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Philipp Laage

Die Karibik müsste das perfekte Kreuzfahrtziel sein. Wie sonst ließe sich die Inselwelt besser entdecken? Doch auf einem Schiff der »Wohlfühlflotte« lernt man vor allem eines: Entspannen ist harte Arbeit.

Die Begrüßung ist unmissverständlich. »Willkommen in Ihrem Traumurlaub«, sagt eine Frauenstimme über die Lautsprecher der Mein Schiff 3.

Die gerade eingetroffenen Gäste haben sich oben am Pooldeck versammelt und erfahren nun von der kollektiven Mission ihrer Kreuzfahrt: »Wir wollen neue Länder, neue Kulturen, neue Menschen kennenlernen.« Dazu bleibt auf dieser Karibik-Fahrt mehr Gelegenheit als geplant: Eine Charter-Maschine aus Deutschland ist nicht angekommen, die Abfahrt von Bridgetown verzögert sich um einen Tag. Zeit, Barbados zu erkunden.

Keine halbe Stunde dauert der Fußweg vom Anleger hinüber in die Stadt. Mittagshitze, kurze Schatten, es sind kaum Einheimische in den Straßen unterwegs. Das Ziel der meisten Kreuzfahrtpassagiere ist der nahe Strand: gleißend-weißer Sand, türkises Wasser, blauer Himmel, ein paar Flöckchenwolken – die archetypische Karibik-Kulisse, die jeder Reisende verinnerlicht hat. Ob Barbados oder Barbuda, das ist eigentlich schon zweitrangig.



Als »Wohlfühlflotte« bezeichnet die Reederei Tui Cruises ihre Schiffe. In der Karibik scheint diese Marketingformel noch passender zu sein als in anderen Fahrgebieten. Schließlich ist es dort im deutschen Winter warm, an Bord wird man verwöhnt, und das Schiff bringt den Gast gemütlich von Insel zu Insel, buchstäblich im Schlaf.

Tatsächlich liegt es ja nahe, die Karibik auf einer Seereise zu erkunden, selbst als Reisender, dem das Konzept der Massen-Kreuzfahrt ähnlich zuwider ist wie einem Wildpferd der Streichelzoo. Wenn Kreuzfahrt, dann doch wohl hier, wo die Sonne fast das ganze Jahr nur auf das blaue Meer und ein paar putzige Inseln scheint.

Axel Sorger steht jeden Morgen eine halbe Stunde vor dem Festmachen des Schiffes auf. Vor dem 9.00-Uhr-Briefing mit der Mannschaft dreht der General Manager der Mein Schiff 3 seine Runde an Bord: die Spuren der Nacht sichten, das Schiff durch die Augen der Gäste sehen. »Ich suche mir immer andere Wege«, sagt er.

Sorger ist verantwortlich für die 1030 Frauen und Männer seiner Crew und die knapp 2800 zahlenden Passagiere. Er weiß: Die Wohlfühl-Stimmung stellt sich auch unter karibischer Sonne nicht von selbst ein. Sie zu erzeugen, ist ein harter Job. Jeden Tag.




Womit steht und fällt so eine Kreuzfahrt für die Gäste?

»Alles rund um Essen und Trinken ist wirklich schon wichtig«, antwortet Sorger. Die Leute wollten es sich gut gehen lassen, den Alltag loslassen. »Eigentlich suchen alle Entspannung und dass es so reibungslos wie möglich funktioniert« – ob einer zu Hause nun eine Haushälterin hat oder sehr lange für die Reise sparen musste.

Dem Anspruch, maximal zu entspannen, steht allerdings ein üppiges Bordprogramm entgegen: Aqua-Gymnastik, Kosmetik-Workshop, Tanzkurs, Schmuckauktion, Rumverkostung, Konzert, Varieté, der Vortrag »Kohlenhydrate, unsere heimlichen Dickmacher« – das ist nur ein Auszug der Aktivitäten für einen Tag an Bord.

Der typische Kreuzfahrer, denkt der Neuling, scheint ein ambivalentes Wesen zu sein: Er will unbedingt seine Ruhe haben, gleichzeitig darf ihm unter keinen Umständen auch nur eine Spur langweilig werden. Er wirkt bequem und gereizt zugleich.

Aber eigentlich ist das Ziel ja, die Karibik kennenzulernen. Erster Halt also: die Insel Dominica. Im Programm stehen 31 verschiedene Landausflüge. Wie wäre es mit der Panoramafahrt inklusive »einer kleinen Folkloretanzdarbietung«? Wohl eher Touri-Klamauk.

Besser klingt die Wanderung zum Sari-Sari-Wasserfall durch den Regenwald, Schwierigkeitsgrad vier, rutschiger Untergrund, festes Schuhwerk bitte. Na wunderbar, diese Beschreibung verspricht einen willkommenen Kontrast zum Wohlfühl-Modus an Bord.

Franklin Christopher, 37, ist der lokale Guide für den Ausflug. Er dürfe über alles reden, sagt er, bis auf zwei Dinge: Politik und Marihuana. Schmunzeln im Bus. Christopher erzählt, dass die älteste Frau auf Dominica 127 Jahre alt wurde. Wie sie das geschafft habe? Kurze Kunstpause. »Weil sie nie verheiratet war.« Der Bus lacht. Ein bisschen Stand-Up-Comedy gehört zum Repertoire jedes guten Touristenführers, das hat Christopher gelernt.

Die Wanderung zum Wasserfall ist in der Tat ein forderndes Unterfangen. Oft steht die Reisegruppe knietief im Fluss und bildet eine Kette, damit das Wasser niemanden von den Beinen reißt. Die Feuchtigkeit zieht die Hosenbeine hoch, von oben fällt Platzregen. Am Ende sind alle nass. Das war keine Kaffeefahrt, sondern Natur pur – großartig. Reingewaschen vom träge machenden Luxus kehrt die Gruppe bester Laune zum Schiff zurück.



Guadeloupe ist am Tag darauf ganz anders als das dicht bewaldete Dominica, eher beschaulich-zivilisiert. Die Insel ist ein französisches Übersee-Departement. Als Landausflug steht eine Kajaktour durch die Mangroven an. So kann man die karibische See einmal mit der eigenen Muskelkraft erschließen und hat sich die Entspannung am Ende des Tages verdient.

Antigua ist wiederum eine Insel, die sich gut ohne organisierten Ausflug erkunden lässt. Die Taxifahrer warten schon am Ende des Piers, um sich mit Wucherpreisen zu überbieten. Die Auswahl der Ziele ist groß: Antigua wirbt als Insel mit 365 Stränden, einer für jeden Tag des Jahres. Das ist sehr optimistisch gezählt, aber gute Werbung.

Nicht weit von der Hauptstadt entfernt, eine gute Stunde zu Fuß nördlich von Saint John’s, befindet sich mit dem Runaway Beach bereits ein echtes Schmuckstück. Weißer Sand schiebt sich auf mehreren hundert Metern sanft unter das karibische Türkis des Wassers. Die einzige Strandbar ist leicht morbide, wie ein Piratenversteck, nur mit viel zu lauter Dance-Musik. Das scheint aber keinen der dösenden Touristen zu stören. Der Strandverkäufer will fünf US-Dollar für eine Kokosnuss: ein guter Witz in der sengenden Mittagshitze.

In der Bucht nebenan, am Dickenson Beach, liegen direkt am Wasser ein paar Hotels, Ferienhäuser und Restaurants. Palmen werfen etwas Schatten, ohne Sonnenbrille schmerzen die Augen. Hier kann man die Stunden nun in Ruhe vorbeiziehen lassen, ist am späten Nachmittag aber auch froh, dass das Schiff einen in der Nacht wieder woanders hinbringen wird. 365 Tage Strand? Einer reicht manchmal auch.



So ein Kreuzfahrtschiff ist nach zwei bis drei Tagen im Prinzip erkundet, auch wenn sich die Reedereien immer neue Attraktionen an Bord ausdenken – wobei die Mein Schiff 3 eher mit einem konventionellen Programm aufwartet. Kurzer Blick auf die elektronische Anzeige: Das »Meine-Schönheit«-Team zeigt heute, »wie man ein einfaches Tages-Make-Up schminken kann«. Außerdem wird die Reise-DVD beworben: »Wohlfühlmomente, die ewig währen.«

Shoppen lässt sich an Bord auch, in Duty-free-Geschäften. Wird das denn viel gemacht? Zahlen könne er keine nennen, sagt General Manager Sorger. Der Wettbewerb sei hart. Aber klar, ohne Nachfrage gäbe es das Angebot nicht. Wird also auch schon mal, sagen wir, eine Breitling-Uhr an Bord gekauft? »Absolut, absolut.«

In Philipsburg auf St. Martin besteht der Hafen aus einem einzigen großen Duty-free-Bereich, dort kann das Einkaufen also gleich weitergehen. Höhepunkt des zur Niederlande gehörenden südlichen Inselteils Sint Maarten ist aber ein besonderer Flughafen: der Princess Juliana International Airport. Die Landebahn trennt nur ein kleiner Streifen Sand namens Maho Beach vom Meer. Und so fliegen die großen Jets von Delta oder Air France nur wenige Meter über den Köpfen der Urlauber über den Strand hinweg, scheinbar zum Greifen nahe.



Letzter Reisetag, es geht nach La Romana in der Dominikanischen Republik. Noch hat die Hurrikan-Saison nicht begonnen, die Sonne strahlt auf das Pooldeck, wo an diesem Tag noch einmal besonders viele Passagiere zusammenkommen, um sich richtig wohlzufühlen.

An einem solchen Seetag erinnert das Schiff tatsächlich sehr an das viel beschworene «schwimmende Hotel«, von dem bei Kreuzfahrten stets die Rede ist. Pool, Sonnenbaden, Drinks von der Bar. Der Kreuzfahrer findet hier zu sich selbst.

Aber gibt es ihn überhaupt, den typischen Kreuzfahrttouristen? Das ist wohl wirklich ein Vorurteil. Auf der Mein Schiff 3 jedenfalls trifft man sehr unterschiedliche Gäste. Da ist der Typ Malocher, der die Engländer ohne Ironie als »Inselaffen« bezeichnet, aber herzerwärmend seine Enkelin in den Arm nimmt und erklärt: »Familie ist das wichtigste.« Der erste Rum-Cola steht 16.00 Uhr vor ihm auf dem Tisch.

Da ist der abgeklärte Vielflieger aus dem Management-Mittelbau der deutschen Industrie, der glaubt, die ganze Welt sowieso schon zu kennen. »St. Martin machen wir mit dem Mietwagen«, verkündet er selbstbewusst, ohne seinem Gegenüber je zuzuhören.

Und da sind die wirklich Vermögenden, die per Business-Class-Flug anreisen und in einer bis zu 54 Quadratmeter großen Suite des exklusiven Wohnbereiches X-Lounge residieren. Sie speisen häufig in den Bezahlrestaurants des All-inclusive-Schiffes und führen ihren Schmuck ebenso stolz vor wie ihre Tischmanieren.



Dimitris Papatsatsis kennt sie alle. Er hat sich in der Diamant Bar mit einem Kaffee hingesetzt, zu leiser Pianomusik. Der Kapitän der Mein Schiff 3 ist gebürtiger Grieche, ein zurückgenommener Typ, und er erklärt: »Der deutsche Gast ist kein einfacher Gast.« Ach nein? »Der deutsche Gast möchte alles, was ihm versprochen wurde. Er verlangt, was er bezahlt hat.« Und er kann sich gut beschweren.

Was er schon alles gehört habe, erzählt Papatsatsis. Beispiel: »Was machen Sie als Grieche auf einem deutschen Schiff?« Ja, kein Witz. Papatsatsis lacht, während der Erstfahrer überlegt, was genau auf dieser Kreuzfahrt er noch einmal ist – Entdecker, Weltenbummler zur See oder doch bloß der Pauschaltourist-Prototyp? Der Kapitän hat für sich schon die Antwort gefunden: »Du wirst zum Psychologen.«

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Die Fahrt durch die Hochebene Südboliviens führt zu Lagunen, steinernen Bäumen und Geysiren bis zu einem heißen Bad auf 4000 Metern. Fotos einer der spektakulärsten Landschaften der Welt.

Uyuni — Wer es während eines Aufenthalts in Südbolivien bei einem Besuch der Salar de Uyuni belässt, verpasst etwas. Denn noch viel eindrücklicher sind die Lagunen im Reserva Nacional de Fauna Andina Eduardo Abaroa, die sich über das Hochland in der Grenzregion zu Chile verteilen. Reisende ohne zoologisches Vorwissen wundern sich über die Flamingos auf knapp 4000 Metern. Und plötzlich ist das Wasser auch noch bunt.

LAGUNA HONDA

Ein kalter Wind fegt über die Ebene. Ob die Vulkane hinter der Lagune zwei oder zwanzig Kilometer entfernt sind, lässt sich in dieser Landschaft nicht sagen. Das Wasser des Sees schimmert durch Mineralien grün wie ausgeblichene, matte Jade. Es sieht ein bisschen so aus, als befände man sich, ja wirklich, auf einem fremden Planeten.


Laguna Honda
Laguna Honda
Laguna Honda
Laguna Honda
Laguna Honda
Laguna Honda
Laguna Honda
Laguna Honda


ARBOL DE PIEDRA

Wind und Sand haben eigentümliche Monolithe geschliffen, die wie Bauklötze in der Landschaft herum liegen. Vor dem arbol de piedra, dem Steinbaum, halten die Geländewagen, damit die Touristen Fotos machen können. Manche klettern auch auf die haushohen Felsbrocken in der Umgebung hinauf.


Stone Tree
Stone Tree
Stone Tree
Stone Tree
Stone Tree
Stone Tree
Stone Tree


LAGUNA COLORADA

Die Aussicht ist hier noch umfassender, der See noch weitläufiger. Bakterien und Mineralien sorgen dafür, dass das Wasser der Lagune eine rote Farbe annimmt. Die bekannten drei Flamingoarten der Region versammeln sich in dem Hochgebirgssee, aber der Laie kann sie natürlich kaum unterscheiden. Die Berge thronen, wie immer, in nicht abschätzbarer Entfernung über dem Wasser. Auch hier geht der Wind schneidend, man kann sich kaum über eine gewisse Distanz unterhalten.


Laguna Colorada
Laguna Colorada
Laguna Colorada
Laguna Colorada
Laguna Colorada
Laguna Colorada


NACHTLAGER

Die Pension für die Nacht besteht aus einigen schmucklosen Baracken. Von hier kann man am Nachmittag noch einmal loswandern, bergan für zwei Stunden oder drei, und dann über die Hochebene schauen, den Blick schweifen lassen über die verschiedenen Farben, die sich aufeinander stapeln in der Entfernung.


Laguna Colorada
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GEYSIRE & HEISSE QUELLEN

Der nächste Tag beginnt zwei Stunden vor Sonnenaufgang. Es ist bitterkalt in dieser Höhe. Mit dem ersten Tageslicht erreicht der Geländewagen einen Bergrücken, auf dem Geysire Dampf ins Dämmerlicht entlassen. Mit dem Wagen keine halbe Stunde weiter entfernt befinden sich heiße Quellen, die aus dem Innern der Erde beheizt werden. Das Wasser ist so warm wie in einer Badewanne, es ist wahres Vergnügen. Einige Touristen trauen sich trotzdem nicht, ihre Kleidung bei Temperaturen um den Gefrierpunkt abzulegen und in das Becken einzutauchen. Dampf strahlt in der Morgensonne.


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Das Sommerhaus am See ist in Finnland mehr als eine Ferienunterkunft. In der Hütte zwischen Wald und Wasser, dem Mökki, findet der Finne zu sich selbst. Diesem Geheimnis wollte ich auf die Spur kommen.

Wenn die Finnen einen Sehnsuchtsort haben, dann ist es das mökki, das Sommerhaus am See. Dort saunieren sie und schwimmen, grillen und fischen. Sie fahren mit dem Boot aufs Wasser und gehen in den Wald, um Beeren und Pilze zu sammeln, was jeder darf in Finnland. Oder sie sitzen einfach zusammen und lassen den Tag den Tag und das Leben das Leben sein. Es geht um die Natur und darum, nichts zu wollen, also um eine große Kunst des Daseins.

Das Refugium zwischen Wald und Wasser, den beiden bestimmenden Elementen der finnischen Seenlandschaft, ist kein Prestigeobjekt für eine elitäre Oberschicht, nach dem Motto: fleißig durchmalochen, zu Geld kommen, dann Exit und ihr könnt mich alle mal, Endstation Haus am See. So denken vielleicht die Deutschen.

Der deutsche Großstädter hat seinen Kleingarten. Die räumliche Enge erscheint zwingend in einem Land mit 80 Millionen Menschen, aber vielleicht ist das auch eine Mentalitätsfrage. Die Finnen haben auf jeden Fall kein Raumproblem, mit ihren genügsamen fünfeinhalb Millionen Einwohnern auf einer Fläche fast so groß wie die Bundesrepublik. Doch das mökki ist vor allem Ausdruck einer Haltung.

Kein Statussymbol ist das Sommerhaus, sondern Teil eines Alltags, den man sich so oft es geht so angenehm wie möglich gestalten will. Viele mökki sind seit Generationen in Familienbesitz. Es gibt spartanische Hütten ohne Strom und warmes Wasser, eingerichtet nur mit dem Nötigsten, aber auch mehrstöckige Fünf-Sterne-Häuser zum Mieten: 250 Quadratmeter Wohnfläche, Bootsanleger, drei Schlafzimmer, Whirlpool, High-Tech-Grill. Komfort muss nicht sein, doch in jedes mökki gehört eine Sauna.


Das Haus am See ist der Sehnsuchtsort der Finnen.


Ich war nach Finnland gereist, um eine Geschichte über die Seenplatte im Südosten des Landes zu schreiben. Das war der vordergründige Plan. Doch eigentlich wollte ich der finnischen Freizeitkultur auf die Spur kommen. Welches Lebensgefühl steckt dahinter? Kann man sich wie ein Finne fühlen, wenn man in einem mökki in der Sauna sitzt und nur stark genug dampft und schwitzt? Kein leichtes Unterfangen, anmaßend womöglich. Und am Ende sollte ich Antworten auf ganz andere Fragen erhalten, aber das ist ja oft so – dass man eine bestimmte Sache sucht und eine andere findet, was keineswegs schlecht sein muss.

Die Finnische Seenplatte war mir als perfekter Ort für mein Vorhaben sofort ins Auge gefallen. Ein kurzer Blick auf die Karte genügt, und man erkennt ein blaugrünes Mosaik aus Inseln und Gewässern. Ein besonders großer Klecks Blau stellt den Saimaa dar, den größten See Finnlands. Allein in diesem Seensystem stehen fast 45 000 Ferienhäuser, in ganz Finnland etwa eine halbe Million.

Mein Finnair-Flug ging von Berlin über Helsinki nach Savonlinna. Von dort war es nur eine kurze Autofahrt zum Linansaari-Nationalpark, einem geschützten Teil des Saimaa-Gebietes. Die Maschine landete inmitten abertausender Kiefern und Fichten. Der Flugplatz wirkte so menschenleer wie ein Hochsitz im Wald.

Kaum konnte ich Luft holen, saß ich in einem violetten BMW Z3 Cabriolet, der von einer jungen Frau vom örtlichen Tourismusbüro gesteuert wurde. Tanja hatte den Auftrag, mir die Region zu zeigen, damit ich Material für meine Geschichte bekam. Sie war freundlich, aber ohne künstlichen PR-Ton in der Stimme. Zurückgenommen, ohne reserviert zu wirken. Und sie sagte ständig »Fiß« statt »fish« (zum einen ist das Thema Fisch in diesem Teil Finnlands unvermeidlich, zum anderen haben die Finnen ein Problem damit, das deutsche »sch« korrekt auszusprechen). Allein in der Sekunde der falschen Aussprache verwandelte sich diese Frau, die wie alle Finninnen eine kluge und selbständige war, in ein niedliches Mädchen.

Mit dem Sportwagen durch die Landschaft zu heizen, hatte in meinen Augen wenig mit der Ursprünglichkeit des finnischen Sommerlebens zu tun. Aber irgendwie mussten wir in der nur spärlich besiedelten Region von A nach B kommen.

Die erste Unterkunft meines Aufenthalts war das Hotel & Spa Resort Järvisydän. Es lag direkt am See, hatte aber wenig mit einem mökki zu tun, das ich ja eigentlich suchte. Stattdessen gab es alle Vorzüge eines modernen Hotels und eine Sauna in der privaten Blockhütte. Die Bewusstseinserfahrung Sommerhaus ließ sich scheinbar mit Komfort vereinen.


Die Natur Finnlands: Wald und Wasser.


Am nächsten Tag fuhren wir mit Kajaks hinaus auf den See. Tanja hatte ihr Cabrio ohne mit der Wimper zu zucken gegen ein wackliges Boot getauscht und die schicke Sommerjacke gegen eine Schwimmweste. Wir paddelten. Zum ersten Mal genoss ich es, hier draußen in der Natur unterwegs zu sein, ich war ihr ganz nahe.

Auf einer kleinen Insel stand eine Frau am Ufer, die sich als Barbara vorstellte. Die 69-jährige deutsche Auswanderin wohnte seit 13 Jahren in ihrem mökki mitten im Linansaari-Nationalpark. Sie hatte, so schien es, ihr Glück gefunden. Meine Neugier auf Finnland, seine Seen und die einsamen Ferienhäuser konnte sie nur allzu gut verstehen. »Immer mehr haben Burn-out, die wollen alle ihre Ruhe.« Ich stimmte zu, ohne mich angesprochen zu fühlen. Ruhe ja, Burn-out nein.

Eines muss man sagen: Das Setting für perfekte finnische Ferien stimmt im Linansaari-Nationalpark. Der Besucher kann mit seinem Kajak von Insel zu Insel paddeln und immer wieder einen Halt zum Wandern einlegen.

Auf der Hauptinsel des Parks traf ich den örtlichen Guide Jari. Touristen hatten in der Nähe des Anlegers ihre Zelte aufgeschlagen, doch wir wollten die Insel erkunden. Oft kämen Elche herübergeschwommen und legten sich ganz oben auf der Spitze des Eilands ins Gras, erzählte Jari. Der Wanderweg dorthin war ziemlich zugewachsen. Zwischen alten Fichten und Espen lagen bemooste Felsen wie in einem Fabelwald. Ich sehnte mich nur noch mehr nach einer einsamen Hütte.


Unterwegs im Linansaari-Nationalpark.


Weiter ging es nach Oravi an der Grenze des Nationalparks. In dem Ort konnte man jedes erdenkliche Zubehör zum Campen und Fischen kaufen: von Angeln und Köchern über Zelte, Isomatten und Schwimmwesten bis zu Brennern und Gas in Kartuschen. In einem Laden hingen Bildern von stolzen Männern an der Wand, die riesige Zander und Hechte in die Kamera hielten. Manche Russen, berichtete der Verkäufer, machten die Fische am Computer noch etwas größer.

Aufgrund der geografischen Nähe verbringen viele Russen im Saimaa-Gebiet ihren Urlaub. Doch die Russen mag in Finnland niemand, seit die Rote Armee 1939 ins Land einfiel. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Finnland neutral, ständig eingekeilt zwischen den zwei großen Machtblöcken. Fortan machten die Finnen vieles richtig, während die Sowjets vieles falsch machten. Finnland ist heute eines der wohlhabendsten, gebildetsten und emanzipiertesten Länder der Welt. Vom großen Nachbarn kann man das nicht behaupten.

Tanja zeigte mir Savonlinna mit seiner Burg Olavinlinna, die als die am besten erhaltene mittelalterliche Festung Nordeuropas gilt. Wir aßen kalakukko, Maränen im Brot, also erneut »Fiß«. Dann bestiegen wir einen 108 Jahre alten Dampfer und unternahmen eine Bootsfahrt. Am Ufer zogen in großzügigen aber regelmäßigen Abständen die mökki vorbei, angestrichen in Rot, Gelb und Weiß: Symbole nicht enden wollender Sommer am See. Meine Sehnsucht wurde erneut befeuert.


Mittelalterliche Festung in Savonlinna: die Burg Olavinlinna.


Was machte nur den Reiz des mökki aus? Gib einem Finnen sein Haus am See, und er ist glücklich – davon war auszugehen. Keine Frage: Wenn man mit Familie und Freunden beisammensitzt, kein Zivilisationslärm stört und der Sommerhimmel auch um Mitternacht noch nicht finster geworden ist, scheint der Weg zum Glück kurz zu sein.

Findet sich im mökki vielleicht die Einsicht, dass alles egozentrische Schaffen und Streben, alle kühnen Ambitionen und inneren Kriege unter dem Spiegel des Universums nichts als Schall und Rauch sind? Doch sind die Finnen nicht auch jenes Volk, das sich ständig komatös betrinkt und einander besonders häufig im Suff und Affekt ermordet? Schweigen die finnischen Männer wirklich nur aus Höflichkeit so viel, oder weil letztlich alles vergebens ist?

Wir übernachteten östlich von Savonlinna in einer Ferienanlage mit komfortablen Hütten direkt am See. Hierhin verschlug es wohl Finnen, die erstaunlicherweise nicht im Besitz eines eigenen mökki waren. Die Landschaft rund um das Ferienareal war genauso schön wie überall sonst. Der See schimmerte klar und kühl.

Tanja und ich fuhren, nun wieder im violetten BMW Z3 Cabriolet, nach Kerimäki, wo die größte christliche Holzkirche der Welt stand. Bis zum Kreuz am Dachfirst waren es 37 Meter. Emporen, Rundbögen, Kuppeln und Dachlaternen schmückten das Gotteshaus. Es war deshalb so groß, weil man allen Mitgliedern der Gemeinde gleichzeitig die Teilnahme an der Messe ermöglichen wollte. Dafür musste allerdings jeder bei den Bauarbeiten mithelfen. Pfingsten 1848 wurde die Kirche eingeweiht.


In Kerimäki steht die größte christliche Holzkirche der Welt.


Dann fuhren Tanja und ich mit einem Paddelboot auf eine unbewohnte Insel und wanderten relativ schweigsam durch die Wälder. Es war ein sonniger Tag, das Licht fand seinen Weg durch die Äste bis auf den Waldboden. Dass die Finnen oft lange Zeit gar nichts sagen, ist keineswegs ein Zeichen von Desinteresse. Man möchte sich nicht aufdrängen. Man spricht nicht um des Redens willen. Warum sollte man die angenehme Stille des Waldes durch überflüssige Plauderei vertreiben?

Kein anderes Land in der EU verfügt über einen so großen Waldanteil wie Finnland, rund 70 Prozent sind es. Der Wald ist praktisch überall. Der kleinste Anteil dieser Fläche besteht noch aus echten Urwäldern, aber ein Laie erkennt den Unterschied sowieso nicht. Der Finne liebt den Wald – er hat auch keine andere Wahl.

»In vorchristlicher Zeit waren die Wälder unsere Kirche«, erklärte mir Anna-Maria. Sie arbeitete im Forstmuseum Lusto, unweit von Savonlinna. Das Gebäude war der Form eines Baumstumpfes nachempfunden, alles sah natürlich und modern zugleich aus. In Sachen Design machte den Nordeuropäern einfach keiner etwas vor.

Mit Religion hatte ich nichts am Hut, aber der Wald begeisterte auch mich seit frühester Kindheit. Im Museum erfuhr ich vom »Geist des Waldes«, einer unsichtbaren Energie, die gemäß altem finnischen Volksglauben in vielerlei Form in Erscheinung treten konnte – meist als mächtiger Bär. Der Wald habe magische Kräfte, hieß es auf einer Schautafel. Er könne Krankheiten heilen, aber den Menschen auch in den Wahnsinn treiben. Was genau das eine begünstigte und das andere verhinderte, erfuhr ich leider nicht. Es lag wohl, überlegte ich, wie so oft am Menschen selbst.


Wo ist der Geist des Waldes?


Außer Frage stand für mich, dass ich der Seele des mökki nicht in einer Ferienunterkunft auf die Spur kommen würde. Ich brauchte Zugang zu einem authentischen finnischen Ferienhaus in Privatbesitz. Tanja war bemüht, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Sie tätigte ein paar Anrufe. Tatsächlich, eine Freundin sei über das Wochenende verreist, ich könnte eine Nacht in ihrem Haus am See verbringen.

Das Haus der Freundin lag in relativer Abgeschiedenheit im Wald, nur zwanzig Meter vom See entfernt. Wenn ich »vom See« schreibe, dann klingt es so, als habe es stets immer nur den einen See gegeben, um den herum sich diese Reise abspielte, aber das ist natürlich Unsinn. Es gab, wie eingangs erwähnt, unzählige Seen hier im Südosten Finnlands.

»Am See« zu sein taugte nicht als Ortsangabe, es war mehr eine Gemütsbeschreibung. Man war am See oder nicht. War man es nicht, galt es, schleunigst dorthin zu kommen. Im Sommer ist der See für die Finnen wie ein Gravitationspunkt, in dem sich eine Art natürliche Ordnung einstellt. So kann das Leben aussehen, wenn man es einmal hinter sich lässt – bis der Winter kommt.

Tanja fuhr zurück in die Stadt, und ich saß eine Weile vor der Hütte, nunmehr vollkommen allein. Das Tageslicht schwand bereits. Ich hörte dem Wald zu, der mich ganz weltlich bezirzte. Irgendwann wurde es dunkel. Ich ging hinein ins mökki und entzündete einige Kerzen, denn Strom gab es nicht. Genau so sollte es sein.

In der Hütte befand sich natürlich eine Holzsauna. Ich legte einige Scheite in den kleinen Ofen und entfachte ein Feuer. Die Sauna heizte sich auf. Als die richtige Temperatur erreicht war, setzte ich mich hinein. Ich wollte, nein ich musste schwitzen. Durch ein kleines Fenster konnte ich hinaus auf den See schauen, der im Mondlicht schimmerte. So saß ich da, dampfend und immer tiefer atmend, draußen die Schwärze der Nacht, drinnen nur der flackernde Schein der Flammen.

Nach einer Viertelstunde trat ich nackt hinaus in den Wald und ging hinunter zum See. Ich stieg ins Wasser, doch ich fror sofort. Mein Körper dampfte in der Dunkelheit. Ich band mir ein Handtuch um und setzte mich vor der Hütte auf die Bank. Da war ich nun, in einem echten mökki, saunierend wie ein Finne, mitten in der Natur. Und was soll ich sagen? In den Schatten der Nacht lag ein großes Unbehagen.


Abends allein am See.


Die natürliche Bewegung des Reisens und das Unterwegs-Sein waren zu einem Ende gekommen, Körper und Geist heruntergefahren. Und nun? Die verworrenen Gedanken setzten sich nicht klarer zusammen als zuvor. Die Rastlosigkeit war nicht verschwunden, nur für einen Moment nicht mehr so stark. Ich fand nicht zu mir selbst, ich fand – niemanden.

Vielleicht, dachte ich auf der Bank vor dem Haus am See, sind wir immer noch Nomaden, Suchende in der Welt, für die es keinen größeren Trost gibt, als am Ende des Tages um ein wärmendes Feuer zusammenzukommen. Alleine reisen ist einfach, alleine ankommen ist schwierig. Für das mökki gilt das besonders.

Häufig wird zwischen Alleinsein und Einsamkeit unterschieden, als wären das zwei völlig verschiedene Gefühlsregungen. Die eine, sagt man, lädt einen mit positiver Energie auf, die andere erzeugt Traurigkeit. Wahrscheinlich sind es nur die Dosis und der Ort, die den Unterschied machen. Alleine und im Grunde ja zufrieden saß ich vor dem mökki, der laue Wind trug einen dummen Gedanken heran, und wie verlassen kam ich mir plötzlich vor! Beklemmend war die Stille über dem See.

Auch die typische Schweigsamkeit der Finnen – vornehmlich der Männer – erschien mir plötzlich überhaupt nicht mehr als erstrebenswerter Wesenszug. War sie nicht ein Ausdruck dumpfer Bekümmertheit, die nicht gegen sich selbst ankam? Und hatte ich nicht stets erst im Austausch mit anderen und mehr noch im Selbstgespräch wieder zu mir gefunden, wenn die Dinge in meinem Leben zu entgleiten drohten?


Spartanische Unterkunft: mein mökki für eine Nacht.


Der Morgen am See war sonnig und hell und klar. Die Verirrungen der Nacht kamen mir vor wie ein zusammenhangloser Traum. Ich ging noch einmal in den See und wusch mich ab. Bald würde Tanja hier sein. Sie furchte ihren BMW-Cabrio ungerührt von den Bodenwellen über den Waldweg zum Haus am See.

Wie meine Nacht im mökki gewesen sei, fragte Tanja. Ich wollte meine Gedanken nicht ausführlich darlegen. Ganz wunderbar, sagte ich also. Ein Finne war ich nicht geworden, aber doch um eine wertvolle Einsicht reicher. Es war oft schwierig, sich auszuhalten, das ging nur in der Bewegung. Doch wenn ich zur Ruhe kam auf meiner Reise, musste Zerstreuung auf mich warten oder ein Lagerfeuer mit Menschen.

***

April 2017, südlich von Tampere. Dieser Winter ist lang und kalt, selbst für finnische Verhältnisse. Letzte Nacht gab es wieder Frost. Das Dach der Holzhütte trägt eine feine Schneeschicht, genauso wie der Steg. Der See hat nicht mehr als drei Grad. Violett schillert der Abendhimmel am anderen Ufer. Ich trete aus der Sauna und steige ins eiskalte Wasser, wie ein echter Finne. Meine Begleitung sitzt schon drinnen vor dem Kamin. Die Schatten ziehen über den Wald, doch die Hütte ist warm.


Bei Tampere, April 2017.



Weitere Informationen:

Saimma und wieso sich die großen Seen lohnen (Oliver Zwahlen, Weltreiseforum.com)

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In den Tiefen des Kongobeckens, im tropischen immerfeuchten Regenwald Zentralafrikas, im Lobéké-Nationalpark in Kamerun, dort liegt das Herz des Waldes. Es birgt ein mächtiges Geheimnis.

Die Erde strahlte. Immer wenn die schiefergrauen Wolken die Sonne freilegten, strahlte die Erde intensiv rotbraun, so wie sie das meiner Erfahrung nach nur in Afrika tut. Motorroller, ramponierte Autos und die schweren Trucks der Holzfirmen rumpelten über die Erde, die hier gleichzeitig die Straße war. Die meisten Wege in Yokadouma sind nicht asphaltiert.

Die Provinzstadt im Osten Kameruns mit ihren modrigen Häusern und zusammengeflickten Baracken war unser letzter längerer Halt, bevor es endgültig in die Wildnis der immerfeuchten Tropen ging, nach Süden ins Niemandsland zwischen Kamerun, Demokratischer Republik Kongo und Zentralafrikanischer Republik. Kaum eine Region liegt der Zivilisation ferner. Darin lag die Verheißung.

In Yokadouma waren noch einige Besorgungen zu machen, Dinge abzusprechen, Sachen zu organisieren. Wir brauchten genug Verpflegung, Fahrer und Helfer, und sicher musste auch noch über die eine oder andere Absprache verhandelt werden, die bislang mehr den Status einer vagen Absichtserklärung gehabt hatte.

Was war das eigentlich für ein irrer Plan, den wir gemacht hatten für diese Reise? Wir wollten in den südlichsten Zipfel Kameruns, in den Regenwald des Lobéké-Nationalparks, um Waldelefanten und Flachlandgorillas zu sehen, und wir wollten sogar hinüber in die Zentralafrikanische Republik, ins Dzanga-Sangha-Reservat, wo die Tierbeobachtungen noch spektakulärer sein sollten.

Hunderte Elefanten kommen in dem Schutzgebiet auf weiten Lichtungen zusammen, um spezielle Mineralien aus dem Boden zu saugen, ein Arche-Noah-haftes Naturschauspiel an einem der entlegensten Orte des afrikanischen Kontinents. Es gab aber ein Problem: In der Zentralafrikanischen Republik herrschte Bürgerkrieg. Wir wussten das, gingen aber grundlos davon aus, dass ein Besuch jenseits der Grenze dennoch möglich sein würde.

Man konnte sich schon in Yokadouma die Frage stellen, welche Erfolgsaussichten für dieses Unterfangen bestanden. Allerdings, wir hatten eine Einladung der Sangha-Lodge in Bayanga, die unseren Besuch erwartete. Die Visa für die Zentralafrikanische Republik waren noch kurz vor der Reise über Brüssel beschafft worden, sie zierten nun tatsächlich unsere Pässe. Das Projekt war sozusagen abgesegnet, aber man fragte sich, welcher Beamte dieses zerfallenen Staates die Befugnisgewalt ausübte, während das Land sich in Kämpfen zwischen den islamischen Séléka-Rebellen und christlichen Anti-Balaka-Milizen aufrieb.

Noch bizarrer war der Anlass unserer Reise: Das Fremdenverkehrsamt wollte uns Journalisten und Reiseveranstaltern das touristische Potential Kameruns unten im Regenwald von Lobéké vorführen. Kein europäischer Tourist würde je dorthin fahren, solang es für das Grenzgebiet eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gab. Doch das Programm der Reise war nicht geändert worden.


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Ab Yokadouma führte die Straße nach Süden bis zur Grenze zum Kongo. Sie hatte natürlich keinen Asphalt und durchschnitt den tropischen Regenwald über eine Distanz von mehreren hundert Kilometern. An der Straße lagen vereinzelt Dörfer von Pygmäen, wobei der Begriff schwierig ist.

Feststeht, dass diese Menschen kleingewachsener sind als die Bantu-Völker der Region und den Wald so gut kennen, wie kaum jemand sonst. Diese Menschen schauten unseren Autos scheinbar hochkonzentriert, aber irgendwie auch komplett apathisch hinterher. Wir waren, wie immer, viel zu spät losgekommen, aber was war das für eine Herangehensweise? Zu spät für was? Hier zeigte sich wieder einmal das grundlegend andere Verständnis von der Zeit, das in Afrika herrscht. Dinge passieren nicht zu einer vorher abgesprochenen Uhrzeit, sondern dann, wenn alle nötigen Bedingungen sich eingestellt haben, wann immer das sein mag.

Wir mussten ziemlich merkwürdig aussehen, wie wir angestrengt in unseren Autos nach Süden fuhren, mehr noch rutschten. Wer waren wir? Die rasenden Reporter? Was gab es dort unten im tiefsten Regenwald so Wichtiges zu tun, dass man es derart eilig haben konnte? Allein das Wort Zeitplan war ein hohler Begriff in diesem Teil der Welt, eine abstrakte Hülle. Als könnte man die Zeit in ein mathematisches Raster fügen.

Hier im äußersten Südosten Kameruns gab es auch keine touristische Infrastruktur mehr. Es gab, genau genommen, überhaupt keine Infrastruktur. Unser Fahrer versuchte, auf der durch steten Regen aufgeweichten Piste möglichst ohne einen Unfall voranzukommen. Wenn die Hinterachse auf der feuchten Erde bedenklich zur Seite ausschlug, ging ein Raunen durch das Fahrzeug. Aber der Mann fuhr die Strecke letztlich doch vollkommen routiniert. Für ihn war die Beschaffenheit der Straße der Normalzustand, also musste man dazu auch nichts sagen.

Es war erstaunlich, wie ungelenke Lastwagen mit meterdicken Baumstämmen überhaupt über diese Straße bewegt werden konnten. Einmal sahen wir einen Laster, der im Straßengraben auf der Seite lag. Wer würde je kommen, um ihn abzuschleppen? Eher doch würden die Gezeiten das Fahrzeug im Lauf der Jahre zersetzen wie Ameisen einen Kadaver.


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Die Lastwagen mit den aufgeladenen Tropenhölzern riefen in mir eine traurige Verstimmung hervor, nicht allein wegen ihrer Lautstärke und groben, aufdringlichen Mechanik. Sie zeigten, dass selbst die entlegensten Orte der Welt und ihre unberührten Naturschätze nicht vor dem Zugriff einer profitorientierten Verwertungsökonomie geschützt waren. Die Holzfirmen schlugen Schneisen durch die Vegetation, um die besten und edelsten Stämme herauszuholen. Sie beuteten den Wald aus, weil er sich, in seiner kaum durchdringlichen und menschenfeindlichen Wildheit, nicht nachhaltig bewirtschaften lässt. Irgendwo saßen die Auftraggeber dieses Raubbaus in feinen Anzügen und tranken Cognac, die Hintermänner, die das große Geld einstrichen und dafür verantwortlich waren, dass sich ein mittelloser Fernfahrer für ein paar Zentralafrikanische Francs durch die Erde wühlte.

In einem Dorf, dessen Name nirgendwo stand, ging ein heftiger Tropenregen nieder. Wir machten Pause vor dem Bretterverschlag einer Frau, die uns irgendetwas in Fett Gebackenes servierte, eine Art Krapfen, der leicht süßlich schmeckte. Es war die einzige Mahlzeit zwischen Frühstück und Abendessen.


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Wir erreichten das Dorf Goumela. Hier bog die Straße nach Osten zur Grenze Richtung Zentralafrika ab. Wir fuhren weiter zum Eingang des Lobéké-Nationalparks. Dort residierte der administrative Chef, Romuald Guedoguena Botondono, in einem einstöckigen, von Feuchtigkeit zersetzten Haus. Er war die lokale Autorität, mit der wir über das erste große Problem verhandeln mussten.

Einer unserer Fahrer war nicht angekommen. Ausgerechnet er besaß die Zelte. Offenbar hatte ihn noch die örtliche Polizei in Yokadouma festgesetzt, weil er betrunken gefahren war, aber genau ließen sich die Umstände seines Verschwindens nicht ermitteln. In jedem Fall hatten wir nun keine Zelte mehr. Weil es in einem Umkreis von ein paar hundert Kilometern keine Hotels oder Gasthäuser gab, waren wir ziemlich aufgeschmissen.

Die einzige Unterkunft nahe Goumela war ein verlassenes Camp des World Wide Fund (WWF). Die Organisation hatte sich jahrelang und schließlich mit Erfolg darum bemüht, aus Lobéké und den Regenwaldgebieten jenseits der Grenzen ein trinationales Schutzgebiet zu machen. Wir mussten Herrn Botondono erst einiges an Respekt und Unterwürfigkeit entgegenbringen, bevor er uns die Erlaubnis erteilte, in dem WWF-Camp zu nächtigen.

Es gab dort kein fließendes Wasser, aber wir brachten einen Generator zum Laufen, sodass wir zumindest auf der Gemeinschaftsterrasse Licht für das Abendessen hatten. Schlafen konnten wir in gemauerten Hütten mit jeweils zwei Betten und Moskitonetzen. Mücken drehten Kreise im Licht. Ich dachte an das Herz der Finsternis von Joseph Conrad und unter welchen Bedingungen man hier im Tropenwald dem Wahnsinn verfallen konnte (womöglich geschwächt von verschiedenen Fiebern und Infektionskrankheiten).


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Der nächste Tag begann wie überall in den Tropen um sechs Uhr morgens. Nebel lag über dem Wald, die Sonne dahinter tauchte alles in ein milchiges, weißes Licht. Der Wald erwachte mit solch einer orchestralen Vielstimmigkeit, dass man nur zuversichtlich in den Tag starten konnte. Aber so ging es nicht allen.

Eine Frau aus unserer Gruppe verlor die Nerven, noch bevor es etwas zu frühstücken gab. Sie weigerte sich, auch nur zur Grenze der Zentralafrikanischen Republik aufzubrechen, eine Fahrt von zwei bis drei Stunden. Vollkommen verrückt sei das, sagte sie. Sogar das Auswärtige Amt warne vor Reisen ins Grenzgebiet. Es habe doch Berichte von Rebellenübergriffen auf kamerunisches Territorium gegeben (von denen auch wir anderen wussten, allerdings war nie klar, wo genau entlang der hunderte Kilometer langen Grenze es zu Vorfällen gekommen war und mit welchem Ausgang). Nichtsdestotrotz, wer könne in der Gottverlassenheit dieser Gegend schon für irgendwas garantieren, geschweige denn für unsere Sicherheit? Sie wollte jetzt, auf der Stelle, zurück nach Yokadouma.

Gegen Panik sind Argumente wirkungslos. So blieb unserer Reiseleiterin, einer resoluten Kamerunerin, keine andere Wahl, als Fahrer und Wagen abzustellen, um die Frau wieder nach Norden zu bringen, acht Stunden.

Unser Zureden hatte ihre Angst nicht gelindert, sondern eher noch den Eindruck verstärkt, dass es sich bei dieser Reise um ein Himmelfahrtskommando handelte, in dessen Verlauf der gesunde Menschenverstand aller Beteiligter in der heißen Tropenluft allmählich verdampfte.

Ich persönlich vertraute den Einschätzungen der lokalen Bevölkerung und Würdenträger, so wie überall auf der Welt. Und die besagten: Solange wir in Kamerun waren, gab es keinen Grund zur Sorge. Alles Weitere mussten wir an der Grenze zu Zentralafrika sehen. Trotzdem drängte sich erneut die Frage auf, warum wir überhaupt an diesen Ort gekommen waren. Auch wenn wir ihn für sicher hielten: Auf absehbare Zeit würden keine Touristen herkommen. Ich konnte also keine Reisegeschichte schreiben, die Abdruckchancen hatte. Und die Reiseveranstalter konnten keine Rundreisen in diesem Teil Kameruns anbieten. Doch der tropische Regenwald des Kongobeckens löste eine Anziehungskraft aus, die all diese Abwägungen in den Hintergrund rücken ließ.

Wir betraten einen einzigartigen Teil der Welt: Der tropische Primärwald Afrikas türmt sich auf wie mehrstöckige Häuser, immergrün und undurchdringlich, auf einer Fläche, die so groß ist wie ganz Mitteleuropa, durchsetzt nur von Flüssen, an denen einfache Dörfer liegen, abgeschieden von allem, das uns das Gefühl gibt, in der Welt zu sein.

Dieser Wald beflügelt die Phantasie: Liegt dort vielleicht der Schlüssel zu einem ontologischen Verständnis der Dinge verborgen, den wir einfach noch nicht gefunden haben? Wie alt ist dieser Wald? Viele tausend Jahre. Er existierte lange vor dem Menschen und er wird lange nach ihm existieren. Buchstäblich klein ist man zwischen den Baumstämmen, die Hybris des modernen Menschen wird dort gebrochen, unweigerlich: durch Erschöpfung, durch den Biss einer Zecke, durch ein Fieber, das nicht mehr zurückgeht.

Der tropische Regenwald sei ein Lebensraum, »der wie kein anderer missverstanden worden ist«, schreibt der Evolutionsbiologe Josef Helmut Reichholf. Dort herrscht ein Mangel an Nährstoffen, auf den die Pflanzen und Tiere mit Spezialisierung reagieren. Die große Diversität der Arten sei kein »Luxus der Natur«, sondern eine Notwendigkeit des Überlebens, jede Nische des Ökosystems wird belegt. Vielfalt und Seltenheit bedingen sich. Der Regenwald als überreicher Garten Eden ist eine Illusion. Der Kreislauf des Lebens bringt keinen Überschuss hervor, deshalb leben dort nur wenige Menschen. Sie sind Fremdkörper.

In einer Zeit, in der sich die Menschen erst durch das digitale Veröffentlichen ihres Lebens über die eigene Wichtigkeit versichern, vermittelt der tropische Regenwald eine Ahnung von der Bedeutungslosigkeit der eigenen Existenz. Man begibt sich in den Wald hinein, und alle Spuren verschwinden. Das erzeugt eine Demut, die die Selbstbezüglichkeit des Lebens im Westen für eine Weile nachhaltig dämpft. Im Regenwald muss man mehr auf seine Umgebung Acht geben (Wurzeln, Insekten, Schlangen) als auf sein Gemüt, das kommt noch hinzu.


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Die Fahrt nach Libongo an der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik dauerte ungefähr zwei Stunden. Wie lang eine Wegstrecke in Kilometern ist, hat hier wenig zu sagen. Wichtiger ist, wie die Wolken stehen. Ob es regnen wird. Wie es um die Beschaffenheit der Straße bestellt ist. Anders als gestern brannte die Sonne an diesem Tag heiß: zwei Stunden also.

Libongo liegt am Kadéi-Fluss, der die Grenze zwischen Kamerun und Zentralafrika bildet. Behäbig und braun floss der Strom dahin. Wir fuhren vor bis zur Polizeistation des Dorfes. Hier war selbstverständlich niemand über unser Kommen oder Anliegen informiert, deshalb gehörte es nun zum ganz normalen Prozedere, den höchsten Autoritäten einen Besuch abzustatten, die gegenseitigen Motive abzuklären und Vertrauen zu schaffen. Praktisch hieß das, dass erst einmal eine ganze Zeit gar nichts vorankam.

Es gab eine Grenzstation und einen Beamten, der sich die Briefe der kamerunischen Behörden zeigen ließ, die wir mitführten. Ein Mann schrieb mit größter Sorgfalt unsere Personalien auf einen schmutzigen Zettel. Wir schlenderten zum Fluss. Frauen wuschen dort Kleidung, am Wegrand rostete ein Autowrack in der Sonne. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte am anderen Ufer irgendwelche Zeichen von Kämpfen oder feindlich gesinnten Rebellen auszumachen: nichts.

Wir gingen in die Taverne des Dorfes und tranken Bier, so wie wir im Prinzip schon seit Beginn der Reise überall Bier tranken, weil das Wasser wenig erfrischend war und die Limonaden viel zu süß.

Die Taverne hatte keine Wände, ein heller Ort. Ein paar Plastikstühle standen vor einer Bar. Es lief hypnotische Musik. Sogleich fingen ein paar Alte an, für uns zu tanzen. Es waren die, denen es im Dorf wohl am schlechtesten ging und die folglich am meisten darauf angewiesen waren, von uns ein Almosen zu bekommen. Einige junge Dorfbewohner beobachteten uns aus der Entfernung, skeptisch.


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Zur späten Mittagszeit, als die Sonne fast keine Schatten mehr warf, war unsere Gruppe von einer bestimmten Grundzuversicht erfüllt. Gleich würde es losgehen, die Formalien mussten bald geklärt sein. Tatsächlich trafen endlich die Abgesandten der Sangha-Lodge ein. Sie brachten allerdings schlechte Nachrichten.

Die Frau aus der Lodge legte den Brief eines Ministers hervor, der in der Zentralafrikanischen Republik für den Tourismus zuständig war (den es nicht gab). Er könne nicht für unsere Sicherheit garantieren, stand in dem Schreiben. Damit war die Reise an dieser Stelle vorerst zu Ende. Denn die Betreiber der Lodge machten uns hier an der Grenze zwar eine höfliche Aufwartung, sie würden sich aber nie über die Anweisung des Politikers hinwegsetzen.

Die leise Hoffnung hatte in dem Umstand gelegen, dass Bayanga und das Dzanga-Sangha-Reservat im südlichsten Zipfel des Landes liegen. Man konnte annehmen, dass hier nichts vom Bürgerkrieg zu spüren war. Es wäre nur ein kurzer Ausflug über die Grenze und wieder zurück geworden. Und wo saß schon der Minister?

Konnte er eine Ahnung haben, wie es in seinem Land aussah? Hatte er sich vielleicht schon längst nach Frankreich abgesetzt? Es half nichts, darüber große Erörterungen anzustellen. Waldelefanten und Gorillas konnten wir auch in Lobéké sehen. Als die Wirkung der Biere nachgelassen hatte, erwachten wir wie aus einem Tagtraum, der Plan war bei nüchterner Betrachtung ein illusorisches Hirngespinst gewesen.

Noch einmal mussten wir, verschwitzt und erschöpft allein von der Luft und der Sonne, im WWF-Camp ohne fließendes Wasser übernachten. Am nächsten Tag konnten wir in den Lobéké-Park aufbrechen: Die Zelte waren gekommen!

Der hochgewachsene Botondono, der ein betont distinguiertes Französisch sprach, das in dieser gottverlassenen Ecke der Welt eine gewisse administrative Ordnung ausstrahlte, wollte aus unserem Misserfolg an der Grenze Kapital schlagen. Kurzerhand verlangte er den doppelten Preis dessen, was zuvor für den Ausflug nach Lobéké vereinbart worden war. Botondono war hier der uneingeschränkte Chef, von seinem Wohlwollen hing das Gelingen unserer Reise ab.

Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, wie unsere Reiseleiterin ihn zum Einlenken bewegte, aber schlussendlich wurden bewaffnete Ranger, Träger, Wasser und Autos organisiert. Sie sollten uns erst auf einer Dschungelpiste so weit wie möglich in den Wald hineinfahren. Dann war ein rund zwölf Kilometer langer Fußmarsch nötig, um den Lagerplatz für die Nacht zu erreichen. Von dort war es nicht weit zu einer Aussichtsplattform an einer Lichtung, von wo aus man Tiere beobachten konnte. Das eigentliche Ziel unserer Reise.

Wir brachen auf mit vier Autos: zwei Geländewagen mit Allrad-Antrieb und zwei gewöhnliche Pkws. Die Menschen von hier kannten den Weg, auch wenn er wegen der Vegetation kaum zu erkennen war. Sie hätten wissen müssen, dass es eine Unmöglichkeit war, mit einem normalen Auto in den Wald hineinzufahren. Das war aber noch kein Grund, es nicht zu versuchen. So fuhren sich erst das eine und wenig später das andere Auto so tief im Matsch fest, dass sie keinen Meter mehr vorwärts kamen.

Acht Reisende, drei Ranger und eine gute Handvoll Träger mussten sich auf zwei Geländewagen und deren Ladeflächen verteilen. Das Terrain war so unwegsam, dass die Fahrzeuge umherschaukelten wie Boote. Es ging durch Senken, über grobe Steine, und ab und an mussten die Männer einen Stamm mit der Motorsäge zerteilen, um die Durchfahrt freizumachen. Irgendwann konnten wir nicht mehr weiterfahren. Ab hier ging es nur noch zu Fuß weiter.


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Ich hatte mir wahrscheinlich durch das schlecht durchgebratene Fleisch auf einem Markt gründlich den Magen verdorben. Ich wurde merklich schwächer. Eine Strecke von zwölf Kilometern hätte mir unter normalen Umständen kaum eine Anstrengung abverlangt, doch ich war mit Sicherheit dehydriert. Jeder Schritt wurde mühsam. Immer wieder musste ich schnell hinter einem großen Tropenbaum verschwinden, und nach jedem Mal fühlte ich mich ausgelaugter. Hinzukam der üble Geruch eines toten Bocks, der wohl von einer Python zerdrückt worden war.

Ranger Prosper Mpande schlug mit seiner Machete einen Ast vom Baum und hielt ihn sich senkrecht über den offenen Mund. Nach wenigen Sekunden lief Wasser heraus, wie aus einem Hahn, den man leicht aufdreht. Wir tranken alle etwas. Die Träger hatten ungefähr ein Drittel des Wassers am Weg zurückgelassen, weil sie mehr nicht tragen konnten (schließlich waren manche mit den Autos zurückgeblieben). Die Menge des Wassers war so berechnet worden, dass sie für zwei Nächte und drei Tage genau ausreichte. Nun fehlte ein Teil. Wir würden also Wasser aus einem Gewässer schöpfen und abkochen müssen.

Anfangs war der Waldboden noch dicht bewachsen, dafür fiel immer wieder die Sonne durch die Baumkronen. Hier mussten schon Holzfäller unterwegs gewesen sein. Überall, wo es Schneisen gab, faltete sich die Natur am Boden in größter Verworrenheit auseinander. Als nach einer guten halben Stunde der Boden lichter und dunkler wurde, erreichten wir den urzeitlichen Primärwald, der niemals von Menschenhand verändert worden war.

Nach fast drei Stunden erreichten wir das Lager. Die Träger waren vorausgelaufen und hatten schon die Zelte aufgebaut. Bis zur Dämmerung waren es noch etwa drei Stunden, deshalb machten wir uns auf den Weg zur Plattform, in der Hoffnung, noch ein paar Tiere sehen zu können. Es kostete mich viel Energie, noch einmal loszugehen, und oben auf dem Hochsitz legte ich mich auf die Planken und schlief ein. Die anderen sollten mich wecken, wenn sich etwas Bedeutendes rührte: Elefanten oder Gorillas. Aber die zeigten sich nicht. Wir sahen aber Bongos, Sitatungas, Buschböcke, diverse andere Antilopen, Waldbüffel und Adler.


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Abends zuckte das Licht des Feuers in der Dunkelheit. Ich war fast zu schwach, um mich sitzend ohne Rückenlehne aufrecht zu halten. Wir kochten ein wenig Reis mit Gemüse. Ich hatte keinen Appetit. Irgendwann kroch ich in mein Zelt, legte mich auf der Isomatte auf den Rücken, blieb in der Kleidung des Tages liegen und schlief auf der Stelle ein.

Der Morgen war sofort da, es gab keine Zwischenphase zwischen Tag und Nacht. Der Dschungelpfad zur Lichtung war überschwemmt, ich zog die Schuhe aus. Wir bezogen Stellung auf dem Hochsitz. Die Ranger mahnten uns an, leise zu sein und nicht zu rauchen. Die Waldelefanten könnten den Geruch des Qualms auf viele hundert Meter Distanz riechen. Sie fürchten sich vor Feuer und flüchten. Wir warteten.

Die Morgensonne brachte den Wald zum Dampfen. Das Gras auf der Lichtung war von einem Bachlauf durchzogen, dahinter türmte sich der Wald auf, bis zu sechzig Meter hoch. Antilopen kamen zum Trinken hervor. Unsere Anwesenheit blieb unbemerkt.


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Vor dem Waldrand entdeckten wir einen Gorilla. Er bewegte sich ungefähr zweihundert Meter von uns entfernt durchs Gras. Durch die Linsen unserer Kameras und durch das Fernglas war er präzise zu sehen, aber auch ohne Hilfsmittel zeichnete sich sein schwarzer Körper mit dem weißen Rücken deutlich ab.

Der Gorilla lief mehrere Stunden vor uns auf der Lichtung umher, vollkommen ungestört, behäbig. Immer wieder setzte er sich nieder und kaute, nur um nach einiger Zeit ein paar Meter weiterzuziehen. Er hatte keine natürlichen Feinde.

Die Ranger erzählten uns von den Elefanten. Seit dem Bürgerkrieg ließ sich jenseits der Grenze noch weniger für ihren Schutz tun als sonst, also praktisch gar nichts. Wilderer hatten vor kurzem eine ganze Herde getötet. »Nous avons pleuré quand nous avons ecouté des incidents«, sagte Prosper zu der Tragödie.


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Die Stunden des Tages zogen vorüber, wir saßen still da. Nichts passierte. Kein Elefant kam und auch kein weiterer Gorilla. Am Himmel zogen sich Wolken zusammen. Es wurde still auf der Lichtung, die Geräusche verstummten. Die Regenwand kam näher, der Horizont verrauschte. Dann fielen Tropfen auf das Wellblechdach des Hochsitzes, so als würde ein Lastwagen darauf Kieselsteine abladen.

Wir mussten uns auf den Mittelpunkt der Plattform zurückziehen, weil der aufbrausende Wind den Regen unter das Blech trieb. Wir kauerten uns zusammen. Keine halbe Stunde dauerte der Wolkenbruch, dann kündigte ein diffuses Licht über dem Wald die Sonne an. Die Bäume begannen, zu strahlen, die Wolken am Himmel verflüchtigten sich, und wieder fing alles an zu dampfen. Ein dramatisches Schauspiel. Doch immer noch keine Elefanten.


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Als wir die Hoffnung aufgegeben hatten, zischte plötzlich einer der Ranger. Alle gingen in eine geduckte Haltung, so als drohte aus unmittelbarer Nähe Gefahr. Der Ranger deutete nach vorne. Aus dem Wald am anderen Ende der Lichtung kamen Elefanten hervor, eine Kuh, ihr Baby und noch ein weiteres Tier. Plötzlich blieben die Tiere stehen. Die Kuh warf ihren Rüssel nach oben, richtete die Ohren auf und schaute exakt in unsere Richtung. Wir beobachteten das durch die Linsen und das Fernglas. Es war so, als schaute uns der Elefant direkt ins Gesicht. Dann machte die Gruppe kehrt und verschwand wieder im Wald.

Einer hatte geraucht. Das lange Warten hatte uns nachlässig gemacht. Stunden lang waren wir durch den Busch gefahren, mühsam durch den Wald marschiert. Und dann hatte einer geraucht. Wir bekamen die Tiere vielleicht eine Minute zu Gesicht. Schon waren sie wieder verschwunden hinter der grünen Wand. Wir saßen bis zum Sonnenuntergang auf der Plattform, aber es kamen keine Elefanten mehr hervor. Die Bühne blieb leer. Wir mussten aufbrechen.


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Der Blick in die Augen des Elefanten war wie die intensive Verbindung mit einer alten Welt gewesen, die eigentlich versunken ist, aber hier im Nirgendwo des unzugänglichen Kongobeckens weiter existierte. Der Regenwald hatte eines seiner Geheimnisse offengelegt, für einen kurzen Moment.

Im Lager brachten wir die zweite Nacht herum. Am nächsten Tag würden wir den zwölf Kilometer langen Pfad zurück zur Waldstraße laufen. Wir würden umherschaukeln, bis wir die rotbraune Schlammstraße erreichten. Wir würden einen Tag brauchen, um zurück nach Yokadouma zu kommen. Der Wald würde lichter werden und die Dörfer zahlreicher. Wir würden langsam aus dieser versunkenen Welt auftauchen wie aus einem Traum, dessen Konturen so wie alle Erinnerungen langsam verschwimmen, und es würden nur noch einzelne, fragmentierte Bilder im Kopf zurückblieben, während das Herz eine seltsame Wehmut verspürt.

Ich hatte vier Tage nicht geduscht, und das bei tropischer Hitze. Die Kleidung war schon nach einem Tag schmutzig gewesen, doch es kümmerte mich nicht. Der Kopf war jetzt sehr klar. Was taten die Menschen nicht alles, um sich und allen anderen zu beweisen, dass sie glücklich sein konnten? Ich fuhr zurück, als Randfigur eines großen Schauspiels, und darin lag eine stille Freude.


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Wenn die Leute in die Berge gehen, preisen sie ständig diese dämliche Fernsicht. In der nordischen Wildnis im norwegischen Trollheimen wollten auch wir dies tun. Daraus wurde nichts.

Die Reisebegleiterin weist geradeaus, in ihrer Stimme liegt Zuversicht. »Das könnte der höchste Punkt sein.« Sie kneift die Augen zusammen, als könnte sie allein durch ihre Willenskraft die Beschaffenheit des Terrains aus den Schattierungen des Nebels herauslesen. Kann sie aber nicht. Das Grau zeigt keine aufschlussreichen Nuancen.

Der Blick sucht ein stolzes Gipfelkreuz, vielleicht auch nur eine rote Markierung, ein Haufen Steine wäre mehr als genug. Wir gehen ein paar Schritte, dann die Enttäuschung: Dort vorne ist nicht der höchste Punkt. Der Pfad führt bergan und verschwindet wieder in den Wolken.

Wir haben uns diese Tour anders vorgestellt. Wer sich Werbefotos der Region Trollheimen in Mittelnorwegen anschaut, blickt auf sonnenbeschienene Gipfel, satte Graslandschaften und klare Seen. Karge und raue Berge, ein hoher blauer Himmel, baumlose Weiten: die Postkartenidylle norwegischer Wildnis.


Start der Wanderung, Blick zum Höhenweg: Wolken.


Hier und heute aber führt der Weg seit drei Stunden wie durch schmutzige Watte. Hochsommer? Wir überqueren immer wieder größere Altschneefelder. Sonne? Feuchter Nebel durchnässt die oberste Kleidungsschicht. Fernsicht? Der Horizont reicht bis zum nächsten roten Wegpunkt, wenn überhaupt. Es ist erbärmlich. Das sei ein wirklich schlechter Sommer, sagen die Norweger.

Sechs Stunden sind es auf der südlichsten der drei Routen von der Jøldalshytta zur Trollheimshytta. Wir wollen die in Norwegen ziemlich bekannte Triangle gehen, quasi ein Wegdreieck von Hütte zu Hütte. Am ersten Tag sind wir einen Kamm aufgestiegen, dem wir nun folgen. Irgendwann soll der Pfad sich wieder hinabwinden in ein bewaldetes Hochtal. Panoramaaussicht!? Heute nicht.

Die Reisebegleiterin verweist an verschiedenen Stellen noch zwei- oder dreimal auf den möglicherweise höchsten Punkt dort vorne. Ich widerspreche nicht. Ja mehr noch, ich signalisiere meinerseits Zuversicht. Mir ist die tückische Topografie der Berge im gleichen Moment voll bewusst, wie oft habe ich mich schon zu früh gefreut, man wird demütig – doch die Stimmung am Berg droht zu kippen. Ja ja, da vorne, das könnte es sein. Noch mehr rote Punkte. Die Reisebegleiterin schweigt.

Keine Orientierung ist möglich in diesem Nebel, also gehen wir einfach weiter. Den höchsten Punkt überschreiten wir, ohne es recht zu merken. Es interessiert uns auch nicht mehr. Die Reizarmut der Umgebung hat schon fast etwas Meditatives, denke ich, aber meine Reisebegleiterin wahrscheinlich nicht.


Trübe Aussichten: Übernachtung in der Trollheimshytta.


Nach zwei weiteren Stunden unterschreiten wir wieder die Baumgrenze und laufen durch nasses Gras die letzten Meter zur Trollheimshytta. Alles ist nass. Schuhe und Kleider hängen wir im Trockenraum auf. Wirklich nichts ist besser, als nach einem Tag draußen mit widrigen Bedingungen in eine warme Hütte zu kommen.

Zum Abendessen gibt es frischen Lachs. Das Glas Wein kostet umgerechnet gut zehn Euro. Richtig, kurze Erinnerung, wir befinden uns in Norwegen. Aber nach sechs Stunden Nebel und Regen ist der Preis egal, noch zwei Euro Trinkgeld drauf, was soll der Geiz? Wir haben nordische Wildnis gesehen, nur anders als die Werbeprospekte versprechen. Ohne Fernsicht. Steine, im Prinzip.

Zweiter Versuch am folgenden Tag. Die Gipfelbesteigung des Snota, ein beliebtes Tagestourenziel, wird ausgespart. Der Blick aus dem Hüttenfenster am Morgen verheißt nichts Gutes: trübes Grau, in dem die Bäume verschwinden. Also geht es von der Trollheimshytta in – laut Wegweiser – acht Stunden bis zur Gjevilvasshytta.

Der Pfad hoch ins Gebirge steigt anfangs steil an. Nässe hockt in den Wiesen, die Erde ist feucht, aber die Sicht nun ein wenig besser. Nach dem Aufstieg auf den Berg folgt ein langes Wegstück über ebenes Gelände. Steinwüste, riesige Altschneefelder, halb zugeschneite Seen schimmern arktisch-grau. Trübe und doch spektakuläre Aussichten, eine Art polare Tristesse.


Arktische Verhältnisse auf dem Weg zur Gjevilvasshytta.


Unser Gemütszustand hat das getan, wozu dieser Tag nicht im Stande war: Er ist aufgeklart. Man darf nur nicht die ganze Zeit an die Sonnenschein-Idylle der Werbefotos denken. Weites Land, sattes Grün, hohe Sonne… egal.

Meine Reisebegleiterin ist guter Dinge. Ich verstehe nun: Gestern wurde sie nicht etwa deshalb immer schweigsamer, weil ihr das Wetter körperlich und seelisch zusetzte wie einer verwöhnten Schönwetter-Wanderin. Nein, sie war enttäuscht, dass ich nicht in den Genuss der Aussicht kam, dass die Schätze ihrer Heimat sich vor dem Besucher versteckten, als wären es unhöfliche Gastgeber. Gekränkter Nationalstolz.

Der Anstieg auf den höchsten Sattel des Gebirgskamms ist wieder steil. Stellenweise fühlt es sich an, als besteige man einen ernstzunehmenden Viertausender. Felsen, Schnee und Eis (im Juli). Der Weg ist im Grunde unschwierig, aber im Nebel sieht alles so entrückt und ein bisschen gefährlich aus. Wir haben Spaß an der Sache. Fernsicht schön und gut, aber das hier, das ist doch die echte Wildnis.

Der Weg umrundet einen Bergsee, danach geht es wieder in ein Tal. Hinter dem Höhenzug hängen die Wolken höher am Himmel. Grau und schwer sind sie noch immer, erlauben aber nun tatsächlich eine Aussicht. Man braucht Geduld mit der Natur.

Mein Blick fällt über die Ebene, die durchzogen ist von einem Fluss. Was sind das für Tiere in der Ferne? Schafe? Kühe? Die erfahrene Reisebegleiterin weiß es sofort: Rentiere! Eine große Herde mit vielen Jungtieren grast in der Einsamkeit des weit ausgeschnittenen Hochtals. Caspar David Friedrich würde hier jetzt sofort malen.


Norwegen: Rentiere in einem einsamen Hochtal.


Für den Besucher aus mitteleuropäischen Breiten, der nur Reh und Hirsch kennt, zeigt sich ein ikonisches Bild nordischer Wildnis, die es so in Deutschland nicht gibt. Die Reisebegleiterin ist vergnügt und stolz. Dabei ist der Anblick von Rentieren für Norweger nichts Besonderes. Ich bin ergriffen, so als hätte ich auf dieser Wanderung tatsächlich einen Schatz gefunden.

Am nächsten Tag steigen wir von der Gjevilvasshytta auf den Berg Blåhø, eine Tagestour. Wieder grasen die Rentiere in der Ebene. Wir folgen dem Pfad Richtung Gipfel. Weiter oben am Berg nur noch Nebel und Nässe. Wir sehen praktisch nichts. Die Kleidung ist feucht. Keine Fernsicht. Was für ein großartiger Tag.


Blick in Richtung Gjevilvasshytta am See Gjevilvatnet.


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Kopenhagen ist die Stadt des dänischen Designs. Ein Essay über Ästhetik und die skandinavische Mentalität, über Besitz und die verführerische Macht des Konsums – und eine ganz besondere Lampe.

I. Der Anlass

Wenn ich recht überlege, lief alles auf die Lampe hinaus. Ein besonderes Modell, von dem noch ausführlich zu sprechen sein wird. Das Design betörte mich derart, dass ich erschrak und einige gründliche Gedanken anstieß. Wohin sie führten? Auch davon später.

Vordergründig wollte ich nach Kopenhagen, um eine Geschichte über Vesterbro zu recherchieren. Die Leitfrage lautete: Wie lebendig, berauschend und groundbreaking kann ein Szeneviertel sein, wenn es sogar von den offiziellen Tourismusvermarktern als Hipster-Quartier etikettiert wird? Um es vorwegzunehmen: mäßig.

Unterbewusst jedoch wollte ich vor allem ein paar Tage in einer Großstadt verbringen, die all das hat, was Berlin fehlt: Übersichtlichkeit, Umgangsformen, Klasse – die Einsicht, dass anlasslose Freundlichkeit kein Zeichen falscher Angepasstheit ist, sondern das Zusammenleben fremder Menschen einfach sehr viel angenehmer macht.

Ryanair hatte Flüge für fünfzig Euro im Angebot und ich nur ganz kurz Skrupel, den Billigflug der halbtägigen und mehr als doppelt so teuren Bahnreise über Hamburg vorzuziehen. Das Geld, ich ahnte es vielleicht schon, würde ich noch brauchen können.



II. Die Erwartungen

Kopenhagen ist das urbane Schaufenster Dänemarks. Dafür, dass die Dänen gleich nebenan leben, wissen wir von ihnen eigentlich ziemlich wenig, außer dass sie laut World Happiness Report drei Jahre hintereinander das glücklichste Volk der Welt waren. Auf Platz zwei hinter Norwegen lässt es sich bestimmt immer noch zufrieden leben.

Zugeschrieben wird dieses Lebensglück der international bekannten Hyggeligkeit, eine dänische Erfindung. Hyggelig heißt so viel wie angenehm, gemütlich, komfortabel, wohnlich. Eine besonders treffende Übersetzung ist, wie ich finde, heimelig. Draußen mag der Weltensturm toben, doch er dringt nicht ein ins kaminfeuerwarme Haus.

Die Skandinavier wissen offenbar, wie das gute Leben aussieht. Savoir vivre, nur ohne selbstgedrehte Zigaretten, Kaffeeflecken und Existenzängste. Müsste das nicht in einer Stadt wie Kopenhagen besonders klar zu sehen sein?

Europa wirkt nördlich des 55. Breitengrads ja erst einmal wie die bestmöglich denkbare Version der Welt. Immer, wenn ich zuvor in Norwegen, Schweden oder Finnland gereist war, in diesen Bilderbuchländern mit ihren stilvoll gekleideten Menschen, beschaulichen Städtchen und fortschrittlichen Sozialsystemen, da hatte es mich plötzlich fundamental verstört, dass zum Beispiel Kindern im Niger von der Mangelernährung die Gesichter zerfressen werden oder Familien in Indien in Gegenwart ihrer eigenen Ausscheidungen leben. Ein Wohlstand wie in Skandinavien schreit einem ins Bewusstsein, welch unterschiedliche Zivilisationsniveaus ohne globalen Aufschrei parallel existieren können. Doch der Schock hatte immer nur kurz gewährt, wenn ich durch Trondheim, Stockholm oder Helsinki gelaufen war – alles dort schien stets so schön.

Nun also nach Kopenhagen zu den Design-Dänen, diesen erstaunlichen Glückspilzen.



III. Der erste Eindruck

Der typische Kopenhagen-Trip besteht aus Bummeln in der Einkaufstraße Strøget und Hippie-Kommune Christiania, einem Besuch des Vergnügungsparks Tivoli und einem Selfie vor der Kleinen Meerjungfrau. Vesterbro gleich westlich des Zentrums ist auf unspektakuläre Weise ganz gediegen. In der Zweckarchitektur mancher Straßen ist das einstige Arbeiterviertel noch erkennbar, doch die meisten Fassaden strahlen Bürgerlichkeit aus. Die Rotlichtmeile neben dem Hauptbahnhof wirkt harmlos, man bemerkt sie kaum. Neben dem Burgerladen liegt ein Sexshop, und das ist schon die maximale Provokation.

Am ersten Abend tritt ein Dealer an mich heran und erklärt: »Ich habe zwei Gramm Kokain für 500 Kronen«, so als würde er Tomaten auf dem Wochenmarkt verkaufen. Ich antworte sachlich: »Nein, vielen Dank.« Hat man diesen freundlichen Kriminellen nur hier hingestellt, um dem Viertel einen letzten Hauch von Verrufenheit zu verleihen?

Es funktioniert nicht. Vesterbro ist so aufgewertet, etabliert und somit eigentlich durch – dagegen wirkt Prenzlauer Berg wie ein aufstrebendes Problemviertel. Der entscheidende Punkt ist: Die Dänen selbst interessiert eine solche Abwägung null.

Dahinter steckt diese skandinavisch-egalitäre Kultur, die der dänische Designer Sigurd Larsen mir einmal so beschrieb: »Nie denken, dass man besser als andere ist, lieber zurückhaltend sein.« Das ist zehnmal sympathischer als die bierernste Avantgarde-Haltung, die der Berliner Auskenner unablässig vor sich her trägt, zu wechselnder Schuhmode (momentan müssen es klobige Air Max 95 oder 97 sein, die Nike in einem kapitalistischen Husarenstreich wieder als neuen heißen Scheiß auf den Markt gebracht hat, für 180 Euro).

Vesterbro ist unaufgeregt hübsch. Hilfsbereite Menschen bevölkern hyggelige Gassen. Sie tragen todschicke, sauteure Klamotten und wollen trotzdem keine neidischen Blicke, zumindest würden sie das nie zugeben. Diese Mentalität ist vielleicht nur möglich durch üppigen und fair verteilten Wohlstand, durch das nötige Kleingeld, das in der Stadt des Arne Jacobsen überall verlockende Verwendung findet. Mein profanes Bedürfnis am ersten Tag in Kopenhagen: Hier will ich schöne Dinge kaufen.



IV. Die Orientierung

Kopenhagen ist sehr übersichtlich, die Wege sind kurz. Nach Vesterbro mit seinen Flanierstraßen Istedgade und Vesterbrogade kann man vom Hauptbahnhof aus laufen. Das Rotlichtviertel stellt, wie gesagt, kein Hindernis dar. Im südlichen Vesterbro liegt das Meatpacking District, quasi eine Miniaturausgabe des gleichnamigen New Yorker Stadtteils, und auch hier waren früher Schlachthöfe untergebracht. Dann kamen die unvermeidlichen Cafés, Bars, Restaurants, Clubs und Galerien.

Der Reisende findet in Vesterbro alles, was er braucht: tagsüber guten Kaffee (bei Bang & Jensen, Café Dyrehaven oder Enghave Kaffe) und gutes Essen (bei Juicy Burger, Warpigs oder FAMO), abends gute Drinks (im Brass Monkey, NOHO oder 1656), nachts gute Musik (je nach Geschmack im Jolene, Bakken, KB18 oder KB3). Mit diesen Empfehlungen kommt man locker durch ein langes Wochenende und hat dann noch nicht Nørrebro im Nordwesten der Stadt gesehen, das andere bekannte Hipster-Viertel.

Was erklärt dieses Wort noch? Eigentlich nichts. In ihrem kleinen Laden im Meatpacking District treffe ich die Modedesignern Maxjenny Forslund. Sie sagt über Vesterbro: »Es ist das Epizentrum der Hipster. Niemand hier trägt Socken, aber alle haben coole Fahrräder.« Eine humorvoll gemeinte Überspitzung und doch falsch, weil der Hipster sich gerade dadurch auszeichnet, dass die Distinktion stets eine neue Mode erfordert. Der Hipster ohne Socken ist nur ein Klischee, wie Latte-Macchiatto-Mutter und Segelschuh-Snob.



V. Der Sehnsuchtsort

Woran erkennt man auf Reisen einen Sehnsuchtsort? Vielleicht daran, dass man ihn immer wieder aufsucht, nicht von ihm lassen kann. Mir erging es so mit einem Einrichtungsgeschäft auf der Istedgade: DANSKmadeforrooms.* Und das lag an der eingangs erwähnten Lampe: die »Lektor Desk« der schwedischen Manufaktur Rubn. Mattgold und schwarz, schlichtes skandinavisches Design, zu einem Preis von 3498 Kronen. Das sind rund 500 Euro – für eine Tischlampe.

Die Ironie der Geschichte des skandinavischen Stils liegt in dem Bedeutungswandel, den die Designobjekte erfahren haben: Möbelklassiker, die heute das Konto bluten lassen, waren ursprünglich überhaupt nicht teuer. Das hatte mit dem Aufbau des Sozialstaates nach dem Krieg zu tun. Jeder Mensch im Land sollte gutes Design haben. Und so haben damals viele Möbelmacher kostenlos für große Supermarktketten Stücke entworfen: Massenproduktion und billiger Verkauf. Erst viel später wurden die Möbel dann zu Design-Ikonen.

Ich stehe nun also vor dieser Lampe für 500 Euro und bin ganz begeistert. Ich überlege tatsächlich, sie zu kaufen. Das ist doch kompletter Wahnsinn. Ich habe zu Hause eine Tischlampe, ich brauche keine Tischlampe, ja habe ich denn vollkommen die Maßstäbe verloren? Doch die Lampe ist einfach schön. Bestechend schön, wie mir scheint. Ihre schlichte Form, die hochwertige Verarbeitung – sie strahlt die ganze klare Eleganz Skandinaviens aus, die ich ohnehin so liebe. Ich will sie haben, ich muss sie haben.


Einrichtungsgeschäft DANSKmadeforrooms © DANSKmadeforrooms


VI. Das Gefühl beim Abschied

Die Lampe hat mich euphorisiert, doch das Gefühl beim Abschied ist: Scham. Was ich mit 500 Euro alles tun könnte! Zum Beispiel drei Wochen durch Sri Lanka reisen, und alle Ausgaben wären gedeckt. Und jetzt will ich mir eine Lampe zum Preis eines Fernfluges auf den Tisch stellen. Und diese dann betrachten und denken – echt schön?

In der post-materialistischen Filterblase der Reise-Community ist ein solcher Kauf kaum zu entschuldigen. »Investiere in Erlebnisse, nicht in Dinge«, rufen sie dir aus den Weiten ihrer Blogs zu, bevor sie ihre Jobs kündigen und Wohnungen aufgeben, alle Möbel verkaufen und losziehen. Und sie haben ja Recht. Wie schrieb Boris Pofalla einmal in einer klugen Gegenwartsanalyse in der FAZ: »Der tiefe Glaube der Nachkriegsgeneration, dass die Dinge schon einen Sinn stiften werden, wenn man sie nur in ausreichender Menge und Qualität zusammenträgt, erodiert gerade.« Der Schein der schönen Dinge verblasst.

Das bringt mich zu dem, was eine gute Freundin mir neulich schrieb, als es um etwas Alltägliches und dann kurz um alles ging. Die ewigen, großen Fragen – das seien doch: Geht Liebe? Und was machen wir, bis wir sterben? Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Konsumgüter als Ersatzbefriedigung, das ist doch ein längst entzauberter Irrglaube.

Trotzdem kann ich nicht abstreiten, dass mich der Anblick einer formschönen Uhr an meinem Handgelenk aus ästhetischen Gründen erfreut. So ist es auch bei der Lampe. Nichts ist falsch daran, Konsumgüter schön zu finden. Ob man sie auch besitzen muss, ist eine andere Frage. Warum eigentlich?

Vermutlich liegt es oft daran, dass guter Geschmack als Ausweis einer interessanten Persönlichkeit wahrgenommen werden will. Da ist mir der dänische Ansatz lieber: Gutes Design ist in erster Linie gutes Design – und im besten Fall soll es jeder besitzen können. Heute sind die Lampen und Stühle aber nun doch sehr teuer, und vielleicht sollte man Skandinavien auch nicht zu sehr idealisieren. Ich habe die Lampe nicht gekauft.

*Der Autor hat weder Geld noch Sachwerte für die Verlinkung bekommen.



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Vent — Frühstück auf der Terrasse der Breslauer Hütte, es ist komplett finster. Etwa 200 Menschen schlafen noch oder stehen gerade auf oder packen jetzt ihren Rucksack. Sie wollen heute alle auf die Wildspitze. Es ist Wochenende, es ist gutes Wetter.

Wir sind die ersten, die aufbrechen. Um uns herum ist es immer noch so dunkel, dass die Steine auf dem Weg kaum zu erkennen sind. Langsam zieht die Dämmerung herauf.

Wir steigen durch das Tal bis zum steinernen Aufschwung des Mitterkarjochs, folgen roten Punkten durch felsiges Gelände. Steigeisen anziehen, das Schneefeld unterhalb der Felswand ist hartgefroren und steil. Steigeisen ausziehen, der Klettersteig erfordert guten Tritt. Etwa 50 Meter kraxeln wir an Drahtseilen nach oben, die frühe Morgensonne in unserem Rücken überzieht die Berge mit einem blassen Schleier.


Ramolkamm von der WildspitzeRamolkamm vom Mitterkarjoch (Großansicht).


Wir erreichen das Joch, die Sonne bricht hervor. Vor uns eine große, weite Eislandschaft, um uns herum klare Morgenluft. Das gute Gefühl, die Ersten am Berg zu sein. Der Weg über den Gletscher zum Gipfel ist nicht steil.

Um auf den Nordgrat zu kommen, müssen wir aber einen stark geneigten Aufschwung überwinden. Die Frontzacken der Steigeisen schlagen ins Eis. Dann geht es, wechselnd über Firn und Fels, weiter bis zum Kreuz, das nun, um 8 Uhr morgens, weithin sichtbar in der Sonne glänzt. Die Berge in der Ferne schimmern weiß-golden.


Ramolkamm von der WildspitzeRamolkamm von der Wildspitze (Großansicht).
Wildspitze GipfelgratWildspitze, Gipfelgrat.
Hintere Schwärze und SimilaunHintere Schwärze (links) und Similaun (rechts) von der Wildspitze.
Weißkugel von der WildspitzeWeißkugel von der Wildspitze.
Ramolkamm und SchnalskammRamolkamm und Schnalskamm von der Wildspitze (Großansicht).


Frühstück auf dem Gipfel: weiße Schokolade und hochprozentiger Rum. Bevor es voll wird auf dem höchsten Fleck Tirols, brechen wir auf.

Ein Abstieg zurück über das Mitterkarjoch, Nadelöhr auf der Hauptroute, scheint schwierig. Staugefahr droht, immer noch steigen größere Gruppen auf. Wir verlassen den Gipfelgrat in Richtung Osten.

Spuren im Schnee führen über den nordseitigen Gletscher bis zu einem Durchstich im Westgrat, an dem das Eis steil über einen Bruch zum oberen Rofenkarferner abfällt. Wir steigen vorsichtig hinab. Weiter unten ziehen sich Spalten durch das Eis, aber sie liegen frei und offen in der Sonne. Der Gletscher macht hier keine großen Mühen mehr, irgendwann kommt er in einem letzten Zerwürfnis zum Stehen. Wir sind unten.


Rofenkarferner und WildspitzeÖtztaler Urkund (links) und Wildspitze (Mitte) vom Rofenkarferner.

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Billigflieger und Internet haben Interrail zu einer überholten Reiseform gemacht. Wer will heute noch stundenlang mit der Bahn durch Frankreich fahren? Ein Rückblick auf eine Reise, der heute keinen Sinn mehr hätte.

Interrail, was war das noch gleich? Man kaufte ein Ticket, setzte sich in einen Zug und fuhr dann einfach los, quer durch Europa. Man verbrachte einen nicht geringfügigen Teil seiner Reisezeit in schlecht ausgestatteten Regionalzügen, man machte Nudeln auf Campingkochern warm, und am Ende jedes Tages lautete die bedeutendste Frage: Wo finden wir heute Abend einen Platz zum Übernachten? Es galt in erster Linie, eine Distanz zu überwinden – was am Ziel wartete, war eigentlich zweitrangig.

Heute fliegen die Anfang-Zwanzigjährigen mit einem Billigflieger in zwei Stunden nach Rom, nach Barcelona, nach Prag, und sie wissen dort schon ganz genau, in welche Galerie sie unbedingt müssen, in welches Café und in welchen Club. Irgendwer ist immer schon da, hat das alles schon gesehen, kennt sich besser aus, ist morgen schon wieder weg. Weil das nächste Abenteuer nur zwei Flugstunden entfernt liegt. Dazwischen ist alles Niemandsland, Felder in Endlosschleife, Zeitverschwendung.

Interrail ist im Prinzip eine vollkommen antiquierte Form des Reisens, eine grand tour, nur ohne Geld und Glorie: Entschleunigung statt Hypermobilität, Beschwerlichkeit statt Hedonismus, das mühsam Zugängliche anstelle des immer gleich Präsenten.

»Auf Interrail« zu sein bedeutet, überall da draußen, an jeder Destination, das verbindende, ortsunabhängige Element zu finden: den Schlafplatz, den Supermarkt, die große Sehenswürdigkeit.

Heute führt die Suche zum Exklusiven, zum Vergänglichen: der Club, in dem man genau diesen Sommer oder Winter gewesen sein muss, die eine Party in dieser einen Nacht mit diesem einen DJ. Heute will niemand mehr wirklich vor dem Eiffelturm stehen, es gibt ihn schon tausendfach online. Die immer gleichen Bilder, die gleichen Kameraperspektiven, austauschbare Gesichter.

Wer vor sechs Jahren Interrail gemacht hat, stand unmittelbar vor der Schwelle zum sozialen Internet für die breite Masse, zur totalen Vernetzung, zum Reisen in der Digitalität.

Heute sind alle Perspektiven und Einstellungen, alles Wissen über einen Ort, schon universell verfügbar. Deshalb rückt das Beständige aus dem Fokus, und das Vorübergehende wird interessant. Vielleicht fällt es dadurch noch schwerer, auf Reisen nichts verpassen zu wollen. Vielleicht hätten die Nerven damals, im Sommer 2006, schon auf der ersten langen Zugfahrt durch Belgien blank gelegen. Es ist ein Rückblick auf eine Reise, die heute so nicht mehr möglich wäre, die heute so keinen Sinn mehr ergeben würde.

PARIS

Was weiß man mit 19 Jahren von Paris? Stadt der Kultur, Stadt der Kunst, Stadt der Liebe. Tausend Dinge, von denen man nichts versteht. Eine Stadt, die sich vor dem jungen Reisenden aufspaltet wie Licht in einem Kaleidoskop, tausend Orte und Begebenheiten in jeder Sekunde: die totale Überforderung.

Natürlich ist die Zeit viel zu knapp, und wir können auch nicht draußen schlafen, also suchen wir ein Hostel und hetzen dann zu den großen Sehenswürdigkeiten der Stadt: Notre-Dame, Louvre, Eiffelturm. Wir schießen Fotos in Schwarz-Weiß am Place de la Concorde, die wir später vergrößert an die Wand unseres Kinderzimmers hängen, das kein Kinderzimmer mehr ist. Wir schauen betont gedankenverloren auf diesen Bildern, in den Posen suchen wir die Zeitlosigkeit gestandener Männer.

In Paris geht es darum, einfach dazusitzen, im Jardin des Tuileries oder am Ufer der Seine, und Erwachsen-Sein zu zelebrieren, Lebemomente zu simulieren. Aber wie sehen die eigentlich aus? Es sind Momente des Verliebens, des kreativen Schaffens, des Tanzes und des Rauschs. Wir kennen die guten Orte dafür nicht in Paris. Wir bewegen uns wie durch eine Kulisse, wir sind nicht Teil dieser Stadt. Wir sind zu jung, zu klein, zu unerfahren für Paris. Wir ahnen nur, was irgendwann im Leben noch einmal auf uns warten könnte.


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NIZZA

Das Südländische, Mediterrane springt einem gleich entgegen, wenn man den Bahnhof von Nizza verlässt. In der Architektur, in der Vegetation, durch die Wärme der Sonne auf der Haut. Nizza ist ein guter Ort, er ist unbeschwert, leicht. Die Uferpromenade, das Meer, die Wellen: Endlich sind wir an der Cote d’Azur.

Wir lassen unsere Sachen in einer Herberge und schlendern los ohne den Druck, hier etwas sehen zu müssen, vielleicht auch, weil Nizza angenehmerweise keine großen Sehenswürdigkeiten bereithält, weil es eher als Ganzes wird. Wer nach Nizza kommt, will einfach in Nizza sein und nicht Dieses oder Jenes tun. Dieser Anspruch macht es für den Reisenden leicht.

Wir sehen das volle Leben Südfrankreichs: Es ist WM, die Équipe Tricolore gewinnt das Halbfinale, am Abend fahren Autocorsos durch die Stadt, die Menschen feiern auf den Straßen. Wenn ein Ort an den Rand des Ausnahmezustands gerät, ist das immer spannend. Wir machen da jetzt mal mit, laufen rum, quatschen mit Leuten. Wir wollen ein bisschen männlich sein und trinken Four Roses aus der Flasche. Nizza – hier könnte man eine gute Weile bleiben. Aber es gibt noch so viel zu sehen.


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MONACO

Monaco kennt man aus den Hochglanzmagazinen und Celebrity-Sendungen im Fernsehen. Die Steuern sind niedrig, die Autos sind teuer, hier ist der Reichtum zu Hause, zumindest solange es Vorteile gegenüber dem heimischen Fiskus mit sich bringt. Wir zählen Ferraris und Lamborghinis.

Natürlich sind wir nicht so dumm, in Monaco nach einer Unterkunft zu suchen, wir wollen am Abend noch weiter. Ein Tag Monaco, ein Tag Luxusgucken. Welche Namen haben die Yachten? Was für Autos parken vor dem Casino? Eine Cola am Hafen kostet 8 Euro: Man, ist das irre!

Der Himmel ist wolkig und verhangen an diesem Tag, Monaco liegt unter einem grauen Schleier. Die an der Küste angelegten Wohnblocks sind hässlich. Vielleicht ist es gar nicht so toll, hier die Hälfte des Jahres seine Zeit zu verbringen. Aber vermutlich ist das so wie mit Los Angeles, über das ja immer alle Prominenten schimpfen, obwohl sie alle Häuser im Norden der Stadt haben, einfach weil sie dort unter ihresgleichen sind, weil sie sich ständig über den Weg laufen. Monaco liegt am Mittelmeer, reich und klobig, aber das war es auch schon. Marseille ist halt cooler.


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MENTON

Eine Nacht an der Cote d’Azur hatten wir am Strand geschlafen, morgens waren wir im Meer schwimmen, im Sonnenschein. Jetzt regnet es, unsere Sachen sind ein bisschen klamm. Südfrankreich ist plötzlich gar nicht mehr so verheißungsvoll.

Die Reisegruppe stockt an der Grenze zu Italien in Menton. Wo soll es jetzt hingehen? Wie fahren wir weiter? Es ist schwül, die Stimmung ist geladen, alles stockt. Es gibt einen handfesten Streit. Das Verfahrene der Situation wird aufgebrochen durch die spontane Entscheidung, einfach einen Nachtzug nach Italien zu nehmen.


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ROM

Rom ist für den jungen, bisher weitgehend unbereisten Interrailer ähnlich wie Paris: eine Stadt als einzige Überforderung. 2500 Jahre Geschichte: die Kaiserzeit, die Katholische Kirche, das Heilige Römische Reich. Eine Stadt wie ein Museum. Wir bringen kaum Fachwissen mit über die Bauwerke, die Kulturschätze, die Kunstwerke der Stadt. Wir laufen durch die Straßen und unsere Augen sehen nur Oberfläche. Überall sind Zeichen, die wir nicht lesen können. So kommen wir hier nicht weiter. Aber für uns geht es in Rom auch um etwas Anderes.

Am Abend lernen wir an der Spanischen Treppe eine Gruppe junger, amerikanischer Juden kennen, mit denen wir uns ganz ordentlich betrinken. Die Mädchen sehen verdammt gut aus. Man gibt sich Biere aus, redet erst Smalltalk und später alkoholgeschwängert über den Sinn des Lebens, man tauscht Emailadressen.

Auf dem Rückweg jugendlicher Übermut: Wir rennen durch die Gassen zum Hostel, wir reißen Pflanzen aus Blumenkübeln, wir stacheln uns gegenseitig an, wir benehmen uns, ehrlich gesagt, ganz schön asozial. Das liegt daran, dass wir das Gefühl haben, die Stadt erobert zu haben, hier genau richtig zu sein, weil wir diese schönen, freundlichen Amerikaner getroffen haben, mit denen der Abend so lustig und ausgelassen war. The world can be your friend in one night.


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VENEDIG

Italien, die andere Seite des Stiefels. In Venedig ist das Museumhafte des Stadtbilds so überdeutlich wie kaum in einer anderen europäischen Metropole. Wir können Venedig unmöglich auslassen. Das ist schon wieder lustig: Wir wissen ja erneut rein gar nichts über die Stadt, außer dass sie berühmt ist. Niemand von uns hat während der langen Zugfahrten überhaupt einen Reiseführer gelesen, um zu wissen, vor welcher Sehenswürdigkeit man sich jetzt genau fotografieren lassen muss. Es läuft also wieder auf das Flanieren hinaus: einfach mal Venedig auf sich wirken lassen.

Wir gehen zum Markusplatz, wir suchen ein halbwegs preiswertes Restaurant, wir versuchen uns in den engen Straßen nicht zu verlieren. Venedig ist anstrengend. Aber es ist natürlich auch ziemlich schön. Man hat das ja alles schon im Kopf und prüft das bloß noch einmal: die Brücken, die Gondeln, die Wasserwege. Das Wetter ist leider blendend, und deshalb ist es in den Gassen brechend voll. Manchmal hat man das Gefühl, in einem Freizeitpark unterwegs zu sein. Abends wird es ruhiger, die Touristen sind müde.

Man müsste vielleicht noch einmal wiederkommen, wenn es neblig und nass ist, und dann müsste man fünf Tage gedankenversunken durch die Gassen laufen, ohne von dem unerträglichen Kommerz der Marke Venedig behelligt zu werden.


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TOSKANA

Toskana. Das ist schon wieder ein Wort, bei dem ganz viel mitschwingt. Italienischer Lebensstil, gelbe Felder, alte Burgen, guter Wein. Wir legen uns unweit einer Stadt, deren Namen wir allesamt bis heute nicht erinnern, auf ein Feld und schlafen unter dem Sternenhimmel, nicht mal die Zelte bauen wir auf. Wir sind auf Durchreise, langsam geht es Richtung Heimat, also müssen wir in dieser Nacht und am nächsten Morgen einmal konzentriert den Toskana-Moment aufschnappen. Wir schlafen also unter freiem Himmel und am nächsten Tag wandern wir zu einer kleinen Festung auf einem Hügel. Blick über die Hänge und dörren Felder: Das ist die Toskana. Na gut. Im Rückblick, muss man sagen, wäre es vielleicht schön gewesen, in Florenz gehalten zu haben.


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GAP

Gap ist eine ungeplante Station unserer Reise. Wir erreichen die Stadt in den französischen Alpen am späten Abend, es regnet, es ist frisch, und weil am kommenden Tag die Tour de France in der Stadt gastiert, gibt es beim besten Willen kein freies Zimmer mehr für uns. Es gibt außerdem nirgendwo einen guten Park zum Übernachten.

Wir marschieren ohne Plan durch leere Straßen: Wohnhäuser, eine Tankstelle, irgendwann Gewerbegebiet. Wir legen uns nieder zum Schlafen auf der steinernen Laderampe eines Anbieters von Gaskatuschen, die jedenfalls stehen vor der Halle in den Regalen. Es wird eine Nacht auf kaltem Beton.

Am nächsten Tag finden wir für den Abend einen Campingplatz, die Sonne scheint. Wir haben den ganzen Tag Zeit, wir steigen von Gap auf einen mittelhohen, aber doch schon alpin-kargen Berg. Weite Aussicht über das Land. Zum ersten Mal sind wir richtig in der Natur, das ist schön, davon verstehen wir etwas, vom In-der-Natur-Sein. In drei Tagen werden wir wieder in Deutschland sein.


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Was bleibt von einer Interrail-Tour? Die Kulturhauptstädte Europas können wir nur als Abstraktion der Wirklichkeit wahrnehmen. Kleine Jungs in großen Städten, Dynamik und Charakter der Metropolen bleiben uns verschlossen. Wir sehen immer nur Ahnungen und Andeutungen von Lebenswegen, die wir noch nicht kennen. Eine schöne Frau auf der Straße, zwei Männer mit Schals und Halbschuhen im Café, Balkonfrühstücke, Zigaretten und Wein, Kunst, Bohème, Lebensart.

Andersherum ist es wichtig, sich diese Oberfläche mal anzuschauen, um sie dann später einmal, wer weiß, selbst zu erleben und zu entzaubern.

Man lernt auf Interrail natürlich auch, sich ein bisschen zu organisieren, in der Gruppe Probleme zu lösen, solche Geschichten. Aber das ist nur das Beiwerk.

Es ist für viele der erste Schritt in die große Welt, die heute viel kleiner erscheint, nicht nur, weil man älter geworden ist. Heute ist alles gleich ultrapräsent, wenn man 40 Euro für einen Flug bezahlt. Die Umwege verschwinden. Niemand braucht mehr ein Interrail-Ticket, aber das Reisen ist genauso wichtig wie früher. Es geht dabei nur am Rande um Sehenswürdigkeiten – sondern um ein Gefühl für die Welt und das Leben.



Interrail 2006 auf einer größeren Karte anzeigen

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Scharf gezeichnete Grate und Couloirs, Gletscherbrüche: Die mächtigen Gipfel der Cordillera Blanca bilden das weiße Dach Perus. Ein Aufstieg auf den Nevado Pisco in Schwarz-Weiß-Fotografien.

Huaraz — Wer es liebt, in den Bergen zu sein, kann nicht nach Peru reisen, ohne sich in die schneebedeckten Anden aufzumachen.

Cordillera Blanca, weißes Gebirge: ein Name wie eine Verheißung.

Was man dort findet: ewiges Eis, von Gletschern behangene Felswände, unnahbare Giganten. Firntürme, deren Gipfel aussehen wie Sahnehäubchen, die ein unsichtbarer Konditormeister in Richtung Himmel gezupft hat.

Im Nationalpark Huascarán stehen viele der schönsten Berge der Welt: der Artesonraju (6025 m), Vorbild für das Logo der Filmproduktionsfirma Paramount Pictures, der trapezförmige Alpamayo (5947 m), und der Doppelgipfel des mächtigen Huascarán (6768 m) selbst.

Der Nevado Pisco wiederum ist derjenige Gipfel, der für den konditionell erprobten und gut akklimatisierten Bergsteiger mit einem kundigen Führer vergleichsweise leicht zu ersteigen ist und dennoch das Gefühl von hochalpiner Ausgesetztheit erzeugt, der die Gegenwärtigkeit urgewaltiger Natur greifbar macht, der mit seinen 5752 Metern zwar nicht zu den höchsten Gipfeln der Region gehört, aber das Matterhorn immer noch um mehr als tausend Meter überragt.

Eine Besteigung in Bildern, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Schatten und Eis.

LAGUNA 69

Die Laguna 69 ist ein beliebtes Ausflugsziel für Tagestouristen im Llanganuco-Tal. Der Begriff Lagune suggeriert einen Überfluss an Vegetation, aber der Gebirgssee liegt auf 4600 Metern, es ist kalt und karg an diesem Ort.

Der Bergsteiger, der den Ausflug zum See für die Akklimatisierung nutzt, kommt den brüchigen Eismassen des weißen Gebirges hier schon sehr nahe. Die vereiste Südwand des Chacraraju fällt fast senkrecht mehr als tausend Meter in langgezogenen Falten und Verwerfungen hinab bis zu den Schuttmoränen oberhalb der Lagune. Die Gratwechten des Bergkamms sehen aus wie Baiser, die Hängegletscher wie eine zerfallene Quarkspeise, der Eissaum wie zerbröselter Kuchen.


Cordillera Blanca, Chacraraju, Laguna 69Cordillera Blanca, Chacraraju, Laguna 69Cordillera Blanca, Chacraraju, Laguna 69Cordillera Blanca, Chacraraju, Laguna 69Cordillera Blanca, Chacraraju, Laguna 69Cordillera Blanca, Chacraraju, Laguna 69Cordillera Blanca, Chacraraju, Laguna 69Cordillera Blanca, Chacraraju, Laguna 69


BASISLAGER

Das Basislager ist am Nevado Pisco – anders als an anderen Expeditionsbergen – gleichzeitig das letzte Lager vor dem Gipfel, es ist also ein Ort des Zweifels: Hält sich das Wetter? Gibt es Schnee? Zieht ein Sturm herauf?

Wer die fast lotrechte Südflanke des Pisco sehen will, muss vom Basislager noch einmal ein paar Höhenmeter bis auf den Kamm einer Geröllmoräne steigen. Der Bergsteiger sieht die überhängende Eispanzerung des Gipfelgrats, die langen Schatten auf der weißen Wand, und weiter unten: haushohe Bruchkanten im Eis, immer dort, wo die Architektur des Berghangs eine Felsstufe vorgesehen hat.

Man kann sich nur schwer vorstellen, wie es sein muss, wenn sich ein Serac aus der Gletschermasse löst und in tausend granitharte Eisbrocken zerfällt, ein Geräusch wie der Donner am Himmel.


Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco


GIPFEL

Aufstieg in der Nacht, am frühen Morgen streifen die ersten Sonnenstrahlen das weiße Gebirge. Das Spiel von Licht und Schatten beginnt aufs Neue, aber hier oben, auf dem Gipfel des Nevado Pisco, ist es noch eindrucksvoller, die Linien im Eis sind noch schärfer gezeichnet in dieser Sonne, die noch nicht vermag, die nachtkalten Hände richtig aufzuwärmen.

Der Blick wandert zu den Bergriesen der Cordillera Blanca: Artesonraju, Alpamayo, Chopicalqui, Huascarán, Huandoy, Chacraraju – was für ein Ausblick! Was für eine surreale Formation aus Eis und Schnee!

Die eigene Gegenwart auf dem Gipfel zu spüren inmitten dieser monochromen Gratlinien, Eisbrüche und Couloirs, erzeugt im Herz des Bergsteigers ein kaum vergleichbares Gefühl von Lebendigkeit, von unmittelbarer Welterfahrung, von irdischer, aber in gleichen Teilen überirdischer, nicht mehr rationaler Präsenz des Menschen auf der Erde: Das Stoffliche kann nicht alles sein, denkt man.

Wie kann der Mensch einfach nur Staub werden im Angesicht dieser Bergwelt?


Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco
Cordillera Blanca Nevado Pisco


ABSTIEG

Der Tag wird sehr schnell heiß unter der Höhensonne, schon bald kann der Bergsteiger seinen dicken Pullover ausziehen. Der Schweiß löst die Sonnencrème von der Haut.

Die Schatten der Gletscherspalten gewinnen im Licht des Tages erst richtig an Kontur, schwarze Risse im Eis, bis zu 60 Meter tief, kalt und dunkel: die Menschenfresser des Hochgebirges.

Doch der Bergführer manövriert kundig durch den Gletscherbruch, der Schnee wird sulzig, das Gehen etwas beschwerlicher. Der Tag ist noch nicht allzu alt, als der Boden unter den Füßen wieder aus Felsen besteht. Das Licht ist jetzt schon sehr gleißend und leuchtet die Eiswände gänzlich aus.

Nach zehn Stunden ist der Bergsteiger wieder im Basislager.


Nevado Pisco cordillera blanca
Nevado Pisco cordillera blanca
Nevado Pisco cordillera blanca


Nevado Pisco (5752 m)

Reisezeit: ..Die größten Erfolgsaussichten für den Gipfel bestehen in den trockenen Sommermonaten zwischen Juni und September. Es gibt aber auch viele Seilschaften, die den Pisco bereits im Mai oder erst Ende Oktober besteigen.

Anreise: ..Mehrere Fluggesellschaften fliegen Lima mit ein oder zwei Zwischenstopps von Deutschland aus an. Von dort in 8 Stunden mit dem Bus nach Huaraz. Mit einem Geländewagen geht es in den Nationalpark Huascarán.

Einreise: ..Touristen aus Deutschland können sich 183 Tage ohne Visum in Peru aufhalten.

Anforderungen: ..Der Nevado Pisco ist ein ernstzunehmener, hochalpiner Gipfel mit weitläufiger Vergletscherung. Neben guter Kondition und ausreichender Akklimatisierung ist solide Bergerfahrung nötig. Das sichere Gehen mit Steigeisen auch in steilerem Gelände sollte ebenso beherrscht werden wie richtiges Seilhandling und alpine Sicherungstechnik. Ein steilen Hang muss der Bergsteiger mithilfe der Frontalzackentechnik überwinden, im Abstieg wird dort abgeseilt. Schwierigkeit: PD. Für die Besteigung wird Expeditionsausrüstung benötigt.

Veranstalter: ..Verschiedene Agenturen in Huaraz bieten geführte, mehrtägige Touren auf den Nevado Pisco an. Nicht alle Anbieter sind seriös: Viele Bergführer beherrschen keine ausreichende Sicherungstechnik, die Verpflegung ist dürftig, und die fehlende Akklimatisierung der Kunden wird oft ignoriert. Eine professionelle Tour mit einem zertifizierten UIAGM-Bergführer kostet ab 500 US-Dollar.

Übernachtung: ..In Huaraz gibt es viele Herbergen und Hostels, die Stadt ist Zentrum des Trekkingtourismus in der Region. Im Nationalpark Huascarán wird in Zelten übernachtet. Im Basislager des Pisco gibt es auch eine einfache Hütte, das Refugio Perú.

Geld:..In Huaraz gibt es Banken, die alle gängigen Kreditkarten akzeptieren. 1 Euro entspricht etwa 3,4 Nuevos Soles (Stand Februar 2013).



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Europa versucht seit drei Jahren, den Euro zu retten, die Banken zu regulieren, die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Aber wer ist in der Krise? Staaten, Banken, die Währung? Die Geschichte eines Systemfehlers.

Wer in Brüssel das erste Mal die Rue de la Loi in Richtung Place de Schuman hinauffährt, könnte das Berlaymont-Gebäude für einen unbedeutenden Büroturm halten, dabei sitzt hier die Kommission der Europäischen Union. Auf dem Vorplatz wehen 27 Fahnen im Wind, eine für jedes Mitgliedsland der EU.

In diesem Sommer ist es besonders laut auf dem Platz, Autos stauen sich, aufgerissene Straßen, Baustelle. Frauen und Männer tragen Aktenkoffer durch den Verkehr. Politiker, Diplomaten, Lobbyisten. Sie betreten das Hochhaus eilig und verlassen es wieder, es ist ein fortwährendes Kommen und Gehen wie in einem Bienenstock.

In Kitty O’Shea’s Irish Pub gleich gegenüber treffen sich die jungdynamischen Karrieristen zum Feierabendbier, auf der Rue de Franklin stellen die Restaurantbesitzer am Nachmittag die Tische raus, man kann hier gut sitzen, die Pizza kostet ungefähr zehn Euro. Die Menschen sprechen Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch. Es herrscht lockere Straßencafé-Atmosphäre.

Hier trifft sich das kosmopolite Europa, die Bildungselite, die selbstverständlich im Ausland studiert hat, für die der Schlagbaum an der Grenze nur noch das Symbol einer antiquierten Vergangenheit ist. Vielleicht kommen diese Menschen dem Ideal des europäischen Staatsbürgers am nächsten. Freies Europa, grenzenloses Europa. Es ist das gleiche Europa, das sich seit mehr als zwei Jahren in der Krise befindet.

Die Krise ist zum allgemeinen Zustand geworden, die Zeitungen berichten von ihr, die Fernsehnachrichten, das Radio, fast jeden Tag. Irgendwo wird immer eine Bank gerettet, ein Rating herabgestuft, ein Gipfel einberufen. Müsste diese Krise nicht sichtbar sein, hier im Europaviertel in Brüssel, im Machtzentrum der EU, wo Beobachter gleichsam den Ursprung und die Lösung aller Probleme der Euro-Währungszone verorten?

Wer am frühen Abend in der Rue Franklin die ersten zwei blanches getrunken hat, während die Sonne warm durch die Bäume fällt, der wird sich umschauen und zu dem Schluss kommen: Hier ist die Krise nicht.

Die Nachrichten erzählen von der verlorenen Generation in Spanien, die keine Arbeit findet, obwohl sie bestens ausgebildet ist, sie erzählen von den Menschen in Griechenland, die sich erschießen, weil sie kein Geld mehr zum Leben haben, nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll und deshalb lieber sterben. Ein Land im freien Fall.

In den Straßen um die EU-Kommission in Brüssel herrscht trotz allem ein Zustand von Alltäglichkeit. Als sei das bloß eine griechische, eine spanische Krise, ein Problem Südeuropas.

Amadeu Altafaj Tardio schaut in die Runde der versammelten Journalisten. Er trägt einen tadellosen Anzug, sein Gesicht sieht müde und angespannt aus. Es ist ein Freitagmittag im Juni, midday briefing in der Kommission, draußen ist der Himmel grau. Tardio ist der Sprecher von Währungskommissar Olli Rehn. Das ist der Mann, der in der EU für die Wirtschaft zuständig ist. Die Korrespondenten aus Rom und Madrid, aus Berlin und Washington nehmen Platz im Pressesaal, die Sitze sehen aus wie im Kino. Hinter den Scheiben machen sich die Übersetzer bereit, an jedem Platz liegt ein Kopfhörer.

Eine Journalistin fragt, ob es stimmt, dass Spanien einen Antrag auf Finanzhilfen aus dem Hilfsfonds EFSF stellen wird. Es gibt Gerüchte, dass Spanien viele Milliarden Euro für Löcher in den Bilanzen seiner Großbanken braucht und deshalb schon am morgigen Samstag »unter den Euro-Rettungsschirm schlüpft«. Zwei Sekunden ist es still, dann sagt Tardio schleppend langsam, man könne dies nicht bestätigen. Er sieht dabei ziemlich unglücklich aus.

Am nächsten Tag läuft über die Nachrichtenticker, dass Spanien 100 Milliarden Euro an Krediten für seine maroden Geldhäuser bekommen soll. Das Land kämpfe gegen eine massive Bankenkrise, heißt es.

Bankenkrise, Schuldenkrise, Eurokrise. Es scheint nicht ganz klar zu sein, wer nun genau in der Krise ist: die Bankbilanzen, die Staatshaushalte, die Gemeinschaftswährung? Oder hängt vielleicht alles zusammen?


EU-Kommission
Brüssel
EU-Kommission


Das große Narrativ der Krise, das die Debatte bis heute dominiert, geht immer ähnlich: Die Euro-Staaten haben nicht »solide gewirtschaftet« und »zu viele Schulden« gemacht, auch weil sie in der Finanzkrise 2008 »die Banken retten« mussten. Deshalb stehen nun mehrere Länder »unter dem Druck der Finanzmärkte«, ihnen »droht die Pleite«. Es kommt nun in erster Linie darauf an, dass die Staaten sich zu »mehr Haushaltsdisziplin« verpflichten – das ist deutsche Lesart – oder »das Wachstum ankurbeln«, das fordern vor allem Frankreich, Spanien und Italien. Die südeuropäischen Staaten, heißt es, müssten wieder »wettbewerbsfähig« werden.

Es klingt so, als gebe es da eine Fehlentwicklung, die sich mit bekannten Werkzeugen wieder korrigieren lasse. Als gehe es bloß um die Frage der richtigen Stellschraube.

Die Krise ist keine europäische Krise.

Ein zentrales Instrument der »Euro-Rettung« klingt irgendwie technokratisch-effizient, funktioniert aber nach einem banalen Prinzip: Die Länder, deren Zahlungsfähigkeit noch als grundsolide eingestuft wird, leihen den Ländern, deren Verschuldung als gefährlich hoch eingeschätzt wird, neues Geld, das sie selbst nicht haben. ESM heißt das, European Stability Mechanism. Journalisten benutzen für diese supranationale Finanzinstitution oft das falsche Bild des »Euro-Rettungsschirms«. Die formulierte Absicht hat wenig mit der Realität zu tun.

Der Rettungsschirm – ein Fallschirm, der zum Regenschirm wurde – ist nur eine von vielen sprachlichen Nebelkerzen, die allenfalls die Oberfläche des Krisengeschehens beschreiben. Es ist eine Krise, die Menschen bedroht, unmittelbar und existenziell, aber über deren eigentliche Ursache und langfristige Auswirkungen kaum etwas zu lesen ist. Es ist eine Krise, die wahrscheinlich mehr umstürzen wird als das derzeitige Finanz- und Wirtschaftssystem. Sie könnte das unterbewusste Verständnis vom »Lauf der Dinge« verändern, grundlegende Annahmen in Frage stellen, die die Gesellschaft von der Welt prozessiert, das Bild zerstören, das wir uns vom Leben gemacht haben. Es spricht vieles dafür, dass es sich um die größte Systemkrise der modernen Geschichte handelt.

Es ist das Wesen einer Systemkrise, dass die Fehlsteuerung nicht in einem einzelnen, isolierbaren Teilbereich zu finden ist, sondern aus dem innersten Funktionsprinzip des Systems selbst erwächst. Das heißt auch, dass eine Lösung der Krise nicht durch die Korrektur einer Fehlsteuerung gelingt, sondern nur durch eine Neuordnung des Systems selbst.

Um zu verstehen, warum die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise nicht mehr aufhören wird, muss man das innerste Funktionsprinzip des weltweit dominierenden Wirtschaftssystems analysieren, sozusagen die Regel erster Ordnung, aus der sich alle Folgeentwicklungen ableiten. Wann dieses Grundprinzip funktioniert und wann nicht mehr, erklärt den Aufstieg und den anzunehmenden Niedergang des Systems.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem basiert auf einem Widerspruch.

Die kapitalistische Wirtschaft basiert auf dem Ökonomischen Prinzip der Gewinnmaximierung. Gewinn als Differenz aus Ertrag und Aufwand: Ich investiere etwas, und ich kriege am Ende mehr heraus, als ich hineingesteckt habe. Es geht darum, die eingesetzten Produktionsfaktoren – Kapital, Arbeitskraft, Maschinen, Fachwissen, Zeit, Energie – möglichst profitabel zu verwerten. Das war vor 100 Jahren so, das ist heute so. Der Verkäufer auf dem Wochenmarkt arbeitet nach diesem Prinzip, der mittelständische Autozulieferer, der Hedgefonds in der Londoner City. Kein Händler, Unternehmer oder Investor sagt: Wenn ich alle Erträge und Aufwendungen gegeneinander aufrechne, dann steht am Ende eine schwarze Null. Man würde diesen Menschen auslachen – und seine Firma bald durch einen Konkurrenten vom Markt verdrängt.

Das ist die Logik des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs: Es geht darum, in kürzerer Zeit bessere Waren und Dienstleistungen für geringere Kosten herzustellen.

Jedes Unternehmen in einem Land will Gewinne machen. Dadurch steigt der Wert aller produzierten Waren und Dienstleistungen: das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Eine Zunahme des BIP bedeutet Wirtschaftswachstum. Jedes Unternehmen strebt einen möglichst hohen Gewinn an, die Volkswirtschaft als Ganzes strebt nach Wachstum. Das ist die Analogie.

Wie sieht dieses Wachstum aus?

Der Physiker Albert Barlett hat einmal gesagt: »Die größte Beschränktheit der menschlichen Spezies ist ihre Unfähigkeit, die Exponentialfunktion zu verstehen.« Unternehmen und Volkswirtschaften rechnen mit prozentualem Wachstum im Vergleich zum Vorjahr. 2 Prozent Wachstum von 100 Euro, das ist jedes Jahr ein größerer absoluter Zuwachs: Nach einem Jahr sind es 102 Euro, nach 10 Jahren 121, nach 100 Jahren 724. Die Kurve steigt immer steiler an. Das ist exponentielles Wachstum. Es ist die Form von Wachstum, die seit dem Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft vom 8. Juni 1967 eines der obersten Ziel der deutschen Politik darstellt. Das Gesetz sieht »stetiges und angemessenes« Wachstum vor. Es meint exponentielles Wachstum.

Wachstum, das klingt immer noch vor allem nach Wohlstand. Es klingt nach der Entfaltung einer Gesellschaft, letztlich nach dem Siegeszug des Lebens selbst. Bäume wachsen, Kinder wachsen auf. Warum sollen nicht auch Unternehmen und Volkswirtschaften wachsen?

Die Antwort hat mit der Frage zu tun, wie Gewinn entsteht, auf der Mikroebene des Wachstums. Angenommen ein Unternehmer stellt am Tag mit 100 Mitarbeitern 100 Tablet-Computer her. Dieser Unternehmer kauft irgendwann eine Maschine, die seine Tablets automatisch zusammensetzen kann, die selbst elektronische Feinarbeit präzise und fehlerfrei ausführt. Der Unternehmer wird alle Mitarbeiter, die er für die Produktion seiner Computer nicht mehr braucht, entlassen. Er zahlt die Löhne nicht aus Menschenfreundlichkeit, er steht im Wettbewerb mit anderen Anbietern, er muss Kosten sparen. Er handelt strikt nach dem Ökonomischen Prinzip. Was passiert aber, wenn sich die entlassenen Mitarbeiter keine Tablets mehr leisten können, weil sie kein Einkommen mehr haben? Sie fallen als Nachfrager und Konsumenten aus. Der Unternehmer muss sich fragen: Wer kauft meine Tablets, wenn ich am Ende nur noch zehn Entwickler und zwei Designer brauche, um 1000 Geräte am Tag herzustellen?

Wenn menschliche Arbeit durch Maschinen und Computer ersetzbar ist, werden die überflüssigen Mitarbeiter entlassen – jedes Unternehmen handelt nach diesem Prinzip. Das ist der Landwirtschaft so ergangen, gerade passiert das in der Industrieproduktion, und der Dienstleistungssektor steuert auf die gleiche Entwicklung zu.

Ohne menschliche Arbeit gibt es aber keinen Lohn, keine Kaufkraft, keinen Konsum, keine Steuereinnahmen. Je mehr Branchen auf menschliche Arbeit verzichten können, umso mehr nimmt die Wirtschaft Schaden.

Es ist der große kapitalistische Widerspruch zwischen der betriebswirtschaftlichen und der volkswirtschaftlichen Logik: Je näher jede Einheit des Systems seinem inhärenten Ziel kommt, umso mehr zerstört sich das System als Ganzes selbst.

Dieser Widerspruch ist wie ein Samenkorn, in dem alle fehlerhaften Auswüchse des heutigen Wirtschaftssystems angelegt sind. Dieser Widerspruch erklärt die Teilung der Welt in so viele Arme und so wenige Reiche, den Überfluss im Mangel. Die Geschichte dieses Widerspruchs ist spannender als jede Verschwörungstheorie, es ist die Geschichte von Frieden und Wohlstand, von Ausbeutung und Elend, es ist letztlich die Geschichte des Menschen in der Moderne bis zur Überdehnung der Moderne, an der Grenze der Gegenwart, an der wir heute stehen.

Das System funktioniert, solange genug neue Arbeit entsteht.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem hätte natürlich niemals einen so durchschlagenden Erfolg gehabt, wenn es noch vor der weltweiten Expansion an seinem ureigenen Widerspruch gescheitert wäre. Das Versprechen des Kapitalismus lautet: Durch technischen Fortschritt entstehen immer mindestens genauso viele Arbeitsplätze, wie durch Rationalisierungen in der Produktion vernichtet werden. Die Mitarbeiter, die zur Herstellung der Tablets nicht mehr gebraucht werden, finden in einer anderen Branche neue Arbeit. Sie können sich wieder Tablets kaufen, der produzierende Unternehmer ist glücklich.

Der russische Ökonom Nikolai Kondratjew hat dazu eine Theorie der langen Konjunkturwellen aufgestellt. Seine These: Es gibt Erfindungen – sogenannte Basisinnovationen – die so durchschlagend sind, dass sie die Produktionsprozesse der Wirtschaft grundlegend umwälzen und massenhaft neue Investitionen anstoßen.

Der Siegeszug der Dampfmaschine im 19. Jahrhundert; die günstige Massenproduktion von Stahl, der Bergbau und die Ausbreitung von Eisenbahn und Dampfschiff am Ende des 19. Jahrhunderts; Elektrotechnik, Chemieindustrie und Verbrennungsmotor am Anfang des 20. Jahrhunderts – das waren die ersten drei Zyklen. Nach dem Ersten Weltkrieg beginnt der »vierte Kondratjew«: die Automatisierung der Produktion durch Einzweck-Werkzeugmaschinen. Fließbandfertigung, Arbeitsteilung, Spezialisierung: das Prinzip des Fordismus. Neue Technologie schafft neue Wirtschaftszweige, diese schaffen neue Arbeitsplätze, das schafft neues Wachstum. Ein fortlaufender Zyklus, das kapitalistische Selbsterhaltungsmuster.

Der Aufstieg des Westens ist die letzte Phase natürlichen Wachstums.

Die Blütezeit des Westens war so gesehen die Hochphase des »vierten Kondratjew«. Der englische Wirtschaftshistoriker Eric Hobsbawm nennt die 50er- und 60er-Jahre das »goldene Zeitalter des Kapitalismus«. Neue Industriezweige entstehen, die viele Güter für den Verbraucher erschwinglich machen: Haushaltselektronik, Lebensmittel, Autos, der Einzelhandel wächst. Die Entwicklung der zivilen Luftfahrt macht das Reisen für die Massen möglich. Alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens werden durch die Marktwirtschaft erschlossen: Es ist die »innere Expansion des Kapitalismus«. In Deutschland herrscht Vollbeschäftigung, das Wirtschaftswachstum ist konstant hoch, wie in allen OECD-Ländern. Der Aufschwung ist auch dadurch bedingt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg riesige Infrastruktursysteme wiederaufgebaut werden müssen: Flughäfen, Straßen, Brücken, ganze Städte waren verwüstet.

Die passende Wirtschaftspolitik in den westlichen Industrienationen liefert der Keynesianismus, ein nachfrageorientierter Ansatz, benannt nach dem Überökonomen des 20. Jahrhunderts, John Maynard Keynes. Keynes ist der Ansicht, dass der Staat in die Privatwirtschaft eingreifen muss, um Arbeitslosigkeit zu verhindern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat dieses Konzept großen Erfolg: Der Staat sorgt dafür, dass die massenhaft produzierten Güter massenhaft Käufer finden. Wenn die Nachfrage einbricht, stützt der Staat durch Verschuldung die Konjunktur, das nennt sich deficit spending. Die Gewinne der Unternehmen werden in höhere Löhne gesteckt, die Arbeiter sind zahlungskräftige Konsumenten. Das Hauptgeschäft der Banken ist es, der Industrie und dem Staat Kredite für weitere Investitionen zur Verfügung zu stellen, die aufgrund der insgesamt hervorragenden Wirtschaftslage problemlos bedient werden können.

Das »Wirtschaftswunder« in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, die große Erzählung der jungen Bundesrepublik, ermöglicht den Aufbau der sozialen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb, stabilen Preisen durch eine unabhängige Bundesbank und eine Verbesserung der allgemeinen Lebensverhältnisse. Arbeitgeber und Gewerkschaften verhandeln die Tarife im Rahmen von Sozialpartnerschaften unabhängig vom Staat. Der Aufbau der Sozialsysteme sichert die Menschen für Notzeiten ab.

Das innere Funktionsprinzip des Kapitalismus funktioniert, weil in neuen Branchen mindestens genau so viele Jobs entstehen, wie in sterbenden Branchen und durch Rationalisierungen in der Produktion vernichtet werden. Die Armut und der Mangel verschwinden, die Reichen werden reicher, der Mittelstand lernt den Konsum zu schätzen. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard verspricht: »Wohlstand für alle.«

Die meisten Menschen damals glauben, dass es nun immer so weitergehen müsse mit dem Wohlstand und dem Wachstum. Da ist zwar der Kalte Krieg, aber der Westen steht auf der richtigen Seite der Geschichte. Dahinter steckt der glühende Fortschrittsglaube, der dem Kapitalismus schon immer innewohnte und der das Bewusstsein der Moderne bis heute prägt. Die Schriftsteller Eckhart Nickel und Christian Kracht bemerkten einmal, es habe sich um eine Zeit gehandelt, »in der Luftkissenboote, enge Badehosen aus Frottee und die corporate identity der Fluglinie PanAm den Weg in eine optimistisch erwartete und euphorisch moderne Zukunft deuteten.« In den 70er-Jahren ist diese Zeit zu Ende.

Die Krise ist eine Wachstumskrise.

Schon in den 60er-Jahren sinkt die Kapitalrentabilität der Unternehmen in den westlichen Marktwirtschaften, das Verhältnis aus Gewinn und investiertem Kapital, die Rendite. Ich investiere genauso viel Geld wie früher, aber der Gewinn ist nicht mehr so hoch. Durch sinkende Grenzrenditen gehen die Anreize für Investitionen zurück. Das hat negative Folgen für die Wirtschaft als Ganzes.

Die erste Hälfte der 70er-Jahre ist gekennzeichnet durch Stagflation, einer Kombination aus Stagnation und Inflation. Das Wachstum der Volkswirtschaften verlangsamt sich, zum anderen verteuern sich die Preise durch einen externen Schock: die erste Ölkrise.

Am 6. Oktober 1973 beginnen Ägypten und Syrien mit dem Angriff auf den Sinai und die Golanhöhen den vierten israelisch-arabischen Krieg, den Jom-Kippur-Krieg. Die Organisation der erdölexportierenden Staaten (OPEC) drosselt im Verlauf des Kriegs die Ölfördermenge um 5 Prozent, um die westliche Unterstützung Israels in dem Konflikt zu brechen.

Am 17. Oktober 1973 liegt der Ölpreis bei rund 3 US-Dollar pro Barrel, im Verlauf des Jahres 1974 steigt er auf 11,16 Dollar. In den USA verdoppelt sich die Inflationsrate bis Ende 1974 auf 11 Prozent, 1975 verdoppelt sich die Arbeitslosigkeit auf 8,4 Prozent gegenüber 1973. Die Massenarbeitslosigkeit in den westlichen Industrienationen kehrt zurück, 1973 ist das letzte Jahr mit Vollbeschäftigung in den OECD-Staaten.

Der Ölpreisschock von 1973 legt die Schwäche des Westens offen, seine Abhängigkeit von fossilen Energieträgern als Brennstoffen des Wachstums. Es zeigt sich zum ersten Mal, dass es sich bei dem, was wir heute Krise nennen, eigentlich um eine Wachstumskrise des Kapitalismus handelt, auf die der Club of Rome bereits 1972 in seiner Studie Die Grenzen des Wachstums hingewiesen hat.

Im Lauf der 70er-Jahre stößt die innere Expansion des Kapitalismus an seine Grenzen: Das Wachstum bricht ein, die Konsumgütermärkte sättigen sich langsam. Es ist ein Wohlstandsniveau erreicht, das sich immer mühsamer genauso schnell wie bisher steigern lässt. Die Menschen mit Haus, Garten und Auto, mit ihrer schönen, kleinen Familie könnten natürlich noch viel mehr arbeiten und sich dann eine Finka in Spanien, eine Luxuslimousine und schicke Designerkleidung kaufen, aber der Aufwand wäre das zusätzlich gewonnene Glück nicht wert, das ist eine Frage des Grenznutzens von Konsum, der Befriedigung von Bedürfnissen. Seit den 70er-Jahren werden die Menschen trotz scheinbar unbegrenzter neuer Konsumangebote subjektiv nicht glücklicher.

Die Stagflation der 70er-Jahre zeigt zum ersten Mal: Auf lange Sicht ist da keine neue Technologie, keine neue Branche, die so revolutionär ist, dass sie den Menschen in Zukunft wieder massenhaft Arbeit geben kann. Das Selbsterhaltungsprinzip des Wirtschaftssystems – technischer Fortschritt erschließt neue Industriezweige, die den Überschuss an überflüssig gewordenen Arbeitskräften auffangen – zeigt erste Störanfälligkeiten. In den USA beginnt die große Deindustrialisierung.

Es sind im Prinzip zwei fundamentale Fragen, die sich Mitte der 70er-Jahre stellen. Wie lassen sich die Renditen der Unternehmen wieder steigern? Und wo lässt sich das investitionsfreudige Kapital weiter möglichst gewinnbringend anlegen, wo doch die Kapitalerträge auf den gesättigten Gütermärkten des Westens sinken?

Die Deregulierung der Märkte ist eine Antwort auf die Wachstumskrise.

Auf die erste Frage reagiert der Staat mit einer neuen Wirtschaftspolitik. Eine Gruppe junger chilenischer Ökonomen, die an der Chicago University vom Ökonomen Milton Friedman ausgebildet wurden, prüfen nach dem Staatsstreich vom 11. September 1973 und der Machtergreifung Augusto Pinochets in Chile zum ersten Mal ein Maßnahmenpaket, das heute oft als Neoliberalismus bezeichnet wird, aber eher als marktradikal bezeichnet werden kann: Privatisierung von Staatsbetrieben, Abbau von Handelsbeschränkungen, Steuersenkungen für Unternehmen und Vermögende, Ausgabenkürzungen im Sozialbereich und ein Ausbau des Niedriglohnsektors. Die Chicagoer Schule drängt den Einfluss des Staats weitgehend zurück, die Wirtschaft wird den freien Kräften des Markts unterworfen.

In den USA markieren die Reagonomics unter Ronald Reagan zu Beginn der 80er-Jahre den Schwenk zu einer neoliberalen Wirtschaftsordnung. In England ist es der Thatcherismus unter Marget Thatcher, der den Arbeitsmarkt dereguliert, die Gewerkschaften entmachtet und dem Marktmechanismus die Steuerung der Wirtschaft überlässt. In Deutschland sorgt Kanzler Helmut Schmidt zusammen mit seinem Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff mit dem Lambsdorff-Papier für eine Aufweichung der sozialen Sicherungssysteme und den Schwenk zu einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik. Für Unternehmen und Wirtschaft hat die neue Politik positive Effekte, die Firmen machen wieder mehr Gewinne, das Wachstum stabilisiert sich.

Wo aber gibt es nun einen Markt, auf dem weiter hohe Kapitalerträge möglich sind, profitable Investments?

Die Antwort ist ebenso simpel wie folgenschwer: Weil es diesen Markt in der realen Wirtschaft nicht gibt, entsteht ein zunehmend fiktiver Markt: der Finanzmarkt, wie wir ihn heute kennen.

Bereits am 17. August 1971 wurde die Goldbindung des US-Dollar aufgehoben. Bis dato konnten die Zentralbanken ihre Dollarreserven gegen einen festen Wechselkurs in Gold eintauschen. Diese Verpflichtung existierte aber seit Ende der 50er-Jahre ohnehin nur noch auf dem Papier. Die weltweiten Dollarreserven überstiegen durch die wachsende Verschuldung der USA im Ausland bereits den Wert des Goldes, das Vertrauen in die Stabilität der US-Währung sank. Durch die hohen Kosten des Vietnamkriegs stieg in den USA außerdem die Inflationsrate. Weil alle anderen Währungen an den Dollar gekoppelt waren, stieg die Inflation gleichzeitig weltweit. US-Präsident Richard Nixon sah sich schließlich gezwungen, den Gold-Devisen-Standard aufzuheben.

Ab diesem Zeitpunkt war der Dollar endgültig nicht mehr durch einen real existierenden Wert gedeckt. Am 11. März 1973 wiederum heben die führenden Industrienationen die Kopplung ihrer Währungen an den US-Dollar auf, die sie 1944 auf der Konferenz von Bretton-Woods beschlossen haben. Es entstehen freie Wechselkurse und Devisenmärkte, auf denen die Währungen gehandelt werden.

Die Entkoppelung der Geldmenge von physisch vorhandenen Werten und das System freier Wechselkurse machen den Weg frei für die Expansion des Finanzmarkts. Die 80er-Jahren besiegeln die financialisation of capitalism: Der Anteil der Finanzgeschäfte am Bruttoinlandsprodukt wird immer größer. Es sind die Jahre des großen Spekulationsbooms.

Ein letztes Aufbegehren gibt es, als der Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), Paul Volcker, Anfang der 80er-Jahre den Leitzins auf teilweise über 20 Prozent anhebt, um die Inflation zu bekämpfen. Ein hoher Leitzins lässt die Zinsen der Geschäftsbanken steigen und verteuert somit neue Kredite. Notenbanken begrenzen auf diese Weise die umlaufende Geldmenge. Eine extreme Hochzinspolitik würgt aber die Wirtschaft ab und führt leicht in eine Deflation: Die Preise für Güter fallen, dadurch wiegen die Schulden höher, es drohen Insolvenzen und Arbeitslosigkeit. Das »monetaristische Experiment« scheitert. Volcker gibt seine Politik nach zwei Jahren auf, die Fed senkt die Leitzinsen wieder, die Arbeitslosigkeit geht zurück. Die Geldschleusen können sich wieder öffnen.

In London fallen 1986 mit dem big bang die Devisenvorschriften, Handelsrestriktionen und Finanzverkehrsklauseln. Es beginnt ein weltweiter Wettlauf um die vorteilhaftesten Finanzstandorte. Es ist der Startschuss für die große Deregulierung, die internationale Verflechtung der Finanzgeschäfte und den computergestützten Hochgeschwindigkeits- handel. Großbanken, Investmentgesellschaften, Versicherungen und Pensionsfonds steigen in den Handel mit Devisen und Finanzprodukten ein.

Da ist der Anleihemarkt, auf dem verzinsliche Wertpapiere, also Teilschuld- verschreibungen wie Unternehmens- und Staatsanleihen, Pfandbriefe und Rentenpapiere gehandelt und in Rentenfonds gebündelt werden. De facto handelt es sich diesen Finanzprodukten um langfristige Kredite. Fremdkapital gegen Schuldverschreibungen. Derjenige, der Anleihen – englisch bonds – kauft, bekommt dafür Geld, das er irgendwann mit Zinsen zurückzahlen soll. Dieses Geld muss er irgendwie erwirtschaften.

Auch der Geldmarkt selbst wächst, mit steigenden Forderungen von Zentralbanken und Geschäftsbanken. Dieser Markt umfasst Tagesgeld, kurzfristige Rückkaufvereinbarungen (Repo), Wertpapierleihe und Geldmarktpapiere mit einer kurzfristigen Laufzeit wie bei US-Treasury Bills. Es handelt sich bei diesen Produkten ebenfalls um Kredite.

In den 90er-Jahren expandieren vor allem die Aktienmärkte, dort werden Unternehmensanteile gehandelt, deren Volumen sich an der Marktkapitalisierung der Firmen bemisst. Der Down Jones Industrial Average erlebt in den 90ern einen rasanten Punktanstieg, in Deutschland klettert der DAX zwischen 1985 und 2000 von 831 auf 6751 Punkte. Die Unternehmenskultur ändert sich: Ein möglichst hoher shareholder value, die Rendite der Aktionäre und Kapitalgeber, bestimmt mehr und mehr das Wirtschaften der Unternehmen.

Die maßgeblichen Akteure an den Finanzmärkten, die den großen Boom befeuern, sind die institutionellen Anleger wie Banken, Versicherungen und Pensionsfonds, die in unterschiedlichen Bereichen des Kapitalmarkts investieren. Geldmarktfonds kaufen vor allem sehr liquide Wertpapiere, Rentenfonds Anleihen, und Investmentfonds Derivate und andere spekulative Finanzprodukte. Die Königsklasse der Investmentsparte sind die Hedgefonds, Schattenbanken ohne Lizenz, die meist von Offshore-Finanzplätzen besonders risikoreich mit Derivaten und Leerverkäufen spekulieren.

Derivate gliedern sich auf in Termingeschäfte wie Futures oder Optionen und Swap-Geschäfte, etwa credit default swaps oder Zins-Swaps, mit denen ein Unternehmen sich quasi einen festen Zinssatz einkauft, der im Tausch mit einem variablen Zinssatz das Risiko steigender Marktzinsen absichert (was manchmal sehr schief gehen kann). Es gibt aber auch Devisen-Swaps für Wechselkurse, es gibt im Grunde für jede Transaktion ein Swap-Tauschgeschäft. Es geht vor allem darum, Erwartungsrisiken monetär abzusichern.

Derivate sind Finanzprodukte, die immer abhängig von der Entwicklung anderer Wertpapiere sind. Sie sind im Prinzip eine Art leveraging, ein Hebel: Der Gewinn durch das Derivat ist viel höher als die Veränderung des eigentlichen Basiswerts. Das erhöht die Eigenkapitalrendite: Das Geschäft soll möglichst viel Geld bringen im Verhältnis zum eingesetzten Kapital.

Der Finanzmarkt handelt mit Versprechen auf Wachstum in der Zukunft.

Es sind am Ende nicht mehr als Zahlungsforderungen und Zahlungsversprechen, die auf jedem Teilmarkt des Finanzmarkts erschaffen, gehandelt und gebündelt werden. Je abstrakter ein Papier ist, umso weniger direkten Bezug hat es zur realen Wirtschaft, umso größer ist die Gefahr, die Entwicklung falsch vorauszusehen, umso höher ist aber auch die Rendite: Risiko als Handelsware. Dabei entsteht eine kaskadische Ableitungsstruktur.

Während Aktienkurse eine reale Wertentwicklung wiederspiegeln, aber eben auch schon Werterwartungen, stellen zum Beispiel mortgage backed securities – das sind zu Wertpapieren verbriefte Hypothekenkredite – quasi eine zweite, indirekte Ableitung dar, während sich diese Produkte in dritter Ableitung wiederum bündeln und als neue Papiere weiterverkaufen lassen. So entstehen viel mehr Computerwerte als reale Wertschöpfung. Ein weltweites Schneeballsystem.

Die 80er-Jahre sind die Ära der legendären Spekulanten, Männer wie Michael Milken, den »König der Junk-Bonds«, der das Ignorieren von Wertpapiergesetzen einmal als kreative Zerstörung preist und mit Schrottpapieren hunderte Millionen von Dollar verdient. Er wird zum Vorbild für die Filmfigur Gordon Gekko, den Prototyp des geldgierigen Investmentbankers im Film Wall Street, gespielt von Michael Douglas, der erklärt: Greed is good – Gier ist gut. Die Hedgefonds-Manager und Broker der Investmenthäuser werden zu Götzen eines entfesselten Finanzkapitalismus, junge Gordon Gekkos in teuren Anzügen, die die nur noch Maßlosigkeit zelebrieren. Viele Banker werden in dieser Zeit richtig reich.

George Soros attackiert 1992 in einem Devisengeschäft die Bank of England und gewinnt mit einem Schlag Milliarden. Das englische Pfund wertet ab, England muss das Europäische Währungssystem verlassen. Soros – heute Philanthrop und Zeitgeistkritiker – erklärt seit einigen Jahren immer wieder, schon damals, in den Achtzigern, habe sich die heutige »Superblase« des Finanzsystems entwickelt.

Die Zentralbanken verlieren zunehmend die Kontrolle über die Geldschöpfung. Den Großteil der umlaufenden Geldmenge erschaffen heute private Banken durch die Vergabe von Krediten in Form von Giralgeld. Im Gegensatz zu Notenbankgeld handelt es sich dabei lediglich um den Zahlungsanspruch auf Bargeld. Zentralbanken steuern die Menge an Giralgeld über die Mindestreserve, die im Euroraum bei 1 Prozent liegt. Der Geldmengenmultiplikator ist 100, die Geschäftsbanken können aus ihren Einlagen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) theoretisch das Hundertfache an neuen Krediten schaffen.

Wenn die Geschäftsbanken das Kreditvolumen ausweiten, erhöhen sie damit ihre Gewinnmöglichkeiten. Sie unterliegen genauso dem Grundprinzip des Wirtschaftens: effiziente Kapitalverwertung, Maximierung der Rendite. Das Geld soll dorthin fließen, wo es sich am schnellsten vermehrt. Durch die Kreditexpansion wächst weltweit die Verschuldung. Es sind zwei Seiten der gleicher Medaille: Kein Schuldschein ohne die Forderung eines Gläubigers.

In den USA kommt noch ein weiteres Problem hinzu: Das Land importiert dauerhaft mehr als es exportiert. Ein starker US-Dollar, der ständig aufwertet, macht die amerikanischen Exporte teuer, das Handelsbilanzdefizit wächst. Die USA können ihre Einfuhren nur finanzieren, indem sie sich im Ausland verschulden. Das klappt bis heute ohne Probleme. Die USA bekommen so lange Geld von anderen Ländern, wie diese amerikanische Staatsanleihen kaufen. Die Obergrenze hängt nur davon ab, wie groß das Vertrauen in die Stabilität des US-Dollars ist. Und die Welt vertraut Amerika bis heute. Der massive Kapitalzufluss lässt die Staatsverschuldung immer weiter wachsen, bis auf mehr als 16 Billionen US-Dollar in 2012. Die Schuldenuhr läuft ohne Unterlass.

Was an den Finanzstandorten des Westens einen Spekulationsboom ermöglicht, hat in den Ländern der Dritten Welt negative Auswirkungen. Die hemmungslose Kreditvergabe an korrupte Regime führt oft in die wirtschaftliche Strangulation, weil die Machthaber das Geld zum einen nicht für Investitionen in die heimische Wirtschaft ausgeben. Zum anderen müssen die Zinsen für die Kredite in ausländischer Währung zurückgezahlt werden. Dumm nur, dass die Dollarzinsen ab den 70er-Jahren deutlich steigen.

Die Expansion der Finanzmärkte verschleiert die Krise des Wachstums.

Was ist das Irre, Unglaubliche, letztlich Wahnwitzige an dem sogenannten Finanzmarkt, an den Krediten und Kreditverbriefungen und gebündelten Kreditverbriefungen?

Die Finanzprodukte sind nicht mehr wert als das Papier, auf dem sie gedruckt sind, als die Forderung im Computer, als das Versprechen darauf, dass die Kredite irgendwann beglichen werden, was früher oder später nur noch mit neuen Krediten funktioniert. Das Kreditvolumen ist nicht mehr durch reale Geschäftserfolge begrenzt, sondern nur noch durch das Maß an Zukunftserwartungen. Es ist eine große Wette auf Wertschöpfung und Wachstum, das erst in der Zukunft entstehen soll. Die Investoren handeln mit Erwartungen, als seien es real existierende Waren und Dienstleistungen. Dieses Wachstum ist seinem Wesen nach hohl, es ist eine Blase.

Die Gewinnmöglichkeiten auf den virtuellen Finanzmärkten täuschen darüber hinweg, dass ein grundlegender Innovationsschub in der realen Wirtschaft ausbleibt, eine neue industrielle Revolution, die den Menschen massenhaft neue Jobs bringt. Der Finanzmarkt fungiert quasi als neuer Kondratjew-Zyklus, er suggeriert die nächste lange Welle wirtschaftlicher Prosperität. Der Boom an den Finanzmärkten verschleiert die Stagnation der Weltwirtschaft mit abnehmenden Wachstumsraten. Die reale Wertschöpfung wird ins Abstrakte gehebelt. Es geht darum »Geld aus Geld« zu schaffen, das »Geld für sich arbeiten zu lassen«. Marktwirtschaft auf Steroiden. Kurzfristig lassen sich die Renditen sogar noch steigern, allerdings profitiert davon nur noch ein zunehmend kleiner Teil der Bevölkerung, der das Geld hat, am globalen Spekulationsgeschäft teilzunehmen.

Die Blase platzt dann, wenn der Wert der real hinterlegten Güter berichtigt werden muss oder sogar ausfällt. Oder wenn niemand mehr darauf vertraut, dass die Kredite durch reales Wachstum zurückgezahlt werden können. Das Platzen vieler kleiner Blasen auf abgegrenzten Teilmärkten des Kapitalmarkts begleitet den Siegeszug des Finanzkapitalismus seit seiner Entstehung in den 80er-Jahren.

Die Schuldenkrise in Süd- und Mittelamerika Anfang der 80er-Jahre resultiert im Kern daraus, dass Länder wie Brasilien, Argentinien und Mexiko nicht genug Geld erwirtschaften können, um die großzügig zur Verfügung gestellten ausländischen Kreditlinien zu begleichen.

Der Börsencrash vom »Schwarzen Montag« am 19. Oktober 1987 korrigiert für eine Weile den Kursverlauf des Dow Jones, nachdem die USA durchsickern lassen, den Dollarkurs nicht mehr gegen eine Abwertung im Vergleich zu Yen und D-Mark zu stützen, den Dollar also im Wert sinken zu lassen.

Die bubble economy in Japan stürzt ab 1990 ab, als die durch Spekulationen irrational in die Höhe getriebenen Preise von Immobilien und Aktien massenhaft berichtigt werden müssen. Die Irrationalität des spekulativen Wechselspiels: Japanische Banken sicherten vor dem Platzen der Blase neue Kredite für Immobilienkäufe ihrerseits mit ohnehin schon überbewerteten Immobilien ab.

In der Tequila-Krise in Mexiko ab 1994 muss die Regierung den Wert des Peso im Verhältnis zum US-Dollar berichtigen, viele Banken stehen vor dem Bankrott.

Die Asienkrise in den ostasiatischen Tigerstaaten hat ihre Ursache in einem Kreditboom bei Aktien und Immobilien.

Die Argentinienkrise Ende der 90er-Jahre: ein überbewerteter Peso, hohe Staatsverschuldung, ein Vertrauensverlust in die eigene Währung.

Das grundlegende Muster dieser Krisen ist immer gleich. Irgendwann merken die Investoren, dass hinter bestimmten Zahlungsversprechen zu wenige reale Werte stehen. Die Spekulation verliert den Boden unter den Füßen. Die Folgen sind immer ähnlich: Kapitalabfluss, Kreditausfälle, Pleiten, Rezession.

Warum stoppt niemand die Spekulationen?

Die Antwort: Solange die Blase wächst, sind reale Gewinne möglich. Das durch Spekulationen erzeugte Geld kann in tatsächlich existierende Güter investiert werden. Banken vergeben auf Basis überbewerteter Immobilien und Aktien neue Kredite, die der Bürger wiederum für realen Konsum ausgeben kann: Autos, Häuser, Schmuck. Der Staat, der sich verschuldet, investiert in Renten, Sozialsysteme, Bildung, Infrastruktur. Das schafft reale Arbeitsplätze, reales Geld auf dem Konto der Bürger, realen Konsum von Waren und Dienstleistungen. Der Investmentbanker kann sein Geld jederzeit von der Bank holen und sich ein teures Luxus-Apartment kaufen, eine Yacht, er kann drei Köche einstellen und einen Fahrer. So sind die Finanzmärkte mit den Gütermärkten verbunden. Virtuelles Vermögen zahlt für reale Werte. Staaten, Banken und Privatleute vertrauen jedes Mal darauf, dass der Boom anhält, die Kredite beglichen werden und die Schulden zurückgezahlt. Bis das Vertrauen zusammenbricht: Es kommt zum Crash.

Wer verliert, hat sein Geld eben »falsch angelegt«, die Bank hat sich in der Krise »verzockt«. Das ist okay, es geht gleich wieder von vorne los. Das Versprechen: Beim nächsten Mal kannst du es schaffen, dann bist du dabei, dann bist du der Gewinner.

Es ist eines der großen Rätsel des ausgehenden 20. Jahrhunderts, warum das Mantra des Finanzkapitalismus, der große Traum vom schnellen Reichtum, den gesamten Globus erfasst, obwohl die meisten Menschen über die Jahre eher eine Verschlechterung ihrer Lebensverhältnisse erleben. Nach dem Zerfall der Sowjetunion glauben einige sogar an ein end of history, ein Ende der Geschichtsschreibung, den unipolaren Weltmoment. Die Vereinigten Staaten als einzige Supermacht, der amerikanische Traum ohne Ländergrenzen als endgültiger Sieg des Westens.

Die Deregulierung der Arbeitsmärkte schreitet unterdessen voran. Bill Clintons Sozialreform vom 20. August 1996 höhlt in den USA in historischem Ausmaß die Sozialsysteme aus, es ist eine Antwort auf die wachsende Staatsverschuldung. Bundeskanzler Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Wolfgang Clement und Peter Hartz beschließen ein knappes Jahrzehnt später die Agenda 2010 in Deutschland: Arbeitslosen- und Sozialhilfe werden zusammengelegt, die Zahlung von Arbeitslosengeld auf ein Jahr begrenzt, Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung gekürzt. Die Folge sind ein Ausbau des Niedriglohnsektors und wachsende Einkommensunterschiede.

Schröder und sein Amtskollege Tony Blair in England bereiten den neoliberalen Schwenk 1999 in einem Grundsatzpapier vor. Sie fordern mehr Flexibilität von den Bürgern. Die Zeiten hätten sich geändert. Zentrale These: »Die Fähigkeit der nationalen Politik zur Feinsteuerung der Wirtschaft hinsichtlich der Schaffung von Wachstum und Arbeitsplätzen wurde über-, die Bedeutung des einzelnen und der Wirtschaft bei der Schaffung von Wohlstand unterschätzt. Die Schwächen der Märkte wurden über-, ihre Stärken unterschätzt.« Der Staat kann also im Grunde nichts tun, der Markt soll es richten.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank zwingen den Entwicklungs- und Schwellenländern per Washington Consensus die marktradikalen Wirtschafts- instrumente im Gegenzug für neue Kredite auf: Abbau der Handelsbeschränkungen, Subventionsabbau, Privatisierungen, Deregulierung der Märkte. In Afrika und Mittel- und Südamerika führt das zu großen Fehlsteuerungen der Wirtschaft, weil falsche Annahmen über das Verhältnis von Staat und Markt in diesen Ländern getroffen werden. Wo der Staatsbetrieb privatisiert wird, schließt der Marktmechanismus die Versorgungslücke oft nämlich genau nicht, es entstehen Oligopole, die einige Wenige reich machen, oder der Markt kollabiert komplett. Tatsächlich haben sich diejenigen Entwicklungsländer am besten entwickelt, die nicht die wirtschaftspolitischen Maßnahmen des Washington Consensus befolgt haben.

Die Unternehmen verlagern Arbeitsplätze ins Ausland, dort sind die Arbeitsbedingungen oft schlecht, Umweltzerstörungen werden nicht geahndet. Wenn der Rohstoffriese Glencore im sambischen Kupfer- und Kobaltbergwerk Mopani mit Schwefeldioxid das Trinkwasser verschmutzt, wenn der Chemiekonzern Union Carbide Corporation durch Fahrlässigkeit und mangelnde Sicherheitsstandards in Bhopal tausende Menschen umkommen lässt, dann sind das indirekte Folgen eines wachsenden Zwangs zur Renditesteigerung ohne Rücksicht auf soziale und ökologische Folgen.

Die reale Wirtschaft wird abhängig von den Finanzmärkten.

Durch die Expansion der Finanzmärkte in den westlichen Marktwirtschaften wachsen die Abhängigkeiten zwischen Finanzwirtschaft und wertschöpfender Wirtschaft. Das BIP verliert an Aussagekraft, tatsächliches und virtuelles Wachstum sind nur noch schwer voneinander zu trennen. Ab Ende der 90er-Jahre reißt die Schere zwischen den Umsätzen aus realwirtschaftlichen Transaktionen und dem Handelsvolumen von Finanzprodukten wie Derivaten, aber auch von Devisengeschäften (BIZ-Jahresbericht 2008, S.102) endgültig auseinander.

Die EU-Kommission schafft mit dem Aktionsplan für Finanzdienstleistungen (FSAP) einen nahezu unbegrenzten Binnenmarkt für Finanzprodukte in Europa. Die Pensionsfonds dürfen die Beiträge zur Betriebsrente nach einer EU-Richtlinie von 2001 auf den europäischen Finanzmärkten anlegen. Die Öffnung staatlicher und betrieblicher Leistungen für den internationalen Finanzmarkt werden mit dem positiv besetzten Label »Privatisierung« versehen. Die Frage ist: Wie lassen sich möglichst viele einfache Sparer am global angelegten Schneeball-Handel mit Finanzprodukten beteiligen? Rentenfonds, Lebensversicherungen, Bausparkassen.

In den USA hebt Bill Clinton 1999 den Glass-Steagal-Act auf, der das Geschäft von Geschäfts- und Investmentbanken bisher voneinander getrennt hat. Das erhöht die Abhängigkeit der Realwirtschaft von der im Grunde bereits hochgradig aufgeblasenen Finanzwirtschaft, von reinen Computerwerten. Die Gelder aus Bank- und Wertpapiergeschäft fließen zusammen, Sparkassen können nun auch mit Derivaten handeln, die Kontrollmechanismen werden aufgeweicht. Die rot-grüne Bundesregierung lässt 2004 Hedgefonds und den spekulativen Derivatehandel in Deutschland zu.

Die kapitalistische Marktwirtschaft wird durch Investitionen in Finanzprodukte stimuliert, aber erlebt keinen substanziellen Auftrieb. Das »echte« Wachstum, das auf Ressourcenabbau und technologischem Fortschritt basiert, stagniert mehr oder weniger. Es gibt sie nicht: eine große, neue Wachstumsbranche.

Das Platzen der Dotcom-Blase ist aus diesem Grund besonders interessant, weil sie endgültig alle Hoffnungen zunichtemacht, die mit dem Siegeszug des Computers verknüpft werden. Die Verfechter der new economy glauben bis zu diesem Zeitpunkt, die »digitale Revolution« ändere das gesamte Wirtschaften: vom Produktions- zum Informationszeitalter, vom Stofflichen zum Virtuellen. Dahinter steckt ein wesentlicher Denkfehler: Kein Computer löst den kapitalistischen Widerspruch aus betriebswirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher Logik auf.

Die digitale Revolution macht immer mehr menschliche Arbeit überflüssig.

Zwar revolutionieren die Informationstechnik, das Internet und die Digitalisierung beinahe alle gesellschaftlichen Systeme im Sinne eines fünften Kondratjew-Zyklus. Zum ersten Mal in der Geschichte macht diese Umwälzung aber mehr Menschen in der Güterproduktion von Waren und Dienstleistungen überflüssig, als dass sie neue Branchen mit massenhaft neuen Jobs hervorbringt. Die Computertechnologie bringt keinen globalen Aufschwung, weil sie menschliche Arbeit ersetzt. Das Wirtschaftssystem aber braucht diese Arbeit, deren Lohn nach dem marktwirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage entsteht. Wenn ein kritisch großer Teil der Bevölkerung arbeitslos wird, fehlen dem Staat Steuereinnahmen und der Wirtschaft Nachfrager.

Irgendwann merken auch die Investoren, dass die Erwartungen an die neu entstandenen Internetfirmen maßlos übertrieben sind. Im Jahr 2000 platzt die Blase, die Aktienkurse des US-Technologieindex Nasdaq und am Neuen Markt in Deutschland brechen ein, die Bewertungen korrigieren sich, der Hype ist zu Ende.

Auf das Platzen der Dotcom-Blase reagiert die amerikanische Notenbank mit einer Niedrigzinspolitik. Nach dem Crash auf den Technologiemärkten und dem kollektiven Bewusstseinsschock durch die Anschläge von 9/11 pumpt die Fed »billiges Geld« in den Markt, sie senkt die Leitzinsen auf 1 Prozent. Die Banken sollen mit dem Geld die Wirtschaft in den USA stimulieren, Kredite vergeben, Investitionen ermöglichen, Konsum fördern. Die Ausweitung der Geldmenge kommt aber kaum bei den Bürgern an, sie führt vor allem direkt in die nächste Blase – auf dem Immobilienmarkt. Wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in ihrem Jahresbericht 2009 schreibt, ist neben dem schuldenbasierten Wachstum der Industrienationen vor allem die lange Niedrigzinsphase verantwortlich für den Crash von 2008.

Die US-Immobilienkrise ist der Anfang vom Ende des Systems.

Der Handel mit verbrieften Hypotheken ist vielleicht eine der wahnwitzigsten Wetten der Wall Street, und sie wird 2008 mit dem Platzen der Spekulationsblase zu einer globalen Finanzkrise führen. Die Investmentbanken bündeln Immobilienkredite unterschiedlicher Risikoklassen – manche Schuldner können ihre Hypotheken bezahlen, manche nicht, manche nur, wenn es gut läuft – und verkaufen diese Pakete als sogenannte mortgage backed securities an andere Banken, Versicherungsgesellschaften und Pensionsfonds, als seien es tatsächlich real existierende Handelsgüter. Die verbrieften Kredite bestehen zum Teil aus mehreren hundert Hypotheken, Mathematiker berechnen diese Produkte mit komplizierten Formeln, um das Risiko zu minimieren, falls manche Schuldner ihre Hypotheken nicht mehr begleichen können. Es ist eine schlechte Wette, eine größenwahnsinnige Wette. Aber sie ist erst der Anfang.

Die Investmenthäuser kommen nun auf die Idee, das Risiko der verbrieften Hypothekendarlehen wiederum mit neuen, im Prinzip aus dem Nichts heraus erfundenen Wertpapieren abzusichern: mit sogenannten credit default swaps, zu Deutsch Kreditausfallversicherungen. Der eigentliche Gedanke: Verliert ein Hypothekenpapier seinen Wert, begleicht das CDS den Ausfall, der Käufer ist geschützt. Allerdings werden die CDS technisch nicht als Versicherungen klassifiziert, denn sonst müsste der Emittent, der die Papiere ausgibt, den besicherten Gegenwert wirklich besitzen. Credit default swaps sind Derivate. Die Wall-Street-Banken verkaufen diese Papiere, auch wenn sie gar keine mortgage backed securities besitzen, außerbörslich und ohne Regulierungen an Versicherungen und Fonds in der ganzen Welt.

Der globale CDS-Schattenmarkt hat zum Ausbruch der Finanzkrise 2007 ein Volumen von rund 60 Billionen US-Dollar, das ist mehr als das Vierfache der US-Staatsverschuldung, und selbst dieser Wert ist eine Schätzung, weil niemand weiß, wer wie viele CDS gekauft und verkauft hat.

Aus den Darlehen für Eigenheime ist riesiges Finanzvermögen entstanden, ein perpetuum mobile der Geldvermehrung, ein Versteckspiel wertloser Forderungen, die mit wertlosen Scheinversicherungen abgesichert werden.

Nur wenige Mahner wie der amerikanische Nationalökonom Nouriel Roubini, der als »Dr. Doom« verspottet wird, wittern die Gefahr. Da sind allenfalls kaum wahrnehmbare Vorzeichen einer echten, globalen, existenziellen Krise, die so richtig losbrechen könnte, wenn die große Immobilienblase platzt. Wie ferne, dunkle Gewitterwolken an einem doch eigentlich sattblauen Himmel.

Der Ökonom Hyman Minski ist der Auffassung, dass die Akteure auf freien Kapitalmärkten immer größere Risiken eingehen, wenn die Geschäfte gut laufen. Der Erfolg befeuert die Casino-Mentalität. Am Anfang besichern die Händler Spekulationen mit realen Gewinnen, dann können sie nur noch die Zinsen der Kredite erwirtschaften, schließlich nehmen sie auch für die Zinsen neue Kredite auf. Es entsteht ein Schneeballsystem, ein Ponzi-Spiel. Am Ende steht die Hoffnung, dass die eigentliche Investition all die Kredite doch noch einmal bezahlen kann. Es kommt aber natürlich zum Crash. Nouriel Roubini nennt die Immobilienkrise in den USA einen typischen »Minsky-Moment«.

Es ist im Prinzip reiner Wahnwitz, Hybris, totale Irrationalität, die zutage tritt, wenn all die bedeutungsschweren Finanzgeschäfte als das enttarnt werden, was sie wirklich sind, die Arbeit all der angesehenen Händler und Spekulanten, die jeden Tag in den Abendnachrichten für eine halbe Minute die Computerbildschirme anbrüllen, dessen Job im Grunde niemand versteht. Der Fernsehzuschauer kennt nur die Insignien der Macht – die Millionengehälter, die Autos, die schicken Anzüge – und zieht daraus seine Schlüsse. Die Wall Street preist freie Kapitalmärkte als wertvoll für den Wohlstand der Gesellschaft und lobbyiert erfolgreich gegen strengere Regulierungen von Finanzgeschäften.

Es ist allzu leicht, die finanzielle Katastrophe, die daraus folgt, auf die gierigen Banker zu schieben. Gordon Gekko sagt im zweiten Teil von Wall Street: »Wir alle beten denselben Götzen an. Die Wahrheit ist, jetzt sind wir alle ein Teil von dem. Banken, Verbraucher, wir bewegen das Geld im Kreis herum. Wir nehmen einen Dollar, pumpen ihn mit Steroiden voll und nennen es Hebelwirkung. Es ist auch die Gier, die es möglich macht, dass sich mein Barkeeper drei Häuser ohne Vermögen kaufen kann. Es ist Gier, die die Regierung der USA dazu veranlasste nach dem 11. September die Zinssätze auf ein Prozent zu senken, damit wir alle wieder shoppen gehen können.«

Gordon Gekko hat insofern Recht, als dass »der Markt« alle Finanzströme der Wirtschaft abbildet, also jeden Verbraucher und seinen Konsum einschließt. »Geld anlegen«, »Geldanlage«, »das Geld für sich arbeiten lassen«, »das Geld investieren« – alles Synonyme für eine Wette auf die Zukunft, auf einen realen Wertzuwachs. Der Zusammenhang ist den meisten Menschen überhaupt nicht klar. Sie kaufen eine Aktie für 10 Euro in der Hoffnung, dass das Unternehmen klug wirtschaftet und investiert, neue Märkte erschließt, den Gewinn steigert und letztlich »wächst«, dass es in drei Jahren mehr Wert ist als jetzt. Die Aktionäre in drei Jahren, die dann kaufen, hoffen ihrerseits, dass die Firma in sechs Jahren noch mehr Wert ist. Dieser Automatismus wird gar nicht hinterfragt. Alle Menschen mit einer Lebensversicherung, mit einem Bausparvertrag, mit ein paar Aktien sind Teil des großen Schneeballsystems.

Laut einer Studie von McKinsey wächst das weltweite Geldvermögen zwischen 2002 und 2006 von 99 Billionen Dollar auf 167 Billionen, um 14 Prozent pro Jahr. Die Zeitschrift The Economist hat ausgerechnet, dass die weltweite Staatsverschuldung zwischen 2001 und 2011 um 140 Prozent auf 43 Billionen US-Dollar gestiegen ist (heute sind es fast 50 Billionen). Das Volumen der außerbörslich gehandelten Derivate liegt 2003 laut Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) bei 200 Billionen Dollar, in 2007 sind es 596 Billionen – fast zehnmal höher als das weltweite Bruttoinlandsprodukt. Im Krisenjahr 2008 halten die fünf größten US-Banken 175 Billionen Dollar an Derivaten, darunter 110 Billionen Swaps, 28 Billionen Optionen, 20 Billionen Futures und 17 Billionen Kreditderivate. Es ist die große Superblase, von der George Soros später sprechen wird.

Vor dem Platzen der Immobilienblase in den USA ist die Weltwirtschaft im Prinzip schon ein sterbenskranker Patient, dessen Überleben nur mit gefährlichen Medikamenten gesichert werden kann. Die reale Wirtschaft hängt am Tropf der Finanzmärkte, ein Kreditcrash hat unmittelbar fatale Folgen für die Unternehmen, ihre Mitarbeiter, für die ganze Gesellschaft. Die Vermögenden bezahlen die globale Überproduktion mit fiktivem Anlagekapital, die einfachen Bürger finanzieren ihren Konsum mit Krediten, die Regierungen ihre Staatshaushalte. Das Geld, um diese Schulden am Ende einmal bezahlen zu können, müssen Arbeitnehmer und Unternehmen aber mit ganz realen Produkten und Dienstleistungen verdienen. Das anhaltende Wachstum basiert auf Verschuldung, es ist ein defizitäres System, globale Blasenökonomie.

In den USA platzt schließlich die Immobilienblase: Wenn sich herausstellt, dass kein realer Basiswert existiert, verlieren alle abgeleiteten Finanzprodukte ihren Wert. In den USA haben Millionen Menschen auf Kredit Häuser gekauft, die sie sich durch den Wert ihrer Arbeit und ihres Einkommens eigentlich nicht leisten können. Irgendwann will die Banken Geld sehen, der Schuldner kann nicht zahlen, die Hypothek platzt. Alle abgeleiteten Derivate verlieren ihren Wert. Das passiert massenhaft, im großen Stil. Jeder, der solche Papiere gekauft hat, muss seine Bilanzen berichtigen. Was noch schlimmer ist: Auch die credit default swaps für den Ausfall der Hypothekenverbriefungen werden fällig. Ungedeckte Milliardenwerte, die keiner bezahlen kann. Finanzielle Kernschmelze.

15. September 2008. Another black monday on Wall Street. Die viertgrößte Investmentbank der USA ist pleite. Man kann die These vertreten, dass nicht der Einsturz des World Trade Centers das Ende des amerikanischen Jahrhunderts eingeleitet hat sondern der sagenhafte Fall von Lehman Brothers. Mit der Pleite der Bank steht auch der weltgrößte Versicherungskonzern American International Group (AIG) vor der Zahlungsunfähigkeit. Andrew Sheng von der chinesischen Bankenaufsichtsbehörde wird später in der oscarprämierten Dokumentation Inside Job erklären: »Wenn AIG pleite gegangen wäre, hätte weltweit kein Flugzeug mehr fliegen dürfen.« Die US-Regierung unter President Barack Obama muss mit einem bailout in Höhe von 150 Milliarden US-Dollar einspringen, das zu einem nennenswerten Teil der Investmentbank Goldman Sachs zugute kommt.

Die Schweizer Großbank UBS muss wegen Wertberichtigungen mit 60 Milliarden US-Dollar gestützt werden. In Deutschland gehen zahlreiche Landesbanken wie die WestLB pleite. Die wertlos gewordenen Papiere werden in sogenannte bad banks ausgelagert, finanzielle Müllhalden, für die der Staat mit Steuergeldern einspringt. Die größte dieser Institute trägt den lustigen Namen FMS Wertmanagement.

Die Rettungsmaßnahmen der Regierungen dienen dazu, den totalen Kollaps des globalen Finanzsystems zu verhindern, wo doch alles angefangen hat mit den Kreditnehmern in Colorado, Virginia oder Florida, die irgendwann ein eigenes Haus haben wollten. Die US-Immobilienkrise zeigt wie unter einem Brennglas den stetigen Drang zu mehr Konsum, mehr Wohlstand, ohne dass es den Menschen möglich wäre, diesen Wohlstand unter den Bedingungen des bestehenden Wirtschaftssystems je zu verdienen.

Die Regierungen der führenden Marktwirtschaften blicken 2008 direkt in den Abgrund. Sie nehmen Milliarden in die Hand, die sie selbst gar nicht haben, um damit die Bilanzlücken der Banken und Versicherungen zu stopfen. Der große Irrtum: Die riesigen Defizite sind natürlich nicht weg, sie verschieben sich lediglich in die Haushaltsbilanzen der Staaten. Es ist irreführend, erst von einer Bankenkrise zu sprechen und dann von einer Staatsschuldenkrise, als ob beides nicht in direktem Zusammenhang stünde. Die Staatsverschuldung in den USA und Europa wächst, die große Überakkumulation an Kapital in Form von Forderungen und Schulden wird bloß umgelagert.

Es entsteht ein perfider Kreislauf: Die Staaten verschulden sich bei den Banken, um damit die Banken zu retten. Das wird im Laufe der Zeit immer teurer, weil durch die wachsende Staatsverschuldung auch die Bonität der Länder sinkt und die Zinsen steigen. Mit den Hilfsgeldern der Staaten sollen die Banken ihrerseits Staatsanleihen kaufen, also Kredite an die Länder geben, damit sich diese billiger, also für geringere Zinsen, Geld bei den Banken leihen können. Es ist ein absurdes Theater.

Die Leitzinsen der Notenbanken sinken auf Rekordtiefs, um den Defizitkreislauf zwischen Banken und Staaten tunlichst aufrecht zu erhalten. Die Fed in den USA weitet die Geldmenge so weit aus, dass die Bilanzsummen der US-Geschäftsbanken von 800 Milliarden Dollar vor dem Lehman-Crash auf 2 Billionen Dollar danach wachsen.

Nachdem sich die Banken durch die milliardenschweren »Rettungspakete« scheinbar erholt haben, werden ab 2010 die Staatsschulden zum eigentlichen Problem. Die Investoren zweifeln daran, ob bestimmte Länder in Europa wie Griechenland oder Spanien jemals ihre Schulden begleichen können, dementsprechend steigen als Risikoabsicherung die Zinsen für neue Kredite, es droht die Pleite, ein logischer Prozess.

Die Krise ist eine Vertrauenskrise.

Es ist allerdings das Wesen von Schuldenkrisen, dass sie nur durch eine Abwertung der jeweiligen Währung oder einen reset, einen kompletten Forderungsausfall und der Einführung einer neuen Währung gelöst werden können.

Die Medien in Europa sprechen von der Schuldenkrise, von der Bankenkrise, von der Finanzkrise. Tatsächlich handelt es sich um eine Währungskrise. Die Eurostaaten sind durch ihre gemeinsame Währung quasi schicksalhaft aneinander gebunden. Griechenland und Spanien können nicht abwerten, also verschulden sie sich immer weiter. Ganz am Ende steht der Vertrauensverlust in der Bevölkerung. Nicht die Investoren verlieren das Vertrauen, sondern die Menschen, die nicht mehr glauben, dass ihre Bank ihr Geld sicher angelegt hat, dass sie reale Werte hinterlegt hat für die Zahlen, die auf dem Kontoauszug stehen. Alle wollen gleichzeitig ihr Geld sehen, die Banken sind sofort zahlungsunfähig: das schlimmste Szenario, ein bank run. Das wäre das Platzen der Superblase. Das gesamte Wirtschaftssystem bricht zusammen.

Das hohe Risiko, das derzeit existiert, lässt sich im Jahresbericht 2012 der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), der Notenbank der Notenbanken, dezidiert nachlesen. Den Politikern in Europa ist der Ernst dieser Lage durchaus bewusst. Nur drücken sie sich in der Regel nicht so deutlich aus. Nur ganz selten.

21. Juni 2012, Euro-Finanzministertreffen in Luxemburg. Jean-Claude Juncker, der Chef der Eurogruppe, ist ins Europaviertel auf dem Kirchberg-Plateau gekommen, wo der Rat der Europäischen Union im April, Juni und Oktober tagt. Christine Lagarde, die Vorsitzende des Internationalen Währungsfonds (IWF) und EU-Währungskommissar Olli Rehn sind ebenfalls gekommen. Die europäischen Finanzminister beraten schon den ganzen Tag, wie die europäische Krise zu lösen sei, es liegt jetzt so eine gewisse Abendmüdigkeit über dem Pressezentrum. Die Korrespondenten schreiben ihre Tageszusammenfassung aus den wenigen Informationen darüber, wie es nun weitergehen soll.

Dann gibt es Nachrichten aus Spanien: Die Banken brauchen bis zu 62 Milliarden Euro aus dem Hilfsfonds EFSF. Für die späten Abendstunden wird eine Pressekonferenz einberufen.


Lagarade, Regling, Juncker


»Es gibt ein großes Problem«, sagt Jean-Claude Juncker zu den Journalisten. »Ich will keine Pressekonferenz geben, denn ich will das Spiel zwischen Portugal und Tschechien sehen.« Es gibt ein bisschen anbiederndes Gelächter. Juncker nuschelt wieder wie ein Weltmeister. Die Kollegen sagen etwas böse, er wirke manchmal leicht betrunken, aber das lässt sich nicht beurteilen, man will nichts unterstellen.

Es folgen Verlautbarungen, die gleich eine Agenturmeldung wert sind: Die internationalen Aufseher der Troika werden kommenden Montag nach Athen reisen, um die Finanzlage Griechenlands zu beurteilen. Am gleichen Tag wird Spanien die Milliardengelder für seine Banken offiziell beantragen. Juncker ist nur schwer zu verstehen, es ist anstrengend, ihm zuzuhören. Aber was er sagt, haben im Prinzip alle erwartet. Trotzdem schreiben die Journalisten jetzt alles mit.

Interessanter ist das, was Christine Lagarde zu sagen hat. »Bon soir, good evening«, so beginnt sie ihr Statement. Lagarde trägt einen grauen Blazer, durch den ihre Gesichtsfarbe umso mehr danach aussieht, als ruhe sie sich das ganze Jahr über auf einer Yacht vor Saint-Tropez aus. Sie sieht überhaupt nicht müde aus. Und während sie lächelt wie eine strenge und gleichzeitige gütige Tante, skizziert sie das Bedrohungsszenario der Eurozone: »Wir sehen ganz deutlich wachsende Spannungen und akuten Druck auf den Banken und Staatshaushalten.« Sie sagt »additional tension« und »acute stress«. Es ist jetzt ganz ruhig im Saal. »Der IWF glaubt, dass entschiedene und kraftvolle Schritte in Richtung einer echten europäischen Währungsunion bekräftigt werden müssen, um das Vertrauen in das System wiederherzustellen. Das Überleben der Eurozone wird derzeit in Frage gestellt.«

Lagarde zählt nun drei kurzfristige und drei langfristige Maßnahmen auf. Die Schnellmaßnahmen: Direkte Finanzhilfen für angeschlagene Banken aus den Fonds EFSF und ESM, weil bisher nur Staaten Hilfen beantragen konnten, eine Konsolidierung der Staatshaushalte und »eine kreative und erfinderische« Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Langfristig: eine europäische Bankenunion mit gemeinsamer Einlagensicherung, eine Fiskalunion mit mehr finanzpolitischen Kompetenzen bei der EU in Brüssel und Strukturreformen der südeuropäischen Arbeitsmärkte.

Nur die Notenbanken können den Crash noch hinauszögern.

Was Christine Lagarde mit einer kreativen Geldpolitik meint, ist die scheinbar einfachste und bequemste Lösung für die Probleme in Griechenland und Spanien. Die EZB kauft einfach so lange Staatsanleihen der Krisenländer, bis deren Zinsen sinken. Sie gibt unbegrenzt Notenbankkredite an die überschuldeten Staaten. Es ist die Forderung nach der »Bazooka«, dem schwersten Geschütz der Währungshüter.

Bereits im Dezember 2011 und Februar 2012 stellte die EZB den Geschäftsbanken der Eurozone eine Billion Euro für Niedrigzinsen zur Verfügung. Die Bilanzsumme der Euro-Notenbank hat sich in der Krise nahezu verdreifacht, die Geldmenge wächst munter, das Finanzvolumen ebenso. Ähnliches gilt für die Fed und die japanische und englische Notenbank. Die Märkte werden mit Geld überschwemmt, es ist ein »Löschen mit Feuer«. Dabei ist das eigentliche Problem nicht, dass zu wenig Geld existiert, sondern zu viel.

Keine drei Monate nach dem Finanzministertreffen folgt EZB-Präsident Mario Draghi der IWF-Empfehlung. Er verkündet: Die Notenbank wird »unbegrenzt« Staatsanleihen der Krisenländer kaufen. Fast zur gleichen Zeit kündigt der Präsident der US-Notenbank, Ben Bernanke an, die Fed werde jeden Monat Hypothekenpapiere im Wert von 40 Milliarden US-Dollar kaufen, so lange die US-Wirtschaft schwächelt. Die geldpolitische Maßnahme ist das letzte Mittel der Fed, um das Wachstum in den USA anzukurbeln, weil der Leitzins schon bei 0 Prozent liegt. Es ist das dritte quantitative easing seit dem Ausbruch der Krise 2007, QE3. Die Geldschleusen öffnen sich weiter. Seit 2006 veröffentlicht die Fed die Geldmenge M3 nicht mehr, um das Vertrauen in den Dollar zu erhalten.

Volkswirte um den Globus spekulieren gerade, was sich aus den Notenbank-Interventionen für Probleme ergeben könnten, sowohl in Europa als auch in den USA mit ihren 16 Billionen Dollar Schulden. Manche behaupten, es werde eine Deflation geben, weil die Wirtschaft lahmt, die Löhne sinken, und damit auch die Preise. Andere sagen, die Ausweitung der Geldmenge führe früher oder später zwangsläufig in die Inflation. Kritiker der Inflationsthese meinen jedoch: Es gibt keinen Lohnanstieg und auch keinen Preisanstieg, also auch keine Inflation. Die Notenbank-Milliarden landen schließlich nicht in der realen Wirtschaft und bei den Verbrauchern, sondern in den Bilanzen der Banken.

Länder wie Griechenland und Spanien, die gerade wirtschaftlich zusammenbrechen, zeigen eher deflationäre Züge, auch in den USA sieht angesichts einer lang anhaltenden Rezession nichts nach Preisanstiegen aus. Deshalb werden Ökonomen wie Paul Krugman nicht müde, die deutsche Sparpolitik zu schelten, weil sie die Wirtschaftskraft der angeschlagenen Staaten weiter abwürgt. Nur gibt es ein Dilemma.

Die Alternative zum Sparen ist klassische keynesianische Konjunkturpolitik: Wachstum durch Staatsverschuldung. Diesen Weg können sich die westlichen Staaten aber nicht mehr leisten, ihnen droht durchweg ein Staatsbankrott. Deshalb sind die Notenbanken die einzigen Institutionen, die das Vertrauen in das System noch eine Weile aufrecht erhalten können. Indem sie neues Geld am Computer erschaffen.

Manche Beobachter sagen, dass die Volkswirtschaften des Westens auf das gleiche Phänomen zusteuern wie in den 70-Jahren: Stagflation. Eine Inflationierung der Währungen durch massive Interventionen der Zentralbanken, dazu eine Stagnation durch sinkendes Wirtschaftswachstum bis zur Rezession. Die Inflation schlägt bloß noch nicht voll auf die Wirtschaft durch, weil die Geldflut bisher nur die Finanzmärkte erreicht hat.

Die Menschen merken den Wertverlust allerdings schon jetzt: Die Zinsen auf Tagesgeld, Festgeld und Girokonten sind so gering, dass sie nicht mehr die Inflationsrate ausgleichen. Das Geld von heute kann in einem Jahr weniger Güter kaufen – obwohl der numerische Betrag langsam wächst. Pensionskassen und Lebensversicherungen können das Geld der Arbeitnehmer und Kunden immer schwieriger vermehren. Die riesigen Finanzblasen suchen verzweifelt nach rentablen Anlagemöglichkeiten, nach echten Werten. »Geld aus Geld machen«, das funktioniert nicht mehr.

Die Ausweitung der Geldmenge ist die letzte Möglichkeit, um die Staatspleite der USA und nahezu aller europäischen Staaten zu verhindern. Es ist die einzige Karte, die noch gespielt werden kann in diesem riskanten Spiel. Die USA verschulden sich mittlerweile hauptsächlich bei ihrer eigenen Notenbank. Wenn die Vereinigten Staaten oder ein Staat aus der Eurozone offiziell pleite gehen – sie sind es angesichts der immensen Schuldenberge de facto schon heute – werden die Bürger das Vertrauen in den Dollar oder den Euro verlieren, es gibt einen bank run, wahrscheinlich weltweit, denn der Dollar ist Leitwährung, und das System bricht in sich zusammen.

Aus diesem Grund werden Fed und EZB unbegrenzt neues Geld erschaffen. Auch Griechenland darf nicht in die Pleite entlassen werden, weil das Vertrauen in den Euro sonst dahin wäre. Angela Merkel weißt das, Antonio Samaras weiß das, alle wissen es. Deshalb unternehmen die europäischen Regierungen immer wieder neue Schritte, die einen Staatsbankrott Griechenlands hinauszögern.

Die Schulden können nicht durch Wirtschaftswachstum abgebaut werden.

Die Geschichte hat gezeigt, dass es nur drei Wege gibt, Schulden abzubauen: durch einen Schuldenschnitt, durch Wirtschaftswachstum oder durch Inflation. Ein weltweiter Schuldenschnitt bedeutet, dass jeder Gläubiger, der hinter einem Kredit steht, auf seine Forderung verzichtet. Die Folge wäre eine globale Pleite von Banken, Versicherungen und allen anderen institutionellen Großanlegern, also im Prinzip ein Crash. Inflation läuft auf ein vergleichbares Szenario hinaus. Bleibt also nur das alte Rezept: Wirtschaftswachstum. Die Hoffnung, »aus den Schulden wachsen« zu können, weil die Schuldenlast im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung abnimmt.

Es ist im Prinzip das gleiche Problem wie schon in den 70er-Jahren, nur ist heute der Handlungsspielraum deutlich begrenzt. Die Wachstumsraten sinken, auf absehbare Zeit wird es ohne eine neue technologische Revolution kein nennenswertes Wirtschafts- wachstum mehr geben. Vor 30 Jahren sind aus diesem Problem heraus die riesigen Finanzmärkte entstanden, als Doping für die Marktwirtschaft, als virtueller Hebel. Die vielleicht größte Illusion des 20. Jahrhunderts. Dieses Mittel steht in absehbarer Zeit nicht mehr zur Verfügung.

Die Beratungsgesellschaft McKinsey hat für das Weltwirtschaftsforum 2011 ermittelt, dass die Volkswirtschaften bis 2020 zusätzliche Kredite in Höhe von 103 Billionen US-Dollar brauchen, nur um das bisherige Wachstumsniveau aufrecht zu erhalten.

Die Schwellenländer können die Wachstumskrise nicht lösen.

Lange ruhte die Hoffnung auf den Schwellenländern, auf den BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Dort – so die These – gibt es noch Wachstums- potenzial, der Aufschwung steht noch aus, die Mittelschichten entstehen gerade erst.

Das Wachstum in China beispielsweise hängt aber ganz entscheidend von der Nachfrage des Westens ab. China leiht den USA und Europa Geld, damit diese wiederum Produkte aus China kaufen können. Bricht dieser Defizitzyklus ein, verlangsamt sich auch das Wachstum in China, der »Konjunkturmotor der Welt stottert«, schreiben dann die Zeitungen. Außerdem ist der Bauboom in China, der das Wachstum maßgeblich anstößt, wahrscheinlich auch eine Blase. Wenn der Staat das Land in eine handfeste Wirtschaftskrise steuert, sind sogar soziale Unruhen möglich.

Denn die Menschen in den Schwellenländern sind ungeduldig, sie schauen nach Westen, sie wollen »Sicherheit und Konsum, das ist die Siegerformel des 21. Jahrhunderts«, wie Georg Diez in einem Aufsatz über das Reisen schreibt. Der Westen finanziert die globale Überproduktion mit Schulden, die sich entwickelnde Welt hängt vom US-Dollar ab wie ein Sterbenskranker von lebenserhaltenden Geräten.

Es spricht außerdem viel dafür, dass es für einen Aufstieg in die Erste Welt nach westlichem Vorbild schlicht nicht genügend Ressourcen auf der Erde gibt. Der Aufstieg der westlichen Industrienationen basierte auf der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, die für die Menschen in Lagos, Sao Paolo oder Hyderabad in diesem Umfang nicht mehr zur Verfügung stehen. Dabei sind die Folgen des Klimawandels und die Belastungen der Umwelt sogar noch völlig außen vor. Schon jetzt ist der Kampf um die weltweit noch verfügbaren Rohstoffe entbrannt, wie der Geostratege Parag Khanna in seinem Buch Der Kampf um die Zweite Welt sehr ausführlich darlegt. In dieser Welt sind Pipelines die »nahezu unsichtbare Infrastruktur der Globalisierung, die neuen Linien auf Landkarten«.

Bis heute ist eine der großen Menschheitsfragen des 21. Jahrhunderts, die Frage nach dem Weg in eine postfossile Gesellschaft, vollkommen unbeantwortet. Wann das globale Ölfördermaximum erreicht ist, darüber streiten die Experten, die Schätzungen reichen von 2007 bis 2034, aber irgendwann kommt peak oil, die Menge des geförderten Erdöls wird sinken. Das weltweite Transportsystem und der globalisierte Handel basieren aber fast ausschließlich auf Erdöl oder Erdgas, es gibt bisher kein Substitut, das eine ähnliche hohe Energiedichte aufbringt, es gibt keinen Ersatz.

Schon aus diesem Grund ist es unwahrscheinlich, dass die Menschen in den Staaten der Zweiten Welt geschlossen auf ein Wohlstandsniveau aufsteigen, das den Menschen in der Ersten Welt gleichkommt. Einen Wachstumsboom durch steigende Binnennachfrage wird es kaum geben.

Der große kapitalistische Widerspruch ist nicht mehr zu lösen.

Der Ausbruch der Finanzkrise in 2007 ist erst der Beginn einer Krise gewesen, die unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem vor ein ungelöstes Problem stellt: Die Produktionskapazitäten reichen irgendwann aus, um für jeden Menschen auf dieser Welt genug Waren und Dienstleistungen herzustellen, die mehr als nur seine Grundbedürfnisse befriedigen – aber zur Herstellung dieser Güter müssen längst nicht mehr alle Menschen arbeiten. Der Fortschritt vernichtet systematisch menschliche Arbeit, denn im Mikrokosmos des Unternehmens ist Arbeit ein Kostenfaktor, der dann gestrichen wird, wenn es eine günstigere Alternative gibt. Der Wirtschaft gehen die Nachfrager aus, der Widerspruch aus betriebswirtschaftlicher- und volkswirtschaftlicher Logik ist irgendwann nicht mehr zu lösen.

Der Ökonom Jeremy Rifkin hat diese Entwicklung 1995 in seinem Buch Das Ende der Arbeit bereits vorhergesagt. Er prognostiziert: »In allen Wirtschaftszweigen werden raffinierte Computer, Telekommunikation, Roboter und andere Technologien des Informationszeitalters mit rasender Geschwindigkeit menschliche Arbeitskraft ersetzen.« Die Hoffnung, verloren gegangene Industriearbeitsplätze würden durch Jobs im Dienstleistungssektor ersetzt, bewahrheite sich nicht. In einem Interview erklärt Rifkin: »Wir sind mitten in einer Umwälzung, die die industrielle Revolution noch übertrifft.« Bereits zwischen 1995 und 2002 gingen laut Rifkin 31 Millionen Industriearbeitsplätze in den 20 größten Volkswirtschaften verloren, während die globale Industrieproduktion um 30 Prozent zunahm. Die Arbeit wird auf lange Sicht verschwinden, zumindest für einen Großteil der Menschen.

Die gleiche Prognose soll auch die graue Eminenz der US-Außenpolitik, Zbigniew Brzeziński, geäußert haben, als er 1995 auf einer Konferenz im Fairmond Hotel in San Francisco von einer 20:80-Gesellschaft sprach. Demnach müssen bald nur noch 20 Prozent der Bevölkerung arbeiten, um die Nachfrage der Welt zu befriedigen. 80 Prozent müssen durch Brot und Spiele beschäftigt werden. »Tittytainment« soll Brzeziński das genannt haben, aber das ist nicht klar belegt.

Die Arbeitsgesellschaft gerät an ihre Grenzen.

Die Arbeitsgesellschaft, die jedem Menschen ein anständiges Leben ermöglichen soll, stirbt aus. In den westlichen Industrieländern rutschen bereits große Teile der Mittelschicht in die Armut, das ist nur der Anfang einer Entwicklung, die sich in den kommenden Jahren weiter verstärken wird. Immer weniger Arbeit muss unter immer mehr Menschen aufgeteilt werden. Die Kuchenstücke werden immer kleiner.

Der Mensch im Westen, der gerade erst an der Grenze zu einer Zukunft steht, die sein Leben vollkommen verändern wird, spürt diesen Druck schon jetzt. Die Psyche leidet. Die wenig Gebildeten bekommen erst gar keine Arbeit mehr, in Deutschland wartet sozusagen gleich Hartz IV. Diejenigen, die gerade eben noch einen Job finden, müssen länger und härter arbeiten, und sie bekommen dafür weniger Geld, weniger soziale Absicherung, weniger Rentenansprüche und keine Anerkennung.

Die Top-Performer auf der anderen Seite, die Hochgebildeten, die multilingualen Uni-Absolventen mit Auslandspraktika und drei Fremdsprachen kämpfen sich durch ihre 60-Stunden-Wochen, die keinen Raum mehr lassen für etwas anderes als Arbeit, weil sie verinnerlicht haben, dass »die Wirtschaft« das eben erwarte und der Wettbewerb hart sei. Die schlauen, klugen Köpfe müssen vielleicht keine Armut fürchten. Aber sie kämpfen darum, den Wohlstand ihrer Eltern zu halten, sie kämpfen gegen die eigenen Erwartungen, gegen ihr persönliches Scheitern, den Vorwurf, ihre Chancen nicht genutzt zu haben. Die Rücksichtslosen wandern dabei durch die Hierarchien nach oben, die Sensiblen bleiben auf der Strecke und fragen sich, warum die Welt so schwierig ist.

Die Menschen an beiden Enden der Skala – von der ökonomischen Ausschussware bis zur hochqualifizierten Wissensarbeiterelite – teilen eine Gemeinsamkeit: Sie nehmen den zunehmenden Druck, der auf ihnen lastet, als gegeben hin, als allgemeinen Zustand. So sei eben das Leben, sagen sie. Ökonomische Gewalt ist anonym.

Die Krise ist eine Verteilungskrise.

Nicht nur die Arbeit muss aufgeteilt werden unter immer weniger Menschen. Der Ertrag aus dieser Arbeit, die Güter und Gewinne, müssen an immer mehr Menschen verteilt werden, die keinen Lohn bekommen, weil sie arbeitslos sind. Möchte man nun wieder den Krisenbegriff bemühen, könnte man von einer Verteilungskrise sprechen, deren Ausmaße sich gerade erst abzuzeichnen beginnen. Der Markt als Ort der effizienten Allokation, die Angebot und Nachfrage zusammenbringt, ist gescheitert. Für Finanzprodukte, für Waren, für menschliche Arbeitsleistung.

Es wird die Aufgabe des politischen Systems sein, die Mittel, die nur noch Wenige erwirtschaften, durch Gesetze gerecht an alle zu verteilen. Der Sozialdemokrat Gerhard Schröder hat einmal gesagt, es ginge nicht so sehr um Verteilungsgerechtigkeit, sondern um Chancengerechtigkeit. Die Gegenwart zeigt schon jetzt, wie falsch er damit lag.

Amerika und Europa haben bereits jetzt das Problem, dass die Arbeit in den westlichen Marktwirtschaften im globalen Rechenspiel längst zu teuer geworden ist. Es heißt immer, dieser oder jener Staat sei »nicht mehr wettbewerbsfähig«, und damit ist vor allem der Wettbewerb zu viel ärmeren Ländern gemeint, deren Bevölkerung weit unter unserem Wohlstandslevel lebt. Die Volkswirtschaften in Griechenland, Italien, Spanien, Frankreich sind aufgeblasen, ihre Waren auf dem globalen Markt kaum konkurrenzfähig. Arbeitsplätze verschwinden. Große Teile der Bevölkerung in den westlichen Industrienationen driften in die Verelendung. Kein Wachstumspakt wird dagegen etwas ausrichten können, es ist einfach die Logik der Entwicklung menschlicher Arbeit im herrschenden Wirtschaftssystem.

Es ist der Schwäche des Euro-Währungssystems mit ihren unterschiedlich starken Volkswirtschaften geschuldet, dass die Defizite des Weltwirtschaftssystems nun zuerst in Europa so offen zutage treten – und nicht in den USA mit dem US-Dollar als Weltleitwährung.

Nun sitzt die politische Führung Europas regelmäßig zusammen, die »vier Präsidenten« Jean-Claude Juncker, Mario Draghi, José Barroso und Herman van Rompuy, die Staats- und Regierungschefs und ihre Finanzminister, sie suchen verzweifelt nach einem Ende der Krise, versuchen »den Euro zu retten«, aber wollen eigentlich nur einen Vertrauensverlust in das ungedeckte Finanzsystem verhindern.

Die Politiker in Europa blenden die wahren Probleme der Krise aus.

Der Juni in Brüssel wird gegen Ende noch einmal richtig warm. Am letzten Donnerstag und Freitag steht wieder ein EU-Gipfel an, es ist schwül-warm an diesem Tag, die Straßen rund um das Justus-Lipsius-Gebäude sind besonders staubig von den Baustellen.

Am Eingang zum Ratsgebäude: Sicherheitskontrollen wie am Flughafen, alle Taschen und Rücksäcke werden gescannt, die Akkreditierungen geprüft. Die Arbeitsplätze der Journalisten bilden ein Feldlager aus Schreibtischen, es sind mit Sicherheit über 300 Pressevertreter vor Ort. Drinks for free, Essen for free, in der Kantine gibt es Steak mit Bohnen, Kellner räumen die Tische ab. Es ist ein riesiger Auflauf. Die europäischen Regierungschefs kommen morgens ins Ratsgebäude – das nennt sich door step – und geben in ein kurzes Statement in die Kamera ab. Wir erwarten konstruktive Gespräche, die Lage ist ernst, wir werden alles tun, was nötig ist. Zwei Tage Gipfelmarathon, zwei Tage Wahnsinn.


EU-Gipfel, Brüssel
EU-Gipfel, Brüssel
EU-Gipfel, Brüssel
EU-Gipfel, Brüssel


Einen Beschäftigungs- und Wachstumspakt für Europa wollen sie beschließen: Angela Merkel, Francois Hollande, Mariano Rajoy und Mario Monti. Der Pakt ist ein Zugeständnis Merkels, dass ihre Sparpolitik die angeschlagenen Länder der Eurozone nur weiter in den Abgrund reißt. Merkel erklärt dialektisch: »Es ist klar, dass wir auf der einen Seite solide Haushalte brauchen, als zweite Seite der Medaille aber auch mehr Arbeitsplätze schaffen wollen.«

Der Pressesaal in der ersten Etage ist am Abend brütend heiß, es läuft das Spiel Deutschland gegen Italien, die Journalisten gucken Fußball und warten auf die Kanzlerin. Angela Merkel kommt nicht. Bald schaut keiner mehr auf die leere Bühne vorne, sondern nur noch auf den kleinen Fernseher. Eine halbe Stunde vergeht, eine ganze Stunde. Irgendwann taucht Regierungssprecher Steffen Seibert auf und erklärt, es werde heute keine Pressekonferenz der Bundeskanzlerin mehr geben. Verwunderung. Der Wachstumspakt galt als beschlossene Sache, was kann es da noch für ein Problem geben? Erst mal Fußball schauen.

Deutschland verliert, die Italiener jubeln, aber so richtig ist niemand dabei. Es geht auf Mitternacht zu. Manche Journalisten haben gute Kontakte zu den Regierungsspitzen, es gehen Gerüchte um: Spanien und Italien blockieren den Wachstumspakt, weil sie kurzfristige Zusagen von der Kanzlerin wollen. Zusagen für Hilfen, die endlich die erdrückend hohen Zinsen auf ihren Staatspapieren senken. Die letztlich eine Staatspleite abwenden sollen. Die Agenturen schreiben: Italien und Spanien setzen Deutschland massiv unter Druck. «Wir finanzieren uns zu Kosten, die zu hoch sind«, hat der spanische Ministerpräsident Rajoy gesagt. Nun also Verhandlungspoker, ein Showdown in der Nacht.

Am Morgen ist Merkel eingeknickt. Länder mit »guter Haushaltsführung« dürfen sich künftig auch ohne strenge Sparprogramme Geld aus den Hilfsfonds EFSF und ESM leihen. Eine gemeinsame Aufsichtsbehörde der Euroländer unter Einbeziehung der EZB soll die Banken in Europa kontrollieren. Unter dieser Bedingung könnte der Rettungsfonds ESM maroden Banken aus hochverschuldeten Ländern künftig direkte Hilfen gewähren. Es sind die roten Linien der deutschen Krisenpolitik, die Angela Merkel endgültig überschritten hat.

Am Mittag gibt es dann die Pressekonferenz, die eigentlich schon an Vorabend stattfinden sollte. Merkel trägt einen weißen Blazer, sie hat kaum geschlafen in dieser Nacht, um 9 Uhr war sie wieder im Ratsgebäude. Steffen Seibert nimmt Platz, neben ihm die geschlagene Kanzlerin, die jetzt vor den deutschen Journalisten erklären muss, warum sie mit den Zugeständnissen ein Prinzip der deutschen Euro-Politik eben doch nicht aufgegeben hat: Hilfsgelder nur gegen eisernes Sparen, Leistung nur für Gegenleistung.


Angela Merkel


Merkel sagt zum Beispiel einen Satz wie: »Es ist festgelegt worden, dass falls von bestimmten Instrumenten im Sinne der Finanzmarktstabilität – das sind also Sekundärmarktinterventionen, Primärmarktinterventionen – Gebrauch gemacht wird, die Konditionalität inhaltlich dadurch ausgefüllt wird, dass man die Länderempfehlungen der Kommission nimmt und sagt, diese müssen verpflichtend von den Ländern, die einen Antrag stellen, umgesetzt werden, und zwar in einem auszuhandelnden zeitlichen Ablauf.« Es ist ein typischer Merkel-Satz, ein kraftloser, technokratischer Satz. Er soll ausdrücken: Wir befolgen die Regeln, alles hat seine Ordnung. Er sagt in Wirklichkeit: Wir werden jedem weiter unbegrenzt Geld leihen, wenn er nur das Versprechen abgibt, sich zu bessern. Keine Troika, keine Aufseher.

In dieser Antwort auf die Probleme steckt das Problem selbst: Es gibt immer weiter Geld gegen ein Versprechen, das nicht eingelöst werden kann.

Merkel wird noch am gleichen Tag zurückfliegen nach Deutschland, sie wird am Nachmittag im Bundestag sitzen, ihre Augen werden ihr zufallen, man weiß nicht, wie sie das durchsteht, und dann werden die Oppositionspolitiker von SPD und Grünen Brandreden gegen ihre Krisenpolitik halten und am Ende doch für den dauerhaften Hilfsfonds ESM abstimmen. Angela Merkel ist im Grunde eine tragische Person.

Immerhin: Der Wachstumspakt steht. Das Kapital der Europäischen Investitionsbank (EIB) in Luxemburg soll bis Ende 2012 um 10 Milliarden Euro aufgestockt werden. Danach könnte die Bank in den nächsten vier Jahren zusätzliche Darlehen von 60 Milliarden Euro vergeben. Mit den Anleihen will die EU-Kommission außerdem den Ausbau großer Infrastrukturprojekte im Bereich Verkehr, Energie und Telekommunikation mitfinanzieren und private Investitionen in Höhe von rund 5 Milliarden Euro anstoßen. Und rund 55 Milliarden Euro aus EU-Töpfen zur Förderung der Regionen sollen »umgewidmet« werden. Das sind Mittel, die im Finanzrahmen bis 2013 eingeplant, aber noch nicht für konkrete Projekte reserviert sind.

Welche Branchen nun aber wachsen sollen und warum und in welchem Rahmen – das ist unklar. Wachstum, die heilige Kuh des Kapitalismus, soll Europa langfristig aus der Krise führen und die Arbeitslosigkeit bekämpfen. Es sind falsche Antworten auf falsche Fragen.

Warum klammert sich die Politik so sehr an das bestehende System?

Die globale Vermögenselite profitiert vom bestehenden System.

Es gibt wohl keine geheime Weltregierung. Aber es gibt informelle Treffen von Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Medien, Zirkel der Macht, Arenen der Macht, Möglichkeiten der Einflussnahme auf wichtige politische Entscheidungen.

Auf die Herausforderungen der Weltwirtschaft angemessen zu regieren, hieße nicht weniger, als einen Systemwechsel zu wagen. Daran hat niemand ein Interesse, der vom bisherigen System profitiert: die ökonomische Elite, die aus ihrem Geld noch mehr Geld machen und damit reale Güter kaufen kann.

Laut Global Wealth Report gibt es weltweit 11 Millionen Dollar-Millionäre, das sind 0,16 Prozent der Weltbevölkerung. Immobilien sind da noch nicht mit eingerechnet. Die globale Klasse der Reichen, die high net worth individuals (HNWIs), besitzt mehr als ein Drittel des weltweiten Geldvermögens. In den USA gehören dem obersten 1 Prozent der Einkommensskala ein Drittel des nationalen Gesamtvermögens. Das Geld »fließt« quasi von unten nach oben und sammelt sich dort. Das System produziert einige wenige Gewinner und viele Verlierer, wie Nobelpreis-Ökonom Joseph Stiglitz in seinem Buch Der Preis der Ungleichheit skizziert. Nur haben die Gewinner den größten Einfluss auf die Politik.

Der Ökonom John Kenneth Galbraith spricht von den USA als »predator state«: Der Staat enteignet quasi die Massen zugunsten privater, einflussreicher Akteure und Großkonzerne. Mächtige Lobbys und Korruption sichern die Interessen der Militär- und Rohstoffindustrie, des Finanzwesens, die Macht des Geldes und ihren Einfluss auf die Institutionen des Staates. Das Modell funktioniert auf der ganzen Welt.

Abgesehen davon erscheint die Möglichkeit, auf internationaler Ebene einen reset des Banken-, Währungs- und Wirtschaftssystems durchzuführen, als Utopie. Dass schon die zaghaftesten Reformversuche ohne große Erfolgsaussichten verpuffen, kann dafür als Beweis dienen: Die geplante Finanztransaktionssteuer in elf EU-Ländern sieht für den Handel mit Derivaten einen Steuersatz von gerade einmal 0,01 Prozent vor.

Und natürlich fürchtet die Politik das Chaos, das ein unkontrollierter Zusammenbruch der Wirtschaft mit sich brächte: eine Kreditklemme, Rezession, Insolvenzen, Arbeitslosigkeit, ein Zusammenbruch der Sozialsysteme, massive Wohlfahrtsverluste. Ein Kollaps mit unabsehbaren Folgen.

Das weltweit dominierende Wirtschaftssystem funktionierte aber nur für ein kurzes historisches Zeitfenster – solange der Widerspruch aus betriebswirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher Logik aufgehoben werden konnte und mehr Jobs entstanden als verloren gingen. Es ist keine Zukunftsbranche in Sicht, die den Menschen wieder massenhaft Arbeit geben wird. Darauf hat das kapitalistische Wirtschaftssystem keine Antwort. Heute ist auch kein natürliches, stetiges Wirtschaftswachstum mehr möglich. Die Superblase des Finanzmarkts, die dieses Problem fast 30 Jahre verschleiert hat, platzt gerade, die Notenbanken zögern den endgültigen Vertrauensverlust in das Währungssystem noch hinaus.

Die marktliberalen Annahmen, dass etwa Profite auf den Finanzmärkten der Wirtschaft helfen oder niedrigere Löhne Arbeitslosigkeit eindämmen, haben sich als falsch erwiesen. Trotzdem halten die ökonomischen Eliten und die Politik am System fest, während die Mittelschichten ihren Wohlstand verlieren und die Armut im »reichen« Westen zurückkehrt. Diese Situation wird den Menschen als »alternativlos« verkauft. Dabei wird es bald eine historische Notwendigkeit sein, sich über Alternativen Gedanken zu machen.

Für das 21. Jahrhundert stellen sich drei große Frage.

Wie lassen sich die ungedeckten Finanzwerte aus dem Wirtschaftskreislauf abziehen, ohne dass dieser vollkommen zusammenbricht?

Was für ein Wirtschaftssystem funktioniert ohne stetiges Wachstum?

Wie sieht eine menschenwürdige Gesellschaft aus, in der ein großer Teil der Menschen nicht mehr arbeiten muss?

Schon eine Lösung für die erste Frage zu finden, scheint wenig aussichtsreich. Die mediale Öffentlichkeit klammert die Notwendigkeit eines neuen Weltwirtschaftssystems nahezu aus. Es ist unklar, wie lange die Notenbanken mit ihrer expansiven Geldpolitik den Vertrauensverlust in das Währungssystem noch aufrecht erhalten können, wie lange sich der Ausbruch einer Kettenreaktion verhindern lässt. Zusammenbrüche lassen sich, sobald sie einmal richtig losbrechen, in ihrer Dynamik kaum vorhersehen. Eine unkontrollierte Staatspleite im Euro-Raum könnte den Crash auslösen, aber auch eine neue Ölkrise.

Die Krise ist eine Bewusstseinskrise.

Selbst wenn es irgendwie gelingt, die ungedeckten Finanzwerte und damit die Schulden kontrolliert abzubauen – ohne einen Zusammenbruch der Wirtschaft, ohne soziale Unruhen und Bürgeraufstände – dann blieben die langfristigen Fragen dennoch ungelöst.

Welches nachhaltige Produktions- und Verteilungssystem ermöglicht den Menschen in einer Postarbeitsgesellschaft ein Leben in Würde und Frieden?

Die Antwort führt viel weiter als zu neuen wirtschaftspolitischen Systementwürfen. Es ist die Frage nach dem Wesen des Menschen.

Die sogenannte Krise, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erodiert, wird uns irgendwann fragen: Was werden wir für Menschen sein, wenn sich alle Umstände unseres Lebens grundlegend ändern?

Vielleicht werden Werte wie Mitgefühl und Solidarität wieder eine größere Rolle spielen, vielleicht wird es eine Hinwendung zu Bedürfnissen geben, die jenseits des Konsums liegen, die dem inneren Wachstum und der persönlichen Entfaltung als Mensch dienen. Vielleicht werden wir uns mehr den Dingen des Lebens widmen, die nicht verschwinden, wenn wir sie verbrauchen, sondern die erst durch das Teilen wachsen und mehr werden: Liebe, Vernunft, Phantasie.

Das ökonomische System betrifft unser Leben viel weitreichender als durch Arbeitsmarktzahlen, Gehaltsabrechnungen und Konsumausgaben. Es ist eine Schablone für unsere Psyche. Wir alle sind Teil der Krise, denn wir sind alle Teil des Markts. Die meisten Menschen kennen nichts anderes als das kapitalistische Wettbewerbssystem. Die Erwerbstätigkeit eines jeden Bürgers ist bloß noch Selbstzweck und keine Frage des Überlebens mehr. Wir aber haben den Marktmechanismus voll verinnerlicht, er durchdringt alle Bereiche unseres Lebens, das fängt in der Schule an, bei der Bildung. In der Ausbildung oder an der Universität sammeln wir Kompetenzen, um später neben der Konkurrenz zu bestehen, das Leistungsprinzip ist in uns, wir erziehen unsere Kinder danach. Die Wissenschaft unterwirft sich dem Ökonomischen Prinzip, das Gesundheitswesen, die Kultur: Ohne Gewinn gibt es keine Transaktion. Keine Forschung, keine Heilung, keine Muse.

Die Frage nach der finanziellen Verwertbarkeit reicht hinein bis in die menschlichen Beziehungen, bis in unser Privatleben. Wir networken, tauschen Kontakte aus wie nützliche Werkzeuge, und das Unternehmen will mit unserer emotionalen Intelligenz Geld verdienen.

Die Warenförmigkeit des Lebens macht auch vor der Liebe nicht halt, der quasi-religiösen Gegenwelt zur immer härteren Arbeitswelt, das hat die israelische Soziologin Eva Illouz in Der Konsum der Romantik sehr deutlich aufzeigt. Wir nehmen diesen Einfluss gar nicht mehr wahr: Wir schmeißen uns auf den »Singlemarkt«, »umwerben« eine Frau, klicken durch »Partnerbörsen«.

Die Krise des Kapitalismus ist in allerletzter Konsequenz eine Bewusstseinskrise. Der Markt hat versagt. Man könnte auch sagen: Der Mensch hat versagt.

Was kann man selbst tun als junger Erwachsener, der noch ein paar Jahrzehnte in diesem 21. Jahrhundert verbringen wird?

Entschlossen handeln, sich organisieren, revoltieren? An der Überkomplexität der Probleme verzweifeln, resignieren, das Schicksal auf sich zukommen lassen? Sich auf die schönen, subjektiven Wahrheiten des Lebens beschränken: wie man richtig reist, was gute Literatur ausmacht, was es über die Liebe zu sagen gibt. Eskapismus zelebrieren oder Hedonismus? Zyniker werden oder Freiheitskämpfer?

Es gibt vieles, was man tun könnte oder vielleicht tun sollte. Nur eines besser nicht: eine Lebensversicherung abschließen.

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