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Philipp Laage

Kariba — Wenn es bereits am frühen Abend stockfinster ist, Krokodile weniger als fünf Gehminuten entfernt durch das ufernahe Unterholz kriechen und man die heiße Nacht mitten im afrikanischen Busch an einer rudimentär zusammengeschusterten Bar mit einigen Bier und Tequila ablöscht, befindet man sich möglicherweise bei Warthogs in Simbabwe.

Das Camp am Lake Kariba ist wie die meisten Backpacker-Lodges – sofern dort wegen saisonalen Desinteresses keine überambitionierten Traveller logieren – ein durchaus sympathischer Ort zum Verweilen. Die kleinen Holzhütten sind einfach, sauber und naturgemäß nicht ganz geschlossen, an der Rückseite liegt jeweils eine offene, mit roten Steinplatten geflieste Dusche.

Als wir das Camp an einem Februarabend erreichten, ließen wir unser Gepäck gleich stehen und gingen hinüber zur eingangs erwähnten Bar. Dort tranken sich zwei weiße Simbabwer, die laut eigener Aussage einmal in der Rugby-Nationalmannschaft gespielt hatten, munter diskutierend durch die tropische Abendhitze.

Einer von ihnen hieß Andy und erzählte, sein Bruder habe einige Zeit im Gefängnis gesessen, weil er in öffentlichkeitswirksamer Form – die genauen Umstände sind in Simbabwe im Prinzip nebensächlich – gegen das herrschende Regime von Robert Mugabe opportuniert hatte, der das Land seit 21 Jahren regiert, als einer der letzten waschechten Despoten Afrikas gilt und deshalb nicht mehr in die Europäische Union einreisen darf.


Lake Kariba
Lake Kariba
Lake Kariba


Er selbst, berichtete Andy, sei bei den letzten Wahlen raus auf das Land gefahren und habe dort gefilmt, wo Mugabe bisher immer verdächtig viele Stimmen bekommen hatte, wo aber tatsächlich überhaupt keine Menschen wohnen. Das alles habe gewaltig nach Wahlbetrug gestunken, aber wen hätte das verwundert?

Für seine Undercover-Recherchen jedenfalls schien der stämmige Ex-Rugbyspieler – nun Geschäftsmann, wie er betonte – nicht allzu drakonisch bestraft worden zu sein, saß er doch als freier Mann am Kariba-Stausee und ließ es sich an diesem späten Februarabend ziemlich gut gehen.

Es wurde noch einige Zeit schwadroniert, und irgendwann, nachdem etwa zwei Stunden an der Bar vergangen waren, luden uns zwei andere Simbabwer, George und seine Nichte Stacey, in recht angetrunkenem Zustand in ihr Haus ein. Es sollte sich nur unweit des Camps direkt am Ufer des Sees befinden.

Das Gepäck wurde rasch aus den netten Hütten auf einen Jeep verladen, und bevor der aus der Trinklaune heraus geborene Plan noch richtig abgewogen war, holperte das Fahrzeug über die bucklige Erdpiste durch die Nacht. Wir tranken Dosenbier, bei besonders tiefen Schlaglöchern schäumte es uns über die Hände.

Im Prinzip war es völlig ausgeschlossen, im Halbdunkeln eine Straße zu erkennen, aber schlussendlich standen wir vor einem sauber verputzten Haus mit einem spitz zulaufenden Holzdach, dem zweistöckigen Anwesen unseres Gastgebers.


Lake Kariba


George – das wurde schnell klar – schien in Simbabwe einiges richtig gemacht zu haben. Wir blickten bei raffiniert gewürzten Hähnchenflügeln von einer überdachten Veranda über den Pool auf den nächtlichen See.

Plötzlich war da ein Schnauben unter den Bäumen auf der Wiese, und tatsächlich, nachdem wir einige Minuten angestrengt in die Dunkelheit gespäht hatten, lief ein ausgewachsenes Flusspferd durch den Garten.

George schloss das Gatter ab und führte uns in eines der Schlafzimmer, es lag direkt unter dem Dach. Der Tag war ziemlich anstrengend gewesen, wir waren von Harare herauf nach Kariba gefahren, über die staubigen Überlandstraßen.

Am nächsten Morgen wachten wir zum letzten Mal innerhalb der Staatsgrenzen Simbabwes auf. Eine rote Sonne hing am diesigen Himmel.

Heute, so war der Plan, wollten George und Stacey mit uns noch einmal raus auf den See fahren, eine Einladung, die wir angesichts der horrenden Nationalpark-Eintrittsgelder, die an das Einkommensniveau der herumreisenden Westler angepasst sind, dankend annahmen.

Mit einem stark motorisierten Boot ging es hinauf auf das Wasser. Wir sahen Büffel, Elefanten, Hippos und Krokodile. Trotz akribischen Ausschauhaltens war beim besten Willen nicht eine einzige Umzäunung irgendeines Tierreservats zu erkennen.

Hier war alles Wildnis, und wenn man ins Wasser fiel, wurde man womöglich gefressen.


Lake Kariba
Lake Kariba
Lake Kariba


Später am Tag luden wir unsere Gastgeber am Hafen zum Essen ein und wurden dankenswerter Weise bis zur Grenze nach Sambia gefahren, zur großen Dammmauer des Kariba-Stausees. Von dort erwischten wir noch einen Minibus nach Lusaka, der die sambische Hauptstadt spät am Abend erreichte. Das klappte alles noch so gerade.

Manchmal passiert es nämlich, erzählte uns George, dass die Menschen aus Kariba zum Supermarkt fahren, und wenn dann ein Elefant auf der Straße steht ohne Anstalten sich zu bewegen, dann fahren die Menschen aus Kariba an diesem Tag eben nicht zum Supermarkt.



Kariba auf einer größeren Karte anzeigen

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Maboneng ist das hippste Viertel Johannesburgs. Es liegt in einer der gefährlichsten Gegenden der Stadt. Die Jeunesse dorée flaniert, wo die Ärmsten im Dreck leben. Kann das funktionieren? Eine Reportage.

John Wessels war draußen auf den Straßen, als die Polizei von Johannesburg mit Gummigeschossen auf die Männer feuerte, deren wütende Gesichter von den Flammen der brennenden Barrikaden erleuchtet wurden. Wessels war mittendrin. Der junge Südafrikaner ist Pressefotograf. Die Proteste der armen Leute gegen die Zwangsräumungen der besetzten Gebäude hier in Jeppestown, einem Viertel südöstlich der berüchtigten Downtown, die musste er natürlich ablichten. »That was heavy shit«, sagt Wessels über diesen Tag, der gerade einen Monat zurückliegt.

Für einen Besucher, der erst ein paar Stunden in Maboneng verbracht hat, klingt es wie die Geschichte aus einer anderen Welt. Man ist erstaunt. Wer eine Woche in Maboneng unterwegs war, wundert sich nicht mehr.

Maboneng, das bedeutet »Ort des Lichts«. Den Namen hat sich die Immobiliengesellschaft Propertuity ausgedacht, die das kleine Viertel in einen Szenebezirk umgewandelt hat. Es ist ein Kunstname, mehr eine Verheißung als eine geografische Bezeichnung. Die Nachbarschaft liegt genau zwischen Jeppestown und dem Stadtteil Doornfontein, bislang umfasst sie kaum mehr als die unmittelbaren Seitenstraßen entlang der Fox Street. Doch ihr Ruf geht weit über die Häuserblocks zwischen Berea Road und John Page Drive hinaus.

Der Gast aus Deutschland wähnt sich in einer Miniaturausgabe von Berlin-Kreuzberg oder dem Hamburger Schanzenviertel. Das ist natürlich eine eurozentrische Perspektive, aber es erklärt die Gemütslage des Reisenden: überaus entspannt.

In dem kleinen Café Eat Your Heart Out bringt der Kellner gut abgestimmte Smoothie-Kreationen: Rote Beete mit Apfel, Melone mit Minze, Karotte mit Ingwer. Die Speisekarte steht auf einer Schiefertafel, die von einem Holzrahmen eingefasst wird. Der Kaffee ist mild und aromatisch. Im Little Addis Café nebenan gibt es äthiopische Küche, im House of Baobab um die Ecke Spezialitäten aus dem Senegal. Die Fabulous Burger Boys belegen das Rindfleisch auch mit Blauschimmelkäse, es sind junge, gutaussehende, motivierte Männer. Allerbeste Organic-Food-Idylle. Ein Mittagessen kostet vielleicht zehn Euro, für einen Urlauber, der 600 Euro für den Flug nach Südafrika ausgeben kann, ist das – völlig okay.


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Wie Kreuzberg oder Schanzenviertel: die Nachbarschaft Maboneng.


Im Café sitzt auch James Rood, Mitte 30, die Statur eines Footballspielers. »This place is fucking beautiful«, so fasst er die Atmosphäre zusammen. Rood war lange fort und kann sich an diesen Ort hier nicht erinnern.

Der gebürtige Südafrikaner wuchs in Johannesburg auf, als Weißer in Hillbrow, einem der kriminellsten Viertel der Stadt. Er ging nach England, arbeitete für eine norwegische Ölfirma, machte gutes Geld. Jetzt ist er zurück in Südafrika, besucht Verwandte, die Arbeit hat er gekündigt. Es bleibt offen, wieso. Rood ist in Johannesburg also Einheimischer und Tourist zugleich. Die Immobilien in Maboneng sind erschwinglich für ihn. Es ist womöglich dieser sonnige Tag im April, der seinem Leben eine neue Wendung geben wird.

Samstagmorgen, das Wochenende hat begonnen. Stilsicher gekleidete Bohemiens führen ihre Garderobe aus: Skinny Jeans, Vintage-Shirts, Sakkos mit Einstecktuch, Sneaker in Bonbonfarben, schwere Goldketten, die mit großem Ernst, aber wohl doch ein wenig halbironisch getragen werden. In dieser »connected urban neighbourhood«, so steht es auf einem Schild, sind die Leute gut drauf, was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass sie für südafrikanische Verhältnisse ziemlich wohlhabend sind. Die Touristen aus Europa, die vom Stil her deutlich gegen die Einheimischen abfallen, laufen staunend die Fox Street entlang und fragen sich, ob sie hier wirklich in der Innenstadt von Johannesburg sind. Kurze Erinnerung: Sicherheitsleute stehen an jeder Straßenecke.


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Shoppen und Schlemmen – beschützt von einer privaten Sicherheitsfirma.


Johannesburg hatte lange den Ruf als gefährlichste Stadt der Welt. Das war in den neunziger Jahren, als die Apartheid abgeschafft worden war und die Geschäftsleute die Innenstadt verließen, um sich im Norden der Stadt niederzulassen. Die Mordrate soll damals die Zahl der Verkehrsunfälle überstiegen haben. Heute hat Johannesburg einen kleinen, gesunden Hype. Die Downtown gilt für weiße Touristen allerdings immer noch als No-Go-Zone. Nicht aber Maboneng.

»It was a rough place«, erzählt Dario Manjate, der die Gegend schon kannte, bevor Propertuity 2009 damit begann, Gebäude aufzukaufen und an junge Unternehmer zu vermieten. Der Künstler ist an diesem Abend nach Maboneng gekommen, weil in der Galerie Imba Ya Sarai eine Ausstellung eröffnet, die seine Werke zeigt. Es sind Collagen aus Magazinschnipseln, mit etwas Abstand erkennt man darin ein Frauengesicht. Es gehört Manjates Nichte.

Dreimal sei er in der Downtown mitten am Tag überfallen worden, berichtet der Südafrikaner. Gäbe es Maboneng nicht, sagt er, dann müsste man in der Gegend große Angst haben. Er habe nie geglaubt, dass es hier einmal so sicher sein würde. In den Häusern der Nachbarschaft könnten sich keine Kriminellen mehr verstecken, im Gegensatz zu den »vandalized buildings« ganz in der Nähe. »I hope there will be more places like this«, sagt Manjate. Für ihn als Künstler wäre das förderlich.

»This place became a hotspot«, findet auch Ben Tuge, ebenfalls Künstler, der hier seine Werke ausstellt. Er trägt eine schwarze Lederjacke, schwarze Mütze, die Brille hängt ihm vor der Brust. Tuge kam vor 15 Jahren aus Simbabwe nach Südafrika. Auch die Kunst sei für ihn eine Reise gewesen. »You have to practice. You have to understand yourself.« Seine aus weichem Holz geschnitzte, etwa einen Meter hohe und überaus anmutige Frauenfigur kostet 18.000 Rand. Der deutsche Besucher rechnet nach: mehr als 1000 Euro, doch etwas zu viel für ein Mitbringsel.


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Künstler Ben Tuge: drei Monatseinkommen für eine Statue.


Die Menschen, die vor einem Monat nur ein paar Blöcke weiter auf die Straße gingen und irgendwann Geschäfte geplündert haben, müssten für Ben Tuges Figur statistisch gesehen ungefähr drei Monate arbeiten – wenn sie Arbeit hätten. Es sind solche Zahlenspiele, die vielleicht erklären, warum die Stimmung so aufgeheizt ist, dass sie sich in einem derartigen Gewaltausbruch entladen hat. »It was just a matter of time until Jeppe locals stood up against the aggressive development of Maboneng«, kommentierte eine Frau auf Twitter.

Fotoreporter John Wessels fährt den Ort des Geschehens noch einmal ab. Er steuert seinen Wagen über die Main Street, dann in die Betty, die Marshall und rüber zur Madison. Er fährt nicht zu schnell und nicht zu langsam. Und nicht zu weit nach Süden, denn er will nicht, dass sein Gesicht dort erkannt wird.

Keine zehn Minuten zu Fuß von Maboneng entfernt steht das sogenannte Hostel, wo früher die Mitarbeiter der staatlichen Minenfirma wohnten, eine Wohnbaracke, in der heute mehrere hundert Männer unter erbärmlichen Bedingungen leben. Das Haus wurde wie so viele Gebäude in der Innenstadt irgendwann einfach besetzt. Wessels fährt nicht direkt dort vorbei. Aber er zeigt die geplünderten Shops in der Nähe, die Einschusslöcher der Polizeigeschosse, Schmauchspuren an den Fassaden.

Viele Menschen hier seien in Gangs organisiert, erzählt Wessels, der auf seiner Fahrt die andere, die Kehrseite von Maboneng zeigen will, wie er sagt. Die Demonstration sei gut abgestimmt gewesen, alle hätten Bescheid gewusst. Wie auf Kommando seien Steine von den Dächern geflogen, als die Polizei anrückte. Er hat Männer auf den Häusern schon mit Feuerwaffen gesehen.

Wessels kennt die Gegend gut, er wohnt seit einiger Zeit in Maboneng, aber nimmt gewissermaßen die Rolle des neutralen Beobachters ein. Er grüßt die Verkäufer auf dem nahen Zulu-Markt, den Schrotthändler aus Indien, die Einwanderer aus Benin oder Mosambik mit ihren kleinen Shops, den ehemaligen Jäger und Extremsportler Swazi Werner in seiner Zebra Bar, wo fast hundert ausgestopfte Antilopen, Zebras und Affen an der Wand hängen. Wessels hält ihn fest: den Gegensatz aus Arm und Reich, der hier auf besonders engem Raum offensichtlich wird.


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Aufstand der Armen: Spuren der Verwüstung in Jeppestown.


Alles sei ein Missverständnis gewesen, erklärt Bheki Dube, Betreiber der Curiocity Backpackers an der Fox Street. Auch ein Hostel, aber in diesem Fall erste Anlaufstelle für Traveller, die auf ihrer Südafrika-Rundreise keinen Bogen um Johannesburg machen. Propertuity habe den kritischen Räumungsbescheid nicht geschickt, sondern eine andere Immobilienfirma, sagt Dube. Das ist richtig. In den lokalen Medien und sozialen Netzwerken wurde spekuliert, welches Unternehmen es dann gewesen sein könnte, Propertuity jedenfalls nicht. Doch das Vorzeigeprojekt Maboneng war als Projektionsfläche für die Wut der Habenichtse einfach zu passend. Weil der Aufstand von der Polizei niedergeschossen wurde, kehrte allerdings schnell wieder Ruhe ein.

Bheki Dube spricht nicht so gerne über die denkwürdige Nacht vor vier Wochen. Lieber erzählt er von der Zukunft. »This is the most talked-about neighbourhood of Johannesburg«, sagt er. Zwar gibt es auch andere Kreativstandorte wie 44 Stanley in Richmond, aber dort ist alles gehobener, es werden antike Möbel aus Europa verkauft, und Melville ist nicht fern, wo man über keine Mauer steigen kann, ohne dass der Strom einen umwirft. Maboneng dagegen hat einen wilden Ruf.

Die überschaubare Nachbarschaft könne ein Vorbild für die Stadt sein, findet Dube. Tatsächlich will die Stadtregierung die Downtown wiederbeleben, riesige Plakate an leerstehenden Hochhäusern kündigen eine »radical transformation« an. Dube sieht in Maboneng so etwas wie einen Funken, der die ganze Stadt anfeuern könnte. Er wählt eine andere Metapher: »Let the bubble grow, let it explode and spread up.« Dube lässt keinen Zweifel daran, dass er es ernst meint.

Der Selfmade-Unternehmer ist Fotograf, er reiste durch Südafrika und machte Bilder von Hostels, schaute sich Konzepte an. Dann kam Propertuity mit CEO Jonathan Liebman, der unter anderem in Brooklyn gelernt hat, wie man verrufene Stadtteile in Szeneviertel verwandelt. Das Curiocity war geboren, Ableger in Kapstadt und Durban sind schon geplant. »In five years this will be the leading hostel in South Africa«, prognostiziert Dube. Er ist 23 Jahre alt.

Das Curiocity ist ein Ort, wie ihn sich der Reisende wünscht: Industriedesign, günstige und saubere Zimmer, freundliche Mitarbeiter, die Stadtführungen und Ausflüge organisieren und dem Gast das Gefühl vermitteln, auf Augenhöhe mit ihm umzugehen. Man erzählt die spannende Geschichte, dass sich Nelson Mandela einst in dem Gebäude versteckt hielt, als er in der Zeitschrift »Fighting Talk« für den African National Congress (ANC) politische Streitschriften veröffentlichte. Abends wird zusammen Billard gespielt, und viele Touristen hier glauben, schon nach kurzer Zeit kleine Freundschaften mit den »locals« zu schließen.

Der in Deutschland etwas überstrapazierte Kampfbegriff Gentrifizierung ist auch in Johannesburg ein Schlagwort, das für Diskussionen sorgt. Dube hält ihn mit Blick auf Maboneng für nicht passend. »The rents go up. That’s natural progression«, sagt er. Im Übrigen brauche man das Geld der »upper class« – er hält kurz inne und ergänzt: und der »middle class« – um ein Viertel zu entwickeln. Wenn die Regierung sich so ein Projekt vornehme, dann dauere das drei oder vielleicht auch fünf Jahre, bis etwas passiert. Oder es tut sich überhaupt nichts. Propertuity ist da deutlich schneller und mit seiner Expansion noch lange nicht am Ende.


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Curiocity Backpackers, Bheki Dube, Maboneng: ein gutes Geschäft.


An der Ecke Beacon / Lower Ross steht James Rood vor einem gewaltigen Wohnblock mit dem Konterfei Mandelas. Propertuity renoviert das Gebäude, Arbeiter hocken auf dem Dach, im Erdgeschoss gibt es ein Geschäft, das durch ein Schild schon als zukünftige Cupcake-Bar ausgewiesen ist. Die Immobilienfirma informiert über die Apartments, die hier entstehen sollen. 45 bis 65 Quadratmeter, das sei für ihn zu wenig, sagt Rood. 100 Quadratmeter seien besser. Im Curiocity lässt er sich später die Baupläne des Wohnkomplexes zeigen.

Propertuity gehören nach eigenen Angaben bereits mehr als 35 Gebäude in der Gegend. Maboneng soll vor allem nach Norden hin wachsen, mit Prestigeobjekten wie dem Hallmark House an der Siemert Road, »the most desirable lifestyle space on the African continent«, wie es in der Werbebroschüre heißt. Die Penthouse-Suite hat 125 Quadratmeter plus eine 48 Quadratmeter große Außenterrasse. Aber auch südlich der Fox, mehr in Jeppestown, sind moderne Apartmentkomplexe geplant. Eines heißt Craftsmen’s Ship, designt vom bekannten südafrikanischen Künstler Stephen Hobbs. Insgesamt 193 Wohneinheiten gibt es, außerdem einen Pool. 29 Quadratmeter sind für knapp eine halbe Million Rand zu haben, das sind 30.000 Euro, ein echtes Schnäppchen.

Noch sehen viele Straßenzüge trostlos aus. Ärmlich gekleidete Menschen schieben sich an Häuserwänden entlang, Ratten wühlen im Müll, aufgerissene Bürgersteige. In welchen Gebäuden einmal die urbane Kreativelite Johannesburgs residieren wird, davon zeugen an vielen Stellen bislang nur Graffitis. Es sind keine hingeschmierten Tags, sondern großflächige Kompositionen von angeheuerten Künstlern, so wie das Bild von Mandela, das Touristen begeistert von der tollen »Street Art« schwärmen lässt. Propertuity bedient sich einer Ausdrucksform der Straße, aber es bleibt offen, ob es ein Zeichen der Annäherung ist oder der Verdrängung, die Vereinnahmung des Gegners mit den Mitteln der anderen Seite.


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Streifzug durch Maboneng und Umgebung: Penthouses im Elendsviertel.


Auf dem Food Market im Arts on Main, einer alten Lagerhalle, in der Maboneng gewissermaßen seinen Ausgang nahm, stellt man sich solche Fragen eher nicht. Dafür gibt es ausgezeichnete Küche. Thai-Gerichte, Currys, Buritos, Kuchen, craft beer aus Soweto. An vielen Ständen werden Probierhäppchen angeboten. Alles wirkt erstaunlich bürgerlich. Als Vorbild dient der Neighbourgoods Market in Bramfontein, der auch erst 2006 von zwei jungen Kreativen gegründet wurde und für das neue, trendbewusste Johannesburg steht. Viele Köche trifft man auf beiden Märkten. »Kulinarik ist ein großes Thema«, mit einer solchen Leerformel würden Tourismusvermarkter die Bedeutung des Arts On Main für Maboneng umschreiben.

Viele Touristen snacken sich hier durch den Mittag, aber auch wohlhabende Johannesburger aus den reichen Vororten im Norden, aus Sandton und Rosebank, wo es aussieht wie in Europa. Sie kommen mit ihren Limousinen und SUVs herunter, weil diese Nachbarschaft ein hippes und zugleich sicheres Wochenendvergnügen verspricht. Und tatsächlich wirkt ja eine Gated Community wie zum Beispiel Melrose im Gegensatz zu Maboneng unendlich trostlos.

Abends verlagert sich das Treiben in Richtung Patapata. In dem Restaurant werden Weinflaschen entkorkt und zarte Filets serviert. Im Theater nebenan interpretiert eine junge Künstlergruppe an diesem Tag Shakespeares Sommernachtstraum. Und in der Rooftop-Bar in der Kruger Street genießen junge Menschen ihren Sundowner. Ein DJ legt auf, über Johannesburg geht die Sonne unter. Maboneng, das ist ein Ort für die neue kreative Klasse im Sinne Richard Floridas, die Avantgarde der Globalisierung, junge Unternehmer, für die guter Geschmack und Stilempfinden immer schon fast genauso wichtig waren wie Produktivität und Geschäftssinn.

Eine junge Schmuckdesignerin auf dem Arts On Main hat eine andere Perspektive auf das Viertel: »It’s escapist land. It’s a peep show.« Die junge Frau will nicht, dass ihr Name irgendwo erscheint, sonst werde sie nicht mehr eingeladen. »You can’t have one street that is paralyzing clean, and everything around is falling apart«, sagt sie. Die lokale Gemeinschaft profitiere kaum. »They call it community development, but it isn’t.« Man nutze die Menschen und ihre Kultur für das Image des Viertels. »But how are they empowered?« Inwieweit werden die armen Menschen rund um Maboneng ermächtigt, ihr Leben zu verbessern?


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Organic-Food-Idylle: der Markt im Arts On Main.


Propertuity liefert ein paar Antworten: »A great part of the Maboneng Precinct is about empowering young entrepreneurs and growing the local economy«, teilt das Unternehmen mit. Günstige Mieten sollen den Menschen die Möglichkeit geben, ihr eigenes Geschäft zu starten. Es gibt das Konzept »Made in Maboneng«, das den Verkauf von lokal hergestellten Waren fördern soll. Mit dem Lalela Project hat sich eine Initiative in Maboneng eingemietet, die Kinder von der Straße künstlerisch ausbildet, um ihnen auf diese Weise ein Einkommen zu bescheren. In einer Galerie werden Shirts und Postkarten der Marke iwasshot in joburg verkauft. Das gefährliche Image der Stadt kommerziell vermarkten, um den armen Kids zu helfen: Warum nicht?

Dass sich Maboneng und die Welt jenseits seiner Grenzen aber höchstens im Rahmen von Charity-Projekten näherkommen, dürfte allein am Preisniveau liegen. Kaum einer der ansässigen Bewohner kann es sich leisten, hier zu essen, zu feiern, zu wohnen oder einzukaufen. Das Kulturangebot des Viertels wird von und für Menschen gestaltet, die nicht aus Jeppestown kommen. Der Pub Fox Denn, wo zu hypnotischer Musik billiges Bier getrunken wird, liegt eine Minute vom Patapata entfernt. Doch es sind zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben.

James Rood fährt nachts mit einem Mietwagen durch die Stadt. Er war in Melville essen, abends ist dort nicht mehr viel los. Das Auto rollt jetzt durch Hillbrow, das Viertel seiner Kindheit, zurück in Richtung Maboneng. Der Strom ist ausgefallen, das passiert gerade häufig in Johannesburg, weil die Kraftwerke überlastet sind. Rood schnippt die Zigarette aus dem offenen Fenster in die Düsternis der Nacht und denkt nach. Soll er zuschlagen? »Maybe that’s the most stupid idea of my life«, sagt er. Am Ende wird er zwei Apartments kaufen.

Letzter Abend in Maboneng, das Patapata hat heute geschlossen. Überhaupt ist es verdächtig leer im ganzen Viertel. In Südafrika kommt es gerade zu rassistischen Ausschreitungen gegen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern. In Durban haben sie einem Mann einen Autoreifen übergestülpt und diesen in Brand gesteckt. Die Shops der Einwanderer in Jeppestown sind verbarrikadiert. Wieder gibt es Plünderungen, brennende Reifen, Schüsse in der Nacht. Die Mitarbeiterin im Curiocity Backpackers öffnet die Vordertür und lauscht in die frische Aprilluft. Die Straße hinauf grölen Männer. »It is not safe«, sagt sie.

Für Propertuity ist Maboneng ein gutes Geschäft. Aber auch eine Vision, die von der Haltung getragen ist, die Welt besser zu machen. Womöglich geht beides oft Hand in Hand. Es ist ein Ort, an dem der Reisende aus Mitteleuropa seine Lebenswelt wiederfindet und sich deshalb wohlfühlt. Gentrifizierung auf die harte Tour, in einem Land, wo die Reichen besonders viel haben, die Armen gar nichts, und der Staat keinen Ausgleich schafft. »Maboneng is a place of light«, erklärt Propertuity, »and home to the children of the world.« So einfach ist es nicht.


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Eindrücke aus Maboneng.

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Das Sommerhaus am See ist in Finnland mehr als eine Ferienunterkunft. In der Hütte zwischen Wald und Wasser, dem Mökki, findet der Finne zu sich selbst. Diesem Geheimnis wollte ich auf die Spur kommen.

Wenn die Finnen einen Sehnsuchtsort haben, dann ist es das mökki, das Sommerhaus am See. Dort saunieren sie und schwimmen, grillen und fischen. Sie fahren mit dem Boot aufs Wasser und gehen in den Wald, um Beeren und Pilze zu sammeln, was jeder darf in Finnland. Oder sie sitzen einfach zusammen und lassen den Tag den Tag und das Leben das Leben sein. Es geht um die Natur und darum, nichts zu wollen, also um eine große Kunst des Daseins.

Das Refugium zwischen Wald und Wasser, den beiden bestimmenden Elementen der finnischen Seenlandschaft, ist kein Prestigeobjekt für eine elitäre Oberschicht, nach dem Motto: fleißig durchmalochen, zu Geld kommen, dann Exit und ihr könnt mich alle mal, Endstation Haus am See. So denken vielleicht die Deutschen.

Der deutsche Großstädter hat seinen Kleingarten. Die räumliche Enge erscheint zwingend in einem Land mit 80 Millionen Menschen, aber vielleicht ist das auch eine Mentalitätsfrage. Die Finnen haben auf jeden Fall kein Raumproblem, mit ihren genügsamen fünfeinhalb Millionen Einwohnern auf einer Fläche fast so groß wie die Bundesrepublik. Doch das mökki ist vor allem Ausdruck einer Haltung.

Kein Statussymbol ist das Sommerhaus, sondern Teil eines Alltags, den man sich so oft es geht so angenehm wie möglich gestalten will. Viele mökki sind seit Generationen in Familienbesitz. Es gibt spartanische Hütten ohne Strom und warmes Wasser, eingerichtet nur mit dem Nötigsten, aber auch mehrstöckige Fünf-Sterne-Häuser zum Mieten: 250 Quadratmeter Wohnfläche, Bootsanleger, drei Schlafzimmer, Whirlpool, High-Tech-Grill. Komfort muss nicht sein, doch in jedes mökki gehört eine Sauna.


Das Haus am See ist der Sehnsuchtsort der Finnen.


Ich war nach Finnland gereist, um eine Geschichte über die Seenplatte im Südosten des Landes zu schreiben. Das war der vordergründige Plan. Doch eigentlich wollte ich der finnischen Freizeitkultur auf die Spur kommen. Welches Lebensgefühl steckt dahinter? Kann man sich wie ein Finne fühlen, wenn man in einem mökki in der Sauna sitzt und nur stark genug dampft und schwitzt? Kein leichtes Unterfangen, anmaßend womöglich. Und am Ende sollte ich Antworten auf ganz andere Fragen erhalten, aber das ist ja oft so – dass man eine bestimmte Sache sucht und eine andere findet, was keineswegs schlecht sein muss.

Die Finnische Seenplatte war mir als perfekter Ort für mein Vorhaben sofort ins Auge gefallen. Ein kurzer Blick auf die Karte genügt, und man erkennt ein blaugrünes Mosaik aus Inseln und Gewässern. Ein besonders großer Klecks Blau stellt den Saimaa dar, den größten See Finnlands. Allein in diesem Seensystem stehen fast 45 000 Ferienhäuser, in ganz Finnland etwa eine halbe Million.

Mein Finnair-Flug ging von Berlin über Helsinki nach Savonlinna. Von dort war es nur eine kurze Autofahrt zum Linansaari-Nationalpark, einem geschützten Teil des Saimaa-Gebietes. Die Maschine landete inmitten abertausender Kiefern und Fichten. Der Flugplatz wirkte so menschenleer wie ein Hochsitz im Wald.

Kaum konnte ich Luft holen, saß ich in einem violetten BMW Z3 Cabriolet, der von einer jungen Frau vom örtlichen Tourismusbüro gesteuert wurde. Tanja hatte den Auftrag, mir die Region zu zeigen, damit ich Material für meine Geschichte bekam. Sie war freundlich, aber ohne künstlichen PR-Ton in der Stimme. Zurückgenommen, ohne reserviert zu wirken. Und sie sagte ständig »Fiß« statt »fish« (zum einen ist das Thema Fisch in diesem Teil Finnlands unvermeidlich, zum anderen haben die Finnen ein Problem damit, das deutsche »sch« korrekt auszusprechen). Allein in der Sekunde der falschen Aussprache verwandelte sich diese Frau, die wie alle Finninnen eine kluge und selbständige war, in ein niedliches Mädchen.

Mit dem Sportwagen durch die Landschaft zu heizen, hatte in meinen Augen wenig mit der Ursprünglichkeit des finnischen Sommerlebens zu tun. Aber irgendwie mussten wir in der nur spärlich besiedelten Region von A nach B kommen.

Die erste Unterkunft meines Aufenthalts war das Hotel & Spa Resort Järvisydän. Es lag direkt am See, hatte aber wenig mit einem mökki zu tun, das ich ja eigentlich suchte. Stattdessen gab es alle Vorzüge eines modernen Hotels und eine Sauna in der privaten Blockhütte. Die Bewusstseinserfahrung Sommerhaus ließ sich scheinbar mit Komfort vereinen.


Die Natur Finnlands: Wald und Wasser.


Am nächsten Tag fuhren wir mit Kajaks hinaus auf den See. Tanja hatte ihr Cabrio ohne mit der Wimper zu zucken gegen ein wackliges Boot getauscht und die schicke Sommerjacke gegen eine Schwimmweste. Wir paddelten. Zum ersten Mal genoss ich es, hier draußen in der Natur unterwegs zu sein, ich war ihr ganz nahe.

Auf einer kleinen Insel stand eine Frau am Ufer, die sich als Barbara vorstellte. Die 69-jährige deutsche Auswanderin wohnte seit 13 Jahren in ihrem mökki mitten im Linansaari-Nationalpark. Sie hatte, so schien es, ihr Glück gefunden. Meine Neugier auf Finnland, seine Seen und die einsamen Ferienhäuser konnte sie nur allzu gut verstehen. »Immer mehr haben Burn-out, die wollen alle ihre Ruhe.« Ich stimmte zu, ohne mich angesprochen zu fühlen. Ruhe ja, Burn-out nein.

Eines muss man sagen: Das Setting für perfekte finnische Ferien stimmt im Linansaari-Nationalpark. Der Besucher kann mit seinem Kajak von Insel zu Insel paddeln und immer wieder einen Halt zum Wandern einlegen.

Auf der Hauptinsel des Parks traf ich den örtlichen Guide Jari. Touristen hatten in der Nähe des Anlegers ihre Zelte aufgeschlagen, doch wir wollten die Insel erkunden. Oft kämen Elche herübergeschwommen und legten sich ganz oben auf der Spitze des Eilands ins Gras, erzählte Jari. Der Wanderweg dorthin war ziemlich zugewachsen. Zwischen alten Fichten und Espen lagen bemooste Felsen wie in einem Fabelwald. Ich sehnte mich nur noch mehr nach einer einsamen Hütte.


Unterwegs im Linansaari-Nationalpark.


Weiter ging es nach Oravi an der Grenze des Nationalparks. In dem Ort konnte man jedes erdenkliche Zubehör zum Campen und Fischen kaufen: von Angeln und Köchern über Zelte, Isomatten und Schwimmwesten bis zu Brennern und Gas in Kartuschen. In einem Laden hingen Bildern von stolzen Männern an der Wand, die riesige Zander und Hechte in die Kamera hielten. Manche Russen, berichtete der Verkäufer, machten die Fische am Computer noch etwas größer.

Aufgrund der geografischen Nähe verbringen viele Russen im Saimaa-Gebiet ihren Urlaub. Doch die Russen mag in Finnland niemand, seit die Rote Armee 1939 ins Land einfiel. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Finnland neutral, ständig eingekeilt zwischen den zwei großen Machtblöcken. Fortan machten die Finnen vieles richtig, während die Sowjets vieles falsch machten. Finnland ist heute eines der wohlhabendsten, gebildetsten und emanzipiertesten Länder der Welt. Vom großen Nachbarn kann man das nicht behaupten.

Tanja zeigte mir Savonlinna mit seiner Burg Olavinlinna, die als die am besten erhaltene mittelalterliche Festung Nordeuropas gilt. Wir aßen kalakukko, Maränen im Brot, also erneut »Fiß«. Dann bestiegen wir einen 108 Jahre alten Dampfer und unternahmen eine Bootsfahrt. Am Ufer zogen in großzügigen aber regelmäßigen Abständen die mökki vorbei, angestrichen in Rot, Gelb und Weiß: Symbole nicht enden wollender Sommer am See. Meine Sehnsucht wurde erneut befeuert.


Mittelalterliche Festung in Savonlinna: die Burg Olavinlinna.


Was machte nur den Reiz des mökki aus? Gib einem Finnen sein Haus am See, und er ist glücklich – davon war auszugehen. Keine Frage: Wenn man mit Familie und Freunden beisammensitzt, kein Zivilisationslärm stört und der Sommerhimmel auch um Mitternacht noch nicht finster geworden ist, scheint der Weg zum Glück kurz zu sein.

Findet sich im mökki vielleicht die Einsicht, dass alles egozentrische Schaffen und Streben, alle kühnen Ambitionen und inneren Kriege unter dem Spiegel des Universums nichts als Schall und Rauch sind? Doch sind die Finnen nicht auch jenes Volk, das sich ständig komatös betrinkt und einander besonders häufig im Suff und Affekt ermordet? Schweigen die finnischen Männer wirklich nur aus Höflichkeit so viel, oder weil letztlich alles vergebens ist?

Wir übernachteten östlich von Savonlinna in einer Ferienanlage mit komfortablen Hütten direkt am See. Hierhin verschlug es wohl Finnen, die erstaunlicherweise nicht im Besitz eines eigenen mökki waren. Die Landschaft rund um das Ferienareal war genauso schön wie überall sonst. Der See schimmerte klar und kühl.

Tanja und ich fuhren, nun wieder im violetten BMW Z3 Cabriolet, nach Kerimäki, wo die größte christliche Holzkirche der Welt stand. Bis zum Kreuz am Dachfirst waren es 37 Meter. Emporen, Rundbögen, Kuppeln und Dachlaternen schmückten das Gotteshaus. Es war deshalb so groß, weil man allen Mitgliedern der Gemeinde gleichzeitig die Teilnahme an der Messe ermöglichen wollte. Dafür musste allerdings jeder bei den Bauarbeiten mithelfen. Pfingsten 1848 wurde die Kirche eingeweiht.


In Kerimäki steht die größte christliche Holzkirche der Welt.


Dann fuhren Tanja und ich mit einem Paddelboot auf eine unbewohnte Insel und wanderten relativ schweigsam durch die Wälder. Es war ein sonniger Tag, das Licht fand seinen Weg durch die Äste bis auf den Waldboden. Dass die Finnen oft lange Zeit gar nichts sagen, ist keineswegs ein Zeichen von Desinteresse. Man möchte sich nicht aufdrängen. Man spricht nicht um des Redens willen. Warum sollte man die angenehme Stille des Waldes durch überflüssige Plauderei vertreiben?

Kein anderes Land in der EU verfügt über einen so großen Waldanteil wie Finnland, rund 70 Prozent sind es. Der Wald ist praktisch überall. Der kleinste Anteil dieser Fläche besteht noch aus echten Urwäldern, aber ein Laie erkennt den Unterschied sowieso nicht. Der Finne liebt den Wald – er hat auch keine andere Wahl.

»In vorchristlicher Zeit waren die Wälder unsere Kirche«, erklärte mir Anna-Maria. Sie arbeitete im Forstmuseum Lusto, unweit von Savonlinna. Das Gebäude war der Form eines Baumstumpfes nachempfunden, alles sah natürlich und modern zugleich aus. In Sachen Design machte den Nordeuropäern einfach keiner etwas vor.

Mit Religion hatte ich nichts am Hut, aber der Wald begeisterte auch mich seit frühester Kindheit. Im Museum erfuhr ich vom »Geist des Waldes«, einer unsichtbaren Energie, die gemäß altem finnischen Volksglauben in vielerlei Form in Erscheinung treten konnte – meist als mächtiger Bär. Der Wald habe magische Kräfte, hieß es auf einer Schautafel. Er könne Krankheiten heilen, aber den Menschen auch in den Wahnsinn treiben. Was genau das eine begünstigte und das andere verhinderte, erfuhr ich leider nicht. Es lag wohl, überlegte ich, wie so oft am Menschen selbst.


Wo ist der Geist des Waldes?


Außer Frage stand für mich, dass ich der Seele des mökki nicht in einer Ferienunterkunft auf die Spur kommen würde. Ich brauchte Zugang zu einem authentischen finnischen Ferienhaus in Privatbesitz. Tanja war bemüht, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Sie tätigte ein paar Anrufe. Tatsächlich, eine Freundin sei über das Wochenende verreist, ich könnte eine Nacht in ihrem Haus am See verbringen.

Das Haus der Freundin lag in relativer Abgeschiedenheit im Wald, nur zwanzig Meter vom See entfernt. Wenn ich »vom See« schreibe, dann klingt es so, als habe es stets immer nur den einen See gegeben, um den herum sich diese Reise abspielte, aber das ist natürlich Unsinn. Es gab, wie eingangs erwähnt, unzählige Seen hier im Südosten Finnlands.

»Am See« zu sein taugte nicht als Ortsangabe, es war mehr eine Gemütsbeschreibung. Man war am See oder nicht. War man es nicht, galt es, schleunigst dorthin zu kommen. Im Sommer ist der See für die Finnen wie ein Gravitationspunkt, in dem sich eine Art natürliche Ordnung einstellt. So kann das Leben aussehen, wenn man es einmal hinter sich lässt – bis der Winter kommt.

Tanja fuhr zurück in die Stadt, und ich saß eine Weile vor der Hütte, nunmehr vollkommen allein. Das Tageslicht schwand bereits. Ich hörte dem Wald zu, der mich ganz weltlich bezirzte. Irgendwann wurde es dunkel. Ich ging hinein ins mökki und entzündete einige Kerzen, denn Strom gab es nicht. Genau so sollte es sein.

In der Hütte befand sich natürlich eine Holzsauna. Ich legte einige Scheite in den kleinen Ofen und entfachte ein Feuer. Die Sauna heizte sich auf. Als die richtige Temperatur erreicht war, setzte ich mich hinein. Ich wollte, nein ich musste schwitzen. Durch ein kleines Fenster konnte ich hinaus auf den See schauen, der im Mondlicht schimmerte. So saß ich da, dampfend und immer tiefer atmend, draußen die Schwärze der Nacht, drinnen nur der flackernde Schein der Flammen.

Nach einer Viertelstunde trat ich nackt hinaus in den Wald und ging hinunter zum See. Ich stieg ins Wasser, doch ich fror sofort. Mein Körper dampfte in der Dunkelheit. Ich band mir ein Handtuch um und setzte mich vor der Hütte auf die Bank. Da war ich nun, in einem echten mökki, saunierend wie ein Finne, mitten in der Natur. Und was soll ich sagen? In den Schatten der Nacht lag ein großes Unbehagen.


Abends allein am See.


Die natürliche Bewegung des Reisens und das Unterwegs-Sein waren zu einem Ende gekommen, Körper und Geist heruntergefahren. Und nun? Die verworrenen Gedanken setzten sich nicht klarer zusammen als zuvor. Die Rastlosigkeit war nicht verschwunden, nur für einen Moment nicht mehr so stark. Ich fand nicht zu mir selbst, ich fand – niemanden.

Vielleicht, dachte ich auf der Bank vor dem Haus am See, sind wir immer noch Nomaden, Suchende in der Welt, für die es keinen größeren Trost gibt, als am Ende des Tages um ein wärmendes Feuer zusammenzukommen. Alleine reisen ist einfach, alleine ankommen ist schwierig. Für das mökki gilt das besonders.

Häufig wird zwischen Alleinsein und Einsamkeit unterschieden, als wären das zwei völlig verschiedene Gefühlsregungen. Die eine, sagt man, lädt einen mit positiver Energie auf, die andere erzeugt Traurigkeit. Wahrscheinlich sind es nur die Dosis und der Ort, die den Unterschied machen. Alleine und im Grunde ja zufrieden saß ich vor dem mökki, der laue Wind trug einen dummen Gedanken heran, und wie verlassen kam ich mir plötzlich vor! Beklemmend war die Stille über dem See.

Auch die typische Schweigsamkeit der Finnen – vornehmlich der Männer – erschien mir plötzlich überhaupt nicht mehr als erstrebenswerter Wesenszug. War sie nicht ein Ausdruck dumpfer Bekümmertheit, die nicht gegen sich selbst ankam? Und hatte ich nicht stets erst im Austausch mit anderen und mehr noch im Selbstgespräch wieder zu mir gefunden, wenn die Dinge in meinem Leben zu entgleiten drohten?


Spartanische Unterkunft: mein mökki für eine Nacht.


Der Morgen am See war sonnig und hell und klar. Die Verirrungen der Nacht kamen mir vor wie ein zusammenhangloser Traum. Ich ging noch einmal in den See und wusch mich ab. Bald würde Tanja hier sein. Sie furchte ihren BMW-Cabrio ungerührt von den Bodenwellen über den Waldweg zum Haus am See.

Wie meine Nacht im mökki gewesen sei, fragte Tanja. Ich wollte meine Gedanken nicht ausführlich darlegen. Ganz wunderbar, sagte ich also. Ein Finne war ich nicht geworden, aber doch um eine wertvolle Einsicht reicher. Es war oft schwierig, sich auszuhalten, das ging nur in der Bewegung. Doch wenn ich zur Ruhe kam auf meiner Reise, musste Zerstreuung auf mich warten oder ein Lagerfeuer mit Menschen.

***

April 2017, südlich von Tampere. Dieser Winter ist lang und kalt, selbst für finnische Verhältnisse. Letzte Nacht gab es wieder Frost. Das Dach der Holzhütte trägt eine feine Schneeschicht, genauso wie der Steg. Der See hat nicht mehr als drei Grad. Violett schillert der Abendhimmel am anderen Ufer. Ich trete aus der Sauna und steige ins eiskalte Wasser, wie ein echter Finne. Meine Begleitung sitzt schon drinnen vor dem Kamin. Die Schatten ziehen über den Wald, doch die Hütte ist warm.


Bei Tampere, April 2017.



Weitere Informationen:

Saimma und wieso sich die großen Seen lohnen (Oliver Zwahlen, Weltreiseforum.com)

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Ortler, Königspitze und Monte Cevedale dominieren das Panorama der Ortler Alpen. Zur Vorbereitung auf diese Gipfel dürfen es gerne kleinere Berge sein. Fünf leichte Dreitausender zum Einstieg.

Sulden — In den Ortler Alpen befinden sich mehr als 100 Dreitausender. Viele von ihnen lassen sich aufgrund der günstigen klimatischen Bedingungen auf der Alpensüdseite (niederschlagsarme, trockene Sommer) eisfrei besteigen. Seil, Steigeisen und Pickel können also zu Hause bleiben. Selbst die kleinen Dreitausender der Ortler Alpen sind oft schon höher als 3400 Meter. Von ihren Gipfeln aus lassen sich die wirklich imposanten Ziele ins Visier nehmen: Königsspitze, Cevedale, Ortler, Palon de la Mare und so weiter. Fünf Berge, die vergleichsweise leicht zu ersteigen sind und ein stolzes Panorama bieten.


HINTERE SCHÖNTAUFSPITZE (3325 m)

Hintere Schöntaufspitze

Von der Schaubachhütte aus erscheint die Hintere Schöntaufspitze wie ein lächerlich unbedeutender Geröllhaufen. Der Weg zweigt vom Madritschjoch ab auf den Grat, und dann marschiert der Wanderer noch einmal eine Viertelstunde über unschwierigen Fels auf den Gipfel. Erst ganz oben entdeckt er den nordseitigen, wirklich arg zusammengeschmolzenen Gletscher, der dem Berg immerhin ein wenig hochalpines Flair verleiht. Von der anderen Talseite aus – etwa von der Hintergrathütte oder von der Tabarettahütte – wirkt die Hintere Schöntaufspitze etwas mehr wie eine eigenständige Erhebung. Die Aussicht vom Gipfel fällt auf alle hochkarätigen Berge der Ortler Alpen.


Zufallspitze, Cevedale
Zufallspitze (links) und Monte Cevedale (rechts).

Königspitze
Königspitze.

Zufallspitze, Cevedale, Plaon de la Mare
Zufallspitze, Monte Cevedale, Palon de la Mare, Punta San Matteo (von links nach rechts).


Hintere Schöntaufspitze (3325 m)
Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: ca. 1-2 Stunden oder Seilbahn
Übernachtung: Schaubachhütte (2581 m), +39 0473 613 24, Zimmer für 4 oder 6 Personen, 25 Lager, ab 12 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, Wanderweg, ca. 2 Stunden


SCHILDSPITZE (3461 m)


Schildspitze


Die Schildspitze ist trotz ihrer stattlichen Höhe von der Südseite her ohne Gletscherberührung zu machen. Aber der Zustieg ist lang. Ein markierter Steig führt aus dem Martelltal erst durch das einsame Pedertal (keine bewirtschafteten Hütten) und schließlich über scheinbar nicht enden wollende Platten auf den Gipfel. Bei Regen oder gar Schnee kann die leichte Blockkletterei ungemütlich werden. Dafür fällt der Blick von der Spitze hinab auf den weitläufigen Laaser Ferner. Vertainspitze und Großer Angelus stehen direkt auf der anderen Talseite. Ein einsamer Gipfel, der nur selten bestiegen wird.


Vertainspitze, Großer Angelus
Vertainspitze (links) und Großer Angelus (rechts).

Laaser Ferner
Laaser Ferner.

Veneziaspitze, Cevedale
Veneziaspitzen (links) und Cevedale (rechts).


Schildspitze (3461 m)
Anreise: bis Parkplatz Gasthaus Schönblick (2051 m)
Hüttenzustieg: ca. 30 min
Übernachtung: Zufallhütte (2256 m), +39 0473 744785, Zimmer für 2 oder 3 Personen, ca. 80 Lager, ab 12 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F / I, markierter Steig, ca. 4-5 Stunden


TSCHENGSLER HOCHWAND (3375 m)

Tschenglser Hochwand


Die Tschenglser Hochwand liegt oberhalb der Düsseldorfer Hütte in der Laaser Gruppe der Ortler Alpen. Der Normalweg führt unschwierig, aber über elendes Geröll auf die Spitze. Reizvoller ist der Klettersteig durch die Südwand, der immerhin 400 Höhenmeter überwindet und auf über 3300 Meter führt. Der Steig ist mittelschwer, die Schlüsselstelle wird mit C bewertet. Bei klarem Wetter reihen sich die höchsten Gipfel der Ötztaler Alpen im Norden nebeneinander. Das Dreigestirn aus Ortler, Zebrú und Königspitze ist auch zu sehen.


Ortler-Gruppe
Ortler-Gruppe.

Tschengsler Hochwand
Tschengsler Hochwand Südwand.

Großer Angelus, Vertainspitze
Großer Angelus (links) und Vertainspitze (rechts).


Tschengsler Hochwand (3375 m)
Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: ca. 2-3 Stunden
Übernachtung: Düsseldorfer Hütte (2721 m), +39 0473 613115, info@duesseldorferhuette.com, Zimmer bis 6 Personen, 8-Bett-Lager, ab 12 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, markierter Steig, ca. 2 Stunden; über Südwand-Klettersteig: Schwierigkeit II, Klettersteig C


EISSEESPITZE (3240 m)

Eisseespitze


Mir ist nicht bekannt, woher die Eisseespitze ihren Namen hat. Weder ist sie eine Spitze, eher eine unauffällige Graterhebung, noch gibt es Eis auf dem Gipfel. Der Weg zum höchsten Punkt führt von der Schaubachhütte über den Steckner Steig. Die Route ist ein alternativer Übergang zur Casatihütte, wenn man das im fortgeschrittenen Sommer steinschlaggefährdete Eisjoch umgehen will. In direkter Nachbarschaft erhebt sich die Königspitze.


Zufallspitze
Zufallspitze (links).

Königspitze, Ortler
Königspitze, Monte Zebrú und Ortler (von links nach rechts).


Eisseespitze (3240 m)
Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: ca. 1-2 Stunden oder Seilbahn
Übernachtung: Schaubachhütte (2581 m), +39 0473 613 24, Zimmer für 4 oder 6 Personen, 25 Lager, ab 12 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, markierter Steig, ca. 2 Stunden


SULDENSPITZE (3376 m)

Suldenspitze


Obwohl die Suldenspitze von Sulden aus wie ein stattlicher Gletscherberg erscheint, lässt sie sich von der Casatihütte aus in einer halben Stunde ohne Gletscherberührung besteigen. Wer ganz ohne Eisausrüstung anrücken möchte, muss die Casatihütte aber von der Südseite her besteigen. Über diesen Weg ist die Suldenspitze ein wirklich denkbar leicht zu erreichender Dreitausender. Spaltenreich ist dagegen der Suldenferner auf der Nordseite. Weil die Suldenspitze direkt zwischen der Cevedale- und der Ortler-Gruppe liegt, bietet sich ein großartiger Rundumblick auf die höchsten Gipfel der Region.


Cevedale, Palon de la Mare
Monte Cevedale (links) und Palon de la Mare (rechts).

Königspitze
Königspitze (rechts).

Punta San Matteo
Punta San Matteo.


Suldenspitze (3376 m)
Anreise: bis Sulden (1906 m)
Hüttenzustieg: von der Schaubachhütte ca. 2 Stunden, Gletscher; aus dem Martelltag ca. 4 Stunden, Gletscher; von den Cedec-Seen ca. 1 Stunde
Übernachtung: Casatihütte (3269 m), +39 0342 935507, 260 Zimmerlager für 2, 4 oder 6 Personen, Halbpension 50 Euro
Gipfel: Schwierigkeit F, Steig, ca. 30 Minuten

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Tokio ist Schauplatz der japanischen Moderne: neonfarben, elektrisierend, eine überdrehte Version westlicher Urbanität. Man hat das Gefühl, zehn Jahre in die Zukunft zu reisen. Dort wartet das Ende eines ewigen Traums.

Wenn in Shinjuku abends die Hochhäuser zu strahlen beginnen, steht man in der Zukunft. In einer Science-fiction-Stadt im Neonschein. Lichter stürzen die Fassaden hinab wie bunte Wasserfälle, ein riesenhafter Krebs über dem Eingang eines Ladens bewegt seine Scheren. Überall Elektronik, Monitore und Handyschalen. Schimmerndes Glas, erleuchtete Nacht. Der Tag ist vorbei, und die Bürgersteige sind voll mit Menschen.

Ich bin vom Park Hyatt herübergelaufen, wo die japanische Tourismuszentrale mich freundlicherweise einquartiert hat, bis zur Shinjuku Station, dem größten Bahnhof der Welt, wo jeden Tag dreieinhalb Millionen Passagiere ein- und aussteigen. Am Nachmittag bin ich nach einem strapaziösen Flug über Taiwan in Tokio gelandet und habe im Hotel nur kurz gedöst. Das futuristische Glühen der Stadt, das sich in meinen staunenden Augen spiegelt, brennt jetzt alle Müdigkeit aus dem Körper.

Eine Woche eng getakteter Recherchen steht mir bevor. Ich stehe in der größten Stadt der Welt, einer Metropolregion mit 35 Millionen Menschen. Aufbruch in die Nacht.


Tokio Shinjuku
Tokio Shinjuku
Tokio Shinjuku
Auf dem Weg zur Shinjuku Station.


Gleich hinter der Shinjuku Station beginnt Kabukicho, das Rotlichtviertel. Es sieht aus wie ein kitschiger Vergnügungspark. Über einer Bar zeigt die Werbetafel Frauen in Unterwäsche und mit Maschinengewehren, sie nennen sich »tank girls«, das Ganze sieht aus wie die Einladung zu einem schlechten Actionfilm mit ein paar Softporno-Szenen.

Der Lolita-Fetisch ist offensichtlich: Das Schönheitsideal sind Schulmädchen mit Miniröcken und Bambiaugen. Die Intimrasur, könnte man annehmen, zählt in Japan nur deshalb nicht zum Beauty-Standard, weil die Frauen dann wirklich aussähen wie Kinder.

In Kabukicho stehen auch viele sogenannte Love Hotels mit pinken Lichtern und matten Scheiben, damit niemand sehen kann, wer hier ein- und ausgeht, um, ja was zu tun? Eher doch Liebe machen als mit einer Prostituierten zu schlafen, das jedenfalls legt die unschuldige Ästhetik nahe. Gefährlich ist dieses Viertel nicht, sofern man sich nicht von einem windigen scammer in eine halbseidene Bar locken lässt.

Die nähere Umgebung meines Quartiers zu erkunden, erscheint mir für den ersten Abend sinnvoll. Ich laufe durch die Straßen und Geschäfte. In einem Einkaufszentrum zeigen gleichzeitig zwanzig Fernseher an der Wand Werbung für Fernseher. Der Fortschritt, der sich besonders an diesem Ort der Welt über den ständigen Zugriff auf Konsumangebote definiert, wird ständig rückgekoppelt und versichert sich seiner eigenen Omnipräsenz. Ich bin komplett überfordert und auch ziemlich fasziniert.

Um die ersten Eindrücke verarbeiten zu können und weil ich langsam ziemlich Hunger habe, setze ich mich in einen Motsu-Imbiss. Dort gibt es erst einmal einen Oolong-Tee mit Eiswürfeln. Der Gast zahlt eine Art Tischnutzungsgebühr. In der Auslage liegen Fleischspieße. Vom Schwein gibt es Herz, Lunge und Leber, aber auch Gebärmutter (kobukuro), Eierstock (tsubo-kobukuru) und Vagina (kata-kobokuru).

Eine junge Japanerin mit geflochtenem Hut und blauem Kleid wartet am Tresen auf ihr Essen, während sich der Rauch ihrer Zigarette mit den Dämpfen des Grills vermischt. Sie sitzt so anmutig da, dass ich sie mir sofort in einem Café auf der Pariser Avenue de Champs-Elysées vorstellen kann.


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Fleischspieße im Motsu-Imbiss.


Im Gegensatz zu den Europäern sind die Japaner in der Öffentlichkeit nie laut, aufbrausend oder zügellos. Tokio ist zwar größer, greller und irgendwie überdrehter als die westlichen Großstädte, die ich bisher gesehen habe. Aber gleichzeitig ist alles effizienter, disziplinierter, weniger störanfällig: ein Zustand, der den großen Asienreporter Tiziano Terzani in die Depression trieb.

Alard von Kittlitz hat einmal in der F.A.S geschrieben: “Insgesamt wirkt Japan entsetzlich überlegen.” Eine “feindfreie Zone”, so nannte Georg Diez einmal Singapur. Man könnte das gleiche über Tokio sagen. Tatsächlich ist die Stadt höchst zivilisiert. In der Reisereportage, die ich später schreibe, formuliere ich es so: “Man ist wie elektrisiert, aber wagt es nie, einem übermütigen Impuls zu folgen.”

Fleiß, Leistung und Gehorsam, das waren die Erfolgsfaktoren des japanischen Aufstiegs. Und was ist morgen? Japan ist dasjenige asiatische Land, das als erstes bedingungslos in die Moderne nach westlichem Vorbild aufgebrochen ist. Und Japan geriet als erste bedeutende Industrienation in eine große Deflation, die nun schon seit mehr als 20 Jahren anhält. Die massenhaft hergestellten Waren wollen einfach nicht mehr entsprechend viele massenhafte Abnehmer finden. Mit der Verschuldung wuchs die Verunsicherung. Natürlich, der Reichtum in Tokio glitzert und leuchtet immer noch. Aber die Fortschrittseuphorie ist verschwunden.

Japan steht am Zenit einer Aufwärtsentwicklung, auf die wohl ein langsamer Zerfall folgt oder im besten Fall eine Konstante, so ein Zustand des gefühlsgedämmten Dauerwohlstands, wie ihn Leif Randt in seinem Roman Schimmender Dunst über Coby County beschreibt: Alles ist angenehm, ohne Not, im Kern wirklich hervorragend, nur der selbstvergessende Überschwang bleibt aus, die Zukunft ist verdunkelt. Japan steht am fin de siècle eines großen Jahrhundertaufschwungs. In Tokio fühlt man noch einmal nach vorne, ob noch etwas kommt. Was für ein Gefühl ist das dort, wo der große Traum zu seinem Ende kommt?


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Futuristische Neonwelt in Shinjuku.


Irgendwann treibt mich die Müdigkeit doch ins Hotel, und ich falle in einen traumlosen Schlaf, 21 Stockwerke über der Stadt. Morgens hängt Tokio blass in den Wolken. Die Neonlichter sind erloschen.

Ich zwinge mich um sieben Uhr aus dem Bett, um früh mit der Besichtigung der Stadt beginnen zu können. An der Rezeption meines überaus vornehmen Hotels händigt man mir einen U-Bahn-Plan aus. Der Verlauf der bunt eingezeichneten Linien sieht aus wie das achtlose Gekritzel eines Kindes, so verwirrend erscheint das Streckennetz auf den ersten Blick. Später finde ich mich jedoch erstaunlich gut zurecht.

Der Morgen klart recht schnell auf. Geschäftsleute eilen zur Shinjuku Station. Der Bahnhof ist verschachtelter als die meisten deutschen Flughäfen. Menschen schwappen über die Rolltreppen wie Wassermassen. Sie haben es eilig, aber stellen sich vor den eingefahrenen Zügen in einer Reihe auf. Dafür gibt es Markierungen am Boden. Auch dass die Japaner in der U-Bahn mit ihren Gesichtern an der Scheibe kleben, lässt sich erst einmal nicht bestätigen. Ich fahre zuerst ins Shoppingviertel Ginza mit seinen unverschämt teuren Boutiquen und zum Kaiserlichen Palast. In den Eastern Gardens trainiert die Imperial Police Kendo, die Schreie dringen durch die hohe Hecke.


Kaiserpalast Tokio
Der Eingang zum Kaiserpalast.


Danach geht es in das altstädtische Viertel Ueno mit seinem berühmten Park. Dort steht das Denkmal von General Takamori Saigo, der 1868 bei der Meiji-Restauration als Hauptbefehlshaber der Kaiserlichen Truppen die Soldaten des Shoguns besiegte und die Macht des Kaisers wiederherstellte. Er war einer der berühmtesten Samurai und Vorbild für die Rolle des Last Samurai im gleichnamigen Film.

Das älteste Tempelgelände Tokios befindet sich in Asakusa: der Sensoji-Tempel, eine stark frequentierte Touristenattarktion, die ich mir auch anschauen muss. Danach folgen: das Elektronik- und Animeviertel Akihabara, der Meiji-Schrein und schließlich das Hipsterviertel Shibuya / Harajuku.


Sensoji-Tempel
Sensoji-Tempel
Sensoji-Tempel
Beim Sensoji-Tempel in Asakusa.


Die Takeshita-Straße sieht aus wie eine Mischung aus Urban-Fashion-Mekka und Disneypark. Teenager-Mädchen mit Snapback-Kappen und Obey-Mützen laufen durch die Gasse, als sei es das selbstverständlichste auf der Welt und keine todernste Distinktionsgeste. Andere Brands heißen GR8 und #Kill_yo, die Schuhe haben eine grelle Plastikoptik. Harajuku ist westliche Popkultur, nur verspielter und mit mehr Bonbonfarben.

Die Distanzen in Tokio sind naturgemäß unwahrscheinlich groß. Man steigt die Treppen zu einer U-Bahn-Station hinab und muss noch einmal einen halben Kilometer laufen, bis man seinen Zug erreicht. Doch man wird immer wieder auf den Weg gebracht, von freundlichen Polizisten, hilfsbereiten Tokiotern, von kleinen Lolita-Mädchen auf Hinweisschildern, die erklären, wie man sich im Tempel zu verhalten oder in die Metro einzusteigen hat.

Auf dem Jutebeutel einer jungen Frau steht: “Do not spend time beating on a wall / hoping to transfer it into a door.” Das ist programmatisch für das Verhalten der Japaner. Niemand verliert die Kontrolle, niemand verliert sein Gesicht.


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Fotoshooting in Shibuya
Die Takeshita-Straße liegt in Harajuku, das nördlich an Shibuya angrenzt.


Nach zehn Stunden Sightseeing ruhe ich eine Weile im Hotel. Dann beschließe ich, das Ausgehviertel Roppongi aufzusuchen. Ich könnte zwar ebenso gut schlafen, aber es gilt die alte Reisemaxime, dass man erst dann wirklich in einer Stadt war, wenn man ihr Nachtleben gesehen hat. Außerdem ist natürlich die Frage interessant: Wo in Tokio ist es angesichts von allgegenwärtiger Selbstdisziplin und Mäßigung möglich, Zügellosigkeit und Exzess zu erleben? Die Antwort soll nur wenige Stunden auf sich warten lassen.

Roppongi also, das Partyviertel: sicher eine gute erste Adresse, wenn es einen ohne konkreten Plan hinaus in die Nacht zieht. In einer bei Ausländern häufig besuchten Bar treffe ich auf einen Frankokanadier namens Felix, der mir von seinem Besuch in einer maid bar erzählt: Die Bedienungen dort sind neko-girls, Frauen mit Katzenkostümen. Sie haben Felix nur serviert, wenn er zweimal laut “miau miau” rief. Das ist aber schon alles, es geht in diesen Etablissements keineswegs um Sex. Das Ganze ist von der Mangakultur beeinflusst, es kommen ganz normale Leute.

Ich lerne in der Bar einen anderen Deutschen kennen, und wir beschließen, da draußen zusammen unser Glück zu versuchen. Die letzten U-Bahnen fahren bald und die folgenden erst am nächsten Morgen. Aber das ist ein Umstand, der zu dieser Stunde der Nacht ohne weitere Irritationen in Kauf genommen wird. An den Namen des Clubs, den wir ansteuern, kann ich mich nicht erinnern. Wir holen, so viel ist sicher, noch Geld an einem Automaten und fahren mit dem Taxi los.

Im Club selbst führt ein Aufzug nach oben. Die Türsteher sind kein Problem. In der Haupthalle zeichnet das Stroboskop Silhouetten in die Luft. Zu meiner Überraschung sind fast nur Japaner auf der Tanzfläche. Wir ordern an der Bar Gin Tonic, als habe der Abend gerade erst begonnen. Eine verhängnisvolle Fehlwahrnehmung.

Wir tanzen, trinken und reden uns in den Rausch. Die Erinnerungen verschwimmen bereits, schieben sich ineinander, bekommen Lücken. Smalltalk hier, ein Gespräch dort. Gesichter bleiben ohne Ausdruck, Gespräche ohne Inhalt, der Raum hat keine Konturen und wird mehr durch die Musik begrenzt als durch die Wände.

Hier also ist der Exzess möglich. Die Auflehnung in einem abgegrenzten Raum, zu einer scharf umrissenen Zeit, in einer Dunkelkammer, in der sich alles vermischt. Hier ist es auch möglich, die Vereinsamung und die Stagnation zu überwinden und sich in einem Kollektiv zu spüren. Es geschehen Eindeutigkeiten und Uneindeutigkeiten, und zwar viel direkter und unvermittelter als im “normalen Leben” des japanischen Alltags.

“Die Japaner testen, was mit einer hoch entwickelten Zivilisation geschieht, die im Stillstand verharrt”, schrieb der Journalist Malte Henk einmal in der ZEIT. Ein Experiment, “wie es noch keines gegeben hat.” Es sei die Zukunft selbst, die an ihr Ende gekommen ist.

Am Morgen wollen die jungen Menschen in diesem Club vielleicht wieder Bankangestellte oder Versicherungskaufleute werden, die letzte Kolonne der Glitzerwarenwunderwelt, die sie in Tokio umgibt. Vielleicht wollen sie aber auch anders sein als ihre Eltern, nur sie können es irgendwie nicht, anders sein als die roboterartigen Männer in der Bahn mit ihren schwarzen Anzügen, zwischen denen ich um sieben Uhr früh ohne den Hauch einer Orientierung aufwache.

Ich muss wiederkommen, nach Japan, nach Tokio. Aber verdammt, heute muss ich zum heiligen Berg Fuji. Wie um alles in der Welt komme ich ins Hotel?


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Saharahitze und Scharia: Der Sudan scheint ein feindlicher Ort zu sein. Das denkt man jedenfalls, wenn man sich anschaut, was zurzeit über den Islam gesagt und geschrieben wird. Eine Reise ins Herz des Bösen?

Ein blassblauer, staubiger Himmel liegt über Khartum. Sandfarben sind die Straßen und Häuser. Motorräder, Amjads und alte Autos knattern unter einer heißen Sonne über den Asphalt, kreuz und quer durch die flache, schachbretthaft angelegte Wüstenstadt. Hitze flimmert auf dem Asphalt. Der Blaue und der Weiße Nil fließen hier ineinander und zugleich die arabische Welt und das, was wir Schwarzafrika nennen.

Beide Regionen wecken gleich dumme Zerrbilder im Bewusstsein, die von einer hauptsächlich medial vermittelten Wirklichkeit dieser Weltgegenden gespeist werden. Das Nachrichten-Khartum klingt irgendwie nach Kamelen und Camouflage. Nach Karawanen und Pick-Up-Trucks mit aufgeschraubten Maschinengewehren. Nach bärtigen Fanatikern und schwarzen Söldnern. Nach einem Ort, an den man vielleicht besser nicht reisen sollte. Großer Unsinn.

Ich sitze bei Ozone, in einem komplett auf amerikanisch gemachten Café, wo Teenager Eiscreme essen und auf ihren Handys herumspielen, und ich gehe meine Hirngespinste durch, ohne das trügerisch liberale Flair des Lokals überbewerten zu wollen. Ich habe beim Sudan erst einmal an den Islam in seiner Hardcore-Variante gedacht. Der ruhelose Lynchmob, dachte ich, lauert immer schon hinter der nächsten Straßenecke!

Beim Verlassen des Flughafens gleich die erste Enttäuschung: quadratmetergroße, westlich-dekadente Werbung für das neue Samsung Galaxy. Smartphone statt Scharia, das wäre jetzt die billige Zuspitzung, wobei sich das eine und das andere ja gar nicht ausschließen. Aber das Denken ist schon matt und ganz gereizt vom Schwarz und Weiß.


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Blick über Khartum, Zusammenfluss des Weißen und Blauen Nils, Markt von Omdurman.


»Der Islam ist eine grüne Wiese, auf der man sich ausruhen kann.« So überschrieb Christian Kracht in Der gelbe Bleistift das Kapitel über Peschawar. Dieses Bild ist mir im Kopf geblieben, bevor ich je ein islamisches Land bereiste, auch wenn es in dem Text im Kern um eine Waffenfabrik geht, wo der Autor mit Raketenwerfern auf Ziegen schießen kann. Aber ich habe den Satz komischerweise nie ironisch gelesen.

Eine echte grüne Wiese haben sie hier nicht in Khartum. Die Männer sitzen in ihren erstaunlich staubfreien Gewändern auf Plastikstühlen am Straßenrand, unter Schirmen, unter Brücken. Sie sind dabei so friedlich wie pensionierte Sozialdemokraten aus Wanne-Eickel, die sich am Sonntagnachmittag zum Boule im Park treffen.

Kriminalität gibt es in Khartum ausgesprochen wenig. Ich fahre auf den Markt in Omdurman, spaziere auf der Nilinsel Tuti noch durch die abgelegenste Gasse und esse in einem spartanischen Lokal einen Teller Ful (ein Einfache-Leute-Gericht aus Bohnen). In der Al-Mashtal-Straße im Viertel Al-Riyadh suche ich das ehemalige Haus von Osama bin Laden, der dort bis 1996 wohnte, bevor er Amerika endgültig den Krieg erklärte. Doch kein Terrorist ist hier, nicht mal ein militanter Islamist, der mich als ungläubigen Imperalisten beschimpfen könnte. Wo ist er nur, der böse Moslem?

Dabei hat doch der Kulturkampf längst begonnen. Das ist jedenfalls der Eindruck, den man kriegen kann, wenn man die besorgten Leitartikel liest, in den Kommentarspalten der Medien dem Volk in die Seele schaut und dem Wutrauschen am Stammtisch lauscht. Auch im Kopf der wohlstandsgesättigten Akademikerin tobt es längst. Da sagt eine, dass Deutschland nicht mehr ihr Land sei, weil sie am Flughafen die Schuhe ausziehen müsse, während Merkel Flüchtlinge unkontrolliert über die Grenze geholt habe. Diese Worte sind genau so gefallen, dazu gab es Meeresfrüchte und Weißwein.

Der Kulturkampf hat also begonnen, und wer will da in ein Land wie den Sudan, wo doch der Moslem schon im Sprengstoffgürtel vor der europäischen Haustür steht, um unsere Kultur und Zivilisation zu zerstören? Dieses Wüstenland weckt die gleichen Reflexe wie der muslimische Mann dieser Tage: Angst, Vorurteile, Ablehnung. Selbst nach Ägypten und in die Türkei will der Deutsche jetzt nicht mehr in den Urlaub fahren – »nach Paris«, »nach Köln«, wie es stets in diesem seltsam apokalyptischen Duktus heißt. Als habe sich die Schlechtigkeit des Islams endgültig bestätigt.


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Feindbild: ein betender Moslem.


Der Markt in Omdurman ist der größte des Landes. Die Schwesterstadt Khartums wurde berühmt durch den Mahdi-Aufstand und die Schlacht von Omdurman 1898. Man kämpfte gegen die britisch-ägyptischen Besatzer – erfolglos. »Der beachtlichste Sieg, der je durch die Waffen der Wissenschaft über Barbaren errungen wurde«, schrieb Winston Churchill, damals einfacher Leutnant.

Was es heute im Sudan zu kaufen gibt, findet man auf dem Markt von Omdurman. Goldschmuck, Gewürze, Kleidung aller Art und gefälschte Fußballtrikots – das ist natürlich keinesfalls alles. Pferdekarren finden ihren Weg durch die Gassen, Juweliere warten im Schatten ihrer Geschäfte auf Kundschaft. Ich laufe nur so umher, plaudere mit den Leuten und mache Fotos von Händlern, die immer gleich freundliche Posen einnehmen.

Schnitt, zwanzig Minuten später. Eine Menge aufgebrachter, schimpfender Männer umringt mich. Das wütende Arabisch dringt kratzig an mein Ohr. Doch die Menschen schreien nicht mich an, sondern den Polizisten, der mir gerade meine Kamera abnehmen will. »No pictures«, hatte er gerufen und kam dann ernst herüber. Jetzt hält er das Trageband meiner Kamera fest in seiner Hand, schaut mich unversöhnlich an und gibt mir klar zu verstehen, dass ich ihm den Fotoapparat nun auszuhändigen habe. Mein Versuch, ihn durch das Löschen von Bildern zu besänftigen, zeigt überhaupt keine Wirkung. Ich bin verzweifelt. Die schönen Aufnahmen!

All meine Reisefotos sind wohl verloren oder ich muss die Kamera gegen ein lächerlich hohes Bestechungsgeld zurückkaufen, wären da nicht die Männer vom Markt. Sie reden zornig auf den Polizisten ein. Sie verteidigen mich! Der Beamte lässt die Kamera los. In dem ausgewachsenen Tumult ist es nicht schwierig, Schritt für Schritt nach hinten zu treten und irgendwann in der Menge zu verschwinden. Das rettet mir meine Reportagebilder, den Männern sei Dank.


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Freundliche Männer auf dem Markt von Omdurman, die sich gerne fotografieren lassen.


Nun möchte man sagen, dass diese Szene fast schon zu symbolisch ist und auch zu kalkuliert erzählt. Man soll im Detail das große Ganze erklärbar machen, hat der Meisterreporter Holger Gertz uns einmal beigebracht. Leider ist der Weg von der Veranschaulichung eines Problems am konkreten Beispiel zur pauschalisierenden Verallgemeinerung mitunter recht kurz. Es ist, nebenbei bemerkt, der Weg des Rassisten. Aber das ist die Herausforderung: differenziert denken und doch zu sehr klaren Schlüssen kommen.

Im Rückblick erklärt sich die Situation auf dem Markt so: In den armen und rückständigen Ländern der muslimischen Welt – aber natürlich nicht nur dort – leiden die Menschen in erster Linie unter despotischen Regimen, einem nicht-funktionierenden Staatswesen und epidemischer Korruption, was dann wiederum zu hoffnungslosem Nepotismus, mangelnden Perspektiven und großer Armut in weiten Teilen der Bevölkerung führt. Offenbar hatten die hilfsbereiten Männer vom Markt zumindest in dem Moment, als der Polizist mich hereinlegen wollte, konkret die Schauze voll von ihrem ineffizienten, bestechlichen Bürokratieapparat, der es nicht schafft, ein erträgliches Mindestmaß an sozialer Absicherung zu gewährleisten und noch dazu den wenigen Gästen, die ins Land kommen, das Geld aus der Tasche zieht. Das ist wieder eine Zuspitzung, aber in diesem Fall eine angemessene.

Es wird nicht die einzige positive Erfahrung im Sudan bleiben. Nun ließe sich von den Jungs in Karima erzählen, oben am Nil, die mich zu einer Schale Obstsalat in ihre Hütte einladen, oder von Essan, der mich in Shendi in seinem Gästehaus fast schon wie ein gütiger Großvater beherbergt, oder vom Fernfahrer Omar, der mich in seinem Truck nach Ad-Damir mitnimmt, ohne dafür auch nur einen sudanesischen Pfund zu verlangen. Ja, auch als weißer Ungläubiger werde ich überall im befriedeten Teil des Sudans mit großer Gastfreundlichkeit empfangen und behandelt.

Mit der gleichen Vehemenz ließe sich aber nun auf die nicht zu leugnenden Unzulänglichkeiten der sudanesischen Gesellschaft verweisen. Meine Reise wäre als Frau so mit Sicherheit nicht möglich. Überhaupt sehe ich nirgendwo im Land lachende, selbstbewusste Frauen, was eine Tragödie ist.

Ja, Khartum ist friedlich zu mir. Aber der Gedanke, sich hier mit einem T-Shirt mit der Aufschrift »God is dead« oder »Gay is great« auf die Straße zu stellen, scheint nur im ersten Moment lustig und im zweiten schon völlig undenkbar. Was bei uns in Deutschland oft nur als selbstgefälliger Akt demonstrativ zur Schau gestellter Liberalität wahrgenommen wird, könnte hier im Sudan schnell etwas lebensgefährlich werden. Ich bewege mich zwar frei in dieser Gesellschaft, aber es ist eine unfreie Gesellschaft. Voltaire kam nie in den Sudan.

Was soll man aber nun für Schlüsse ziehen? Der Islam ist eine gewalttätige Religion? Wer nach Khartum kommt, kann da nur lachen. Der Islam ist nicht zur Demokratie fähig? Da möge man bitte den Senegal besuchen. Der Islam ist intolerant und duldet neben sich keine andere Religion? Indonesien, das größte muslimische Land der Welt, ist ein Gegenbeispiel und kann im übrigen auch guten Gewissens von Frauen bereist werden, denen die Machokultur in Ägypten oder Marokko entschieden zu unangenehm ist. Es ist leider eben doch alles schrecklich komplex.

Wer von dem Islam spricht, macht schon den ersten Fehler. Wer dann am heimischen deutschen Schreibtisch furchtbar entrüstet nach Koranversen sucht, die die Bösartigkeit dieses Islams belegen sollen (»Suren-Bingo«), der sollte vielleicht besser ein islamisches Land besuchen oder gleich mehrere und dort mit möglichst vielen Menschen reden und sich ihre Geschichten anhören. Und wer von einem Islam spricht, der Europa erobern und unsere Demokratie abschaffen will, der ist vor Angst schon ganz wirr oder ein gefährlicher Demagoge.

Seien wir ehrlich: Das Modell der liberalen, säkularen Gesellschaft des Westens ist viel zu verlockend, als dass sich die gebildete Jugend zwischen Tanger und Teheran – möge sie auch klein sein – nicht längst danach sehnen würde. Die Anschlussfähigkeit muss man auch nicht lange suchen. Wer unüberbrückbare kulturelle Differenzen propagiert, der sollte sich einmal ins Nachtleben von Istanbul oder Beirut begeben. Oder sich unter die tunesische Jugend mischen, die mit Kofferraumladungen voller Alkohol von Tunis herunter zum Festival Dunes Electroniques in die Wüste fährt. Oder sich in Marrakesch zum vollkommen harmlosen Tinder-Date mit einer Marokkanerin treffen, die sich bei einem Drink in der Neustadt über die europäischen Touristen amüsiert, die in der alten Medina vom folkloristischen Schauspiel eines vermeintlich exotischen Orients ganz ergriffen sind. Diese Liste kann jeder Reisende selbst fortsetzen.


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Werbung in Beirut, junge Tunesier auf dem Dunes Electroniques, Nacht über Marrakesch.


Claudius Seidl hat völlig berechtigt die Frage aufgeworfen, ob sich die Jugend des Nahen Ostens gegenüber unserer Kultur (des Pop) tatsächlich verweigert. Er spricht vom »kapitalistischen Realismus«, dem Streben nach Glück durch Konsum, das nach universeller Verständlichkeit strebt. Die Antwort lautet: auf gar keinen Fall. Es ist dann auch der größte Treppenwitz des Intellekts, die Defizite in den arabisch-islamischen Ländern maßgeblich auf die vorherrschende Religion zurückzuführen und die viel wichtigeren politischen und sozialen Ursachen völlig auszublenden.

Umso alarmierter muss man sein, wenn islamischer Terrorismus zu einem epochalen Wertekonflikt aufgebaut wird. Wer die westlichen Werte hochhält, spricht von Errungenschaften, die bitteschön nie für Menschen außerhalb dieses Westens irgendwie von Bedeutung zu sein hatten. Denken wir nur kurz an die US-Sanktionen gegen den Irak, im Laufe derer rund 500.000 Kinder starben, weil zum Beispiel nicht einmal mehr einfache Medikamente importiert werden konnten. Die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright wurde in einem Interview gefragt, ob die Bestrafung Saddam Husseins diesen Preis wert gewesen sei. Und was sagte sie? Klar, hart sei das gewesen, aber: ja.

Die ganze Außenpolitik im Nahen Osten ist an Perfidie eigentlich kaum zu überbieten, aber das ist eine Geschichte, die woanders schon oft genug erzählt wurde. Sie ist auch keine Entschuldigung für alles, aber sollte doch die Zunge zähmen, wenn diese einem Araber etwas von westlichen Werten daherfabulieren möchte. Solche Überlegungen passen nicht zur schönen Welt des Reisen? Tut mir leid, es muss sein. Was die Welt bewegt, dazu sollte man eine Haltung finden.

Am letzten Tag meiner Sudan-Reise sitze ich noch einmal bei Ozone in Khartum. Bei Kaffee und Kuchen. Wasser wird durch Zerstäuber in die Luft gesprüht und kühlt die Sahel-Hitze ein wenig herunter. Hinter der Hecke rauscht Verkehr.

Ich reflektiere das kleine Abenteuer, das ich in diesem Land erlebt habe. Ich weiß jetzt, hier kann ich trotz Hardcore-Islam meiner Wege gehen und treffe dabei auf Menschen, die mich nicht bespucken sondern als Gast willkommen heißen. Eigentlich eine selbstverständliche Lektion, stelle ich fest. Umso trauriger, dass sie im Moment als revolutionäre Weisheit daherkommt. Begegnung sorgt für Verständigung, das ist noch so eine Plattitüde, die stimmt.

Schon raunt es wieder: Dauerhaft leben will man im Sudan doch auch nicht! Stimmt. Lombok fänden die meisten aber wohl gar nicht schlecht. Ich für meinen Teil freue mich am Ende der Reise, ehrlich gesagt, wieder auf mein hedonistisches und ziemlich exklusives Westlerleben, dessen Wohlstand die Kehrseite einer armen, ausgebeuteten anderen Welthälfte konsequent mitverantwortet. Dessen sollte man sich schon bewusst sein. Islamischer Extremismus ist dann eher ein Begleitphänomen als Kern des Problems.

Bedroht der Islam jetzt Europa? Eine merkwürdige Frage, die gerade oft gestellt wird.

Der Islam ist eine grüne Wiese, auf der man sich ausruhen kann. Wer keine fauligen Pflanzen will, deren Früchte den Geist vergiften, sollte vielleicht nicht den Fehler machen, den Boden zu verbrennen. Auf toter Erde wächst überhaupt nichts.

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Dalhousie — Es war dann also auf Sri Lanka hinausgelaufen. Warum Sri Lanka?

Eigentlich egal, es ging mehr um dieses Rauskommen, Fortkommen, Weg-Sein von allem anderen, damit da ein Abstand entsteht zu den Dingen, der vorher nicht möglich war, als könnte man so eine Grenze des Empfindens überschreiten und die Wahrnehmung öffnen, und es setzt sich dann ein neues Bild der Dinge zusammen.

Die ganz praktischen Gründe: Da waren nur zwei Wochen Zeit, ein knallhartes firmenbürokratisches Argument, anders ging es nicht.

Hätte man den Kontrast zum Bekannten, zum Vorstellbaren, zu dem, was schon drin ist im Kopf, maximieren wollen, dann wäre es wahrscheinlich Uganda geworden, das war schon länger eine lose Phantasie, die im Kopf existierte und irgendwie eine große Faszination auslöste.


Colombo


Nun aber Sri Lanka, weil: die Einfachheit des Reisens dort, die weißen Strände – solche Art von Stränden, die in den Tourismuskatalogen Traumstrände heißen – und die maximale Reduzierung, nichts erwarten an einem Ort, den die Menschen als Paradies bezeichnen; es sollte die Suche nach dem Nullpunkt sein, wo ein Zyklus endet und ein neuer Kreis der Ereignisse losgehen kann.

In Europa ist diese Erfahrung nur noch schwer zu machen, in der Ferne wird es auch seltener, seit den Billigflügen und später den Billigfernreisen, alles verschiebt sich an die Grenzen, an den Rand der Vereinnahmung, an Orte, die einen selbst ganz einnehmen und dann, wenn möglich, ganz und gar offenlegen, nur wird das eben immer schwieriger.

Es ging also um ein ganz wesentliches Motiv des Reisens, das war vorher nicht so klar abzusehen gewesen.

Klar, wir wollten Traumstrände. Was heißt das?

Ich habe – da bin ich mir fast sicher – noch nie von einem Strand geträumt, aber diese Magazinbilder, auf denen eine gephotoshopte Blondine zahnpastalächelnd einen Cocktail trinkt, ihr Becken schieflegt und ironiefrei suggeriert, das Leben sei ein leichtes, ewig dahingleitendes Fest, oder diese seltsam allgegenwärtige Projektion des verträumten, sonnengesunden Surferdudes, der vor dem Lagerfeuer am Strand gedankenverloren die Saiten seiner Gitarre zupft und dazu – mehr schlecht, als recht – ein melancholisches, aber im Grundsatz natürlich vollkommen lebensbejahendes Liedchen in den Sonnenuntergang intoniert – diese Bilder kann man nicht mehr ganz rauskriegen, wenn man nicht lange weit fortgeht und sich bestimmte Einsichten wirklich setzen, dafür ist man zu durchgespült von der Produktwerbung, zu sehr sozialisiert von bestimmten Schablonen des Glücks.

Der Widerspruch: Es sind sehr abgenutzte Bilder, es sind immer noch sehr starke Bilder.


Mirissa
Galle
Mirissa


Zunächst gab es jedoch keine Traumstrände.

Wir hatten den Zug genommen von der Hauptstadt Colombo über die ehemalige Kaiserstadt Kandy, wo wir eine Nacht verbrachten, bis zur Provinzstadt Hatton, und von dort begann im besten Sinne eine echte Bummelfahrt mit dem Bus über außerordentlich schlechte Straßen, Geruckel und Geschaukel, geschätzte Durchschnittsgeschwindigkeit: zwanzig Stundenkilometer.

Unser Ziel war der Adam’s Peak, der heilige Berg Sri Pada, auf dessen Spitze ein Kloster liegt, in dem sich angeblich der Fußabdruck des großen Buddha Siddhartha Gautama befindet.

Darüber hinaus aber – und das ist der eigentliche Grund, warum so viele Touristen auf diesen Berg steigen – kann man vom Gipfel weit über das Land schauen und morgens, nachdem man mit den einheimischen Pilgern aufgestiegen ist, die feuerrote Sonnenscheibe über den fernen, schwarzen Bergen aufgehen sehen.

Es ist interessant, was die Anziehungskraft solcher Orte bedingt, an denen in relativ großer Höhe die Sonne über dem Land aufgeht.

Ist das ein rein ästhetisches Motiv? Ist das der innere Wunsch nach einem Neubeginn, das mal deutlich zu sehen, wie sich eine Kugel im Universum im Verhältnis zu einer anderen in den Raum hineindreht und die Dunkelheit vertreibt? Die Sehnsucht danach, das ewig Wiederkehrende wahrzunehmen, also letztlich Beständigkeit visuell greifbar zu bekommen?

Ich konnte das nicht beantworten und hatte mir diese Fragen auch nicht gestellt, ehrlich gesagt, das sind wieder diese intellektuellen Reflexionen, die man später draufsetzt auf das Erleben: Die direkte Erfahrung wird sinnstiftend überhöht, im Rückblick hilft das natürlich oft, aber es macht unmittelbar auch vieles ungenießbar und blockiert, wenn man das nicht ausschalten kann.

Deshalb: erst einmal stupide hinreisen zu diesem Berg und schauen, wie das dann ist, da hochzusteigen und über das weite Land zu blicken, während die Sonne aufgeht, das war so der Modus, in dem wir in Dalhousie ankamen, bei dieser kleinen Ansammlung von Hüttchen und Häuschen am Fuß des heiligen Bergs.


Sri Lanka


Der Zug von Kandy aus war erstaunlicherweise auf die Minute pünktlich gewesen und gar nicht überfüllt, damit rechnet man ja auch erst einmal nicht. Auf der Fahrt durch das Hochland und die Teeplantagen konnte man die Füße aus der offenen Tür baumeln lassen, das war immer leicht aufregend, wenn der Waggon über eine Brücke ratterte.

Rückblick auf Kandy, wo im Prinzip nicht viel passierte, obwohl die Bilder durch die Augen in den Kopf hineinfluteten: Den Zahntempel besuchten wir, den botanischen Garten nicht, zu weit weg; in dem sumpfgrünen See nagten zwei Schildkröten an einem toten Fisch, es war selbstverständlich schwül und heiß in der Mittagshitze, und an einer Straße – und das ist jetzt eigentlich ziemlich ernst – hätte mich beinahe ein Bus überfahren.

In diesem ziemlich verschlafenen Kandy gingen wir abends in eine billig möblierte Ramschkneipe, eine richtig ordentliche Saufschenke, weil im Queen’s Hotel wirklich nur unsmarte Langweiler-Europäer saßen, es war dann sozusagen aus Frust gleich das genaue Kontrastprogramm geworden.

Das Lion’s Beer wurde in der absolut nachvollziehbaren Flaschengröße von 0,66 Litern serviert, ein Tamile namens John und sein offensichtlich leicht schwachsinniger Freund luden uns gleich an ihren Tisch ein. Am Nebentisch kippte ein Singhalese, der vielleicht noch drei oder vier Zähne im Mund hatte, Whisky aus einem schmierigen Wasserglas herunter, die Flasche war schon bis auf ein Viertel ausgetrunken. John redete und schaute uns an, und wenn er Pause machte, dann sah es so aus, als wollte er gleich auf uns losgehen, aber er sagte dann doch wieder etwas überaus Einladendes und zeigte uns zum Beispiel ein Foto von seiner Frau und strahlte plötzlich: Er würde bald Vater werden.

Der zwielichtige Typ am Nebentisch raunte einige Male herüber, John sagte dann nichts mehr, dabei war immer noch nicht ganz ausgemacht, wer hier undurchschaubarer war, in jedem Fall erschien es plausibel, wenn der Tamile aufgesprungen wäre und wutentbrannt ein Messer in den Tisch gerammt hätte.

Stickige Luft füllte den Raum, die Tische waren verschmiert und die Gläser schlierig, eine eigentlich angenehme Zwei-Bier-Angetrunkenheit war das jetzt, dann die Frage: »You are interested in Sinhalese women?«

Die Antwort: »No thanks«, Stühle wurden umständlich gerückt, wir gingen.


Kandy
Kandy
Kandy
Kandy
Kandy


Schnell geht das beim Schreiben: Man ist weg von der eigentlichen Geschichte.

Man kann im Prinzip immer die kleinen Begebenheiten aufschreiben, die amüsanten Details, Randbeobachtungen, Alltägliches, aber die Frage ist, inwieweit man die persönliche Auseinandersetzung verdichtet, zu Schrift und Text macht, denn um die geht es ja beim Reisen, das keinen höheren Zweck verfolgt und sich selbst genug ist.

Ich war nicht nach Sri Lanka gekommen, um Reportagen zu schreiben, auch wenn hinterher ein oder zwei möglich wären, ich wollte mich dem aussetzen, dem Land, den Orten, alles ziemlich unscharf, ich hatte kein Bild vor Augen und wollte einfach schauen, was kommt.

Leider ist das eine Erfahrung des Älterwerdens, dass es mit den Quintessenzen immer schwieriger wird, vielleicht irgendwann auch gar nicht mehr, da ist das Am-Strand-Spazieren sich selbst genug, aber da war ich ja noch lange nicht angekommen.

Also zurück nach Dalhousie, zurück zum Sri Pada.

Dalhousie, das waren wirklich nur ein paar Häuschen, Hütten und Bretterbuden, es war natürlich ein absolut touristischer Ort, aber die Pilger gab es eben auch, beides vermischte sich am Fuß des Adam’s Peak: die Menschen, die aus religiösem Eifer hinaufstiegen in den Himmel und diejenigen, die den anderen dabei zuguckten.

Wir verhandelten im Green House den Preis für Übernachtung, Frühstück und Abendessen, ein blinder Greis addierte die Rupien auf und zog sie wieder ab, sofern er einen unserer Einwände akzeptierte; es war das alte Spiel, und der Alte war ein Meister seiner Disziplin, im besten Sinne ein Schlitzohr.

Wir tranken Tee auf der Terrasse mit dem Franzosen Fréderic, der manchmal sehr weiblich gestikulierte und dann wieder albern wie ein Kind auflachte, ganz und gar nicht unangenehm. Er habe, so sagte er, ein paar Jahre eine bestimmte Form des Vajrayana-Buddhismus praktiziert und eine Zeit in Indien gelebt, und ja, er habe sogar einmal den 14. Dalai Lama in Lhasa getroffen, der unlängst erklärt hatte, er wolle nun lediglich wieder ein einfacher Mönch sein.

Wir saßen also da und redeten und tranken Tee: immer richtig, immer eine gute Beschäftigung in den Tropen.


Dalhousie
Sri Pada, Adam's Peak
Dalhousie


Zu dem Zeitpunkt, drei Tage nach unserer Ankunft in Colombo, war für mich alles so, als wäre ich, sagen wir, mit der Regionalbahn von Köln nach Bielefeld gefahren, da war noch alles zu, als sei man herausgenommen aus der bekannten Umgebung und in eine völlig neue Kulisse hineingestellt, aber da ist dann einfach keine Verbindung zwischen dem Innen und Außen, die Kopfwelt ist total in sich abgeschlossen und lässt nichts rein. Es war am Anfang dieser Reise so, als schaute ich mir Bilder an, aber als wäre ich selbst gar nicht da, als würde ich nicht durch das Land reisen, sondern alles nur in der Theorie durchspielen.

Im Nachhinein wird das ganz deutlich: Bis zum vierten Tag konnte ich nichts aufschreiben, keinen Satz, das Papier blieb leer, ich war stumpf, auch oder vor allem mir selbst gegenüber.

Es ist so, dass man manche Texte nur in bestimmten Situationen schreiben kann, das ist dann wie ein Zeitfenster, man darf den richtigen Moment nicht verpassen; andere Texte bleiben lange unmöglich, und irgendwann löst es sich dann, alles wird ganz klar, die Zeilen finden zueinander.

Ich hatte den Notizblock liegen gelassen, als wir am Nachmittag beschlossen, auf den Sri Pada zu steigen, es brachte ja doch nichts, also: diesem Urdrang nach oben folgen, Treppenstufe um Treppenstufe, vorbei an Affen und Stupas und vorbei an den Winnie-Puuh-Stofftieren, die hier tatsächlich entlang des Weges verkauft wurden.

Der Rücken war nass und die Felsbrocken waren unregelmäßig hoch, wir folgten dem Weg durch das Grün, und der Berg lag still da im wechselnden Licht des heraufziehenden Abends.


Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak


Was will man dann dort oben? Auf der Spitze türmten sich die Wolken über dem Kloster auf, es ging hier nicht mehr höher, aber das Verlangen, noch weiter zu gehen, noch viel weiter gehen zu müssen, damit endlich etwas klar werden konnte – dieser innere Widerhall verstummte nicht.

Es blieb alles unbefriedigend: Ich vernahm in den zugigen Gassen so etwas wie eine stumme Anklage gegen mich selbst, den Reisenden, der so weit alles in Kauf genommen hatte und sich nun etwas erhoffte von dem Weg, den er eingeschlagen hatte, aber der Weg war jetzt und hier zu Ende, nur in einem selbst, da war noch überhaupt nichts losgegangen. Ich hatte ja, wie gesagt, auch noch keine Zeile schreiben können, es blieb alles ein unverständliches, sprachloses Rätsel: Die Reise, mein Zustand zu dieser Zeit, was ich dort oben nun tat zwischen den betenden Mönchen, an diesem vorläufigen Ende der Dinge.

Es blieb folgerichtig nur die Möglichkeit, sich dem Ganzen am nächsten Tag ein zweites Mal auszusetzen, etwa gegen halb drei am Morgen aufzubrechen und in der Dunkelheit hinaufzusteigen. Fréderic, ein irisches Pärchen, mein Bruder und ich liefen zwischen Kindern und Greisen, Hunden und Katzen, Großfamilien und Gamblern, Gläubigen und Geschäftemachern.

Manchmal war es möglich, die Mantras aus den Lautsprechern ohne diesen kitschigen Beigeschmack von ausgehöhlter Spiritualität auf sich wirken zu lassen, und dann schien es so, als würde der Berg selbst in unverständlichen Lauten in diese allumfassende Dunkelheit singen, die nur von der erleuchteten Treppe unterbrochen wurde, die sich gleichsam einer schimmernden Schlange durch das Schwarz der Nacht in die Höhe wandte.


Sri Pada, Adam's Peak


Als wir das Kloster auf dem Gipfel des Bergs erreichten, war es noch finster, die letzte, kalte Stunde vor Morgengrauen war angebrochen, rund hundert Menschen hockten und kauerten in den Gemäuern, manche wärmten sich ihre Hände an Kokosnusschalen, die in einem Ofen brannten.

Das Land lag schwarz da. Als die Handys und Videokameras gezückt wurden, war das ein Signal: Gleich geht es los, gleich geht die Sonne auf.

Da war erst ein rotes Glühen über den Bergen und den tief liegenden Wolken, ein immer breiterer Streifen, der Himmel im Osten färbte sich düsterblau, dann wurde er heller, und schließlich, als die Nachtkälte die Füße schon komplett durchgefroren hatte, tauchte der obere Teil des Sonnenkörpers begleitet von der ewigen Repetition der Mantraverse wie ein glühender Eisenspan am Horizont auf und warf sein Licht über die aschfahlen Gratlinien des zentralen Hochlands von Sri Lanka.


Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak


Sucht man nun große Worte oder befindet man ganz banal, dass Sprachlosigkeit letztlich die höchste Auszeichnung eines jeden Augenblicks ist?

Ich blickte in den östlichen Morgenhimmel und tat oder sagte gar nichts, ich machte ein paar Fotos, die Sonne spiegelte sich in den Pupillen der Menschen.

Was heißt das nun: Schreiben über das Reisen?

Wenn es stimmt, dass die immer subjektive, immer schwierige Wirklichkeit erst durch Sprache fassbar wird und das Reisen seinem Wesen nach Suche ist, dann hieße es, überhaupt erst einmal zu einer Sprache zu finden, bevor man sich selbst irgendwo finden kann. Man würde das noch sehen, wie das gelingt, später auf dieser Reise.

Wir stiegen ab in einen neuen Tag.



Sri Pada auf einer größeren Karte anzeigen

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Vier Wochen Peru: Titicacasee, Machu Picchu, die weißen Berge der Anden! Doch vor allem: Freiheit, Euphorie, die Erwartung, dass alles anders wird. Die Ernüchterung, dass es nicht so kommt. Eine Erzählung vom Reisen.

Lima — Abflug nach Peru, 23 Stunden über den Globus, es geht zum ersten Mal nach Südamerika. Das wird eine große Reise.

Zwischenlandung in Atlanta. Der Beamte von der Einwanderungsbehörde hebt die Hand und legt mir nahe zu schweigen, als ich erzählen will, was ich in Peru mache: »Holidays, Sir«. Es interessiert ihn nicht.

Im Flughafen kaufe ich das Time Magazine und The Atlantic. Der Blick des Journalisten auf ein journalistisches Produkt: Aufmachung, Teaser, der Aufbau der Storys. Ich trinke einen Kaffee und fühle mich sehr sophisticated. Ich denke daran, dass Reisen überhaupt nicht mehr mondän ist.

Boarding für den Flug nach Lima. Die Frage, was man sich davon verspricht.

Reisen ist diese feine Gratwanderung: zwischen Einsamkeit und Alleinsein, zwischen banaler und anregender Gesellschaft, Überdruss und Genügsamkeit, stressigem Aktionismus und Tatendrang.

Die Freundlichkeit der Stewardessen: ein Zwangsoptimismus, den man irgendwie schätzt. Diese euphorische Erwartungshaltung auf einem Interkontinentalflug, obwohl eigentlich alles stressig ist. »Welcome on bord, Sir.« Ja! Genau! Recht herzlichen Dank.

Über den Wolken wird das Verhältnis zu den Bezugspunkten des Lebens neu verhandelt: zu Orten und Plätzen, Bars und Cafés, Strecken und Wegen durch die Stadt, aber auch inneren Abläufen, Mustern im Kopf, der Einteilung des Tages in bestimmte Sinnabschnitte. Zeit zum Ausspannen, Arbeiten, Essen, Telefonieren, daraus setzt sich der Tag ja meist schon zusammen.

Die Sehnsucht des Reisenden: sich der Periodik des Alltags entziehen.

Als der Flieger abhebt, letzte Gedanken an zuhause: Macht mal, schuftet mal, ihr Bürostuhlsklaven, ihr Kleingeister. Ihr seid zufrieden mit euren zwei Wochen Sommerurlaub in der Pfalz oder auf Gran Canaria.

Ich trinke einen Rotwein. Das Gefühl, leicht betrunken in die Ferne zu fliegen, weil das irgendwie ein großer Moment ist.

Die Überheblichkeit des Reisenden: Man stellt es – jetzt endlich, nach langer Mühe, der Routinearbeit den Rücken kehrend – alles besser an.

Der Aeropuerto Internacional Jorge Chávez in Lima ist eher klein, sehr überschaubar, irgendwie friedlich. Mit dem Taxi durch die nächtlichen Vororte. Spärliches Licht, Gesichter im Schatten. Mein dummes Vorurteil: alles gang land hier.

– Lima Miraflores –

Wohlstand kommt ohne Ästhetik aus, das sieht man hier ganz deutlich. Stacheldraht auf den Mauern der Häuser, teure Sushi-Restaurants, die ausländischen Botschaften stehen wie Kasernen auf kleinstem Raum. Der Himmel hängt grau über Lima, das ist normal um diese Jahreszeit, im September. Nur ein paar Surfer mit Neoprenanzügen stürzen sich in den Ozean, die Küste fällt steil zum Wasser hin ab.


Lima


Umherschlendern und wissen, dass man Zeit hat, dass man sich an nichts orientieren muss, dass man frei ist in seinen Entscheidungen.
Die Haut der Bewohner von Miraflores ist sehr hell, hier leben viele Nachfahren der spanischen Besatzer, reiche Leute, die criollos oder – etwas abfälliger – chollos. Es sieht alles so europäisch aus.

Ich habe viereinhalb Wochen in Peru, mehr als einen ganzen Monat, der keine geregelten Abläufe kennt. Vier Wochen, die sich anfühlen wie ein ganzes Jahr.

Meine zwei Reisebegleiter sind aus Düsseldorf und Miami angereist. Wir essen Sandwiches am Parque Central.

Ich habe endlich Zeit, nach zwei Jahren geregeltem Arbeitsleben.

– Arequipa –

Der Bus hat 18 Stunden gebraucht, wir haben geschlafen und Filme auf einem kleinen Fernseher geguckt. In 3 Meters above the sky kämpft ein harter Typ um eine Frau aus gutem Haus, sie verlieben sich, aber er kann seinem Wesen letztlich nicht entkommen, er prügelt sich, er versaut es, das Ganze nimmt kein gutes Ende.

Wir waren dann wieder eingeschlafen und als wir aufwachten, war draußen plötzlich Wüste, die costa lag da, trocken und karg.


Arequipa
Arequipa
Arequipa


Wir waren losgefahren ohne eine große Idee von etwas, was diese Reise nun bedeuten könnte, von etwas, das stattfinden müsste: Frauen aufreißen, Wagemutiges tun, möglichst den Touristen-Touristen hinter sich lassen, ins individualisierte Extrem gehen.
Just having a good time.

Der Tag hat schon zwei oder drei Stunde Farbe, als wir uns der weißen Stadt Perus nähern. Schneebedeckte Vulkane am Horizont. Der Himmel ist diesig, Schneekuppen ragen aus den Wolken. Wir suchen ein kleines Hostel und schlendern durch die Gassen. Sehr weiße Haut unter sehr weißer Sonne.

Triviales Gefühl, aber: Arequipa fühlt sich gut an.

Die Lust auf einen Kaffee am Nachmittag. Der weite Raum über den schneebedeckten Vulkanen der Stadt. Blauer Himmel.

In der Santa Catalina bieten die Geschäfte feine Alpaka-Wolle an. Handschuhe, Schals, Pullover. McDonalds und Starbucks in der Haupteinkaufsstraße. Alles sehr vertraut und doch ganz weit weg. Man sitzt jetzt mitten in Peru und war vor zwei Tagen noch in Deutschland.

Warmes Abendlicht am Plaza Principal de la Virgen de la Asunción, die mächtige Kathedrale aus Sillargestein überragt den Platz, Kinder scheuchen Tauben auf, das Sonnenlicht bricht sich im Wasser des Springbrunnens, überall sind Menschen. Gelbstichige Stadt, alles retro und doch Gegenwart.

Die angenehme Anonymität des Reisenden.

Irgendwann leuchtet die Sonne nur noch die schneebedeckten Gipfel an. Wir essen Hühnchen mit Reis und Kartoffeln, klassischerweise.

Der Wunsch: auf einer Bank sitzen und glücklich sein.


Arequipa
Arequipa
Arequipa
Arequipa


– Abends in Cabanaconde 

Das Kärgliche, Ärmliche fordert den ignoranten Touristen heraus, der überall einfach nur rumsitzen und sich toll fühlen möchte.

Einsamkeit, Beklemmung. Was willst du hier, Fremder?

Frauen in bunten Gewändern, tiefe Falten, große Hütte. Scham, dass man die isolierte und ländliche Armut pittoresk findet. Der privilegierte weiße Mann fotografiert die armen Bauern.

Wir wandern einen Tag hinab in die Schlucht des Colca-Canyons und wieder herauf, denn wir wollen schnell weiter, zum großen Titicacasee im Süden des Landes.

Was lässt sich in welcher Zeit sehen?

Die Oase am Fuß der Schlucht ist verlassen und leblos. Die Sonne brennt glutheiß, man kann kaum richtig sehen, so grell blenden die Berghänge.

Reisen als Konsumoptimierung: Orte ablaufen, Fotos schießen, abhaken. Das, wofür man die Pauschaltouristen spöttisch bemitleidet und verachtet.

Rückweg nach oben in der Mittagshitze, wir wollen morgen weiter.

Das Unvermögen, sich davon freizumachen.


Colca-Canyon
Colca-Canyon
Colca-Canyon

– Auf der Fahrt nach Puno –

Wir fahren mit dem Bus hinauf auf die Hochebene der Altiplano, vorbei am Misti und Chachani, immer höher schraubt sich die Straße. Man erwartet jetzt eigentlich einen Pass, einen Scheitelpunkt, hinter dem es gleich wieder bergab geht. Doch dann tut sich das Hochland auf, mehr als 3500 Meter hoch, bis weit an den Horizont. Nichts außer weitem Gras durchzogen von Tümpeln. Wasservögel und Alpakas.

Der Misti aus der Entfernung: eine Schneekuppe am Himmel, mehr nicht, weil das dörre Land darunter sich kaum gegen den Himmel abzeichnet.

Hineinfahren in die Nacht, Menschenleere. Dieses seltsame Gefühl, tief im Hochgebirge unterwegs zu sein und dennoch gleich das Meer zu erreichen.

Gefällt man sich eigentlich in dem, was man macht?

Wir wissen nicht, ob sich die Landschaft gleich verändert. Wie sich das Tal immer weiter auftut, als habe es jemand mit einem Messer aufgeschnitten, wo man eigentlich glaubte, gleich ginge es überhaupt nicht mehr weiter. Wie man im Bus dasitzt und durch das peruanische Hochland fährt.

Ist das wichtig, dass man sich dabei gefällt? Oder gerade nicht?

Diese Frage ließe sich ja jedem ultraproletenhaften Partyurlauber stellen, der am Samstagabend in El Arenal in so eine verheißungsvolle Nacht zieht, frisch rasiert, gestylet, braun gebrannt, in dieser selbstgewissen Vorfreude auf die Ereignisse der Nacht. Der gefällt sich sicher auch, in dem ganzen Ding, das er da durchzieht.

Draußen ist es komplett dunkel, wir sehen nichts mehr.

Reisen als ein sehr selbstbestätigender Akt, also als ein komplett sozialer Akt, der diesen Spiegel braucht.

Been there, done that.


Altiplano
Altiplano
Altiplano


– Abends in Puno –

Die Lichter der Stadt, weiß und orange.

Unheimlich ist das Wissen, dass hinter dem See, noch viel tiefer auf diesem Kontinent, nur noch Urwald kommt, tausende Kilometer weit. Die Abwesenheit von Zivilisation, die Abwesenheit des Menschen. Wir müssen ein Zimmer für die Nacht finden.

Wie stark der Ablauf des Tages Maß und Orientierung auf Reisen gibt. Busfahrtzeiten, eine offene Grenze, die Dunkelheit.

Ein Coca-Tee an der Rezeption, die Besitzerin des Hostels ist eine gute Gastgeberin, das Zimmer ist einfach und ruhig.

Man sitzt ja nicht den ganzen Tag bei irgendwelchen Urvölkern, wandert auf einsamen Bergpfaden, liegt pirschend im Busch. Man fährt Bus, man geht »kurz ins Internet« und liest die Nachmittagszusammenfassungen der einschlägigen Nachrichten-Websites, man sucht etwas Vernünftiges zu essen und will gelegentlich einfach einen guten Kaffee trinken (ganz oft schwierig).

Draußen auf den Straßen läuft eine Parade durch die Stadt, wir wissen nicht, welches Fest gefeiert wird, aber die Bürgersteige sind voll, Männer trinken Alkohol, spielen Instrumente. Die Verkleideten tanzen über die Fahrbahn. Lautes, lebensfrohes Puno.

Immer wieder die Frage, warum man reist, warum an einen bestimmten Ort? Etwas Schönes sehen, etwas Erbauendes?

Wir suchen ein passables Restaurant. Das ceviche wird mit einer roten Schote serviert, ich beiße herzhaft hinein, weil ich denke, dass es sich um Paprika handelt. Schmerz und Tränen. Die lachenden Kellner. Die Verlassenheit von Puno, die wir wahrnehmen. Das laute Leben, das draußen vor uns an der Tür vorbeizieht. Der Widerspruch in diesem Moment.

Ich bestelle Milch, um die Schärfe zu beruhigen, damit ich weiter essen kann. Zum Abschluss gibt es einen papaya con leche und einen Kaffee (mäßig gut, viel Milch).

Mein Verloren-Sein in der Ferne.

– Auf der Fahrt nach Copacabana –

Im Bus zur Grenze: Hippies mit Schal und dieser Nagetierfrisur, die Seiten kurz, im Nacken ganz lang. Die Einladung zu einem Rave auf der Isla del Sol. Leute mit komischen Flecken im Gesicht, lächelnd und drauf.

Mein Zorn auf die Backpacker. Wie sie dasitzen in ihren lumpigen Klamotten und Armut zelebrieren. Ihre Langweile im Gesicht, ihre gespielte Abgeklärtheit. Wie sie sich an nichts mehr begeistern können und trotzdem alles awesome finden.

An der Grenze zu Bolivien müssen wir aussteigen und die Pässe stempeln lassen. Souvenirs im Nirgendwo. Die Soldaten sehen müde aus.

Diese Anmaßung der Traveller-Kaste, die behauptet, das Land und die Leute kennenlernen zu wollen, die sogenannte Kultur, und dann diese dämliche Frage, in welcher Zeit das denn überhaupt zu machen wäre: zwei Wochen, zwei Monate, zwei Jahre? Dabei ist es ja – wie immer wieder deutlich wird – schon schwer genug, nur einen einzelnen Menschen gut einschätzen zu können, den man sogar schon länger und ganz gut kennt, der unter den gleichen soziokulturellen Bedingungen aufgewachsen ist wie man selbst. Die Traveller wollen gleich wissen, wie »die Menschen in Peru so sind.«

Mein Eingeständnis, dass ich nur für mich reise, dass das eine ganz egoistische Komponente hat.


Copacabana
Copacabana


– Am Chachani 

In 5000 Metern Höhe geht die Sonne unter über der Altiplano-Hochebene. Die Gratlinien sind fein angeschnitten von den letzten Sonnenstrahlen des Tages, dazwischen scheint die Farbe in der Luft etwas Stoffliches zu haben. So als könne man zugreifen und etwas herauslösen wie Knetmasse.

Absolute Stille. Meine Rührung über das, was ich gerade sehe.

Die Fotos sind geschossen, die Erinnerungen gibt es schon, aber ich stehe immer noch an diesem Ort und kann nicht glauben, was ich sehe. Jetzt nur noch zuschauen. In zehn Minuten ist es hier oben komplett dunkel. Drüben am Hang spült Bergführer Jésus die Töpfe vom Abendessen, die Zelte liegen schon im Schatten.

Ich weine.


Chachani
Chachani
Chachani


– Cusco 

Wieder liegt eine lange Nachtfahrt hinter uns. Wir laufen herum und wissen nichts mit dem Tag anzufangen, außer herumzulaufen. Wir sind nur noch zu zweit. Cusco ist sonnig und klar an diesem Tag.

Was ich glaube: Das Zuhause reist mit, es verändert die Reise, die Sicht auf die Reise, die Herangehensweise.

Wir sind in der Hauptstadt des alten Inka-Reiches, Cusco ist das kulturelle Zentrum Südamerikas. Artesanías an jeder Ecke, die Stoffe kommen oft aus der Fabrik, aber viele Omis stricken die Socken noch am Straßenrand. Am Plaza del Armas vor den wuchtigen Iglesia de Compañía gibt es einen großen Straßenumzug. Die Kinder aus den Kindergärten der Stadt haben sich verkleidet. Kostüme und Comedy, Folklore und Batman.


Cusco
Cusco
Cusco
Cusco
Cusco

Müsste man nicht eigentlich komplett alleine reisen?

Die Mütter laufen neben den Kindern, sie bringen ihre Töchter und Söhne wieder in Reih und Glied, wenn diese einfach stehen bleiben und sich umschauen. Wir sitzen auf der Treppe nahe den Arkadengängen und essen – gegen jedes ungeschriebene Backpacker-Gesetz – einen Cheeseburger von McDonalds. Es wird Abend in Cusco, am nächsten Tag wollen wir Machu Picchu sehen.

Ist Reisen nun Weltentzug oder nicht? Wie altmodisch dieser Gedanke ist, letztlich dumm. Meine Sehnsucht nach einer größeren Welt.

Vielleicht muss man die Grenzen von Heimat und Ferne aufheben, das Internet immer dabei haben, Mails checken, an Artikeln feilen, Online-Banking machen, all diese Dinge. Oder genau das Gegenteil tun.

Mach die Welt zu deinem zuhause. Wie ich es nicht mehr hören kann.

Am Morgen der schlimme Kater. Wir sind in so einem Sauftouristen-Hostel abgestiegen, bestimmt 400 Schlafplätze, Happy Hour jeden Abend. Die Drinks sind groß und stark gemischt. An der Bar nur crazy dudes, die den ganzen Tag gute Laune haben, dabei hat man ja fast nie den ganzen Tag gute Laune.

Was ich nicht sagen kann: dass sich der Mensch allein durch das Reisen in seinen Gewohnheiten verändert, ob ihm das Reisen eine Veränderung aufzwingt.

Wir raffen uns auf zu einem Frühstück, der Bus fährt bald los. Großes Machu Picchu. Wir sehen hier wirklich großartige Orte in Peru, die absoluten Highlights. Ich denke an die Momente dazwischen.

Meine Gewissheiten und wie sie schwinden.


Cusco
Cusco
Cusco


– Iquitos –

Peru sieht hier ganz anders aus als im Rest des Landes, irgendwie karibischer, denke ich mir, obwohl ich noch nie in der Karibik war.

Wie lässig es ist, durch Iquitos zu fahren in einem offenen Dreirad, das eigentlich nichts kostet. Einfach herumfahren. Wir brechen auf in den Dschungel, zwei Tage sind wir fort im Amazonas-Regenwald.

Der Wunsch, dass die Planung entgleitet. Die Angst, dass es wirklich so kommt.

Wir besuchen noch eine butterfly farm, eine junge Amerikanerin macht einen Rundgang mit uns. Sie ist Volunteer und drei Monate in Iquitos, in dieser Farm am Rande der Stadt.

Am Hafen essen wir fangfrischen Fisch, der wieder fast nichts kostet. Wie freundlich die Menschen sind, und sei es nur, weil sie etwas verkaufen wollen. Wie egal mir das ist.

Immer wieder einen Kaffee trinken (warum eigentlich?) – Herumsitzen unter der tropischen Sonne. Die Frage, was nun anzufangen wäre mit dieser Reise, was sie bedeuten kann, was sie ausgelöst hat, warum das nun gut war, hierhin oder dorthin zu fahren.

Wie ich nicht rauskomme aus meinem dummen Kopf.


Iquitos
Iquitos
Iquitos
Iquitos
Iquitos


– Auf dem Weg nach Huaraz –

Fahrt durch den Elendsgürtel nach Norden. Knapp ein Drittel aller Peruaner wohnen in Lima. An jeder Ecke: Händler, Schmuggler, Checker, die informellen Arbeiter der informellen Siedlungen, primitiv zusammengebastelt aus Schilfrohr, Wellblech und Abfall. Die barriadas erobern die trockenen Hänge der Küstenwüste.

Ich will etwas Sinnvolles zu Papier bringen, aber es gelingt nicht.

Der Humboldtstrom treibt den Nebel an Land, den grauen garúa, der alles etwas depressiv aussehen lässt. Endlose trübe Küste entlang der Panamericana.

Busfahrten sind ganz wichtig, weil einem dann erst diese Gedanken kommen, weil man dann erst Zeit hat, alles zu reflektieren und zu sinnvoll scheinenden Schlüssen zu verbinden, obwohl man ja weiß, dass das alles wieder nur temporäre Einsichten sind, aber anders geht es gar nicht. Man kann nicht immer versuchen, zeitlose Wahrheiten aufzuschreiben, bei denen jeder in zwanzig Jahren zustimmend nickt, damit braucht man gar nicht anfangen, das gelingt vielleicht einmal in drei Texten. Also: die Erwartungen zurückschrauben und das Temporäre zulassen.

Wieder: Hineinfahren in die Nacht, dieses Mal bin ich allein, endlich allein. Mein Reisegefährte ist von Lima zurückgeflogen. Das Land faltet sich auf, als der Bus die Küste verlässt. Meine Sehnsucht nach dem Gebirge.

Der Bus gestern Abend hatte keinen Platz mehr für mich, ich musste eine Nacht warten, dadurch kann ich den Bergführer in Huaraz erst morgen treffen. Die Sonne geht langsam unter. Die kurvige Straße, meine Gedanken, die sich winden und wenden.

Meine Unzufriedenheit mit mir selbst.

– Im Nationalpark Huascarán –

Ich liege im Zelt auf 3900 Metern, draußen die vergletscherten Sechstausender der Cordillera Blanca. Queñua-Bäume wachsen entlang des kleinen Flusses an unserem Lagerplatz im Llanganuco-Tal.

Meine Überlegung: wie viel Zeit es braucht, sich von den Strukturen und Zwängen der Heimat zu lösen, und ob dazu nicht Abgeschiedenheit, Einsamkeit und ein klarer Bruch nötig sind.

Draußen macht Marcus, unser Koch, das Abendessen fertig. Stille im Tal. Mein Wunsch, eine Zeitung zu lesen.

Die Vermutung: Es ist eine unglaublich wichtige Erfahrung, einmal mit sich selbst allein in der Fremde zu sein, damit man seinen Platz in der Welt findet, ein Verhältnis, ein Arrangement treffen kann mit all dem Unbekannten, das einem im Leben begegnet, ganz grundsätzlich.

Am nächsten Morgen: Aufbruch zum Basislager des Nevado Pisco. Große Euphorie.


Nationalpark Huascarán
Nationalpark Huascarán
Nationalpark Huascarán


– Huaraz 

Nach einer Woche in der Wildnis: erst mal wieder duschen und dann ein nettes Restaurant suchen. Wie gut es tat, wirklich raus zu sein. Plötzlich scheinen Dinge wieder möglich zu sein.

Meine Freude über das, was war.

2012. What a year. Januar: Totalabstinenz, Klarkommen, Ruhigstellen, kein Alkohol und keine Musik, bitte überhaupt keine Emotionen, lieber Nichtempfinden als mieses Empfinden. Februar: wieder Rantasten, mit Tendenz zur Rückfälligkeit, aber alles schon okay, der Weg stimmt.

Ich rufe meine Eltern an, die sich schon Sorgen gemacht haben, und laufe abends einfach die Straßen bergan, ich weiß nicht, wohin ich gehe.

März: Reise, Bruch, Reflexion, zum letzten Mal. April: so ein offener, weiter, breiter Sommer kündigt sich an, der viel verheißt, erahnen lässt. Mai: Umzug, eine Änderung der allgemeinen Umstände. Und auch: raus aus dem eigenen Hirn, irgendwie der Selbstverfolgung entkommen.

Oberhalb von Huaraz haben sich rund 400 Menschen versammelt. Bierkästen, ganze Schweine auf dem Grill, Volksfeststimmung. Was ich erst langsam begreife: Es soll hier einen Stierkampf geben. Die Leute suchen sich die besten Plätze am Hang. Trunkenheit und Handgemenge. Die Leute lachen mich an und sagen »gringo«.

Juni: Der Reisemoment, ein Monat entwurzelt, aber überall glücklich, viel Arbeit auch, ungewohnte Arbeit. Eine Zeit, die man erst im Rückblick als Wendepunkt erkennt. Brüssel, diese Sommernacht, Tanzen bei Madame Mustache, Morgensommerlicht, Herzklopfen, natürlich auch wieder eine Verklärung, aber doch: die Möglichkeit der Liebe. Da steht man wieder auf der Bühne des Lebens und sitzt nicht mehr in der Grübelkammer.

So irre, so vieles, dieses Jahr, das noch nicht einmal zu Ende ist. Blick auf die Berge hinter Huaraz nach einer Woche im Gebirge, nur mit dem Bergführer und mir selbst: fast schon zu gut dieser Sommer.

Bevor der Stierkampf richtig losgeht und die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, laufe ich wieder runter in die Stadt.

Mein Optimismus in dieser Stunde.


Huaraz
Huaraz
Huaraz


– Zurück in Lima –

In der Hitze des Mittags laufe ich nach Barranco. Ich bin allein und trinke Wein in einem kleinen Restaurant. Wie ich einfach ziellos umherlaufe und mich frage, was das soll.

Mein Versuch, durch das Verschwinden in der Ferne in der Heimat alle Teile noch mal neu zu ordnen, sie anders zusammenzusetzen, ein neuer Mensch zu werden.

Das Verschwinden gelingt besonders gut im Stadtverkehr. Junge Paare, die knutschen: Das ist immer ein schönes und gleichzeitig melancholisches Bild, weil es einen an Zeiten erinnert, wo nicht so viel ausgehandelt werden musste, weil es mehr gab, dass die Richtung, den Rahmen vorgab.

Der Gedanke: Die globale Urbanität als Sieg des Humanismus? Oder des Konsumismus? Der Sieg des Westens? Vielleicht fühlt man sich deshalb so wohl dabei, weil man nichts anderes mehr kennt. Aber vielleicht wollen sich junge Menschen einfach schicke Anziehsachen kaufen, mit ihren Freunden in der Mall abhängen und die neusten Lieder auf ihrem Smartphone haben. Und vielleicht ist das überhaupt nicht verkehrt.

Meine Erkenntnis: Die Reise an sich, also die Bewegung von einem Ort zu einem anderen, die man eher als Fortbewegung bezeichnen muss, ist erst einmal überhaupt nichts wert.

Wie kann das Reisen eine gänzliche andere Erfahrung sein als das Leben zuhause, wenn man sich den gleichen Mechanismen unterwirft?

Meine Verwirrung in dieser Frage.

Der letzte Abend am Plaza Mayor. Ich setze mich auf die Stufen der Kathedrale von Lima. Ich wälze die grundsätzlichen Fragen des Lebens. Vier Wochen sind vorbei, aber es kommt mir vor, als sei ich erst gestern angereist. Meine Rastlosigkeit.

Das Taxi Richtung Flughafen ist pünktlich.

Die Illusion, dass zu Hause alles anders wird.


Lima Barranco
Lima Barranco
Lima Barranco
Lima Barranco


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In dem sogenannten malerischen Hafenstädtchen Hoi An in Vietnam zeigt sich die Tripadvisorisierung des sich stetig ausbreitenden Pauschalindividualtourismus. Ein Besuch, der Bedauern auslöst.

Die Erwartungshaltung entsteht auch durch die Mühseligkeit der Anreise: zehn plus x Stunden mit dem Nachtbus von Nha Trang hinauf; sobald es zweistellig wird, zählt man nicht mehr mit. Da wünscht sich der Reisende erst recht eine tolle Erholungskulisse, für den ersten Tag jedenfalls, und dann jede Menge Spektakel, Authentizität, Exotik. Ganz einfach eine großartige Sehenswürdigkeit.

Die Sonne brennt viel zu hell und fröhlich vom Himmel, als die Rucksacktouristen am frühen Morgen den Bus in Hoi An verlassen. Die Energie reicht nicht mehr zum Feilschen. Für ein bisschen zu viele Dong fährt einen der Taxifahrer in das kleine Boutique-Hotel, das man sich bei Hostelworld.com herausgesucht hat. Der Übernachtungspreis und die Bewertung in Sternen, beides ergibt die moderne Entscheidungsmatrix für die Wahl der Unterkunft. Man klickt sich durch die Angebote wie bei einem Versandhändler, einfach weil es geht und so viel einfacher ist, als vor Ort planlos vor der erstbesten Rezeption aufzuschlagen.

Wir zahlen für unser Doppelzimmer im Phu Thinh 2 (bevor Sie jetzt lachen: man spricht es garantiert nicht wie den russischen Präsidenten aus) stolze 55 US-Dollar, was für die Backpacker-Verhältnisse in Vietnam schon pure Dekadenz ist. Aber es ist, zumal durch zwei geteilt, eben immer noch ein lächerlicher Preis für das schwimmende Blütenarrangement in der kleinen dunkelgrauen Wasserschale, das blitzblank geputzte Badezimmer, den Pool im Garten, für den Ausblick vom Balkon auf die Berge im Hinterland.


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Nicht so schlecht: Blick vom Balkon des Phu Thinh 2.


Erst einmal ein Nickerchen nach der Zerfahrenheit der nächtlichen Busfahrt, dann die Frage: Moment, okay, warum sind wir noch mal hier? Hoi An, das hat doch seinen Grund gehabt.

Lesen wir noch einmal im Reiseführer nach: Dort ist die Rede von »romantischen Gassen« und einer »friedlichen, intimen Atmosphäre«. Hoi An sei das »populärste Travellerziel Vietnams«, ja sogar die »Tourismusdestination Vietnams schlechthin«. Das klingt so, als wäre es vollkommen fahrlässig, Hoi An auf einer zweiwöchigen Rundreise durch Vietnam nicht für mindestens zwei Nächte zu besuchen. In unserer Reiseeuphorie entgehen uns die negativen Konnotationen der Worte »populär« und »Tourismusdestination«, die beim zweiten Hinhören tatsächlich allerlei grausige Assoziationen hervorrufen können.

Es gibt touristische Ziele, die zu Recht bekannt und überlaufen sind (das Metropolitan Museum of Art, die Ruinen von Angkor, die Salzwüste in Bolivien) und solche, die so totgeritten sind, dass man sich einen Besuch wirklich sparen kann (man denke nur an den Eiffelturm). Das ist immer auch Geschmackssache. Über Hoi An lässt sich an diesem sonnigen Morgen noch kein Urteil abgeben, aber die Vorschusslorbeeren: not too bad. Das schwärmerische Lob erzeugt aber eine gewaltige Fallhöhe.


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Eindrücke aus der Altstadt von Hoi An.


Im 16. Jahrhundert landeten die Portugiesen in Vietnam. Sie brachten Musketen und Kanonen mit, die wiederum Händler aus anderen Teilen Ostasiens – aus China, Japan oder Java – anlockten. Hoi An wurde ein bedeutendes Handelszentrum, für Seide, Porzellan und Baumwolle zum Beispiel. Doch der Hafen versandete, und im 19. Jahrhundert befand sich das Städtchen bereits im Niedergang. Die Kaufleute gingen woanders hin, etwa nach Da Nang. Mutmaßlich verdankt Hoi An seine heutige Popularität der Tatsache, dass die Altstadt während des Vietnamkriegs nicht zerstört und irgendwann von der Unesco als Welterbe geadelt wurde. Ein pittoresker Hafenort zum Flanieren, eine nette Promenade, ein bisschen chinesische Architektur, plus vietnamesische Lebensart. Das sind die Zutaten, aus denen die Verheißungen der touristischen Vermarkter zusammengepanscht sind.

Ein erster Spaziergang durch Hoi An führt dem Besucher vor allem eines vor Augen: Restaurants, Bars, Souvenirläden und Schneidereien. Selten haben die Häuser mehr als zwei Geschosse, einige französische Kolonialvillen sind fein bunt angestrichen, als Höhepunkt des Stadtbilds gelten die alten Handelshäuser und chinesischen Tempel mit verzierten Giebeln, Drachenfiguren, Ornamenten, Räucherstäbchen, Schreinen und Zierteichen. Es gibt auch eine japanische Brücke mit einer angebauten Pagode, die einem daoistischen Geistervertreiber mit den Namen Tran Vu gewidmet ist. Die Sehenswürdigkeiten Hoi Ans lassen sich binnen zwei Stunden bequem erlaufen, man ist dann sozusagen fertig.


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Fotografisches Highlight: die alten chinesischen Tempel.


An diesem Punkt des Stadtbesuchs – nachdem das angeblich Sehenswerte besehen wurde – erhofft man sich als Reisender, dass eine zweite Ebene des Erlebens aktiv wird (manchmal passiert das gleich in den ersten fünf Minuten, aber das ist eher selten): Die Grundstimmung des Ortes wirkt auf das Gemüt des Reisenden ein, auf ganz unterschiedliche Weise. Sie beflügelt die Phantasie und bestärkt den latenten Willen zu einer Veränderung, die nun wirklich passieren muss. Sie legt die Brüche des bisherigen Lebensweges frei und fördert Melancholie zutage. Oder sie macht das Denken leichter und schafft einen gesunden Abstand zu bestimmten Erlebnissen der Vergangenheit. Sie zeigt Wege auf, wohin die Reise, so im Großen und Ganzen betrachtet, einmal hingehen könnte. Manchmal passiert das alles gleichzeitig. In Hoi An hingegen öffnet sich für uns genau keines dieser Wahrnehmungsfenster.

Während unseres dreitägigen Aufenthalts tun wir im Prinzip nicht viel mehr als Spazieren und Essen. Was an anderen Orten als Programm völlig genügt, weil man im sogenannten Flair der Stadt ganz aufzugehen scheint, erweist sich in Hoi An als unbefriedigend. Wir wissen nicht, wohin mit uns. Wir laufen mal hierhin (auf den Markt), mal dorthin (ans Flussufer), ohne recht zu wissen, was wir anstellen sollen. Warum nur?

Ein Grund ist, dass Hoi An von reisenden Pärchen, Familien und hedonistischen Individualtouristen extrem überlaufen ist. Am Abend werden am Fluss gelbe Lampions entzündet. Das soll wohl für eine »bezaubernde Stimmung« sorgen, in der sich die Besucher, wie beim großen Abendprogramm eines Freilichtmuseums, ganz angerührt fühlen. Gleichzeitig dröhnt von der anderen Seite des Thi Bon, von der Insel Cam Nam, die Musik der Saufschuppen herüber, in denen starke Longdrinks für kleines Geld für junge Europäer ausgeschenkt werden, die sich für »drei Monate Südostasien« eine Auszeit während ihres Studiums genommen haben. Vielleicht entsteht hier bald noch so eine Art Ballermann in Miniatur, wie an so vielen Orten zwischen Hanoi und Lombok.

Und dann zeigt sich in Hoi An die zunehmende Tripadvisorisierung des Reisens. In jedem zweiten Schaufenster hängt ein »certificate« als angeblicher Ausweis von Qualität. An der nächsten Straßenecke ist wieder ein Restaurant »2014 winner«, was immer das heißen soll. Tripadvisor, der neue Lonely Planet. Man läuft durch die Gassen und ist ganz und gar Kunde. Überall soll man hineingelockt werden zu Burgern, Spaghetti und Croissants (what the fuck?), aber auch zu »traditional Vietnamese cuisine«, die nie so gut ist wie die in Saigon. Was die Masse an Urlaubern mitbringt, ist nicht gerade ein Sinn für Qualität.


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Willkommen in der Tripadivsor-Welt.


Hoi An ist eine Stadt, die heute nicht nur maßgeblich vom, sondern auch für den Fremdenverkehr existiert, der sich hier wie an vielen Orten Vietnams in Form eines individualisierten Massentourismus zeigt. Die Tatsache, dass es den Tourismus in Hoi An gibt, ist wiederum der Grund für weitere Touristen, dorthin zukommen. Eine große Selbsterhaltungsmaschine, eine leere Hülle.

Der Umstand, auch noch Teil dieses großen Auflaufs zu sein, führt zu einer gewissen Unzufriedenheit. Wer das Spiel durchschaut, kommt sich vor wie ein alberner Clown: auf der Suche nach dem authentischen Reiseabenteuer, aber gestrandet in einer kommerziell absolut durchorganisierten Touristenhochburg. Man hat es eben doch nicht schlauer angestellt als die ganzen Leute, die hier mit einem im Lokal sitzen.

Erkenntnis des letzten Abends: Wir sind der Masse gefolgt, auf dem wirklich ausgetretenen Touristenpfad nach Norden, und für etwas anderes waren wir entweder zu unwissend oder zu bequem. Aber was ist dagegen schon einzuwenden? Am Ende sind wir auch nur zwei vergnügungssüchtige Europäer mit etwas zu empfindsamen Gemütern und jeweils 600 harten Dollar in der Tasche, die die Devisenarbitrage in einem aufstrebenden, aber immer noch verhältnismäßig spottbilligen Schwellenland ausnutzen, um sich in der Abendsonne in eine diffuse Wohlfühllaune zu trinken. Was soll’s? Ärgern bringt jetzt nichts mehr.

Bei Tripadvisor gibt es für die Altstadt von Hoi An aktuell 4066 Bewertungen. »Ausgezeichnet« sagen 2664 Nutzer, »sehr gut« finden 1071. Gelobt wird die »Straßenküche« (die ja eben genau keine mehr ist) oder das »China-Flair«. Eine Nutzerin versteigt sich auf die gewagte These: Hoi An sei eines der »Must-Sees der Welt«. Nicht alle sind derart überzeugt. In einer Bewertung heißt es lakonisch: »Von Touristen überlaufen, Geschäfte der gleichen Art (Bekleidung und Andenken), irgendwie wie ein Outlet-Village«. Trotzdem: drei von fünf Punkten.


Infobox: Vietnam

Was ist die beste Reisezeit für Vietnam?

Vietnam liegt in zwei Klimazonen. Der Süden ist tropisch-feucht, der Norden gemäßigter und kühler. Wer das ganze Land sehen möchte, sollte in den trockenen Monaten von November bis Januar verreisen. In den Sommermonaten bringt der Südostmonsun im Süden des Landes viel Regen, dafür kann es im Winter im Norden frisch werden.

Wie komme ich nach Vietnam?

Mit einer Zwischenlandung von Deutschland aus nach Saigon. Emirates fliegt über Dubai, Etihad über Abu Dhabi, Air France über Paris.

Brauche ich ein Visum?

Ja. Reisende aus Deutschland müssen das Visum online unter http://visa.mofa.gov.vn bei der vietnamesischen Auslandsvertretung beantragen. Es gibt Single-Entry-Visa für die einmalige Einreise und Multi-Entry-Visa für die mehrfache Einreise.

Wo kann ich übernachten?

Übernachtungsmöglichkeiten gibt es für jeden Geldbeutel. In Saigon und Hanoi gibt es luxuriöse Sternehotels, in der Mittelklasse ein großes Angebot. Individualreisende können im ganzen Land auf ein dichtes Netz an einfachen Hostels zurückgreifen, in denen die Übernachtung selten mehr als 15 US-Dollar kostet. Wer sich etwas mehr Komfort gönnen möchte, geht in ein Boutique-Hotel (ab etwa 30-40 US-Dollar pro Nacht).

Wie sicher ist Vietnam?

Vietnam ist ein sicheres Reiseland. Touristen können sich frei bewegen. Taschendiebstähle sind – wie überall auf der Welt – möglich und lassen sich durch einfache Vorsichtsmaßnahmen verhindern.

Wie teuer ist Vietnam?

Vietnam ist immer noch ein sehr günstiges Reiseland. Wer mit wenig Budget reist, braucht nicht mehr als 30 US-Dollar am Tag (10 für Essen, 10 für Übernachtung, 10 für Transport).


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Wenn die Augen nicht mehr zwischen Schnee und Wolken unterscheiden können, hat man in den Bergen ein Problem. Auf dem Großvenediger erlebten wir einen Whiteout – und kamen trotzdem auf den Gipfel.

Als wir Kinder waren, sahen wir den Großvenediger vom Zillertaler Hauptkamm aus in der Ferne aufragen: der vierthöchste Berg Österreichs, 3662 Meter hoch. Geschätzte zehn Jahre später sollte es auf den Gipfel gehen. Mein Bruder und ich stiegen also in einen Flieger nach München, nahmen einen Zug nach Österreich und fuhren mit einem Bus bis zum Südausgang des Felbertaunerntunnels. Dort nahm uns ein Jeep mit zum Venedigerhaus. Wir kamen von bescheidenen 120 Metern Seehöhe und erreichten erst am späten Abend, in der Dämmerung gegen 21 Uhr, unser erstes Ziel: die Neue Prager Hütte auf 2796 Metern. Knapp 2800 Meter sind zwar nicht der Überwurf, der Körper beginnt aber trotzdem damit, sich an den veränderten Sauerstoffgehalt in der Höhe anzupassen. So müde wir auch abends in unser Lager fielen – unser Ruhepuls lag mit Sicherheit bei 90. Der Körper fing an zu arbeiten.

Ab 2500 Metern kann es schon zur akuten Bergkrankheit kommen. Sie ist im Gegensatz zu ihren gefährlichen Verwandten HACE und HAPE nicht lebensbedrohlich, äußert sich aber in fiesen Kopfschmerzen, Übelkeit und Appetitlosigkeit. Üblicherweise werden in Höhen um die 3000 Meter aber nur Turnschuh-Wanderer bergkrank, die sich direkt mit der Seilbahn in die Höhe fahren lassen. Für uns war das also kein Problem. Wie uns der Wirt auf der Neuen Prager Hütte mit genügsamer Selbstverständlichkeit mitteilte, gab es auf der Prager Hütte seit dem Winter kein fließendes Wasser. Wir mussten uns mit Schnee die Zähne putzen, die Leitungen waren noch zugefroren.



Für den nächsten Tag war der Gipfeltag angesetzt. Der Aufstieg stand nicht nur bildlich gesprochen unter einem schlechten Licht: Das Wetter war gelinde gesagt beschissen, der Berg war in dichten Nebel gehüllt, und wir mussten auf die Spuren einer 5er-Seilschaft vertrauen, die vor uns aufstieg. Die Sichtweite auf dem Gletscher lag bei etwa 20 Metern. Ohne eine Spur hätten wir uns niemals an den Berg herangetraut.





Durchaus bemerkenswert ist die Tatsache, dass das Auge irgendwann nicht mehr zwischen Nebel und Schnee unterscheiden kann und man gelegentlich zu Halluzinationen neigt. So schwor mein Bruder darauf, dass ein von mir weggeworfenes Stück Trockenobst stetig den Hang herunterrutschen würde, obwohl es sich bei längerem Betrachten kein Stück von der Stelle bewegte. Ein whiteout kann zu vollkommenem Orientierungsverlust führen, weil der Himmel sich nicht mehr gegen die übrige Landschaft abhebt. Das Auge ist überfordert. Man fängt an, Dinge zu sehen, die gar nicht da sind, man wird ein bisschen wahnsinnig.

Abgesehen von den miserablen Sichtverhältnissen war der Anstieg körperlich extrem zehrend. Da wir uns vor der Tour nicht sicher waren, ob wir von Hütte zu Hütte wandern oder eher auf Gipfelsturm gehen würden, hatten wir viel zu viel Gepäck dabei: ein leidiger Umstand. So haben wir in den sagenhaften fünf Stunden des Aufstiegs jeweils 20 Kilo Gepäck den Berg hinaufgetragen – und wieder herunter. Darüber hinaus lag noch extrem viel Altschnee vom Winter. Das sorgt nicht nur dafür, dass die Gletscherspalten gefährlich überschneit sind, sondern macht auch das Gehen deutlich beschwerlicher, weil der Fuß bei jedem Schritt 30 Zentimeter einsinkt. Jener Mensch, der da zuvorderst der 5er-Seilschaft die Spuren getreten hat, muss nicht nur einen gottgebenen Orientierungssinn gehabt haben, sondern auch die Kraft eines Bären. So kam es dann vor, dass mein Bruder und ich – am Tag zuvor noch vom Flachland aufgestiegen – regelmäßig alle zehn Meter anhalten mussten, um durchzuatmen. Mit keinem geringen Gefühl der Genugtuung tauchten irgendwann doch noch der Gipfelgrat und das Kreuz auf.



Nach mühsamen achteinhalb Stunden erreichten wir wieder die Neue Prager Hütte. Der Wirt versorgte die gesamte Mannschaft mit einem großen Topf Nudeln mit Bolognese-Soße. Mein Puls war vor dem Einschlafen noch mal etwas höher als in der Nacht zuvor. Der Aufstieg von 120 auf 3670 Meter binnen 20 Stunden hinterließ seine Spuren. Dass es in den nächsten Tagen sogar noch ein wenig höher gehen sollte, war zu dem Zeitpunkt noch lange nicht ausgemacht..



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