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Philipp Laage

Über den Wolken, die kurz nach der Dämmerung in den schwarzen Alpentälern hängen, werden die schneebedeckten Gipfel der Ortlergruppe von den ersten Sonnenstrahlen in oranges Licht getaucht. Weit darüber wacht noch der Mond, an tiefes Dunkelblau geheftet. Im Nordosten glüht der Himmel hinter den Silhouetten der Bergkämme hervor, als schmelze dort jemand Erz. Kein allzu trübsinniger Anblick für einen Morgen, an dem man noch vor dem Frühstück rasch auf den Similaun steigen möchte. Wir brechen um kurz vor 6 Uhr am Niederjoch auf, schon nach einigen Minuten erreicht man den Gletscher.


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Königspitze (links), Monte Zebrù (Mitte) und Ortler (rechts) von der Similaunhütte.
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Fineilspitze vom Niederjochferner.


Über eine einzige Gletscherrampe geht es nach oben zum Gipfel, das Eis zieht sich hinauf bis zur Spitze des Berges. Im unteren Teil des Ferners folgt der Weg erst dem Felshang, bis der Gletscher über einen leichten Bruch abfällt und die Spuren nach rechts oben kreuzen, damit man nicht allzu steil aufsteigen muss. Die Spalten liegen noch frei, der Schnee ist am frühen Morgen aber ohnehin hartgefroren. Wir steigen über die Westflanke auf, irgendwann fällt die Sonne über das funkelnde Eis und bestätigt die Hoffnung auf einen vorzüglichen Tag. Bis zum Gipfelaufbau verlaufen die Spuren ziemlich eben, sie sind nicht tief, die bezackten Stiefel finden einen guten Halt. Die Sonne versucht den Dunst aus den Tälern zu verdrängen, aber es will ihr nicht recht gelingen. Der Similaun hüllt seinen Gipfel immer noch in Wolken.


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Similaun vom Niederjochferner.


Das Eis wird steiler, als wir uns dem Gipfel nähern, keine zwei Stunden liegen hinter uns. Zickzack-Spuren ziehen sich den Hang hinauf, über uns treiben Wolkenfetzen vorbei. Noch ein Vorstoß nach rechts, und wir blicken über die Bruchkante nach Italien. Die Sicht auf die Berge ist verschleiert durch den Nebel. Zurück nach links auf den windigen Firngrat, der zum Gipfelkreuz führt. Die Wolken reißen auf, man schaut auf den 200 Meter tiefer fließenden Gletscher herunter, der wie das Wasser eines Ozeans auf dem Berg liegt, nur um den Blick wieder über die weißen Wolkenkissen hinweg in Richtung Horizont zu richten, der irgendwo mit dem Himmel verschwimmt, während zähes Nebelgrau noch höherer Wolken die gesamte Szenerie einrahmt. Der moderate Aufstieg raubt nicht allzu sehr den Atem, der Blick vom Similaun-Gipfelgrat – man möge mir diese kitschige Analogie verzeihen – um einiges mehr. Zeit für eine Rast, auch wenn sie kurz vor dem Gipfel kommt. Oben angekommen müssen wir uns etwas gedulden, bis der Dunst endgültig aufreißt und der einzige Viertausender der Ostalpen in den Himmel ragt.


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Grafferner vom Gipfelgrat des Similauns.
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Hintere Schwärze vom Similaun.
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Marzellspitzen (vorne) und Hintere Schwärze (hinten) vom Similaun.
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Piz Palü (links) und Piz Bernina (rechts) vom Similaun.
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Monte Vioz und Pàlon de la Mare (links) mit Monte Cevedale (Mitte) vom Similaun.


Similaun (3599 m)
Anreise: bis Vent (1895 m)
Hüttenzustieg: über Martin-Busch-Hütte (2501 m), ca. 4 Stunden
Übernachtung: Similaunhütte (3019 m), +39 473 669711, 40 Zimmerlager, 30 Lager, ab 10 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, Gletscherspalten, ca. 2 Stunden


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Es geht immer ein wenig bergauf, aber das merkt man gar nicht. Kaffee- und Kakaoplantagen streifen das Busfenster, ebenso kleine Kinder in adretten Schuluniformen, überhaupt die ein oder andere primary oder secondary school, auszumachen nur am Empfangsschild, dazu Supermärkte für die durstigen Bergtouristen, als letzte zivilisatorische Fluchtpunkte vor der Wildnis des Berges. Die beiden Sachsen und Oliver hüpfen aus dem Van, um etwas bottled water zu kaufen, und werden sogleich von einigen Händlern umringt. Dann wieder das ratternde Geräusch des Motors. Am Straßenrand stehen Frauen in bunten Tüchern, die Bananen verkaufen oder wahlweise Ramschsouvenirs. Die Straße steigt gegen Ende doch immer steiler an, und die Vegetation wird auf den letzten asphaltierten Kilometern zum Machame Gate zunehmend üppiger. Die Besteigung des Kibo über die Machame-Route verspricht – so ist überall zu lesen gewesen – landschaftlich am reizvollsten zu sein. Tito, mein Bergführer, sitzt hinter mir im Bus, und auch Roy, der fast zahnlose Guide meiner drei deutschen Reisebegleiter, hat im hinteren Teil Platz genommen.

Am Machame Gate wird schließlich die horrende Nationalparkgebühr von 650 US-Dollar fällig, die dafür spricht, dass ein großer Anteil der zu entrichtenden Reisekosten nicht etwa dem Bergführer oder dem Koch und den Trägern zugutekommt, sondern zweifelsohne in die Taschen der lokalen Bürokratie fließt. Schnell werden die permits ausgestellt und das Gepäck umgeladen, und bevor die Sonne, die in Tansania eigentlich fast den ganzen Tag im Zenit steht, ihren höchsten Punkt erreicht hat, stehen wir inmitten des tropischen Bergwalds, der die unteren Hänge des Kilimandscharo-Massivs säumt. Ein paar Affen verständigen sich im undurchdringlichen Grün des Dschungels durch lautes Brüllen von Baum zu Baum. Eine Ameisenstraße kreuzt den Weg. Kopf und Kiefer der Tiere sind zusammengenommen größer als der restliche Teil ihrer Körper, so als wäre es zumindest anatomisch das oberste Ziel, andere Insekten in der Mitte durchzubeißen. Tito rät mir eindringlich, von diesen Ameisen Abstand zu nehmen.


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Machame Gate, Abwiegen der Ausrüstung.


Unsere Gruppe geht sehr langsam. Das hängt nicht unbedingt mit dem wohlgeformten Bauch des Sachsen zusammen, der sicher schon einiges an deutscher Hausmannskost und ungezählte Pilsbiere verköstigt hat – etwas, worauf es zumindest in den kommenden sechs Tagen zu verzichten gilt. Vielmehr bekommt der Reisende am Kilimandscharo eigentlich bei jeder erdenklichen Gelegenheit den Ratschlag »pole pole« ans Herz gelegt, also »langsam, langsam«. Dies ist mehr als ein halbgarer Versuch der einheimischen Bevölkerung, den Touristen ein Gefühl von tansanischer Sprache und somit Kultur zu vermitteln. Der Hinweis, möglichst gemächlich aufzusteigen, hat einen praktischen, medizinischen Hintergrund: Am Gipfel des Kibo sind Luftdruck und atmosphärische Sauerstoffdichte nicht einmal mehr halb so groß wie auf Meereshöhe, was einen ausreichenden Akklimatisationsprozess zur physiologischen Anpassung des Körpers unabdingbar macht.

Immer wieder hört man Geschichten von Turnschuh-Japanern, die im nepalesischen Lukla am Tenzing Hillary Airport aus der klapprigen Propellermaschine steigen und sogleich umkippen und ohnmächtig werden. In La Paz soll es sich ähnlich verhalten. Für die Höhenanpassung, worunter hauptsächlich die Erhöhung der Konzentration an roten Blutkörperchen als Träger des Sauerstoffs zu verstehen ist, braucht der Körper also Zeit. Aus diesem Grund gestalten sich die ersten zwei Tage am Berg für einen trainierten Menschen eher als ausgedehnter Spaziergang denn ernstzunehmende Wanderung. Das ist aber auch vollkommen in Ordnung, schließlich braucht man einige Zeit, um überhaupt zu realisieren, dass man sich gerade quasi in einem riesigen, nicht abgeschlossenen und wildwüchsigen Tropenhaus befindet. Bemooste Stämme kreuzen sich in diffuser Undurchsichtigkeit, die feuchte Luft verdichtet sich regelmäßig zu grauen Nebelschwaden, und alles um einen herum ist grün, grün, grün.


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Kilimandscharo, tropischer Bergwald.


Der erste Tag am Kili ist noch nicht Realität für mich, sondern mehr wie eine Schablone, die mir jemand vor die Augen geschoben hat. Eben noch ein Whisky im Flieger, um einschlafen zu können, plötzlich schweißnasse Haare auf der Stirn und zwei große Augen über einem offenen Mund, der nichts begreift und nichts ausdrücken kann. Wie so oft prägen sich die Bilder, die von den Sinnesorganen ins Bewusstsein eingespeist werden, erst später dort ein. Dennoch: überall um mich herum die Suche nach Wörtern für das, was gerade passiert, in vielen Sprachen. Der eher zwanglose Marsch zum Machame Camp auf etwa 3000 Metern eignet sich derweil bestens für einen ausgedehnten Plausch mit den anderen Reisenden und meinem Bergführer. Als ich mit Tito eine Rast einlegt, überholen uns die Träger, die weiter oben am Berg das Lager für uns errichten werden. Ich erkläre Tito, dass es für mich als Europäer ein schieres Ding der Unmöglichkeit sei, auch nur eine Wasserflasche fünf Meter geradeaus auf dem Kopf zu transportieren, verzichte aber auf einen Versuch, meine Unfähigkeit unter Beweis zu stellen. Das amüsiert den jungen Mann ungemein, und er lacht herzlich wie ein Kind in den feucht-warmen Mittag hinein. »In Africa head is for carrying, in Germany head is for thinking«, sagt er. So so.

Das Machame Camp sieht aus wie ein versprengtes Flüchtlingslager. Überall stehen Zelte, dazwischen Zedern, Erika-Sträucher und Akazien, etwas lichter schon, aber immer noch deutlich höher als der Mensch. Die Vegetation ist eben überhaupt noch nicht alpin, was in 3000 Metern Höhe befremdlich wirkt, wenn man nur die Alpen kennt, in denen auf gleicher Höhe kein Strauch mehr wächst. Nach der absolvierten Tagesetappe, gegen deren Ende Tito und ich uns schon deutlich von den anderen Bergsteigern abgesetzt haben, gibt es Tee, Kaffee, Popcorn und Erdnüsse. Ich nehme auf einem Klappstuhl Platz, und Tito erzählt mir von Tansania. Zum Beispiel, dass es als Mann möglich ist, so viele Frauen zu haben, wie man will, solange man für sie zahlen kann. Für Homosexualität gibt es für Männer hingegen zwanzig Jahre Gefängnis, bei Frauen sind es immerhin noch sieben.

Ich kläre Tito über die Bedeutung seines Kappenschriftzugs auf – es ist wie gesagt »beauty hunter« – und auch das findet er ungemein komisch, gibt aber an, in festen Händen zu sein. Die Erläuterungen zu Tansanias politischem System erscheinen mir aus dem Mund des erst 26 Jahre alten Afrikaners darüber hinaus viel interessanter, als sie in einem Reiseführer nachzulesen. So rückt die Dunkelheit immer näher, die in Tansania schnell kommt und immer zur gleichen Tageszeit, so als würde jemand ein großes, schwarzes Tuch über das Land werfen.

Die Zeit nach dem Abendessen – es wird üblicherweise gegen 18 Uhr angerichtet und besteht immer aus einer Suppe, einem Hauptgericht mit Reis oder Nudeln sowie Hülsenfrüchten und Karotten in einer pikant-würzigen Soße und einigen Früchten als Nachtisch – verbringe ich üblicherweise im Gemeinschafts- und Essenszelt von Oliver und den zwei Sachsen. Einer der beiden will seinen 60. Geburtstag auf dem Gipfel des Kibo feiern. Ein ambitioniertes Ziel, keine Frage. Grundsätzlich legen die zwei Herren eine gewisse Spur von Kolonialherrenmentalität an den Tag, was sich auch darin zeigt, dass ihr Reisegepäck, das von den Trägern transportiert wird, aus zwei handelsüblichen Koffern besteht, aus denen nach getaner Arbeit die sorgfältig gefalteten, frischen Baumwollhemden hervorgezogen werden, und das Stofftuch, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Die zwei werden von den Einheimischen recht schnell nur noch »the papas« genannt. Zwar können sie kein Englisch, was die Verständigungsversuche mit ihrem Bergführer Roy immer sehr sehenswert macht, und haben sicher noch nie etwas von Facebook oder Tony Hawk oder von Vintage-Jeans gehört, wissen aber zum Beispiel einiges aus Mexiko, Birma und Indien zu berichten, und aus manch anderen Ländern, die sie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bereist haben.

Im Machame Camp herrschen am Tag immer noch angenehme Temperaturen, mit der Dunkelheit zieht aber Kühle ins Lager ein. Mein Schlafsack hält sehr warm, und so verbringe ich eine erholsame Nacht im Zelt. Am Morgen hat sich jedoch ein wenig Feuchte über meine Sachen gelegt, aber zum Glück bleibt noch etwas Zeit, um die Isomatte und das Handtuch in der Morgensonne zu trocknen. Pünktlich um 8 Uhr regt Tito den Aufbruch an, und schon sehr bald, nachdem er herausgefunden haben, dass ich ein »fasty one« bin, beschließt er, das Schritttempo zu erhöhen, um dem allmittäglichen Regen zu entgehen. Der kommt immer um 13 Uhr, danach kann man die Uhr stellen. Tagesziel ist heute das Shira Camp auf knapp 4000 Metern.


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Mount Meru.


Die Landschaft verändert sich an diesem zweiten Tag schon deutlich, bedingt durch das rauere Klima. Der Pfad ist von Baum-Heide, Erika-Sträuchern und mannshohen Farnen umsäumt, die das erste Mal den Blick auf die afrikanische Savanne freigeben. Vom Flachland aus betrachtet sieht das Kilimandscharo-Massiv eigentlich gar nicht so hoch aus, von den immer noch niedrigen 3200 Metern aus bekommt der Betrachter das erste Mal ein Gefühl für die nicht unbeachtliche Höhe, in der er sich ja bereits befindet. Weiter oben am Berg hüllt uns Nebel ein, und ein riesenhafter Rabe versucht Tito die Knochen seines Hühnerschenkels abzujagen. Jetzt wird auch das Gelände steiler, brüchiger und felsiger. In dem Maße, wie die Höhe zunimmt, schrumpft die Vegetation. Der Marsch zum Shira Camp ist aber noch wenig anstrengend, auch wenn die »papas« schon zu kämpfen haben. Das lässt sich jedoch eher auf ihre Kondition als auf die Höhe zurückführen.


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Kibo.


Das Shira Camp wird, wie zu erwarten war, um die Mittagszeit in grauen Regen getaucht. Im wahrsten Sinne des Wortes bleibt nichts anderes zu tun, als abzuwarten und Tee zu trinken. Das kann man auch eigentlich nicht oft genug tun, denn aufgrund der schnelleren Atmung in größerer Höhe verliert der Körper viel mehr Flüssigkeit als sonst. Ich glaube, Hans Kammerlander hat einmal gesagt, wer auf so einen richtig hohen Berg will, der wird damit scheitern, wenn er nicht zweimal in der Nacht zum Pinkeln raus muss. Um diese durchaus leidige Angelegenheit zu meistern, entwickele ich im Laufe der Besteigung immer ausgefeiltere Techniken, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Als die anderen Bergsteiger das Camp erreichen, hat der Himmel schon wieder aufgerissen, das Sonnenlicht fällt wie gezeichnet durch die Wolken und legt sich über die Ebene. In der Ferne ragt der Mount Meru aus dem Land heraus, ein Vulkan, der über 4600 Meter hoch ist. Was sich im Shira Camp als sehr wohltuend herausstellt, ist die warme Wasserschüssel, die dem Reisenden jeden Tag zweimal zum Waschen gereicht wird. Durchaus ein Luxus.


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Shira Camp.


Als Tourist, der man ja nun trotz aller Abenteuerlust ist, fühlt man sich etwas beschämt, wenn man sich abends in seinem Einzelzelt einrichtet, während die tansanische Entourage Abend für Abend dicht gedrängt in einem einzigen Zelt schläft. Letztlich bringt es aber auch gar nichts, sich ob der eigenen Bequemlichkeit und Faulheit zu verurteilen, denn schließlich beschert der Bergtourismus den Einheimischen bei aller Plackerei ein handfestes Einkommen, das durch die üblichen Trinkgelder nach Abschluss der Tour noch einmal verdoppelt wird. Und man möchte sich nicht vorstellen, wie es um die Stadt Moshi bestellt wäre, fiele dieser Geschäftszweig plötzlich weg. Tansania ist eines der ärmsten Länder der Welt, und der Großteil der Bevölkerung lebt von ein wenig kümmerlicher Agrarwirtschaft. Diesen Berg vor der Haustür zu haben, mit dem so viele von fern angereiste Menschen mit heller Haut tiefe Sehnsüchte verknüpfen, die sie dazu veranlassen, für die Besteigung einen nach Landesverhältnissen exorbitanten Geldbetrag zu zahlen, ist ein kleiner Segen.

Man könnte jetzt pathetisch anmerken, dass die Träger ja eigentlich die wahren Helden am Kilimandscharo sind, denn so ganz unbegründet ist diese Aussage nicht, aber einen Westler oder von mir aus auch einen Japaner auf diesen Gipfel zu führen, ist nun einmal ein einträgliches Geschäft. Der Afrikaner hat ein gutes Auskommen, der Europäer entflieht für einen Moment seinen Annehmlichkeiten, der Routine seines Alltags, seinem Überfluss, der Sinnentleertheit seines postmodernen Lebens, einem Zustand, in dem er alles haben kann und deshalb oft überhaupt nichts, in dem es alles schon gab und gibt, und in dem er immer etwas mehr sucht, als er überhaupt zu kriegen vermag, weil er schon immer so gelebt hat, wie er lebt, und für diese Flucht, dieses Sich-Entziehen, legt er einen ordentlichen Batzen Geld auf den Tisch. Ein bisschen pervers ist das schon.

Im Shira Camp senkt sich die Sonne und strahlt nur noch die höher liegenden Wolkenschichten an. Der Mount Meru ist nur noch als Silhouette erkennbar. Jemand im Lager hat Geburtstag, es wird ein Lied angestimmt. Drüben im Zelt scherzen und lachten die Tansanier noch eine ganze Weile, sie bleiben immer länger wach als die Touristen. Ich setze mich, bevor ich sehr früh schlafen gehe, in gesundem Abstand zum Toilettenhäuschen, das es in dieser Höhe tatsächlich gibt, auf einen Felsen, bis mir kalt wird. Eine Zeitlang beobachte ich nur die wechselnden Lichtverhältnisse, eine Tätigkeit, in der so etwas wie Müßiggang liegt, und die ich als spannend und entspannend zugleich empfinde. Die Wolken sehen sehr plastisch aus, so als habe jemand sie aus Knete geformt, oder vielleicht aus Watte, und in die tansanische Steppe gestellt. Ich sitze tatsächlich in Schwarzafrika in 4000 Metern Höhe in der Wildnis und blicke über das unter mir liegende Land. In meinem Kopf spielt jemand das alte Lied von Aufbrechen und Ankommen, Nähe und Ferne, Suchen und Nichts-mehr-Suchen, Sehnsucht und Einkehr. Die Nacht ist kälter als die vorherige, am Morgen hat es gefroren.


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Shira Camp.


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Der Elbrus im Kaukasus ist der höchste Berg Russlands und zählt zu den berühmten Seven Summits. Eine kuriose Reise auf das Dach Europas, zwischen brennender Gipfeleuphorie und brennendem Plastikmüll.

I — SIEBEN GIPFEL

Die Seven Summits sind ein Mythos. Zumindest für mich, der nicht in den Bergen aufwuchs. Wir machten zwar jeden Sommer Wanderurlaub in Mayrhofen, doch der Hausberg hieß Ahornspitze, keine dreitausend Meter, und wenn der Gipfel im Juli mal eingeschneit war, sah das schon verdammt gefährlich aus. Die Berge waren für mich nie natürliches Habitat, sondern eine Ausnahme von der Regel, nur zweite Heimat.

Ich weiß nicht mehr, in welchem Alter ich den Begriff Seven Summits zum ersten Mal hörte, aber er löste sofort eine unheimliche Faszination aus. Die höchsten Gipfel der sieben Kontinente: sagenhafte Orte großer Abenteuer, mächtig, magisch, fast schon transzendent. Und unerreichbar in diesem kleinen Leben, das man sein eigenes nennt. Doch die Ferne und auch die Gipfel schrumpfen, je älter man wird.

Ich bestieg nicht nur die Ahornspitze, auch Wilden Freiger, Großvenediger, Großglockner, ein paar stattliche Dreitausender also. Und irgendwann nahm ich einen höheren Berg ins Visier: den Kibo im Kilimandscharo-Massiv, höchster Punkt Afrikas. Technisch unschwierig, nur die Höhe von 5895 Metern ist eine Herausforderung. Und siehe da: Damit kam ich gut klar. Und so hatte ich meinen ersten Seven Summit bestiegen. Aus dem Mythos war Wirklichkeit geworden. Man kann diese Berge erklimmen.


Gipfel des Kibo (2010), ernster Blick und rote Hände.


Die Seven Summits sind allerdings eine Klammer für sieben Gipfel, die sich in Zugänglichkeit, Schwierigkeit und Ernsthaftigkeit (ein wunderschöner Begriff aus der Bergsteigersprache, der noch jenseits vom technischen und konditionellen Anspruch so etwas wie das gesamte Gefahrenpotential eines Berges meint) extrem unterscheiden.

Der Kilimandscharo in Tansania ist ein technisch leichter Trekkingberg, der jedes Jahr von vielen Menschen erwandert wird, die sonst nicht bergsteigen. Der Denali in Alaska (6190 Meter) dagegen ist ein ernsthafter Expeditionsberg in einer unwirtlichen Klimazone, der wegen seiner Abgelegenheit tadellose Logistik voraussetzt; Stürme und polare Temperaturen von minus 30 Grad sind häufig – ein Gipfel für Profis. Der Aconcagua in Südamerika (6962 Metern) wiederum lässt sich dank des trockenen Klimas an guten Tagen sogar ohne Steigeisen erwandern. Der Gipfel ist anspruchsvoll wegen der Höhe und möglicher Wetterstürze.

Der Mount Vinson (4892 Meter) bleibt ein Berg für absolute Spezialisten, weil er nun einmal in einer Eiswüste namens Antarktis liegt. In Australien ist man sich unschlüssig, welcher als höchster Berg gelten darf: der Mount Kosciuszko (2228 Meter), ein leichter Wanderberg, oder die Carstensz-Pyramide in Indonesien (4848 Meter), dummerweise in einem Bergbaugebiet gelegen. Aber ehrlich gesagt ist der höchste Berg Australiens auch eher unspannend.

Und dann ist da natürlich der legendäre Mount Everest, mit 8848 Metern der höchste Berg der Erde in Asien. Seine Besteigung führt in die »Todeszone«, wo der menschliche Körper auch in völliger Ruhe stetig abbaut. Objektiv liefert der Everest keine großen technischen Schwierigkeiten. Mit Fixseilen, Flaschensauerstoff, Sherpas und einem soliden Wetterfenster ist der Aufstieg für einen trainierten (und reichen) Bergsteiger durchaus machbar. Bloß wenn ein kleines Detail schiefgeht, wird es gleich lebensgefährlich.

Bleibt der Elbrus in Russland, nach gängiger Ansicht höchster Berg Europas. Mein Bruder, ein guter Freund und ich wollten diesen Berg besteigen: 5642 Meter Höhe, ein weitläufig vergletscherter Vulkankegel nahe der Grenze zu Georgien, mein zweiter der Seven Summits.

Ein weiteres Mal sollte der Mythos entzaubert werden, das Reich des Phantastischen in die reale Welt überführt werden. Viele Kindheitsträume werden in der Realitätsmühle des Erwachsenenlebens langsam zerrieben – manche bleiben und wollen wahr werden.


Elbrus, West- und Ostgipfel.


II — VON PISTEN UND RAUPEN

Der Elbrus ist eine Naturgewalt. Den zweithöchsten Gipfel des Kaukasus überragt er noch um einige hundert Meter. Wer bei Google Maps auf Satellitenmodus umschaltet und auf den Elbrus zoomt, sieht zuerst einen weißen Klecks, der dann aber schnell riesig wird. Dieser gigantische Gletscherturm ist also das Ziel. Wie kommt man da hoch?

Dazu ein paar praktische Ausführungen:

Wie kommt man zum Elbrus?

Die meisten Reisenden aus Deutschland fliegen mit Aeroflot über Moskau ins Provinzstädtchen Mineralnyje Wody. Von dort sind es noch einmal drei Stunden mit dem Auto oder Bus in den kleinen Talort Terskol am Fuß des Elbrus. Wir hatten die ganze Tour über einen deutschen Veranstalter gebucht, der auch den Transfer organisiert hat.


Terskol, Szene am Straßenrand.


Wie schwierig ist der Elbrus?

Aus alpinistischer Sicht ist der Elbrus ein technisch einfacher Berg. Es gibt keine Kletterpassagen und nur wenig ausgesetzte Stellen. Die Spur auf der Normalroute ist ausgetreten. In regelmäßigen Abständen wurden dünne Stöcke in den Schnee getrieben, damit man nicht von der spaltenfreien Aufstiegsroute abkommt. Viele Bergsteiger gehen ohne Seil. Im Prinzip muss man nur sicher auf Steigeisen laufen können. Im Prinzip.

Einen Berg kann man nie allein anhand seiner objektiven Schwierigkeiten bewerten. Die Wetterbedingungen und die persönliche Erfahrung des Bergsteigers sind ebenso wichtig. Jedes Jahr sterben laut der örtlichen Bergrettung 15 bis 30 Menschen am Elbrus. Wie uns berichtet wurde, brach drei Wochen vor unserer Reise ein amerikanischer Polizist allein zum Gipfel auf, offenbar gut trainiert – niemand sah ihn je wieder.

Laut dem Leiter der Bergrettung am Elbrus sterben die Leute, weil sie ohne Führer unterwegs sind, ihre Kondition überschätzen und in Schlechtwetter geraten. Im Nebel und Sturm ist es leicht, von der Route abzukommen und in eine der zahllosen Gletscherspalten zu stürzen. Oder die Leute sind nicht ausreichend akklimatisiert, ignorieren die Symptome der Höhenkrankheit und brechen irgendwann zusammen. Nicht der Berg selbst macht den Aufstieg gefährlich, es ist – in der Regel – die Verantwortungslosigkeit der Leute.


Akklimatisierung auf der Schneerampe.


Wie besteigt man den Elbrus?

Das Zauberwort heißt – wie an allen hohen Bergen – Akklimatisierung.

Kurzer medizinischer Einschub: Mit steigender Höhe nimmt der Luftdruck ab. Denn je mehr man sich vom Meeresniveau entfernt, umso kürzer wird quasi die Luftsäule zwischen Atmosphäre und Erde. Damit nimmt auch der sogenannte Sauerstoffpartialdruck ab: Die Lunge kann nicht mehr so viel Sauerstoff aufnehmen, der Körper wird also unterversorgt. Man wird höhenkrank. Der Blutdruck erhöht sich, in lebenswichtigen Organen wie Lunge und Gehirn sammelt sich Flüssigkeit (Ödembildung), was unbehandelt und ohne sofortigen Abstieg in niedrigere Höhen bald zum Tod führt.

Akklimatisierung bedeutet vereinfacht gesagt, seinen Körper langsam an die große Höhe zu gewöhnen. Man geht nicht in einer Tour vom Tal auf den Gipfel, sondern bewegt sich langsam aufwärts. Man steigt zum Beispiel auch mal einige hundert Höhenmeter auf, nur um diese wieder abzusteigen und weiter unten zu übernachten. So bilden sich innerhalb weniger Tage mehr rote Blutkörperchen für den Sauerstofftransport.

Unser Programm sah so aus: Ankunft in Terskol auf 2140 Metern. Tag eins: Mit der Seilbahn auf 3700 Meter und von dort auf 4100 Meter. Nacht im Tal. Tag zwei: Wieder auf 3700 Meter und einen Wohncontainer beziehen. Aufstieg auf 4500 Meter, Nacht auf 3700 Metern. Tag drei: Aufstieg bis zum Pastuchov-Felsen auf 4700 Meter, Nacht auf 3700 Metern. Tag vier: Ruhetag auf 3700 Metern. Tag fünf: Gipfelsturm. Unser Programm war durchaus eng getaktet, zwei Tage mehr zur Akklimatisierung wären besser gewesen.


Gletscherbach.

Steigeisen anlegen.

Oberhalb des Pastuchov-Felsens auf etwa 4800 Metern.


Wie ist die Infrastruktur am Berg?

Wer das erste Mal vom Elbrus hört, mag den Berg für abgelegen und einsam halten – das Gegenteil ist der Fall. Als höchster Berg Russlands und einer der Seven Summits lockt der Gipfel Bergsteiger aus der ganzen Welt, vor allem aber aus Russland selbst. Außerdem besuchen viele Tagestouristen seine Hänge, weil sie die Seilbahn in drei Etappen (zweimal Gondel, einmal Sessellift) bis auf 3700 Meter bringt.

Zwischen 3500 Metern (Station der Gondelbahn) und 4100 Metern (Diesel Hut) gibt es mehrere Hütten, dutzende Blechcontainer und noch mehr versprengte Zeltplätze. Es ist ein wahrer Massenauflauf. In einer milden und sturmfreien Nacht machen sich bestimmt um die 250 Menschen oder sogar noch mehr auf den Weg zum Gipfel.

Unsere Reisegruppe bestand aus sieben Teilnehmern plus Bergführer Viktor. Zu acht bezogen wir einen der Container, eingerichtet mit bequemen Stockbetten. Sogar Strom gab es, denn hässliche Masten ziehen sich vom Tal bis hoch auf die Bergflanke. Im benachbarten Container verpflegte Köchin Nadeshda uns und andere Gruppen mit Tee, Kaffee, Nudeln, Frikadellen, Pelmeni und köstlicher Bortsch. Die Verpflegung und Wasser in Kanistern hatten wir mit der Seilbahn auf den Berg gebracht.


Keine Alpenvereinsidylle: Unterkünfte und Seilbahnen am Elbrus.


Wie läuft der Gipfeltag ab?

Gipfeltag trifft es nicht wirklich. Je nach Startpunkt bricht man irgendwann zwischen 23 und 2 Uhr in der Nacht auf. Wie an jedem hochalpinen Berg ist man bemüht, spätestens um die Mittagszeit wieder unten zu sein. So vermeidet man Gewitter, die besonders gerne nachmittags aufziehen, und allzu weichen Schnee, der sich in Lawinen lösen kann und das Risiko von Spaltenstürzen erhöht – oft sind die Risse im Eis überschneit.

Vom Lager in 3700 Metern Höhe auf den 5642 Meter hohen Westgipfel sind es gut 1900 Höhenmeter. Schon in den Ostalpen wäre das eine mehr als zünftige Gipfeletappe. In der dünnen Luft am Elbrus ist es eine Strecke, die die Kraft vieler Aspiranten übersteigt.

Und so hat sich ein System etabliert, das gleichermaßen als Aufstiegshilfe für die Touristen und gewinnträchtiges Geschäftsmodell der einheimischen Russen fungiert: Auf dem unteren Teil des Gletschers fahren Pistenraupen. Die Fahrzeuge bringen die Bergsteiger in der Gipfelnacht bis zum Pastuchov-Felsen auf 4700 Meter – eine Fahrt kostet 600 Euro. Klingt nach irre viel Geld. Doch geteilt durch zwölf Personen, die auf dem Gefährt Platz finden, ist das ein annehmbarer Preis, um die zu bewältigenden Höhenmeter zu halbieren. Das Angebot wird von vielen Bergsteigern dankend angenommen.

Wer den Berg komplett aus eigener Kraft bezwingen möchte, kann dies natürlich trotzdem tun. Aus unserer Gruppe war ich allerdings der einzige.


Schneeraupen, auch Ratraks genannt.


III — RUSSISCHE MENTALITÄT

Unser Ruhetag am Elbrus war sonnig und warm. Wir hockten auf den Steinen vor unserem Wohncontainer und waren guter Dinge. Alle fühlten sich ausreichend akklimatisiert. Das Wetter in der Gipfelnacht sollte gut werden. Plötzlich roch es komisch – beißend.

Entgeistert stellten wir fest: Keine zwanzig Meter von unserem Container entfernt brannten Säcke voller Plastikmüll. Nicht wegen eines Missgeschicks. Ein russischer Mitarbeiter der nahen Berghütte hatte die Säcke mit Spiritus übergossen und angezündet. Mindestens vier Stunden schwelte der Brand. Der giftige Rauch wurde vom Wind genau zu unserer Hütte getragen, er zog durch die Ritzen in den Container, legte sich auf die Matratzen, kroch in die Schlafsäcke. Wir waren zuerst ungläubig, dann entrüstet – und flüchteten schließlich.

In Skandinavien würde man wegen einer solchen Aktion wahrscheinlich sofort des Landes verwiesen, in der Schweiz ins Gefängnis gesteckt. Auch vom Deutschen Alpenverein dürfte man keine Milde erwarten. Wir trafen Viktor und konfrontierten ihn mit der einzig naheliegenden Frage: Wie zur Hölle konnte so etwas sein?

Viktor lächelte etwas verlegen. »It’s Russian mentality.«

Wir mussten davon ausgehen, dass Viktor Recht hatte. Überall am Berg rund um die Lager hing der Müll zwischen den Felsen: Metall, hunderte von verrosteten Konservendosen, verreckte Maschinen, verrottete Fässer. Niemand fühlte sich dazu berufen, die Hinterlassenschaften der Menschen ins Tal zu bringen, die Hänge zu reinigen. Keiner war sich einer Schuld bewusst. Die Natur am Elbrus galt offenbar nicht als allzu schützenswert.

Ich hatte mich als Kind nicht einmal getraut, beim Wandern ein benutztes Taschentuch in die Wälder zu schmeißen. Ich war bekümmert.


Müll nahe der Lager.


Der schuldlose Viktor versöhnte uns, mit seinem ruhigen Wesen und seiner lakonischen Art, die wohl auch Ausdruck russischer Mentalität war.

Am Ruhetag absolvierten wir ein Sicherheitstraining. Es ging darum, den Sturz auf einem vereisten Hang möglichst schnell mithilfe des Pickels zu bremsen. Wir warfen uns rückwärts, vorwärts und bäuchlings auf einen kurzen steilen Hang und studierten die Handgriffe ein. Man hat nur wenige Sekunden, sonst wird man zu schnell.

Viktor schaute sich die Technik der Teilnehmer an. Von jedem wollte er in jeder Körperhaltung mindestens zehn Versuche sehen. Nach anderthalb Stunden waren wir durch. Erwartungsvolle Frage aus der Runde an unseren Bergführer: »So, how did we do it?« Hier ging es doch irgendwie um Leben und Tod, oder nicht?

Viktor lächelte unter seinem schmalen Intellektuellen-Schnauzbart hervor wie der Schriftsteller, der er auch hätte sein können. Kurzes Schweigen, dann sagte er leicht amüsiert: »It’s your life.« Wir lachten herzlich.


»Russian mentality«: Bergführer Viktor, ein verkannter Poet?


IV — A RUSH OF BLOOD TO THE HEAD

Vor der Gipfelbesteigung schläft man schlecht. Oder überhaupt nicht. Wir haben um 18 Uhr zu Abend gegessen und uns gleich danach artig in die Stockbetten gelegt. Mein Herz pocht schnell und kräftig. Nicht weil ich schlecht akklimatisiert bin, mehr vor Aufregung. Die Minuten kriechen vorwärts, zweimal muss ich noch raus. Man hört, wie die anderen versuchen zu schlafen. Wälzen, Räuspern. Wenigstens schnarcht niemand. Kurz nach zehn klingelt mein Wecker.

Die anderen brechen erst um 0.45 Uhr von der Hütte auf, weil sie die Pistenraupe nehmen. Ich trage meinen Rucksack und die Stiefel möglichst leise aus dem Container, um niemand zu wecken. Die Nacht ist mild, fünf Grad, vielleicht mehr. Die Wolken vom, nun ja, Vorabend (es ist ja immer noch der gleiche Abend) haben sich verzogen. Das ist gut.


Grandioses Abendlicht vor der Gipfelnacht.


Drüben im anderen Container hat Nadeshda, die gute Seele unserer Unternehmung, schon Porridge gemacht. Ich esse mit Appetit, die Müdigkeit klebt noch hinter den Lidern. Heißer Tee wandert in meinen Becher und in meine Trinkflasche, ich kaufe außerdem eine kleine Flasche Coca-Cola, weil ich sonst nur anderthalb Liter dabei hätte. Zu wenig.

Dann kommt mein persönlicher Bergführer Sascha in die Stube. Er musste gestern hoch zur Hütte kommen, weil es eben doch einen Idioten gibt, der nicht die Raupe nehmen und stattdessen von der Hütte den gesamten Weg auf den Gipfel laufen möchte. Sascha weicht meinem Blick aus, sagt praktisch nichts. Dann geht er wieder raus. Wir wollen um 23 Uhr aufbrechen.

Kurz vorher schaue ich aus der Stube, niemand zu sehen. Als ich dann rauskomme, steht Sascha da und sagt: »I am waiting for you five minutes.« Mir wird klar: Er hat echt keinen Bock. Minimalkommunikation.

Wir laufen los, betont langsam. Ich kann durch die Nase atmen. Die Nacht beginne ich mit zwei langärmeligen Funktionsshirts unter der Hardshell-Jacke, das passt. Nach den ersten zwanzig Minuten auf Schotter geht es auf den Gletscher. Steigeisen anlegen, Fleecehandschuhe ebenso.

Der Weg wird nun mehrere Stunden der Gletscherpiste folgen, die ich schon von den Akklimatisierungstouren kenne. Bis auf 4900 Meter geht es hinauf, dort ist eine Pistenraupe verreckt und versinkt langsam im Schnee. Ich habe mir den Weg bis dorthin in vier Mini-Rampen eingeteilt.

Die erste ist nur ein kurzer Aufschwung hinauf zur Diesel Hut auf 4100 Metern. Dann geht es über mehrere Wellen im Gletscher hinauf zum ersten Felsriemen, 4400 Meter. Der nächste Riemen sind die Pastuchov-Felsen auf 4700 Metern, Rampe drei. Nummer vier führt zur Raupe. Das ist der Weg, den ich schon einmal gelaufen bin.

Sascha hustet in die Nacht. Wir halten nur zweimal kurz, um etwas zu trinken. In der Ferne zucken über der weiten Ebene nördlich des Kaukasus Blitze durch die Dunkelheit. Meine Blicke gehen immer wieder besorgt nach rechts. Zu oft musste ich an hohen Bergen schon umkehren, um mir der Sache jetzt sicher zu sein. Auch wenn über uns Sterne sind.


Die Nächte vor dem Gipfelaufstieg sind kurz oder nicht vorhanden.


Sascha bittet auf Rampe zwei um eine weitere Pause. Bald darauf um noch eine. Wenn wir anhalten, fange ich bald an zu frieren. Ich muss feststellen, dass Sascha zu langsam für mein Tempo ist. Und der Weg ist eindeutig. Immer mehr Stirnlampen in der Nacht: Bergsteiger, die von anderen Stützpunkten aufgebrochen sind. Die Spur ist breit und ausgetreten, der Mond scheint hell. Ich beschließe, mein Tempo zu gehen. Sascha fällt zurück.

Kurz vor Rampe drei überholt mich die Pistenraupe, auf der mein Bruder und unsere Truppe zum Pastuchov-Felsen fahren. Ein lautes Ungetüm in der stillen Nacht. Sie sehen mich, ich winke mit meinem Trekkingstock. Mir wird warm ums Herz.

Auf den steileren Passagen des Gletschers laufe ich kleine Serpentinen, das kostet weniger Kraft. Ich steige mit solidem Tempo, der Atem geht ruhig. Hinter dem Pastuchov-Felsen lege ich ein drittes Funktionsshirt an. Die Cola ist fast leer, nach gut vier Stunden Aufstieg.

Nach der verreckten Raupe geht es noch einige Höhenmeter steil bergauf, lotrecht zum Hang. Die Nachtschwärze dämmert langsam davon. Blick nach rechts: Es wird kein Gewitter mehr von Norden hereinziehen. Zum ersten Mal bin ich sicher, dass der Gipfeltag stabiles Wetter bereithält. Diese Erkenntnis lässt mich innerlich jubeln, treibt mich an. Und es ist noch etwas anderes: Ich weiß, ich werde bald meinen Bruder einholen.

Nach dem steilen Aufschwung quert die Route nach links unterhalb des ausladenden Ostgipfels vorbei. Der Weg ist hier weniger steil. Ich mache schnelle und konzentrierte Schritte. Mein Bruder, ich will ihn einfach nur einholen und in den Arm nehmen.

Adrenalin steigt auf, ein Höhenrausch setzt ein. Ich spüre, wie gut ich akklimatisiert bin, könnte jauchzen vor Freude. Bin erleichtert über das gute Wetter, jetzt kann nichts mehr schief gehen. Mein Bruder vor mir, mein guter lieber Bruder. Ich bin so unerklärlich bewegt von all dem, dass mir Tränen in die Augen schießen. Ich weine, und in meinem Rücken touchiert die Morgensonne die ersten Bergspitzen am Horizont.


Bergsteiger auf dem Weg zum Elbrus-Sattel gegen fünf Uhr morgens.


Kurz vor dem Sattel zwischen Ost- und Westgipfel hole ich unsere Gruppe ein, es ist kurz nach fünf Uhr. Mein Bruder und mein Kumpel sehen schon ganz schön fertig aus. Ich spreche ihnen Mut zu, laufe mit ihnen. Doch im Sattel merke ich, wie mein Kreislauf runterfährt, wie es mich schüttelt. Die Jungs sind in guten Händen, Viktor ist bei ihnen. Ich muss mein Tempo machen, sonst klappe ich hier zusammen. Zeit für die Daunenjacke.

Vom Sattel aus folgt die Route einem steilen Aufschwung auf das Gipfelplateau, es sind noch dreihundert weitere Höhenmeter. Hier oben ist das keine Kleinigkeit. Erschöpfung macht die Beine schwer. Ich kämpfe gegen die Steigung, Schritt für Schritt, es ist mühsam. Doch endlich laufe ich in die Morgensonne hinein, vom Schatten ins Licht.


Licht und Schatten im Elbrus-Sattel.


Auf dem Plateau sind schon einige Bergsteiger. Die Sonne strahlt so unschuldig, dass man sich kaum vorstellen kann, dass an diesem Berg regelmäßig so viele Menschen den Tod finden. Breit und wenig steil führt der Weg nun die letzten Meter hinauf zur höchsten Firnspitze.

Auf dem Gipfel werden Fahnen ausgerollt, auch ich muss Bilder schießen, für zwei heitere Kasachen. Den Gipfel bezwungen, für Ruhm und Ehre und das Vaterland, so muss es wohl sein. Ich lasse meine Blicke von diesem riesigen Vulkankegel umher wandern. Schokolade, Tee, ich sammele meine Kräfte. Es ist halb acht, ich bin achteinhalb Stunden aufgestiegen.

Zwei Teilnehmer aus unserer Gruppe erreichen den Gipfel. Wir gratulieren uns gegenseitig und machen Fotos. Die beiden erzählen, dass mein Bruder und mein Freund umgekehrt seien. Dann beginne ich mit dem Abstieg. Schade, ich hätte es ihnen so gegönnt.

Kurz bevor das Gipfelplateau endet, tauchen auf einmal zwei Menschen vor mir auf – es sind mein Bruder und mein Kumpel! Sie sind offenbar doch weitergegangen. Und nunmehr völlig erschöpft. Aber sie haben es geschafft.

Ich verteile Schokolade und Tee, drehe noch einmal um. Wir gehen die letzten Meter zusammen. Es ist das Schönste, gemeinsam hier oben zu sein.


Gipfelplateau und Gipfelaussicht.



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Zum ersten Mal in meinem Leben spüre ich die drückend-warme Luft Afrikas. Auf den Gipfel des Kilimandscharo soll es gehen, ohne Frage ein ambitioniertes Vorhaben. Vorher erlebe ich noch ein anderes Gefühl, das für mich gänzlich neu ist.

Moshi — Der Mann mit der Maschinenpistole lächelt mürrisch die Menschen an, die durch die Passkontrolle kommen. Er ruht in seiner beigen Uniform etwas abseits auf einem Stuhl und sieht für westliche Augen ein bisschen so aus wie ein Milizenführer. Über den Gepäckbändern kreisen im fahlen Neonlicht derweil unzählige Moskitos und anderes Getier nervös durcheinander. Es ist halb elf abends und das Thermometer zeigt etwa 25 Grad an. Ich schwitze sehr unter meinem Fleecepullover, aber die Aussicht, bereits am Flughafen von Stechmücken in Beschlag genommen zu werden, erscheint mir wenig verlockend. Die meisten Wartenden, von denen nicht wenige durch ihre sonnengegerbte Haut und die Safaribekleidung weltläufige Reiseerfahrung auszustrahlen versuchen, stehen erst einmal in der gedrungenen Eingangshalle herum und wissen nicht so recht, was sie mit der Situation anfangen sollen.

Ich plaudere mit Jenny und Mathias, die ich am Flughafen in Amsterdam kennengelernt habe. Jennys Gepäck kommt jetzt, natürlich, nicht über das Gepäckband gefahren. Wir erfahren, dass auf den Flügen der KLM, die herunter zum Kilimanjaro Airport gehen, gerne das ein oder andere Gepäckstück liegen bleibt, weil sonst die zulässige Maximaltraglast überschritten wäre. Das ist natürlich, so oft es auch passiert, ein echtes Ärgernis. Als ich meinem Fahrer zu verstehen gebe, dass nun eben das Gepäck einer Mitreisenden noch nicht angekommen sei, man nun einige Erkundigungen einholen wolle und er doch bitte noch zehn Minuten warten möge, ist die Verwirrung perfekt.

Offenbar habe ich den guten Mann mit meinem Englisch maßlos überfordert, er verweist mich hilflos wieder und wieder an die Gepäckstelle und schiebt mir ein Formular unter die Nase, glaubt er doch, ich selbst würde mein Gepäck vermissen. Das ist aber Unsinn, schließlich hängt der große, grüne Seesack offensichtlich über meiner Schulter. Irgendwann scheint auch mein Fahrer von dieser Sachlage überzeugt zu sein. Das Gepäck des Mädchens hingegen liegt tatsächlich in Holland. Ich tippe meine Telefonnummer in ein sehr altes Handy, das im Gegensatz zu meinem funktioniert. Man wird sich dann morgen im Hotel sehen, vermutlich.


DSC_0046Der Kilimandscharo vom Park View Inn aus gesehen.


Im nächsten Moment sitze ich in einem kleinen Van, der in Deutschland definitiv keine TÜV-Zulassung bekommen hätte. Die in regelmäßigen Abständen künstlich über den Asphalt gezogenen Bodenwellen überfährt der Fahrer noch genau mit einer solchen Geschwindigkeit, bei der er davon ausgehen kann, dass der Wagen keinen nachhaltigen Schaden davontragen und diese Fahrt von 40 Kilometern nach Moshi somit nicht die letzte für ihn selbst gewesen sein wird, bevor man ihn aufgrund seiner Fahrlässigkeit und des mutwilligen Verschleißens von Firmeneigentum hochkantig hinauswirft. Die Steppe ist vom Vollmond hell erleuchtet, am Straßenrand stehen einige dürre Büsche. Ab und zu überholen wir Fußgänger, die noch einen weiten Weg vor sich haben.

Die Silhouette des gewaltigen Bergmassivs des Kilimandscharo zeichnet sich im Mondlicht am Horizont ab. Die Position des Berges im Verhältnis zum Fahrzeug scheint sich während der gesamten Fahrt aufgrund des enormen Ausmaßes dieser topografischen Erhebung überhaupt nicht zu verändern. Durch diese Distanzlosigkeit habe ich ein bisschen das Gefühl, die Straße würde unter uns auf einer riesigen rotierenden Kugel hinweggezogen, während sich Berg und Wagen, wie auf einer durchsichtigen Ummantelung darüber liegend, keinen Meter von der Stelle bewegen. Einige Gemäuer, zusammengestellte Plastikstühle, Holzkarren und spärliche Laternenbeleuchtung rauschen sehr schnell an uns vorbei.

Obwohl ich ein paar Menschen sehe, überkommt mich ein Gefühl relativ entschiedener Verlassenheit. Also frage ich den Fahrer, wie viele Einwohner die Stadt Moshi habe, jedoch scheint mir seine Antwort »around one million« bei aller betont nachlässigen Großzügigkeit deutlich zu hoch. Das macht aber auch gar nichts, denn es ist ohnehin dunkel und ich ein wenig erleichtert, als wir, der Fahrer und ich, endlich das Parkview Inn erreichen. Im Badezimmer töte ich nicht ganz ungeschickt eine Stechmücke, deren Überreste an der weißen Wand kleben bleiben, und krieche dann rasch unter das Moskitonetz, weil ich nicht weiß, ob man diesem Malarone wirklich trauen kann. Im matten Zimmerlicht bahnt sich das engmaschige Netz seinen Weg von der Aufhängung an der Zimmerdecke bis hinab auf mein Laken. Ich komme mir vor, als fielen klebrige Riesenspinnweben auf mich herab, wie bei der Spinne Kankra im Herrn der Ringe. Aber ich bin eben auch sehr müde an diesem Abend.


Parkview Inn Moshi
Parkview Inn Moshi
Parkview Inn Moshi
Parkview Inn MoshiIm Park View Inn in Moshi.


Weil es ab spätestens halb neun viel zu heiß ist, um schlafen zu können, stehe ich trotz dieser typischen Reiseerschöpfung recht früh auf, um ein Frühstück aus scrambled eggs, halbherzig geröstetem Weißbrot und aromatischen Minibananen zu mir zu nehmen. Im Anschluss holt mich mein Guide im Hotel ab. Sein Name ist Theodory, oder einfach Tito. Er sieht mit seinem schwarz-rot gestreiften Polohemd und der Kappe mit dem Schriftzug »Beauty Hunter« ein bisschen so aus wie eine Mischung aus Zeitungsverkäufer und Tennisspieler. Bereits am immer noch frühen Vormittag fühlt sich meine Stirnhaut recht ölig an.

Ich nehme in den Räumlichkeiten von Mauly Tours auf einem durchgesessenen Sofa Platz, um mich über die bevorstehende Besteigung des Kibo unterrichten zu lassen. Jegliche Erläuterungen zur nötigen Ausrüstung, zum Verlauf der Route und zu den zu durchschreitenden Klimazonen sind mir natürlich schon bekannt. Ich lausche jedoch aus Höflichkeit brav dem Vortrag des jungen Mannes, denn es scheint mir, als sei er sehr stolz darauf, dieses Wissen nun, in diesem bedeutungsträchtigen Moment, vortragen zu können. In Wirklichkeit ist das für ihn aber vermutlich reine Routine. Um ihm nicht das Gefühl zu geben, ohnehin schon über alles Bescheid zu wissen, stelle ich wohl dosiert einige Zwischenfragen und leihe mir am Ende sogar noch für zehn Dollar ein Paar Gamaschen, deren Mitnahme ich vor Reiseantritt eigentlich als überflüssig erachtet habe.

Entgegen der meisten anderen Bewohner von Moshi machen die meisten der Bediensteten im Parkview Inn eine Miene, als sei ein naher Verwandter gestorben, und deshalb habe ich keine große Lust, meinen verbleibenden freien Tag dort zu verbringen. Als ich Tito meinen Plan unterbreite, nun in die Stadt gehen zu wollen, grinst er mich leicht verstohlen an, nuschelt etwas von »you can get robbed« und gibt mir mit einem undefinierbaren Achselzucken zu verstehen, dass es wohl bei mir liegt, was daraus wird.


Mauly Tours Moshi
Mauly Tours MoshiBlick aus dem Fenster von Mauly Tours in Moshi.


Ich gehe noch einmal zurück ins Hotel und treffe dort Oliver, einen jungen Kerl, der am nächsten Tag zusammen mit mir aufsteigen wird. Nachdem ich erfahre, dass er bereits seit Weihnachten durch Afrika reist, an einer Rallye von Marokko über Mauretanien bis in den Senegal teilgenommen hat, im Zuge dessen in Fés im abendlichen Stadtverkehr beinahe ohne Benzin liegen geblieben, dann aber doch irgendwann von Dakar nach Johannesburg geflogen ist, um einige Wochen in Südafrika zu verbringen, scheint mir sein gutgemeinter Ratschlag, dass man sich in Moshi bei Tag keine Sorgen machen muss, als durchaus annehmbar, und so spaziere ich bei mittlerweile gleißender Mittagssonne die Aga Khan Road hinab in Richtung Mawenzi Road. Es ist sehr heiß, der Straßenrand sehr holprig, und ich bin wirklich sehr weiß in dieser tansanischen Sonne.

In der Ziellosigkeit dieses Tages liegt ein gewisser Reiz, aber ich beschließe dennoch, Mathias und Jenny in ihrem Hotel, dem Buffalo, aufzusuchen. Meine Kamera habe ich im Rucksack verstaut, einer närrischen Hoffnung folgend, ich könne ein paar tolle Schnappschüsse dieser gänzlich fremden Stadt einfangen. Je mehr ich mich jedoch in den Gassen verliere, umso unangebrachter und, nun ja, gefährlicher erscheint mir dieses Vorhaben. Obwohl die meisten Afrikaner, mit denen ich ins Gespräch komme, sehr freundlich und gebildet sind, lassen die beiläufig fallengelassenen Verweise auf diese oder jene »art gallery« eines Cousins oder Freundes erkennen, dass dieser viel zu weiße Mann in erster Linie ein kleines Geschäft verspricht.

Und auch wenn man davon ausgehen kann, dass es sich bei den meisten Zeitgenossen nicht um hinterhältige Straßenräuber handelt, sondern um einfache Einwohner, die ihrem Tagwerk nachgehen, halte ich die Idee, auf dem übervollen Marktplatz von Moshi meine Kamera aus der Tasche zu ziehen, für keine gute. Vergliche man den Preis meines kleinen Reisebegleiters mit dem durchschnittlichen tansanischen Monatslohn, so käme man zu dem Schluss, dass es bei gegebener Situation eigentlich überhaupt keine andere Möglichkeit gibt, als mir diese Kamera mit den dazu nötigen Mitteln abzunehmen. Alles andere wäre absurd. Abgesehen davon gibt es aber nicht viel zu rauben, denn in den zwei Stunden, die ich in den Straßen und Gassen verbringe, sehe ich genau zwei Menschen, die annähernd europäisch aussehen. Wenn es hier tatsächlich Touristen gibt, dann halten sie sich alle im Schatten ihrer kleinen Hotels und Hostels auf.

Zu allem Überfluss gebe ich an anderer Stelle allzu tölpelhaft meine Ortsunkenntnis preis, sodass mir ein Mann namens Jonathan sogleich anbietet, mich zum Buffalo geleiten zu wollen. Ohne zu wissen, weshalb genau, folge ich dem Mann, der sich selbstverständlich auch als »local artist« entpuppt und mir alsbald seine handgemalten Bilder für zwei Dollar das Stück anbietet. Entweder ist es um die Vielseitigkeit der tansanischen Handwerkskunst wahrlich schlecht bestellt, oder aber die vermeintlich selbstgefertigten Drucke stammen doch aus maschineller Hand. Man muss jedenfalls kein blitzgescheiter Mensch sein, um zu erkennen, dass sich die an allen Ecken angebotenen Bilder ziemlich ähneln. Man könnte auch sagen: Es sind die gleichen. Im Hotel kann ich derweil niemanden antreffen, also hinterlasse ich eine Notiz an der Rezeption. Dumm, unwissend, westlich feilsche ich einige Zeit mit Jonathan darüber, wie viel seine kurze Führung nun wert ist und lasse ihn dann mit 2000 tansanischen Schilling davonziehen. Für ihn ist es sicher noch ein gutes Geschäft. Ich fühle mich schlecht, als ich daran denke, wie viel Geld ich manchmal in Deutschland an einem einzigen Abend vertrinke.

Nach einem Dutzend Gesprächen über angebliche Verwandte in Deutschland und unzähligen »hakuna matata brother Phil« bekomme ich in erster Linie Hunger und setze mich in ein kleines Straßenrestaurant. Ich bestelle etwas mit chicken und Reis und beobachte den Koch, der unter freiem Himmel ein ganzes Huhn, über dem einige schwarze Fliegen kreisen, mit einem groben Beil in kleine Stücke hackt. In diesem Moment frage ich mich, was in Gottes Namen ich hier überhaupt gerade tue, und mit einem Mal komme ich mir sehr einsam vor. Das halte ich im zweiten Nachsinnen aber schon wieder für einen dummen Gedanken, vermutlich liegt es nur daran, dass Mathias und Jenny nicht im Hotel gewesen sind. Denn eigentlich bin ich sehr vergnügt darüber, hier im vollkommenen Nirgendwo auf einem Plastikstuhl zu sitzen und eine Cola aus der Flasche zu trinken.

Auch wenn man denkt, schon alles aus dem Fernsehen oder dem Internet oder von all den wahnsinnig individuell durch die Welt ziehenden Erasmus-Traveller-Freunden zu kennen, die heutzutage mit einer Selbstverständlichkeit durch Indochina backpacken, als führen sie einen Sonntag ins Naherholungsgebiet Berlin Barnim, lerne ich dort, in Afrika, ein gänzlich neues Gefühl kennen – und zwar das, ein Fremder zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass ich tatsächlich der einzige Weiße bin, den ich seit einer Stunde gesehen habe. Vielleicht auch daran, dass offensichtlich ist, dass ich hier keiner Beschäftigung nachgehe, sondern als Tourist umherreise. Ich falle aus dem Bild heraus. Kein Gefühl von multi-kulti, wie man es noch von früher von der kindlichen Aufregung am Flughafen her kennt, oder später ultrahip und kosmopolit-urban von der Kreuzberg-Stipvisite des letzten Berlin-Besuchs. Auch kein Gefühl, in einem prickelnd-aufregenden Schmelztiegel der Völkervernetzung durch das Gewühl einer Metropole zu streifen. An diesem frühen Nachmittag des 5. März bin ich das erste Mal in meinem Leben wirklich ein Fremder. Nicht, weil ich herablassend behandelt werde oder die Menschen eine grundlegend schlechte Meinung von mir haben, sondern weil ich dort bin, wie ich dort bin. Man kann es lesen aus dieser Restaurantszene wie aus einem Buch, und erkennen in jedem Schritt, den ich betont gleichgültig versuche über die erdige und aufgeheizte Straße zu setzen.

Satt wie ich schließlich bin, stellt sich an diesem Punkt meiner Reise nun die alte Frage nach einer ernstzunehmenden Nachmittagsangetrunkenheit. Da so etwas alleine selbst auf Reisen wenig Charme hat und wohl überhaupt nur Spross von viel zu vielen realitätsverzerrenden Romaneindrücken ist, gebe ich meinen sportlichen Ambitionen der nächsten Tage einstweilen Vorrang und mache mich zurück auf den Weg ins Hotel. Dort angekommen überkommt mich eine große Müdigkeit. Bevor ich mich mit einem Buch in den Innenhof setze, ruhe ich eine Weile auf meinem Zimmer. In der Ferne ragt der schneebedeckte Gipfel des Kilimandscharo aus den Wolken. Der armselige Pool liegt etwas deplatziert im Schatten des benachbarten Gebäudes.


Parkview Inn MoshiBlick vom Balkon meines Zimmers im Park View Inn in Moshi.


Gänzlich unerwartet tauchen auf einmal Mathias und Jenny im Innenhof auf, und es gibt ein mittelgroßes Hallo. Angesichts dieser Wendung der Ereignisse kommen wir nun doch nicht umher, einige Kilimanjaro Lager zu ordern und werden mit nahender Dunkelheit, sitzend und erzählend, zunehmend angetrunkener. Hat mich im Laufe des Mittags noch das Gefühl einer gewissen Einsamkeit gestreift, entwickelt sich der Tag nun also doch zur vollen Zufriedenheit aller. Allerdings, Jennys Gepäck ist immer noch nicht da, und obendrein akzeptiert keine der ortsansässigen Banken ihre Kreditkarten, was zusammengenommen für ein wenig Anspannung sorgt. Soviel kann aber verraten werden: Vor dem Antritt ihrer Gipfelbesteigung wird das vermisste Gepäckstück doch noch ankommen.

Im Anschluss unseres zweistündigen Plauschs gehen wir herüber in die Bristol Lodges. Dort treffen wir Oliver vom Vormittag wieder und obendrein zwei andere Herren, mit denen ich meine Tour am Morgen beginnen soll. Es gibt chicken curry, süßsaures Gemüse auf Reis, noch mehr Kilimanjaro Lager, und jeder erzählt, was ihn nun zu diesem Berg verschlagen hat, der da in gut 30 Kilometern von uns aus der Steppe herausragt und seine 5000 Meter Höhenunterschied zum Flachland aus der Ferne in keiner Weise erkennen lässt. Jeder erzählt also, und alles in allem sind wir wirklich ziemlich unterschiedliche Menschen, die da an diesem Tisch sitzen, während ein Tansanier im Smoking sich an einem alten Klavier bemüht, das ohne jeden Zweifel noch aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft stammt, wenn nicht sogar der deutschen.

Die Nacht beginnt früh in Tansania, und so werden wir recht bald müde. Ab und zu fällt der Strom aus, und die Terrasse, auf der die Essecke eingerichtet ist, wird in Dunkelheit getaucht. Es dauert immer einige Augenblicke, bis der Notgenerator anspringt, und bis dahin ist es still, eine Stille, als könne man nun, wo es kein Geräusch mehr gibt, weil Musik und Gespräche verstummen, kurz den Abend selbst hören.


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Ramlat al Wahiba — Warum reist man an einen bestimmten Ort?

Der Grund dafür ist, wenn man ehrlich ist, oft erstaunlich diffus. Das liegt schon daran, dass man sich trotz der Lektüre ungezählter Reiseführer absolut kein angemessenes Bild von einem Land machen kann, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Faktenwissen sagt nichts aus über das Gefühl, dass die Eindrücke einer Stadt oder einer Landschaft in der Erinnerung hinterlassen.

Oft ist es so, dass man irgendwo ein Bild von einem Ort gesehen hat. Und das erzeugt Fernweh. Natürlich kann man zum Beispiel sagen: Die japanische Geschichte interessiert mich schon lange, jetzt möchte ich die historischen Stätten gerne mit eigenen Augen sehen. Aber seien wir ehrlich, in den meisten Fällen sind es banale Bilder und Szenen, die uns in ein Land hineinziehen und eine undefinierbare Sehnsucht auslösen.

Ein solches Bild im Kopf nenne ich das zwingende Motiv, den notwendigen Auslöser.

Im Oman möchte der Reisende, und sonst würde er kaum hinfliegen, die Wüste sehen.

Man kann offen sagen: Die Hauptstadt Maskat muss man nicht gesehen haben. Auch, wenn man viel reist oder noch viel reisen will. Die Festung von Nizwa, die Lehmhäuser von Al Hamra, der Palast von Jabrin – das ist alles sehenswert, das will niemand abstreiten. Aber wann fahren wir in die Wüste?

Über die Befindlichkeit des Menschen in der Wüste wurden schon unendlich viele Texte formuliert. Die Einsamkeit! Die Stille! Die Weite! Es ist fast nicht möglich, einen klugen Satz über die Wüste zu formulieren, der nicht ein wenig pathetisch klingt, nach Abenteurerromantikkitsch.

Vor allem den nachdenklichen Menschen, so die allgemeine Annahme, zieht es in die Wüste. Der auch mit sich allein sein kann. Letztlich muss wohl jeder selbst prüfen, wie lange er die schöne Reizlosigkeit aushält. Bis er sich wieder unschöne Reize wünscht.

Ich habe im Oman die Ramlat al Wahiba (Wahiba Sands) fotografiert. Vielleicht findet jemand auf den Bildern sein zwingendes Motiv, um das Land einmal selbst zu besuchen.


Ras al Wahiba, Oman
DSC03030
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman

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Ortler, Königspitze und Monte Cevedale dominieren das Panorama der Ortler Alpen. Zur Vorbereitung auf diese Gipfel dürfen es gerne kleinere Berge sein. Fünf leichte Dreitausender zum Einstieg.

Sulden — In den Ortler Alpen befinden sich mehr als 100 Dreitausender. Viele von ihnen lassen sich aufgrund der günstigen klimatischen Bedingungen auf der Alpensüdseite (niederschlagsarme, trockene Sommer) eisfrei besteigen. Seil, Steigeisen und Pickel können also zu Hause bleiben. Selbst die kleinen Dreitausender der Ortler Alpen sind oft schon höher als 3400 Meter. Von ihren Gipfeln aus lassen sich die wirklich imposanten Ziele ins Visier nehmen: Königsspitze, Cevedale, Ortler, Palon de la Mare und so weiter. Fünf Berge, die vergleichsweise leicht zu ersteigen sind und ein stolzes Panorama bieten.


HINTERE SCHÖNTAUFSPITZE (3325 m)

Hintere Schöntaufspitze

Von der Schaubachhütte aus erscheint die Hintere Schöntaufspitze wie ein lächerlich unbedeutender Geröllhaufen. Der Weg zweigt vom Madritschjoch ab auf den Grat, und dann marschiert der Wanderer noch einmal eine Viertelstunde über unschwierigen Fels auf den Gipfel. Erst ganz oben entdeckt er den nordseitigen, wirklich arg zusammengeschmolzenen Gletscher, der dem Berg immerhin ein wenig hochalpines Flair verleiht. Von der anderen Talseite aus – etwa von der Hintergrathütte oder von der Tabarettahütte – wirkt die Hintere Schöntaufspitze etwas mehr wie eine eigenständige Erhebung. Die Aussicht vom Gipfel fällt auf alle hochkarätigen Berge der Ortler Alpen.


Zufallspitze, Cevedale
Zufallspitze (links) und Monte Cevedale (rechts).

Königspitze
Königspitze.

Zufallspitze, Cevedale, Plaon de la Mare
Zufallspitze, Monte Cevedale, Palon de la Mare, Punta San Matteo (von links nach rechts).


Hintere Schöntaufspitze (3325 m)
Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: ca. 1-2 Stunden oder Seilbahn
Übernachtung: Schaubachhütte (2581 m), +39 0473 613 24, Zimmer für 4 oder 6 Personen, 25 Lager, ab 12 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, Wanderweg, ca. 2 Stunden


SCHILDSPITZE (3461 m)


Schildspitze


Die Schildspitze ist trotz ihrer stattlichen Höhe von der Südseite her ohne Gletscherberührung zu machen. Aber der Zustieg ist lang. Ein markierter Steig führt aus dem Martelltal erst durch das einsame Pedertal (keine bewirtschafteten Hütten) und schließlich über scheinbar nicht enden wollende Platten auf den Gipfel. Bei Regen oder gar Schnee kann die leichte Blockkletterei ungemütlich werden. Dafür fällt der Blick von der Spitze hinab auf den weitläufigen Laaser Ferner. Vertainspitze und Großer Angelus stehen direkt auf der anderen Talseite. Ein einsamer Gipfel, der nur selten bestiegen wird.


Vertainspitze, Großer Angelus
Vertainspitze (links) und Großer Angelus (rechts).

Laaser Ferner
Laaser Ferner.

Veneziaspitze, Cevedale
Veneziaspitzen (links) und Cevedale (rechts).


Schildspitze (3461 m)
Anreise: bis Parkplatz Gasthaus Schönblick (2051 m)
Hüttenzustieg: ca. 30 min
Übernachtung: Zufallhütte (2256 m), +39 0473 744785, Zimmer für 2 oder 3 Personen, ca. 80 Lager, ab 12 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F / I, markierter Steig, ca. 4-5 Stunden


TSCHENGSLER HOCHWAND (3375 m)

Tschenglser Hochwand


Die Tschenglser Hochwand liegt oberhalb der Düsseldorfer Hütte in der Laaser Gruppe der Ortler Alpen. Der Normalweg führt unschwierig, aber über elendes Geröll auf die Spitze. Reizvoller ist der Klettersteig durch die Südwand, der immerhin 400 Höhenmeter überwindet und auf über 3300 Meter führt. Der Steig ist mittelschwer, die Schlüsselstelle wird mit C bewertet. Bei klarem Wetter reihen sich die höchsten Gipfel der Ötztaler Alpen im Norden nebeneinander. Das Dreigestirn aus Ortler, Zebrú und Königspitze ist auch zu sehen.


Ortler-Gruppe
Ortler-Gruppe.

Tschengsler Hochwand
Tschengsler Hochwand Südwand.

Großer Angelus, Vertainspitze
Großer Angelus (links) und Vertainspitze (rechts).


Tschengsler Hochwand (3375 m)
Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: ca. 2-3 Stunden
Übernachtung: Düsseldorfer Hütte (2721 m), +39 0473 613115, info@duesseldorferhuette.com, Zimmer bis 6 Personen, 8-Bett-Lager, ab 12 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, markierter Steig, ca. 2 Stunden; über Südwand-Klettersteig: Schwierigkeit II, Klettersteig C


EISSEESPITZE (3240 m)

Eisseespitze


Mir ist nicht bekannt, woher die Eisseespitze ihren Namen hat. Weder ist sie eine Spitze, eher eine unauffällige Graterhebung, noch gibt es Eis auf dem Gipfel. Der Weg zum höchsten Punkt führt von der Schaubachhütte über den Steckner Steig. Die Route ist ein alternativer Übergang zur Casatihütte, wenn man das im fortgeschrittenen Sommer steinschlaggefährdete Eisjoch umgehen will. In direkter Nachbarschaft erhebt sich die Königspitze.


Zufallspitze
Zufallspitze (links).

Königspitze, Ortler
Königspitze, Monte Zebrú und Ortler (von links nach rechts).


Eisseespitze (3240 m)
Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: ca. 1-2 Stunden oder Seilbahn
Übernachtung: Schaubachhütte (2581 m), +39 0473 613 24, Zimmer für 4 oder 6 Personen, 25 Lager, ab 12 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, markierter Steig, ca. 2 Stunden


SULDENSPITZE (3376 m)

Suldenspitze


Obwohl die Suldenspitze von Sulden aus wie ein stattlicher Gletscherberg erscheint, lässt sie sich von der Casatihütte aus in einer halben Stunde ohne Gletscherberührung besteigen. Wer ganz ohne Eisausrüstung anrücken möchte, muss die Casatihütte aber von der Südseite her besteigen. Über diesen Weg ist die Suldenspitze ein wirklich denkbar leicht zu erreichender Dreitausender. Spaltenreich ist dagegen der Suldenferner auf der Nordseite. Weil die Suldenspitze direkt zwischen der Cevedale- und der Ortler-Gruppe liegt, bietet sich ein großartiger Rundumblick auf die höchsten Gipfel der Region.


Cevedale, Palon de la Mare
Monte Cevedale (links) und Palon de la Mare (rechts).

Königspitze
Königspitze (rechts).

Punta San Matteo
Punta San Matteo.


Suldenspitze (3376 m)
Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: von der Schaubachhütte ca. 2 Stunden, Gletscher; aus dem Martelltag ca. 4 Stunden, Gletscher; von den Cedec-Seen ca. 1 Stunde
Übernachtung: Casatihütte (3269 m), +39 0342 935507, 260 Zimmerlager für 2, 4 oder 6 Personen, Halbpension 50 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, Steig, ca. 30 Minuten

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Remscheid — Es ist Oktober, Herbst geworden. Ich stehe in Remscheid-Hackenberg vor der Sporthalle. Der Tag im Juli, an dem ich beschlossen habe, einen Marathon zu laufen, kommt mir vor, als läge er in einer weit entfernten Vergangenheit, wie das mit vielen Dingen im Leben ist, die noch gar nicht so lange her sind.

Das Wetter ist ziemlich gut für so einen Lauf, weder Sonne noch Regen. Angenehme Temperaturen, weder kalt noch warm. Besser kann man es eigentlich nicht haben. Meine Startnummer habe ich mit vier Sicherheitsnadeln an meinem Shirt festgemacht, sie steckt in einer Klarsichthülle, wegen des Regens, vielleicht. Hoffentlich nicht.

Als ich am Morgen wach wurde, glaubte ich, ganz gut geschlafen zu haben. Die Nacht davor aber so gut wie gar nicht. Dafür hatte ich viel gegessen, weil man das so machen soll vor einem Marathon. Bis zum Vorabend dachte ich über all die Dinge nach, von denen ich oft gelesen hatte, wie wichtig sie sind: die wöchentliche Kilometerzahl, lange Trainingsläufe, Tempotraining.

Und ich dachte daran, wie wenig ich diese Dinge beherzigt hatte. Wie ich diesen typischen Anfängerfehler gemacht hatte: zu schnell zu viel zu trainieren. Wie ich glaubte, über den Dingen zu stehen, und wie ich genau diesen Fehler gemacht hatte.

Jetzt stehe ich vor der Toilette der Sporthalle, es ist 8 Uhr, in einer halben Stunde soll es losgehen. Ich binde den elektronischen Chip, der in Start und Ziel automatisch die Zeit misst, in die Schnürbänder meines Laufschuhs. Noch ein wenig trinken, dann langsam Richtung Start. Noch einmal pinkeln, dieses Mal im Busch, das machen die anderen Läufer auch so.

Ich stehe dann in dem Pulk von Menschen, die sich vor der Startlinie sammeln. Ich bin ziemlich ruhig. Alles ist ganz klar und eindeutig.

Ein guter Freund meinte einmal zu mir: Wenn du morgen etwas erreichen willst, muss es schon heute Realität in deinem Kopf sein. Wenn du etwas wirklich schaffen willst, muss der Endzustand – in diesem Fall das Überqueren der Ziellinie – schon so im Bewusstsein verinnerlicht sein, dass es gar nicht mehr anders passieren kann. Das ist wie beim Bergsteigen. An dem Tag, an dem du hochgehst, ab dem Moment, an dem du losläufst, gibt es nur einen möglichen Weg. Es gibt keine Alternative.

Ich bin also ganz ruhig.

Und dann laufe ich über die Startlinie. Der Chip an meinem Schuh fängt an, die Zeit zu zählen, aber das merke ich natürlich nicht.

KILOMETER 0 BIS 10

Ich begreife gar nicht richtig, dass ich gerade laufe, bei diesem Marathon, den ich mir schon so lange vorgenommen habe. Aber dann laufe ich einfach.

Remscheid sieht in Teilen ungefähr so aus, wie ich mir Nordkorea vorstelle: Aus der bewaldeten Landschaft ragen hässliche, graue Wohntürme heraus. Die Strecke führt über die ersten fünf Kilometer durch den Ort. An diesem Sonntagmorgen sind schon viele Menschen auf den Beinen und beobachten den Start der Läufer. Schilder, Trompeten, Trillerpfeifen, alles dabei.

Ich bin immer dicht umringt von anderen Läufern. Halbmarathon-, Marathon- und Ultraläufer sind zusammen gestartet. Das Ganze hat einen großen Vorteil: Man läuft nicht zu schnell los. Es ist praktisch unmöglich, sich vom Hauptfeld abzusetzen, wenn man am Anfang nicht direkt an der Startlinie stand. Irgendwann führt der Weg aus dem Ort heraus.

Meine größte Sorge ist mein Bein und der Wadenschmerz, der mich während des Trainings immer wieder geplagt hat. Er ist nicht da, er kommt auch nicht wieder. Die Taktik, auf vollständige Entlastung zugunsten der Regeneration zu setzen, ist also richtig gewesen.

Der erste Getränkestand kommt bei Kilometer 7. Ich habe mir vorgenommen, früh mit dem Trinken anzufangen, ich greife einen Pappbecher mit Zitronentee, den ich im Gehen leer mache. Man soll während eines Marathon ein bis vier Liter trinken, heißt es.

Nach einer Stunde erreiche ich die 10-Kilometer-Marke. Gutes Tempo, denke ich.

Ich bin nicht zu schnell gestartet. Ich habe keine Schmerzen. Im Prinzip fühle ich mich so, als wäre ich gerade erst losgelaufen. Als hätte ich nie etwas anderes getan, als zu laufen.

KILOMETER 10 BIS 25

Auf den folgenden Kilometern habe ich das erste Mal das Gefühl, dass sich die Strecke etwas zieht.

Asphalt und Waldboden wechseln sich jetzt immer häufiger ab. Es geht meist bergauf und bergab, selten eben geradeaus, aber das war ja vorher klar.

Kurz vor Kilometer 20 kommt das erste richtige Steilstück, es geht vielleicht 50 Meter in Serpentinen den Hang hinauf. Auf diesem Stück läuft niemand, der Kraftaufwand wäre die gewonnene Zeit nicht wert. Also marschiere ich bergauf, überholen kann man auf dem engen Pfad sowieso niemanden. Am Wegrand haben ein paar Leute eine Prosecco-Bar aufgebaut, so heißt es jedenfalls auf dem Schild. Im Prinzip ist da aber einfach ein Bierzelttisch, auf dem einige Pappbecher mit Sekt stehen. Die Leute selbst trinken Bier aus Flaschen, es ist jetzt vielleicht 10 Uhr morgens. Ich habe das Gefühl, dass die Leute sich schon lange auf diesen Tag gefreut haben. Prosecco trinkt trotzdem niemand.

Es geht dann irgendwann noch einmal durch eine Senke, ein Bachtal hinunter. Für die Halbmarathonläufer, an diesem Tag deutlich in der Überzahl, ist hier schon bald Schluss. Das bedeutet: Endspurt. Ich lasse mich aber nicht aus der Ruhe bringen, ich bleibe bei meinem Tempo.

Nach 21,2 Kilometern wird wieder Zeit genommen: Ich bin ziemlich exakt zwei Stunden unterwegs.

Nach einer weiteren bedeutungslosen Kehre stehen da plötzlich meine Eltern am Wegrand. Sie wollten versuchen, irgendwie an die Strecke heranzukommen, um mir ein wenig Energy-Gel zu geben. Das Erste, was mir auffällt, ist die große Erleichterung im Gesicht meiner Mutter. Ich sehe offensichtlich nicht wirklich erschöpft aus.

Die Hälfte ist geschafft, mein Fokus liegt auf der 25-Kilometer-Marke.

Man darf bei einem solchen Lauf nicht den Fehler machen, sich die gesamte Strecke ins Gedächtnis zu rufen. Kopf und Körper müssen sich von einer Etappe zur nächsten bewegen. Ich denke also: Bis zum nächsten Getränkestand, und dann sehen wir weiter.

Der Stand kommt nach weiteren 20 Minuten. Ich löse das Kohlenhydratpulver, das ich dabei habe, in Wasser auf. Es enthält viele Elektrolyte – das ist gut, ich habe viele Mineralstoffe beim Laufen ausgeschwitzt. Dazu gibt es eine Viertelbanane und eine Tube Powergel, das optisch und haptisch handelsüblichem Haargel sehr nahe kommt. Schmecken tut es aber süß, obwohl kein Zucker enthalten ist. Nur Kohlenhydrate, Kalium und Natrium.

Ich will keinen Zucker zu mir nehmen, das treibt den Blutzuckerspiegel nach oben und führt auf Dauer zu körperlicher Ermüdung und einem unangenehmen Erschöpfungshunger.

Ich fühle mich recht fit, eigentlich sogar sehr fit, und verschiebe meinen Gedankenhorizont auf die nächsten fünf Kilometer. Und ich denke an das Gedicht, das über meinem Bett hing, als ich noch klein war: Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte von Antoine de Saint-Exupery.

KILOMETER 25 BIS 34

Die andauernde Energieversorgung zahlt sich aus: Auf den nächsten neun Kilometern ändert sich die Wahrnehmung meiner Schmerzen nicht. Richtige Ernährung ist ein absoluter Schlüssel zum Erfolg, das wird mir jetzt bewusst. Durch eine Tube Gel alle halbe Stunde bleibt das Energielevel weitgehend konstant, nur die Muskeln werden natürlich immer schwerer, sie übersäuern langsam.

Ich bewege mich sehr lange auf gleicher Höhe mit einem älteren Mann, der einen grauen Vollbart trägt. Er läuft bei jeder Steigung gleichbleibendes Tempo. Das finde ich ziemlich beachtlich. Offensichtlich hat sich der Mann in seinen vielen Jahre als Läufer ein unglaubliches Maß an Disziplin und Kondition antrainiert. Er läuft nie zu schnell, fast in stoischer Gleichmäßigkeit.

Eine Sache habe ich dann etwas unterschätzt: Ab einer bestimmten Dauerbelastung ist es einfach nicht mehr angenehm, bergab zu laufen. Um Kilometer 30 herum ist die Strecke zwar nicht ganz so bergig wie bisher, aber jedes Abfedern des Oberschenkels bereitet Schmerzen. Überhaupt, die Beine fangen einfach an, weh zu tun.

Bei den Anstiegen versuche ich, meine Arme nicht über das Maß der minimalen natürlichen Bewegungsdynamik hinaus zu bewegen, die Beine eng beieinander zu halten und sehr viele kleine Schritte zu machen. Damit nehme ich einen zähen, besonders langen Hügel, ohne mich vollkommen zu verausgaben.

Zum Glück höre ich mich selbst nicht atmen, weil ich die ganze Zeit Musik höre.

Mit den Liedern ist es wie mit den Kilometerschildern, ich gehe von einem zum nächsten. Ich konzentriere mich auf den Moment, auf den nächsten Berg, manchmal nur auf die drei Meter, die sich immer wieder vor meinen Füßen auftun. »Baby steps«, nennt das der Ultraläufer Dean Karnazes.

Ich trinke jetzt mehr an den Getränkeständen, Gatorade und Wasser im Wechsel. Ich bin schon weiter, als ich denke, der nächste Getränkestand kommt bei Kilometer 34.

Über diesen Punkt hinaus bin ich noch nie in meinem ganzen Leben gelaufen.

KILOMETER 34 BIS 42

Die letzten sechs Kilometer sind die schlimmsten des gesamten Laufs. Ich bin jetzt weit über drei Stunden auf den Beinen. Bergablaufen tut fast noch mehr weh als bergauf. Ich versuche nur noch, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Manchmal grinse ich vor Schmerz.

Es ist die große Dialektik des Laufens, dass gleichzeitig das Allereinfachste und das Allerschwerste in einem Moment zusammenfallen. Einen Schritt vor den anderen setzen, das kann sogar ein Kleinkind, es ist eine der trivialsten menschlichen Bewegungen überhaupt. Und hier kostet jeder Schritt auf einmal so wahnsinnig viel Überwindung. Jeder einzelne Schritt. Du machst einen, du machst noch einen, und plötzlich hast du wieder einen Kilometer mehr geschafft – der Körper schafft das.

Ich denke, dass auch das ärgste Hindernis im Leben, das größte Problem, schon die einfachste Lösung in sich trägt.

Ein Marathon war für mich lange Zeit ein nahezu unüberwindbares Hindernis, eine beinahe mystische Distanz, aber er ist nur das Produkt aus vielen tausend Schritten, der einfachsten Sache überhaupt.

Wie weit kann man also gehen?

All diese Gedanken surren höchst unscharf durch meinen Kopf, als ich erschöpft auf Kilometer 40 zusteuere. Ich lasse die Möglichkeit, einfach stehen zu bleiben und damit den Schmerz abzustellen, einfach nicht in mein Bewusstsein.

Plötzlich ist der Waldboden wieder komplett matschig, das Auftreten und Abstoßen kostet doppelt Kraft. Ich merke selbst, wie sich mein Gesicht verzogen hat. Ich atme auch nicht mehr so gleichmäßig wie am Anfang.

Dann kommt die 40-Kilometer-Marke, ich habe zu diesem Zeitpunkt schon komplett abgeschaltet, treibende Lieder rauschen durch mein Ohr. Ich könnte jederzeit stehen bleiben, es erscheint als das Reizvollste auf der ganzen Welt.

Aber ich tue es nicht. Ich laufe eben doch weiter.

Auf den letzten zwei Kilometern lege ich deutlich an Tempo zu. Ich spüre ein Kribbeln, fast schon eine Gänsehaut in mir aufsteigen, ein Gefühl absoluter Energie, das sich auf meinen gesamten Körper überträgt, und ich überhole alle anderen Läufer, die mir auf den letzten Anstiegen begegnen. Ich balle die Fäuste, mein Gesicht sieht düster aus wie das eines Kriegers.

Ich sehe bestimmt sehr lächerlich aus. Aber ich fühle mich wie Held.

Ich schaue in die Augen der Zuschauer, die an der letzten Kehre stehen und alle Läufer anfeuern, ein belebender Augenblick.

Dann kommt das Ziel.

Der Kommentator ruft meinen Namen auf und gibt die Endzeit durch: Ich bin 4 Stunden und 22 Minuten durchgelaufen. Das Adrenalin legt sich.

Was gerade eben passiert ist, kommt mir mit einem Mal schon wieder vollkommen irreal vor. Die Distanz, die Zeit, alles. Das Einzige, was für einen kleinen Moment greifbar wird, ist das Gefühl von tiefer Zufriedenheit. Es ist geschafft, und ich wusste, dass es so kommen würde.

Die krasseste Sache an dieser ganzen Geschichte: Vor dem Marathon bin ich das letzte Mal am 23. September gelaufen, also vor über einem Monat.



Röntgenlauf-Marathon auf einer größeren Karte anzeigen

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Sulden — Die Casatihütte ist nicht schön: zugige Räume, sterile Gänge wie in einem Krankenhaus. Es gibt nur eine Art Plumsklo, und die Zimmer sehen aus wie in einem Straflager. Das Bettgestell ist klapprig, die Matratze durchgelegen, die Wolldecke kratzig.

Man kann das alles ignorieren, wenn man weiß, dass man am nächsten Morgen auf den Monte Cevedale aufsteigt, den dritthöchsten Berg der Ortler Alpen, ein weitläufig vergletscherter Dreitausender. Direkt nebenan liegt die Zufallspitze, die eine vergleichbare Höhe aufweist und durch einen ausgedehnten Firngrat vom Hauptgipfel getrennt ist.

Die Besteigung beider Berge ist an einem Vormittag ohne Probleme zu machen. Der Gletscher ist zahm, der Anstieg zum Gipfegrat wenig steil und technisch unschwierig. Die Casatihütte liegt schon auf 3254 Metern, auf den Gipfel ist es also nicht weit.


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Langerferner von der Eisseespitze.

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Casatihütte vor dem Punta San Matteo.


Am Abend steigen wir auf die Suldenspitze, die gleich neben der Casatihütte liegt. Wolkenberge türmen sich über dem Gebirge auf. Dort liegen Königspitze, Zebrú und Ortler, im Süden spannt der langgezogene Ortler-Hauptkamm einen Bogen. Immer nur kurz fällt die Sonne durch die Wolken und zeichnet die Gletscher scharf.


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Wechselndes Licht am Monte Cevedale.


Um fünf Uhr morgens kann man draußen vor der Hütte keinen Steinwurf weit schauen, wir verschieben das Frühstück um eine Stunde. Über Nacht hat es viel Neuschnee gegeben. Als es eigentlich Tag werden soll, liegt draußen alles in dichtem Nebel. Doch das Schimmern im Dunst verrät, dass die Sonne dahinter schon kräftig strahlt. Keine halbe Stunde später erscheinen die ersten blauen Fetzen am Himmel. Es ist Zeit, aufzubrechen.


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Zufallspitze (links) und Monte Cevedale (rechts) von der Casatihütte.

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Casatihütte und Königspitze.

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Ortler-Hauptkamm vom Monte Cevedale.


Etwa zwei Stunden geht es aufwärts, über einzelne Gletscherspalten bis zum Aufschwung auf den Gifelgrat des Cevedale. Mittlerweile scheint die Sonne stark, wir cremen uns noch einmal ein. Auch die letzten, etwas steileren Meter sind keine Hürde.


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Monte Cevedale, Gipfelgrat.


Vom Gipfel reicht der Blick von den Ötztaler Alpen über die Ortler-Gruppe und den Bergstock der Bernina in der Ferne bis zum Punta San Matteo und den stattlichen Gipfeln südlich des Cevedale. Allerfeinste Aussicht.

Auch wenn der Schnee schon ziemlich sulzig ist, steigen wir über den Gipfelgrat ab und auf der anderen Seite der Scharte wieder hinauf in Richtung Zufallspitze. Die letzten Meter führen über etwas Blockgestein. Man hat hier nur ein kleines Holzkreuz aufgestellt.


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Zufallspitze, Gipfelgrat.


Monte Cevedale (3769 m)

Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: von der Schaubachhütte ca. 2 Stunden, Gletscher; aus dem Martelltag ca. 4 Stunden, Gletscher; von den Cedec-Seen ca. 1 Stunde
Übernachtung: Casatihütte (3269 m), +39 0342 935507, 260 Zimmerlager für 2, 4 oder 6 Personen, Halbpension 50 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, Gletscher, ca. 2 Stunden

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Machu Picchu muss man gesehen haben, heißt es. Von den Ruinen gibt es schon eine Million Bilder. Die Inkastadt liegt abgeschieden im peruanischen Hochland und ist doch maximal zugänglich. Lohnt der Besuch?

Cusco — Machu Picchu ist ein Ort der Verheißung: eine verborgene Inka-Stadt in den peruanischen Anden, die berühmteste Sehenswürdigkeit Südamerikas, eines der neuen sieben Weltwunder. Sinnbild für die untergegangenen Kulturen dieser Welt, Sehnsuchtsort für den Entdecker im jedem Reisenden, Symbol für das Fernweh selbst. Ewiges Machu Picchu.

Der Ausblick über die Ruinenstadt in den Bergen nordöstlich von Cusco ist weltberühmt, es gibt kaum einen, der ihn nicht irgendwo schon einmal gesehen hat. Man wird nie ermitteln können, wie viele Millionen Fotos bisher diese eine Perspektive eingefangen haben: den Blick vom Haus des Wächters über die Stadt bis zum Huanya Picchu. Auf Youtube kann man sich eine ganze Menge Videos von Machu Picchu anschauen. Es ist ein Bild, das sich ins kollektive Gedächtnis der Welt eingeprägt hat.


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Die große Frage lautet: Muss man sich Machu Picchu überhaupt »in echt« angucken?

Im Vorwort zu 1000 Places to See Before You Die steht das angeblich asiatische Sprichwort: »Es ist besser, etwas einmal selbst zu sehen als tausendmal davon zu hören.« Das ist eine streitbare These, und ihr Wahrheitsgehalt hängt sicherlich davon ab, um welches Objekt der Begierde es sich handelt. Nun also Machu Picchu, die Mega-Sehenswürdigkeit.

Auch andere Reisende diskutieren im Internet : Peru mit oder ohne Machu Picchu? Offensichtlich sind wir nicht die einzigen Südamerika-Neulinge, die sich gefragt haben, ob es überhaupt noch nötig ist, sich die Ruinen mit eigenen Augen anzuschauen, wo man sie doch scheinbar schon eine Million Mal gesehen hat. Die Suche nach der Antwort berührt eine grundsätzliche Frage unserer Zeit: Welchen Wert hat die unmittelbare Welterfahrung, wenn jeder Ort prinzipiell schon von überall aus für jeden zugänglich ist?

Ein weiterer Grund zur Sorge: Natürlich geht es bei jedem allzu bekannten Ausflugsziel furchtbar kommerziell zu. Das Gelände ist weitgehend unzugänglich, der Zugang strikt geregelt, die Tickets ziemlich teuer, und Busladungen von trägen Bauchspeck-Touristen lassen sich jeden Tag bis zu den Eingangstoren fahren und müssen dann nur noch, prustend und schwitzend, die letzten Meter bis zur berühmten Aussichtsstelle selbst laufen. Es ist also komplett überfüllt. Jeder macht die obligatorischen Fotos.

Es ist ein schwieriges Unterfangen geworden, einen Ausflug nach Machu Picchu selbstständig zu organisieren, weil zum Beispiel die günstigen Tickets für den Zug nach Aguas Caliente begrenzt sind und oft im Vorhinein von den Tour-Anbietern restlos aufgekauft werden. Machu Picchu ist Perus große Tourismusmaschine, etwa 90 Prozent aller Fremdenverkehrseinnahmen des Landes entfallen allein auf diese Sehenswürdigkeit. Ein Besuch ist in diesem Licht ein reichlich abstoßendes Szenario, da will man erst einmal überhaupt nicht mitmachen, bei diesem Ausverkauf, auch wenn alle Welt dahin pilgert, na von mir aus bitte. Andererseits: Machu Picchu.


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Die Abwägung in dieser Sache dreht sich vor allem um die Frage, ob man das Auslassen der durchaus kostspieligen Attraktion nicht bis an sein Lebensende bereuen würde. Verwandte werden ungläubig fragen: »Wie, du warst in Peru, aber hast nicht Machu Picchu gesehen?« Es fällt leicht, den Big Ben, das Kolosseum oder den Eiffelturm zu ignorieren, denn London, Rom und Paris liegen heutzutage quasi um die Ecke. Ein Flug nach Südamerika ist immer noch einigermaßen teuer, und in Cusco, dem Ausgangspunkt für eine Tour nach Machu Picchu, ist der Reisende üblicherweise nur einmal im Leben. Also wird er am Ende natürlich doch Machu Picchu besuchen.

Als wir nach Ausflügen zum Colca Canyon, zum Titicacasee und auf den frostigen Gipfel des Chachani in der bedeutendsten historischen Stadt Südamerikas eintreffen, buchen wir in unserem Hostel gleich für den kommenden Tag für 180 US-Dollar pro Person einen zweitägigen Ausflug nach Machu Picchu.

Die große Frage des Reisenden: Wie wird es nun sein, die Ruinen selbst zu sehen, über die verfallene Stadt zu schauen, das weltbekannte Abziehbild mit der eigenen, wahrgenommen Wirklichkeit abzugleichen? Wird das jede Huldigung wert sein? Alles nur irgendwie ganz nett? Oder eine Enttäuschung?

Wer sich in Cusco aufhält, findet genug Gelegenheiten, eine organisierte Tour zu buchen. Üblicherweise fährt ein Bus die Touristen bis nach Ollantaytambo, in der Stadt besteigt man die alte, nostalgisch erscheinende Prachteisenbahn bis nach Aguas Caliente, und von dort fahren am nächsten Morgen Shuttlebusse durch den Bergnebelwald bis direkt hinauf zur Ruinenanlage. Von Aguas Caliente aus, so haben wir gehört, kann man aber auch bequem laufen: immerhin etwas Eigenleistung.


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Es ist für Kurzentschlossene wirklich kaum noch möglich, sich alle Bausteine für die Tour nach Machu Picchu kurzfristig selbst zu organisieren. Wir vertrauen also auf unser Komplettpaket, das noch eine einstündige Führung durch die Ruinen enthält, damit wir eben nicht nur wie blöd Fotos von Machu Picchu schießen, sondern auch etwas über die Geschichte dieses Ortes erfahren.

Auf der Fahrt nach Ollantaytambo sieht man durch das Busfenster die schneebedeckten Berge der Cordillera Vilcabamba. Die Straße ist kurvig, es geht Hänge hinauf und Täler hinab, irgendwann erreicht man die Stadt. Dort kann man in einem Restaurant gemütlich einen café con leche und einen Papaya-Saft trinken, um danach ausgeruht zum kleinen Bahnhof herüberzuschlendern.

Die Fahrt mit dem Zug ist dann so eine Pseudoattraktion, alles ist auf alt und teuer und herrschaftlich gemacht, dient aber von der Aufmachung her wohl nur dazu, allen Touristen, die das Urubamba-Tal gleichsam eines Nadelöhrs irgendwie passieren müssen, ein wenig Dollars aus der Tasche zu ziehen. Die Eisenbahn folgt immer dem Fluss.


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Aguas Caliente liegt eingezwängt zwischen bewaldeten, oft vernebelten Berghängen. Die Luft ist feucht. Hier übernachten die meisten Touristen, die Machu Picchu sehen wollen, einmal, was gleichzeitig Segen und Verhängnis von Aguas Caliente ist: Das Geld spaziert hier durch die Straßen, die Peruaner müssen es nur noch einsammeln.

Der Weg vom Bahnhof in den Ort ist nicht weit und führt natürlich gleich über einen großen Markt. Menschen schieben sich zwischen den Ständen entlang, es dauert alles wahnsinnig lange. Die Hauptstraße von Aguas Caliente führt steil bergan. Ein Restaurant reiht sich hier an das nächste, in den oberen Stockwerken gibt es Gästezimmer. Kellner winken die Touristen herein, sprechen die Leute an, machen Scherze. »Hello my friend«, »Take a look at the menu«, »Please come in«.

Wer in einem Restaurant ein Sandwich mit chorizo für 15 Soles bestellt, bekommt manchmal nur ein aufgetautes Burgerbrötchen mit zwei Scheiben Presswurst ohne Salat und Soßen. Wir stellen fest: Aguas Caliente ist eine Zumutung.


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Abends im Hotel packen wir für den kommenden Morgen. Die Frage: Lohnt sich Machu Picchu oder ist das nicht eigentlich die totale Abzocke?

Wir beschließen, mindestens eine Stunde vor Sonnenaufgang zu Fuß aufzubrechen, um so wie früh wie möglich am Eingang des Parks zu sein, am besten noch vor der ersten Busladung fußfauler Komforttouristen.Die Laternen beleuchten die Straße entlang des Rio Urubamba nur spärlich, es regnet kräftig. Irgendwann kreuzt der Weg den Fluss, ein Mann in Uniform taucht aus der Dunkelheit auf, um hier, an diesem checkpoint, unsere Tickets zu kontrollieren. Wir steigen durch den feuchten Wald in Serpentinen den matschigen Pfad zu den Ruinen hinauf.

Machu Picchu liegt auf 2300 Metern im Gebirge, die Wälder sind in Wolken gehüllt, bald bricht der Tag herein. Um kurz vor 6 Uhr morgens betreten wir das Parkgelände, nur ein paar kleine Gruppen sind schon mit uns hier. Es regnet noch immer, die dichten Wolken nehmen jede Sicht. Der Tag dämmert, aber das merkt man kaum.

Wir können uns trotz Wegweisern und gepflasterten Pfaden kaum auf dem Gelände orientieren. »Wir müssen zum Haus des Wächters, da ist die Aussicht am besten«, sagt mein Reisebegleiter. Also gehen wir zum Haus des Wächters. Wir sehen: nichts. Die Hütte bietet immerhin Platz zum Unterstellen. Wir sind durchgeschwitzt vom Aufstieg durch den Wald, wir frieren.

Dann passiert es: Der Wind reißt kleine Löcher in den Nebel, durch die wir die ersten Fetzen der eigentlichen Kernstadt erkennen können. Minuten vergehen, das Bild wird klarer. Es ist so, als nehme jemand langsam Teile aus einem schiefergrauen Puzzle heraus, unter dem das eigentliche bunte Bild verborgen liegt. Die Wolken geben den Blick frei auf die morgendliche, immer noch im Dunst liegende Inkastadt Machu Picchu. Der berühmte Huanya Picchu, der weltbekannte Hügel, thront über der Stadt.

Machu Picchu: Wir sehen es mit eigenen Augen.



Weil noch kaum andere Leute unterwegs sind, fühlt es sich so an, als seien wir selbst für einen kleinen Moment Hiram Bingham, der die Stadt 1911 als erster Weißer auf einer Forschungsreise offiziell entdeckte, nachdem sie bereits vergeblich von den spanischen conquistadores gesucht worden war. Es existierten zu dieser Zeit aber bereits Landkarten anderer Europäer, in denen die exakte Lage der Stadt eingezeichnet war.

Schwer zu sagen, ob sich der Ausblick so anfühlt, wie wir erwartet haben, aber wir sind auf jeden Fall ziemlich erschlagen. Bei Nebel, sagen manche, sei Machu Picchu am schönsten. Abgleich mit der Vorstellung, die man von diesem Ort hatte: Der Zugang erfolgt quasi »von rechts« des weltberühmten Bildes. Ich habe immer geglaubt, man steige »von links« in die Szenerie hinein, obwohl es dafür natürlich keinen vernünftigen Beleg gab, es war einfach das Bild in meinem Kopf.

Das Licht ist immer noch dämmrig. In den ersten Minuten können die Augen kaum den Blick von den Ruinen abwenden. Für diesen kurzen Augenblick bekommt der Reisende hier am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, tatsächlich das Gefühl, die Stadt gerade entdeckt zu haben. Als sei er einfach durch den Dschungel spaziert, das Ziel unbekannt, und plötzlich: Machu Picchu.





Sobald die ersten geführten Reisegruppen auf das Gelände laufen, ist es mit diesem Eindruck aber vorbei. Das allgegenwärtige Bild von Machu Picchu, stellen wir fest, hat immer eine größere Abgeschiedenheit des Ortes transportiert, als das in der Realität der Fall ist. Aguas Caliente jedenfalls erscheint immer noch relativ nah gelegen. Man muss kein Abenteurer sein, um nach Machu Picchu zu gelangen.

Die Wolken geben jetzt fast die gesamte Stadt frei, wir laufen zurück zum Eingang, um unseren Guide zu treffen. Jesús führt uns mit einer distanziert-ungerührten Haltung durch die Ruinen. Er referiert leicht ironisch, manchmal spöttisch, die Geschichte der Inkastadt. Es ist ganz angenehm, ihm zuzuhören. Wir besichtigen den Sonnentempel, den heiligen Platz, das Haus des Priesters, das Gefängnis und die Sonnenuhr Intihuatana.


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Die Wissenschaft ist sich immer noch nicht einig darüber, was für einen Zweck Machu Picchu für die Inkakönige und ihr Reich hatte. Da liegt ein grob behauener Stein am Boden. »It is a compass, but people will sit on it later«, sagt Jesús. Er zeigt mit der Spitze seines Spazierstocks auf den Felsblock, schüttelt den Kopf und schaut lächelnd in die Ferne, die linke Hand steckt in der Hosentasche: wie ein englischer Gentleman. Jesús ist der ganze Auflauf zwischen den Mauern hier etwas zuwider, aber er ist auch zu relaxt, um groß herumzuschimpfen oder zu Moralpredigten über den touristischen Ausverkauf anzusetzen. Es liefe wohl auch seiner Geschäftsgrundlage zuwider.

Der Vormittag ist angebrochen, als wir uns von Jesús verabschieden und beschließen, noch auf den Cerro Machu Picchu zu steigen. Es geht jetzt darum, noch eine andere Perspektive zu bekommen, die nicht so einfach zu haben ist, die immerhin ein bisschen exklusiv erscheint.

Der Gipfel des Cerro Machu Picchu liegt noch einmal 600 Meter oberhalb der Stadt, der Aufstieg ist steil und um die Mittagszeit schweißtreibend. Der Reisende muss sich am Eingang des Geländes eine zusätzliche Erlaubnis für die Besteigung des Bergs einholen. Lohnt sich der Aufstieg?

Was deutlich wird von ganz oben, ist die Lage Machu Picchus innerhalb des Gebirges: Die Stadt wirkt klein zwischen den steilen, dicht bewachsenen Schluchten der Berge, durch die sich der Rio Urubamba hindurchwindet wie eine Würgeschlange. Im Südosten sieht der Reisende das Sonnentor, eine Scharte im Grat, durch die der Inka-Trail hinunter zur Ruinenanlage führt. Die Mehrtageswanderung ist oft auf Wochen hinaus ausgebucht.


Machu Picchu
Machu Picchu


Es erscheint hier oben auf dem Berg völlig klar, dass der Reiz Machu Picchus vor allem der Umgebung geschuldet ist. Machu Picchu: die untergegangene Stadt im schwer zugänglichen Hochland, immer noch eines der letzten großen historischen Rätsel unserer Erde. Dabei ist die Stadt, wie gesagt, gar nicht so schwierig zu erreichen: Jeden Tag kommen 2000 Besucher. Die relative Einsamkeit auf dem Cerro Machu Picchu ist wohltuend, man vergisst für einen Moment, dass die Stadt im Prinzip das ganze Jahr über von Touristenhorden belagert wird wie ein Disneyland.

Zurück in der alten Stadt kann man es jetzt gelassener angehen. Der beste Ausblick des Tages liegt ein paar Stunden zurück, die Sonne scheint grell auf die Steine, die Nebelschleier sind fortgezogen. Machu Picchu hat nichts Spirituelles mehr an sich.

Wahrscheinlich sind um die Mittagszeit die meisten Touristen hier: Da steht die neue asiatische Oberschicht in feinen Stoffen unter Sonnenschirmen neben amerikanischen Hobbyarchäologen im Khaki-Dress mit Wohlstandsplauze.

Etwas oberhalb der Ruinen setzt sich ein gut gelaunter, eloquenter Österreicher um die 60 mit seinem Unterhemd in die Sonne, streckt den Rücken durch, während sein linker Unterarm auf dem aufgestützten Knie liegt, und schaut über die Stadt. Er sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus Joachim Gauck und unserem ehemaligen Deutschlehrer auf dem Gymnasium. Auch wir rasten an diesem Platz und essen etwas von unserem Proviant. Machu Picchu sieht jetzt wirklich aus wie das Gewöhnlichste auf der ganzen Welt.


Machu Picchu


Beim Blick über die Stadt, kurz vor dem Abstieg nach Aguas Caliente, stellt sich zwangsläufig wieder die Frage: Hat sich der Besuch nun gelohnt? Und wenn ja, liegt das daran, dass man diesen Ort wirklich als außergewöhnlich und sehenswert empfunden hat? Oder weil es der allgemeinen Erwartungshaltung entsprach, Machu Picchu zu sehen?

Feststeht: Ohne den morgendlichen Aufstieg durch den Bergnebelwald wäre uns die Besichtigung dieses Ortes wohl nur halb so spannend vorgekommen. Mit dem Bus irgendwo hinfahren, aussteigen, fotografieren, Abmarsch: Das ist Sightseeing-Tourismus, das hat mit Reisen nichts zu tun.

Aber natürlich ist auch der tougheste Abenteurer in Machu Picchu ein Tourist. Das muss nicht schlimm sein. Nur beantwortet es nicht die Frage: Hat sich Machu Picchu gelohnt?

An dieser Stelle hilft es, die Zukunft zu antizipieren: Wir jedenfalls glauben, uns auch noch in 20 Jahren genau an den Moment erinnern zu können, als sich der Nebel über Machu Picchu verzog und die Sicht auf die alte Inkastadt preisgab. Dieser Umstand ist, wenn wir ehrlich sind, schon eine ganze Menge wert. Denn an welche Momente, die gerade ein Jahr oder auch nur einen Monat zurückliegen, erinnert man sich schon wirklich?

Am Eingang zum Gelände hat sich am frühen Nachmittag eine lange Schlange gebildet: zufriedene Touristen, müde Touristen. Die Busse fahren die Besucher im Minutentakt zurück nach Aguas Caliente. Wir steigen ab.


Machu Picchu

Reisezeit: ..Machu Picchu kann prinzipiell das ganze Jahr über besichtigt werden. Am besten sind aber die trockenen Sommermonate zwischen Juni und September. Im Dezember und Januar kann es im Bergland zu heftigen Regenfällen und Erdrutschen kommen. Touristen werden manchmal von der Zivilisation abgeschnitten.

Anreise: ..Mehrere Fluggesellschaften fliegen Lima mit ein oder zwei Zwischenstopps von Deutschland aus an. Die Busse von der Hauptstadt nach Cusco brauchen gut 20 Stunden, es gibt auch Flugverbindungen mit Lan Airlines. Von Cusco fahren Busse bis Ollantaytambo, von dort geht es mit der Eisenbahn nach Aguas Caliente. Shuttlebusse fahren hinauf nach Machu Picchu, Reisende können aber auch zu Fuß gehen.

Einreise: ..Touristen aus Deutschland können sich 183 Tage ohne Visum in Peru aufhalten.

Veranstalter: ..Unzählige Agenturen in Cusco bieten Machu Picchu als zweitägiges Komplettpaket an. Enthalten sind der Bus bis Ollantaytambo, die Hin- und Rückfahrt mit dem Hiram Bingham Orient Express, eine Übernachtung in Aguas Caliente und der Eintritt zum Gelände. Die Preise liegen bei umgerechnet 150 bis 200 Euro. Selbstorganisierte Kurztrips können problematisch sein, weil die Tourenanbieter oft das gesamte Kontingent an Zugtickets aufkaufen.

Übernachtung: ..In Cusco gibt es Unterkünfte aller Preisklassen – vom 5-Sterne-Hotel bis zur einfachen alojamiento. In Aguas Caliente gibt es ebenfalls ein breites Spektrum an Übernachtungsmöglichkeiten. In der Hochsaison im Sommer lohnt eine vorherige Reservierung.

Geld:..In Cusco gibt es zahlreiche Banken, die alle gängigen Kreditkarten akzeptieren. 1 Euro entspricht etwa 3,4 Nuevos Soles (Stand Januar 2013).

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Garmisch-Partenkirchen — Das Tal liegt beschaulich da in der warmen Abendsonne. Eigentlich wäre es jetzt Zeit für ein wenig Müßiggang, aber ich muss mich beeilen: Noch zwei Stunden sind es bis zur vollständigen Dunkelheit, in zwei Stunden muss ich die Höllentalangerhütte auf 1381 Metern erreicht haben. Das Licht in der Klamm, die hinauf zur Herberge führt, schwindet schon. Schweiß läuft mir über das Gesicht. Als ich die Herberge erreiche, sind die Konturen der Umgebung kaum noch zu erkennen. Der so ziemlich unfreundlichste Hüttenwirt der Welt kann noch einen Lagerplatz anbieten: sechs Euro die Nacht. Ich lege mich früh schlafen, denn am nächsten Tag will ich die Zugspitze über die Höllental-Route besteigen und gleich im Anschluss den Jubiläumsgrat erklettern – eine der großen Gratüberschreitungen der Ostalpen.

Unglücklicherweise habe ich die Sonnenaufgangszeiten für Mitte August kläglich unterschätzt, um 5 Uhr ist es draußen noch stockfinster. Ich habe keine Stirnlampe. Weil die Mondsichel ein wenig Licht spendet und der Weg zum Talschluss einigermaßen eben ist, kann ich nach einem kleinen Frühstück trotzdem aufzubrechen. Es liegt eine tolkiensche Stimmung über dem Tal: Weiter oben am Berg leuchten schon die Stirnlampen der früher aufgebrochenen Bergsteiger, die Lichtpunkte in der Ferne sehen zusammen genommen aus wie ein versprengtes Feldlager. Mit der ersten zaghaften Aufhellung des Himmels erreiche ich die sogenannte Leiter und das sogenannte Brett, zwei seilversicherte Passagen, die sich im Internet viel heikler lesen, als sie in Wirklichkeit sind. Im Osten geht die Sonne auf.


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Höllentalfener, Sonnenaufgang.


Der Weg führt weiter bis zum Höllentalferner, der sonnengeschützt auf der Nordseite des Bergmassivs liegt und einer der letzten Gletscher auf deutschem Staatsgebiet ist. Ich habe Steigeisen dabei und kreuze den Ferner in direkter Linie, teilweise auf Blankeis, nicht ohne auf die gefährlich tiefen Spalten zu achten.


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Höllentalferner.


Die Randspalte des Gletschers ist an diesem Tag kein Problem. Die letzten 200 Höhenmeter zum Gipfel sind schließlich in einem einzigen Klettersteig fast komplett seilversichert, der Anstieg ist noch einmal kräftezehrend. Gegen 8.30 Uhr ist der Gipfel der Zugspitze erreicht, mit 2963 Metern Deutschlands höchster Berg. Für den naturverbundenen Bergsteiger ist die Ankunft am Ziel eher deprimierend: Drei Seilbahnen führen auf die Spitze, der gesamte Gipfelbereich ist zugebaut und einbetoniert, es gibt zwei Restaurants und das Münchener Haus des DAV. Bereits mit Eintreffen der ersten Talbahnen füllt sich das Plateau recht schnell mit schätzungsweise 200 Menschen, darunter Familien mit kleinen Kindern und Japaner in Turnschuhen. Ein Beispiel dafür, dass der Mensch durch seine Technologie an Orte vordringt, an denen er eigentlich nichts verloren hat. Immerhin ist die Aussicht umfassend, beinahe alle hohen Dreitausender der Ostalpen zeichnen sich am leicht dunstigen Horizont ab – zum Beispiel der imposante Firngipfel der Wildspitze in den Ötztaler Alpen.


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Zugspitze, Gipfel.


Zugspitze (2962 m)
Anreise: bis Grainau-Hammersbach (758 m)
Hüttenzustieg: durch die Höllentalklamm, ca. 2-3 Stunden
Übernachtung: Höllentalangerhütte (1381 m), +49 163 5542274, 80 Lager, ab 6 Euro
Gipfel: Schwierigkeit I, Klettersteig C, Randkluft am Gletscher, ca. 3-4 Stunden

Ich versorge mich mit Weißwürsten, Bretzeln und einem Weißbier zum zweiten Frühstück und verschaffe mir einen Überblick über die weitere Route: die Begehung des Jubiläumsgrats. Die Gratüberschreitung ist eine in der Bergsteiger-Literatur mit 8 Stunden Gehzeit angegebene hochalpine Tour, die ungesicherte Kletterpassagen im unteren dritten Schwierigkeitsgrat der UIAA-Skala aufweist. Der Kletterer überwindet jede einzelne Erhebung des Grats bis zur Grießkarscharte, also noch einmal 800 Höhenmeter im Gegenanstieg, und hat bis auf einen einzelnen Talabstieg keine Möglichkeit, aus dem Grat auszusteigen. Aber ich habe Kletterhelm, Gurt und Klettersteigset nicht umsonst auf die Zugspitze geschleppt.

Der Weg über den »Jubi« führt am Anfang sehr ausgesetzt am Grat entlang, hier wird weitgehend auf Seilversicherungen und Tritthaken verzichtet. Der Pfad ist oft nur einen halben Meter breit, er fällt 500 Meter senkrecht ins Höllental ab. Stürzen ist hier sehr unvorteilhaft. Ich überhole viele Bergsteiger, spreche mit diesem und jenen. Die einen wollen in der Biwakschachtel übernachten, die nach zwei Dritteln des Weges auf dem Grat aufgestellt wurde; andere haben bereits für die erste Hälfte des Weges sechs Stunden gebraucht. Viele Gruppen begehen den Jubiläumsgrat in zwei Tagen. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, es wird Nachmittag, bis ich die Höllentalspitzen überwunden habe.

Eine Schlüsselstelle des Grats ist das Erklettern der Vollkarspitze. Der Steig ist mit Kategorie D bewertet, und mit der 3-Punkt-Regel kommt man tatsächlich nicht allzu weit. Gerade beim Einsteig in die Kletterstelle muss man sein Gewicht hauptsächlich mit den Armen nach oben ziehen, um einen guten Trittpunkt zu erreichen. An dieser Stelle sichere ich mich mit dem Klettersteigset, zeitweise kommt es zu einem Stau in der Wand. Hinter der Vollkarspitze werde ich langsam richtig durstig: Auf dem Jubiläumsgrat gibt es nirgendwo Wasser. Meine 1,5 Liter, die ich auf der Zugspitze gefüllt habe, sind beinahe leer. Irgendwann höre ich, körperlich schon reichlich ausgezehrt, fließendes Wasser. Ich kreuze ein Geröllfeld und finde ein Rinnsal, das von einem Schneefeld gespeist wird. Zitternd und müde trinke ich und fülle die Flasche. In solchen Momenten kehrt der Mensch wieder ein wenig zu seiner Natur zurück.


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Jubiläumsgrat.

Das Wasser in Verbindung mit einem letzten Snickers-Riegel gibt wieder Kraft. Der Körper ist eine Maschine, die schier unbegrenzte Energie freisetzen kann, solange man sie mit ausreichend Treibstoff füttert. Nach 12 Stunden Kletterei erreiche ich die Grießkarscharte, es ist 17 Uhr. Wie kompromisslos der Grat tatsächlich ist, zeigt sich auch daran, dass zwei erschöpfte Bergsteiger von einem Hubschrauber der Österreichischen Armee ausgeflogen werden müssen. Sie haben schlichtweg keine Kraft mehr gehabt, um weiterzugehen, wird man sich später auf der Hütte erzählen. Der Abstieg von der Grießkarscharte ins Tal ist kaum anspruchsloser als der Grat selbst. 200 Höhenmeter geht es über Seilversicherungen hinab, bis das Gelände endlich ein wenig ebener wird. Ich treffe auf eine Gruppe Wanderer, die die Scharte überschritten haben: zwei Buben, Vater und Onkel. Nach den üblichen Wohers und Wohins beschließt man, gemeinsam abzusteigen. »Zusammen steigt es sich leichter ab als allein« – das hat dann nach 12 Stunden Kletterei auch nichts mehr mit Wandersmannkitsch zu tun.

Das Gespräch mit der Familie reißt mich aus meiner tranceartigen Gleichgültigkeit. Der Junge ist 13 Jahre alt und erinnert mich ein bisschen an mich selbst in diesem Alter. Auf dem Weg zurück zur Höllentalangerhütte treffen wir auf drei Wanderer, die sich überschätzt haben und am Ende ihrer Kräfte pausieren. Wir versorgen die Gestrandeten mit dem, was uns noch an Wasser und Essen geblieben ist (ich selbst habe nichts mehr) und bewegen sie zum Weitergehen. Die Dunkelheit zieht auf, wir erreichen alle zusammen gegen 19 Uhr die Hütte. Alles in allem bin ich 14 Stunden auf den Beinen gewesen. Auf der Hütte sitzen wir zusammen, es werden ein paar Schnäpse bestellt. Obwohl ich weiß, dass ich auch so werde schlafen können, trinke ich zwei mit, bestelle von meinem letzten Geld etwas zu Essen und falle in einen komatösen Schlaf. Das schönste Geschenk an diesem Tag ist das anerkennende Nicken der Bergführer, die bereits am Morgen in der Gaststube saßen. Am Morgen des nächsten Tages geht es durch die Klamm zurück ins Tal.


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Höllentalklamm.


Jubiläumsgrat
Anreise: bis Grainau (758 m) oder Ehrwald (994 m)
Hüttenzustieg: per Bergbahn auf die Zugspitze (2962 m)
Übernachtung: Münchener Haus (2959 m), +49 8821 2901, 30 Lager, ab 6 Euro
Grat: Schwierigkeit III-, Klettersteig D, ca. 8 Stunden

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