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Philipp Laage

Die Besteigung des Chopicalqui scheitert bereits auf dem Weg zum Hochlager. Eine sagenhaft breite Gletscherspalte versperrt den Weg. Die Enttäuschung ist groß. »That’s the mountains«, sagt Bergführer Carlos.

Huaraz — Der Mensch will immer höher hinaus, das ist vielleicht Teil seiner Natur, möglicherweise auch nur meiner Natur, in jedem Fall wollte ich nach dem stattlichen Gletscherberg Pisco und dem eher als Geröllhaufen zu klassifiziernden Chachani auf einen richtig alpinen Eisriesen der Cordillera Blanca aufsteigen: den Chopicalqui, 6354 Meter, weitläufige Vergletscherungen, steile Firngrate.

Vor allem die luftige Schlusspassage ließ mich zuhause, in Deutschland, immer wieder zwischen Begeisterung und Ehrfurcht schwanken. Doch der Gipfel soll mir am Ende verwehrt bleiben, wir können keinen Weg durch den Gletscherbruch finden.

Immerhin: Am Chopicalqui gibt es dramatische Formationen aus Fels und Eis zu bestaunen. Das ist ein kleiner Trost. Aber wirklich nur ein kleiner.


Chopicalqui


MORÄNENLAGER

Wir sind vom Basislager aufgestiegen und bauen auf etwa 4600 Metern unsere Zelte auf. Bergführer Carlos tanzt sportlich über die Steine, unser schweigsamer Koch Marcus macht Essen – alles wie immer.

Leider bereitet das Wetter große Sorgen: Nachmittags geht ein ordentlicher Hagel über dem Lager nieder, der Gipfel des Chopicalqui und seine vergletscherten Hänge verschwinden regelmäßig im Nebel. Überhaupt: Wie das Eis wirr und gezackt am Berg zu kleben scheint. Zur Stunde erscheint es einigermaßen unrealistisch, überhaupt je die höheren Sphären des Berges erreichen zu können.

Der Laie verspürt Unsicherheit, er will am liebsten ganz klar wissen, ob ein Aufstieg zum Hochlager morgen möglich sein wird. Man muss an die Profibergsteiger denken, die oft mehrere Wochen im Basislager vor irgendeinem Wandfuß im Karakorum ausharren, bevor es überhaupt ein Wetterfenster für den Aufstieg gibt. Diese Zeit haben wir: nicht.

Der Hagel hat – psychologisch wichtig – aufgehört. Immer wieder gehen Teile des Gletschers vor uns als Eislawinen ab, das Echo wird von der Felswand hinter dem Zelt zurückgeworfen. Gletscher bewegen sich, das merkt man hier.

Der vorausahnende Carlos: »We have to wait for tommorrow.« Völlig klar.


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IM GLETSCHERBRUCH

Der nächste Morgen ist dann doch »heiter bis wolkig«, so würde man das im Radio sagen. Wir machen uns auf den Weg ins Hochlager auf über 5000 Metern.

Leider gibt es keine Spur durch den Gletscherbruch, weil wir relativ spät in der Saison unterwegs ist: Es ist Anfang Oktober. Die letzten Bergsteiger, zwei Spanier, seien vor zwei Wochen am Berg gewesen, berichtet Carlos – sie seien aber nicht bis auf den Gipfel gegangen. Das heißt an diesem Tag: selbst einen Weg finden.

Der immer kundige Carlos geht souverän voraus, ich sichere ihn mit einem Seil. Wir laufen über Türme und Blöcke aus Eis, die in nicht absehbarer Anordnung durcheinandergewürfelt zu sein scheinen wie Häuser nach einem Erdbeben. Bis zu 80 Meter tiefe Spalten ziehen sich durch das Eis, oft liegen sie unter Schnee verborgen. Man sieht dann nur eine leichte Delle im Boden.

Das Eis reflektiert die Sonne so stark, dass meine Isomatte außen am Rucksack schmilzt.

Irgendwann bleibt Carlos stehen und sagt: »We cannot go this way.« Carlos steht auf einer Schneebrücke, das hat er gemerkt, weil sein Eispickel durch den Boden bis in einen Hohlraum gehackt hat. Die Spalte sei beim letzten Mal noch nicht so breit gewesen, hier könne man nicht weitergehen.

Der Kunde schaut ungläubig und denkt: Gut, der Carlos kennt den Berg, er wird sicher einen alternativen Weg finden. Wir folgen einer anderen Spalte, doch irgendwann klafft wieder nur ein riesiger Abgrund auf. Viele Optionen gibt es nicht, und wir haben natürlich keine Aluminiumleiter dabei.

Nach einer halben Stunde ist klar: Wir finden keinen Weg durch den Gletscherbruch.

Langsam sackt die Enttäuschung ins Bewusstsein. An dieser Stelle ist offensichtlich Schluss. Letzter Widerwille, Frage an Carlos: Gibt es überhaupt einen Weg auf den Gipfel? Antwort Carlos: Nein, vorerst gibt es auf dieser Route keinen sicheren Weg auf den Gipfel. Er werde das der Agentur in Huaraz melden.


Chopicalqui
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ABSTIEG

Totale Resignation im Moränenlager. Das kann es doch jetzt nicht gewesen sein. Die Expedition ist ja kaum richtig losgegangen.

Ist es frustrierender, 50 Meter unterhalb des Gipfels in einem Schneesturm umkehren zu müssen oder bereits auf dem Weg zum Hochlager wegen einer einzelnen Gletscherspalte? Schwer zu sagen.

Der erfahrene Bergführer Carlos sieht natürlich die Enttäuschung seines Klienten und versucht ihn etwas aufzuheitern. Er selbst habe auch schon oft umkehren müssen, zum Beispiel bei einer Aconcagua-Speedbesteigung vor drei Jahren. Da habe er natürlich die 800 US-Dollar Eintritt für den Nationalpark schon gezahlt gehabt und dann: schlechtes Wetter, Abbruch 400 Meter unterhalb des Gipfels.

Dann lächelt Carlos und sagt den ultimativ weisen Satz: »That’s the mountains.«


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Nevado Pisco
Chopicalqui
Huascarán


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Afrika heißt Tiere gucken: Der Queen-Elizabeth-Nationalpark ist ein scheinbar konfliktfreier Erlebnisraum für wohlhabende Safari-Touristen. Ich komme auf der Durchreise. Und werde bald unruhig.

Als zwei Schimpansen den Feldweg überqueren, freut sich der erfahrene Ranger wie ein kleines Kind. »Heute ist ein wunderbarer Tag, wir haben großes Glück«, sagt Robert Adaruku und setzt das Fernglas ab. Er strahlt so überschwänglich, als hätte er zum ersten Mal einen Affen gesehen. Ich kann die Begeisterung nur bedingt erwidern, kenne ich Schimpansen doch zumindest aus dem Zoo, und in der Wildnis braucht es immer erst eine Weile, bis man verinnerlicht hat, dass kein Zaun die Tiere gefangen hält.

Robert arbeitet seit fünfzehn Jahren im Queen-Elizabeth-Nationalpark im Südwesten Ugandas. Er weiß, dass die Schimpansen sich nur ganz selten aus dem Regenwald in der Kyambura-Schlucht in die offene Savanne begeben. Aber dort stehen die Feigenbäume. Die Affen klettern hinauf zu den Früchten.




Schimpansen auf der Jagd nach Feigen.


Der Kyambura war für die Dörfer am Fluss immer schon eine wichtige Wasserquelle. Doch das Flusstal ist schmal, der Strom fließt schnell. Einmal, so erzählt es Robert, riss das Wasser den Menschen ihre Habseligkeiten fort. So kam der Kyambura zu seinem Namen, der »etwas nicht finden können« bedeutet. Es sind solche Mythen, die man als Tourist irgendwie seltsam bewegt aufnimmt.

SCHIMPANSEN ALS SEHENSWÜRDIGKEIT

Die Schimpansen-Population in der Schlucht stammt aus einem großen Waldgebiet südlich des Parks. Beide Gebiete waren durch einen Korridor verbunden, der vor mehr als dreißig Jahren unterbrochen wurde. Die Kyambura-Schimpansen lebten fortan isoliert und zunächst wild. An Menschen waren sie nicht gewöhnt. Nachdem in den unruhigen 1990er Jahren eine Uno-Friedensmission die ruandisch-ugandische Grenze sicherte, begann die Habitualisierung der Tiere. Und damit der Tourismus, an dem auch nicht nun partizipiere, indem ich unter einer brutalen Sonne auf Bäume mit Affen starre.

In der Kyambura-Schlucht kann es passieren, dass man nicht einen einzigen Schimpansen zu Gesicht bekommt, gerade jetzt am Nachmittag. »Morgens suchen sie Nahrung, rufen einander und streiten«, sagt Robert. Dann ist es nicht schwierig, die Affen aufzuspüren. Doch mit zunehmender Hitze werden die Schimpansen träge und ziehen sich ins Unterholz zurück, unsichtbar für ungeschulte Touristenaugen (wie meine), die schon Schwierigkeiten haben, einen Buschbock von einem Impala zu unterscheiden.




Kyambura-Schlucht, Robert Adaruku.


An diesem Nachmittag stoßen wir auf Schimpansen, bevor wir überhaupt in die Schlucht hinabgestiegen sind. Wir haben perfekte Sicht. Was für ein Glück.

Es sind diese unverhofften Begegnungen in der Wildnis, für die sich wohlhabende Menschen aus Europa beigefarbene Tarnkleidung zulegen und acht Stunden fliegen. Sie suchen Wildlife. Abends stoßen sie beschwingt mit einem Sundowner an und fühlen sie wie Hemingway. Safari-Afrika als exotisiertes Erlebnis für Besserverdiener.

EIN SOGENANNTES NATURPARADIES

Ich bin, wenn man so will, nur auf der Durchreise und auf dieser Reise wirklich kein typischer Safariurlauber. Ich komme von Norden aus den Rwenzori-Bergen, deren neblige Täler mich zerzaust und ausgemergelt freigegeben haben. Sieben Tage bin ich durch das unzugängliche Gebirge marschiert, bis auf den schneebedeckten Margherita Peak, und habe vier Kilo abgenommen. Ich kann das im Spiegel sehen.

Auf dem Weg nach Süden, in Richtung Ruanda, komme ich durch den Queen-Elizabeth-Nationalpark. Ich gönne mir eine Pause. Das Schutzgebiet liegt im Albert-Graben, dem westlichen Ausläufer des Ostafrikanischen Grabenbruchs, wo Regenwald, Papyrus-Sümpfe, Krater und Savanne aufeinandertreffen. Auch zwei großen Seen haben sich zwischen den Kontinentalplatten gebildet, Lake George und Lake Edward. Die Gewässer tragen wie der Park selbst die Namen ehemaliger Royals. Als die britische Königin 1954 ihre Kolonie Uganda besuchte, wurde Nationalpark nach ihr benannt.

Die Besatzer gingen, der Name blieb. Auf die Unabhängigkeit 1962 folgte in Uganda wie in so vielen Ländern Afrikas bald eine Diktatur. Der Name Idi Amin steht für den stereotypischen Gewaltherrscher. Angesichts von Hunderttausenden Toten unter dem irren Regime des Feldmarschalls in den Siebzigern ist es eine Randnotiz der Geschichte, dass auch massenweise Wildtiere abgeschossen wurden. Doch die Bestände haben sich erholt. Der Artenreichtum im Queen-Elizabeth-Park ist heute dank der verschiedenen Ökosysteme so groß wie kaum sonst irgendwo im östlichen Afrika.




Kronenkranich, Nationalpark, Büffel.


WILLKOMMEN IM AFRIKA-THEATER

Ich kann nicht leugnen, dass es nach den Strapazen der vergangenen Woche erholsam ist, hier drei Tage harmlosen Aktivitäten nachzugehen: Walking Tour zu den Schimpansen, Fahrt durch die Savanne, Bootsausflug zu Elefanten. Abends sitze ich im Speisesaal der Mweya Safari Lodge, wo die Nacht 400 US-Dollar kostet, und schlage mir den Bauch voll wie jemand, der eine Woche keinen Appetit hatte. Und tatsächlich war es ja so, wegen des anhaltenden Durchfalls in den Bergen.

Auch ich trinke jetzt meinen Sundowner, weil es nun einmal dazugehört, nach einem Safari-Tag einen Sundowner zu trinken. Man hat das irgendwo gelesen oder im Film gesehen und verinnerlicht, außerdem kühlt es den Körper herunter (glaubt man). Dann ist die Sonne auch schon untergegangen. Auf dem Rasen draußen vor der Lodge haben die Mitarbeiter ein Feuer entzündet, um das ein paar halbnackte Männer herumtanzen, während andere mit Trommeln den Rhythmus vorgeben. Jetzt führen sie also für die Urlauber das große Folklore-Theater auf, denke ich: das Afrika der Masken und Magie.

Tour Operator und Lodges wollen mich in einen Dämmerschlaf wiegen, in dem es keine Konflikte gibt, in dem Afrika als homogener, archaisch-mysteriöser Kulturraum existiert, wo die wilden Tiere aber eigentlich doch spannender als die Menschen sind. Sie verdienen damit gutes Geld, und wer bin ich, dies zu verurteilen? Aber ich merke, wie ich eingelullt werde, wie sich meine müden Glieder kaum gegen die Vereinnahmung wehren können, ich aber eigentlich weiter muss, mich wieder dem Land und seinen Alltäglichkeiten aussetzen, die eben nicht darin bestehen, für einen einheimischen Monatslohn auf Pirsch zu gehen. Safari-Afrika ist eine schöne Illusion.




Unterwegs im Nationalpark: Löwen gucken und Elefanten beobachten.


DUNKLE WOLKEN, GOLDENES LICHT

Am nächsten Tag hat die Lodge aber zunächst einen Ausflug auf den Kazinga-Kanal organisiert. Die Wasserstraße verbindet die beiden Seen des Nationalparks. Vom Bootsdeck aus lassen sich ohne jede Anstrengung Elefanten, Hippos, Büffel und Krokodile beobachten, die am Ufer ihr Schauspiel aufführen.

An der Mündung in den Eduardsee haben sich Scharen von Wasservögeln versammelt: Pelikane, Kormorane, Goliath- und Schwarzhalsreiher. Der einzigartige Schuhschnabel zeigt sich nicht. Auf dem See wippt ein einzelnes Fischerboot vor einem Wolkenturm, der sich düster über dem anderen Ufer jenseits der Landesgrenze erhebt, als wollte er mahnend darauf hinweisen: Dies hier ist schon der Ostkongo. Wer den See überquert, verlässt die heile Safari-Welt und begibt sich hinein in jenes gefahrvolle Afrika der Konfliktgebiete, das vom flüchtigen Grundrauschen der Weltnachrichten konstruiert wird.





Unterwegs auf dem Kazinga Channel.


Noch einmal, früh am Morgen, lasse ich mich am nächsten Tag durch die Akaziensavanne fahren. Die noch tiefe Sonne überzieht die einsame Landschaft mit einem goldenen Schleier, der mit dem Aufziehen des Tages langsam ausbleicht. Die Lichtstimmung ist fast schöner als die wilden Tiere: Büffelherden stehen wehrhaft zusammen, eine Uganda-Grasantilope zeigt ihre Silhouette, Paviane hocken ungerührt von den Safari-Fahrzeugen gleich neben der Buschpiste. Ein letzter Morgen reinste Idylle. Ich lasse mich fallen in das gut organisierte Konzept des Game Drives.

Mittags lasse ich mich vom Mitarbeiter der Lodge an der Hauptroute in Richtung Südosten absetzen. Mein Aufenthalt im Queen-Elizabeth-Nationalpark ist beendet. Nun nimmt mich niemand mehr an die Hand und zeigt mir den Weg. Ich stehe am Straßenrand und warte auf den nächsten Minibus. Bis wohin fährt er? Unwichtig. Es geht mir darum, wieder unterwegs zu sein unter den Menschen, und diesem Umstand mehr Zeit und Bedeutung einzuräumen als einem schönen Fotomotiv. Vielleicht fängt damit das Reisen erst richtig an, doch wozu dogmatisch sein? Irgendwann schaue ich mir wieder einfach nur Löwen an.


Pirschfahrt bei Sonnenaufgang im Queen-Elizabeth-Nationalpark.


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Torremolinos an der Costa del Sol steht für Massentourismus. Die alten Fassaden der Hotels wecken Erinnerungen an längst vergangene Sommer und Urlaube, die es so nie gab. Oder vielleicht doch?

I. Der Anlass

Warum fährt einer nach Torremolinos? Das ist aus heutiger Sicht nicht einfach zu verstehen. Die Gemeinde an der spanischen Costa del Sol südlich von Málaga entwickelte sich in den frühen sechziger Jahren zu einem der ersten großen Zentren des aufkommenden Massentourismus, und das ist nun wirklich schon eine Ewigkeit her. Wenn man von einem anderen Jahrhundert spricht, dann fühlt es sich genau so lange an.

Da saß nun, sagen wir im Jahr 1969, Familie Schulz im Reisebüro in Kassel und informierte sich über die Möglichkeiten eines Badeurlaubs jenseits heimischer Gefilde, in denen sonntags ein Braten auf dem Tisch stand und man – es war die Zeit noch vor der ersten Ölkrise – fest an das nicht enden wollende Wirtschaftswunder der jungen Bundesrepublik glaubte. Italien und Spanien waren damals noch ferne Länder. Wer dort Urlaub machte, galt schon fast als halber Weltbürger.

So zeigte die Mitarbeiterin des Reisebüros also die Kataloge – mit Hotelanlagen an der Adria, in Südfrankreich und eben in Andalusien. Und Herr Schulz, vom exotischen Klang des Namens Torremolinos unerklärlich bewegt, wird damals gesagt haben: Das ist doch was, das machen wir. Sehnsuchtsziel Spanien, Franco war egal. Von diesem schicksalhaften Jahr an verbrachte Familie Schulz mit ihren zwei Kindern jeden Sommer in Torremolinos, im warmen Mittelmeerklima, gefühlt endlose Ferien am anderen Ende der Welt, und es war möglicherweise die glücklichste Zeit ihres Lebens.

In den Zehner-Jahren dieses neuen Jahrtausends ist ein Spanien-Urlaub an der Costa del Sol kein Statussymbol mehr, zumindest nicht in einem der alten Strandhotels. Und doch laden Thomas Cook und Neckermann zur Vorstellung ihres neuen Sommerprogramms im Spätherbst 2015 nach Málaga ein – genauer gesagt jedoch nach Torremolinos. Denn dort steht das Hotel, in dem übernachtet wird: das Meliá Costa del Sol, zwei grobe Wohnblöcke in bleichem Gelb, direkt am Strand.

Eigentlich ist die Ortswahl gar nicht so überraschend. Spanien ist immer noch das beliebteste Auslandsreiseziel der Deutschen. Die Balearen und Kanaren liegen zahlenmäßig an der Spitze, doch auch hier in Andalusien verbringen jedes Jahr viele tausend Bundesbürger ihren Urlaub. In Zeiten, wo gefühlt jeder Zweite schon in den USA oder auf Bali war, ist das vielleicht nichts mehr, womit man im Bekanntenkreis angeben kann, doch Spanien als Urlaubsziel ist ungeschlagen erfolgreich. In der Logik eines Massenreiseveranstalters ergibt Torremolinos also komplett Sinn. Doch auch für einen Individualreisenden?


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II. Die Erwartungen

Wer den Namen Costa del Sol hört, denkt vielleicht an den Nobelbadeort Marbella, der einmal ein Stützpunkt des internationalen Jet Set war. Selbst der König von Saudi-Arabien hatte in den Siebzigern eine Villa in Marbella. Doch wahrscheinlicher ist, man denkt an die vielbeschworenen »Bettenburgen«, die sich entlang der Küste aufreihen und nur wenig voneinander unterscheiden. Stünden sie im Vorort einer größeren Stadt im Inland und hätten keinen Pool, könnte man sie für Mietskasernen halten. Doch hier am Meer sind es Gebäude, in denen Menschen ihre Ferien verbringen und damit nicht unglücklich sind. So sieht Massentourismus eben aus.

Man ist geneigt, sich schon vor der Ankunft in Málaga für überlegen zu halten. Wer hier Urlaub macht, denkt man, hat die Kunst des Reisens nie erlernt, und das ist bedauerlich. Wer in einem seelenlosen Hotel an der Costa del Sol landet, hat ein schlichtes Gemüt.

In der Erwartungshaltung an einen Ort wie Torremolinos steckt immer eine Spur Selbstvergewisserung, dass man es besser anstellt als Menschen, die Pauschalurlaub buchen und später wegen Mängeln im Hotel auf Preisminderung klagen. Diese Haltung ist naheliegend, aber von der Einsicht in das Wesen des Glücks so weit entfernt wie ein nigerianischer Tagelöhner von einem Einfamilienhaus in Hamburg-Harvestehude.

III. Der erste Eindruck

Kurz vor der Ankunft ist ein Gewitter über die Berge gezogen. Die Wolken die Küste rauf im Norden sehen immer noch bedrohlich dunkel aus. Sie drücken schwer auf das unspektakuläre Meer, auf die Hotels, Lokale und Strandbuden. Feuchtigkeit liegt über Torremolinos und verstärkt den Eindruck, dass der Moder schon lange an den Hochhäusern frisst. Die Architektur ist zweckmäßig, funktional. Viele Stockwerke mit Balkonen haben sie aufeinandergestapelt, in Grau und Weiß und Ocker. Keine Fassade strahlt frisch, so als wären die Farben schon seit Jahrzehnten der Sonne und dem Regen ausgesetzt – was ja oft auch stimmt, wie einem schnell wieder einfällt.

Alles in allem wirkt Torremolinos verschlafen und trostlos, zumindest an einem Herbsttag, wenn die Hochsaison lange vorbei ist. Doch man sähe den Hotels ihr Alter auch an einem sonnigen Tag im Juli an, wenn mehr Urlauber da sind. Man müsste nur etwas genauer hinschauen. Und so bleibt der dominierende Eindruck, den man von diesem spanischen Badeort bekommt: Man reist in die Vergangenheit.

Heute kann man mit wenigen Klicks eine schicke Finka auf Mallorca oder einen Resortaufenthalt in Thailand buchen, da scheint ein Urlaub in Torremolinos wie aus der Zeit gefallen. Unter dem Spiegel des Universums: Warum sollte man ausgerechnet hier seine Ferien verbringen? Einer Familie Schulz von heute steht doch die ganze Welt offen. Es gibt keinen Grund und es ergibt keinen Sinn – außer eben, man kam schon immer hierher. Doch etwas ist erstaunlich: Für jemanden, der noch nie in Torremolinos war, fühlt es sich dennoch so an, als wäre man schon viele Mal dort gewesen. Wie kann das sein?


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IV. Die Orientierung

Der seltsamen Melancholie, die einen bei der Ankunft in Torremolinos anfällt, muss man nachgehen. Dafür schreitet man am besten die Strandpromenade ab, so wie sich das in jedem Badeort gehört. Rechts das Wasser, links die Hotels. Links das Wasser, rechts die Hotels. Torremolinos geht im Norden fast nahtlos in Málaga über, nach Süden raus in Benalmádena. Man könnte stundenlang an der Costa del Sol entlanglaufen und würde kaum merken, wenn man eine neue Stadt erreicht hat.

Hotels und Geschäfte drängen sich dicht auf dem schmalen Streifen zwischen Meer und Bergen, denn das Hinterland erreicht rasch eine stattliche Höhe. Alles ist zum Wasser hin ausgerichtet, denn ohne das Meer gäbe es hier keinen Tourismus – also praktisch nichts. Wer Badeurlaub macht, will ja immer zum Strand, dem Fixpunkt aller Träume.

V. Der Sehnsuchtsort

Málaga ist ein hübsches Städtchen (Kathedrale und Altstadt, Picasso-Museum, die Festung Alcazaba), doch in Torremolinos gibt es keine Sehenswürdigkeiten – nur den Strand. Und so gibt es auch nicht den herausragenden und bezaubernden Ort, den man für einen Kaffee oder einen abendlichen Umtrunk unter freiem Himmel unbedingt empfehlen könnte. Das gastronomische Angebot ist relativ gleichförmig.

Es ist mehr der Ort selbst, in seiner Gesamtheit, der eine große Sehnsucht auslöst. In der Calle Casablanca eine Pizza bestellen, durch die Souvenirshops bummeln, am Strand ein Eis essen, kurz im Wasser erfrischen, dann nur noch in der Sonne liegen: So gehen die Ferien dahin. In diesem profanen Ablauf der Dinge steckt die befriedigende Einfachheit von Urlaub am Meer, wie sie allerdings nur in Kindertagen möglich war. Lang vergangen ist diese Zeit, doch hier wird sie noch einmal spürbar.


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VI. Das Gefühl beim Abschied

Der erstmalige Besuch von Torremolinos ist wie die wehmütige Erinnerung an eine Reise, die es niemals gab. Oder doch – nur nicht hierher. Jeder hat sein Torremolinos, diesen Badeort der Kindheit. In meinem Fall ist das Menton in Südfrankreich, wo mein Bruder und ich uns die Haut verbrannten, jeden Tag Pizza aßen und nach Tintenfischen schnorchelten. Einmal pro Urlaub wanderten wir in Turnschuhen und Tennissocken zwei Stunden um das Cap Martin mit seinen Multimillionen-Villen ins benachbarte Monaco. Dort staunten wir über die flachen Sportwagen und die Cola für dreißig Francs.

Diese Zeiten sind vorbei. Als Mensch um die Dreißig sitzt man in Torremolinos abends am Strand und schaut seltsam gerührt auf das Meer. Die Zeit scheint an diesem Ort wie für alle Ewigkeit konserviert, was natürlich eine Illusion ist – Grüße an Familie Schulz oder auch an meine Eltern, die eben doch schon fast ein ganzes Leben hinter sich haben. Das Licht des Tages schwindet, der Himmel und das Wasser schimmern noch in Pastellfarben, Apricot und Rosa, und am Horizont zieht langsam ein Kreuzfahrtschiff vorbei. Man wünscht sich, der Ozeandampfer trüge einen fort aus der Vergangenheit, die hier aus jeder Fuge emporzusteigen scheint, zurück in die Gegenwart, und dann schließlich weit weg in eine aufregende und optimistische Zukunft, in fremde Länder.

Die Gedanken: Wird’s nochmal so wie früher? Kommt sie jemals wieder, diese sorglose Euphorie scheinbar endloser Sommer? Keine Überlegenheit fühlt man mehr, eher Nostalgia Ultra wie bei Frank Ocean, irgendwie sowas. I’m about to drive in the ocean, I’ma try to swim from something bigger than me. Dann doch lieber zurück ins Hotel. Es ist dunkel geworden, der Sommer ist vorbei. Auf Wiedersehen, Vergangenheit.


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Dalhousie — Es war dann also auf Sri Lanka hinausgelaufen. Warum Sri Lanka?

Eigentlich egal, es ging mehr um dieses Rauskommen, Fortkommen, Weg-Sein von allem anderen, damit da ein Abstand entsteht zu den Dingen, der vorher nicht möglich war, als könnte man so eine Grenze des Empfindens überschreiten und die Wahrnehmung öffnen, und es setzt sich dann ein neues Bild der Dinge zusammen.

Die ganz praktischen Gründe: Da waren nur zwei Wochen Zeit, ein knallhartes firmenbürokratisches Argument, anders ging es nicht.

Hätte man den Kontrast zum Bekannten, zum Vorstellbaren, zu dem, was schon drin ist im Kopf, maximieren wollen, dann wäre es wahrscheinlich Uganda geworden, das war schon länger eine lose Phantasie, die im Kopf existierte und irgendwie eine große Faszination auslöste.


Colombo


Nun aber Sri Lanka, weil: die Einfachheit des Reisens dort, die weißen Strände – solche Art von Stränden, die in den Tourismuskatalogen Traumstrände heißen – und die maximale Reduzierung, nichts erwarten an einem Ort, den die Menschen als Paradies bezeichnen; es sollte die Suche nach dem Nullpunkt sein, wo ein Zyklus endet und ein neuer Kreis der Ereignisse losgehen kann.

In Europa ist diese Erfahrung nur noch schwer zu machen, in der Ferne wird es auch seltener, seit den Billigflügen und später den Billigfernreisen, alles verschiebt sich an die Grenzen, an den Rand der Vereinnahmung, an Orte, die einen selbst ganz einnehmen und dann, wenn möglich, ganz und gar offenlegen, nur wird das eben immer schwieriger.

Es ging also um ein ganz wesentliches Motiv des Reisens, das war vorher nicht so klar abzusehen gewesen.

Klar, wir wollten Traumstrände. Was heißt das?

Ich habe – da bin ich mir fast sicher – noch nie von einem Strand geträumt, aber diese Magazinbilder, auf denen eine gephotoshopte Blondine zahnpastalächelnd einen Cocktail trinkt, ihr Becken schieflegt und ironiefrei suggeriert, das Leben sei ein leichtes, ewig dahingleitendes Fest, oder diese seltsam allgegenwärtige Projektion des verträumten, sonnengesunden Surferdudes, der vor dem Lagerfeuer am Strand gedankenverloren die Saiten seiner Gitarre zupft und dazu – mehr schlecht, als recht – ein melancholisches, aber im Grundsatz natürlich vollkommen lebensbejahendes Liedchen in den Sonnenuntergang intoniert – diese Bilder kann man nicht mehr ganz rauskriegen, wenn man nicht lange weit fortgeht und sich bestimmte Einsichten wirklich setzen, dafür ist man zu durchgespült von der Produktwerbung, zu sehr sozialisiert von bestimmten Schablonen des Glücks.

Der Widerspruch: Es sind sehr abgenutzte Bilder, es sind immer noch sehr starke Bilder.


Mirissa
Galle
Mirissa


Zunächst gab es jedoch keine Traumstrände.

Wir hatten den Zug genommen von der Hauptstadt Colombo über die ehemalige Kaiserstadt Kandy, wo wir eine Nacht verbrachten, bis zur Provinzstadt Hatton, und von dort begann im besten Sinne eine echte Bummelfahrt mit dem Bus über außerordentlich schlechte Straßen, Geruckel und Geschaukel, geschätzte Durchschnittsgeschwindigkeit: zwanzig Stundenkilometer.

Unser Ziel war der Adam’s Peak, der heilige Berg Sri Pada, auf dessen Spitze ein Kloster liegt, in dem sich angeblich der Fußabdruck des großen Buddha Siddhartha Gautama befindet.

Darüber hinaus aber – und das ist der eigentliche Grund, warum so viele Touristen auf diesen Berg steigen – kann man vom Gipfel weit über das Land schauen und morgens, nachdem man mit den einheimischen Pilgern aufgestiegen ist, die feuerrote Sonnenscheibe über den fernen, schwarzen Bergen aufgehen sehen.

Es ist interessant, was die Anziehungskraft solcher Orte bedingt, an denen in relativ großer Höhe die Sonne über dem Land aufgeht.

Ist das ein rein ästhetisches Motiv? Ist das der innere Wunsch nach einem Neubeginn, das mal deutlich zu sehen, wie sich eine Kugel im Universum im Verhältnis zu einer anderen in den Raum hineindreht und die Dunkelheit vertreibt? Die Sehnsucht danach, das ewig Wiederkehrende wahrzunehmen, also letztlich Beständigkeit visuell greifbar zu bekommen?

Ich konnte das nicht beantworten und hatte mir diese Fragen auch nicht gestellt, ehrlich gesagt, das sind wieder diese intellektuellen Reflexionen, die man später draufsetzt auf das Erleben: Die direkte Erfahrung wird sinnstiftend überhöht, im Rückblick hilft das natürlich oft, aber es macht unmittelbar auch vieles ungenießbar und blockiert, wenn man das nicht ausschalten kann.

Deshalb: erst einmal stupide hinreisen zu diesem Berg und schauen, wie das dann ist, da hochzusteigen und über das weite Land zu blicken, während die Sonne aufgeht, das war so der Modus, in dem wir in Dalhousie ankamen, bei dieser kleinen Ansammlung von Hüttchen und Häuschen am Fuß des heiligen Bergs.


Sri Lanka


Der Zug von Kandy aus war erstaunlicherweise auf die Minute pünktlich gewesen und gar nicht überfüllt, damit rechnet man ja auch erst einmal nicht. Auf der Fahrt durch das Hochland und die Teeplantagen konnte man die Füße aus der offenen Tür baumeln lassen, das war immer leicht aufregend, wenn der Waggon über eine Brücke ratterte.

Rückblick auf Kandy, wo im Prinzip nicht viel passierte, obwohl die Bilder durch die Augen in den Kopf hineinfluteten: Den Zahntempel besuchten wir, den botanischen Garten nicht, zu weit weg; in dem sumpfgrünen See nagten zwei Schildkröten an einem toten Fisch, es war selbstverständlich schwül und heiß in der Mittagshitze, und an einer Straße – und das ist jetzt eigentlich ziemlich ernst – hätte mich beinahe ein Bus überfahren.

In diesem ziemlich verschlafenen Kandy gingen wir abends in eine billig möblierte Ramschkneipe, eine richtig ordentliche Saufschenke, weil im Queen’s Hotel wirklich nur unsmarte Langweiler-Europäer saßen, es war dann sozusagen aus Frust gleich das genaue Kontrastprogramm geworden.

Das Lion’s Beer wurde in der absolut nachvollziehbaren Flaschengröße von 0,66 Litern serviert, ein Tamile namens John und sein offensichtlich leicht schwachsinniger Freund luden uns gleich an ihren Tisch ein. Am Nebentisch kippte ein Singhalese, der vielleicht noch drei oder vier Zähne im Mund hatte, Whisky aus einem schmierigen Wasserglas herunter, die Flasche war schon bis auf ein Viertel ausgetrunken. John redete und schaute uns an, und wenn er Pause machte, dann sah es so aus, als wollte er gleich auf uns losgehen, aber er sagte dann doch wieder etwas überaus Einladendes und zeigte uns zum Beispiel ein Foto von seiner Frau und strahlte plötzlich: Er würde bald Vater werden.

Der zwielichtige Typ am Nebentisch raunte einige Male herüber, John sagte dann nichts mehr, dabei war immer noch nicht ganz ausgemacht, wer hier undurchschaubarer war, in jedem Fall erschien es plausibel, wenn der Tamile aufgesprungen wäre und wutentbrannt ein Messer in den Tisch gerammt hätte.

Stickige Luft füllte den Raum, die Tische waren verschmiert und die Gläser schlierig, eine eigentlich angenehme Zwei-Bier-Angetrunkenheit war das jetzt, dann die Frage: »You are interested in Sinhalese women?«

Die Antwort: »No thanks«, Stühle wurden umständlich gerückt, wir gingen.


Kandy
Kandy
Kandy
Kandy
Kandy


Schnell geht das beim Schreiben: Man ist weg von der eigentlichen Geschichte.

Man kann im Prinzip immer die kleinen Begebenheiten aufschreiben, die amüsanten Details, Randbeobachtungen, Alltägliches, aber die Frage ist, inwieweit man die persönliche Auseinandersetzung verdichtet, zu Schrift und Text macht, denn um die geht es ja beim Reisen, das keinen höheren Zweck verfolgt und sich selbst genug ist.

Ich war nicht nach Sri Lanka gekommen, um Reportagen zu schreiben, auch wenn hinterher ein oder zwei möglich wären, ich wollte mich dem aussetzen, dem Land, den Orten, alles ziemlich unscharf, ich hatte kein Bild vor Augen und wollte einfach schauen, was kommt.

Leider ist das eine Erfahrung des Älterwerdens, dass es mit den Quintessenzen immer schwieriger wird, vielleicht irgendwann auch gar nicht mehr, da ist das Am-Strand-Spazieren sich selbst genug, aber da war ich ja noch lange nicht angekommen.

Also zurück nach Dalhousie, zurück zum Sri Pada.

Dalhousie, das waren wirklich nur ein paar Häuschen, Hütten und Bretterbuden, es war natürlich ein absolut touristischer Ort, aber die Pilger gab es eben auch, beides vermischte sich am Fuß des Adam’s Peak: die Menschen, die aus religiösem Eifer hinaufstiegen in den Himmel und diejenigen, die den anderen dabei zuguckten.

Wir verhandelten im Green House den Preis für Übernachtung, Frühstück und Abendessen, ein blinder Greis addierte die Rupien auf und zog sie wieder ab, sofern er einen unserer Einwände akzeptierte; es war das alte Spiel, und der Alte war ein Meister seiner Disziplin, im besten Sinne ein Schlitzohr.

Wir tranken Tee auf der Terrasse mit dem Franzosen Fréderic, der manchmal sehr weiblich gestikulierte und dann wieder albern wie ein Kind auflachte, ganz und gar nicht unangenehm. Er habe, so sagte er, ein paar Jahre eine bestimmte Form des Vajrayana-Buddhismus praktiziert und eine Zeit in Indien gelebt, und ja, er habe sogar einmal den 14. Dalai Lama in Lhasa getroffen, der unlängst erklärt hatte, er wolle nun lediglich wieder ein einfacher Mönch sein.

Wir saßen also da und redeten und tranken Tee: immer richtig, immer eine gute Beschäftigung in den Tropen.


Dalhousie
Sri Pada, Adam's Peak
Dalhousie


Zu dem Zeitpunkt, drei Tage nach unserer Ankunft in Colombo, war für mich alles so, als wäre ich, sagen wir, mit der Regionalbahn von Köln nach Bielefeld gefahren, da war noch alles zu, als sei man herausgenommen aus der bekannten Umgebung und in eine völlig neue Kulisse hineingestellt, aber da ist dann einfach keine Verbindung zwischen dem Innen und Außen, die Kopfwelt ist total in sich abgeschlossen und lässt nichts rein. Es war am Anfang dieser Reise so, als schaute ich mir Bilder an, aber als wäre ich selbst gar nicht da, als würde ich nicht durch das Land reisen, sondern alles nur in der Theorie durchspielen.

Im Nachhinein wird das ganz deutlich: Bis zum vierten Tag konnte ich nichts aufschreiben, keinen Satz, das Papier blieb leer, ich war stumpf, auch oder vor allem mir selbst gegenüber.

Es ist so, dass man manche Texte nur in bestimmten Situationen schreiben kann, das ist dann wie ein Zeitfenster, man darf den richtigen Moment nicht verpassen; andere Texte bleiben lange unmöglich, und irgendwann löst es sich dann, alles wird ganz klar, die Zeilen finden zueinander.

Ich hatte den Notizblock liegen gelassen, als wir am Nachmittag beschlossen, auf den Sri Pada zu steigen, es brachte ja doch nichts, also: diesem Urdrang nach oben folgen, Treppenstufe um Treppenstufe, vorbei an Affen und Stupas und vorbei an den Winnie-Puuh-Stofftieren, die hier tatsächlich entlang des Weges verkauft wurden.

Der Rücken war nass und die Felsbrocken waren unregelmäßig hoch, wir folgten dem Weg durch das Grün, und der Berg lag still da im wechselnden Licht des heraufziehenden Abends.


Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak


Was will man dann dort oben? Auf der Spitze türmten sich die Wolken über dem Kloster auf, es ging hier nicht mehr höher, aber das Verlangen, noch weiter zu gehen, noch viel weiter gehen zu müssen, damit endlich etwas klar werden konnte – dieser innere Widerhall verstummte nicht.

Es blieb alles unbefriedigend: Ich vernahm in den zugigen Gassen so etwas wie eine stumme Anklage gegen mich selbst, den Reisenden, der so weit alles in Kauf genommen hatte und sich nun etwas erhoffte von dem Weg, den er eingeschlagen hatte, aber der Weg war jetzt und hier zu Ende, nur in einem selbst, da war noch überhaupt nichts losgegangen. Ich hatte ja, wie gesagt, auch noch keine Zeile schreiben können, es blieb alles ein unverständliches, sprachloses Rätsel: Die Reise, mein Zustand zu dieser Zeit, was ich dort oben nun tat zwischen den betenden Mönchen, an diesem vorläufigen Ende der Dinge.

Es blieb folgerichtig nur die Möglichkeit, sich dem Ganzen am nächsten Tag ein zweites Mal auszusetzen, etwa gegen halb drei am Morgen aufzubrechen und in der Dunkelheit hinaufzusteigen. Fréderic, ein irisches Pärchen, mein Bruder und ich liefen zwischen Kindern und Greisen, Hunden und Katzen, Großfamilien und Gamblern, Gläubigen und Geschäftemachern.

Manchmal war es möglich, die Mantras aus den Lautsprechern ohne diesen kitschigen Beigeschmack von ausgehöhlter Spiritualität auf sich wirken zu lassen, und dann schien es so, als würde der Berg selbst in unverständlichen Lauten in diese allumfassende Dunkelheit singen, die nur von der erleuchteten Treppe unterbrochen wurde, die sich gleichsam einer schimmernden Schlange durch das Schwarz der Nacht in die Höhe wandte.


Sri Pada, Adam's Peak


Als wir das Kloster auf dem Gipfel des Bergs erreichten, war es noch finster, die letzte, kalte Stunde vor Morgengrauen war angebrochen, rund hundert Menschen hockten und kauerten in den Gemäuern, manche wärmten sich ihre Hände an Kokosnusschalen, die in einem Ofen brannten.

Das Land lag schwarz da. Als die Handys und Videokameras gezückt wurden, war das ein Signal: Gleich geht es los, gleich geht die Sonne auf.

Da war erst ein rotes Glühen über den Bergen und den tief liegenden Wolken, ein immer breiterer Streifen, der Himmel im Osten färbte sich düsterblau, dann wurde er heller, und schließlich, als die Nachtkälte die Füße schon komplett durchgefroren hatte, tauchte der obere Teil des Sonnenkörpers begleitet von der ewigen Repetition der Mantraverse wie ein glühender Eisenspan am Horizont auf und warf sein Licht über die aschfahlen Gratlinien des zentralen Hochlands von Sri Lanka.


Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak


Sucht man nun große Worte oder befindet man ganz banal, dass Sprachlosigkeit letztlich die höchste Auszeichnung eines jeden Augenblicks ist?

Ich blickte in den östlichen Morgenhimmel und tat oder sagte gar nichts, ich machte ein paar Fotos, die Sonne spiegelte sich in den Pupillen der Menschen.

Was heißt das nun: Schreiben über das Reisen?

Wenn es stimmt, dass die immer subjektive, immer schwierige Wirklichkeit erst durch Sprache fassbar wird und das Reisen seinem Wesen nach Suche ist, dann hieße es, überhaupt erst einmal zu einer Sprache zu finden, bevor man sich selbst irgendwo finden kann. Man würde das noch sehen, wie das gelingt, später auf dieser Reise.

Wir stiegen ab in einen neuen Tag.



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Libanon, Teil zwei. Eine Fahrt zu der antiken Stadt Byblos und in die Beeka-Ebene zu den Ruinen von Baalbek, wo der Schatten des syrischen Bürgerkriegs über die schneebedeckten Berge fällt.

Beirut — Ich erwache in diesem alten, leicht verrauchten, vollkommen aus der Zeit gefallenen Hotelzimmer in Hamra. Elf Stockwerke tiefer ist die Stadt schon wühlig und laut. Das Mittelmeer glitzert gleißend-weiß. Beirut ist, wie viele Städte, die einen auf unerklärliche Weise anziehen, erst einmal nicht schön.

Was habe ich vom Libanon gedacht, bevor ich hier angekommen bin? Ein Krisenherd, ein Chaosstaat, aufgeladen und aufgehitzt, und das stimmt schließlich auch. Aber natürlich ist doch alles ganz anders. Das Bild, das man sich zu Hause von einem Land macht, ist immer die komplette Verzerrung. Ich hatte gefürchtet, mich durch Beirut wie ein schattenhafter Geist bewegen zu müssen, mehr als ein geduldeter denn willkommener Besucher, skeptisch beäugt von ruhelosen Augen stämmiger Araber mit hitzköpfigem Temperament. Was für ein Unsinn. Ich bewege mich seit zwei Tagen völlig unbeschwert durch Beirut. Jetzt bin ich neugierig auf das Land geworden.

Eine deutsche Austauschstudentin versichert mir bei einer Wasserpfeife in Gemmayzeh, dass man sich bis auf wenige Ausnahmen völlig frei im Libanon bewegen könne. Wie gesagt, ich habe die Gemengelage wegen des Bürgerkriegs im Nachbarstaat falsch eingeschätzt. Lediglich in Tripoli kommt es schon im Februar, während ich das Land bereise, immer wieder zu Kämpfen. Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass der Zedernstaat in den syrischen Konflikt hineingezogen werden könnte. Aber noch ist es weitgehend ruhig.

Am nächsten Tag fahre ich vom Busbahnhof Charles-Helous im Osten Beiruts nach Byblos. Ich will mir die antike 8000 Jahre alte Stadt anschauen. Oder zumindest das, was noch übrig geblieben ist aus den Jahrhunderten ihrer wechselvollen Geschichte.

Der Verkehr aus der Stadt nach Norden heraus, entlang der Küste, bewegt sich nur schleppend. Beirut wird immer mehr Vorstadt, aber wir verlassen bis Byblos nie die Urbanität. Ich lasse mich irgendwo an der Hauptstraße aus dem Bus werfen und frage mich durch bis zu den Ruinen am Meer, die natürlich jeder kennt.


BabylosBabylosBabylosBabylos


Byblos war eigentlich, in besseren Tagen, ein touristischer Hotspot auf den Rundreisen der Orientspezialisten. Es ist eine der ältesten Städte der Welt. Man hat dort Relikte aus der Jungsteinzeit gefunden. 6000 Jahre vor Christi Geburt ließen sich an diesem Ort die ersten Fischer nieder. In der Bronzezeit verkauften die Bewohner Zedernholz nach Ägypten, sie kauften Edelsteine aus Mesopotamien, Metalle aus Anatolien, Leinen, Getreide und Papyrus aus dem Niltal und Gold aus Nubien. Byblos war eine wohlhabende Handelsstadt. In der Eisenzeit kamen die Perser, dann natürlich Alexander der Große, und schließlich die Römer und brachten das Christentum übers Meer in die Levante.

An diesem Tag ist niemand hier, der sich dafür interessieren könnte.

Die Gassen um die Unesco-Welterbestätte sind verlassen. Die Souvenirverkäufer mit all ihren Tassen, Münzen und Wimpeln sitzen gelangweilt in den Verkaufsräumen und rauchen. Wegen des Bürgerkriegs in Syrien bleiben die Besucher aus, erklärt ein Händler und bereitet mir einen Tee zu, damit ich kein überteuertes Flaschenwasser kaufen muss. Sein Sohn Elie will jetzt ein bisschen was über diesen Gast aus Deutschland wissen.

Als er hört, dass ich Journalist bin, erzählt er, dass er auch gerne schreiben würde, aber das sei im Libanon nicht möglich. Irgendwem würde man immer auf die Füße treten. Die Presse sei nicht frei. »If I write something wrong, they will come to my door and shoot me.« Mag sein, dass sich der Junge etwas zu wichtig nimmt, aber Autobomben und Attentate haben im Libanon eine gewisse Tradition.

Der junge Libanese erklärt, es werde niemals Frieden geben im Nahen Osten. »They like guns more than peace. They are thirsty for guns.«

Dann erklärt Elie, Adolf Hitler sei der größte politische Führer aller Zeiten gewesen – eine Einschätzung, die man im arabischen Raum häufiger zu hören bekommt und die auf einen Deutschen immer besonders absurd wirkt. Natürlich, das mit den Juden sei irgendwo nicht in Ordnung gewesen, aber wie Hitler aus Deutschland eine Großmacht gemacht habe, nach dem Ersten Weltkrieg, nach Versailles, dafür müsse man ihm den allergrößten Respekt aussprechen.

Der Libanon selbst als multikonfessioneller Staat war nie wirklich stabil. Auch wenn der 15 Jahre währende Bürgerkrieg oft als Religionskonflikt missverstanden wurde, kämpfte eigentlich »jeder gegen jeden«. Das ist soweit historischer Konsens. 1943 wurde das Land unabhängig von Frankreich. Die Verfassung sah vor, dass der Staatspräsident ein Christ, der Ministerpräsident ein Sunnit und der Parlamentspräsident ein schiitischer Muslim sein sollte, um die damalige ethnisch-konfessionelle Bevölkerungsverteilung angemessen zu repräsentieren. Bis heute hat sie sich deutlich verändert.

Byblos ist ein Ort, an dem sich alle Erdzeiten aufeinander stapeln. Die Ruinen leuchten optimistisch im spärlichen Sonnenlicht, während die Skyline von Beirut am Horizont hinter dem Meer in Dunst gehüllt ist. In dem menschenleeren Museum auf dem Besichtigungsgelände kann man sich alte Keile, Speerspitzen, Becher und Schalen anschauen, die in Glaskästen fein säuberlich beschriftet und aufbereitet wurden.

Ebenso verlassen wie die Ruinen ist der kleine Hafen von Byblos. Bei Pepe’s Fishing Club sieht man keine ausländischen Gäste, dabei wirbt das Empfangsschild mit einem »Rendez-vous des personnalites internationales«. Das Restaurant war einmal ein Treffpunkt des internationalen Jetsets, noch vor dem Bürgerkrieg, der 1970 ausbrach, unfassbar lange ist das her. Besitzer Youssef Gergi Abed, der Pepé Abed genannt wurde, war ein Unternehmer-Tycoon mit dem Sinn für das feine Leben. Ein Gunter Sachs des Nahen Ostens. Zu den Gästen des fishing club gehörten damals zum Beispiel die schwedische Schauspielerin Anita Ekberg, der tschechische Präsident Václav Havel und der libanesische Staatschef Camille Chamoun selbst.

Auf dem Schild steht als letzte Zeile »la tradition continue…«, aber der Himmel ist nur trüb und grau. Ein paar unspektakuläre Boote liegen im Hafen. Man möchte hier jetzt nicht einmal einen Kaffee trinken.


Pepe Fishing ClubPepe Fishing ClubPepe Fishing Club


Ich lerne einen jungen Libanesen namens Kevin kennen, der früher einmal Schiit war und anders hieß. Er wohnt in einem kleineren Ort in der Beeka-Ebene und hat zwei serbische Couchsurfer zu Besuch. Wir beschließen, uns gemeinsam die Tropfsteingrotten von Jeita anzuschauen und nehmen ein Taxi. Der Libanon ist ein kleines Land. Man muss nie lange fahren, um von einem Ort zum anderen zu kommen.

Der Wagen kurvt hinauf in die Berge. Wir verlassen das Taxi und müssen noch einmal mit einer Seilbahn weiter in die Schlucht hineinfahren, um in die Grotten zu kommen. In der Höhle herrscht striktes Fotografieverbot. Mindestens sechs Aufpasser laufen herum und lassen die Besucher nicht aus den Augen. Miljan lässt sich beim Fotografieren erwischen und muss alle Fotos löschen. Es ist überhaupt ein Wunder, dass ihm die Kamera nicht gleich abgenommen wird, vollkommen lächerlich.


Jeita


Die Sonne steht schon tief, als wir weiter nach Jounieh fahren. Dort führt wieder eine Seilbahn auf einen Berg. Oben befindet sich eine maronitisch-christliche Pilgerstätte mit einer Kapelle und einer Statue der Jungfrau Maria, der Nôtre Dame du Liban. Ein Weg umkreist den Koloss und führt auf seine Spitze.

Über Beirut und dem Mittelmeer senkt sich mittlerweile die Sonne. Die bewaldeten Berghänge hinter der Stadt und die griechisch-katholische Basilika St. Paul werden in ein weiches Licht getaucht, das absolut computersimuliert aussieht. Es ist Nacht, als wir in Richtung Innenstadt aufbrechen.


JouniehJouniehJounieh


Zurück in Beirut, Flanieren in Hamra. Was ist das eigentlich für eine Stadt?

Aufgemotzte SUVs mit laut aufgedrehter arabischer Popmusik schleichen über den Asphalt, Ellenbogen lehnen aus den Fenstern. Ich sehe die Pflaster auf den Nasen der jungen libanesischen Frauen, die Luxusboutiquen der Downtown, Hermés und Gucci und Versace, wirklich jedes Label ist hier vertreten. Direkt neben dem Platz der Märtyrer, an diesem Ort der Revolution, der Hoffnungen und Ängste, steht ein gelber Ferrari F458 Spider im Schaufenster. Das halb abgerissene Plakat einer Immobilienfirma wirbt für »incomparable Beirut« als »the place where people go to enjoy life to the fullest«. Überall Baukräne und Geld, das wieder vermehrt die reichen Syrer anzieht, die keine Lust mehr auf den Bürgerkrieg haben. Beirut ist natürlich schizophren. In Hamra gibt es überall Restaurants im Stil amerikanischer diner. Man braucht nie aufhören, einen Kaffee zu trinken: Costa Coffee, The Coffee Bean & Tea Leaf, Hamra Coffee, Gloria Jean’s Coffee, überhaupt die Cafélattesierung der internationalen Metropolen, ein Lifestyle des Westens.

Beirut wirkt so, als wollte sich das Land durch Konsum aus allen Zerwürfnissen retten. Ich komme mir vor, als wäre ich in das Auge eines Sturms gereist, in ein Zeitloch fragiler Stabilität. Im Palast wird noch gezecht, doch vor den Toren hat der Mob schon zu den Sturmgewehren gegriffen.

In den Monaten nach meinem Aufenthalt im Libanon nehmen die Gewaltausbrüche zu: Raketen schlagen in der Beeka-Ebene ein. Die Armee liefert sich Kämpfe mit einem Salafisten-Scheich in Sidon. Syrische Kampfflugzeuge fliegen mehrfach Einsätze auf libanesischem Staatsgebiet. Durch eine Autobombe in einem schiitischen Hisbollah-Vorort von Beirut kommen 24 Menschen ums Leben. In Tripoli zünden Attentäter vor sunnitischen Moscheen zwei Bomben, 29 Menschen sterben, 500 werden verletzt. Der deutsche Außenminister warnt kraft- und machtlos vor einem »Flächenbrand«. Die EU setzt den militanten Arm der Hisbollah, der nach dem Bürgerkrieg per UN-Resolution 1559 eigentlich hätte entwaffnet werden sollen, auf ihre Terrorliste.


BeirutBeirut CornicheBeirut Downtown


Am letzten Tag will ich nach Baalbek fahren, obwohl das Auswärtige Amt eindringlich vor Reisen in die Beeka-Ebene warnt. Ich habe mittlerweile mit vielen Menschen im Libanon gesprochen, und alle haben mir gesagt, dass es dort sicher sei.

Der Bus verlässt Beirut und schraubt sich die Straßen ins Gebirge hinauf. Der junge Libanese neben mir erzählt, vor drei Wochen hätten hier noch drei Meter Schnee gelegen. Er will mich sofort bei Facebook als Freund hinzufügen, dort nennt er sich »Miles To Go«. Auf der Fahrt über die Berge muss ich an einem check point nur einmal meinen Reisepass vorzeigen. Dann blicke ich irgendwann herunter in das weit ausgeschnittene Hochtal.

Man bekommt ein Gefühl dafür, wie es zum Beispiel im Pamir aussehen könnte, obwohl es dort natürlich noch viel trockener ist als in der fruchtbaren Beeka-Ebene. Aber dieser Landstrich wirkt viel arabischer als die Küste. Es gibt mehr voll verschleierte Frauen, die Häuser sind einfacher, keine westlichen Imbissbuden und Restaurants und sowieso überhaupt keine Touristen aus dem Westen. Alles ist kärglicher und dörflicher. Baalbek liegt zehn Kilometer entfernt von der syrischen Grenze. Die Bergketten am Horizont tragen feine Schneekuppen.

Ich besuche die alten römischen Kultstätten, die Ruine und den Hexogonalhof des Jupiter-Tempels aus der Zeit des Kaisers Nero und den gewaltigen Bacchus-Tempel, der ohne Mühe die Kulisse eines jeden Historienepos abgeben würde. Als Kaiser Wilhelm II. 1898 ins Heilige Land kam, beauftragte er aus Faszination gleich zwei Archäologen mit der weiteren Erschließung des Areals. In Baalbek soll es auch ein Hisbollah-Museum geben, aber ich finde es nicht.

Am Nachmittag esse ich am Straßenrand ein Brot mit Lamm. Die tief stehende Sonne lässt die Tempel leuchten. Vor den Ruinen stehen wieder Souvenirverkäufer, wie in Byblos, aber niemand kauft etwas. Ein Mann führt ein Kamel an einer Leine umher und wartet auf Touristen, denen er für ein Aufsitzen einen völlig überteuerten Preis abnehmen kann. Ich schaue zu den Bergen, hinter denen Krieg ist, und es ist grotesk.

Wird sich die Geschichte wiederholen?

Die Libanesen kennen die unüberschaubare asymmetrische Kriegsführung in Syrien mit schnell wechselnden Fronten und Konfliktparteien, Attentaten und militärischen Patt-Situationen aus ihrem eigenen Bürgerkrieg. Kaum zu sagen, wie sich die Lage entwickeln wird, im gesamten Nahen Osten, wo arme Schiiten gegen arme Sunniten kämpfen, angestachelt von fundamentalistischen Theokraten in Teheran und den reichen Königshäusern der Golfmonarchien.

Wie oft hört man von »der arabischen Welt«, dieser romantisierenden Indifferenz, als spräche man sonst von der Währungskrise »in der europäischen Welt«? Dabei versteht man – das wird bei einer Reise in den Libanon deutlich – wenig bis überhaupt nichts von dieser ruhelosen Krisenregion. Allahu akbar.


BaalbekBaalbekBaalbekBaalbekBaalbek


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Viele Ägypter haben genug von Revolution und Demokratie. Sie wünschen sich einen starken Führer, der für Ordnung sorgt. General Al-Sisi ist ihr Mann. Eindrücke aus einem Land, das wieder Zuversicht schöpft.

Am Ende war es formal eine letzte Hürde und in Wirklichkeit ein alberner Tribut an die angebliche Rechtsstaatlichkeit: Abd al-Fattah al-Sisi trat als Chef des Militärs zurück, um offiziell für das höchste Staatsamt kandidieren zu können. Am 3. Juni wurde er mit 96,9 Prozent der abgegebenen Stimmen zum neuen Präsidenten Ägyptens gewählt. Es war der Endpunkt eines absehbaren Weges.

Al-Sisi kam nicht durch Wahlbetrug an die Macht. Zwar hatte er jegliche Opposition mit Gewalt eingeschüchtert, egal ob Islamisten oder Säkulare; die Muslimbrüder waren zu Terroristen erklärt und verfolgt worden. Aber letztlich muss man anerkennen: Ein Großteil der Ägypter will den Ex-Militär als Präsidenten haben. Dahinter steckt die Sehnsucht nach einem starken Mann, nach einem Führer, der das zerrüttete Land ordnet und die Kontrolle wieder herstellt.


Al-Sisi und Putin
Starke Männer: Al-Sisi und Putin.


Als ich im Februar für zwei Reisegeschichten nach Ägypten flog, war überall von den Hoffnungen zu hören, die die Ägypter mit dem ehemaligen Armeechef verbinden – einem Mann des alten Establishments unter Ex-Diktator Husni Mubarak, der 2011 durch die Revolution des »arabischen Frühlings« gestürzt wurde.

»Wenn die Wahlen vorbei sind, wird es stabiler«, erklärt mir Tamer el Mekaty, der auf einem Nilkreuzfahrtschiff als Masseur arbeitet. Für die Zukunft habe er ein gutes Gefühl. »Die Medien spielen eine große Rolle, Politik spielt eine große Rolle. Ganz Ägypten spricht von Politik. Früher gab es das nicht.« Was anklingt, aber so nicht gesagt wird: Der Durchmarsch Al-Sisis und die Stabilisierung Ägyptens werden durch »falsche« Medienberichte sabotiert.

Auch der Reiseleiter des Schiffs, Hesham Hammad, sagt über den auf Plakaten überall präsenten General: »Al-Sisi ist ein guter Mann.« Hammad glaubt auch, dass viele (vom Ausland gesteuerte) Medien Al-Sisi diskreditieren wollen. Das wird als Ungerechtigkeit empfunden, als Anmaßung. Auf weitere Fragen des Reporters nach der politischen Lage möchte der 49-Jährige Touristiker nicht eingehen. Große Verlegenheit plötzlich.

Die Muslimbrüder, die bis zum Sturz Mohammed Mursis immerhin den ersten frei gewählten Präsidenten der ägyptischen Geschichte stellten, gelten auch vielen elitenfernen Menschen mittlerweile schlichtweg als Kriminelle. Zumindest schaden sie, so die weit verbreitete Ansicht, den Interessen des Landes. Die Propaganda hat gewirkt.

Mubarak habe verhindert, dass die Gaza-Palästinenser schnell die ägyptische Staatsbürgerschaft bekommen, erklärt Tourguide Hesham Khattab. Mursi habe das ermöglicht, sagt der studierte Ägyptologe bei einem Gespräch in der Lounge der Nile Smart. »Wer zu uns ins Land kam, konnte man nicht mehr kontrollieren.« Khattab gibt schließlich auch zu, dass es in Ägypten eine große Sehnsucht nach einem Mann gebe, der die Dinge wieder unter Kontrolle bringt. Und tatsächlich hat das Land ja eine höchst instabile Zeit hinter sich.


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Revolutionsland Ägypten: Die Touristen machen lieber woanders Urlaub.


Mubarak wurde 2011 bei der Revolution entmachtet, nach 30 Jahren Alleinherrschaft. 2012 wurde der Muslimbruder Mursi an die Spitze des Staates gewählt und begann bald, die Gewaltenteilung auszuhebeln, nur um daraufhin vom Militär aus dem Amt geputscht zu werden. Bei den Kämpfen zwischen Armee und Islamisten starben hunderte Menschen, das Land blieb tief gespalten zurück. Die Muslimbruderschaft wurde verboten und damit kriminalisiert. Im April verurteilte ein Gericht 683 ihrer Anhänger auf einen Schlag zum Tode. Ein Schauprozess, eine Drohung.

Die Muslimbrüder sind Terroristen, der Terror bedroht unser Land – das ist die Logik der neuen, alten Machtelite.

Vor diesem Hintergrund war es bequem, den Anschlag von Taba im Februar ebenfalls den Muslimbrüdern in die Schuhe zu schieben. Ein Attentäter hatte sich in einem Reisebus in die Luft gesprengt, drei Südkoreaner und der ägyptische Busfahrer starben. Wahrscheinlich gehörte der Täter zu einer islamistischen Splittergruppe, die auf dem Sinai operiert. Aber das will niemand genau wissen.

Der Anschlag von Taba ereignete sich ein paar Tage, bevor ich nach Dahab flog, um dort meine zweite Geschichte zu recherchieren. Eines Mittags sitze ich am Blue Hole nördlich von Dahab, einem berühmten Tauchrevier. Es ist ein warmer Tag, Schwimmflossen werden angezogen, Katzen streifen umher, alles ist friedlich. Anruf aus der Redaktion: Allen sei sehr daran gelegen, dass ich nach Hause fliege.

Das Auswärtige Amt hat gerade eine Reisewarnung für die gesamte Sinai-Halbinsel herausgegeben. Im Internet ist zu lesen, dass der deutsche Geheimdienst von neuen Anschlagsplanungen in der beliebten Ferienregion erfahren haben will. Alles bleibt vage. Deutsche Reiseveranstalter beginnen damit, ihre Kunden zurück nach Deutschland zu fliegen. Bei einer Reisewarnung sind sie de facto dazu verpflichtet.


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Die Sicherheitslage in Ägypten ist angespannt.


Für mich stellt sich die Situation etwas bizarr da. Den Muslimbrüdern wird von den Leuten absolut zugetraut, diesen Anschlag verübt zu haben. Die Islamisten gelten als höchst gefährlich. Gleichzeitig versichert mir jeder Ägypter, es sei absolut sicher in Dahab. »Everything is quiet«, sagen alle. Es sind die Widersprüche einer staatlichen Doktrin, die eine Gefahr heraufbeschwört, die ja eigentlich nicht existieren dürfte.

Ich bleibe in Dahab und stelle fest: Man ist misstrauisch, auch gegenüber dem Westen. Die krudeste Verschwörungstheorie, die ich zu hören bekomme, geht so: Angela Merkel und die deutsche Regierung seien über die Entmachtung Mursis verstimmt gewesen; nun hätten sie, sozusagen als Rache, dafür gesorgt, dass das Auswärtige Amt eine Reisewarnung ausspricht, um dem Tourismus zu schaden. Ein rationales Gespräch, so kommt es mir vor, lässt sich kaum führen.

Einen Monat später werde ich auf der Reisemesse ITB in Berlin Zeuge eines absurden Auftritts: Der ägyptische Tourismusminister Hisham Zaazou wütet gegen das Auswärtige Amt. Es möge sich doch, bevor es irgendwelche Warnungen ausspricht, erst ein Bild der Lage machen. Bedenken bezüglich der Sicherheit werden theatralisch abgeschmettert: »We will take from our food what it needs for security«, ereifert sich der Minister.

Viele Ägypter dürften vor allem Angst haben, dass noch mehr touristische Orte Ziele von Anschlägen werden könnten. Das wäre für die Menschen eine Katastrophe. Schon die Bilder von blutigen Straßenschlachten in Kairo vor einem Jahr haben nicht gerade als touristisches Aushängeschild des Landes gewirkt. Eine Erholung ist seitdem kaum in Sicht.

»Momentan kommen die Gäste weniger und weniger«, erklärt Tamer el Mekaty. »Die Krise ist überall«, sagt Hesham Khattab. »Wir hoffen, dass es langsam aufwärts geht.« Ein Großteil der einfachen Bevölkerung habe nicht mit einer derart lang anhaltenden Unruhe gerechnet. »Man hatte Arbeit, dann hat es auf einmal aufgehört. Jeder ist betroffen, vom Hotelmanager bis zur Putzkraft.«


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Schleppende Geschäfte: Ägypten hofft auf mehr Touristen.


Ägypten blickt in eine unsichere Zukunft, trotz der Machtdemonstration der neuen Führung. Jedes Jahr werden 1,2 Millionen Kinder geboren. Das Land braucht – das ist in diesem Fall keine Floskel – Wachstum und Arbeitsplätze. Überall sieht man unfertige Häuser. Es macht keinen Sinn, zu sparen, wenn das ägyptische Pfund ständig an Wert verliert. Baumaterialien werden bloß teurer. Die Menschen bauen gegen die Inflation an.

Khattab schätzt, dass etwa 13 Millionen Ägypter direkt oder indirekt vom Tourismus abhängen. Wer eine Kreuzfahrt bucht und sich das Land anschaut, bemerkt schnell die Bedürftigkeit der Leute. Sie nimmt zu, je höher man den Nil hinauffährt.

Brigitte Biallas, eine deutsche Urlauberin, die mit ihrem Mann eine Woche auf dem Nil unterwegs ist, sagt am Ende der Kreuzfahrt: »Uns hat die Reise sehr traurig gemacht.«

Die Sehnsucht nach einer Ordnungsmacht, die Stabilität und Aufschwung bringt, ist in Ägypten allgegenwärtig. Al-Sisi hat die Meinungs- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt, überzieht kritische Journalisten mit langjährigen Haftstrafen, es herrscht rechtsstaatliche Willkür und ein Klima der Angst und Einschüchterung. Mubarak 2.0, und das bloß vorerst. Drei Jahre nach der ersten Revolution sind die Ägypter bereit, all dies in Kauf zu nehmen.

»Ein Großteil der Menschen will einfach Ruhe«, sagt Khattab. Damit es wieder aufwärts geht, damit die Touristen zurückkommen. Aus deutscher Sicht ist dieser Umstand vielleicht nicht gleich zu verstehen. Aber erst kommt das Fressen, dann die Moral, Berthold Brecht, der Aphorismus ist naheliegend.


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Wünschen sich endlich Ruhe: die einfachen Leute in Ägypten.


Auf der Fahrt zurück nach Sharm el-Sheik unterhalte ich mich mit dem ägyptischen Vertreter eines deutschen Reiseveranstalters. »Demokratie und Freiheit kann man nur sehen im Traum«, sagt der Ägypter, der nicht will, dass sein Name irgendwo auftaucht. »Demokratie und Freiheit bringen nur etwas für die reichen Leute. Was bringen mir Demokratie und Freiheit, wenn ich morgen nichts zu Essen habe?« So denken viele.

Die Ägypter wünschen sich heute eher eine stabile Regierung als Demokratie, fand eine Pew-Studie heraus.

Wir streiten dann noch, ob man die Entmachtung Mursis als Putsch bezeichnen kann oder nicht. Ich sage: ja. Er sagt: nein. Mir wird Voreingenommenheit vorgeworfen. Und wer will hier schon wem Lektionen erteilen?

Hat nicht »der Westen« mit seinem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak jegliche moralische Glaubwürdigkeit verloren? Ist nicht die kühle Machtpolitik der Westmächte, die mit den Begriffen Demokratie und Freiheit wedelt, pure Scheinheiligkeit?

Tourguide Khattab spricht gutes Deutsch. Nur ein Sprachbild gelingt ihm nicht: »Freiheit und Chaos, das ist ein dünner Faden.« Es ist klar, was er meint.


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Werbung am Kairoer Flughafen.


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Kopenhagen ist die Stadt des dänischen Designs. Ein Essay über Ästhetik und die skandinavische Mentalität, über Besitz und die verführerische Macht des Konsums – und eine ganz besondere Lampe.

I. Der Anlass

Wenn ich recht überlege, lief alles auf die Lampe hinaus. Ein besonderes Modell, von dem noch ausführlich zu sprechen sein wird. Das Design betörte mich derart, dass ich erschrak und einige gründliche Gedanken anstieß. Wohin sie führten? Auch davon später.

Vordergründig wollte ich nach Kopenhagen, um eine Geschichte über Vesterbro zu recherchieren. Die Leitfrage lautete: Wie lebendig, berauschend und groundbreaking kann ein Szeneviertel sein, wenn es sogar von den offiziellen Tourismusvermarktern als Hipster-Quartier etikettiert wird? Um es vorwegzunehmen: mäßig.

Unterbewusst jedoch wollte ich vor allem ein paar Tage in einer Großstadt verbringen, die all das hat, was Berlin fehlt: Übersichtlichkeit, Umgangsformen, Klasse – die Einsicht, dass anlasslose Freundlichkeit kein Zeichen falscher Angepasstheit ist, sondern das Zusammenleben fremder Menschen einfach sehr viel angenehmer macht.

Ryanair hatte Flüge für fünfzig Euro im Angebot und ich nur ganz kurz Skrupel, den Billigflug der halbtägigen und mehr als doppelt so teuren Bahnreise über Hamburg vorzuziehen. Das Geld, ich ahnte es vielleicht schon, würde ich noch brauchen können.



II. Die Erwartungen

Kopenhagen ist das urbane Schaufenster Dänemarks. Dafür, dass die Dänen gleich nebenan leben, wissen wir von ihnen eigentlich ziemlich wenig, außer dass sie laut World Happiness Report drei Jahre hintereinander das glücklichste Volk der Welt waren. Auf Platz zwei hinter Norwegen lässt es sich bestimmt immer noch zufrieden leben.

Zugeschrieben wird dieses Lebensglück der international bekannten Hyggeligkeit, eine dänische Erfindung. Hyggelig heißt so viel wie angenehm, gemütlich, komfortabel, wohnlich. Eine besonders treffende Übersetzung ist, wie ich finde, heimelig. Draußen mag der Weltensturm toben, doch er dringt nicht ein ins kaminfeuerwarme Haus.

Die Skandinavier wissen offenbar, wie das gute Leben aussieht. Savoir vivre, nur ohne selbstgedrehte Zigaretten, Kaffeeflecken und Existenzängste. Müsste das nicht in einer Stadt wie Kopenhagen besonders klar zu sehen sein?

Europa wirkt nördlich des 55. Breitengrads ja erst einmal wie die bestmöglich denkbare Version der Welt. Immer, wenn ich zuvor in Norwegen, Schweden oder Finnland gereist war, in diesen Bilderbuchländern mit ihren stilvoll gekleideten Menschen, beschaulichen Städtchen und fortschrittlichen Sozialsystemen, da hatte es mich plötzlich fundamental verstört, dass zum Beispiel Kindern im Niger von der Mangelernährung die Gesichter zerfressen werden oder Familien in Indien in Gegenwart ihrer eigenen Ausscheidungen leben. Ein Wohlstand wie in Skandinavien schreit einem ins Bewusstsein, welch unterschiedliche Zivilisationsniveaus ohne globalen Aufschrei parallel existieren können. Doch der Schock hatte immer nur kurz gewährt, wenn ich durch Trondheim, Stockholm oder Helsinki gelaufen war – alles dort schien stets so schön.

Nun also nach Kopenhagen zu den Design-Dänen, diesen erstaunlichen Glückspilzen.



III. Der erste Eindruck

Der typische Kopenhagen-Trip besteht aus Bummeln in der Einkaufstraße Strøget und Hippie-Kommune Christiania, einem Besuch des Vergnügungsparks Tivoli und einem Selfie vor der Kleinen Meerjungfrau. Vesterbro gleich westlich des Zentrums ist auf unspektakuläre Weise ganz gediegen. In der Zweckarchitektur mancher Straßen ist das einstige Arbeiterviertel noch erkennbar, doch die meisten Fassaden strahlen Bürgerlichkeit aus. Die Rotlichtmeile neben dem Hauptbahnhof wirkt harmlos, man bemerkt sie kaum. Neben dem Burgerladen liegt ein Sexshop, und das ist schon die maximale Provokation.

Am ersten Abend tritt ein Dealer an mich heran und erklärt: »Ich habe zwei Gramm Kokain für 500 Kronen«, so als würde er Tomaten auf dem Wochenmarkt verkaufen. Ich antworte sachlich: »Nein, vielen Dank.« Hat man diesen freundlichen Kriminellen nur hier hingestellt, um dem Viertel einen letzten Hauch von Verrufenheit zu verleihen?

Es funktioniert nicht. Vesterbro ist so aufgewertet, etabliert und somit eigentlich durch – dagegen wirkt Prenzlauer Berg wie ein aufstrebendes Problemviertel. Der entscheidende Punkt ist: Die Dänen selbst interessiert eine solche Abwägung null.

Dahinter steckt diese skandinavisch-egalitäre Kultur, die der dänische Designer Sigurd Larsen mir einmal so beschrieb: »Nie denken, dass man besser als andere ist, lieber zurückhaltend sein.« Das ist zehnmal sympathischer als die bierernste Avantgarde-Haltung, die der Berliner Auskenner unablässig vor sich her trägt, zu wechselnder Schuhmode (momentan müssen es klobige Air Max 95 oder 97 sein, die Nike in einem kapitalistischen Husarenstreich wieder als neuen heißen Scheiß auf den Markt gebracht hat, für 180 Euro).

Vesterbro ist unaufgeregt hübsch. Hilfsbereite Menschen bevölkern hyggelige Gassen. Sie tragen todschicke, sauteure Klamotten und wollen trotzdem keine neidischen Blicke, zumindest würden sie das nie zugeben. Diese Mentalität ist vielleicht nur möglich durch üppigen und fair verteilten Wohlstand, durch das nötige Kleingeld, das in der Stadt des Arne Jacobsen überall verlockende Verwendung findet. Mein profanes Bedürfnis am ersten Tag in Kopenhagen: Hier will ich schöne Dinge kaufen.



IV. Die Orientierung

Kopenhagen ist sehr übersichtlich, die Wege sind kurz. Nach Vesterbro mit seinen Flanierstraßen Istedgade und Vesterbrogade kann man vom Hauptbahnhof aus laufen. Das Rotlichtviertel stellt, wie gesagt, kein Hindernis dar. Im südlichen Vesterbro liegt das Meatpacking District, quasi eine Miniaturausgabe des gleichnamigen New Yorker Stadtteils, und auch hier waren früher Schlachthöfe untergebracht. Dann kamen die unvermeidlichen Cafés, Bars, Restaurants, Clubs und Galerien.

Der Reisende findet in Vesterbro alles, was er braucht: tagsüber guten Kaffee (bei Bang & Jensen, Café Dyrehaven oder Enghave Kaffe) und gutes Essen (bei Juicy Burger, Warpigs oder FAMO), abends gute Drinks (im Brass Monkey, NOHO oder 1656), nachts gute Musik (je nach Geschmack im Jolene, Bakken, KB18 oder KB3). Mit diesen Empfehlungen kommt man locker durch ein langes Wochenende und hat dann noch nicht Nørrebro im Nordwesten der Stadt gesehen, das andere bekannte Hipster-Viertel.

Was erklärt dieses Wort noch? Eigentlich nichts. In ihrem kleinen Laden im Meatpacking District treffe ich die Modedesignern Maxjenny Forslund. Sie sagt über Vesterbro: »Es ist das Epizentrum der Hipster. Niemand hier trägt Socken, aber alle haben coole Fahrräder.« Eine humorvoll gemeinte Überspitzung und doch falsch, weil der Hipster sich gerade dadurch auszeichnet, dass die Distinktion stets eine neue Mode erfordert. Der Hipster ohne Socken ist nur ein Klischee, wie Latte-Macchiatto-Mutter und Segelschuh-Snob.



V. Der Sehnsuchtsort

Woran erkennt man auf Reisen einen Sehnsuchtsort? Vielleicht daran, dass man ihn immer wieder aufsucht, nicht von ihm lassen kann. Mir erging es so mit einem Einrichtungsgeschäft auf der Istedgade: DANSKmadeforrooms.* Und das lag an der eingangs erwähnten Lampe: die »Lektor Desk« der schwedischen Manufaktur Rubn. Mattgold und schwarz, schlichtes skandinavisches Design, zu einem Preis von 3498 Kronen. Das sind rund 500 Euro – für eine Tischlampe.

Die Ironie der Geschichte des skandinavischen Stils liegt in dem Bedeutungswandel, den die Designobjekte erfahren haben: Möbelklassiker, die heute das Konto bluten lassen, waren ursprünglich überhaupt nicht teuer. Das hatte mit dem Aufbau des Sozialstaates nach dem Krieg zu tun. Jeder Mensch im Land sollte gutes Design haben. Und so haben damals viele Möbelmacher kostenlos für große Supermarktketten Stücke entworfen: Massenproduktion und billiger Verkauf. Erst viel später wurden die Möbel dann zu Design-Ikonen.

Ich stehe nun also vor dieser Lampe für 500 Euro und bin ganz begeistert. Ich überlege tatsächlich, sie zu kaufen. Das ist doch kompletter Wahnsinn. Ich habe zu Hause eine Tischlampe, ich brauche keine Tischlampe, ja habe ich denn vollkommen die Maßstäbe verloren? Doch die Lampe ist einfach schön. Bestechend schön, wie mir scheint. Ihre schlichte Form, die hochwertige Verarbeitung – sie strahlt die ganze klare Eleganz Skandinaviens aus, die ich ohnehin so liebe. Ich will sie haben, ich muss sie haben.


Einrichtungsgeschäft DANSKmadeforrooms © DANSKmadeforrooms


VI. Das Gefühl beim Abschied

Die Lampe hat mich euphorisiert, doch das Gefühl beim Abschied ist: Scham. Was ich mit 500 Euro alles tun könnte! Zum Beispiel drei Wochen durch Sri Lanka reisen, und alle Ausgaben wären gedeckt. Und jetzt will ich mir eine Lampe zum Preis eines Fernfluges auf den Tisch stellen. Und diese dann betrachten und denken – echt schön?

In der post-materialistischen Filterblase der Reise-Community ist ein solcher Kauf kaum zu entschuldigen. »Investiere in Erlebnisse, nicht in Dinge«, rufen sie dir aus den Weiten ihrer Blogs zu, bevor sie ihre Jobs kündigen und Wohnungen aufgeben, alle Möbel verkaufen und losziehen. Und sie haben ja Recht. Wie schrieb Boris Pofalla einmal in einer klugen Gegenwartsanalyse in der FAZ: »Der tiefe Glaube der Nachkriegsgeneration, dass die Dinge schon einen Sinn stiften werden, wenn man sie nur in ausreichender Menge und Qualität zusammenträgt, erodiert gerade.« Der Schein der schönen Dinge verblasst.

Das bringt mich zu dem, was eine gute Freundin mir neulich schrieb, als es um etwas Alltägliches und dann kurz um alles ging. Die ewigen, großen Fragen – das seien doch: Geht Liebe? Und was machen wir, bis wir sterben? Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Konsumgüter als Ersatzbefriedigung, das ist doch ein längst entzauberter Irrglaube.

Trotzdem kann ich nicht abstreiten, dass mich der Anblick einer formschönen Uhr an meinem Handgelenk aus ästhetischen Gründen erfreut. So ist es auch bei der Lampe. Nichts ist falsch daran, Konsumgüter schön zu finden. Ob man sie auch besitzen muss, ist eine andere Frage. Warum eigentlich?

Vermutlich liegt es oft daran, dass guter Geschmack als Ausweis einer interessanten Persönlichkeit wahrgenommen werden will. Da ist mir der dänische Ansatz lieber: Gutes Design ist in erster Linie gutes Design – und im besten Fall soll es jeder besitzen können. Heute sind die Lampen und Stühle aber nun doch sehr teuer, und vielleicht sollte man Skandinavien auch nicht zu sehr idealisieren. Ich habe die Lampe nicht gekauft.

*Der Autor hat weder Geld noch Sachwerte für die Verlinkung bekommen.



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Es ist schwierig geworden, der Rastlosigkeit des vernetzten Lebens zu entkommen. Im Tayrona-Nationalpark im Norden Kolumbiens gelingt uns das für eine kurze Zeit. Am Ende gehen wir mit einem seltsamen Gefühl.

Dritter Tag im Tayrona-Nationalpark an der Karibikküste Kolumbiens: Wir haben einen seltenen Zustand erreicht. Es kostet uns keine Anstrengung mehr, nichts zu tun. Die Unruhe ist gewichen. Wir sind am Meer, und das ist alles.

Woran merkt man, dass man wirklich zur Ruhe kommt und die permanente und deshalb kaum mehr bewusst wahrnehmbare Rastlosigkeit ablegt?

Wir merken es daran, dass sich das Aufstehen und Schlafengehen dem Lauf der Sonne angepasst hat. Wir haben nicht mehr das Gefühl, etwas tun zu müssen, wenn der Tag vorbei ist. Wir stehen auf, wenn der Morgen dämmert.

Wir haben auch aufgehört, auf die Uhr zu schauen. Es gibt kein Telefonnetz und kein Wifi. Das macht normalerweise schnell nervös. Aber ab einem bestimmten Punkt ist keine News mehr so wichtig, dass man sie nicht auch am nächsten Tag lesen könnte oder in einer Woche. Der Reiz der Dinge, die einen umgeben, reicht völlig aus.


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Schwere Wolken über trüber See.


Vielleicht ist der Mensch mit der Permanenz der Internetverbindung degeneriert. Abschalten ist nicht mehr vorgesehen, das ist die Doktrin der großen Technologiekonzerne. Der Mensch verlernt, nur mit sich selbst zu sein, und wer das kulturpessimistisch nennt, hat die Auswirkungen der digitalen Revolution noch nicht verstanden.

Man braucht dabei nicht soweit gehen wie Ray Kurzweil, Visionär und Entwicklungschef bei Google, der davon ausgeht, dass technischer Fortschritt und Wissen exponentiell wachsen und sich die Grenze zwischen Mensch und Maschine früher oder später aufhebt. Es reicht, die Generation zu beobachten, die ein Offline-Leben nicht mehr kennt.

Wir schauen von der Veranda unserer Herberge auf den Palmenhain, der die Sicht auf den Ozean nimmt. Sitzen, quatschen, schauen. Kaffee und Zigaretten. Ich rauche wieder, wohl auch deshalb, weil man sich sonst so gesund fühlt unter dieser Sonne. Arecifes heißt der Strandabschnitt. Man muss vom Ende der Straße eine Stunde laufen, von Bucht zu Bucht. Tayrona ist der beliebteste Nationalpark Kolumbiens und erzeugt dennoch ein Gefühl großer Abgeschiedenheit.


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Wilde Tiere, wildes Wasser.


Urlauber kommen wegen der rauen Natur, die nicht der kommerzialisierten Ästhetik eines »paradiesischen« Strandes aus den Reisekatalogen entspricht. Mannshohe Wellen rollen über die Korallensee mit ihren gefährlichen Strömungen. Schilder warnen: In dieser Bucht sind schon mehr als 100 Menschen gestorben. Die Monotonie der Küstenvegetation wird aufgebrochen durch glattgeschliffene Felsen, tonnenschwere Monolithe aus dem kaum zu durchdringenden Bergdschungel der Sierra Madra. In entlegenen Tälern soll noch immer Koka angebaut werden.

Die Infrastruktur ist sehr einfach. Bis auf die Eco-Lodge in Cañaveral, wo die Straße endet, gibt es nur Zelte, Hängematten und Holzhütten. Die Lagerplätze sind durch kleine Buschpfade verbunden. Generatoren erzeugen Strom. Ihr Rattern ist der Tribut an das bisschen Zivilisation hier. Wir essen immer nur Reis mit camarones, mit Krabben, oder Nudeln mit Thunfisch.

Vielleicht braucht es diesen räumlichen Abstand, um die allgemeine Ruhelosigkeit des Alltags zu überwinden. Das Flugzeug bringt einen nur bis Cartagena, von dort fährt der Bus in fünf Stunden nach Santa Marta, dann wieder umsteigen. Mit einem anderen Bus geht es nach Zaino an der Grenze zum Nationalpark, dort fährt ein Minibus bis zum Ende der Straße, dann geht es zu Fuß weiter. Man muss sich langsam vorarbeiten und ist deshalb am Ende besonders weit weg.

Die Sierra Madra ist schon geografisch ein abgeschiedener Ort. Noch immer leben in den Bergen Kogi-Indianer, Nachfahren der Tairona, die hier um 200 nach Christus Fische fingen, Felder bestellten und Gold schmiedeten. Man kann einem Dschungelpfad zu einem verfallenen Tairona-Dorf folgen, er beginnt in Cabo de San Juan de la Guía, dem letzten Zivilisationsposten entlang der Küste des Nationalparks.


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Cabo de San Juan de la Guía.


Der Zeltplatz von Cabo de San Juan bietet sicher 200 Gästen Platz. Es gibt eine Küche und Plastikstühle, Toilettenhäuschen und Duschkabinen. Iguanas sonnen sich auf den Felsen. Am Nachmittag kommt eine Gruppe euphorischer Israelis mit dem Boot von Taganga herübergefahren. Die Typen fotografieren sich ständig gegenseitig, schreien betont crazy und machen mit dem kleinen Finger und dem Zeigefinger den Teufelsgruß. Doch eine verrückte Party gibt es nicht. Die Nacht bleibt Nacht und wird nicht zum Tag. Die enttäuschten Israelis fahren wieder.

Wir übernachten in einem hölzernen Pavillon mit Hängematten. Er steht auf einer Anhöhe, die nur durch einen Streifen Sand mit dem Festland verbunden ist. Die Brandung rauscht von drei Himmelsrichtungen heran. Es hört sich an, als schlafe man auf dem offenen Ozean, frei schwebend zwischen Wind und See. Am Morgen weckt uns die Sonne.

Nach dem Frühstück folgen wir einem Trampelpfad durch den Wald. Wir laufen barfuß. Nach fünf Minuten stößt der Weg wieder auf das Meer. Hinter dem Vorhang aus Blättern und Ästen liegt ein menschenleerer Strand. Weißer Sand und rauschende Wellen vor sattgrünen Berghängen. Sonne, Salz und Sand. Wir sitzen da, bis das Abendlicht schräg in die Wellen fällt. Die Reise hat ihren Ruhepunkt erreicht.


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Die verlassene Bucht hinter Cabo de San Juan.


Manchmal kommt es einem vor, als sei man in einer Klischeegeschichte gefangen, in einer müden Dramaturgie: Der Reisende findet die Abgeschiedenheit in der Ferne und erholt sich von der Beschleunigung des vernetzten Lebens. Doch genau das passiert unter anderen Umständen nicht mehr. Zu meinen, man könnte es doch jederzeit so haben, wenn man denn wollte, ist eine Illusion.

Es sind natürlich ökonomische Bedingungen, die zu unserem rastlosen Alltag führen, die Technik ist nur das Werkzeug. Ständiges Wachstum bedingt immer mehr Produktion und mehr Konsum. Technische Automatisierung verschärft die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Wo der Mittelstand obsolet wird, kann es sich niemand mehr erlauben, nur Mittelmaß zu sein. Es scheint, als hielten immer weniger Menschen die Fliehkräfte dieser Beschleunigung aus.

Die Zeit in Tayrona ist eine kostbare Zeit. Als wir ankamen, dachte ich, die Tage könnten uns lang werden an diesen einsamen Stränden. Am Abend vor der Abreise bin ich wehmütig und würde gerne bleiben.



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Auf einer Berghütte in den Ortler Alpen braucht man kein Internet. Doch das Smartphone ist auf Reisen zum ständigen Begleiter geworden. Das ist fatal. Wir verlernen eine Fähigkeit, die das Leben erst sinnvoll macht.

Vor einigen Jahren, also ungefähr mit 19, hatte ich plötzlich das Verlangen, wieder in die Berge zu fahren – so wie früher als Kind. Ich fragte zwei Freunde, die noch nie 1000 Höhenmeter an einem Tag irgendwo hinaufgestiegen waren, und sie fanden die Idee sofort ziemlich stark. Seit diesem Sommer vor einigen Jahren also fuhren wir jedes Jahr in die Berge, jedes Mal in leicht wechselnder Besetzung.

Eigentlich ist ein Urlaub in den Bergen, so wie wir ihn angingen, eine ausgesprochen einfache Unternehmung: Man läuft den ganzen Tag von einer Hütte zur nächsten, rastet und trinkt zwischendurch, abends geht man um 21 Uhr schlafen, und morgens ist man um 6 Uhr wieder auf den Beinen. Auf den Pfaden und Steigen im Hochgebirge lenkt nichts den Geist ab, das Ganze hat etwas Meditatives, was meiner Ansicht nach wenig mit dem neumodischen Meditieren der Großstädter in ihren stilsicher eingerichteten Altbauwohnungen zu tun hat.

Ich habe die Abende auf den Berghütten immer als etwas unglaublich Erfüllendes erlebt. Wir sind den ganzen Tag marschiert, oft fegte uns stundenlang Regen ins Gesicht. Aber abends saßen wir in einem vom offenen Feuer gewärmten Gastraum, aßen Schnitzel, tranken Radler, und der Kopf glühte im warmen Dämmerlicht der Stube. Man fühlte sich auf eine höchst erholsame Art vollkommen erschöpft. Dann kam der Sommer in den Ortler Alpen.


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Auch in diesem Jahr in Südtirol saßen wir nach einem langen Wandertag abends auf der Hütte an einem rustikalen Holztisch in der Runde und bestellten Essen und Radler und manchmal auch einen Obstler. Doch etwas war anders. Aufgrund eines besonderen Angebots der Telekom war es möglich, in einem EU-Land seiner Wahl kostenlos im Internet zu surfen.

Wir saßen also beisammen, und der eine schrieb mit seiner Freundin bei Whatsapp, der andere verfolgte den Bundesliga-Liveticker, und der dritte überflog alle fünf Minuten die Facebook-Timeline. Die Smartphones, die meist auf dem Tisch lagen, wirkten wie Gravitationspunkte, denen sich die Hände immer wieder näherten. Sie zogen die Aufmerksamkeit der Anwesenden unterschwellig auf sich wie eine Droge, von der man nicht die Finger lassen kann.

Aus heutiger Sicht scheint es mir, als hätten wir an diesen Abenden auf den Hütten nicht wirklich miteinander gesprochen im Sinne von: etwas ausgetauscht. Man sagt etwas, der anderen nimmt es auf, denkt nach, kommt zu einem Gedanken und gibt diesen zurück – und daraus entsteht diese dichte, bedeutende Stimmung, die in dem ganz bestimmten Moment etwas zwischen Menschen verändert. Unsere Abende aber blieben statisch.

Einmal spielten wir Mensch ärgere dich nicht. In dieser Stunde, in der wir unsere volle Aufmerksamkeit dem unvorhersehbaren Reiz des Würfelspiels widmeten, verfielen wir in Begeisterung. Die Temperatur am Tisch stieg. Doch schon nach kurzer Zeit kehrten wir zurück zu unseren kurzsilbigen Gesprächen, und die Aufmerksamkeit ging weg vom Tisch in einen Raum, der woanders lag als in der heimeligen Schankstube der Hütte.


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Mit einem gewissen Bedauern blickte ich, der noch eine Woche in den Bergen blieb, auf die vergangene Woche in unserer alten Wandergruppe zurück. Irgendetwas hatte gefehlt, ich spürte eine dumpfe Ernüchterung und gleichzeitig eine anhaltende Sehnsucht nach Momenten, die nicht eingetreten waren und deren Chance auf baldige Wiederholung in unbestimmbarer Ferne lag.

Als ich mich am Ende meiner Reise von Sulden auf den Heimweg machte, die Nachmittagssonne satt ins Tal schien und ich grundlos bester Stimmung war (noch am Morgen hatte ich auf dem Gipfel des Ortler gestanden), fiel mir ein Text in die Hände, der die Gedanken ausformulierte, die ich nur vage im Kopf hatte.


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Christoph Scheuermann schrieb im SPIEGEL folgende Sätze:

»Allmählich begann sich etwas zwischen mir und meinen Freunden zu verschieben. Wir wurden ungeduldiger, unkonzentrierter miteinander, wenn wir uns sahen, vielleicht in der Befürchtung, etwas zu verpassen, was parallel im Internet passiert. Wir stellten einander weniger Fragen, denn unsere Leben synchronisierten sich ja online. Noch ein Effizienzgewinn. Ich frage mich, was wir mit der gesparten Zeit gemacht haben. Unsere Sprache wurde kurzatmiger, wir rutschten in Superlative ab – irre, krass, Wahnsinn, geil. Die Zwischentöne aber, die Selbstironie, die Zweifel, diese schöne, alberne Melancholie nach drei, vier Stunden Plaudern, all das, auf dem Vertrauen wächst und später vielleicht Freundschaft, wurde seltener.«

Ich glaube nicht, dass sich der Wert unserer Freundschaft durch die Reise negativ verändert hat. Freundschaft heißt, dass man, auch wenn man sich ein halbes Jahr nicht gesehen hat, so offen und unverstellt miteinander reden kann, als wäre kein Tag vergangen. Ohne auf die eigene Rolle zu achten, auf das Bild, das man sich über die Jahre von sich selbst gemacht hat. Unsere Reise in die Berge war gemessen an diesem Ideal mit Sicherheit kein Ausfall nach unten – aber was, wenn es immer so bliebe?

Heute zweifle ich manchmal, ob die Leute meine Bedenken zu Smartphones überhaupt nachvollziehen können. Und es wurde schon so viel über die Auswirkungen des Internets gesagt, dass man es nicht mehr hören kann (und dazu wird eine ganze Menge Schwachsinn gesagt, was es nicht gerade leichter macht). Aber mittlerweile glaube ich, dass uns etwas abhanden kommt: die volle Präsenz in der physischen Gegenwart, eine urmenschliche Fähigkeit und Notwendigkeit auf dem Weg zu einer erfüllten Existenz.

Die immer nur kurzfristige, geteilte und flüchtige Aufmerksamkeit der mobilen Internetnutzung zerstört die Fähigkeit, einen Moment im Leben voll und ganz wahrzunehmen. Sie zerstört damit auch die Fähigkeit, überhaupt Erinnerungen zu produzieren und, ganz allgemein, bewusst zu leben. Die Vergangenheit wird so zu einem vagen Dunst. Man erkennt im Rückblick nicht mehr klar, was man überhaupt erlebt hat.

Erstaunlicherweise glauben die Menschen, dass sie mit ihrem Smartphone ganz viele Erinnerungen einfangen und teilen – das Gegenteil ist der Fall.

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Ebola in Westafrika. Der Ausbruch der Seuche ruft die typischen Schablonen ab, die wir auf Afrika anlegen. Es ist kaum möglich, diesen Kontinent »wirklich« zu verstehen. Ein Geständnis der Ahnungslosigkeit.

Der Himmel über Freetown ist blau. Von der Autobrücke mitten in der Stadt richte ich die Kamera in Richtung der bunten Wellblechbaracken, die auf dem kleinen Hang gegenüber stehen, auf eine ungeschönte Kulisse der Hauptstadt von Sierra Leone. Wir besuchen den alten cotton tree, ein Wahrzeichen der Stadt, und stolpern in einer kleinen Kapelle sogar in eine Hochzeit hinein.

Unsere Reisegruppe ist heiter gestimmt. Freetown ist ein freundlicher Ort an diesem Tag im Oktober 2013. Ein Jahr später, man verfolgt es gerade jeden Tag in den Medien, ist alles anders. Die Bilder, die ich im Kopf habe, scheinen aus einer anderen Stadt zu sein, aus einem anderen Land.

In dieser Stunde herrscht in Freetown Ausgangssperre: Hilfsorganisationen und Regierungsbeamte gehen von Haus zu Haus, um Ebola-Infizierte zu finden und aufzuklären. Leichen liegen auf der Straße. Die tödliche Seuche breitet sich immer weiter aus, der jetzige Ausbruch ist so schlimm wie noch nie zuvor. Liberia hat es am stärksten getroffen, aber daneben ist Sierra Leone der größte Virus-Hotspot.

»The Ebola epidemic in West Africa has the potential to alter history as much as any plague has ever done«, warnte kürzlich der oberste Seuchenexperte der USA, Michael Osterholm, in der New York Times.

Da ist es wieder, das typische Bild von Afrika: Krankheiten, Armut und Katastrophen. Die Reaktionen waren zu erwarten gewesen: Das ganze Elend ist doch zum größten Teil selbstverschuldet! Da stürmen diese Wilden, die noch an Hexer und Magie glauben, einfach eine Krankenstation! Afrika, das scheint vielen als ein hoffnungsloser Fall, für immer Dritte Welt.


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Als die Ebola-Epidemie in Westafrika irgendwann wirklich bedrohlich wurde, las ich nach langer Zeit wieder in dem Buch Ach, Afrika, das der Auslandskorrespondent und große Afrikakenner Bartholomäus Grill geschrieben hat.

Er beschreibt gut, wie eingeschränkt die Sicht eines Europäers auf Afrika ist: Die religiösen, ethnischen und sozialen Referenzsysteme fehlten. So bleibe nur eine Art »hermeneutischer Kolonialismus«. Interpretationen, rein spekulativ. Auf diese Weise seien bloß Zerrbilder der Wirklichkeit möglich, wenn überhaupt.

Man erliegt dabei den eigenen Projektionen: Afrika als das urtümliche, wilde Land. Als der kaputte Kontinent. Kriege, Krankheiten und Korruption – das sind die drei Konstanten, die sich in so vielen Ländern finden lassen. Darfur, Ostkongo, Ruanda: Der ausdruckslose Soldat in Camouflage auf der Ladefläche eines Geländewagens mit aufgeschraubtem Maschinengewehr ist ein archetypisches Bild, das man von den großen afrikanischen Konflikten im Kopf hat.

Aber dann gibt es diese Freundlichkeit, die Offenheit der einfachen Leute, die einem überall begegnet.

Auf unserer Fahrt durch das Moyamba District in Sierra Leone hatten wir eine Reifenpanne und mussten in einem Dorf Halt machen. Die Kinder der einzigen Schule folgten ihrer Neugier und drängelten sich bald um unsere Wagen. Der Rektor tauchte auf und bestand darauf, dass die Kinder für uns vor der Schule singen, ohne dafür eine Gegenleistung haben zu wollen. Wir waren, ganz einfach, gerührt.


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Wenn man in Afrika unterwegs ist, stellt sich zum Beispiel auch die Frage: Wie kann man in einem Bus voller Fremder nicht anfangen miteinander zu sprechen? In einer deutschen U-Bahn wird man gleich für einen aufdringlichen Sonderling gehalten.

Aber es gibt eben auch dieses ewige Missverständnis von der fröhlichen Armut in Afrika: Die Menschen haben nichts, aber sieh mal, wie sie trotzdem lachen! Ein Klischee. Und doch glaubt man sich, wenn man selber durch Afrika reist, plötzlich leichter und sorgenfreier zu fühlen.

Im Kreuzberger Biomarkt LPG, wo die linken Akademiker für ihren Wocheneinkauf 200 Euro ausgeben und einen Lebensstil pflegen, den sich vielleicht drei Prozent der Weltbevölkerung leisten können, wird mit biederster Ruppigkeit der Kaffee bestellt, als gäbe es an diesem Tag speziell und allgemein im Leben wirklich überhaupt nichts zu lachen. Wie entsetzlich falsch einem das plötzlich erscheint!

Aber wie falsch es auch ist, zu glauben, die Afrikaner würden das Elend ihres Kontinents irgendwie »leichter nehmen«. Und wie naiv zu glauben, man könnte sich von dieser vermeintlichen Leichtigkeit im Umgang mit seinen Problemchen kurzerhand etwas mit nach Hause nehmen, als ob einen die Sorgen des Alltags dann weniger berührten.

Wenn man im Stillen die unterschiedlichen Maßstäbe abwägt und versucht, seine persönliche Haltung zu den Dingen zu finden, muss man irgendwann kapitulieren: Die »andere Seite« ist doch kaum nachzuvollziehen. Etwas anderes zu behaupten ist reine Anmaßung. Vielleicht muss man das einfach akzeptieren.

Ein Medizinmann in Kamerun habe ihm den »abendländischen Erkenntnisdrang« ausgetrieben, schreibt Grill. Alles erklären und durchdringen müssen, eine schlüssige Antwort finden wollen: Das ist das Selbstverständnis der europäischen Aufklärung. In Afrika scheint es oft unendlich entfernt zu sein.

Was dächte wohl der Dorfälteste Sengbeh Sannoh, wenn er die Berliner Charité betreten würde? Wenn man ihm eine Infusion legen wollte? Ich traf den Mann im Dschungel von Sierra Leone in dem kleinen Dorf Jene, gegenüber von Tiwai Island.


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Zwischen den Lehmhütten saß jemand, dem eine Schlange in den Fuß gebissen hatte. Dazu erzählte man uns, dass die Menschen in dieser Region glauben, dass Frauen, die von einer grünen Schlange gebissen werden, in vier Monaten schwanger werden. Auf dem T-Shirt von Sannohs Sohn stand wiederum: »Washing hands with soap is best.« Das Shirt hatte eine Hilfsorganisation im Dorf gelassen.

Auf Reisen in Afrika bin ich manchmal unerklärlich gerührt, mich ergreift so ein humanistischer Optimismus, und ich denke: Irgendwie wird es schon klappen mit uns Menschen, wir werden unsere kulturellen Differenzen überwinden, den anderen in seinem Anderssein verstehen lernen und zusammen an der Zukunft arbeiten. Was anderes könnte auch das Ziel sein?

Aber dann sehe ich ein, dass ich mir doch bloß gut in der Rolle des abenteuerlustigen Reisenden gefalle, des vermeintlich einfühlsamen Entdeckers. Dabei verstehe ich ja oft wenig bis überhaupt nichts von den Menschen und der Art, wie sie leben. Und natürlich bin ich komplett privilegiert. Wie albern, da seine Hand auszustrecken und zu sagen: Ach komm, lass gut sein, wir sitzen doch alle im gleichen Boot.

Trotzdem kann ich nicht abstreiten, dass mir das Schicksal der Menschen zu Herzen geht. Dass es mich anrührt und nachdenklich und sentimental macht. Aber damit ist natürlich niemandem irgendwie geholfen. Und man ist damit nah dran an einem historischen Schuldkomplex. Aber ich bin überzeugt, dass Mitgefühl immer besser ist als Gleichgültigkeit oder sogar Zynismus.


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»Das Afrika, das unser Traveller erkundet, ist nur ein Sammelsurium exotischer Abziehbilder, die er zur Kulisse auf der Reise zu sich selber arrangiert hat”, schreibt Bartholomäus Grill. Den Eindruck bekommt man oft. Und man kann nicht leugnen, dass er bis zu einem gewissen Punkt auch für einen selbst zutrifft. Afrika als ein Abenteuer, dass unser Leben in Überfülle ein bisschen aufregend macht!

Sierra Leone ist gerade kein Ort für exotische Selbstinszenierung. Die Ebola-Epidemie reproduziert das Klischee von Afrika als dem Kontinent der Katastrophen. Das ist irgendwo nachvollziehbar und doch so traurig.

In Freetown haben wir auf unserer Reise vor einem Jahr das Sierra Leone Peace and Cultural Monument besucht. Es ist ein Mahnmal für den Bürgerkrieg, der vor mehr als zehn Jahren unter anderem um die Diamanten des Landes geführt wurde.


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Über das Gelände führte uns Peter Momoh Bassie, 29 Jahre alt. Er hatte beide Elternteile im Krieg verloren. Auf einer Schautafel zeigte er uns den Namen seines erschossenen Vaters. Er kenne auch den Menschen, der seine Mutter umgebracht habe, der lebe in der Nachbarschaft. »I know the guy who shot my mother.« Er sagte diesen Satz ohne Zorn, als sei die Vergangenheit eben Vergangenheit. Was für eine Bereitschaft, den Teufelskreis der Gewalt zu überwinden!

»It was not a tribe war«, erklärte uns der damalige Chef des Fremdenverkehrsamtes, Cecile Williams, bei einem Mittagessen in Freetown. Die meisten Menschen hätten sich ausgesöhnt und Frieden gefunden. Der Aussteiger und Hotelbesitzer John Pierce aus Großbritannien am Tokeh Beach zeigte sich überzeugt: »They are Sierra Leones first, and everything else second«, so seine Erfahrung. »The tolerance of the people is their winning point.«

UN-Generalsekretär Ban-Ki Moon sagte 2010 in Freetown: »Sierra Leone represents one of the world’s most successful cases of post-conflict recovery, peacekeeping and peacebuilding.« Das klingt so gar nicht nach dem typischen Afrika.


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Das Ziel unserer Reise war vor allem, das touristische Potenzial Sierra Leones auszuloten. Es könnte ein Sektor sein, der Geld ins Land bringt, das waren die Hoffnungen des Ministeriums. Aber dann kam Ebola. Alle Pläne, das Land zu einer Feriendestination zu machen, sind auf unabsehbare Zeit hinfällig geworden.

Das afrikanische Schreckgespenst ist wieder da. Die Postkartenidylle am Tokeh Beach bleibt vorerst menschenleer. Sierra Leone wird wohl in Vergessenheit geraten, so wie Afrika jedes Mal, wenn die eine Krise vorüber ist – solange bis die nächste kommt. Dazwischen kann man nur versuchen zu verstehen. Scheitern und es weiter versuchen. Es ist der einzige Weg.


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