind natürlich nicht weg, sie verschieben sich lediglich in die Haushaltsbilanzen der Staaten. Es ist irreführend, erst von einer Bankenkrise zu sprechen und dann von einer Staatsschuldenkrise, als ob beides nicht in direktem Zusammenhang stünde. Die Staatsverschuldung in den USA und Europa wächst, die große Überakkumulation an Kapital in Form von Forderungen und Schulden wird bloß umgelagert.

Es entsteht ein perfider Kreislauf: Die Staaten verschulden sich bei den Banken, um damit die Banken zu retten. Das wird im Laufe der Zeit immer teurer, weil durch die wachsende Staatsverschuldung auch die Bonität der Länder sinkt und die Zinsen steigen. Mit den Hilfsgeldern der Staaten sollen die Banken ihrerseits Staatsanleihen kaufen, also Kredite an die Länder geben, damit sich diese billiger, also für geringere Zinsen, Geld bei den Banken leihen können. Es ist ein absurdes Theater.

Die Leitzinsen der Notenbanken sinken auf Rekordtiefs, um den Defizitkreislauf zwischen Banken und Staaten tunlichst aufrecht zu erhalten. Die Fed in den USA weitet die Geldmenge so weit aus, dass die Bilanzsummen der US-Geschäftsbanken von 800 Milliarden Dollar vor dem Lehman-Crash auf 2 Billionen Dollar danach wachsen.

Nachdem sich die Banken durch die milliardenschweren »Rettungspakete« scheinbar erholt haben, werden ab 2010 die Staatsschulden zum eigentlichen Problem. Die Investoren zweifeln daran, ob bestimmte Länder in Europa wie Griechenland oder Spanien jemals ihre Schulden begleichen können, dementsprechend steigen als Risikoabsicherung die Zinsen für neue Kredite, es droht die Pleite, ein logischer Prozess.

Die Krise ist eine Vertrauenskrise.

Es ist allerdings das Wesen von Schuldenkrisen, dass sie nur durch eine Abwertung der jeweiligen Währung oder einen reset, einen kompletten Forderungsausfall und der Einführung einer neuen Währung gelöst werden können.

Die Medien in Europa sprechen von der Schuldenkrise, von der Bankenkrise, von der Finanzkrise. Tatsächlich handelt es sich um eine Währungskrise. Die Eurostaaten sind durch ihre gemeinsame Währung quasi schicksalhaft aneinander gebunden. Griechenland und Spanien können nicht abwerten, also verschulden sie sich immer weiter. Ganz am Ende steht der Vertrauensverlust in der Bevölkerung. Nicht die Investoren verlieren das Vertrauen, sondern die Menschen, die nicht mehr glauben, dass ihre Bank ihr Geld sicher angelegt hat, dass sie reale Werte hinterlegt hat für die Zahlen, die auf dem Kontoauszug stehen. Alle wollen gleichzeitig ihr Geld sehen, die Banken sind sofort zahlungsunfähig: das schlimmste Szenario, ein bank run. Das wäre das Platzen der Superblase. Das gesamte Wirtschaftssystem bricht zusammen.

Das hohe Risiko, das derzeit existiert, lässt sich im Jahresbericht 2012 der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), der Notenbank der Notenbanken, dezidiert nachlesen. Den Politikern in Europa ist der Ernst dieser Lage durchaus bewusst. Nur drücken sie sich in der Regel nicht so deutlich aus. Nur ganz selten.

21. Juni 2012, Euro-Finanzministertreffen in Luxemburg. Jean-Claude Juncker, der Chef der Eurogruppe, ist ins Europaviertel auf dem Kirchberg-Plateau gekommen, wo der Rat der Europäischen Union im April, Juni und Oktober tagt. Christine Lagarde, die Vorsitzende des Internationalen Währungsfonds (IWF) und EU-Währungskommissar Olli Rehn sind ebenfalls gekommen. Die europäischen Finanzminister beraten schon den ganzen Tag, wie die europäische Krise zu lösen sei, es liegt jetzt so eine gewisse Abendmüdigkeit über dem Pressezentrum. Die Korrespondenten schreiben ihre Tageszusammenfassung aus den wenigen Informationen darüber, wie es nun weitergehen soll.

Dann gibt es Nachrichten aus Spanien: Die Banken brauchen bis zu 62 Milliarden Euro aus dem Hilfsfonds EFSF. Für die späten Abendstunden wird eine Pressekonferenz einberufen.


Lagarade, Regling, Juncker


»Es gibt ein großes Problem«, sagt Jean-Claude Juncker zu den Journalisten. »Ich will keine Pressekonferenz geben, denn ich will das Spiel zwischen Portugal und Tschechien sehen.« Es gibt ein bisschen anbiederndes Gelächter. Juncker nuschelt wieder wie ein Weltmeister. Die Kollegen sagen etwas böse, er wirke manchmal leicht betrunken, aber das lässt sich nicht beurteilen, man will nichts unterstellen.

Es folgen Verlautbarungen, die gleich eine Agenturmeldung wert sind: Die internationalen Aufseher der Troika werden kommenden Montag nach Athen reisen, um die Finanzlage Griechenlands zu beurteilen. Am gleichen Tag wird Spanien die Milliardengelder für seine Banken offiziell beantragen. Juncker ist nur schwer zu verstehen, es ist anstrengend, ihm zuzuhören. Aber was er sagt, haben im Prinzip alle erwartet. Trotzdem schreiben die Journalisten jetzt alles mit.

Interessanter ist das, was Christine Lagarde zu sagen hat. »Bon soir, good evening«, so beginnt sie ihr Statement. Lagarde trägt einen grauen Blazer, durch den ihre Gesichtsfarbe umso mehr danach aussieht, als ruhe sie sich das ganze Jahr über auf einer Yacht vor Saint-Tropez aus. Sie sieht überhaupt nicht müde aus. Und während sie lächelt wie eine strenge und gleichzeitige gütige Tante, skizziert sie das Bedrohungsszenario der Eurozone: »Wir sehen ganz deutlich wachsende Spannungen und akuten Druck auf den Banken und Staatshaushalten.« Sie sagt »additional tension« und »acute stress«. Es ist jetzt ganz ruhig im Saal. »Der IWF glaubt, dass entschiedene und kraftvolle Schritte in Richtung einer echten europäischen Währungsunion bekräftigt werden müssen, um das Vertrauen in das System wiederherzustellen. Das Überleben der Eurozone wird derzeit in Frage gestellt.«

Lagarde zählt nun drei kurzfristige und drei langfristige Maßnahmen auf. Die Schnellmaßnahmen: Direkte Finanzhilfen für angeschlagene Banken aus den Fonds EFSF und ESM, weil bisher nur Staaten Hilfen beantragen konnten, eine Konsolidierung der Staatshaushalte und »eine kreative und erfinderische« Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Langfristig: eine europäische Bankenunion mit gemeinsamer Einlagensicherung, eine Fiskalunion mit mehr finanzpolitischen Kompetenzen bei der EU in Brüssel und Strukturreformen der südeuropäischen Arbeitsmärkte.

Nur die Notenbanken können den Crash noch hinauszögern.

Was Christine Lagarde mit einer kreativen Geldpolitik meint, ist die scheinbar einfachste und bequemste Lösung für die Probleme in Griechenland und Spanien. Die EZB kauft einfach so lange Staatsanleihen der Krisenländer, bis deren Zinsen sinken. Sie gibt unbegrenzt Notenbankkredite an die überschuldeten Staaten. Es ist die Forderung nach der »Bazooka«, dem schwersten Geschütz der Währungshüter.

Bereits im Dezember 2011 und Februar 2012 stellte die EZB den Geschäftsbanken der Eurozone eine Billion Euro für Niedrigzinsen zur Verfügung. Die Bilanzsumme der Euro-Notenbank hat sich in der Krise nahezu verdreifacht, die Geldmenge wächst munter, das Finanzvolumen ebenso. Ähnliches gilt für die Fed und die japanische und englische Notenbank. Die Märkte werden mit Geld überschwemmt, es ist ein »Löschen mit Feuer«. Dabei ist das eigentliche Problem nicht, dass zu wenig Geld existiert, sondern zu viel.

Keine drei Monate nach dem Finanzministertreffen folgt EZB-Präsident Mario Draghi der IWF-Empfehlung. Er verkündet: Die Notenbank wird »unbegrenzt« Staatsanleihen der Krisenländer kaufen. Fast zur gleichen Zeit kündigt der Präsident der US-Notenbank, Ben Bernanke an, die Fed werde jeden Monat Hypothekenpapiere im Wert von 40 Milliarden US-Dollar kaufen, so lange die US-Wirtschaft schwächelt. Die geldpolitische Maßnahme ist das letzte Mittel der Fed, um das Wachstum in den USA anzukurbeln, weil der Leitzins schon bei 0 Prozent liegt. Es ist das dritte quantitative easing seit dem Ausbruch der Krise 2007, QE3. Die Geldschleusen öffnen sich weiter. Seit 2006 veröffentlicht die Fed die Geldmenge M3 nicht mehr, um das Vertrauen in den Dollar zu erhalten.

Volkswirte um den Globus spekulieren gerade, was sich aus den Notenbank-Interventionen für Probleme ergeben könnten, sowohl in Europa als auch in den USA mit ihren 16 Billionen Dollar Schulden. Manche behaupten, es werde eine Deflation geben, weil die Wirtschaft lahmt, die Löhne sinken, und damit auch die Preise. Andere sagen, die Ausweitung der Geldmenge führe früher oder später zwangsläufig in die Inflation. Kritiker der Inflationsthese meinen jedoch: Es gibt keinen Lohnanstieg und auch keinen Preisanstieg, also auch keine Inflation. Die Notenbank-Milliarden landen schließlich nicht in der realen Wirtschaft und bei den Verbrauchern, sondern in den Bilanzen der Banken.

Länder wie Griechenland und Spanien, die gerade wirtschaftlich zusammenbrechen, zeigen eher deflationäre Züge, auch in den USA sieht angesichts einer lang anhaltenden Rezession nichts nach Preisanstiegen aus. Deshalb werden Ökonomen wie Paul Krugman nicht müde, die deutsche Sparpolitik zu schelten, weil sie die Wirtschaftskraft der angeschlagenen Staaten weiter abwürgt. Nur gibt es ein Dilemma.

Die Alternative zum Sparen ist klassische keynesianische Konjunkturpolitik: Wachstum durch Staatsverschuldung. Diesen Weg können sich die westlichen Staaten aber nicht mehr leisten, ihnen droht durchweg ein Staatsbankrott. Deshalb sind die Notenbanken die einzigen Institutionen, die das Vertrauen in das System noch eine Weile aufrecht erhalten können. Indem sie neues Geld am Computer erschaffen.

Manche Beobachter sagen, dass die Volkswirtschaften des Westens auf das gleiche Phänomen zusteuern wie in den 70-Jahren: Stagflation. Eine Inflationierung der Währungen durch massive Interventionen der Zentralbanken, dazu eine Stagnation durch sinkendes Wirtschaftswachstum bis zur Rezession. Die Inflation schlägt bloß noch nicht voll auf die Wirtschaft durch, weil die Geldflut bisher nur die Finanzmärkte erreicht hat.

Die Menschen merken den Wertverlust allerdings schon jetzt: Die Zinsen auf Tagesgeld, Festgeld und Girokonten sind so gering, dass sie nicht mehr die Inflationsrate ausgleichen. Das Geld von heute kann in einem Jahr weniger Güter kaufen – obwohl der numerische Betrag langsam wächst. Pensionskassen und Lebensversicherungen können das Geld der Arbeitnehmer und Kunden immer schwieriger vermehren. Die riesigen Finanzblasen suchen verzweifelt nach rentablen Anlagemöglichkeiten, nach echten Werten. »Geld aus Geld machen«, das funktioniert nicht mehr.

Die Ausweitung der Geldmenge ist die letzte Möglichkeit, um die Staatspleite der USA und nahezu aller europäischen Staaten zu verhindern. Es ist die einzige Karte, die noch gespielt werden kann in diesem riskanten Spiel. Die USA verschulden sich mittlerweile hauptsächlich bei ihrer eigenen Notenbank. Wenn die Vereinigten Staaten oder ein Staat aus der Eurozone offiziell pleite gehen – sie sind es angesichts der immensen Schuldenberge de facto schon heute – werden die Bürger das Vertrauen in den Dollar oder den Euro verlieren, es gibt einen bank run, wahrscheinlich weltweit, denn der Dollar ist Leitwährung, und das System bricht in sich zusammen.

Aus diesem Grund werden Fed und EZB unbegrenzt neues Geld erschaffen. Auch Griechenland darf nicht in die Pleite entlassen werden, weil das Vertrauen in den Euro sonst dahin wäre. Angela Merkel weißt das, Antonio Samaras weiß das, alle wissen es. Deshalb unternehmen die europäischen Regierungen immer wieder neue Schritte, die einen Staatsbankrott Griechenlands hinauszögern.

Die Schulden können nicht durch Wirtschaftswachstum abgebaut werden.

Die Geschichte hat gezeigt, dass es nur drei Wege gibt, Schulden abzubauen: durch einen Schuldenschnitt, durch Wirtschaftswachstum oder durch Inflation. Ein weltweiter Schuldenschnitt bedeutet, dass jeder Gläubiger, der hinter einem Kredit steht, auf seine Forderung verzichtet. Die Folge wäre eine globale Pleite von Banken, Versicherungen und allen anderen institutionellen Großanlegern, also im Prinzip ein Crash. Inflation läuft auf ein vergleichbares Szenario hinaus. Bleibt also nur das alte Rezept: Wirtschaftswachstum. Die Hoffnung, »aus den Schulden wachsen« zu können, weil die Schuldenlast im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung abnimmt.

Es ist im Prinzip das gleiche Problem wie schon in den 70er-Jahren, nur ist heute der Handlungsspielraum deutlich begrenzt. Die Wachstumsraten sinken, auf absehbare Zeit wird es ohne eine neue technologische Revolution kein nennenswertes Wirtschafts- wachstum mehr geben. Vor 30 Jahren sind aus diesem Problem heraus die riesigen Finanzmärkte entstanden, als Doping für die Marktwirtschaft, als virtueller Hebel. Die vielleicht größte Illusion des 20. Jahrhunderts. Dieses Mittel steht in absehbarer Zeit nicht mehr zur Verfügung.

Die Beratungsgesellschaft McKinsey hat für das Weltwirtschaftsforum 2011 ermittelt, dass die Volkswirtschaften bis 2020 zusätzliche Kredite in Höhe von 103 Billionen US-Dollar brauchen, nur um das bisherige Wachstumsniveau aufrecht zu erhalten.

Die Schwellenländer können die Wachstumskrise nicht lösen.

Lange ruhte die Hoffnung auf den Schwellenländern, auf den BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Dort – so die These – gibt es noch Wachstums- potenzial, der Aufschwung steht noch aus, die Mittelschichten entstehen gerade erst.

Das Wachstum in China beispielsweise hängt aber ganz entscheidend von der Nachfrage des Westens ab. China leiht den USA und Europa Geld, damit diese wiederum Produkte aus China kaufen können. Bricht dieser Defizitzyklus ein, verlangsamt sich auch das Wachstum in China, der »Konjunkturmotor der Welt stottert«, schreiben dann die Zeitungen. Außerdem ist der Bauboom in China, der das Wachstum maßgeblich anstößt, wahrscheinlich auch eine Blase. Wenn der Staat das Land in eine handfeste Wirtschaftskrise steuert, sind sogar soziale Unruhen möglich.

Denn die Menschen in den Schwellenländern sind ungeduldig, sie schauen nach Westen, sie wollen »Sicherheit und Konsum, das ist die Siegerformel des 21. Jahrhunderts«, wie Georg Diez in einem Aufsatz über das Reisen schreibt. Der Westen finanziert die globale Überproduktion mit Schulden, die sich entwickelnde Welt hängt vom US-Dollar ab wie ein Sterbenskranker von lebenserhaltenden Geräten.

Es spricht außerdem viel dafür, dass es für einen Aufstieg in die Erste Welt nach westlichem Vorbild schlicht nicht genügend Ressourcen auf der Erde gibt. Der Aufstieg der westlichen Industrienationen basierte auf der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, die für die Menschen in Lagos, Sao Paolo oder Hyderabad in diesem Umfang nicht mehr zur Verfügung stehen. Dabei sind die Folgen des Klimawandels und die Belastungen der Umwelt sogar noch völlig außen vor. Schon jetzt ist der Kampf um die weltweit noch verfügbaren Rohstoffe entbrannt, wie der Geostratege Parag Khanna in seinem Buch Der Kampf um die Zweite Welt sehr ausführlich darlegt. In dieser Welt sind Pipelines die »nahezu unsichtbare Infrastruktur der Globalisierung, die neuen Linien auf Landkarten«.

Bis heute ist eine der großen Menschheitsfragen des 21. Jahrhunderts, die Frage nach dem Weg in eine postfossile Gesellschaft, vollkommen unbeantwortet. Wann das globale Ölfördermaximum erreicht ist, darüber streiten die Experten, die Schätzungen reichen von 2007 bis 2034, aber irgendwann kommt peak oil, die Menge des geförderten Erdöls wird sinken. Das weltweite Transportsystem und der globalisierte Handel basieren aber fast ausschließlich auf Erdöl oder Erdgas, es gibt bisher kein Substitut, das eine ähnliche hohe Energiedichte aufbringt, es gibt keinen Ersatz.

Schon aus diesem Grund ist es unwahrscheinlich, dass die Menschen in den Staaten der Zweiten Welt geschlossen auf ein Wohlstandsniveau aufsteigen, das den Menschen in der Ersten Welt gleichkommt. Einen Wachstumsboom durch steigende Binnennachfrage wird es kaum geben.

Der große kapitalistische Widerspruch ist nicht mehr zu lösen.

Der Ausbruch der Finanzkrise in 2007 ist erst der Beginn einer Krise gewesen, die unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem vor ein ungelöstes Problem stellt: Die Produktionskapazitäten reichen irgendwann aus, um für jeden Menschen auf dieser Welt genug Waren und Dienstleistungen herzustellen, die mehr als nur seine Grundbedürfnisse befriedigen – aber zur Herstellung dieser Güter müssen längst nicht mehr alle Menschen arbeiten. Der Fortschritt vernichtet systematisch menschliche Arbeit, denn im Mikrokosmos des Unternehmens ist Arbeit ein Kostenfaktor, der dann gestrichen wird, wenn es eine günstigere Alternative gibt. Der Wirtschaft gehen die Nachfrager aus, der Widerspruch aus betriebswirtschaftlicher- und volkswirtschaftlicher Logik ist irgendwann nicht mehr zu lösen.

Der Ökonom Jeremy Rifkin hat diese Entwicklung 1995 in seinem Buch Das Ende der Arbeit bereits vorhergesagt. Er prognostiziert: »In allen Wirtschaftszweigen werden raffinierte Computer, Telekommunikation, Roboter und andere Technologien des Informationszeitalters mit rasender Geschwindigkeit menschliche Arbeitskraft ersetzen.« Die Hoffnung, verloren gegangene Industriearbeitsplätze würden durch Jobs im Dienstleistungssektor ersetzt, bewahrheite sich nicht. In einem Interview erklärt Rifkin: »Wir sind mitten in einer Umwälzung, die die industrielle Revolution noch übertrifft.« Bereits zwischen 1995 und 2002 gingen laut Rifkin 31 Millionen Industriearbeitsplätze in den 20 größten Volkswirtschaften verloren, während die globale Industrieproduktion um 30 Prozent zunahm. Die Arbeit wird auf lange Sicht verschwinden, zumindest für einen Großteil der Menschen.

Die gleiche Prognose soll auch die graue Eminenz der US-Außenpolitik, Zbigniew Brzeziński, geäußert haben, als er 1995 auf einer Konferenz im Fairmond Hotel in San Francisco von einer 20:80-Gesellschaft sprach. Demnach müssen bald nur noch 20 Prozent der Bevölkerung arbeiten, um die Nachfrage der Welt zu befriedigen. 80 Prozent müssen durch Brot und Spiele beschäftigt werden. »Tittytainment« soll Brzeziński das genannt haben, aber das ist nicht klar belegt.

Die Arbeitsgesellschaft gerät an ihre Grenzen.

Die Arbeitsgesellschaft, die jedem Menschen ein anständiges Leben ermöglichen soll, stirbt aus. In den westlichen Industrieländern rutschen bereits große Teile der Mittelschicht in die Armut, das ist nur der Anfang einer Entwicklung, die sich in den kommenden Jahren weiter verstärken wird. Immer weniger Arbeit muss unter immer mehr Menschen aufgeteilt werden. Die Kuchenstücke werden immer kleiner.

Der Mensch im Westen, der gerade erst an der Grenze zu einer Zukunft steht, die sein Leben vollkommen verändern wird, spürt diesen Druck schon jetzt. Die Psyche leidet. Die wenig Gebildeten bekommen erst gar keine Arbeit mehr, in Deutschland wartet sozusagen gleich Hartz IV. Diejenigen, die gerade eben noch einen Job finden, müssen länger und härter arbeiten, und sie bekommen dafür weniger Geld, weniger soziale Absicherung, weniger Rentenansprüche und keine Anerkennung.

Die Top-Performer auf der anderen Seite, die Hochgebildeten, die multilingualen Uni-Absolventen mit Auslandspraktika und drei Fremdsprachen kämpfen sich durch ihre 60-Stunden-Wochen, die keinen Raum mehr lassen für etwas anderes als Arbeit, weil sie verinnerlicht haben, dass »die Wirtschaft« das eben erwarte und der Wettbewerb hart sei. Die schlauen, klugen Köpfe müssen vielleicht keine Armut fürchten. Aber sie kämpfen darum, den Wohlstand ihrer Eltern zu halten, sie kämpfen gegen die eigenen Erwartungen, gegen ihr persönliches Scheitern, den Vorwurf, ihre Chancen nicht genutzt zu haben. Die Rücksichtslosen wandern dabei durch die Hierarchien nach oben, die Sensiblen bleiben auf der Strecke und fragen sich, warum die Welt so schwierig ist.

Die Menschen an beiden Enden der Skala – von der ökonomischen Ausschussware bis zur hochqualifizierten Wissensarbeiterelite – teilen eine Gemeinsamkeit: Sie nehmen den zunehmenden Druck, der auf ihnen lastet, als gegeben hin, als allgemeinen Zustand. So sei eben das Leben, sagen sie. Ökonomische Gewalt ist anonym.

Die Krise ist eine Verteilungskrise.

Nicht nur die Arbeit muss aufgeteilt werden unter immer weniger Menschen. Der Ertrag aus dieser Arbeit, die Güter und Gewinne, müssen an immer mehr Menschen verteilt werden, die keinen Lohn bekommen, weil sie arbeitslos sind. Möchte man nun wieder den Krisenbegriff bemühen, könnte man von einer Verteilungskrise sprechen, deren Ausmaße sich gerade erst abzuzeichnen beginnen. Der Markt als Ort der effizienten Allokation, die Angebot und Nachfrage zusammenbringt, ist gescheitert. Für Finanzprodukte, für Waren, für menschliche Arbeitsleistung.

Es wird die Aufgabe des politischen Systems sein, die Mittel, die nur noch Wenige erwirtschaften, durch Gesetze gerecht an alle zu verteilen. Der Sozialdemokrat Gerhard Schröder hat einmal gesagt, es ginge nicht so sehr um Verteilungsgerechtigkeit, sondern um Chancengerechtigkeit. Die Gegenwart zeigt schon jetzt, wie falsch er damit lag.

Amerika und Europa haben bereits jetzt das Problem, dass die Arbeit in den westlichen Marktwirtschaften im globalen Rechenspiel längst zu teuer geworden ist. Es heißt immer, dieser oder jener Staat sei »nicht mehr wettbewerbsfähig«, und damit ist vor allem der Wettbewerb zu viel ärmeren Ländern gemeint, deren Bevölkerung weit unter unserem Wohlstandslevel lebt. Die Volkswirtschaften in Griechenland, Italien, Spanien, Frankreich sind aufgeblasen, ihre Waren auf dem globalen Markt kaum konkurrenzfähig. Arbeitsplätze verschwinden. Große Teile der Bevölkerung in den westlichen Industrienationen driften in die Verelendung. Kein Wachstumspakt wird dagegen etwas ausrichten können, es ist einfach die Logik der Entwicklung menschlicher Arbeit im herrschenden Wirtschaftssystem.

Es ist der Schwäche des Euro-Währungssystems mit ihren unterschiedlich starken Volkswirtschaften geschuldet, dass die Defizite des Weltwirtschaftssystems nun zuerst in Europa so offen zutage treten – und nicht in den USA mit dem US-Dollar als Weltleitwährung.

Nun sitzt die politische Führung Europas regelmäßig zusammen, die »vier Präsidenten« Jean-Claude Juncker, Mario Draghi, José Barroso und Herman van Rompuy, die Staats- und Regierungschefs und ihre Finanzminister, sie suchen verzweifelt nach einem Ende der Krise, versuchen »den Euro zu retten«, aber wollen eigentlich nur einen Vertrauensverlust in das ungedeckte Finanzsystem verhindern.

Die Politiker in Europa blenden die wahren Probleme der Krise aus.

Der Juni in Brüssel wird gegen Ende noch einmal richtig warm. Am letzten Donnerstag und Freitag steht wieder ein EU-Gipfel an, es ist schwül-warm an diesem Tag, die Straßen rund um das Justus-Lipsius-Gebäude sind besonders staubig von den Baustellen.

Am Eingang zum Ratsgebäude: Sicherheitskontrollen wie am Flughafen, alle Taschen und Rücksäcke werden gescannt, die Akkreditierungen geprüft. Die Arbeitsplätze der Journalisten bilden ein Feldlager aus Schreibtischen, es sind mit Sicherheit über 300 Pressevertreter vor Ort. Drinks for free, Essen for free, in der Kantine gibt es Steak mit Bohnen, Kellner räumen die Tische ab. Es ist ein riesiger Auflauf. Die europäischen Regierungschefs kommen morgens ins Ratsgebäude – das nennt sich door step – und geben in ein kurzes Statement in die Kamera ab. Wir erwarten konstruktive Gespräche, die Lage ist ernst, wir werden alles tun, was nötig ist. Zwei Tage Gipfelmarathon, zwei Tage Wahnsinn.


EU-Gipfel, Brüssel
EU-Gipfel, Brüssel
EU-Gipfel, Brüssel
EU-Gipfel, Brüssel


Einen Beschäftigungs- und Wachstumspakt für Europa wollen sie beschließen: Angela Merkel, Francois Hollande, Mariano Rajoy und Mario Monti. Der Pakt ist ein Zugeständnis Merkels, dass ihre Sparpolitik die angeschlagenen Länder der Eurozone nur weiter in den Abgrund reißt. Merkel erklärt dialektisch: »Es ist klar, dass wir auf der einen Seite solide Haushalte brauchen, als zweite Seite der Medaille aber auch mehr Arbeitsplätze schaffen wollen.«

Der Pressesaal in der ersten Etage ist am Abend brütend heiß, es läuft das Spiel Deutschland gegen Italien, die Journalisten gucken Fußball und warten auf die Kanzlerin. Angela Merkel kommt nicht. Bald schaut keiner mehr auf die leere Bühne vorne, sondern nur noch auf den kleinen Fernseher. Eine halbe Stunde vergeht, eine ganze Stunde. Irgendwann taucht Regierungssprecher Steffen Seibert auf und erklärt, es werde heute keine Pressekonferenz der Bundeskanzlerin mehr geben. Verwunderung. Der Wachstumspakt galt als beschlossene Sache, was kann es da noch für ein Problem geben? Erst mal Fußball schauen.

Deutschland verliert, die Italiener jubeln, aber so richtig ist niemand dabei. Es geht auf Mitternacht zu. Manche Journalisten haben gute Kontakte zu den Regierungsspitzen, es gehen Gerüchte um: Spanien und Italien blockieren den Wachstumspakt, weil sie kurzfristige Zusagen von der Kanzlerin wollen. Zusagen für Hilfen, die endlich die erdrückend hohen Zinsen auf ihren Staatspapieren senken. Die letztlich eine Staatspleite abwenden sollen. Die Agenturen schreiben: Italien und Spanien setzen Deutschland massiv unter Druck. «Wir finanzieren uns zu Kosten, die zu hoch sind«, hat der spanische Ministerpräsident Rajoy gesagt. Nun also Verhandlungspoker, ein Showdown in der Nacht.

Am Morgen ist Merkel eingeknickt. Länder mit »guter Haushaltsführung« dürfen sich künftig auch ohne strenge Sparprogramme Geld aus den Hilfsfonds EFSF und ESM leihen. Eine gemeinsame Aufsichtsbehörde der Euroländer unter Einbeziehung der EZB soll die Banken in Europa kontrollieren. Unter dieser Bedingung könnte der Rettungsfonds ESM maroden Banken aus hochverschuldeten Ländern künftig direkte Hilfen gewähren. Es sind die roten Linien der deutschen Krisenpolitik, die Angela Merkel endgültig überschritten hat.

Am Mittag gibt es dann die Pressekonferenz, die eigentlich schon an Vorabend stattfinden sollte. Merkel trägt einen weißen Blazer, sie hat kaum geschlafen in dieser Nacht, um 9 Uhr war sie wieder im Ratsgebäude. Steffen Seibert nimmt Platz, neben ihm die geschlagene Kanzlerin, die jetzt vor den deutschen Journalisten erklären muss, warum sie mit den Zugeständnissen ein Prinzip der deutschen Euro-Politik eben doch nicht aufgegeben hat: Hilfsgelder nur gegen eisernes Sparen, Leistung nur für Gegenleistung.


Angela Merkel


Merkel sagt zum Beispiel einen Satz wie: »Es ist festgelegt worden, dass falls von bestimmten Instrumenten im Sinne der Finanzmarktstabilität – das sind also Sekundärmarktinterventionen, Primärmarktinterventionen – Gebrauch gemacht wird, die Konditionalität inhaltlich dadurch ausgefüllt wird, dass man die Länderempfehlungen der Kommission nimmt und sagt, diese müssen verpflichtend von den Ländern, die einen Antrag stellen, umgesetzt werden, und zwar in einem auszuhandelnden zeitlichen Ablauf.« Es ist ein typischer Merkel-Satz, ein kraftloser, technokratischer Satz. Er soll ausdrücken: Wir befolgen die Regeln, alles hat seine Ordnung. Er sagt in Wirklichkeit: Wir werden jedem weiter unbegrenzt Geld leihen, wenn er nur das Versprechen abgibt, sich zu bessern. Keine Troika, keine Aufseher.

In dieser Antwort auf die Probleme steckt das Problem selbst: Es gibt immer weiter Geld gegen ein Versprechen, das nicht eingelöst werden kann.

Merkel wird noch am gleichen Tag zurückfliegen nach Deutschland, sie wird am Nachmittag im Bundestag sitzen, ihre Augen werden ihr zufallen, man weiß nicht, wie sie das durchsteht, und dann werden die Oppositionspolitiker von SPD und Grünen Brandreden gegen ihre Krisenpolitik halten und am Ende doch für den dauerhaften Hilfsfonds ESM abstimmen. Angela Merkel ist im Grunde eine tragische Person.

Immerhin: Der Wachstumspakt steht. Das Kapital der Europäischen Investitionsbank (EIB) in Luxemburg soll bis Ende 2012 um 10 Milliarden Euro aufgestockt werden. Danach könnte die Bank in den nächsten vier Jahren zusätzliche Darlehen von 60 Milliarden Euro vergeben. Mit den Anleihen will die EU-Kommission außerdem den Ausbau großer Infrastrukturprojekte im Bereich Verkehr, Energie und Telekommunikation mitfinanzieren und private Investitionen in Höhe von rund 5 Milliarden Euro anstoßen. Und rund 55 Milliarden Euro aus EU-Töpfen zur Förderung der Regionen sollen »umgewidmet« werden. Das sind Mittel, die im Finanzrahmen bis 2013 eingeplant, aber noch nicht für konkrete Projekte reserviert sind.

Welche Branchen nun aber wachsen sollen und warum und in welchem Rahmen – das ist unklar. Wachstum, die heilige Kuh des Kapitalismus, soll Europa langfristig aus der Krise führen und die Arbeitslosigkeit bekämpfen. Es sind falsche Antworten auf falsche Fragen.

Warum klammert sich die Politik so sehr an das bestehende System?

Die globale Vermögenselite profitiert vom bestehenden System.

Es gibt wohl keine geheime Weltregierung. Aber es gibt informelle Treffen von Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Medien, Zirkel der Macht, Arenen der Macht, Möglichkeiten der Einflussnahme auf wichtige politische Entscheidungen.

Auf die Herausforderungen der Weltwirtschaft angemessen zu regieren, hieße nicht weniger, als einen Systemwechsel zu wagen. Daran hat niemand ein Interesse, der vom bisherigen System profitiert: die ökonomische Elite, die aus ihrem Geld noch mehr Geld machen und damit reale Güter kaufen kann.

Laut Global Wealth Report gibt es weltweit 11 Millionen Dollar-Millionäre, das sind 0,16 Prozent der Weltbevölkerung. Immobilien sind da noch nicht mit eingerechnet. Die globale Klasse der Reichen, die high net worth individuals (HNWIs), besitzt mehr als ein Drittel des weltweiten Geldvermögens. In den USA gehören dem obersten 1 Prozent der Einkommensskala ein Drittel des nationalen Gesamtvermögens. Das Geld »fließt« quasi von unten nach oben und sammelt sich dort. Das System produziert einige wenige Gewinner und viele Verlierer, wie Nobelpreis-Ökonom Joseph Stiglitz in seinem Buch Der Preis der Ungleichheit skizziert. Nur haben die Gewinner den größten Einfluss auf die Politik.

Der Ökonom John Kenneth Galbraith spricht von den USA als »predator state«: Der Staat enteignet quasi die Massen zugunsten privater, einflussreicher Akteure und Großkonzerne. Mächtige Lobbys und Korruption sichern die Interessen der Militär- und Rohstoffindustrie, des Finanzwesens, die Macht des Geldes und ihren Einfluss auf die Institutionen des Staates. Das Modell funktioniert auf der ganzen Welt.

Abgesehen davon erscheint die Möglichkeit, auf internationaler Ebene einen reset des Banken-, Währungs- und Wirtschaftssystems durchzuführen, als Utopie. Dass schon die zaghaftesten Reformversuche ohne große Erfolgsaussichten verpuffen, kann dafür als Beweis dienen: Die geplante Finanztransaktionssteuer in elf EU-Ländern sieht für den Handel mit Derivaten einen Steuersatz von gerade einmal 0,01 Prozent vor.

Und natürlich fürchtet die Politik das Chaos, das ein unkontrollierter Zusammenbruch der Wirtschaft mit sich brächte: eine Kreditklemme, Rezession, Insolvenzen, Arbeitslosigkeit, ein Zusammenbruch der Sozialsysteme, massive Wohlfahrtsverluste. Ein Kollaps mit unabsehbaren Folgen.

Das weltweit dominierende Wirtschaftssystem funktionierte aber nur für ein kurzes historisches Zeitfenster – solange der Widerspruch aus betriebswirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher Logik aufgehoben werden konnte und mehr Jobs entstanden als verloren gingen. Es ist keine Zukunftsbranche in Sicht, die den Menschen wieder massenhaft Arbeit geben wird. Darauf hat das kapitalistische Wirtschaftssystem keine Antwort. Heute ist auch kein natürliches, stetiges Wirtschaftswachstum mehr möglich. Die Superblase des Finanzmarkts, die dieses Problem fast 30 Jahre verschleiert hat, platzt gerade, die Notenbanken zögern den endgültigen Vertrauensverlust in das Währungssystem noch hinaus.

Die marktliberalen Annahmen, dass etwa Profite auf den Finanzmärkten der Wirtschaft helfen oder niedrigere Löhne Arbeitslosigkeit eindämmen, haben sich als falsch erwiesen. Trotzdem halten die ökonomischen Eliten und die Politik am System fest, während die Mittelschichten ihren Wohlstand verlieren und die Armut im »reichen« Westen zurückkehrt. Diese Situation wird den Menschen als »alternativlos« verkauft. Dabei wird es bald eine historische Notwendigkeit sein, sich über Alternativen Gedanken zu machen.

Für das 21. Jahrhundert stellen sich drei große Frage.

Wie lassen sich die ungedeckten Finanzwerte aus dem Wirtschaftskreislauf abziehen, ohne dass dieser vollkommen zusammenbricht?

Was für ein Wirtschaftssystem funktioniert ohne stetiges Wachstum?

Wie sieht eine menschenwürdige Gesellschaft aus, in der ein großer Teil der Menschen nicht mehr arbeiten muss?

Schon eine Lösung für die erste Frage zu finden, scheint wenig aussichtsreich. Die mediale Öffentlichkeit klammert die Notwendigkeit eines neuen Weltwirtschaftssystems nahezu aus. Es ist unklar, wie lange die Notenbanken mit ihrer expansiven Geldpolitik den Vertrauensverlust in das Währungssystem noch aufrecht erhalten können, wie lange sich der Ausbruch einer Kettenreaktion verhindern lässt. Zusammenbrüche lassen sich, sobald sie einmal richtig losbrechen, in ihrer Dynamik kaum vorhersehen. Eine unkontrollierte Staatspleite im Euro-Raum könnte den Crash auslösen, aber auch eine neue Ölkrise.

Die Krise ist eine Bewusstseinskrise.

Selbst wenn es irgendwie gelingt, die ungedeckten Finanzwerte und damit die Schulden kontrolliert abzubauen – ohne einen Zusammenbruch der Wirtschaft, ohne soziale Unruhen und Bürgeraufstände – dann blieben die langfristigen Fragen dennoch ungelöst.

Welches nachhaltige Produktions- und Verteilungssystem ermöglicht den Menschen in einer Postarbeitsgesellschaft ein Leben in Würde und Frieden?

Die Antwort führt viel weiter als zu neuen wirtschaftspolitischen Systementwürfen. Es ist die Frage nach dem Wesen des Menschen.

Die sogenannte Krise, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erodiert, wird uns irgendwann fragen: Was werden wir für Menschen sein, wenn sich alle Umstände unseres Lebens grundlegend ändern?

Vielleicht werden Werte wie Mitgefühl und Solidarität wieder eine größere Rolle spielen, vielleicht wird es eine Hinwendung zu Bedürfnissen geben, die jenseits des Konsums liegen, die dem inneren Wachstum und der persönlichen Entfaltung als Mensch dienen. Vielleicht werden wir uns mehr den Dingen des Lebens widmen, die nicht verschwinden, wenn wir sie verbrauchen, sondern die erst durch das Teilen wachsen und mehr werden: Liebe, Vernunft, Phantasie.

Das ökonomische System betrifft unser Leben viel weitreichender als durch Arbeitsmarktzahlen, Gehaltsabrechnungen und Konsumausgaben. Es ist eine Schablone für unsere Psyche. Wir alle sind Teil der Krise, denn wir sind alle Teil des Markts. Die meisten Menschen kennen nichts anderes als das kapitalistische Wettbewerbssystem. Die Erwerbstätigkeit eines jeden Bürgers ist bloß noch Selbstzweck und keine Frage des Überlebens mehr. Wir aber haben den Marktmechanismus voll verinnerlicht, er durchdringt alle Bereiche unseres Lebens, das fängt in der Schule an, bei der Bildung. In der Ausbildung oder an der Universität sammeln wir Kompetenzen, um später neben der Konkurrenz zu bestehen, das Leistungsprinzip ist in uns, wir erziehen unsere Kinder danach. Die Wissenschaft unterwirft sich dem Ökonomischen Prinzip, das Gesundheitswesen, die Kultur: Ohne Gewinn gibt es keine Transaktion. Keine Forschung, keine Heilung, keine Muse.

Die Frage nach der finanziellen Verwertbarkeit reicht hinein bis in die menschlichen Beziehungen, bis in unser Privatleben. Wir networken, tauschen Kontakte aus wie nützliche Werkzeuge, und das Unternehmen will mit unserer emotionalen Intelligenz Geld verdienen.

Die Warenförmigkeit des Lebens macht auch vor der Liebe nicht halt, der quasi-religiösen Gegenwelt zur immer härteren Arbeitswelt, das hat die israelische Soziologin Eva Illouz in Der Konsum der Romantik sehr deutlich aufzeigt. Wir nehmen diesen Einfluss gar nicht mehr wahr: Wir schmeißen uns auf den »Singlemarkt«, »umwerben« eine Frau, klicken durch »Partnerbörsen«.

Die Krise des Kapitalismus ist in allerletzter Konsequenz eine Bewusstseinskrise. Der Markt hat versagt. Man könnte auch sagen: Der Mensch hat versagt.

Was kann man selbst tun als junger Erwachsener, der noch ein paar Jahrzehnte in diesem 21. Jahrhundert verbringen wird?

Entschlossen handeln, sich organisieren, revoltieren? An der Überkomplexität der Probleme verzweifeln, resignieren, das Schicksal auf sich zukommen lassen? Sich auf die schönen, subjektiven Wahrheiten des Lebens beschränken: wie man richtig reist, was gute Literatur ausmacht, was es über die Liebe zu sagen gibt. Eskapismus zelebrieren oder Hedonismus? Zyniker werden oder Freiheitskämpfer?

Es gibt vieles, was man tun könnte oder vielleicht tun sollte. Nur eines besser nicht: eine Lebensversicherung abschließen.

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Harare / Masvingo — In Harare möchte man nicht leben. Wohl aber lassen sich dort, wenn man auf Durchreise ist und den ländlichen Gegenden eine Weile den Rücken kehren möchte, zwei Ruhetage verbringen. Nichtsdestotrotz, die Hauptstadt von Simbabwe ist nicht sonderlich ansehnlich. Eben eine klobige, dreckige Millionenstadt in Afrika.

Auf dem mannshohen Zaun, der unsere Pension, die Palm Rock Villa in der Selous Ave, von der übrigen Stadt abschirmte, war eine Rolle Nato-Stacheldraht angebracht, und das musste nun auch irgendwelche Gründe haben. Wir schlenderten nur bei Tageslicht von der Herberge aus in die Innenstadt.

Einer der Taxifahrer zeigte uns eines Abends – wir hielten an einer Tankstelle und kauften Wasser – die Narben auf seinem Kopf. Einmal nämlich, erzählte er, hätten ein Mann und eine Frau versucht, seinen Wagen zu rauben und ihn mit einem gewöhnlichen Schraubenzieher attackiert. Tagsüber schien indes die Sonne, die Straßen der Downtown machten keinen allzu lebensbedrohlichen Eindruck.


Harare
Harare
Harare
Harare
HarareHarare, Downtown.

Great Zimbabwe
Great Zimbabwe
Great ZimbabweDie Überreste des alten Munhumutapa-Reiches.

Leider verkehren die Minibusse zwischen Great Zimbabwe und Masvingo nach Einbruch der Dunkelheit höchst unregelmäßig. Ein Taxi für eine Strecke von 39 Kilometern ist auch in Simbabwe, wo es keine eigene Landeswährung mehr gibt und stattdessen mit relativ teuren US-Dollar und südafrikanischen Rand gezahlt wird, eine wohlüberlegte Investition. Wir entschieden uns dagegen und für das Fahren per Anhalter. Generell ist Trampen in Südostafrika natürlich mit einem gewissen Risiko verbunden, das je nach Situation und Tageszeit wiederum zu vernachlässigen ist. Wir hatten aber ohnehin das Glück, von einem offensichtlich sehr wohlhabenden Parlamentarier und seiner Frau in einem geräumigen, schwarzen SUV-Geländewagen mitgenommen zu werden.

Er habe vor, mit einer Schule in Deutschland zu kooperieren, erklärte der Mann, ob wir ihm da nicht einen Kontakt empfehlen könnten. Wir tauschten Adressen aus und bedankten uns für die Fahrt, entstiegen im überaus ruhigen Zentrum von Masvingo und ließen uns zu Kaffee und Bananenmilchshakes in einem hell erleuchteten Lokal nieder.

Übernachten kann man übrigens gut in der Titambire Lodge, die Pension am Stadtrand erinnert mehr an ein Privathaus als eine öffentliche Herberge.


Great Zimbabwe
Great Zimbabwe
Great ZimbabweAbendstimmung am Great Zimbabwe National Monument.

Bewegt sich der Reisende in Simbabwe nun von Masvingo nach Norden, sollte er geerdet genug sein, um sich auf Harare einlassen zu können, wozu eingangs im Prinzip alles Wichtige gesagt worden ist. Man könnte nun noch erwähnen, dass es bei unserer Ankunft in der Stadt für mindestens einen ganzen Tag kein fließendes Wasser geben sollte, was angesichts der staubigen Überlandpisten für ein gewisses Unwohlsein sorgte. Allerdings stellte der Besitzer der Pension seinen Gästen auf Nachfrage große Plastiktonnen mit gesammeltem Regenwasser zur Verfügung. Der Geruch des fragwürdigen Inhalts konnte die latente Assoziation mit Motoröl während des Duschens allerdings nie vollständig zerstreuen. Am Busbahnhof der Stadt steht darüber hinaus die mit Abstand schlimmste öffentliche Toilette im südlichen Afrika.

Um eine Floskel aus dem Reiseklassiker Ferien für immer zu bedienen: Harare ist womöglich nicht so schlimm, wie es hier dargestellt wurde.

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Ascunción

Asunción ist nur ein Name auf der Landkarte in Südamerikas vielleicht unspannendstem Land. Träge fließt der Río Paraguay in der Chaco-Hitze. Man kommt ohne Erwartungen und geht ohne Wehmut.

I. Der Anlass

Als reisender Mensch findet man irgendwann Gefallen an Orten, die andere nicht einmal besuchen würden, wenn man ihnen eine Reise dorthin schenkte. Das in vielerlei Hinsicht unbedeutende Paraguay jedoch findet sich in wirklich keiner wichtigtuerischen Bucket-List, von denen es in den Weiten des Internets so viele gibt. Das hat seinen Grund. In Paraguay gibt es schlicht nichts zu sehen – zumindest nicht für einen normalen Reisenden, der keine fünf Jahre in Südamerika verbringt, um die lokalen Bräuche in jedem Dorf zwischen Cartagena und Ushuaia zu erforschen.

Auch wir waren also nur »auf Durchreise«, wie man so sagt. Auf der Route von La Paz nach Buenos Aires liegt nun einmal Paraguay, das man durchqueren muss, will man die Iguazú-Wasserfälle besuchen. Und so machten wir Halt in der Hauptstadt Asunción, von der man gemeinhin nicht mehr kennt als den Namen auf der Weltkarte.

Tatsächlich handelt es sich um eine der ältesten Städte in Südamerika, gegründet 1537 von den Spaniern. Offizieller Name damals wie heute: La Muy Noble y Leal Ciudad de Nuestra Señora Santa Maria de la Asunción. Die Stadt ist Zentrum des Landes, der Industrie, der Korruption, eine halbe Million Einwohner, keine bedeutenden Sehenswürdigkeiten. Einfach mal nichts tun, auch schön. Wir blieben zwei Nächte in Asunción.


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II. Die Erwartungen

An eine Stadt wie Asunción hat man eigentlich überhaupt keine Erwartungen. Paraguay weckt nun mal keine Sehnsüchte, und seine Hauptstadt ist für nichts bekannt außer den Umstand, eben Hauptstadt von Paraguay zu sein. Eigentlich ist das eine ziemlich gute Ausgangslage, denn jeder weiß: Erwartungen können enttäuscht werden. Wer aber gar keine Bilder im Kopf hat, schafft größtmöglichen Raum für Überraschungen. Man könnte sagen: Wir waren erwartungsvoll, ohne überhaupt etwas zu erwarten.

III. Der erste Eindruck

Wir reisten von Nordwesten an, über die Ruta 9, die etwas nördlich der Stadt den braunen, behäbigen Río Paraguay überquert. Jenseits des Flusses erkennt man von weitem die Wolkenkratzer, die signalisieren, dass man nun die Hauptstadt des Landes erreicht hat. Wir strandeten an einem Sonntag in Asunción, und es war praktisch menschenleer auf den Straßen. Über allem lag eine stickige Hitze, die wohl typisch für das subtropische Chaco-Klima ist. Die heißen Straßen lösten eine große Behäbigkeit aus. Man konnte sich gut vorstellen, wie die Reinkarnation von Klaus Kinski hier irgendwo auf einer morbiden Veranda hockte und – vor Nichtstun wahnsinnig geworden – grobe Unverschämtheiten von sich gab.


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IV. Die Orientierung

Das Stadtzentrum ist wie viele andere Viertel wie ein Schachbrett angelegt, sodass man sich anhand der Straßennamen eigentlich nicht verlaufen kann. Wer auf einem Spaziergang die wenigen schmucken Gebäude Asuncións ablaufen möchte, startet am besten am Plaza de los Héroes mit dem Pantheón. Es ist auch sinnvoll, sich dort in der Nähe eine Unterkunft zu besorgen. Zum Fluss ist es nicht weit. Wer eigensinnige Gründe dafür findet, sich noch andere Gegenden der Stadt anzuschauen – bitte.

V. Der Sehnsuchtsort

Wenn man behauptet, Ascunción habe keine Sehenswürdigkeiten, dann ist das natürlich eine subjektive Verkürzung. Es gibt ein paar repräsentative Gebäude im Kolonialstil. Allerdings wurde die Stadt im 19. Jahrhundert unter der Diktatur José Gaspar Rodríguez de Francias komplett zerstört – und da war Paraguay schon unabhängig. Während man in anderen südamerikanischen Städten wie Sucre oder Cusco also das architektonische Erbe der Spanier bestaunen kann, sind in Asunción kaum Gebäude aus der Kolonialzeit erhalten. Das Pantheón zum Beispiel wurde 1863 gebaut. Eine Altstadt im geläufigen Sinne – üblicherweise der charmanteste Ort einer Stadt – gibt es also nicht.

Alternativ könnte man sich einfach an den Río Paraguay setzen und beim Blick auf den trüben Fluss ein wenig schwermütig werden. Womöglich finge man dabei an, zu trinken. Aber das ist letztlich nichts, was man einem Reisenden in Asunción ernsthaft empfehlen möchte. Rückblickend fühlten wir uns wohl in unserem Hostal el Jardin mit seinem kleinen Garten am wohlsten. Wenn allerdings die Unterkunft der schönste Ort ist, dann spricht das in bemerkenswerter Klarheit gegen das Reiseziel.


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VI. Das Gefühl beim Abschied

Hasta que algún dia, würde wohl einer sagen, der Spanisch beherrscht. Bis eines Tages – oder eben auf Nimmerwiedersehen. Aber das ist kein Vorwurf. Es ist bloß so, dass Asunción so behäbig und unspektakulär ist, dass ein Besuch eher träge macht, als einen zu neuen Kräften bringt. Und die kann man schon gebrauchen, wenn man zwei Tage vor Ankunft mit einem Bus zwanzig Stunden vom bolivianischen Hochland hinab in die Yungas gefahren ist.

So empfindet man beim Abschied von Asunción: nichts. Keine Wehmut, kein Bedauern. Aber auch keine Euphorie, kein großes Endlich-weg-hier. Eher ist es so, als käme man gleichsam einer schon lange nicht mehr benutzten Maschine langsam wieder in Fahrt. Man freut sich konkret auf das, was vor einem liegt – auf die Iguazúfälle, auf Buenos Aires. Hinter einem liegt nur ein tropisches Nirgendwo, Hochhäuser und Bäume unter einer Hitzeglocke, leere Straßen und kleine Gärten und ein brauner Fluss.

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