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Philipp Laage

    »Star Wars: Galaxy’s Edge« heißt die lang erwartete neue Themenwelt im Disneyland in Kalifornien. Kann man sich dort als Fan der Saga wie ein echter Jedi-Ritter fühlen? Ein Selbstversuch.

    »Oh mein Gott, Chewbacca!«, ruft eine amerikanische Touristin, als sie auf die zottelige Kreatur vom Volk der Wookies trifft. Er sieht tatsächlich aus wie im Film. Zwei Meter, braunes Fell. Und er macht seinen unvergleichlichen Sprechlaut, dieses wehmütige Röhren, das immer gleich klingt und ebenso »Vorsicht« wie »Der Hyperraumantrieb ist kaputt« heißen kann.

    Bevor die Amerikanerin ein Foto machen kann, schreitet die Weltraumlegende eilig davon, offenbar in wichtiger Mission. Chewbacca posiert nicht handzahm für ein Touristenfoto, und das ist Absicht. Die Figuren in dem neuen Themenbereich »Star Wars: Galaxy’s Edge« im kalifornischen Disneyland in Anaheim sollen dem Besucher das Gefühl vermitteln, leibhaftig ins »Star-Wars«-Universum eingetaucht und Teil der Handlung zu sein.

    KULT UND MYTHOS

    Disney zufolge war es die bislang größte Erweiterung des Parks. Die Kosten lagen bei angeblich einer Milliarde US-Dollar. Als »Star Wars: Galaxy’s Edge« am 31. Mai 2019 öffnete, herrschte in Anaheim Volksfeststimmung.

    Das hat mit dem Mythos zu tun. Von vielen popkulturellen Phänomenen heißt es, sie seien angeblich Kult. Für die Weltraumsaga von Georg Lucas, dessen erster Teil »Krieg der Sterne« 1977 in die Kinos kam, gilt das definitiv.


    Star Wars: Galaxy’s Edge kurz nach der Eröffnung.


    »Star Wars« erzählt die älteste Geschichte der Welt: Gut gegen Böse. Auf der einen Seite das faschistische Imperium: ein dunkler Lord mit gesichtslosen Sturmtruppen und dem unbedingten Willen zur Macht und Vernichtung. Auf der anderen Seite die Jedi-Ritter, Hüter des Friedens in der Galaxis, die sich der metaphysischen «Macht» bedienen, die alle lebenden Dinge durchdringt.

    Ich kann es ruhig zugeben: Mit zwölf Jahren war dieses Transzendenzangebot für mich irgendwie verlockender als die Geschichte von Jesus Christus, der als Gottes Sohn auf die Erde kommt und mir die Sünden vergibt. Manches Mal saß ich am Küchentisch und habe mir gewünscht, die Müslischale mit der Kraft meiner Gedanken zu verrücken wie ein Jedi-Ritter. Bis die Star-Wars-Phase von der Herr-der-Ringe-Phase abgelöst wurde.

    Es gibt angeblich zigtausend Erwachsene, die sich zum sogenannten Jediismus bekennen. Das ist vielleicht der Unterschied des »Star-Wars«-Areals zu den anderen Fantasiewelten im Disneyland: Viele Eltern haben genauso sehnsüchtig auf die Eröffnung gewartet wie ihre Kinder.

    SCHMUGGLER UND HAUDEGEN

    Doch kann man der Magie der Weltraumsaga in einem Disney-Themenpark nachspüren? Die Walt Disney Company, die die Produktionsfirma Lucasfilm 2012 für gut vier Milliarden Dollar kaufte, hat viel dafür getan, damit Besucher sich wirklich »in einer weit, weit entfernten Galaxis« wähnen.



    X-Wing Fighter, Monster-Trophäen.


    Das Areal wurde von der Außenwelt abgeschirmt. Der Blick fällt nur auf Star-Wars-Kulissen mit Patina-Ästhetik, die perfekt zu all den halbseidenen Raumhäfen passt, die in den Filmen wichtige Schauplätze der Handlung sind. Das übrige Disneyland ist nicht zu sehen. Nichts soll die Illusion trüben.

    Die Macher des »Star-Wars«-Geländes verorten den Besucher im Raumhafen Black Spire Outpost auf Batuu, einem abgelegenen Planet am Rande der Galaxis, kontrolliert von der bösen Ersten Ordnung – aber auch ein Unterschlupf des Widerstands. Jeder Parkmitarbeiter steckt in einem Kostüm und spielt eine Geschichte. Man begegnet Händlern, Schmugglern, Kopfgeldjägern, Rebellen, Sturmtruppen und dem düsteren Kylo Ren.

    Der größte Hingucker ist der Millennium Falke, das legendäre Raumschiff des gutherzigen Haudegens Han Solo und seines treuen Wookie-Copiloten Chewbacca. Der Falke wurde laut Disney zum ersten Mal originalgetreu nachgebaut und trägt sogar Blaster-Spuren.


    Ikone: der Millenium Falke, das Raumschiff von Han Solo und Chewbacca.


    Überhaupt ist die Liebe zum Detail bemerkenswert. Auf den Gehwegen sieht man seltsame Spuren: Bevor der Bodenbelag ausgehärtet war, ließ man den legendären Droiden R2D2 durch den Zement fahren. Überall gibt es Referenzen aus dem «Star-Wars»-Universum. Wer schon immer wie Luke Skywalker blaue Weltraum-Milch trinken wollte, kann dies in der Cantina des Raumhafens tun. Kein Coca-Cola-Becher bricht dort mit der Fiktion, mitten im Film zu sein.

    PATIENCE YOU MUST HAVE

    Dass man sich trotz allem in einem Vergnügungspark befindet, wird im Fahrgeschäft »Millennium Falcon: Smugglers Run« offensichtlich. Nach einer Dreiviertelstunde Anstehen fühlt man sich an die Immigration-Warteschlange von LAX erinnert und wünscht sich den Hyperraumantrieb herbei. Sehr irdisch. Schlussendlich landet man in einem Flugsimulator, der an ein Videospiel erinnert und wenig Nostalgie aufkommen lässt.

    Bei der Wahl der Souvenirs kann sich der Fan entscheiden, ob er der hellen oder dunklen Seite der Macht folgt: Jedi-Roben gibt es ebenso zu kaufen wie den schwarzen Umhang der Sith-Lords. Insgesamt stehen laut Disney fast 700 Andenken zur Auswahl, von der Jedi-Vollmontur bis zu den Zufallswürfeln des zwielichtigen Händlers Watto auf Tatooine.

    In Savis Werkstatt kann ich mir sogar ein Lichtschwert nach eigenen Wünschen entwerfen lassen, die Waffe der Jedi. Das kostet 200 Dollar. Modelle von der Stange sind günstiger. Vor zwanzig Jahren wäre ich in diesem Laden komplett ausgerastet vor Freude und hätte meine gesamten Ersparnisse zusammengekratzt. Im Droiden-Depot lässt sich ein Heim-Roboter aus verschiedensten Bauteilen individuell zusammenstellen.




    Souvenirs für zu Hause: Droiden und Lichschwerter.


    EIN KAPITALISTISCHES UNIVERSUM

    Eines wird in dem neuen «Star-Wars»-Land deutlich: Die Besucher sollen ihr geliebtes Universum, das sie nun scheinbar wirklich betreten haben, auch mit nach Hause nehmen. Sie sollen möglichst viel einkaufen. Hinter der überwältigenden Optik verbergen sich vor allem: Shops.

    Darin kann man einen Lifestyle-Kosmos ausmachen, der mithilfe eines geschlossenen Systems an sinnstiftenden Codes letztlich nichts anderes im Sinn hat, als blinden Konsum herzustellen. Konzerne wie Nike und Adidas mit ihrer Influencer-, Event- und Hype-Maschine rund um so etwas Triviales wie Sportschuhe funktionieren genauso. Disney war immer schon die radikal-kapitalistische Ausbeutung von Fantasien, Sehnsüchten und Träumen. Bei »Star Wars« machen sie da keine Ausnahme.

    Ist »Star Wars: Galaxy’s Edge« also doch nur Kommerz? Oder kommt die »Star-Wars«-Magie auf? Lohnt sich der Besuch? Vielleicht muss man hier Meister Yoda bemühen, den weisesten aller Jedi: »Do or do not. There is not try.«

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