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Philipp Laage

Zum ersten Mal in meinem Leben spüre ich die drückend-warme Luft Afrikas. Auf den Gipfel des Kilimandscharo soll es gehen, ohne Frage ein ambitioniertes Vorhaben. Vorher erlebe ich noch ein anderes Gefühl, das für mich gänzlich neu ist.

Moshi — Der Mann mit der Maschinenpistole lächelt mürrisch die Menschen an, die durch die Passkontrolle kommen. Er ruht in seiner beigen Uniform etwas abseits auf einem Stuhl und sieht für westliche Augen ein bisschen so aus wie ein Milizenführer. Über den Gepäckbändern kreisen im fahlen Neonlicht derweil unzählige Moskitos und anderes Getier nervös durcheinander. Es ist halb elf abends und das Thermometer zeigt etwa 25 Grad an. Ich schwitze sehr unter meinem Fleecepullover, aber die Aussicht, bereits am Flughafen von Stechmücken in Beschlag genommen zu werden, erscheint mir wenig verlockend. Die meisten Wartenden, von denen nicht wenige durch ihre sonnengegerbte Haut und die Safaribekleidung weltläufige Reiseerfahrung auszustrahlen versuchen, stehen erst einmal in der gedrungenen Eingangshalle herum und wissen nicht so recht, was sie mit der Situation anfangen sollen.

Ich plaudere mit Jenny und Mathias, die ich am Flughafen in Amsterdam kennengelernt habe. Jennys Gepäck kommt jetzt, natürlich, nicht über das Gepäckband gefahren. Wir erfahren, dass auf den Flügen der KLM, die herunter zum Kilimanjaro Airport gehen, gerne das ein oder andere Gepäckstück liegen bleibt, weil sonst die zulässige Maximaltraglast überschritten wäre. Das ist natürlich, so oft es auch passiert, ein echtes Ärgernis. Als ich meinem Fahrer zu verstehen gebe, dass nun eben das Gepäck einer Mitreisenden noch nicht angekommen sei, man nun einige Erkundigungen einholen wolle und er doch bitte noch zehn Minuten warten möge, ist die Verwirrung perfekt.

Offenbar habe ich den guten Mann mit meinem Englisch maßlos überfordert, er verweist mich hilflos wieder und wieder an die Gepäckstelle und schiebt mir ein Formular unter die Nase, glaubt er doch, ich selbst würde mein Gepäck vermissen. Das ist aber Unsinn, schließlich hängt der große, grüne Seesack offensichtlich über meiner Schulter. Irgendwann scheint auch mein Fahrer von dieser Sachlage überzeugt zu sein. Das Gepäck des Mädchens hingegen liegt tatsächlich in Holland. Ich tippe meine Telefonnummer in ein sehr altes Handy, das im Gegensatz zu meinem funktioniert. Man wird sich dann morgen im Hotel sehen, vermutlich.


DSC_0046Der Kilimandscharo vom Park View Inn aus gesehen.


Im nächsten Moment sitze ich in einem kleinen Van, der in Deutschland definitiv keine TÜV-Zulassung bekommen hätte. Die in regelmäßigen Abständen künstlich über den Asphalt gezogenen Bodenwellen überfährt der Fahrer noch genau mit einer solchen Geschwindigkeit, bei der er davon ausgehen kann, dass der Wagen keinen nachhaltigen Schaden davontragen und diese Fahrt von 40 Kilometern nach Moshi somit nicht die letzte für ihn selbst gewesen sein wird, bevor man ihn aufgrund seiner Fahrlässigkeit und des mutwilligen Verschleißens von Firmeneigentum hochkantig hinauswirft. Die Steppe ist vom Vollmond hell erleuchtet, am Straßenrand stehen einige dürre Büsche. Ab und zu überholen wir Fußgänger, die noch einen weiten Weg vor sich haben.

Die Silhouette des gewaltigen Bergmassivs des Kilimandscharo zeichnet sich im Mondlicht am Horizont ab. Die Position des Berges im Verhältnis zum Fahrzeug scheint sich während der gesamten Fahrt aufgrund des enormen Ausmaßes dieser topografischen Erhebung überhaupt nicht zu verändern. Durch diese Distanzlosigkeit habe ich ein bisschen das Gefühl, die Straße würde unter uns auf einer riesigen rotierenden Kugel hinweggezogen, während sich Berg und Wagen, wie auf einer durchsichtigen Ummantelung darüber liegend, keinen Meter von der Stelle bewegen. Einige Gemäuer, zusammengestellte Plastikstühle, Holzkarren und spärliche Laternenbeleuchtung rauschen sehr schnell an uns vorbei.

Obwohl ich ein paar Menschen sehe, überkommt mich ein Gefühl relativ entschiedener Verlassenheit. Also frage ich den Fahrer, wie viele Einwohner die Stadt Moshi habe, jedoch scheint mir seine Antwort »around one million« bei aller betont nachlässigen Großzügigkeit deutlich zu hoch. Das macht aber auch gar nichts, denn es ist ohnehin dunkel und ich ein wenig erleichtert, als wir, der Fahrer und ich, endlich das Parkview Inn erreichen. Im Badezimmer töte ich nicht ganz ungeschickt eine Stechmücke, deren Überreste an der weißen Wand kleben bleiben, und krieche dann rasch unter das Moskitonetz, weil ich nicht weiß, ob man diesem Malarone wirklich trauen kann. Im matten Zimmerlicht bahnt sich das engmaschige Netz seinen Weg von der Aufhängung an der Zimmerdecke bis hinab auf mein Laken. Ich komme mir vor, als fielen klebrige Riesenspinnweben auf mich herab, wie bei der Spinne Kankra im Herrn der Ringe. Aber ich bin eben auch sehr müde an diesem Abend.


Parkview Inn Moshi
Parkview Inn Moshi
Parkview Inn Moshi
Parkview Inn MoshiIm Park View Inn in Moshi.


Weil es ab spätestens halb neun viel zu heiß ist, um schlafen zu können, stehe ich trotz dieser typischen Reiseerschöpfung recht früh auf, um ein Frühstück aus scrambled eggs, halbherzig geröstetem Weißbrot und aromatischen Minibananen zu mir zu nehmen. Im Anschluss holt mich mein Guide im Hotel ab. Sein Name ist Theodory, oder einfach Tito. Er sieht mit seinem schwarz-rot gestreiften Polohemd und der Kappe mit dem Schriftzug »Beauty Hunter« ein bisschen so aus wie eine Mischung aus Zeitungsverkäufer und Tennisspieler. Bereits am immer noch frühen Vormittag fühlt sich meine Stirnhaut recht ölig an.

Ich nehme in den Räumlichkeiten von Mauly Tours auf einem durchgesessenen Sofa Platz, um mich über die bevorstehende Besteigung des Kibo unterrichten zu lassen. Jegliche Erläuterungen zur nötigen Ausrüstung, zum Verlauf der Route und zu den zu durchschreitenden Klimazonen sind mir natürlich schon bekannt. Ich lausche jedoch aus Höflichkeit brav dem Vortrag des jungen Mannes, denn es scheint mir, als sei er sehr stolz darauf, dieses Wissen nun, in diesem bedeutungsträchtigen Moment, vortragen zu können. In Wirklichkeit ist das für ihn aber vermutlich reine Routine. Um ihm nicht das Gefühl zu geben, ohnehin schon über alles Bescheid zu wissen, stelle ich wohl dosiert einige Zwischenfragen und leihe mir am Ende sogar noch für zehn Dollar ein Paar Gamaschen, deren Mitnahme ich vor Reiseantritt eigentlich als überflüssig erachtet habe.

Entgegen der meisten anderen Bewohner von Moshi machen die meisten der Bediensteten im Parkview Inn eine Miene, als sei ein naher Verwandter gestorben, und deshalb habe ich keine große Lust, meinen verbleibenden freien Tag dort zu verbringen. Als ich Tito meinen Plan unterbreite, nun in die Stadt gehen zu wollen, grinst er mich leicht verstohlen an, nuschelt etwas von »you can get robbed« und gibt mir mit einem undefinierbaren Achselzucken zu verstehen, dass es wohl bei mir liegt, was daraus wird.


Mauly Tours Moshi
Mauly Tours MoshiBlick aus dem Fenster von Mauly Tours in Moshi.


Ich gehe noch einmal zurück ins Hotel und treffe dort Oliver, einen jungen Kerl, der am nächsten Tag zusammen mit mir aufsteigen wird. Nachdem ich erfahre, dass er bereits seit Weihnachten durch Afrika reist, an einer Rallye von Marokko über Mauretanien bis in den Senegal teilgenommen hat, im Zuge dessen in Fés im abendlichen Stadtverkehr beinahe ohne Benzin liegen geblieben, dann aber doch irgendwann von Dakar nach Johannesburg geflogen ist, um einige Wochen in Südafrika zu verbringen, scheint mir sein gutgemeinter Ratschlag, dass man sich in Moshi bei Tag keine Sorgen machen muss, als durchaus annehmbar, und so spaziere ich bei mittlerweile gleißender Mittagssonne die Aga Khan Road hinab in Richtung Mawenzi Road. Es ist sehr heiß, der Straßenrand sehr holprig, und ich bin wirklich sehr weiß in dieser tansanischen Sonne.

In der Ziellosigkeit dieses Tages liegt ein gewisser Reiz, aber ich beschließe dennoch, Mathias und Jenny in ihrem Hotel, dem Buffalo, aufzusuchen. Meine Kamera habe ich im Rucksack verstaut, einer närrischen Hoffnung folgend, ich könne ein paar tolle Schnappschüsse dieser gänzlich fremden Stadt einfangen. Je mehr ich mich jedoch in den Gassen verliere, umso unangebrachter und, nun ja, gefährlicher erscheint mir dieses Vorhaben. Obwohl die meisten Afrikaner, mit denen ich ins Gespräch komme, sehr freundlich und gebildet sind, lassen die beiläufig fallengelassenen Verweise auf diese oder jene »art gallery« eines Cousins oder Freundes erkennen, dass dieser viel zu weiße Mann in erster Linie ein kleines Geschäft verspricht.

Und auch wenn man davon ausgehen kann, dass es sich bei den meisten Zeitgenossen nicht um hinterhältige Straßenräuber handelt, sondern um einfache Einwohner, die ihrem Tagwerk nachgehen, halte ich die Idee, auf dem übervollen Marktplatz von Moshi meine Kamera aus der Tasche zu ziehen, für keine gute. Vergliche man den Preis meines kleinen Reisebegleiters mit dem durchschnittlichen tansanischen Monatslohn, so käme man zu dem Schluss, dass es bei gegebener Situation eigentlich überhaupt keine andere Möglichkeit gibt, als mir diese Kamera mit den dazu nötigen Mitteln abzunehmen. Alles andere wäre absurd. Abgesehen davon gibt es aber nicht viel zu rauben, denn in den zwei Stunden, die ich in den Straßen und Gassen verbringe, sehe ich genau zwei Menschen, die annähernd europäisch aussehen. Wenn es hier tatsächlich Touristen gibt, dann halten sie sich alle im Schatten ihrer kleinen Hotels und Hostels auf.

Zu allem Überfluss gebe ich an anderer Stelle allzu tölpelhaft meine Ortsunkenntnis preis, sodass mir ein Mann namens Jonathan sogleich anbietet, mich zum Buffalo geleiten zu wollen. Ohne zu wissen, weshalb genau, folge ich dem Mann, der sich selbstverständlich auch als »local artist« entpuppt und mir alsbald seine handgemalten Bilder für zwei Dollar das Stück anbietet. Entweder ist es um die Vielseitigkeit der tansanischen Handwerkskunst wahrlich schlecht bestellt, oder aber die vermeintlich selbstgefertigten Drucke stammen doch aus maschineller Hand. Man muss jedenfalls kein blitzgescheiter Mensch sein, um zu erkennen, dass sich die an allen Ecken angebotenen Bilder ziemlich ähneln. Man könnte auch sagen: Es sind die gleichen. Im Hotel kann ich derweil niemanden antreffen, also hinterlasse ich eine Notiz an der Rezeption. Dumm, unwissend, westlich feilsche ich einige Zeit mit Jonathan darüber, wie viel seine kurze Führung nun wert ist und lasse ihn dann mit 2000 tansanischen Schilling davonziehen. Für ihn ist es sicher noch ein gutes Geschäft. Ich fühle mich schlecht, als ich daran denke, wie viel Geld ich manchmal in Deutschland an einem einzigen Abend vertrinke.

Nach einem Dutzend Gesprächen über angebliche Verwandte in Deutschland und unzähligen »hakuna matata brother Phil« bekomme ich in erster Linie Hunger und setze mich in ein kleines Straßenrestaurant. Ich bestelle etwas mit chicken und Reis und beobachte den Koch, der unter freiem Himmel ein ganzes Huhn, über dem einige schwarze Fliegen kreisen, mit einem groben Beil in kleine Stücke hackt. In diesem Moment frage ich mich, was in Gottes Namen ich hier überhaupt gerade tue, und mit einem Mal komme ich mir sehr einsam vor. Das halte ich im zweiten Nachsinnen aber schon wieder für einen dummen Gedanken, vermutlich liegt es nur daran, dass Mathias und Jenny nicht im Hotel gewesen sind. Denn eigentlich bin ich sehr vergnügt darüber, hier im vollkommenen Nirgendwo auf einem Plastikstuhl zu sitzen und eine Cola aus der Flasche zu trinken.

Auch wenn man denkt, schon alles aus dem Fernsehen oder dem Internet oder von all den wahnsinnig individuell durch die Welt ziehenden Erasmus-Traveller-Freunden zu kennen, die heutzutage mit einer Selbstverständlichkeit durch Indochina backpacken, als führen sie einen Sonntag ins Naherholungsgebiet Berlin Barnim, lerne ich dort, in Afrika, ein gänzlich neues Gefühl kennen – und zwar das, ein Fremder zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass ich tatsächlich der einzige Weiße bin, den ich seit einer Stunde gesehen habe. Vielleicht auch daran, dass offensichtlich ist, dass ich hier keiner Beschäftigung nachgehe, sondern als Tourist umherreise. Ich falle aus dem Bild heraus. Kein Gefühl von multi-kulti, wie man es noch von früher von der kindlichen Aufregung am Flughafen her kennt, oder später ultrahip und kosmopolit-urban von der Kreuzberg-Stipvisite des letzten Berlin-Besuchs. Auch kein Gefühl, in einem prickelnd-aufregenden Schmelztiegel der Völkervernetzung durch das Gewühl einer Metropole zu streifen. An diesem frühen Nachmittag des 5. März bin ich das erste Mal in meinem Leben wirklich ein Fremder. Nicht, weil ich herablassend behandelt werde oder die Menschen eine grundlegend schlechte Meinung von mir haben, sondern weil ich dort bin, wie ich dort bin. Man kann es lesen aus dieser Restaurantszene wie aus einem Buch, und erkennen in jedem Schritt, den ich betont gleichgültig versuche über die erdige und aufgeheizte Straße zu setzen.

Satt wie ich schließlich bin, stellt sich an diesem Punkt meiner Reise nun die alte Frage nach einer ernstzunehmenden Nachmittagsangetrunkenheit. Da so etwas alleine selbst auf Reisen wenig Charme hat und wohl überhaupt nur Spross von viel zu vielen realitätsverzerrenden Romaneindrücken ist, gebe ich meinen sportlichen Ambitionen der nächsten Tage einstweilen Vorrang und mache mich zurück auf den Weg ins Hotel. Dort angekommen überkommt mich eine große Müdigkeit. Bevor ich mich mit einem Buch in den Innenhof setze, ruhe ich eine Weile auf meinem Zimmer. In der Ferne ragt der schneebedeckte Gipfel des Kilimandscharo aus den Wolken. Der armselige Pool liegt etwas deplatziert im Schatten des benachbarten Gebäudes.


Parkview Inn MoshiBlick vom Balkon meines Zimmers im Park View Inn in Moshi.


Gänzlich unerwartet tauchen auf einmal Mathias und Jenny im Innenhof auf, und es gibt ein mittelgroßes Hallo. Angesichts dieser Wendung der Ereignisse kommen wir nun doch nicht umher, einige Kilimanjaro Lager zu ordern und werden mit nahender Dunkelheit, sitzend und erzählend, zunehmend angetrunkener. Hat mich im Laufe des Mittags noch das Gefühl einer gewissen Einsamkeit gestreift, entwickelt sich der Tag nun also doch zur vollen Zufriedenheit aller. Allerdings, Jennys Gepäck ist immer noch nicht da, und obendrein akzeptiert keine der ortsansässigen Banken ihre Kreditkarten, was zusammengenommen für ein wenig Anspannung sorgt. Soviel kann aber verraten werden: Vor dem Antritt ihrer Gipfelbesteigung wird das vermisste Gepäckstück doch noch ankommen.

Im Anschluss unseres zweistündigen Plauschs gehen wir herüber in die Bristol Lodges. Dort treffen wir Oliver vom Vormittag wieder und obendrein zwei andere Herren, mit denen ich meine Tour am Morgen beginnen soll. Es gibt chicken curry, süßsaures Gemüse auf Reis, noch mehr Kilimanjaro Lager, und jeder erzählt, was ihn nun zu diesem Berg verschlagen hat, der da in gut 30 Kilometern von uns aus der Steppe herausragt und seine 5000 Meter Höhenunterschied zum Flachland aus der Ferne in keiner Weise erkennen lässt. Jeder erzählt also, und alles in allem sind wir wirklich ziemlich unterschiedliche Menschen, die da an diesem Tisch sitzen, während ein Tansanier im Smoking sich an einem alten Klavier bemüht, das ohne jeden Zweifel noch aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft stammt, wenn nicht sogar der deutschen.

Die Nacht beginnt früh in Tansania, und so werden wir recht bald müde. Ab und zu fällt der Strom aus, und die Terrasse, auf der die Essecke eingerichtet ist, wird in Dunkelheit getaucht. Es dauert immer einige Augenblicke, bis der Notgenerator anspringt, und bis dahin ist es still, eine Stille, als könne man nun, wo es kein Geräusch mehr gibt, weil Musik und Gespräche verstummen, kurz den Abend selbst hören.


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Berlin — Sie haben alle vor dem Regen gewarnt. Hart könne es da werden, und die Wegstrecke sich ganz schön in die Länge ziehen. Auf meinen Schultern landen Wassertropfen, die das Royalblau des Oberteils dunkler färben, bis sie ganz im Stoff zerlaufen sind und sich der Unterschied zwischen trockenen und nassen Stellen langsam aufhebt.

Mein Bruder und ich finden keine Plastiktüte. Irgendwo werden sie verteilt, aber wir sehen niemanden.

Das Profil der Sportschuhe will sich nicht so recht mit der Beschaffenheit des Kopfsteinpflasters arrangieren. Ich habe das Gefühl, ein wenig ungelenk und wackelig zu laufen, Richtung Startlinie.

Die Stadt schläft noch, nur die Läufer nicht. Regen sammelt sich in den Pfützen, die noch in Laub stehenden Bäume tragen einen Dunstschleier: Ein grauer Tag hängt über dem Regierungsviertel. Die Luft ist nasskalt, sie ruft nach der Schutzzone Bett, nach Regenprasseln am Fenster, nach Verkriechen und Verharren, bis die Wolken verschwinden. Es ist wirklich düster und regnerisch an diesem Tag in der Hauptstadt, und auch das Gemüt ist irgendwie bedeckt und trübe.

Es scheint heute darum zu gehen, für etwas zu laufen oder vielleicht auch gegen etwas an, das ist noch nicht klar abzusehen. Es ist der Wunsch, durch das Laufen so etwas wie Gewissheit zu bekommen, dass bestimmte Dinge auf jeden Fall möglich sind, dass sie zu schaffen sein werden, wenn man nur lange genug durchhält.

Wir sind schon seit zwei Stunden wach, feiner Regen weht uns ins Gesicht. Wir haben endlich Plastiktüten gefunden, wir werden also nicht mehr durchnässen, bevor wir loslaufen können.

Ein nicht endender Menschenstrom schiebt sich über die Wege des Tiergartens, wir reihen uns ein. Auf der breiten Prachtstraße des 17. Juni soll der Lauf beginnen, mit eben so viel Glanz und Glorie, wie es das Wetter an einem solchen Tag erlaubt. Musik aus großen Lautsprechern versucht, die Läufer in Stimmung bringen. Der Ton ist grell und laut, er tut in den Ohren weh.

Die Menschentraube kommt zum Stillstand: Zeit, sich zu sammeln.

Der Start ist immer Euphorie. Noch spürt man die Beine nicht. Aber das Wissen darüber, was vor einem liegt, kann man an diesem Morgen in den Gesichtern der anderen Läufer ablesen.

Es ist immer so, dass der Kopf sich der gesamten Entfernung von 42 Kilometern bewusst ist, gleichzeitig wird diese Distanz sofort in kleine Wegstrecken zerlegt, die alles einfacher machen sollen. Die Bewegung durch Raum und Zeit erfolgt immer in Bezug auf zwei Fokuspunkte, das ist wichtig. Wer sich stets die gesamte Distanz vor Augen führt, wird vermutlich aufgeben, weil die Herausforderung dann zu etwas Unüberwindbarem anwächst. Wer aber ausschließlich das betrachtet, was sich unmittelbar vor ihm befindet, ohne sich die gesamte Entfernung zu vergegenwärtigen, der wird ebenso scheitern, weil er auf die tatsächliche Herausforderung nicht vorbereitet ist. Das Verhältnis zwischen diesen zwei Bezugspunkten handelt jeder auf seinem Weg in emotionaler und rationaler Hinsicht fortwährend neu aus.

Der Startschuss ertönt, aber es bewegt sich nichts. Zu viele Menschen sind auf der Bahn, es dauert eine Weile, bis auch unserer Block sich in Bewegung setzt. Ganz vorne laufen die Afrikaner, die nach knapp über zwei Stunden im Ziel sein werden, wir sehen sie nicht.

Mein Bruder und ich halten ein Tempo. Es fällt schwer, sich in dem Pulk aus Läufern nicht aus den Augen zu verlieren.

Wir wussten beide um das, was hier vor uns liegen würde, in seinem erst einmal abschreckenden Ausmaß, und es ist trotzdem so, dass man sich auf den ersten Metern eines Marathons noch einmal klar machen muss, dass man tatsächlich gerade losgelaufen ist: Auf einmal ist es soweit.

Unser Tempo ist recht zügig, zumindest nicht so gemächlich, wie man angesichts der Strecke vermuten könnte. Nach jedem Kilometer steht ein Schild, das am Anfang zeigt, wie viel schon geschafft ist, und später dann, wie weit man noch laufen muss. Das ist aber auch austauschbar, letztendlich entscheidet die eigene Wahrnehmung.

Ich bin klar im Kopf, motiviert und voller Hoffnung, die ersten Schilder rauschen vorbei. Früh trinken ist wichtig, wir beherzigen das. Schon sind zehn Kilometer geschafft, und es erscheint fast, als sei man gerade erst losgelaufen. Ein beruhigendes Gefühl: Das alles ist machbar, man kann es doch schaffen.

Die blaue Plastiktüte reiße ich mir beim Laufen vom Körper, sie landet auf dem Bürgersteig. Vor dem Regen haben sie alle gewarnt, und wie hart es da werden könne, aber was zählt, ist das eigene Gefühl. Die Tropfen stören nicht, nass ist man ohnehin. Was ändert es also?

Die Warnung vor dem Regen ist das Urteil der Mutlosen, die sich morgens wieder in den Federn verkriechen, wenn der Tag grau zu werden scheint, und die Herausforderung zu beschwerlich.

Noch ist alles leicht.

Die Kilometerzahlen sind jetzt schon zweistellig, ich laufe noch einmal schneller. Mein Bruder bleibt etwas zurück und irgendwann, als ich mich umdrehe, ist er nicht mehr hinter mir. Wir laufen heute exakt die gleiche Route, aber eigentlich sind es ganz unterschiedliche Wege. Er wird es schaffen, da bin ich mir sicher.

Endorphin und Adrenalin durchströmen den Körper und machen die Beine federleicht. Noch. Das erste Viertel des Weges geht schneller vorbei als gedacht, aber es ist eben diese verflixte Sache mit den Bezugspunkten. Als nackte Zahlen sind sie starr, doch alles, was zwischen ihnen und mir geschieht, ist Kopfsache. Sie können in weite Ferne rücken. Lief man eben noch beschwingt und leichtfüßig, tritt kurz darauf eine erste Erschöpfung auf, und die Bewegung verlangsamt sich wie durch einen unsichtbaren Schleifklotz gebremst.

Ich bewege mich, ich bleibe nicht stehen. Das ist die einzige Möglichkeit, um die Ziellinie zu erreichen.

Das Laufen wird anstrengender. Ich verspüre keine plötzliche Erschöpfung, keine unsichtbare Wand, an der es auf einmal nicht mehr weitergeht. Nur die Beine schmerzen immer mehr, und es erfordert stetig mehr Überwindung, nicht doch einfach stehen zu bleiben.

Auf der Etappe zwischen Kilometer 20 und 30 entscheidet sich, mit welcher Energie man das letzte Viertel des Weges laufen wird.

Ich fühle mich gut, ich akzeptiere, dass es mühsam ist. Die Beine werden immer hölzerner und verlieren ihre Agilität. Der Blick reduziert sich auf das Ende eines hell erleuchteten Tunnels.

An den Getränkeständen wechseln sich Wasser und Elektrolyte ab. Die Trinkpausen sind kurze Momente des Innehaltens, und vielleicht des Zweifelns, man muss sich schnell von ihnen losreißen, alles andere macht es nur schwerer.

Ich erreiche Kilometer 35. Der Pulk an Läufern entzerrt sich über die gesamte Distanz nicht, es sind einfach zu viele Menschen auf der Strecke.

Je länger der Lauf dauert, umso reduzierter wird die Wahrnehmung.

Die aufgescheuerte Blase an der Innenseite des rechten Fußes merke ich nicht. Nur die schrillen Tröten am Streckenrand schmerzen in den Ohren, auch wenn sie gut gemeint sind.

Die Kilometer ziehen sich jetzt. Der Blick sucht immer wieder das nächste Markierungsschild. Glücksgefühle, wenn es erscheint. Einen Schritt vor den anderen zu setzen, das Einfachste also, wird das Schwerste.

Was lehrt der Schmerz den Menschen?

Vermutlich, dass man Strapazen und Mühen in Kauf nehmen muss, um die Dinge zu erreichen, für die es sich wirklich lohnt. Für die es sich lohnt, seinen Ängsten ins Gesicht zu schauen.

Immer nur den einfachsten Weg zu gehen, ist oberflächlich, hat einmal ein Freund zu mir gesagt. Ich glaube, das ist richtig. Wer immer den einfachsten Weg geht, kratzt nur an der Oberfläche menschlichen Erlebens, menschlicher Emotionen, des Lebens selbst.

Ich laufe jetzt über die Leipziger Straße: Kilometer 39, das Ende ist nahe. Die Geräusche werden lauter. Jetzt steigt wieder Euphorie im Körper hoch. Eine letzte Biegung, und schon folgt die Zielgerade.

Die Frage, wie man es tatsächlich geschafft hat, am Ende diesen Punkt zu erreichen, wird rasch abgelöst von dem Glücksgefühl, dass es wirklich so gekommen ist. Dass man wirklich durchgehalten hat.

Nach einem letzten Endspurt erreiche ich die Ziellinie. Um mich herum weinen Menschen vor Freude und Erschöpfung gleichermaßen, und auch ich bin zu Tränen gerührt. Die Frage, ob die Entbehrung sich gelohnt hat, stellt sich nicht mehr. Ich humpele an den Zuschauern vorbei.

Erst jetzt erinnere ich mich, dass es während des Laufs fast die ganze Zeit geregnet hat.


Informationen:..www.bmw-berlin-marathon.de



Berlin-Marathon auf einer größeren Karte anzeigen

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Über den Wolken, die kurz nach der Dämmerung in den schwarzen Alpentälern hängen, werden die schneebedeckten Gipfel der Ortlergruppe von den ersten Sonnenstrahlen in oranges Licht getaucht. Weit darüber wacht noch der Mond, an tiefes Dunkelblau geheftet. Im Nordosten glüht der Himmel hinter den Silhouetten der Bergkämme hervor, als schmelze dort jemand Erz. Kein allzu trübsinniger Anblick für einen Morgen, an dem man noch vor dem Frühstück rasch auf den Similaun steigen möchte. Wir brechen um kurz vor 6 Uhr am Niederjoch auf, schon nach einigen Minuten erreicht man den Gletscher.


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Königspitze (links), Monte Zebrù (Mitte) und Ortler (rechts) von der Similaunhütte.
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Fineilspitze vom Niederjochferner.


Über eine einzige Gletscherrampe geht es nach oben zum Gipfel, das Eis zieht sich hinauf bis zur Spitze des Berges. Im unteren Teil des Ferners folgt der Weg erst dem Felshang, bis der Gletscher über einen leichten Bruch abfällt und die Spuren nach rechts oben kreuzen, damit man nicht allzu steil aufsteigen muss. Die Spalten liegen noch frei, der Schnee ist am frühen Morgen aber ohnehin hartgefroren. Wir steigen über die Westflanke auf, irgendwann fällt die Sonne über das funkelnde Eis und bestätigt die Hoffnung auf einen vorzüglichen Tag. Bis zum Gipfelaufbau verlaufen die Spuren ziemlich eben, sie sind nicht tief, die bezackten Stiefel finden einen guten Halt. Die Sonne versucht den Dunst aus den Tälern zu verdrängen, aber es will ihr nicht recht gelingen. Der Similaun hüllt seinen Gipfel immer noch in Wolken.


similaun niederjochferner ötztaler alpen ötztal bergsteigen hochtour wandern gletscher panorama gipfel berge gebirge
Similaun vom Niederjochferner.


Das Eis wird steiler, als wir uns dem Gipfel nähern, keine zwei Stunden liegen hinter uns. Zickzack-Spuren ziehen sich den Hang hinauf, über uns treiben Wolkenfetzen vorbei. Noch ein Vorstoß nach rechts, und wir blicken über die Bruchkante nach Italien. Die Sicht auf die Berge ist verschleiert durch den Nebel. Zurück nach links auf den windigen Firngrat, der zum Gipfelkreuz führt. Die Wolken reißen auf, man schaut auf den 200 Meter tiefer fließenden Gletscher herunter, der wie das Wasser eines Ozeans auf dem Berg liegt, nur um den Blick wieder über die weißen Wolkenkissen hinweg in Richtung Horizont zu richten, der irgendwo mit dem Himmel verschwimmt, während zähes Nebelgrau noch höherer Wolken die gesamte Szenerie einrahmt. Der moderate Aufstieg raubt nicht allzu sehr den Atem, der Blick vom Similaun-Gipfelgrat – man möge mir diese kitschige Analogie verzeihen – um einiges mehr. Zeit für eine Rast, auch wenn sie kurz vor dem Gipfel kommt. Oben angekommen müssen wir uns etwas gedulden, bis der Dunst endgültig aufreißt und der einzige Viertausender der Ostalpen in den Himmel ragt.


grafferner gipfelgrat similaun, ötztaler alpen ötztal bergsteigen hochtour wandern gletscher panorama gipfel berge gebirge
Grafferner vom Gipfelgrat des Similauns.
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Hintere Schwärze vom Similaun.
marzellspitzen hintere schwärze similaun ötztaler alpen ötztal bergsteigen hochtour wandern gletscher panorama gipfel berge gebirge
Marzellspitzen (vorne) und Hintere Schwärze (hinten) vom Similaun.
piz palü piz bernina similaun berninagruppe horizont ötztaler alpen ötztal bergsteigen hochtour wandern gletscher panorama gipfel berge gebirge
Piz Palü (links) und Piz Bernina (rechts) vom Similaun.
monte vioz pàlon de la mare monte cevedale similaun ortlergruppe ötztaler alpen ötztal bergsteigen hochtour wandern gletscher panorama gipfel berge gebirge
Monte Vioz und Pàlon de la Mare (links) mit Monte Cevedale (Mitte) vom Similaun.


Similaun (3599 m)
Anreise: bis Vent (1895 m)
Hüttenzustieg: über Martin-Busch-Hütte (2501 m), ca. 4 Stunden
Übernachtung: Similaunhütte (3019 m), +39 473 669711, 40 Zimmerlager, 30 Lager, ab 10 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, Gletscherspalten, ca. 2 Stunden


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Ascunción

Asunción ist nur ein Name auf der Landkarte in Südamerikas vielleicht unspannendstem Land. Träge fließt der Río Paraguay in der Chaco-Hitze. Man kommt ohne Erwartungen und geht ohne Wehmut.

I. Der Anlass

Als reisender Mensch findet man irgendwann Gefallen an Orten, die andere nicht einmal besuchen würden, wenn man ihnen eine Reise dorthin schenkte. Das in vielerlei Hinsicht unbedeutende Paraguay jedoch findet sich in wirklich keiner wichtigtuerischen Bucket-List, von denen es in den Weiten des Internets so viele gibt. Das hat seinen Grund. In Paraguay gibt es schlicht nichts zu sehen – zumindest nicht für einen normalen Reisenden, der keine fünf Jahre in Südamerika verbringt, um die lokalen Bräuche in jedem Dorf zwischen Cartagena und Ushuaia zu erforschen.

Auch wir waren also nur »auf Durchreise«, wie man so sagt. Auf der Route von La Paz nach Buenos Aires liegt nun einmal Paraguay, das man durchqueren muss, will man die Iguazú-Wasserfälle besuchen. Und so machten wir Halt in der Hauptstadt Asunción, von der man gemeinhin nicht mehr kennt als den Namen auf der Weltkarte.

Tatsächlich handelt es sich um eine der ältesten Städte in Südamerika, gegründet 1537 von den Spaniern. Offizieller Name damals wie heute: La Muy Noble y Leal Ciudad de Nuestra Señora Santa Maria de la Asunción. Die Stadt ist Zentrum des Landes, der Industrie, der Korruption, eine halbe Million Einwohner, keine bedeutenden Sehenswürdigkeiten. Einfach mal nichts tun, auch schön. Wir blieben zwei Nächte in Asunción.


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II. Die Erwartungen

An eine Stadt wie Asunción hat man eigentlich überhaupt keine Erwartungen. Paraguay weckt nun mal keine Sehnsüchte, und seine Hauptstadt ist für nichts bekannt außer den Umstand, eben Hauptstadt von Paraguay zu sein. Eigentlich ist das eine ziemlich gute Ausgangslage, denn jeder weiß: Erwartungen können enttäuscht werden. Wer aber gar keine Bilder im Kopf hat, schafft größtmöglichen Raum für Überraschungen. Man könnte sagen: Wir waren erwartungsvoll, ohne überhaupt etwas zu erwarten.

III. Der erste Eindruck

Wir reisten von Nordwesten an, über die Ruta 9, die etwas nördlich der Stadt den braunen, behäbigen Río Paraguay überquert. Jenseits des Flusses erkennt man von weitem die Wolkenkratzer, die signalisieren, dass man nun die Hauptstadt des Landes erreicht hat. Wir strandeten an einem Sonntag in Asunción, und es war praktisch menschenleer auf den Straßen. Über allem lag eine stickige Hitze, die wohl typisch für das subtropische Chaco-Klima ist. Die heißen Straßen lösten eine große Behäbigkeit aus. Man konnte sich gut vorstellen, wie die Reinkarnation von Klaus Kinski hier irgendwo auf einer morbiden Veranda hockte und – vor Nichtstun wahnsinnig geworden – grobe Unverschämtheiten von sich gab.


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IV. Die Orientierung

Das Stadtzentrum ist wie viele andere Viertel wie ein Schachbrett angelegt, sodass man sich anhand der Straßennamen eigentlich nicht verlaufen kann. Wer auf einem Spaziergang die wenigen schmucken Gebäude Asuncións ablaufen möchte, startet am besten am Plaza de los Héroes mit dem Pantheón. Es ist auch sinnvoll, sich dort in der Nähe eine Unterkunft zu besorgen. Zum Fluss ist es nicht weit. Wer eigensinnige Gründe dafür findet, sich noch andere Gegenden der Stadt anzuschauen – bitte.

V. Der Sehnsuchtsort

Wenn man behauptet, Ascunción habe keine Sehenswürdigkeiten, dann ist das natürlich eine subjektive Verkürzung. Es gibt ein paar repräsentative Gebäude im Kolonialstil. Allerdings wurde die Stadt im 19. Jahrhundert unter der Diktatur José Gaspar Rodríguez de Francias komplett zerstört – und da war Paraguay schon unabhängig. Während man in anderen südamerikanischen Städten wie Sucre oder Cusco also das architektonische Erbe der Spanier bestaunen kann, sind in Asunción kaum Gebäude aus der Kolonialzeit erhalten. Das Pantheón zum Beispiel wurde 1863 gebaut. Eine Altstadt im geläufigen Sinne – üblicherweise der charmanteste Ort einer Stadt – gibt es also nicht.

Alternativ könnte man sich einfach an den Río Paraguay setzen und beim Blick auf den trüben Fluss ein wenig schwermütig werden. Womöglich finge man dabei an, zu trinken. Aber das ist letztlich nichts, was man einem Reisenden in Asunción ernsthaft empfehlen möchte. Rückblickend fühlten wir uns wohl in unserem Hostal el Jardin mit seinem kleinen Garten am wohlsten. Wenn allerdings die Unterkunft der schönste Ort ist, dann spricht das in bemerkenswerter Klarheit gegen das Reiseziel.


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VI. Das Gefühl beim Abschied

Hasta que algún dia, würde wohl einer sagen, der Spanisch beherrscht. Bis eines Tages – oder eben auf Nimmerwiedersehen. Aber das ist kein Vorwurf. Es ist bloß so, dass Asunción so behäbig und unspektakulär ist, dass ein Besuch eher träge macht, als einen zu neuen Kräften bringt. Und die kann man schon gebrauchen, wenn man zwei Tage vor Ankunft mit einem Bus zwanzig Stunden vom bolivianischen Hochland hinab in die Yungas gefahren ist.

So empfindet man beim Abschied von Asunción: nichts. Keine Wehmut, kein Bedauern. Aber auch keine Euphorie, kein großes Endlich-weg-hier. Eher ist es so, als käme man gleichsam einer schon lange nicht mehr benutzten Maschine langsam wieder in Fahrt. Man freut sich konkret auf das, was vor einem liegt – auf die Iguazúfälle, auf Buenos Aires. Hinter einem liegt nur ein tropisches Nirgendwo, Hochhäuser und Bäume unter einer Hitzeglocke, leere Straßen und kleine Gärten und ein brauner Fluss.

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Der Elbrus im Kaukasus ist der höchste Berg Russlands und zählt zu den berühmten Seven Summits. Eine kuriose Reise auf das Dach Europas, zwischen brennender Gipfeleuphorie und brennendem Plastikmüll.

I — SIEBEN GIPFEL

Die Seven Summits sind ein Mythos. Zumindest für mich, der nicht in den Bergen aufwuchs. Wir machten zwar jeden Sommer Wanderurlaub in Mayrhofen, doch der Hausberg hieß Ahornspitze, keine dreitausend Meter, und wenn der Gipfel im Juli mal eingeschneit war, sah das schon verdammt gefährlich aus. Die Berge waren für mich nie natürliches Habitat, sondern eine Ausnahme von der Regel, nur zweite Heimat.

Ich weiß nicht mehr, in welchem Alter ich den Begriff Seven Summits zum ersten Mal hörte, aber er löste sofort eine unheimliche Faszination aus. Die höchsten Gipfel der sieben Kontinente: sagenhafte Orte großer Abenteuer, mächtig, magisch, fast schon transzendent. Und unerreichbar in diesem kleinen Leben, das man sein eigenes nennt. Doch die Ferne und auch die Gipfel schrumpfen, je älter man wird.

Ich bestieg nicht nur die Ahornspitze, auch Wilden Freiger, Großvenediger, Großglockner, ein paar stattliche Dreitausender also. Und irgendwann nahm ich einen höheren Berg ins Visier: den Kibo im Kilimandscharo-Massiv, höchster Punkt Afrikas. Technisch unschwierig, nur die Höhe von 5895 Metern ist eine Herausforderung. Und siehe da: Damit kam ich gut klar. Und so hatte ich meinen ersten Seven Summit bestiegen. Aus dem Mythos war Wirklichkeit geworden. Man kann diese Berge erklimmen.


Gipfel des Kibo (2010), ernster Blick und rote Hände.


Die Seven Summits sind allerdings eine Klammer für sieben Gipfel, die sich in Zugänglichkeit, Schwierigkeit und Ernsthaftigkeit (ein wunderschöner Begriff aus der Bergsteigersprache, der noch jenseits vom technischen und konditionellen Anspruch so etwas wie das gesamte Gefahrenpotential eines Berges meint) extrem unterscheiden.

Der Kilimandscharo in Tansania ist ein technisch leichter Trekkingberg, der jedes Jahr von vielen Menschen erwandert wird, die sonst nicht bergsteigen. Der Denali in Alaska (6190 Meter) dagegen ist ein ernsthafter Expeditionsberg in einer unwirtlichen Klimazone, der wegen seiner Abgelegenheit tadellose Logistik voraussetzt; Stürme und polare Temperaturen von minus 30 Grad sind häufig – ein Gipfel für Profis. Der Aconcagua in Südamerika (6962 Metern) wiederum lässt sich dank des trockenen Klimas an guten Tagen sogar ohne Steigeisen erwandern. Der Gipfel ist anspruchsvoll wegen der Höhe und möglicher Wetterstürze.

Der Mount Vinson (4892 Meter) bleibt ein Berg für absolute Spezialisten, weil er nun einmal in einer Eiswüste namens Antarktis liegt. In Australien ist man sich unschlüssig, welcher als höchster Berg gelten darf: der Mount Kosciuszko (2228 Meter), ein leichter Wanderberg, oder die Carstensz-Pyramide in Indonesien (4848 Meter), dummerweise in einem Bergbaugebiet gelegen. Aber ehrlich gesagt ist der höchste Berg Australiens auch eher unspannend.

Und dann ist da natürlich der legendäre Mount Everest, mit 8848 Metern der höchste Berg der Erde in Asien. Seine Besteigung führt in die »Todeszone«, wo der menschliche Körper auch in völliger Ruhe stetig abbaut. Objektiv liefert der Everest keine großen technischen Schwierigkeiten. Mit Fixseilen, Flaschensauerstoff, Sherpas und einem soliden Wetterfenster ist der Aufstieg für einen trainierten (und reichen) Bergsteiger durchaus machbar. Bloß wenn ein kleines Detail schiefgeht, wird es gleich lebensgefährlich.

Bleibt der Elbrus in Russland, nach gängiger Ansicht höchster Berg Europas. Mein Bruder, ein guter Freund und ich wollten diesen Berg besteigen: 5642 Meter Höhe, ein weitläufig vergletscherter Vulkankegel nahe der Grenze zu Georgien, mein zweiter der Seven Summits.

Ein weiteres Mal sollte der Mythos entzaubert werden, das Reich des Phantastischen in die reale Welt überführt werden. Viele Kindheitsträume werden in der Realitätsmühle des Erwachsenenlebens langsam zerrieben – manche bleiben und wollen wahr werden.


Elbrus, West- und Ostgipfel.


II — VON PISTEN UND RAUPEN

Der Elbrus ist eine Naturgewalt. Den zweithöchsten Gipfel des Kaukasus überragt er noch um einige hundert Meter. Wer bei Google Maps auf Satellitenmodus umschaltet und auf den Elbrus zoomt, sieht zuerst einen weißen Klecks, der dann aber schnell riesig wird. Dieser gigantische Gletscherturm ist also das Ziel. Wie kommt man da hoch?

Dazu ein paar praktische Ausführungen:

Wie kommt man zum Elbrus?

Die meisten Reisenden aus Deutschland fliegen mit Aeroflot über Moskau ins Provinzstädtchen Mineralnyje Wody. Von dort sind es noch einmal drei Stunden mit dem Auto oder Bus in den kleinen Talort Terskol am Fuß des Elbrus. Wir hatten die ganze Tour über einen deutschen Veranstalter gebucht, der auch den Transfer organisiert hat.


Terskol, Szene am Straßenrand.


Wie schwierig ist der Elbrus?

Aus alpinistischer Sicht ist der Elbrus ein technisch einfacher Berg. Es gibt keine Kletterpassagen und nur wenig ausgesetzte Stellen. Die Spur auf der Normalroute ist ausgetreten. In regelmäßigen Abständen wurden dünne Stöcke in den Schnee getrieben, damit man nicht von der spaltenfreien Aufstiegsroute abkommt. Viele Bergsteiger gehen ohne Seil. Im Prinzip muss man nur sicher auf Steigeisen laufen können. Im Prinzip.

Einen Berg kann man nie allein anhand seiner objektiven Schwierigkeiten bewerten. Die Wetterbedingungen und die persönliche Erfahrung des Bergsteigers sind ebenso wichtig. Jedes Jahr sterben laut der örtlichen Bergrettung 15 bis 30 Menschen am Elbrus. Wie uns berichtet wurde, brach drei Wochen vor unserer Reise ein amerikanischer Polizist allein zum Gipfel auf, offenbar gut trainiert – niemand sah ihn je wieder.

Laut dem Leiter der Bergrettung am Elbrus sterben die Leute, weil sie ohne Führer unterwegs sind, ihre Kondition überschätzen und in Schlechtwetter geraten. Im Nebel und Sturm ist es leicht, von der Route abzukommen und in eine der zahllosen Gletscherspalten zu stürzen. Oder die Leute sind nicht ausreichend akklimatisiert, ignorieren die Symptome der Höhenkrankheit und brechen irgendwann zusammen. Nicht der Berg selbst macht den Aufstieg gefährlich, es ist – in der Regel – die Verantwortungslosigkeit der Leute.


Akklimatisierung auf der Schneerampe.


Wie besteigt man den Elbrus?

Das Zauberwort heißt – wie an allen hohen Bergen – Akklimatisierung.

Kurzer medizinischer Einschub: Mit steigender Höhe nimmt der Luftdruck ab. Denn je mehr man sich vom Meeresniveau entfernt, umso kürzer wird quasi die Luftsäule zwischen Atmosphäre und Erde. Damit nimmt auch der sogenannte Sauerstoffpartialdruck ab: Die Lunge kann nicht mehr so viel Sauerstoff aufnehmen, der Körper wird also unterversorgt. Man wird höhenkrank. Der Blutdruck erhöht sich, in lebenswichtigen Organen wie Lunge und Gehirn sammelt sich Flüssigkeit (Ödembildung), was unbehandelt und ohne sofortigen Abstieg in niedrigere Höhen bald zum Tod führt.

Akklimatisierung bedeutet vereinfacht gesagt, seinen Körper langsam an die große Höhe zu gewöhnen. Man geht nicht in einer Tour vom Tal auf den Gipfel, sondern bewegt sich langsam aufwärts. Man steigt zum Beispiel auch mal einige hundert Höhenmeter auf, nur um diese wieder abzusteigen und weiter unten zu übernachten. So bilden sich innerhalb weniger Tage mehr rote Blutkörperchen für den Sauerstofftransport.

Unser Programm sah so aus: Ankunft in Terskol auf 2140 Metern. Tag eins: Mit der Seilbahn auf 3700 Meter und von dort auf 4100 Meter. Nacht im Tal. Tag zwei: Wieder auf 3700 Meter und einen Wohncontainer beziehen. Aufstieg auf 4500 Meter, Nacht auf 3700 Metern. Tag drei: Aufstieg bis zum Pastuchov-Felsen auf 4700 Meter, Nacht auf 3700 Metern. Tag vier: Ruhetag auf 3700 Metern. Tag fünf: Gipfelsturm. Unser Programm war durchaus eng getaktet, zwei Tage mehr zur Akklimatisierung wären besser gewesen.


Gletscherbach.

Steigeisen anlegen.

Oberhalb des Pastuchov-Felsens auf etwa 4800 Metern.


Wie ist die Infrastruktur am Berg?

Wer das erste Mal vom Elbrus hört, mag den Berg für abgelegen und einsam halten – das Gegenteil ist der Fall. Als höchster Berg Russlands und einer der Seven Summits lockt der Gipfel Bergsteiger aus der ganzen Welt, vor allem aber aus Russland selbst. Außerdem besuchen viele Tagestouristen seine Hänge, weil sie die Seilbahn in drei Etappen (zweimal Gondel, einmal Sessellift) bis auf 3700 Meter bringt.

Zwischen 3500 Metern (Station der Gondelbahn) und 4100 Metern (Diesel Hut) gibt es mehrere Hütten, dutzende Blechcontainer und noch mehr versprengte Zeltplätze. Es ist ein wahrer Massenauflauf. In einer milden und sturmfreien Nacht machen sich bestimmt um die 250 Menschen oder sogar noch mehr auf den Weg zum Gipfel.

Unsere Reisegruppe bestand aus sieben Teilnehmern plus Bergführer Viktor. Zu acht bezogen wir einen der Container, eingerichtet mit bequemen Stockbetten. Sogar Strom gab es, denn hässliche Masten ziehen sich vom Tal bis hoch auf die Bergflanke. Im benachbarten Container verpflegte Köchin Nadeshda uns und andere Gruppen mit Tee, Kaffee, Nudeln, Frikadellen, Pelmeni und köstlicher Bortsch. Die Verpflegung und Wasser in Kanistern hatten wir mit der Seilbahn auf den Berg gebracht.


Keine Alpenvereinsidylle: Unterkünfte und Seilbahnen am Elbrus.


Wie läuft der Gipfeltag ab?

Gipfeltag trifft es nicht wirklich. Je nach Startpunkt bricht man irgendwann zwischen 23 und 2 Uhr in der Nacht auf. Wie an jedem hochalpinen Berg ist man bemüht, spätestens um die Mittagszeit wieder unten zu sein. So vermeidet man Gewitter, die besonders gerne nachmittags aufziehen, und allzu weichen Schnee, der sich in Lawinen lösen kann und das Risiko von Spaltenstürzen erhöht – oft sind die Risse im Eis überschneit.

Vom Lager in 3700 Metern Höhe auf den 5642 Meter hohen Westgipfel sind es gut 1900 Höhenmeter. Schon in den Ostalpen wäre das eine mehr als zünftige Gipfeletappe. In der dünnen Luft am Elbrus ist es eine Strecke, die die Kraft vieler Aspiranten übersteigt.

Und so hat sich ein System etabliert, das gleichermaßen als Aufstiegshilfe für die Touristen und gewinnträchtiges Geschäftsmodell der einheimischen Russen fungiert: Auf dem unteren Teil des Gletschers fahren Pistenraupen. Die Fahrzeuge bringen die Bergsteiger in der Gipfelnacht bis zum Pastuchov-Felsen auf 4700 Meter – eine Fahrt kostet 600 Euro. Klingt nach irre viel Geld. Doch geteilt durch zwölf Personen, die auf dem Gefährt Platz finden, ist das ein annehmbarer Preis, um die zu bewältigenden Höhenmeter zu halbieren. Das Angebot wird von vielen Bergsteigern dankend angenommen.

Wer den Berg komplett aus eigener Kraft bezwingen möchte, kann dies natürlich trotzdem tun. Aus unserer Gruppe war ich allerdings der einzige.


Schneeraupen, auch Ratraks genannt.


III — RUSSISCHE MENTALITÄT

Unser Ruhetag am Elbrus war sonnig und warm. Wir hockten auf den Steinen vor unserem Wohncontainer und waren guter Dinge. Alle fühlten sich ausreichend akklimatisiert. Das Wetter in der Gipfelnacht sollte gut werden. Plötzlich roch es komisch – beißend.

Entgeistert stellten wir fest: Keine zwanzig Meter von unserem Container entfernt brannten Säcke voller Plastikmüll. Nicht wegen eines Missgeschicks. Ein russischer Mitarbeiter der nahen Berghütte hatte die Säcke mit Spiritus übergossen und angezündet. Mindestens vier Stunden schwelte der Brand. Der giftige Rauch wurde vom Wind genau zu unserer Hütte getragen, er zog durch die Ritzen in den Container, legte sich auf die Matratzen, kroch in die Schlafsäcke. Wir waren zuerst ungläubig, dann entrüstet – und flüchteten schließlich.

In Skandinavien würde man wegen einer solchen Aktion wahrscheinlich sofort des Landes verwiesen, in der Schweiz ins Gefängnis gesteckt. Auch vom Deutschen Alpenverein dürfte man keine Milde erwarten. Wir trafen Viktor und konfrontierten ihn mit der einzig naheliegenden Frage: Wie zur Hölle konnte so etwas sein?

Viktor lächelte etwas verlegen. »It’s Russian mentality.«

Wir mussten davon ausgehen, dass Viktor Recht hatte. Überall am Berg rund um die Lager hing der Müll zwischen den Felsen: Metall, hunderte von verrosteten Konservendosen, verreckte Maschinen, verrottete Fässer. Niemand fühlte sich dazu berufen, die Hinterlassenschaften der Menschen ins Tal zu bringen, die Hänge zu reinigen. Keiner war sich einer Schuld bewusst. Die Natur am Elbrus galt offenbar nicht als allzu schützenswert.

Ich hatte mich als Kind nicht einmal getraut, beim Wandern ein benutztes Taschentuch in die Wälder zu schmeißen. Ich war bekümmert.


Müll nahe der Lager.


Der schuldlose Viktor versöhnte uns, mit seinem ruhigen Wesen und seiner lakonischen Art, die wohl auch Ausdruck russischer Mentalität war.

Am Ruhetag absolvierten wir ein Sicherheitstraining. Es ging darum, den Sturz auf einem vereisten Hang möglichst schnell mithilfe des Pickels zu bremsen. Wir warfen uns rückwärts, vorwärts und bäuchlings auf einen kurzen steilen Hang und studierten die Handgriffe ein. Man hat nur wenige Sekunden, sonst wird man zu schnell.

Viktor schaute sich die Technik der Teilnehmer an. Von jedem wollte er in jeder Körperhaltung mindestens zehn Versuche sehen. Nach anderthalb Stunden waren wir durch. Erwartungsvolle Frage aus der Runde an unseren Bergführer: »So, how did we do it?« Hier ging es doch irgendwie um Leben und Tod, oder nicht?

Viktor lächelte unter seinem schmalen Intellektuellen-Schnauzbart hervor wie der Schriftsteller, der er auch hätte sein können. Kurzes Schweigen, dann sagte er leicht amüsiert: »It’s your life.« Wir lachten herzlich.


»Russian mentality«: Bergführer Viktor, ein verkannter Poet?


IV — A RUSH OF BLOOD TO THE HEAD

Vor der Gipfelbesteigung schläft man schlecht. Oder überhaupt nicht. Wir haben um 18 Uhr zu Abend gegessen und uns gleich danach artig in die Stockbetten gelegt. Mein Herz pocht schnell und kräftig. Nicht weil ich schlecht akklimatisiert bin, mehr vor Aufregung. Die Minuten kriechen vorwärts, zweimal muss ich noch raus. Man hört, wie die anderen versuchen zu schlafen. Wälzen, Räuspern. Wenigstens schnarcht niemand. Kurz nach zehn klingelt mein Wecker.

Die anderen brechen erst um 0.45 Uhr von der Hütte auf, weil sie die Pistenraupe nehmen. Ich trage meinen Rucksack und die Stiefel möglichst leise aus dem Container, um niemand zu wecken. Die Nacht ist mild, fünf Grad, vielleicht mehr. Die Wolken vom, nun ja, Vorabend (es ist ja immer noch der gleiche Abend) haben sich verzogen. Das ist gut.


Grandioses Abendlicht vor der Gipfelnacht.


Drüben im anderen Container hat Nadeshda, die gute Seele unserer Unternehmung, schon Porridge gemacht. Ich esse mit Appetit, die Müdigkeit klebt noch hinter den Lidern. Heißer Tee wandert in meinen Becher und in meine Trinkflasche, ich kaufe außerdem eine kleine Flasche Coca-Cola, weil ich sonst nur anderthalb Liter dabei hätte. Zu wenig.

Dann kommt mein persönlicher Bergführer Sascha in die Stube. Er musste gestern hoch zur Hütte kommen, weil es eben doch einen Idioten gibt, der nicht die Raupe nehmen und stattdessen von der Hütte den gesamten Weg auf den Gipfel laufen möchte. Sascha weicht meinem Blick aus, sagt praktisch nichts. Dann geht er wieder raus. Wir wollen um 23 Uhr aufbrechen.

Kurz vorher schaue ich aus der Stube, niemand zu sehen. Als ich dann rauskomme, steht Sascha da und sagt: »I am waiting for you five minutes.« Mir wird klar: Er hat echt keinen Bock. Minimalkommunikation.

Wir laufen los, betont langsam. Ich kann durch die Nase atmen. Die Nacht beginne ich mit zwei langärmeligen Funktionsshirts unter der Hardshell-Jacke, das passt. Nach den ersten zwanzig Minuten auf Schotter geht es auf den Gletscher. Steigeisen anlegen, Fleecehandschuhe ebenso.

Der Weg wird nun mehrere Stunden der Gletscherpiste folgen, die ich schon von den Akklimatisierungstouren kenne. Bis auf 4900 Meter geht es hinauf, dort ist eine Pistenraupe verreckt und versinkt langsam im Schnee. Ich habe mir den Weg bis dorthin in vier Mini-Rampen eingeteilt.

Die erste ist nur ein kurzer Aufschwung hinauf zur Diesel Hut auf 4100 Metern. Dann geht es über mehrere Wellen im Gletscher hinauf zum ersten Felsriemen, 4400 Meter. Der nächste Riemen sind die Pastuchov-Felsen auf 4700 Metern, Rampe drei. Nummer vier führt zur Raupe. Das ist der Weg, den ich schon einmal gelaufen bin.

Sascha hustet in die Nacht. Wir halten nur zweimal kurz, um etwas zu trinken. In der Ferne zucken über der weiten Ebene nördlich des Kaukasus Blitze durch die Dunkelheit. Meine Blicke gehen immer wieder besorgt nach rechts. Zu oft musste ich an hohen Bergen schon umkehren, um mir der Sache jetzt sicher zu sein. Auch wenn über uns Sterne sind.


Die Nächte vor dem Gipfelaufstieg sind kurz oder nicht vorhanden.


Sascha bittet auf Rampe zwei um eine weitere Pause. Bald darauf um noch eine. Wenn wir anhalten, fange ich bald an zu frieren. Ich muss feststellen, dass Sascha zu langsam für mein Tempo ist. Und der Weg ist eindeutig. Immer mehr Stirnlampen in der Nacht: Bergsteiger, die von anderen Stützpunkten aufgebrochen sind. Die Spur ist breit und ausgetreten, der Mond scheint hell. Ich beschließe, mein Tempo zu gehen. Sascha fällt zurück.

Kurz vor Rampe drei überholt mich die Pistenraupe, auf der mein Bruder und unsere Truppe zum Pastuchov-Felsen fahren. Ein lautes Ungetüm in der stillen Nacht. Sie sehen mich, ich winke mit meinem Trekkingstock. Mir wird warm ums Herz.

Auf den steileren Passagen des Gletschers laufe ich kleine Serpentinen, das kostet weniger Kraft. Ich steige mit solidem Tempo, der Atem geht ruhig. Hinter dem Pastuchov-Felsen lege ich ein drittes Funktionsshirt an. Die Cola ist fast leer, nach gut vier Stunden Aufstieg.

Nach der verreckten Raupe geht es noch einige Höhenmeter steil bergauf, lotrecht zum Hang. Die Nachtschwärze dämmert langsam davon. Blick nach rechts: Es wird kein Gewitter mehr von Norden hereinziehen. Zum ersten Mal bin ich sicher, dass der Gipfeltag stabiles Wetter bereithält. Diese Erkenntnis lässt mich innerlich jubeln, treibt mich an. Und es ist noch etwas anderes: Ich weiß, ich werde bald meinen Bruder einholen.

Nach dem steilen Aufschwung quert die Route nach links unterhalb des ausladenden Ostgipfels vorbei. Der Weg ist hier weniger steil. Ich mache schnelle und konzentrierte Schritte. Mein Bruder, ich will ihn einfach nur einholen und in den Arm nehmen.

Adrenalin steigt auf, ein Höhenrausch setzt ein. Ich spüre, wie gut ich akklimatisiert bin, könnte jauchzen vor Freude. Bin erleichtert über das gute Wetter, jetzt kann nichts mehr schief gehen. Mein Bruder vor mir, mein guter lieber Bruder. Ich bin so unerklärlich bewegt von all dem, dass mir Tränen in die Augen schießen. Ich weine, und in meinem Rücken touchiert die Morgensonne die ersten Bergspitzen am Horizont.


Bergsteiger auf dem Weg zum Elbrus-Sattel gegen fünf Uhr morgens.


Kurz vor dem Sattel zwischen Ost- und Westgipfel hole ich unsere Gruppe ein, es ist kurz nach fünf Uhr. Mein Bruder und mein Kumpel sehen schon ganz schön fertig aus. Ich spreche ihnen Mut zu, laufe mit ihnen. Doch im Sattel merke ich, wie mein Kreislauf runterfährt, wie es mich schüttelt. Die Jungs sind in guten Händen, Viktor ist bei ihnen. Ich muss mein Tempo machen, sonst klappe ich hier zusammen. Zeit für die Daunenjacke.

Vom Sattel aus folgt die Route einem steilen Aufschwung auf das Gipfelplateau, es sind noch dreihundert weitere Höhenmeter. Hier oben ist das keine Kleinigkeit. Erschöpfung macht die Beine schwer. Ich kämpfe gegen die Steigung, Schritt für Schritt, es ist mühsam. Doch endlich laufe ich in die Morgensonne hinein, vom Schatten ins Licht.


Licht und Schatten im Elbrus-Sattel.


Auf dem Plateau sind schon einige Bergsteiger. Die Sonne strahlt so unschuldig, dass man sich kaum vorstellen kann, dass an diesem Berg regelmäßig so viele Menschen den Tod finden. Breit und wenig steil führt der Weg nun die letzten Meter hinauf zur höchsten Firnspitze.

Auf dem Gipfel werden Fahnen ausgerollt, auch ich muss Bilder schießen, für zwei heitere Kasachen. Den Gipfel bezwungen, für Ruhm und Ehre und das Vaterland, so muss es wohl sein. Ich lasse meine Blicke von diesem riesigen Vulkankegel umher wandern. Schokolade, Tee, ich sammele meine Kräfte. Es ist halb acht, ich bin achteinhalb Stunden aufgestiegen.

Zwei Teilnehmer aus unserer Gruppe erreichen den Gipfel. Wir gratulieren uns gegenseitig und machen Fotos. Die beiden erzählen, dass mein Bruder und mein Freund umgekehrt seien. Dann beginne ich mit dem Abstieg. Schade, ich hätte es ihnen so gegönnt.

Kurz bevor das Gipfelplateau endet, tauchen auf einmal zwei Menschen vor mir auf – es sind mein Bruder und mein Kumpel! Sie sind offenbar doch weitergegangen. Und nunmehr völlig erschöpft. Aber sie haben es geschafft.

Ich verteile Schokolade und Tee, drehe noch einmal um. Wir gehen die letzten Meter zusammen. Es ist das Schönste, gemeinsam hier oben zu sein.


Gipfelplateau und Gipfelaussicht.



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La Paz — Die Temperatur liegt unter null Grad. Wir sind fast auf 6000 Meter aufgestiegen und sehen nur die Schneeflocken im Lichtkegel unserer Stirnlampen. Rechts von uns, irgendwo tief unten in den Regenwäldern der Yungas, entlädt ein Gewitter Blitze in die Schwärze der Nacht. »Esto no es bueno«, sagt Luis.

Adrian hält sein Gesicht kurz gegen die Böen. In seinem Bart bleibt der Schnee hängen. Die Augen sind Schlitze, der Wind geht immer schärfer über die Haut. Von der kaum ermesslichen Weite des Amazonas-Beckens zieht ein Sturm herauf.

Wir stapfen einen Hang hinauf und sinken mit unseren Expeditionsstiefeln immer wieder tief in den Schnee ein. Oben biegt der Weg offenbar links ab. Adrian und ich haben keine Ahnung. Wir können unsere Augen wirklich kaum mehr offen halten. Nur Luis kennt die Route. Er ist Bergführer und hat den Huayna Potosí schon mehr als hundert Mal bestiegen. Das Wetter gefällt ihm ganz und gar nicht.

Eigentlich sollte es kein schwerer Aufstieg werden auf den 6088 Meter hohen Berg in der bolivianischen Cordillera Real, deren Gipfel der Reisende von der Hochebene der Altiplano und vom Titicacasee aus sehen kann. Von La Paz ist der Berg nur zwei Stunden mit dem Jeep entfernt. Auf 4750 Metern steht eine geräumige Herberge direkt neben einem Stausee auf dem Zongo-Pass, das Refugio Huayna Potosí.

Als wir dort eintrafen, gab es weder Heizung noch offenes Feuer. Die Räume waren kalt, und in der Nacht wärmten wir uns gegenseitig in einem Schlafsack.


Huayna Potosí
Lamas, Huayno Potosí
Refugio Huayna Potosi
Lamas, Huayna Potosí
Huayna Potosí
Alpakas beim Refugio Huayna Potosí, dem Sechstausender liegt ein Stausee zu Füßen.


Auf der Hütte rasteten wir einen Tag und eine Nacht. Wir beobachteten wenig scheue, womöglich domestizierte Alpakas und folgten immer wieder skeptisch dem Wechselspiel der Wolken am Gipfel des zerklüfteten Sechstausenders. Oft lagen die Gletscher im Nebel.

Der zweite Tag am Berg war ebenfalls ziemlich entspannt. Wir stiegen auf zu einem Hochlager auf etwas mehr 5100 Metern und bezogen eine kleine, orange Metallbüchse am Hang des Berges, die eigens der Agentur gehörte, über die wir unsere Besteigung gebucht hatten. Drinnen stand ein Hochbett mit Matratzen, ein kleiner Tisch, es gab eine Küchenzeile und Töpfe. Nudeln mit Soße waren das Abendessen.

Am Abend hofften wir auf gutes Wetter für den Gipfeltag: Adrian, der Franzose, der mit seinem Fahrrad einmal komplett durch Zentralasien gefahren war; Luis, der sehr junge Bergführer; der Dritte war ich. Es war wolkig, aber nicht düster. In der Ferne konnte man den heiligen Berg Illimani sehen, den zweithöchsten Gipfel Boliviens. Ein Sehnsuchtsziel.


Huayna Potosí
Huayna Potosí
Huayna Potosí
Illimani vom Huayna Potosí
Abenddämmerung im Hochlager, in der Ferne der mächtige Illimani.


Nun waren wir also kurz nach Mitternacht aufgebrochen und stehen jetzt rund 50 Meter unterhalb des Gipfels. Adrians Höhenmesser zeigt an, dass wir höher als 6000 Meter sind. Die Morgendämmerung lässt auf sich warten. Der Weg führt über einen ein Meter breiten Firngrat, der zu beiden Seiten ins Schwarz abfällt.

Weil wir die Wegrichtung gewechselt haben, bläst der Eiswind wieder direkt in unser Gesicht. Ohne Skimasken können wir nicht mehr geradeaus schauen. Die Haut im Gesicht ist schon taub. Wir bewegen uns langsam, aber nicht unbedingt wegen der Höhe, obwohl ich erst vor fünf Tagen in La Paz gelandet bin.

Luis dreht sich zu uns um und ihm steht irgendwie ungläubiges Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Wenn wir einfach weitergehen, fürchtet er, bläst uns der Sturm den Berg hinab. Wir beschließen also abzusteigen, kurz vor dem Gipfel.

Nach einer guten halben Stunde müssen wir eine Steilstufe hinabklettern, die mir beim Aufstieg gar nicht so hinderlich erschien. In niedrigerer Höhe klart der Sturm auf. Dämmerlicht kriecht über die Berghänge. Der Gipfel, den wir nicht erreicht haben, färbt sich im Morgenlicht rosa. Neben uns kollabiert eine Japanerin im Schnee.


Am Huayna Potos´
Am Huayna Potos
Am Huayna Potos
Am Huayna Potos
Am Huayna Potos
Erschöpfung und Schrecken in den Gesichtern, düstere Wolken am Morgen.


Zurück im Hochlager stellen wir fest: Der Tag wird nicht sonderlich freundlicher, aber der Sturm am Gipfelgrat hat sich verzogen. Möglicherweise hätten wir den Gipfel erreicht, wenn wir eine halbe Stunde später aufgebrochen wären. Aber solche Überlegungen sind immer müßig und führen zu nichts.

Wir standen auf 6000 Metern in einem wirklich unangenehmen Sturm. Wir kühlten erbärmlich aus. Eisschnee im Gesicht hinderte uns am Sehen und Fortkommen. Natürlich möchte man gerne sagen: Wir standen auf dem Gipfel. Andererseits: Die 50 Meter mehr wären ohne Sturm kein Problem gewesen.

Ich erinnere mich an die Worte meines Bergführers in Peru: »The mountain will be here next year.« But maybe I will be not, denke ich.

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Kariba — Wenn es bereits am frühen Abend stockfinster ist, Krokodile weniger als fünf Gehminuten entfernt durch das ufernahe Unterholz kriechen und man die heiße Nacht mitten im afrikanischen Busch an einer rudimentär zusammengeschusterten Bar mit einigen Bier und Tequila ablöscht, befindet man sich möglicherweise bei Warthogs in Simbabwe.

Das Camp am Lake Kariba ist wie die meisten Backpacker-Lodges – sofern dort wegen saisonalen Desinteresses keine überambitionierten Traveller logieren – ein durchaus sympathischer Ort zum Verweilen. Die kleinen Holzhütten sind einfach, sauber und naturgemäß nicht ganz geschlossen, an der Rückseite liegt jeweils eine offene, mit roten Steinplatten geflieste Dusche.

Als wir das Camp an einem Februarabend erreichten, ließen wir unser Gepäck gleich stehen und gingen hinüber zur eingangs erwähnten Bar. Dort tranken sich zwei weiße Simbabwer, die laut eigener Aussage einmal in der Rugby-Nationalmannschaft gespielt hatten, munter diskutierend durch die tropische Abendhitze.

Einer von ihnen hieß Andy und erzählte, sein Bruder habe einige Zeit im Gefängnis gesessen, weil er in öffentlichkeitswirksamer Form – die genauen Umstände sind in Simbabwe im Prinzip nebensächlich – gegen das herrschende Regime von Robert Mugabe opportuniert hatte, der das Land seit 21 Jahren regiert, als einer der letzten waschechten Despoten Afrikas gilt und deshalb nicht mehr in die Europäische Union einreisen darf.


Lake Kariba
Lake Kariba
Lake Kariba


Er selbst, berichtete Andy, sei bei den letzten Wahlen raus auf das Land gefahren und habe dort gefilmt, wo Mugabe bisher immer verdächtig viele Stimmen bekommen hatte, wo aber tatsächlich überhaupt keine Menschen wohnen. Das alles habe gewaltig nach Wahlbetrug gestunken, aber wen hätte das verwundert?

Für seine Undercover-Recherchen jedenfalls schien der stämmige Ex-Rugbyspieler – nun Geschäftsmann, wie er betonte – nicht allzu drakonisch bestraft worden zu sein, saß er doch als freier Mann am Kariba-Stausee und ließ es sich an diesem späten Februarabend ziemlich gut gehen.

Es wurde noch einige Zeit schwadroniert, und irgendwann, nachdem etwa zwei Stunden an der Bar vergangen waren, luden uns zwei andere Simbabwer, George und seine Nichte Stacey, in recht angetrunkenem Zustand in ihr Haus ein. Es sollte sich nur unweit des Camps direkt am Ufer des Sees befinden.

Das Gepäck wurde rasch aus den netten Hütten auf einen Jeep verladen, und bevor der aus der Trinklaune heraus geborene Plan noch richtig abgewogen war, holperte das Fahrzeug über die bucklige Erdpiste durch die Nacht. Wir tranken Dosenbier, bei besonders tiefen Schlaglöchern schäumte es uns über die Hände.

Im Prinzip war es völlig ausgeschlossen, im Halbdunkeln eine Straße zu erkennen, aber schlussendlich standen wir vor einem sauber verputzten Haus mit einem spitz zulaufenden Holzdach, dem zweistöckigen Anwesen unseres Gastgebers.


Lake Kariba


George – das wurde schnell klar – schien in Simbabwe einiges richtig gemacht zu haben. Wir blickten bei raffiniert gewürzten Hähnchenflügeln von einer überdachten Veranda über den Pool auf den nächtlichen See.

Plötzlich war da ein Schnauben unter den Bäumen auf der Wiese, und tatsächlich, nachdem wir einige Minuten angestrengt in die Dunkelheit gespäht hatten, lief ein ausgewachsenes Flusspferd durch den Garten.

George schloss das Gatter ab und führte uns in eines der Schlafzimmer, es lag direkt unter dem Dach. Der Tag war ziemlich anstrengend gewesen, wir waren von Harare herauf nach Kariba gefahren, über die staubigen Überlandstraßen.

Am nächsten Morgen wachten wir zum letzten Mal innerhalb der Staatsgrenzen Simbabwes auf. Eine rote Sonne hing am diesigen Himmel.

Heute, so war der Plan, wollten George und Stacey mit uns noch einmal raus auf den See fahren, eine Einladung, die wir angesichts der horrenden Nationalpark-Eintrittsgelder, die an das Einkommensniveau der herumreisenden Westler angepasst sind, dankend annahmen.

Mit einem stark motorisierten Boot ging es hinauf auf das Wasser. Wir sahen Büffel, Elefanten, Hippos und Krokodile. Trotz akribischen Ausschauhaltens war beim besten Willen nicht eine einzige Umzäunung irgendeines Tierreservats zu erkennen.

Hier war alles Wildnis, und wenn man ins Wasser fiel, wurde man womöglich gefressen.


Lake Kariba
Lake Kariba
Lake Kariba


Später am Tag luden wir unsere Gastgeber am Hafen zum Essen ein und wurden dankenswerter Weise bis zur Grenze nach Sambia gefahren, zur großen Dammmauer des Kariba-Stausees. Von dort erwischten wir noch einen Minibus nach Lusaka, der die sambische Hauptstadt spät am Abend erreichte. Das klappte alles noch so gerade.

Manchmal passiert es nämlich, erzählte uns George, dass die Menschen aus Kariba zum Supermarkt fahren, und wenn dann ein Elefant auf der Straße steht ohne Anstalten sich zu bewegen, dann fahren die Menschen aus Kariba an diesem Tag eben nicht zum Supermarkt.



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Kopenhagen ist die Stadt des dänischen Designs. Ein Essay über Ästhetik und die skandinavische Mentalität, über Besitz und die verführerische Macht des Konsums – und eine ganz besondere Lampe.

I. Der Anlass

Wenn ich recht überlege, lief alles auf die Lampe hinaus. Ein besonderes Modell, von dem noch ausführlich zu sprechen sein wird. Das Design betörte mich derart, dass ich erschrak und einige gründliche Gedanken anstieß. Wohin sie führten? Auch davon später.

Vordergründig wollte ich nach Kopenhagen, um eine Geschichte über Vesterbro zu recherchieren. Die Leitfrage lautete: Wie lebendig, berauschend und groundbreaking kann ein Szeneviertel sein, wenn es sogar von den offiziellen Tourismusvermarktern als Hipster-Quartier etikettiert wird? Um es vorwegzunehmen: mäßig.

Unterbewusst jedoch wollte ich vor allem ein paar Tage in einer Großstadt verbringen, die all das hat, was Berlin fehlt: Übersichtlichkeit, Umgangsformen, Klasse – die Einsicht, dass anlasslose Freundlichkeit kein Zeichen falscher Angepasstheit ist, sondern das Zusammenleben fremder Menschen einfach sehr viel angenehmer macht.

Ryanair hatte Flüge für fünfzig Euro im Angebot und ich nur ganz kurz Skrupel, den Billigflug der halbtägigen und mehr als doppelt so teuren Bahnreise über Hamburg vorzuziehen. Das Geld, ich ahnte es vielleicht schon, würde ich noch brauchen können.



II. Die Erwartungen

Kopenhagen ist das urbane Schaufenster Dänemarks. Dafür, dass die Dänen gleich nebenan leben, wissen wir von ihnen eigentlich ziemlich wenig, außer dass sie laut World Happiness Report drei Jahre hintereinander das glücklichste Volk der Welt waren. Auf Platz zwei hinter Norwegen lässt es sich bestimmt immer noch zufrieden leben.

Zugeschrieben wird dieses Lebensglück der international bekannten Hyggeligkeit, eine dänische Erfindung. Hyggelig heißt so viel wie angenehm, gemütlich, komfortabel, wohnlich. Eine besonders treffende Übersetzung ist, wie ich finde, heimelig. Draußen mag der Weltensturm toben, doch er dringt nicht ein ins kaminfeuerwarme Haus.

Die Skandinavier wissen offenbar, wie das gute Leben aussieht. Savoir vivre, nur ohne selbstgedrehte Zigaretten, Kaffeeflecken und Existenzängste. Müsste das nicht in einer Stadt wie Kopenhagen besonders klar zu sehen sein?

Europa wirkt nördlich des 55. Breitengrads ja erst einmal wie die bestmöglich denkbare Version der Welt. Immer, wenn ich zuvor in Norwegen, Schweden oder Finnland gereist war, in diesen Bilderbuchländern mit ihren stilvoll gekleideten Menschen, beschaulichen Städtchen und fortschrittlichen Sozialsystemen, da hatte es mich plötzlich fundamental verstört, dass zum Beispiel Kindern im Niger von der Mangelernährung die Gesichter zerfressen werden oder Familien in Indien in Gegenwart ihrer eigenen Ausscheidungen leben. Ein Wohlstand wie in Skandinavien schreit einem ins Bewusstsein, welch unterschiedliche Zivilisationsniveaus ohne globalen Aufschrei parallel existieren können. Doch der Schock hatte immer nur kurz gewährt, wenn ich durch Trondheim, Stockholm oder Helsinki gelaufen war – alles dort schien stets so schön.

Nun also nach Kopenhagen zu den Design-Dänen, diesen erstaunlichen Glückspilzen.



III. Der erste Eindruck

Der typische Kopenhagen-Trip besteht aus Bummeln in der Einkaufstraße Strøget und Hippie-Kommune Christiania, einem Besuch des Vergnügungsparks Tivoli und einem Selfie vor der Kleinen Meerjungfrau. Vesterbro gleich westlich des Zentrums ist auf unspektakuläre Weise ganz gediegen. In der Zweckarchitektur mancher Straßen ist das einstige Arbeiterviertel noch erkennbar, doch die meisten Fassaden strahlen Bürgerlichkeit aus. Die Rotlichtmeile neben dem Hauptbahnhof wirkt harmlos, man bemerkt sie kaum. Neben dem Burgerladen liegt ein Sexshop, und das ist schon die maximale Provokation.

Am ersten Abend tritt ein Dealer an mich heran und erklärt: »Ich habe zwei Gramm Kokain für 500 Kronen«, so als würde er Tomaten auf dem Wochenmarkt verkaufen. Ich antworte sachlich: »Nein, vielen Dank.« Hat man diesen freundlichen Kriminellen nur hier hingestellt, um dem Viertel einen letzten Hauch von Verrufenheit zu verleihen?

Es funktioniert nicht. Vesterbro ist so aufgewertet, etabliert und somit eigentlich durch – dagegen wirkt Prenzlauer Berg wie ein aufstrebendes Problemviertel. Der entscheidende Punkt ist: Die Dänen selbst interessiert eine solche Abwägung null.

Dahinter steckt diese skandinavisch-egalitäre Kultur, die der dänische Designer Sigurd Larsen mir einmal so beschrieb: »Nie denken, dass man besser als andere ist, lieber zurückhaltend sein.« Das ist zehnmal sympathischer als die bierernste Avantgarde-Haltung, die der Berliner Auskenner unablässig vor sich her trägt, zu wechselnder Schuhmode (momentan müssen es klobige Air Max 95 oder 97 sein, die Nike in einem kapitalistischen Husarenstreich wieder als neuen heißen Scheiß auf den Markt gebracht hat, für 180 Euro).

Vesterbro ist unaufgeregt hübsch. Hilfsbereite Menschen bevölkern hyggelige Gassen. Sie tragen todschicke, sauteure Klamotten und wollen trotzdem keine neidischen Blicke, zumindest würden sie das nie zugeben. Diese Mentalität ist vielleicht nur möglich durch üppigen und fair verteilten Wohlstand, durch das nötige Kleingeld, das in der Stadt des Arne Jacobsen überall verlockende Verwendung findet. Mein profanes Bedürfnis am ersten Tag in Kopenhagen: Hier will ich schöne Dinge kaufen.



IV. Die Orientierung

Kopenhagen ist sehr übersichtlich, die Wege sind kurz. Nach Vesterbro mit seinen Flanierstraßen Istedgade und Vesterbrogade kann man vom Hauptbahnhof aus laufen. Das Rotlichtviertel stellt, wie gesagt, kein Hindernis dar. Im südlichen Vesterbro liegt das Meatpacking District, quasi eine Miniaturausgabe des gleichnamigen New Yorker Stadtteils, und auch hier waren früher Schlachthöfe untergebracht. Dann kamen die unvermeidlichen Cafés, Bars, Restaurants, Clubs und Galerien.

Der Reisende findet in Vesterbro alles, was er braucht: tagsüber guten Kaffee (bei Bang & Jensen, Café Dyrehaven oder Enghave Kaffe) und gutes Essen (bei Juicy Burger, Warpigs oder FAMO), abends gute Drinks (im Brass Monkey, NOHO oder 1656), nachts gute Musik (je nach Geschmack im Jolene, Bakken, KB18 oder KB3). Mit diesen Empfehlungen kommt man locker durch ein langes Wochenende und hat dann noch nicht Nørrebro im Nordwesten der Stadt gesehen, das andere bekannte Hipster-Viertel.

Was erklärt dieses Wort noch? Eigentlich nichts. In ihrem kleinen Laden im Meatpacking District treffe ich die Modedesignern Maxjenny Forslund. Sie sagt über Vesterbro: »Es ist das Epizentrum der Hipster. Niemand hier trägt Socken, aber alle haben coole Fahrräder.« Eine humorvoll gemeinte Überspitzung und doch falsch, weil der Hipster sich gerade dadurch auszeichnet, dass die Distinktion stets eine neue Mode erfordert. Der Hipster ohne Socken ist nur ein Klischee, wie Latte-Macchiatto-Mutter und Segelschuh-Snob.



V. Der Sehnsuchtsort

Woran erkennt man auf Reisen einen Sehnsuchtsort? Vielleicht daran, dass man ihn immer wieder aufsucht, nicht von ihm lassen kann. Mir erging es so mit einem Einrichtungsgeschäft auf der Istedgade: DANSKmadeforrooms.* Und das lag an der eingangs erwähnten Lampe: die »Lektor Desk« der schwedischen Manufaktur Rubn. Mattgold und schwarz, schlichtes skandinavisches Design, zu einem Preis von 3498 Kronen. Das sind rund 500 Euro – für eine Tischlampe.

Die Ironie der Geschichte des skandinavischen Stils liegt in dem Bedeutungswandel, den die Designobjekte erfahren haben: Möbelklassiker, die heute das Konto bluten lassen, waren ursprünglich überhaupt nicht teuer. Das hatte mit dem Aufbau des Sozialstaates nach dem Krieg zu tun. Jeder Mensch im Land sollte gutes Design haben. Und so haben damals viele Möbelmacher kostenlos für große Supermarktketten Stücke entworfen: Massenproduktion und billiger Verkauf. Erst viel später wurden die Möbel dann zu Design-Ikonen.

Ich stehe nun also vor dieser Lampe für 500 Euro und bin ganz begeistert. Ich überlege tatsächlich, sie zu kaufen. Das ist doch kompletter Wahnsinn. Ich habe zu Hause eine Tischlampe, ich brauche keine Tischlampe, ja habe ich denn vollkommen die Maßstäbe verloren? Doch die Lampe ist einfach schön. Bestechend schön, wie mir scheint. Ihre schlichte Form, die hochwertige Verarbeitung – sie strahlt die ganze klare Eleganz Skandinaviens aus, die ich ohnehin so liebe. Ich will sie haben, ich muss sie haben.


Einrichtungsgeschäft DANSKmadeforrooms © DANSKmadeforrooms


VI. Das Gefühl beim Abschied

Die Lampe hat mich euphorisiert, doch das Gefühl beim Abschied ist: Scham. Was ich mit 500 Euro alles tun könnte! Zum Beispiel drei Wochen durch Sri Lanka reisen, und alle Ausgaben wären gedeckt. Und jetzt will ich mir eine Lampe zum Preis eines Fernfluges auf den Tisch stellen. Und diese dann betrachten und denken – echt schön?

In der post-materialistischen Filterblase der Reise-Community ist ein solcher Kauf kaum zu entschuldigen. »Investiere in Erlebnisse, nicht in Dinge«, rufen sie dir aus den Weiten ihrer Blogs zu, bevor sie ihre Jobs kündigen und Wohnungen aufgeben, alle Möbel verkaufen und losziehen. Und sie haben ja Recht. Wie schrieb Boris Pofalla einmal in einer klugen Gegenwartsanalyse in der FAZ: »Der tiefe Glaube der Nachkriegsgeneration, dass die Dinge schon einen Sinn stiften werden, wenn man sie nur in ausreichender Menge und Qualität zusammenträgt, erodiert gerade.« Der Schein der schönen Dinge verblasst.

Das bringt mich zu dem, was eine gute Freundin mir neulich schrieb, als es um etwas Alltägliches und dann kurz um alles ging. Die ewigen, großen Fragen – das seien doch: Geht Liebe? Und was machen wir, bis wir sterben? Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Konsumgüter als Ersatzbefriedigung, das ist doch ein längst entzauberter Irrglaube.

Trotzdem kann ich nicht abstreiten, dass mich der Anblick einer formschönen Uhr an meinem Handgelenk aus ästhetischen Gründen erfreut. So ist es auch bei der Lampe. Nichts ist falsch daran, Konsumgüter schön zu finden. Ob man sie auch besitzen muss, ist eine andere Frage. Warum eigentlich?

Vermutlich liegt es oft daran, dass guter Geschmack als Ausweis einer interessanten Persönlichkeit wahrgenommen werden will. Da ist mir der dänische Ansatz lieber: Gutes Design ist in erster Linie gutes Design – und im besten Fall soll es jeder besitzen können. Heute sind die Lampen und Stühle aber nun doch sehr teuer, und vielleicht sollte man Skandinavien auch nicht zu sehr idealisieren. Ich habe die Lampe nicht gekauft.

*Der Autor hat weder Geld noch Sachwerte für die Verlinkung bekommen.



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Die Insel Koh Rong in Kambodscha bietet die viel gerühmten tropischen Traumstrände. Hier müsste das Glück warten. Doch so einfach ist es nicht. Warum es wichtig ist, seinen Impulsen zu folgen.

Ich war in einem sogenannten tropischen Inselparadies angekommen und nicht in dem Sinne gut drauf. Koh Rong, gepriesenes Eiland vor der Küste Kambodschas: der Sand nahezu ohne Farbstich, türkisfarbenes Meer, ein paar dramatische Wolken in der Ferne. Auch ein sehr fantasieloser Reisender hätte hier keine Mühe gehabt, überzeugend schwärmerische Worte für eine Postkarte zu finden. Wobei das Landschaftsmotiv vorne auf der Karte sowieso alles gesagt hätte. Ich schaute mich um und war nicht begeistert.


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Tropisches Inselparadies: Koh Rong vor der Küste Kambodschas.


Mein Kumpel war vor einer Woche von Saigon zurück nach Deutschland geflogen, und ich hatte es für eine gute Idee gehalten, nach drei Wochen auf dem Landweg durch Vietnam und Kambodscha noch drei Tage am Meer abzuhängen. Warum auch nicht? Ich mochte es, allein zu reisen.

Auf Koh Rong gab es Holzhütten, keine Vier- oder Fünf-Sterne-Anlagen, wo man zu internationalen Service-Standards die Mühsal des Alltags vergessen will und sich der Illusion hingibt, sie käme niemals zurück. Ich hatte eine Herberge bezogen, war kurz im Meer schwimmen gewesen, saß nun auf der hölzernen Veranda meiner Unterkunft und erkannte in diesem Moment des Herunterfahrens, dass ich einem Trugschluss aufgesessen war. Auch am schönsten Flecken Erde sucht der Mensch in der Regel keine Kontemplation, sondern Anschluss.

Die Ergriffenheit in Gegenwart überwältigender Natur, diese intensive Rührung im Angesicht einer Landschaft – man kann das nicht aktiv suchen und dann finden. Dieser Zustand stellt sich plötzlich ein, zieht über einen hinweg wie ein Regenschauer. Ich kannte das Gefühl. Doch auf Koh Rong saß ich in der Mittagshitze, fast alle Schatten hatten sich unter Palmen und Planken verkrochen, und eine Stunde unkonzentrierter Überlegungen mündete in der Frage: Klar, ein echt schöner Strand – und jetzt?

Koh Rong war eine typische Backpacker-Destination, wobei das nichts mehr aussagte. Auf einem schmalen Küstenstreifen reihten sich hier am Tui Beach im Südosten der Insel rund ein Dutzend Bungalow-Unterkünfte auf, fast alle direkt am Wasser, dazu ein paar Bars, ein Bootsanleger. Im Prinzip eine brauchbare Infrastruktur. Aber es kam eben noch ein bisschen mehr auf die Menschen an.


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Hölzerne Veranda, Sitzkissen, Steckdosen: die Unterkunft auf Koh Rong.


Da gab es die druffen Teilzeitaussteiger, von denen manche so aussahen, als würden sie schon zu lange zu schlechte Drogen nehmen. Aber es gab auch – ein fiktives Bespiel – Lisa, 25, die was mit Medien studierte, Nachtzug nach Lissabon als ihr liebstes Buch bezeichnete und »ein bisschen reisen« wollte, bevor der Ernst des Lebens begann. Eine bildschöne französische Familie sah so aus, als beziehe sie gewöhnlich eine Villa an der Côte d’Azur. Sie umgab eine Savoir-vivre-Aura: Terrassenfrühstück, weiße Leinenhemden, noch weißere Zähne.

Auf der Veranda meiner Unterkunft kam ich mit Justin ins Gespräch, einem linksliberalen Demokratenwähler aus Ohio – natürlich Obama-kritisch! –, der den lieben langen Tag Pot in einer kleinen Pfeife rauchte, die er für zehn Dollar in Sihanoukville auf dem Festland gekauft hatte. Eigentlich ein angenehmer Typ. Trotzdem fühlte ich mich verloren.

Mir war nach anregendem Austausch, nach hellsichtigen und heiteren Menschen. Ich war angeödet von dem stumpfen Checker von Coco Bungalows, der in sehr deutsch gefärbtem Englisch die Neuankömmlinge am Bootssteg empfing, um ihnen zu erklären, »what you need to know about this island« (aha, genau, was bitte?). Einer der abgeklärten Typen aus seiner Crew trug tatsächlich eine Kappe mit der Aufschrift »Full Moon Party«. Auch die Pärchen, die nicht redeten und sich mit ihren Smartphones um die wenigen Steckdosen versammelten wie Motten ums Licht, fand ich schwer zu ertragen. Aber am meisten kotzte ich mich natürlich selbst an in meiner Lethargie und Unschlüssigkeit darin, was mit diesem Inselaufenthalt nun anzufangen wäre. Der Strand rief mir zu: Sei doch mal ein bisschen happy!


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Tui Beach: ein Strand, an dem man glücklich sein sollte.


Die Leute, so kam es mir vor, hätten auch am Baggersee in Kleinfurzstadt sitzen können, und die Situation wäre nicht wesentlich anders gewesen. Oder war ich das Problem? Vielleicht schon. Die paradiesische Tropeninsel sorgte jedenfalls für keine besondere Energie, die das Zwischenmenschliche irgendwie neu anordnete. Auf dieses makellose Meer zu schauen, war keine Erfüllung. Der vermeintliche Traumstrand ist die hohlste Fantasie herbeigewünschten Instant-Glücks und damit zurecht Aushängeschild so vieler kommerzieller Reisekataloge.

Dass auch die vorgespielte Aussteiger-Idylle falsch war, konnte man dem allgemeinen Hinweis entnehmen, unter keinen Umständen Wertsachen unbeaufsichtigt in den Bungalows zu lassen. Eine Eintracht zwischen Travellern und einheimischen Angestellten existierte offenbar nicht.

So konnte es nicht weitergehen. Ich tat etwas, das ich immer tat, wenn der Tag keinen Reiz versprach und ich mich langweilte auf Reisen. Ich musste aufbrechen, loslaufen, auf Entdeckungstour gehen. Der Strand war zwar nach wenigen Hundert Metern zu Ende, dort reichte der Wald bis zum Wasser, aber man konnte über die Felsen hüpfen und der Küstenlinie weiter folgen. Ich war nicht der einzige mit dieser Idee.

Nach einer Weile holte ich eine Frau ein, die auf dem gleichen Weg unterwegs war: weg vom Strand mit seiner Backpacker-Meile, hinein in die Wildnis. Ich war etwas schneller als sie, so begegneten wir uns. Dianas Eltern kamen aus Kambodscha, aber sie selbst war in Kalifornien aufgewachsen. Sie sprach ein helles, amerikanisches Englisch und lachte viel. Wir kamen ins Gespräch, setzten unseren Weg gemeinsam fort, sprangen über die Felsen, bis wir zu einer Lagune kamen. Hier mündete ein kleiner Fluss im Meer. Wir zogen die Schuhe aus und gingen auf einer Sandbank durch das Wasser. Die breit ausgedehnte Bucht, die wir nun erreichten, war menschenleer. Nur ein Hund lief uns nach, den wir Mang-Mang tauften.


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Menschenleere Lagune.


Wir verbrachten den Rest des Tages in dieser einsamen Bucht, bis das Licht zu schwinden begann. Diana sprach von ihrem Vater und darüber, wie die Männer sind in Kambodscha, wie sie auf die Frauen schauen. Sie sprach über ihre bewegte und bewegende Kindheit. Ohne hier das Privatleben eines Unbeteiligten ausbreiten zu wollen, kann ich sagen, dass es ein witziges, anrührendes, ernstzunehmendes Gespräch war, das sich am Abend beim Essen auf der Veranda der Herberge fortsetzte. Ein Austausch, der eine Verbindung herstellte, wie man sie sich auf Reisen wünscht, kein belangloser Traveller-Talk. Wir redeten viele Stunden, bis tief in die Nacht hinein. Auch hatte unsere Begegnung nichts Amouröses, vielleicht eine kleine Andeutung in diese Richtung, nicht mehr. Nichts jedenfalls, dem man seine Absichten und den Gesprächsverlauf unterwarf.

Am nächsten Tag stand die Abreise an. Ich konnte nun, nachdem ich Diana kennengelernt hatte, meinen Frieden mit der Insel machen. Dass die Dinge am Ende so gut standen, hatte ich keiner Meditation zu verdanken. Es war die kleine Neugier auf das gewesen, was hinter der Bucht lag, und die große Neugier auf das, was eine Fremde zu erzählen hatte.

Manchmal ist es wichtig, seinen Impulsen zu folgen, wenn die innere Ruhe sich nicht einstellen will: mal bei den Felsen schauen, ein bisschen die Küste entlangspringen. Und dann: großes Leben! So war etwas entstanden, das Bedeutung haben würde in der Erinnerung an diese Insel.

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In Senegal und Gambia fährt der Reporter über staubige Pisten, verhandelt mit korrupten Grenzern, blickt auf den Ozean unter tief hängenden Wolken. Er schaut, spricht, notiert – und kommt am Ende bei sich selbst wieder an.

Berlin ist schön an diesem Mittwoch, man könnte es dort gut aushalten. Sonne unter den Linden, ein warmer Herbsttag. Trotzdem: Aufbruch. Der Reporter weiß nichts über den Senegal, und das ist im Prinzip der beste Grund, um dorthin zu fahren; zwei, drei »Geschichten machen«, wie das in der Reportersprache heißt.

In Tegel drängeln Reisende am Schalter, es hat eine Verzögerung gegeben, unangenehme Hektik. Die Leute murren: Das kann jetzt aber echt nicht wahr sein. Dann klappt doch alles, die Maschine hebt pünktlich ab.

Das Fliegen hat ja erst einmal überhaupt nichts Besonderes mehr. Oberhalb einer Höhe von 5000 Metern besteht die Welt nur noch aus graumelierten Oberflächen, Plastikessen und einstudierten Gesprächssimulationen. Aufgesetztes Lächeln begleitet die Abfolge klar definierter Handlungen. In jedem großen Flugzeug sieht es gleich aus, ob man nach Los Angeles fliegt oder nach Bangkok oder Dar es Salaam. Die Anzüge der Geschäftsreisenden, auch sie sehen gleich aus. Die Fliegerei im 21. Jahrhundert versinnbildlicht das große Missverständnis der Globalisierung. Economy oder Business, der neue Klassenkampf.

Den Iberia-Mittagsflug von Berlin nach Madrid kann man überhaupt nicht empfehlen, weil jedes Wasser auf diesem Zweieinhalb-Stunden-Flug etwas kostet und die Stewardessen sich darauf beschränken, unfreundlich zollfreie Zigaretten loszuwerden. Übergewichtige, spanische Frauen schieben sich wie in Zeitlupe durch den Gang und reagieren auf ein höfliches »Excuse me«, als habe ein wilder Affe sie angesprochen, das Ganze hat etwas Autistisches.

Madrid Barajas, ein Flughafen wie eine Stadt. Unterirdische Züge, unendlicher Raum, elektronische Werbetafeln, die wie Wasser von der Decke fließen.

Im Terminal S4, dem Terminal für die internationalen Abflüge, erst einmal einen Kaffee trinken. Ein halber Liter Wasser und ein akzeptabler Cappuccino kosten bei Ibéricos y Vinos 3,70 Euro. In der Auslage liegen Wurstspezialitäten, 150 Gramm zu 17 Euro. Also: Kaffee und Leute beobachten.

Er: massig, weiß, Glatze, ein schlecht geschnittenes Polohemd, die Goldkette baumelt hervor. Sie: schlank und hochgewachsen, schwarz, eine Schönheit. Was wollen so zwei in Afrika? Er, wahrscheinlich Diamanthändler, streckt die Brust raus. Sie, vermutlich Miss Angola oder Miss Liberia, redet kein Wort. Geliftete Society-Damen am Nebentisch. Ein Afrikaner breitet vor den Sitzreihen des Abfluggates ein großes, blaues Tuch aus und betet. Der erste Versuch, etwas loszulassen. Der Gedanke: Man lebt so sehr in seinem Kopf und so wenig im draußen.

Mit dem Betreten des Flugzeugs entsteht dann diese besondere Euphorie des Reisens, die es immer noch gibt. Es geht »in die Ferne«, nicht nur geografisch. Die Menschen an Bord sind fremder, keine Pauschaltouristen, keine Erasmus-Studenten auf Hauptstädte-Trip, dafür senegalesische Geschäftsleute in Satinhemden, andere in weiten Gewändern. Vorne am Notausgang reden drei Frauen auf Französisch miteinander. Alle nicht mehr ganz jung, alle ziemlich schön.

Der Reporter denkt: In Deutschland, in seiner gewohnten Umgebung, da kommt man sich so gescheit und souverän vor. Auf dem Interkontinentalflug von Madrid nach Dakar: nicht. Es gibt jetzt etwas zu trinken und auch ein Abendessen. Die Sonne geht unter als feuerroter Strich im Westen, unten taucht die Sahara in Schatten.


Madrid BarajasMadrid Barajas: ein Flughafen wie eine Stadt.


Anflug auf Dakar. Landen bei Nacht in einer Millionenstadt, zwischen tausend Lichtpunkten, die irgendwann zusammenwachsen zu Straßen und Häusern, das bleibt für immer in Erinnerung, da sollte man nie schlafen. Lieber beim Start, der wird überbewertet. Die Maschine taucht hinab in die Glocke, durch die unsichtbare Hülle, die die Flugverkehrswelt von der echten Welt trennt, hinein in den Moloch. Start und Ziel werden wieder in die richtige Beziehung zueinander gesetzt. Der Mensch ist geistig nicht für so schnelle Ortswechsel ausgelegt, er überwindet die Entfernung schlafend und erwacht irgendwo in Afrika oder Asien, das kann nicht gesund sein.

»Please keep your seatbelts fastened.« Dann: raus aus dem Flieger, rein in die tropische, heiße Nacht, die man sofort im Gesicht spürt und unter dem Hemd, und schon wieder hinein in einen Bus. Lange Schlangen vor der Passkontrolle, Menschen fächern sich Luft zu. Im Senegal, erzählt ein Mann aus Frankreich, müsse man bei jeder Ein- und Ausreise die Fingerabdrücke abgeben und die Pupillen scannen lassen, das sei ja wohl, pardon, der überflüssigste Scheiß der Welt. Der Reporter sagt dem Schalterbeamten, was er arbeitet, und kann einfach durchgehen.

Zweites Reporterglück: Jörn, Handelsvertreter aus Deutschland und auch gerade erst angekommen, hat schon ein Taxi organisiert. Der Weg zum Hotel sei bestimmt kein Umweg für ihn, sicher könne man zusammenfahren.

Der Flughafen Dakar-Léopold Sédar Senghor liegt im Norden der Stadt, es muss jetzt Richtung Süden gehen, nach Les Mamelles, dann ist alles in Ordnung, dort liegt das Hotel für die erste Nacht. Ein Irrglaube zerstreut sich auf der nächtlichen Autofahrt: Dakar ist gar nicht so ein schlimmer Moloch. Dakar ist anders als die Metropolen in Ostafrika, europäischer, es erinnert mehr an Marseille als an Lusaka oder Harare. Das Taxi brettert die Küste entlang.

Hotel du Phâre, Dachterrasse: Der Blick geht über die Häuser. Die Nacht ist sehr warm, sie wird es bleiben bis zum Morgen. Hitze liegt über der Stadt wie ein leichter Druck auf den Ohren. Über dem Hotel leuchten die Sterne. Zum Abendessen gibt es Fisch, der innen noch etwas roh ist. Da sitzt der Reporter nun und versucht überhaupt erst mal, einen Eindruck davon zu kriegen, wo er sich hier befindet. Ein La Gazelle bitte. Man muss ja direkt das lokale Bier bestellen, es schmeckt dann auch immer sehr gut, vermutlich weil man das Bier in den Tropen trinkt und das dann zwangsläufig gleich sehr gut schmeckt, wegen der Hitze und dem Geruch und dem Sirren der Insekten.

Die Haut klebt; wenn man über den Arm reibt, hat man kleine Dreckröllchen zwischen den Fingern. Der Hemdsärmel wischt über die Stirn, das Gefühl: sauzufrieden. Aber auch: Du musst deine Geschichten machen, viel Zeit hast du nicht. Ankommen und aufbrechen, das fällt an diesem Abend zusammen. Das Zimmer mit air condition kostet 28 000 CFA-Francs. Kann man machen.

Taxifahrt zum Busbahnhof Colobane. Es ist 5 Uhr, es ist unfassbar heiß. Ein paar Menschen sind schon unterwegs auf den Straßen. Die Männer kämen, erzählt der Fahrer, früh morgens zu Fuß aus den Vororten nach Central, um zu arbeiten. Die Männer kämen aus einer »bad neighbourhood«, sagt der Fahrer, und dann: »I not live in the ghetto.«

In Colobane brüllen die Leute durcheinander, klopfen auf Autodächer, verkaufen Obst, fahren sich beinahe um. Man wird sofort von einem Dutzend Fahrer umringt. Wer die besondere Mischung aus Aufdringlichkeit und Vertrauenswürdigkeit, diese Teufelskerlmischung, am ehesten verkörpert, kriegt den Zuschlag. Er führt den Reisenden dann zu einem Fahrzeug, die anderen lassen von ihm ab.

Der Reporter will in den Zwergstaat Gambia fahren für seine erste Geschichte, die also gar nicht vom Senegal handelt, und er fährt lieber gleich los nach Banjul. Das ist besser, hat er sich überlegt, als 300 Kilometer runterzubummeln, auf dem Rückweg mit dem Auto liegen zu bleiben, einen Tag nicht weiterzukommen und den Rückflug zu verpassen. Dann steht man dumm da, deshalb: Lieber gleich am ersten Tag die Strecke hinter sich bringen.

Die Fahrt mit dem sept place taxi, gängigstes und günstiges Überlandverkehrsmittel im Senegal, kostet irgendwas unter zehn Euro: Geht klar. Bis das Auto voll ist, dauert es noch eine halbe Stunde. Noch ist es nicht heller geworden. Ein Junge führt vor der heruntergelassenen Scheibe so lange die Hand zum Mund, bis sein Hunger glaubwürdig erscheint. Der Reporter kauft ein Bündel Bananen und teilt auf: halbe halbe. Zum Frühstück in aller Herrgottsfrühe hat der Hotelier hartes Brot vom Vortag serviert, darum ist es jetzt keine schlechte Idee, die Zeit bis zum Mittagessen mit Bananen zu überbrücken.

Wenn alles gut läuft, hofft der Reporter, ist er mittags schon am Ziel. In Gambia soll es tolle Strände geben, liest man. Und an den Strand fahren die Menschen erfahrungsgemäß gerne, also kann man, so der Plan, auch eine Geschichte über diesen Strand in Gambia machen.

Hinein in den Stadtverkehr. Kurz ausweichen, schnell überholen, stark bremsen, es geht natürlich alles heillos durcheinander. Im Kopfhörer läuft Rohff. Die am offenen Fenster vorbeiziehenden Straßenszenen fügen sich zusammen wie in einem Videoclip. Kleine Feuer am Straßenrand, Händler und Gambler. Ein Junge hat eine Ziege an einer Schnur. Tiere und Kinder gehen immer, das ist so eine alte Reporterregel, aber gleichzeitig auch großer Quatsch. Der Tag kriegt langsam Farbe, Dakar wird wach.

Es geht jetzt über die Autoroute N1 heraus aus der Stadt. Erst kommen die schmutzigen Häuser der Vororte, dann Touba Oil, Oilybia, eine große Raffinerie, Industriegebiet. Das Land flimmert am Horizont. Die Straße beschreibt einen Bogen um das Cap Vert und biegt nach Süden ab. Rechts muss das Meer liegen. Die Luft ist an diesem Tag, gegen Ende der Regenzeit, diesig. Weil der große Sonnenkörper hinter so viel Dunst liegt, kann man hineinschauen und ihm beim Aufgehen zusehen.

Das sept place fährt jetzt über Land. Tacho und Tankanzeige funktionieren nicht, am Rückspiegel baumeln Gebetsketten. Eine Stunde vergeht, zwei Stunden, man kann das nie so genau sagen. Die Hafenstadt Mbour: verschlafen. Ab Fatick wird die Straße schlechter, mehr Schlaglöcher. Dann kommt irgendwann Kaolack. Ein ramponiertes Hôtel de Ville. Es hat schon bessere Tage gesehen – das ist ein Satz, den man nicht mehr schreiben kann, denkt der Reporter. Der Fahrer tankt, Schmutz weht durch das Fenster herein. Raus aus Kaolack, weiter nach Süden, es ist kein Regen in Sicht, aber die Landschaft ist überschwemmt bis an die Straße heran. Knorrige Bäume ragen aus dem Wasser. Es gibt jetzt keinen Asphalt mehr auf der Straße. Die Erde liegt frei, rotbraun, gesäumt vom Grün der Pflanzen. Es geht auf Mittag zu, es wird noch wärmer im Auto.

Man muss die Hitze akzeptieren, das Schwitzen, das Ölige, den Dreck: Dann wird man eins mit dem Land, mit der Bewegung durch dieses Land, mit dem Reisen, dann lässt es sich ganz wunderbar auskommen.


Kaolack, SenegalFahrt durch Kaolack: Hitze und Staub.


Passi, Sokone, Tabakouta, dann endlich die Grenzstadt Karanga. Hier endet der Senegal, keine hundert Meter die staubige Straßen herunter steht man in Gambia.

Der Reporter begeht die erste Dummheit des Tages: Er läuft am immigration office vorbei und ignoriert die Rufe der Grenzsoldaten, weil er sie für feilschende Händler hält, von denen es an Grenzübergängen naturgemäß viele gibt. »Don’t go away if someone in uniform calls you«, wird gebrüllt. Die Soldaten sind aufgebracht: Der weiße Mann will einfach so über die Grenze spazieren. Was denkt er sich dabei? Ganz wichtig in einer solchen Situation: sich entschuldigen, zerknirscht dreinschauen, aber auf gar keinen Fall zu zerknirscht, den Blick der Männer halten. Kann ja mal passieren, alles halb so wild.

Im hintersten Raum der Grenzstation sitzt der Mann, der hier zu entscheiden hat, wer nach Gambia einreisen darf und wer nicht, der Chef-Grenzer. Auf seinem wuchtigen Schreibtisch liegen schmutzige Zettel, an der Decke dreht sich ein Ventilator. Die zweite große Reporterdummheit: Auf die Frage nach der »occupation« mit »journalist« antworten. Journalist also. Schweigen im Raum.

Es ist schnell klar: Das war jetzt gerade sehr dumm, das zu sagen. Der Chef-Grenzer legt diesen Gestus aus Autorität und Desinteresse an den Tag, der immer auf Korruption schließen lässt: gar nicht gut. Seine Augen wandern auf den Pass des Reporters, zehn Sekunden wird jetzt erst einmal überhaupt nicht gesprochen. Der Chef-Grenzer genießt das: hinhalten und undurchschaubar bleiben. Dann blickt er wieder auf, fixiert den Reporter und atmet einmal betont langsam ein und aus.

Warum wollen Sie nach Gambia? Urlaub. Sie kommen nicht als Journalist nach Gambia? Nein. Wie lange wollen sie bleiben? Drei Tage. So kurz? Ja. Kennen Sie jemanden in Gambia? Nein. Wo übernachten Sie? In Bakau. Das geht eine ganze Weile so. Es gilt jetzt, selbstverständlichste Gelassenheit auszustrahlen.

Sicher, man könnte dem Mann erklären, dass man als Journalist kommt, aber nur eine harmlose Reisereportage schreiben will, keine Undercover-Recherchen plant, um soziale Missstände oder Wahlbetrug aufzudecken, und das Ganze seinem Land sogar noch touristische Aufmerksamkeit bringt. Man kann das auch lassen.

Der Chef-Grenzer findet keinen Beweis, der gegen die Geschichte des kurzurlaubenden Reisenden spricht. »Don’t make photos, don’t speak with people. If you make your journalism, we will arrest you.« Damit ist das Verhör zu Ende. Der Chef-Grenzer haut den Einreisestempel in den Pass. »I give you three days.«

Taxifahrt nach Barras. Der Reporter, der behauptet hat, keiner zu sein, denkt: Glück gehabt. Nach seiner Reise wird er nachlesen: Das Mediengesetz in Gambia sieht für »rufschädigende Artikel« mindestens sechs Monate Gefängnis vor. Die Organisation Reporter ohne Grenzen führt Staatspräsident Yahya Jammeh in ihrer Liste mit »Feinden der Pressefreiheit«. Yahya Jammeh, das ist der Mann, der einmal behauptet hat, er könne Aids mit Handauflegen heilen und den Todeszeitpunkt eines Menschen durch einen Blick in dessen Augen voraussagen. Das Auswärtige Amt schreibt: »Verbale Attacken des Präsidenten gegen Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Minderheiten wie Homosexuelle sind an der Tagesordnung.« Am 16. Dezember 2004 wurde der regierungskritische Journalist Deydra Hydara mit drei Kopfschüssen hingerichtet. Er hatte gegen das neue Mediengesetz protestiert. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt.

Ein intelligent aussehender Mann bezahlt in Barras am Hafen die Fähre über den Gambia-Fluss hinüber zur Hauptstadt Banjul. Er scheint alle Menschen hier bestens zu kennen, obwohl er behauptet, vier Jahre nicht in Gambia gewesen zu sein, und das wiederum, obwohl er behauptet, dort Frau und Kinder zu haben. Dann lädt er den Reporter zu sich nach Hause ein, aber der muss ablehnen, weil: Die Zeit, die Zeit.

Die Fähre nach Banjul scheint sich kaum zu bewegen, sie wird fast eine Stunde brauchen. Schweißperlen auf dem Unterarm. Kühe stehen neben Jeeps. Dreck und Hautreste sammeln sich auf dem Arm, wahrscheinlich sieht man nur wegen des Staubs gebräunt aus. Die Fingernägel bekommen schwarze Ränder, ganz gleich, ob man etwas anfasst oder nicht. Die Kleider der Frauen sind wie immer bunt und absolut sauber, das ist dem verdreckten, verkrusteten, im Grunde schon zu Erde gewordenen Reporter ein Rätsel, wie das funktionieren soll.

Ein Satz für den Artikel: Jeder Reisende, der die Strände von Gambia sehen will, sollte gleich einen Direktflug nach Banjul buchen. Das Ufer wird größer. Auf der anderen Seite wartet die Geschichte, denkt der Reporter. Das Wetter hat sich eingetrübt, vielleicht regnet es noch.


Banjul, HafenVom Senegal nach Gambia: Geschäftigkeit im Hafen von Banjul.


Taxifahrt nach Bakau. Der Ort liegt ein paar Kilometer von Banjul entfernt an der Küste und ist einer der Touristen-Hochburgen in Gambia. Von dort aus, so hat der Reporter geplant, wird er diese Strand-Geschichte machen.

»Prevent HIV. Be faithful to your partner«, steht auf einem Plakat am Straßenrand. Banjul ist ein Nest. Das ministry of justice sieht aus wie ein schlechtes Klischee-Regierungsgebäude irgendeiner Bananenrepublik in einem James-Bond-Film: sandfarbener Putz, hölzerne Säulengänge, Veranda, Palmen, Soldaten mit Maschinenpistolen.

Die Wahl der Herberge ist, wenn man keinen supergeheimen Gemeintipp hat, ein Willkürakt. Die Bakau Lodge verspricht günstig zu sein. Sie wird von einer hohen Mauer mit einer schweren Metalltür umrundet. Die Anlage ist, weil die Hauptsaison noch nicht begonnen hat, offensichtlich gar nicht geöffnet. Ein Mann namens Omar öffnet nach lautem Klopfen die Tür und bittet herein. Er hat nur eine weite Stoffhose an. Ein Zimmer sei kein Problem, willkommen willkommen. Um einen kleinen Pool stehen sechs Bungalows, die eigentlich, wenn es hier nicht so gottverlassen wäre, ein einladendes Bild abgeben würden. Omar schließt eine Hütte auf, alles sieht »okay« aus, der Deal: 1000 Dalasi für zwei Nächte, das sind etwa 25 Euro.

Es ist früher Nachmittag: Erstmal das Gepäck ablegen, dann duschen, dann auf einen Plastikstuhl an den Pool setzen. Der Busbahnhof Colobane, war das heute oder gestern? Beim Blick in den gleißend weißen Himmel über diesem vollkommen ausgestorbenen Kaff irgendwo in Westafrika dann die erste Reporterkrise: Was mache ich hier? Wo ist die Geschichte? Wen wird das je interessieren? Komme ich hier wieder weg? Ist das alles nicht vollkommen sinnlos? Bin ich nicht völlig verloren?

Der Nachmittag zerstreut dieses Zerrbild der Wirklichkeit. Spätes Mittagessen mit Esther, Alex und Warren bei Mai’s Restaurant, einer klapprigen und deshalb von Anfang an sympathischen Bretterbude am Straßenrand. Moses, Besitzer und Chefkoch, macht Maafe: ein Reisgericht mit Hühnchen und einer Soße auf Erdnussbasis, quasi einen Afrika-Klassiker. Dazu gibt es Soda, alles für weniger als zwei Euro. Die drei Amerikaner erzählen, dass sie ein Semester in Dakar studieren – irgendein Austauschprogramm – und gerade einfach so herumreisen. Da es noch kaum andere Touristen in Bakau gibt, wird beschlossen, später gemeinsam zu Abend zu essen.

Der Reporter bricht auf, um seine Geschichte zu machen: rumlaufen, beobachten, mit den Leuten quatschen, einen Eindruck bekommen von diesem Ort. Die Notiz: Man muss nicht in einem teuren Hotel wohnen, man kann einfach hineinspazieren und sich hinsetzen und einen Drink nehmen. Sandstrand, Palmen, ein Gin Tonic. Die Sonne steht tief über dem Atlantik.

Später im warmen Abendlicht sieht die Bakau Lodge viel gemütlicher aus als in der heißen, harten Mittagssonne, und dann ist es auf einmal gar nicht schlecht, dass sich dort sonst niemand aufhält. Es wird dunkel. Mit den Amerikanern verbringt der Reporter den Abend bei einigen Jul Brew auf der Terrasse einer zusammengeschusterten Imbissbude. Die Küche bietet genau ein Gericht an: Kartoffeln mit Ei.


Bakau, Gambia
Bakau, Gambia
Bakau, GambiaPostkartenkulisse: der Sandstrand von Bakau.


Am Morgen ist die Luft dampfig. Frühstück mit den drei Amerikanern um 8 Uhr auf lehmigen Plastikstühlen, gleich vor der Haustür an der Straße. Schweres Grau hängt über den bunt gestrichenen Baracken von Bakau, feuchte Erde, Regenpfützen, über dem Ozean gewittert es: ziemlich perfekt. Es gibt Weißbrot mit Bananen und Schokoladencréme: »real Gambian breakfast«, sagt der Verkäufer.

Der Tag liegt vor dem Reporter wie die leere Seite seines Notizblocks. Eine seltsame Stimmung hat der Morgen, das hängt mit der Schwüle zusammen, mit der Feuchtigkeit in der Luft, die nicht unangenehm ist, das alles zieht den Reporter hinaus in diesen Tag, auf die Straßen und in die schmutzigen Gassen, in den Matsch und den Regen, auf die Märkte und in die ramponierten Kleinbusse, das treibt ihn über das Land, wo Menschen, Orte und Situationen vorbeiziehen unter dem schweren Himmel, sehr präsent und unvermittelt, als könnte das Auge alles gleichzeitig scharf stellen wie die Blende einer Kamera: das seltene Gefühl der Gegenwärtigkeit aller Dinge.

Fahrt zu viert zum Abuko Nature Reserve. Die Protagonisten, der Schauplatz, alles passt zusammen: wieder so ein Reporterglück.

Die Minibusse fahren ohne Zeitplan, es geht ins Landesinnere nach Serekunda, ins wirtschaftliche Zentrum Gambias. Das Restaurant McCeasars wirbt mit dem Slogan »Paris, New York, Banjul«. Umsteigen im Gewühl der Stadt: Rotbraune Pfützen auf der Straße, Menschen weichen Autos aus, springen zur Seite, streifen sich, rufen und fluchen, und die Annahme, hier als Weißer nicht aufzufallen, ist wieder so eine Chimäre, die man sich in der feuchten Tropenluft in den Kopf setzt

Die Taxifahrer streiten aggressiv darüber, wer hier nun wen fahren darf. Nur einer ist schlau genug, den Fahrgästen unauffällig zu winken und sie unbemerkt in sein Auto zu schleusen. Weiter zum Abuko Nature Reserve. Es soll das beliebteste Naturreservat des Landes sein, und das ist für die Geschichte des Reporters natürlich hervorragend.


Bakau, Gambia
Bakau, Gambia
Bakau, GambiaBaracken und Fischerboote unter einem grauen Himmel: Bakau am Morgen.


Der Tag vergeht mit dem Aufspüren der kleinen Begebenheiten und der großen Stimmung und mit der Frage, wie sich beides zusammenbringen lässt.

Der Reporter notiert skizzenhaft: Im Abuko-Reservat gibt es zwölf Hyänen, die in zwei getrennten Käfigen leben. Ansunjan, 36, zerhackt ein Schaf, um die Tiere zu füttern. Geier sammeln sich auf dem Zaun, sie wollen etwas abbekommen. Ein Nilwaran läuft über den Weg, teichgroße Netze mit glatten, großen, blauen Spinnen verknüpfen die Blätter der Pflanzen, durchgehend Vogelstimmen, Tropfen fallen aus den Bäumen, in den Kronen sitzen grüne Meerkatzen und Stummelaffen.

Der Oberboss-Affe, ein abgrundtief böser Guinea-Pavian, geht als Kinderschreck durch: Blickt man ihm durch die Maschen des Geheges zu lange in die Augen, faucht er und schart einem Sand entgehen. Der Zaun, der ihn von den Besuchern trennt, dürfte die sinnvollste Investition des Parks sein.


Abuko Nature Reserve
Abuko Nature Reserve
Abuko Nature Reserve
Abuko Nature Reserve
Abuko Nature ReserveWilde und gezähmte Tiere im Abuko Nature Reserve.


Zurück zur Küste: Ein bisschen rumfahren, und wenn nichts Spektakuläres passiert, ist das auch in Ordnung. Man kann nur notieren, was man sieht, und recherchieren, was es noch sehen gäbe, und das muss reichen. Alles ist nur eine Verknappung der Wirklichkeit, die Auswahl dessen, was wahrgenommen und aufgeschrieben wird, ist der eigenen Sicht auf die Welt geschuldet, ein Artikel also absolut subjektiv: keine neue Erkenntnis.

Man liest zum Beispiel, dass weiße Frauen in den Vierzigern nach Gambia fliegen, um mit jungen schwarzen Männern schöne Tage zu verbringen. Es geht dann auch darum, der Anerkennung für die darbende körperliche Attraktivität gegen gewisse Geldbeträge auf die Sprünge zu helfen, kurzum: Man liest immer wieder von Sextourismus in Gambia. Muss man das so schreiben? Wie weit gehen beide Seiten wirklich? Wer kann dazu Zahlen auf den Tisch legen?

Viele gambische Männer erhoffen sich von dem Arrangement, heißt es, ein Schengen-Visum. Ist das verwerflich? Antworten auf diese Fragen kann man kaum geben, ein Urteil ist noch schwieriger. Klar ist: Das Wort »Sextourismus« lässt keine Fragen mehr zu, es reduziert alle Graustufen dieses Phänomens auf einen besetzten Begriff. Der Reporter wird »Sextourismus« nicht schreiben, überlegt er sich. Er ist zurück in Bakau und muss alles aufschreiben.

Der Notizblock, der Beobachtungen und Bemerkungen konservieren soll, wird jeden Tag schmutziger. Die Seiten wellen sich, der Transport im Rucksack hat die Ecken abgeknickt.

Rumhängen vor Mai’s Restaurant bei Moses, wieder fällt etwas Regen. Reinsetzen geht nicht, dafür ist die Bude zu klein. Wenn man über die Straße auf den Ozean schaut, erscheint alles immer noch diesig und erdig, auf so eine seltsame Weise ästhetisch.

Ein Fünfjähriger hat eine super soaker in der Hand: natürlich ein Riesending. Warren füllt Wasser in den Tank, der Junge jagt nun seinen Freund und lacht viel.

Am Nebentisch sitzt ein alter Brite, der seit fünf Jahren in Gambia lebt, und schimpft auf die Korruption. Er hustet sich, rauchend, die Lunge aus der Brust und geht.

Um in Bakau alles gesehen zu haben, wird beschlossen, den Krokodiltümpel von Kachikally aufzusuchen. Schulkinder nehmen die drei Amerikaner an die Hand und führen sie von der Küstenstraße weg in die kleinen Gassen. Der Reptilienteich befindet sich in Privatbesitz, gleich nebenan steht ein lieblos eingerichtetes Museum mit vergilbten Fotografien aus der gambischen Geschichte, Eintritt 50 Dalasi.

Ein Mann namens Mohamed passt auf die Tiere auf. Er kennt die Touristen und ist natürlich ein ausgewiesener Sprücheklopfer, deshalb: den Notizblock bereithalten. Mohamed sagt: »They always fight for food and female.« Mohamed sagt: »Women are ugly, men are beautiful, normally it’s other way round.« Danke, Mohamed. Fotos machen, Hände schütteln, Abmarsch.

Es wird Abend in Bakau. Wie überall in den Tropen ist das so, als mache einer den Lichtschalter aus. Der Reporter hat sich von seinen Reisebegleitern verabschiedet, er ist wieder allein. Ein Bier von Moses, dann rüber zum Meer. Die Sonne schmilzt im Ozean, das Licht wechselt von gelb über orange zu rot. Überall sind Menschen, Stimmen gehen durcheinander, Kinder springen in die Brandung, auf den Grills brutzelt der Fisch. Irgendwann sieht man Sterne am Himmel.

Der Reporter sitzt auf den Stufen, die zum Strand führen, er hat geschaut und geredet, gesammelt und aufgeschrieben. Er hat die erste Geschichte »im Block«, das ist wieder so ein Journalistenausdruck. Total krass, das denkt er, wie schnell sich die Beziehung zu einem Ort verändert, wie die Zeit sich auseinander zieht: total seltsam, total gut.


BakauSonnenuntergang in Bakau.


Es geht jetzt wieder ums Fortkommen, ums Weiterkommen, der Reporter kann nicht noch eine Woche in Bakau bleiben und am Meer sitzen und in den wolkenverhangenen Himmel schauen. Abfahrt um 5 Uhr, zurück zur Grenze. Der Taxifahrer will 300 Dalasi bis Banjul, der Reporter fordert 200, am Ende sind es 250. Alles wie immer. Das Auto erreicht den Hafen, es ist noch dunkel. Nach einer halben Stunde legt die erste Fähre ab und bewegt sich wieder in Zeitlupengeschwindigkeit über den Fluss. Runter vom Schiff, rein in ein Taxi, ab zur Grenzstation.

Im immigration office hockt der Chef-Grenzer auf seinem Stuhl, er erkennt den Reporter wieder, dem er vor zwei Tagen den Stempel in den Pass gedrückt hat, den er darauf hingewiesen hat, dass für ihn ab hier die gambischen Gesetze gelten. Dieser Chef-Grenzer muss jetzt natürlich erst einmal das Gepäck kontrollieren: War klar. »Can I have a look?« – »Sure.« Es geht jetzt wieder um die Sache mit dem Blickkontakt. »Will I find something I don’t want to find?« Okay, Ansage.

Was wird er zu dem Notizblick sagen, fragt sich der Reporter. Wird er sich die Fotos anschauen, die Speicherkarte konfiszieren, oder – im schlimmsten Fall – irgendwelche subversiven, staatszersetzenden Absichten unterstellen und hier einen Riesenzirkus aufführen?

Ein fester Blick in die Augen, ein Lächeln. »You can look what’s inside, no problem.« Die Hand fährt über den Rucksack wie über einen gedeckten Tisch. Der Chef-Grenzer hat jetzt keine Lust mehr, weiter zu suchen. Der Reporter ist zurück im Senegal.

Ein Sept-Place in Richtung Dakar ist schnell gefunden, es geht erstmal die Strecke zurück, die es vorher herunter ging. Der Reporter studiert die Karte: Für die zweite Geschichte muss er die Hauptstraße verlassen in Ndiosmone, irgendwo zwischen Fatick und Mbour. Die zweite Geschichte soll über das Saloum-Delta sein, ein riesiges Feuchtgebiet an der senegalesischen Atlantikküste, wo es viele Vogelarten gibt und Mangrovenwälder und kleine Boote, Fische, Muscheln, Sandbänke und Lagunen, wo es sich also absolut lohnt, als Tourist hinzufahren, wenn man im Senegal ist. Außerdem, das ist der praktische Teil des Plans, liegt das Saloum-Delta genau zwischen Dakar und Gambia: ein großer Vorteil für den Reporter, der auch nach Saint Louis hätte fahren können und zum Djoudj-Nationalpark, aber dafür wäre keine Zeit gewesen.

Ndiosmone ist kaum zu erkennen: paar Bretterbuden, eine Kreuzung. Mit einem überladenen Bus weiter nach Fimela, dann nach Ndangane. Man muss sich von einem Dorf zum nächsten vorarbeiten. Das Reisen außerhalb der Großstädte hat etwas Landstreicherhaftes, denkt der Reporter. Er sitzt hinten auf einem zerrissenen Polster. Irgendwann geht der Motor aus und springt nicht wieder an, alle müssen umsteigen in einen anderen Bus. Irgendwann kommt Ndangane.

Die Auberge Bouffe: Man biegt ab von der Hauptstraße, fährt über eine Lehmpiste, und dann sieht man, direkt vor dem Fluss, sieben Bungalows auf der linken Seite. Auf der Terrasse vor der Bar, die auch die Rezeption ist, trifft der Reporter in der tropischen Bullenhitze Afrikas zwei Schweizer: Bruno und Barbara, die Besitzer der Pension. Sie trägt das Haar kurz geschoren, er eine Art Schlafanzug. Erst mal hinsetzen auf der Veranda, ein bisschen erzählen, was trinken. Bruno macht Kaffee. Er redet so schön in dieser Schweizer Mundart: ein bisschen niedlich, immer ernsthaft. Der Reporter fühlt sich gleich sehr wohl an diesem Ort. Barbara und Bruno, da ist wieder das Reporterglück, kennen sich aus in der Region. Vor vier Jahren sind sie in den Senegal ausgewandert, davor hatten sie zehn Jahre ein Hotel an der italienischen Adria-Küste.

Der Reporter fragt sich nun die berechtigte Frage: Sitzt er hier möglicherweise vor zwei Hippies, die sich einen Aussteiger-Film fahren? Irrtum: Wenn du im Senegal ein Gästehaus am Laufen hast, kannst du kein Hedonist sein, der den ganzen Tag nur herumkifft.

»Du lernst kochen auf dem Markt, bei den Fischern«, sagt Barbara. Sie kaufe nur frische Zutaten aus der Umgebung, der Fisch kommt aus dem Fluss in die Pfanne. »Nach Mbour fahren wir nur für das Katzenfutter.« Meist schickten sie einen Angestellten der Pension mit einer Liste los, wenn es etwas nicht gibt in Ndangane. In Ndangane, erfährt der Reporter, gibt es aber eigentlich alles. Auch Medizin? Vieles liefert die Natur, sagt Barbara: »Baobab statt Imodium.«

Der Reporter erzählt nun, dass er eine Geschichte über das Delta schreiben will und schildert die Situation: dass er leider wenig Zeit hat, nur diesen Nachmittag und morgen früh, weil er abends wieder in Dakar sein muss, dass im Prinzip also nur zwei halbe Tage bleiben für eine Story. Es fädelt nun Barbara, die hier seit vier Jahren lebt und arbeitet, die in Ndangane jeden kennt und die eine Frau ist, die Dinge erledigt kriegt, folgenden Deal ein: Der Reporter möge mit Abu, einem guten Bekannten, auf das Delta rausfahren, heute und morgen früh, da bekomme er genug zu sehen für seine Geschichte: die Mangroven, die Vögel, einen Gottesdienst, ein Austern-Picknick, das alles gegen einen Festpreis von 50 000 CFA-Francs.

Nicht so günstig, denkt der Reporter. Andererseits: Er will auch nicht den unentspannten Traveller raushängen lassen, der aus einem zweifelhaften Selbstverständnis heraus alle Preise gnadenlos zu drücken versucht. Ortsunkundig einen günstigeren Bootsfahrer aufzutreiben kostet außerdem Zeit. Und am wichtigsten: Die gute Geschichte liegt hier auf der Hand – also abgemacht.

Es ist Spätnachmittag, als die Piroge vom Steg neben der Herberge ablegt. Das Boot ist blau gestrichen, die Farbe platzt überall ab. Wolken hängen über dem Saloum-Delta, dahinter scheint die Sonne, das sieht man. Der Michglashimmel zieht die Sättigung aus der Landschaft: schlecht für die Bilder. Abu steuert das Fischerboot über den Strom, durch die Mangroven, um Sandbänke herum. Senegalesische Touristen sind an Bord, sie tragen orangene Schwimmwesten und haben Ferngläser. Auf einem T-Shirt steht: »Avec Jesus ressuscite, soyons artisan d’un monde meilleur.« Der Reporter sieht Flamingos, Pelikane, Störche; Vögel, die er noch nie gesehen hat. Das gleißende Licht spiegelt sich im Wasser.

Die Sonne steht jetzt so tief, dass sie unter den Wolken hervorscheint: Das Grün der Mangroven leuchtet, darüber der graue Himmel. Es gibt nichts Schöneres in der Natur als diese Verbindung aus Grün und Grau, die immer entsteht, wenn es in der Nähe gewittert und von irgendwo anders her die Sonne scheint. Warum? Schwer zu sagen. Vielleicht wegen der Gleichzeitigkeit der Gegensätze: das Beschwerliche und das Leichte, Angst und Zuversicht, Glück und Tragik. So sind die Dinge. Furchtbar pathetisch, denkt der Reporter, das kann man nicht in eine Zeitung schreiben.

Abu macht den Motor aus, es wird still. Über den Mangroven spannt sich ein Regenbogen auf. In der Ferne, an der Grenze zwischen Delta und Ozean, donnert es. Als die Piroge Ndangane erreicht, ist es dunkel.


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DSC_0609Kompositionen aus Grün und Grau im Saloum-Delta.


Abends im Saloum-Delta. Bei Bruno und Barbara scheint Licht auf der Veranda. Fritzl, die Katze, jagt Hornkäfer, die von den Lampen an der Decke auf den Boden stürzen. Da sitzen die zwei Schweizer und haben Krabbenmus, Dorade in Honigsoße und Mangosorbet aufgetischt: unschlagbar. Es ist heiß, die Haut klebt unter dem Hemd. In der Ferne zucken Blitze, über dem Ozean gewittert es. Ruhig wie in einem Vakuum werde es dort, an der Grenze zum Atlantik, wenn ein Sturm aufzieht, sagt Bruno. »In der Regenzeit fegen Tropenstürme von Kaolack aus über das Delta«, erzählt Barbara. Dann fange hier alles an zu schimmeln, sogar das Geld im Portemonnaie. Die Feuchtigkeit sei ein Problem, aber sie hätten einen guten Handwerker, der unheimlich viel kifft, der im Prinzip durchgehend kifft, aber die Flachdächer der Bungalows erstaunlich gut repariert und trocken hält. »Wir haben uns immer gefragt, warum der so fröhlich ist«, sagt Bruno.

Nach dem Essen will der Reporter noch einmal dem Wesen des Landes auf die Spur kommen: Was kann man über den Senegal erzählen? »Die Begrüßung ist hier ganz wichtig, der Abschied geht einfach so.« Bob Marley ist ein Volksheld. Moslems und Christen leben friedlich zusammen. Es ist wieder so, als könne man die Hitze hören, wie einen Tinnitus. Blick in den Himmel: »Wir haben gar nicht so viele Wünsche, wie wir Sternschnuppen haben«, sagt Barbara, und das ist ein Satz, in dem viel zu finden ist, denkt der Reporter.

Frühstück in der Auberge Bouffe: Kaffee als Sehnsuchtsmoment in der Ferne. Ein Tisch ist gedeckt, Bruno und Barbara sind nicht da. Rucksack packen, Aufbruch um 9 Uhr. Es ist nicht Abu, der den Reporter heute Vormittag mit auf das Delta nehmen wird, sondern sein Bekannter Alpha, 25, und dessen 11-jähriger Bruder Sekou: auch gut.

Alpha, stellt sich heraus, spricht etwas besseres Englisch als Abu, man wird also miteinander reden können. Die folgenden Stunden bis zum frühen Nachmittag bringen wie erhofft die Geschichte: Ein Gottesdienst auf Mar Lodj, heilige Bäume, an denen Milch und Kuhblut geopfert werden, eine verwitterte Kirche, 150 Jahre alt, Muscheln im Zement, Pirogen und Mangroven, Vögel und ein Kaiman, Picknick auf einer Sandbank, es gibt natürlich wieder Fisch. Ein Grill, eine Decke, drei Doraden. Der Wunsch, besseres Französisch zu sprechen.

Es regnet etwas auf der verlassenen Insel, aber nicht lange. Der Tag ist bunt und grau, die Sonne scheint von Süden, über dem Meer im Westen liegen schwere Wolken. Der Reporter würde gerne bis zum Frühling unter den Bäumen im Sand liegen, aber er muss zur Eile mahnen, weil die afrikanische Grundregel, dass das, was heute nicht passiert, eben morgen stattfindet, nicht greift, wenn man ein Flugzeug zu erwischen hat, das morgen Abend von Dakar aus fliegt.

Sekou steuert also zurück nach Ndangane, und Alpha bereitet in der schwimmenden Piroge stark gezuckerten Tee zu. Heiße Asche aus dem kleinen Grill landet auf dem Arm des Reporters, er muss laut schreien. Sekou fängt an zu lachen und hört auch nicht auf, als der Reporter herüberschaut, und dann lacht der Reporter auch, weil er das entspannt findet, dass Sekou so unverfroren lacht und vielleicht auch deshalb, weil das mit der zweiten Geschichte so gut geklappt hat, weil er alles dafür beisammen hat.

Nachmittags irgendwo nördlich des Saloum-Deltas. Der Reporter hat sich von Bruno und Barbara verabschiedet und einen Bus erwischt, der direkt nach Dakar fährt. Fast jedes Auto ist ein öffentliches Verkehrsmittel, man kann einfach fragen, wohin es geht. Es wäre naiv zu glauben, ein Fahrzeug stelle seine Transportdienste einem einzigen Menschen zur Verfügung: völlig unwirtschaftlich. Der Reporter versucht nun zu verstehen, was in den letzten Tagen passiert ist. Wie lange ist er unterwegs? Einen Tag oder eine Woche? Einen Monat?

Es gibt Phasen im Leben, denkt der Reporter, da verdichten sich die Ereignisse auf der Zeitleiste ganz stark, oder andersherum: Die Zeit dehnt sich aus. Es sind wohl die guten Zeiten, an die man sich erinnert, das erscheint hier schlüssig, auf der Buckelpiste zwischen Ndangane und Joal Fadiout. Tiefe Furchen und Schlammpfützen durchsetzen die Straße. Der Reporter sitzt in dem klapprigen Bus, der oft Schrittgeschwindigkeit fährt, wie in einem Boot, als Europäer zwischen 30 Afrikanern, ganz selbstverständlich, als habe er nie etwas anderes getan, als mit einem Schrottbus durch den westafrikanischen Busch zu fahren und darüber Geschichten zu schreiben. Im Kopfhörer singen Amadou und Mariam: »Jouez-jouez, dansez-dansez, chantez-chantez«. Das Gefühl, schon eine Ewigkeit fort zu sein.

Mehr als eine Stunde braucht der Bus für die 30 Kilometer bis nach Joal an der Küste, von dort geht es hoch nach Mbour. Man merkt, dass der Ozean nah ist. Wenn Menschen am Straßenrand winken, schlagen die zwei Männer, die während der gesamten Fahrt nach Dakar außen am Bus hängen, so lange gegen das Blech, bis der Fahrer anhält. Tür auf, Tür zu: Die Leute rutschen noch enger zusammen. Es ist stickig und heiß, die Sonne scheint den ganzen Tag. Der Reporter fühlt sich rein, obwohl er schmutzig ist; wach, obwohl er seit Tagen zu wenig schläft. Die Dinge laufen jetzt von selbst, so angenehm normal. Die Sonne sinkt über dem Atlantik, alles kriegt diesen Gelbstich. Noch eine Stunde vergeht. Vor Dakar wird der Verkehr dichter, das Halten im Stau häufiger.

Der Reporter sitzt ganz hinten, direkt am Asphalt, denn die Tür steht jetzt die ganze Zeit offen. Die Straßen sind laut und hektisch, es wird dunkel. So viele Gesichter im Schatten. So viel um einen herum, dass man nur beobachtet und an nichts mehr denkt: Das ist selten so. Erdnüsse und Orangen gehen rum. Die Frau gegenüber fragt: »Tu n’es pas au Senegal pour la première fois, non?« Doch, sagt der Reporter, und es ist genau die Stimmung, die über diesem Tag liegt.

Im Gewühl des Verkehrs müssen alle Fahrgäste den Bus wechseln. Der Rucksack des Reporters wird von einem Dach auf ein anderes umgeladen. Irgendwann kommt Colobane: Endstation.

Fahrt nach Süden in Richtung Place de l`indepéndance über die Halbinsel, auf der Downtown Dakar liegt. Bis der Taxifahrer das Hotel Sokhamon findet, hält er dreimal an und fragt nach dem Weg, obwohl er behauptet hat, ihn ganz sicher zu kennen. »C’ést près d’ici«, ruft der Reporter müde gestikulierend vom Rücksitz, »Avenue Nelson Mandela, Avenue President Roosevelt.« Endlich, gefunden. Es ist nach 22 Uhr.

In einer deutschen Großstadt wäre das Sokhamon vom Preis her ein mittelteures Hotel, der Bau modern-deprimierend, und im Restaurant gäbe es etwas Deftiges mit Fleisch, das nicht so gut schmeckt. Das Sokhamon in Dakar ist groß und dunkel, im Foyer stehen schwere steinerne Tische und ockerfarbene Säulen, die Wände sind mit schwarzem Tropenholz vertäfelt. Im Grunde hat man einfach alle Stile miteinander vermischt: Das Hotel sieht aus wie die Freizeitpark-Interpretation eines orientalisch-afrikanischen Palastes. An diesem späten Sonntagabend ganz entscheidend: Für 48 000 CFA-Francs bekommt der Gast ein klimatisiertes Doppelzimmer, weiße Bettlaken, ein sauberes Bad und durchgehend fließendes Warmwasser. Der Reporter, der über das Land gefahren ist durch die heiße Sonne und durch den Staub, der schwitzt, klebt, ölt, nimmt nun eine sehr lange Dusche.

Wer nicht bereit ist, umgerechnet 70 Euro für ein Zimmer auszugeben, sollte sich zumindest zur rückseitigen Freiluftbar auf die Terrasse begeben und ein oder mehrere Drinks einnehmen. Man schaut auf den Atlantischen Ozean, man hört die Wellen und sonst nichts. Kellner in weißen Schürzen servieren das Abendessen: Dorade und Krabbenmus. Der Reporter hat vergessen, dass der Fisch in einem Hotel dieser Preisklasse keine Gräten mehr hat. Er isst und trinkt einen Schluck Bier, nimmt noch einen Schluck und isst.

Die vergangene Woche läuft ab wie ein Videoband, das man vorspult, und das hier an diesem Ort an der Südspitze Dakars wieder auf die normale Geschwindigkeit heruntergedreht wird. Der Reporter sitzt still unter dem vollen Mond, ein silberner Lichtstreifen liegt auf dem Meer. Nur die Brandung rauscht angenehm monoton vor sich hin. Tiefer, traumloser Schlaf.

Der letzte Tag bricht an, abends geht die Maschine zurück nach Deutschland. Es ist Zeit für die letzte Geschichte, die man jetzt, wo alles bisher so saugut geklappt hat, machen kann, aber nicht mehr machen muss: eine Geschichte über die Ile de Gorée, zwei Kilometer draußen auf dem Ozean, über die Sklaveninsel, die zwar, wie man erst spät herausfand, historisch keine große Rolle gespielt hat im Sklavenhandel, aber als legitimes Symbol dafür weiterhin eine große Bedeutung beansprucht. Viele Afroamerikaner kommen, die Biografie von Barack Obama in der Manteltasche, herübergeflogen, um auf Gorée nach ihren Wurzeln zu suchen. Die Insel ist das beliebteste Ausflugsziel in Dakar, ein knallhartes journalistisches Kriterium. Ein Tag dort reicht, um einen Eindruck zu kriegen und etwas schreiben zu können, das ist aus ganz praktischer Sicht für den Reporter wichtig. Also: auf zur Ile de Gorée.


Ile de Gorée
Ile de Gorée
Ile de Gorée
Ile de GoréeIle de Gorée.


Dakar am Tag ist gleich sehr angenehm. Viel Sonne, viele Menschen, viel Verkehr um den Place de l`indepéndance. Dort ein Frühstück: Café au lait und Thunfisch-Sandwich. Zu Fuß zum Hafen. In der Wartehalle läuft melancholische Popmusik, an den Wänden hängen alte Fotografien der Stadt. Ein Junge filmt sie mit seiner Handykamera ab.

Auf der Fähre nach Gorée dient sich dem Reporter nun der zwielichtige Touristenführer und »local artist« Moustafah an, ein einträgliches Geschäft witternd. Eigentlich ist es das erklärte Ziel jedes brutal spießigen Travellers, einen Führer abzuschütteln oder gar nicht erst einem zu folgen, weil das eben total touristenmäßig ist, aber für den Fall, dass man keinen blutleeren Reiseführertext schreiben will, ist so ein Sprücheklopfer, so ein aufgekratzter Tunichtgut natürlich wunderbar. Am Ende muss man den Preis für die Führung zwar hartnäckig herunterhandeln, aber dafür erfährt man Dinge, die man nicht auch im Internet nachlesen kann.

Die Ile de Gorée ist ein angenehmer Ort. Der Reporter besucht das Maison des Esclaves, das Sklavenhaus: Von dort sollen hunderttausende Sklaven aus ganz Afrika in die Vereinigten Staaten verschifft worden sein, was angesichts der zerklüfteten Felsküste, an der unmöglich Schiffe halten können, zumindest einigen Anlass zum Zweifel bietet. Moustafah, der Mann ohne Schneidezähne, redet und erzählt.

Irgendwann erklärt der Reporter, er wolle noch ein wenig alleine umhergehen und schauen. Murren, ein Handschlag, Verabschiedung. Gorée ist nicht groß, zehn Minuten sind es von einer Seite der Insel zur anderen. Bald hat der Reporter alles gesehen, alles notiert, er kann sich hinsetzen auf den Stufen in einer Gasse und erstmal nichts tun.

Der Mittag brennt sehr heiß, das Hemd ist zum zweiten Mal durchgeschwitzt. In den Gassen steht die Hitze, aber es ist schattig. Gorée ist der maximale Gegensatz zu Dakar: keine Autos, zeitlose bunte Kolonialhäuser, Ruhe. Der Reporter bestellt in einem kleinen Restaurant am Hafen Fisch, danach crèpe choco und Espresso. Der Notizblock mit den eingeknickten Ecken, der auf der Reise immer wieder feucht geworden ist und dann wieder trocken, liegt auf der Tischdecke. Die letzte, halb beschriebene, nach oben gewellte Seite wippt in dem leichten Wind, der nach See riecht und die sehr blond gewordenen Haare auf dem Unterarm hin und her bewegt. Das Bild stimmt jetzt, denkt der Reporter, für den Moment muss man nicht zurückschauen und nicht nach vorne. Noch eine halbe Stunde, dann geht die nächste Fähre zurück, es ist Nachmittag geworden.

Zurück am Hafen. Der Fußweg zum Hotel dauert eine halbe Stunde. Die Schatten in den Straßen sind schon groß, die Stadt ist wühlig wie am Morgen. Auf dem Bürgersteig fallen plötzlich Männer auf den Asphalt und ziehen ihre Schlappen aus. Der Muezzin ruft zum Gebet: Wieder so ein Satz, den man nicht mehr schreiben kann, weil er so schrecklich nach Frauenmagazinprosa klingt. Der Reporter verliert irgendwann leicht die Orientierung. Einfahrten mit schweren Toren, wenige Autos, viel Wachpersonal: vermutlich das Diplomatenviertel. Dann trifft die Straße auf die Küstenlinie, der Weg ist jetzt klar, denn das Sokhamon liegt direkt am Meer.

In der Lobby singt Whitney Houston »One Moment in Time«, am Abend zuvor lief das gar nicht schlechte Tp2.com von Schmusepop-Ikone R.Kelly. Der Reporter hat sein Zimmer schon am Morgen geräumt, der große Rucksack steht an der Rezeption, in zwei Stunden fährt das Taxi zum Flughafen. Auf der Terrasse mit dem Meerblick sind keine Hotelgäste, nur das Personal sitzt im Schatten herum. Der Kellner ist sehr schick angezogen und hat sehr schlechte Zähne. Er fahre jede Woche von Mbour hinauf, um hier zu arbeiten, erzählt er, um Geld für seine Familie zu verdienen.

Der Reporter setzt sich auf eine Holzbank. Die Sonne steht tief über dem Ozean, der Whirlpool blubbert, dahinter rauschen die Wellen, alles andere ist wahnsinnig weit weg. Jetzt ein Martini Dry, einfach das letzte Geld verpulvern für einen ordentlichen Drink, der auch gleich mit einer Schale Oliven serviert wird, und dann noch einen Drink nehmen. Die Eiswürfel schmelzen langsam herunter, das Sonnenlicht ist warm auf der Haut.

Der Reporter, der diese Reise machen wollte, der in ein Flugzeug gestiegen ist, der sich Geschichten überlegt, eine Route ausgetüftelt, alles erlebt und aufgeschrieben hat, der nun am letzten Abend in so einer diffusen Wohlfühllaune vor dem sonnenbeschienenen Ozean sitzt – er fängt auf einmal an zu lachen, und er lacht mindestens eine Minute lang dieses sorglose und unreflektierte Lachen, wie wenn man mit sehr guten Freunden über eine sehr witzige Situation in der Vergangenheit lacht. Der einfache Gedanke: Es ist alles passiert. Was am Anfang nur ein schwammiges Bild im Kopf war, ist Wirklichkeit geworden.

Taxifahrt zum Flughafen. Vor dem untergehenden Abendrot zeichnen sich die Silhouetten der Jogger ab, die jetzt, da die Sonne nicht mehr brennt, die Küste entlang laufen. Das hier ist der Senegal, denkt der Reporter, morgen ist wieder Berlin. Er notiert: Du gehst fort, suchst das Weite, das Fremde, und wenn du wiederkommst, dann bist du dort, an dem Ort, wo du wohnst, so präsent, so da, wie selten zuvor. Das ist es, was es mit dem Reisen auf sich hat: Du kannst mehr teilnehmen an den Dingen, die passieren, aber du schaust auch klarer von außen drauf.


Dakar
Dakar
DakarFortgehen und Wiederkommen: Abschied von Dakar.

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