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Philipp Laage

Ramlat al Wahiba — Warum reist man an einen bestimmten Ort?

Der Grund dafür ist, wenn man ehrlich ist, oft erstaunlich diffus. Das liegt schon daran, dass man sich trotz der Lektüre ungezählter Reiseführer absolut kein angemessenes Bild von einem Land machen kann, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Faktenwissen sagt nichts aus über das Gefühl, dass die Eindrücke einer Stadt oder einer Landschaft in der Erinnerung hinterlassen.

Oft ist es so, dass man irgendwo ein Bild von einem Ort gesehen hat. Und das erzeugt Fernweh. Natürlich kann man zum Beispiel sagen: Die japanische Geschichte interessiert mich schon lange, jetzt möchte ich die historischen Stätten gerne mit eigenen Augen sehen. Aber seien wir ehrlich, in den meisten Fällen sind es banale Bilder und Szenen, die uns in ein Land hineinziehen und eine undefinierbare Sehnsucht auslösen.

Ein solches Bild im Kopf nenne ich das zwingende Motiv, den notwendigen Auslöser.

Im Oman möchte der Reisende, und sonst würde er kaum hinfliegen, die Wüste sehen.

Man kann offen sagen: Die Hauptstadt Maskat muss man nicht gesehen haben. Auch, wenn man viel reist oder noch viel reisen will. Die Festung von Nizwa, die Lehmhäuser von Al Hamra, der Palast von Jabrin – das ist alles sehenswert, das will niemand abstreiten. Aber wann fahren wir in die Wüste?

Über die Befindlichkeit des Menschen in der Wüste wurden schon unendlich viele Texte formuliert. Die Einsamkeit! Die Stille! Die Weite! Es ist fast nicht möglich, einen klugen Satz über die Wüste zu formulieren, der nicht ein wenig pathetisch klingt, nach Abenteurerromantikkitsch.

Vor allem den nachdenklichen Menschen, so die allgemeine Annahme, zieht es in die Wüste. Der auch mit sich allein sein kann. Letztlich muss wohl jeder selbst prüfen, wie lange er die schöne Reizlosigkeit aushält. Bis er sich wieder unschöne Reize wünscht.

Ich habe im Oman die Ramlat al Wahiba (Wahiba Sands) fotografiert. Vielleicht findet jemand auf den Bildern sein zwingendes Motiv, um das Land einmal selbst zu besuchen.


Ras al Wahiba, Oman
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Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman

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Kopenhagen ist die Stadt des dänischen Designs. Ein Essay über Ästhetik und die skandinavische Mentalität, über Besitz und die verführerische Macht des Konsums – und eine ganz besondere Lampe.

I. Der Anlass

Wenn ich recht überlege, lief alles auf die Lampe hinaus. Ein besonderes Modell, von dem noch ausführlich zu sprechen sein wird. Das Design betörte mich derart, dass ich erschrak und einige gründliche Gedanken anstieß. Wohin sie führten? Auch davon später.

Vordergründig wollte ich nach Kopenhagen, um eine Geschichte über Vesterbro zu recherchieren. Die Leitfrage lautete: Wie lebendig, berauschend und groundbreaking kann ein Szeneviertel sein, wenn es sogar von den offiziellen Tourismusvermarktern als Hipster-Quartier etikettiert wird? Um es vorwegzunehmen: mäßig.

Unterbewusst jedoch wollte ich vor allem ein paar Tage in einer Großstadt verbringen, die all das hat, was Berlin fehlt: Übersichtlichkeit, Umgangsformen, Klasse – die Einsicht, dass anlasslose Freundlichkeit kein Zeichen falscher Angepasstheit ist, sondern das Zusammenleben fremder Menschen einfach sehr viel angenehmer macht.

Ryanair hatte Flüge für fünfzig Euro im Angebot und ich nur ganz kurz Skrupel, den Billigflug der halbtägigen und mehr als doppelt so teuren Bahnreise über Hamburg vorzuziehen. Das Geld, ich ahnte es vielleicht schon, würde ich noch brauchen können.



II. Die Erwartungen

Kopenhagen ist das urbane Schaufenster Dänemarks. Dafür, dass die Dänen gleich nebenan leben, wissen wir von ihnen eigentlich ziemlich wenig, außer dass sie laut World Happiness Report drei Jahre hintereinander das glücklichste Volk der Welt waren. Auf Platz zwei hinter Norwegen lässt es sich bestimmt immer noch zufrieden leben.

Zugeschrieben wird dieses Lebensglück der international bekannten Hyggeligkeit, eine dänische Erfindung. Hyggelig heißt so viel wie angenehm, gemütlich, komfortabel, wohnlich. Eine besonders treffende Übersetzung ist, wie ich finde, heimelig. Draußen mag der Weltensturm toben, doch er dringt nicht ein ins kaminfeuerwarme Haus.

Die Skandinavier wissen offenbar, wie das gute Leben aussieht. Savoir vivre, nur ohne selbstgedrehte Zigaretten, Kaffeeflecken und Existenzängste. Müsste das nicht in einer Stadt wie Kopenhagen besonders klar zu sehen sein?

Europa wirkt nördlich des 55. Breitengrads ja erst einmal wie die bestmöglich denkbare Version der Welt. Immer, wenn ich zuvor in Norwegen, Schweden oder Finnland gereist war, in diesen Bilderbuchländern mit ihren stilvoll gekleideten Menschen, beschaulichen Städtchen und fortschrittlichen Sozialsystemen, da hatte es mich plötzlich fundamental verstört, dass zum Beispiel Kindern im Niger von der Mangelernährung die Gesichter zerfressen werden oder Familien in Indien in Gegenwart ihrer eigenen Ausscheidungen leben. Ein Wohlstand wie in Skandinavien schreit einem ins Bewusstsein, welch unterschiedliche Zivilisationsniveaus ohne globalen Aufschrei parallel existieren können. Doch der Schock hatte immer nur kurz gewährt, wenn ich durch Trondheim, Stockholm oder Helsinki gelaufen war – alles dort schien stets so schön.

Nun also nach Kopenhagen zu den Design-Dänen, diesen erstaunlichen Glückspilzen.



III. Der erste Eindruck

Der typische Kopenhagen-Trip besteht aus Bummeln in der Einkaufstraße Strøget und Hippie-Kommune Christiania, einem Besuch des Vergnügungsparks Tivoli und einem Selfie vor der Kleinen Meerjungfrau. Vesterbro gleich westlich des Zentrums ist auf unspektakuläre Weise ganz gediegen. In der Zweckarchitektur mancher Straßen ist das einstige Arbeiterviertel noch erkennbar, doch die meisten Fassaden strahlen Bürgerlichkeit aus. Die Rotlichtmeile neben dem Hauptbahnhof wirkt harmlos, man bemerkt sie kaum. Neben dem Burgerladen liegt ein Sexshop, und das ist schon die maximale Provokation.

Am ersten Abend tritt ein Dealer an mich heran und erklärt: »Ich habe zwei Gramm Kokain für 500 Kronen«, so als würde er Tomaten auf dem Wochenmarkt verkaufen. Ich antworte sachlich: »Nein, vielen Dank.« Hat man diesen freundlichen Kriminellen nur hier hingestellt, um dem Viertel einen letzten Hauch von Verrufenheit zu verleihen?

Es funktioniert nicht. Vesterbro ist so aufgewertet, etabliert und somit eigentlich durch – dagegen wirkt Prenzlauer Berg wie ein aufstrebendes Problemviertel. Der entscheidende Punkt ist: Die Dänen selbst interessiert eine solche Abwägung null.

Dahinter steckt diese skandinavisch-egalitäre Kultur, die der dänische Designer Sigurd Larsen mir einmal so beschrieb: »Nie denken, dass man besser als andere ist, lieber zurückhaltend sein.« Das ist zehnmal sympathischer als die bierernste Avantgarde-Haltung, die der Berliner Auskenner unablässig vor sich her trägt, zu wechselnder Schuhmode (momentan müssen es klobige Air Max 95 oder 97 sein, die Nike in einem kapitalistischen Husarenstreich wieder als neuen heißen Scheiß auf den Markt gebracht hat, für 180 Euro).

Vesterbro ist unaufgeregt hübsch. Hilfsbereite Menschen bevölkern hyggelige Gassen. Sie tragen todschicke, sauteure Klamotten und wollen trotzdem keine neidischen Blicke, zumindest würden sie das nie zugeben. Diese Mentalität ist vielleicht nur möglich durch üppigen und fair verteilten Wohlstand, durch das nötige Kleingeld, das in der Stadt des Arne Jacobsen überall verlockende Verwendung findet. Mein profanes Bedürfnis am ersten Tag in Kopenhagen: Hier will ich schöne Dinge kaufen.



IV. Die Orientierung

Kopenhagen ist sehr übersichtlich, die Wege sind kurz. Nach Vesterbro mit seinen Flanierstraßen Istedgade und Vesterbrogade kann man vom Hauptbahnhof aus laufen. Das Rotlichtviertel stellt, wie gesagt, kein Hindernis dar. Im südlichen Vesterbro liegt das Meatpacking District, quasi eine Miniaturausgabe des gleichnamigen New Yorker Stadtteils, und auch hier waren früher Schlachthöfe untergebracht. Dann kamen die unvermeidlichen Cafés, Bars, Restaurants, Clubs und Galerien.

Der Reisende findet in Vesterbro alles, was er braucht: tagsüber guten Kaffee (bei Bang & Jensen, Café Dyrehaven oder Enghave Kaffe) und gutes Essen (bei Juicy Burger, Warpigs oder FAMO), abends gute Drinks (im Brass Monkey, NOHO oder 1656), nachts gute Musik (je nach Geschmack im Jolene, Bakken, KB18 oder KB3). Mit diesen Empfehlungen kommt man locker durch ein langes Wochenende und hat dann noch nicht Nørrebro im Nordwesten der Stadt gesehen, das andere bekannte Hipster-Viertel.

Was erklärt dieses Wort noch? Eigentlich nichts. In ihrem kleinen Laden im Meatpacking District treffe ich die Modedesignern Maxjenny Forslund. Sie sagt über Vesterbro: »Es ist das Epizentrum der Hipster. Niemand hier trägt Socken, aber alle haben coole Fahrräder.« Eine humorvoll gemeinte Überspitzung und doch falsch, weil der Hipster sich gerade dadurch auszeichnet, dass die Distinktion stets eine neue Mode erfordert. Der Hipster ohne Socken ist nur ein Klischee, wie Latte-Macchiatto-Mutter und Segelschuh-Snob.



V. Der Sehnsuchtsort

Woran erkennt man auf Reisen einen Sehnsuchtsort? Vielleicht daran, dass man ihn immer wieder aufsucht, nicht von ihm lassen kann. Mir erging es so mit einem Einrichtungsgeschäft auf der Istedgade: DANSKmadeforrooms.* Und das lag an der eingangs erwähnten Lampe: die »Lektor Desk« der schwedischen Manufaktur Rubn. Mattgold und schwarz, schlichtes skandinavisches Design, zu einem Preis von 3498 Kronen. Das sind rund 500 Euro – für eine Tischlampe.

Die Ironie der Geschichte des skandinavischen Stils liegt in dem Bedeutungswandel, den die Designobjekte erfahren haben: Möbelklassiker, die heute das Konto bluten lassen, waren ursprünglich überhaupt nicht teuer. Das hatte mit dem Aufbau des Sozialstaates nach dem Krieg zu tun. Jeder Mensch im Land sollte gutes Design haben. Und so haben damals viele Möbelmacher kostenlos für große Supermarktketten Stücke entworfen: Massenproduktion und billiger Verkauf. Erst viel später wurden die Möbel dann zu Design-Ikonen.

Ich stehe nun also vor dieser Lampe für 500 Euro und bin ganz begeistert. Ich überlege tatsächlich, sie zu kaufen. Das ist doch kompletter Wahnsinn. Ich habe zu Hause eine Tischlampe, ich brauche keine Tischlampe, ja habe ich denn vollkommen die Maßstäbe verloren? Doch die Lampe ist einfach schön. Bestechend schön, wie mir scheint. Ihre schlichte Form, die hochwertige Verarbeitung – sie strahlt die ganze klare Eleganz Skandinaviens aus, die ich ohnehin so liebe. Ich will sie haben, ich muss sie haben.


Einrichtungsgeschäft DANSKmadeforrooms © DANSKmadeforrooms


VI. Das Gefühl beim Abschied

Die Lampe hat mich euphorisiert, doch das Gefühl beim Abschied ist: Scham. Was ich mit 500 Euro alles tun könnte! Zum Beispiel drei Wochen durch Sri Lanka reisen, und alle Ausgaben wären gedeckt. Und jetzt will ich mir eine Lampe zum Preis eines Fernfluges auf den Tisch stellen. Und diese dann betrachten und denken – echt schön?

In der post-materialistischen Filterblase der Reise-Community ist ein solcher Kauf kaum zu entschuldigen. »Investiere in Erlebnisse, nicht in Dinge«, rufen sie dir aus den Weiten ihrer Blogs zu, bevor sie ihre Jobs kündigen und Wohnungen aufgeben, alle Möbel verkaufen und losziehen. Und sie haben ja Recht. Wie schrieb Boris Pofalla einmal in einer klugen Gegenwartsanalyse in der FAZ: »Der tiefe Glaube der Nachkriegsgeneration, dass die Dinge schon einen Sinn stiften werden, wenn man sie nur in ausreichender Menge und Qualität zusammenträgt, erodiert gerade.« Der Schein der schönen Dinge verblasst.

Das bringt mich zu dem, was eine gute Freundin mir neulich schrieb, als es um etwas Alltägliches und dann kurz um alles ging. Die ewigen, großen Fragen – das seien doch: Geht Liebe? Und was machen wir, bis wir sterben? Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Konsumgüter als Ersatzbefriedigung, das ist doch ein längst entzauberter Irrglaube.

Trotzdem kann ich nicht abstreiten, dass mich der Anblick einer formschönen Uhr an meinem Handgelenk aus ästhetischen Gründen erfreut. So ist es auch bei der Lampe. Nichts ist falsch daran, Konsumgüter schön zu finden. Ob man sie auch besitzen muss, ist eine andere Frage. Warum eigentlich?

Vermutlich liegt es oft daran, dass guter Geschmack als Ausweis einer interessanten Persönlichkeit wahrgenommen werden will. Da ist mir der dänische Ansatz lieber: Gutes Design ist in erster Linie gutes Design – und im besten Fall soll es jeder besitzen können. Heute sind die Lampen und Stühle aber nun doch sehr teuer, und vielleicht sollte man Skandinavien auch nicht zu sehr idealisieren. Ich habe die Lampe nicht gekauft.

*Der Autor hat weder Geld noch Sachwerte für die Verlinkung bekommen.



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Life is a beach – oder sollte es zumindest sein, nicht wahr? Der Strand verlangt nach Optimismus und verheißt Happiness. Die Tropeninsel Palawan hat die traumschönsten Exemplare zu bieten.

Ich bin kein Strandmensch. Man könnte physische Gründe vermuten: heller Hauttyp, keine ausdefinierten Muskeln. Eine beneidenswerte Strandfigur kostet wahnsinnig viel Zeit. Mein Körper ist eher dafür gebaut, zwölf Stunden ohne Mühen zu marschieren, als in Badehose eine beeindruckende Figur zu machen. Mag ich deshalb die Berge lieber? Vielleicht. Ich glaube vor allem, Freude entsteht durch Aktivität. Im Gebirge muss man eine gute Weile laufen, um die erhabensten Orte zu erreichen. Der Strand dagegen lädt dazu ein, sich sofort hinzulegen. Sonnenschirm, Liege, Handtuch. Delirium.

Die Bilder palmengesäumter asiatischer Strände haben in mir nie große Sehnsucht ausgelöst. Wenn andere von Thailand schwärmten, ließ mich das stets kalt. Strände finde ich irgendwie kitschig und platt. Das Konzept Strandurlaub erschien mir immer rätselhaft. Trotzdem ging es eines langen Winters auf eine Insel, die kaum mehr zu bieten hat als Sonne, Palmen und tolle Strände – all dies allerdings in vollendeter Ausführung.

Palawan auf den Philippinen wurde 2014 von den Lesern der Zeitschrift Condé Nast Traveller zur schönsten Insel der Welt gekürt. Solche Rankings sind immer etwas zweifelhaft, doch das war natürlich schon eine Ansage. Palawan gilt als sogenannte Trauminsel, da lässt sich wenig diskutieren. Sehenswürdigkeiten von Format gibt es auf der Insel nicht. Man kann dem einheimischen Volk der Batak einen Besuch abstatten, mit einem Kajak durch einen Unterwasserfluss paddeln und tauchen.

Palawans Versprechen ist die Idee vom beach life: Schlafen in einer Holzhütte, zum Meeresrauschen erwachen, barfuß laufen, vom Tag nichts wollen. Und in dieser Einfachheit der Dinge zwischen windschiefen Palmen und bonbonfarbenen Sonnenuntergängen stellt sich dann so etwas wie lässige Zufriedenheit ein. Ein Bekannter sprach außerdem von einer »Pärcheninsel«. Auch das leuchtet ein: Palawan ist die perfekte Kulisse für Romantik.

Der Schriftsteller Leif Randt schrieb in einer Geschichte über den Bondi Beach, an sonnigen Orten seien positive Vibes wichtiger als Inhalte, und dass er das eigentlich gut finde. Aber wahrscheinlich beschreibt es mein Problem mit dem Strand: Ich misstraue seinem Glücksimperativ und der aufgesetzten positivity. Am Strand sind die Leute immer super gelaunt, weil sie verinnerlicht haben, dass das am Strand so sein sollte.

Trotzdem flogen wir nach Palawan. Ich hatte das Reiseziel sogar vorgeschlagen. Wir suchten also das Strandleben. Hier ist das Ergebnis:

BACUIT-ARCHIPEL

Begrünte Karstfelsen, türkisblaues Wasser: Das sind die ikonischen Landschaftsbilder von Palawan, die auf Instagram besonders oft geteilt werden. Das tropische Paradies lässt sich im Bacuit-Archipel im Norden der Insel erstaunlich einfach per organisierte Bootstour erreichen. Ausgangspunkt ist das einstige Fischerdorf El Nido, heute ein geschäftiger Traveller-Hotspot. Um die Touristen nicht zu verwirren, heißen die Tagesausflüge A, B, C und D. Wir wählten Route A, weil es angeblich die schönste ist.



Die vier Bootstouren sind in jedem Hostel in El Nido buchbar, was man später auf den Inseln sieht: überall Touristen. Vor Shimizu Island reihten sich die Boote dicht an dicht. Die Big Lagoon sähe ohne Menschen natürlich toller aus, aber wir waren ja selbst Teil dieses organisierten Spektakels. Also brav mit dem Kajak fahren und schnorcheln. Der Seven Commandos Beach mit seinem weißen Sand und den Palmen war perfekt, aber eben überlaufen. All dies überraschte uns nicht. Wir waren vergnügt. Wer hier noch Robinson-Crueso-Atmosphäre erwartet, kommt allerdings zwanzig Jahre zu spät.

Wow-Effekt: 6/10
Robinson-Crueso-Feeling: 3/10
Romantik-Faktor: 3/10

LIO BEACH

Lio Beach liegt keine halbe Stunde nördlich von El Nido. Der Strand ist von der Hauptstraße aus nicht zu sehen und praktisch menschenleer. Es gibt keine günstigen Backpacker-Hütten, eher Resorts, in denen die Nacht im Doppelzimmer so 80 Euro kostet. Wir übernachteten im Balai Adlao, um uns für die vorherigen 10-Euro-Nächte in hellhörigen Hostels zu entschädigen. Hier stiegen sonst Paare ab, die per Direktflug nach El Nido und mit einem privaten Flughafentransfer anreisten. Wir kauften Exklusivität, ohne schlechtes Gewissen.



Das neugebaute Resort war sehr clean, ein Bruch mit der nachlässig wuchernden Tropenvegetation. Die Restaurants erinnerten an Fast-Food-Filialen. Der gut ausgeleuchtete Surf- und Beachshop hätte auch in einem Einkaufszentrum im Ruhrgebiet stehen können. Alles seltsam deplatziert. Aber dann gingen wir zum Strand und erblickten das tropische Panorama der einsamen Bucht: wie für uns allein entworfen. Wir genossen chinesische Küche zum Sound der Wellen, einen dramatischen Sonnenuntergang, Klimaanlage, blütenweiße Laken und endlich warmes Wasser in der Dusche. Wir waren nun angekommen.

Wow-Effekt: 6/10
Robinson-Crueso-Feeling: 4/10
Romantik-Faktor: 8/10

CALITANG & NACPAN BEACH (TWIN BEACH)

Zum Twin Beach fährt man von El Nido aus eine knappe Stunde nach Norden, erst über eine asphaltierte Straße, dann über Erde. Der Zwillingsstrand heißt so, weil dort zwei Strände in einer schmalen Landzunge zusammenlaufen: Calitang Beach und der rund vier Kilometer lange und formschöne Nacpan Beach. Mehrere Imbisse und Strand-Cottages stehen unter den Palmen am Wasser. Man kann Chicken Adobo essen, Kokosnusmilch schlürfen, seine Füße in den Sand stecken und ab und zu ins Meer gehen. Es ist nicht wirklich leer am Nacpan Beach, aber die Menschen zerstreuen sich. Im Hinterland liegt ein verschlafenes Dorf mit Kirche und Sportplatz. Angenehmes Nichstun.



Wir bezogen eine Hütte im Garten einer Familienpension am Calitang Beach. Abends aßen wir auf Plastikstühlen süßlich-scharf angemachten Fisch, zubereitet von den Frauen der Herberge. Ein etwas kränklicher Hundewelpe weckte unser Mitleid. War es am ersten Tag sonnig gewesen, zogen am zweiten Tag Wolken auf, und der Wind legte zu. Am Horizont wippten die Palmen. Fischerboote lagen morbid auf der Wiese. Im Dorf traf man auf Kühe, Schweine und Hühner.

Spätestens abends präsentierte sich der Nacpan Beach als Klischee eines traumhaften Tropenstrandes, zugleich wirkte alles etwas nachlässig und verfallen. Auch das stürmische Wetter arbeitete beharrlich gegen die Schönheit der Landschaft an. An vielen Stränden fürchtet man, die eigene Gefühlswelt könne nicht mit der Perfektion der Kulisse mithalten. Hier lagen die Dinge anders. Wir waren sehr zufrieden an diesem Ort.

Wow-Effekt: 7/10
Robinson-Crueso-Feeling: 6/10
Romantik-Faktor: 7/10

PRINCE JOHN LODGING

Wer auf Palawan Einsamkeit sucht, dem sei Prince John Lodging wärmstens empfohlen. Die Herberge liegt nördlich von Port Barton und ist per Boot erreichbar. Der Strand eignet sich wegen der Steine zwar nicht gut zum Baden, aber das ist egal. Gastgeber John, ein junger Filipino, heißt alle Gäste persönlich willkommen. Das ist ihm ein ernsthaftes Anliegen. Die Holzhütten sind angenehm spartanisch. Abends speist man auf einer Terrasse im Kerzenschein, in wohltuendem Abstand zur nächsten Ansiedlung und zu übrigen Reiseplänen. An diesem Ort adaptiert man das beach life quasi automatisch.

Wow-Effekt: 4/10
Robinson-Crueso-Feeling: 8/10
Romantik-Faktor: 7/10



INOLADOAN ISLAND

Inoladoan Island vor Port Barton beherbergt ein einzelnes Resort, das sich allerdings nicht hermetisch vor anderen Tagesgästen abschirmt. Viele Ausflugsboote machen auf der Insel Halt für ein Mittagessen. Nicht der perfekte weiße Sand ist hier die Top-Sehenswürdigkeit, es sind die Meeresschildkröten im türkisfarbenen Wasser. Wir waren ganz begeistert und verbrannten uns beim Schnorcheln auch gleich den Rücken (was wir leider erst abends feststellten). Ansonsten ist die Insel der geeignete Ort, um sich im Schatten unter Palmen in Genügsamkeit zu verlieren. Der Ausblick ist tadellos. Die Hitze erzwingt Trägheit. Die Gedanken drehen sich langsamer. Life is a beach, für zwei Stunden.

Wow-Effekt: 8/10
Robinson-Crueso-Feeling: 3/10
Romantik-Faktor: 4/10



SABANG

Sabang ist ein Stadtstrand und deshalb erst einmal abschreckend. Wer das Urlaubsdorf um die Mittagszeit erreicht, ist etwas enttäuscht: Auch die zwei besten Resorts am Platz – Sheridan und Daluyon – liegen meerseitig dicht gedrängt und haben keinen eigenen Strand. Die Versöhnung erfolgt am Abend: Wenn die Sonne über den Bergen untergeht und Dunst über der Bucht liegt, will man doch noch einmal in die Fluten steigen. Das Meer erscheint im Halbdunkeln wild, die Lichtstimmung ist mystisch. Auch morgens um sechs Uhr hat man die Brandung für sich und kann den Tag eigentlich nicht besser beginnen als mit einem Sprung in die Wellen. Sabang ist schön in der Dämmerung.

Wow-Effekt: 4/10
Robinson-Crueso-Feeling: 2/10
Romantik-Faktor: 5/10



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Remscheid — Es ist Oktober, Herbst geworden. Ich stehe in Remscheid-Hackenberg vor der Sporthalle. Der Tag im Juli, an dem ich beschlossen habe, einen Marathon zu laufen, kommt mir vor, als läge er in einer weit entfernten Vergangenheit, wie das mit vielen Dingen im Leben ist, die noch gar nicht so lange her sind.

Das Wetter ist ziemlich gut für so einen Lauf, weder Sonne noch Regen. Angenehme Temperaturen, weder kalt noch warm. Besser kann man es eigentlich nicht haben. Meine Startnummer habe ich mit vier Sicherheitsnadeln an meinem Shirt festgemacht, sie steckt in einer Klarsichthülle, wegen des Regens, vielleicht. Hoffentlich nicht.

Als ich am Morgen wach wurde, glaubte ich, ganz gut geschlafen zu haben. Die Nacht davor aber so gut wie gar nicht. Dafür hatte ich viel gegessen, weil man das so machen soll vor einem Marathon. Bis zum Vorabend dachte ich über all die Dinge nach, von denen ich oft gelesen hatte, wie wichtig sie sind: die wöchentliche Kilometerzahl, lange Trainingsläufe, Tempotraining.

Und ich dachte daran, wie wenig ich diese Dinge beherzigt hatte. Wie ich diesen typischen Anfängerfehler gemacht hatte: zu schnell zu viel zu trainieren. Wie ich glaubte, über den Dingen zu stehen, und wie ich genau diesen Fehler gemacht hatte.

Jetzt stehe ich vor der Toilette der Sporthalle, es ist 8 Uhr, in einer halben Stunde soll es losgehen. Ich binde den elektronischen Chip, der in Start und Ziel automatisch die Zeit misst, in die Schnürbänder meines Laufschuhs. Noch ein wenig trinken, dann langsam Richtung Start. Noch einmal pinkeln, dieses Mal im Busch, das machen die anderen Läufer auch so.

Ich stehe dann in dem Pulk von Menschen, die sich vor der Startlinie sammeln. Ich bin ziemlich ruhig. Alles ist ganz klar und eindeutig.

Ein guter Freund meinte einmal zu mir: Wenn du morgen etwas erreichen willst, muss es schon heute Realität in deinem Kopf sein. Wenn du etwas wirklich schaffen willst, muss der Endzustand – in diesem Fall das Überqueren der Ziellinie – schon so im Bewusstsein verinnerlicht sein, dass es gar nicht mehr anders passieren kann. Das ist wie beim Bergsteigen. An dem Tag, an dem du hochgehst, ab dem Moment, an dem du losläufst, gibt es nur einen möglichen Weg. Es gibt keine Alternative.

Ich bin also ganz ruhig.

Und dann laufe ich über die Startlinie. Der Chip an meinem Schuh fängt an, die Zeit zu zählen, aber das merke ich natürlich nicht.

KILOMETER 0 BIS 10

Ich begreife gar nicht richtig, dass ich gerade laufe, bei diesem Marathon, den ich mir schon so lange vorgenommen habe. Aber dann laufe ich einfach.

Remscheid sieht in Teilen ungefähr so aus, wie ich mir Nordkorea vorstelle: Aus der bewaldeten Landschaft ragen hässliche, graue Wohntürme heraus. Die Strecke führt über die ersten fünf Kilometer durch den Ort. An diesem Sonntagmorgen sind schon viele Menschen auf den Beinen und beobachten den Start der Läufer. Schilder, Trompeten, Trillerpfeifen, alles dabei.

Ich bin immer dicht umringt von anderen Läufern. Halbmarathon-, Marathon- und Ultraläufer sind zusammen gestartet. Das Ganze hat einen großen Vorteil: Man läuft nicht zu schnell los. Es ist praktisch unmöglich, sich vom Hauptfeld abzusetzen, wenn man am Anfang nicht direkt an der Startlinie stand. Irgendwann führt der Weg aus dem Ort heraus.

Meine größte Sorge ist mein Bein und der Wadenschmerz, der mich während des Trainings immer wieder geplagt hat. Er ist nicht da, er kommt auch nicht wieder. Die Taktik, auf vollständige Entlastung zugunsten der Regeneration zu setzen, ist also richtig gewesen.

Der erste Getränkestand kommt bei Kilometer 7. Ich habe mir vorgenommen, früh mit dem Trinken anzufangen, ich greife einen Pappbecher mit Zitronentee, den ich im Gehen leer mache. Man soll während eines Marathon ein bis vier Liter trinken, heißt es.

Nach einer Stunde erreiche ich die 10-Kilometer-Marke. Gutes Tempo, denke ich.

Ich bin nicht zu schnell gestartet. Ich habe keine Schmerzen. Im Prinzip fühle ich mich so, als wäre ich gerade erst losgelaufen. Als hätte ich nie etwas anderes getan, als zu laufen.

KILOMETER 10 BIS 25

Auf den folgenden Kilometern habe ich das erste Mal das Gefühl, dass sich die Strecke etwas zieht.

Asphalt und Waldboden wechseln sich jetzt immer häufiger ab. Es geht meist bergauf und bergab, selten eben geradeaus, aber das war ja vorher klar.

Kurz vor Kilometer 20 kommt das erste richtige Steilstück, es geht vielleicht 50 Meter in Serpentinen den Hang hinauf. Auf diesem Stück läuft niemand, der Kraftaufwand wäre die gewonnene Zeit nicht wert. Also marschiere ich bergauf, überholen kann man auf dem engen Pfad sowieso niemanden. Am Wegrand haben ein paar Leute eine Prosecco-Bar aufgebaut, so heißt es jedenfalls auf dem Schild. Im Prinzip ist da aber einfach ein Bierzelttisch, auf dem einige Pappbecher mit Sekt stehen. Die Leute selbst trinken Bier aus Flaschen, es ist jetzt vielleicht 10 Uhr morgens. Ich habe das Gefühl, dass die Leute sich schon lange auf diesen Tag gefreut haben. Prosecco trinkt trotzdem niemand.

Es geht dann irgendwann noch einmal durch eine Senke, ein Bachtal hinunter. Für die Halbmarathonläufer, an diesem Tag deutlich in der Überzahl, ist hier schon bald Schluss. Das bedeutet: Endspurt. Ich lasse mich aber nicht aus der Ruhe bringen, ich bleibe bei meinem Tempo.

Nach 21,2 Kilometern wird wieder Zeit genommen: Ich bin ziemlich exakt zwei Stunden unterwegs.

Nach einer weiteren bedeutungslosen Kehre stehen da plötzlich meine Eltern am Wegrand. Sie wollten versuchen, irgendwie an die Strecke heranzukommen, um mir ein wenig Energy-Gel zu geben. Das Erste, was mir auffällt, ist die große Erleichterung im Gesicht meiner Mutter. Ich sehe offensichtlich nicht wirklich erschöpft aus.

Die Hälfte ist geschafft, mein Fokus liegt auf der 25-Kilometer-Marke.

Man darf bei einem solchen Lauf nicht den Fehler machen, sich die gesamte Strecke ins Gedächtnis zu rufen. Kopf und Körper müssen sich von einer Etappe zur nächsten bewegen. Ich denke also: Bis zum nächsten Getränkestand, und dann sehen wir weiter.

Der Stand kommt nach weiteren 20 Minuten. Ich löse das Kohlenhydratpulver, das ich dabei habe, in Wasser auf. Es enthält viele Elektrolyte – das ist gut, ich habe viele Mineralstoffe beim Laufen ausgeschwitzt. Dazu gibt es eine Viertelbanane und eine Tube Powergel, das optisch und haptisch handelsüblichem Haargel sehr nahe kommt. Schmecken tut es aber süß, obwohl kein Zucker enthalten ist. Nur Kohlenhydrate, Kalium und Natrium.

Ich will keinen Zucker zu mir nehmen, das treibt den Blutzuckerspiegel nach oben und führt auf Dauer zu körperlicher Ermüdung und einem unangenehmen Erschöpfungshunger.

Ich fühle mich recht fit, eigentlich sogar sehr fit, und verschiebe meinen Gedankenhorizont auf die nächsten fünf Kilometer. Und ich denke an das Gedicht, das über meinem Bett hing, als ich noch klein war: Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte von Antoine de Saint-Exupery.

KILOMETER 25 BIS 34

Die andauernde Energieversorgung zahlt sich aus: Auf den nächsten neun Kilometern ändert sich die Wahrnehmung meiner Schmerzen nicht. Richtige Ernährung ist ein absoluter Schlüssel zum Erfolg, das wird mir jetzt bewusst. Durch eine Tube Gel alle halbe Stunde bleibt das Energielevel weitgehend konstant, nur die Muskeln werden natürlich immer schwerer, sie übersäuern langsam.

Ich bewege mich sehr lange auf gleicher Höhe mit einem älteren Mann, der einen grauen Vollbart trägt. Er läuft bei jeder Steigung gleichbleibendes Tempo. Das finde ich ziemlich beachtlich. Offensichtlich hat sich der Mann in seinen vielen Jahre als Läufer ein unglaubliches Maß an Disziplin und Kondition antrainiert. Er läuft nie zu schnell, fast in stoischer Gleichmäßigkeit.

Eine Sache habe ich dann etwas unterschätzt: Ab einer bestimmten Dauerbelastung ist es einfach nicht mehr angenehm, bergab zu laufen. Um Kilometer 30 herum ist die Strecke zwar nicht ganz so bergig wie bisher, aber jedes Abfedern des Oberschenkels bereitet Schmerzen. Überhaupt, die Beine fangen einfach an, weh zu tun.

Bei den Anstiegen versuche ich, meine Arme nicht über das Maß der minimalen natürlichen Bewegungsdynamik hinaus zu bewegen, die Beine eng beieinander zu halten und sehr viele kleine Schritte zu machen. Damit nehme ich einen zähen, besonders langen Hügel, ohne mich vollkommen zu verausgaben.

Zum Glück höre ich mich selbst nicht atmen, weil ich die ganze Zeit Musik höre.

Mit den Liedern ist es wie mit den Kilometerschildern, ich gehe von einem zum nächsten. Ich konzentriere mich auf den Moment, auf den nächsten Berg, manchmal nur auf die drei Meter, die sich immer wieder vor meinen Füßen auftun. »Baby steps«, nennt das der Ultraläufer Dean Karnazes.

Ich trinke jetzt mehr an den Getränkeständen, Gatorade und Wasser im Wechsel. Ich bin schon weiter, als ich denke, der nächste Getränkestand kommt bei Kilometer 34.

Über diesen Punkt hinaus bin ich noch nie in meinem ganzen Leben gelaufen.

KILOMETER 34 BIS 42

Die letzten sechs Kilometer sind die schlimmsten des gesamten Laufs. Ich bin jetzt weit über drei Stunden auf den Beinen. Bergablaufen tut fast noch mehr weh als bergauf. Ich versuche nur noch, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Manchmal grinse ich vor Schmerz.

Es ist die große Dialektik des Laufens, dass gleichzeitig das Allereinfachste und das Allerschwerste in einem Moment zusammenfallen. Einen Schritt vor den anderen setzen, das kann sogar ein Kleinkind, es ist eine der trivialsten menschlichen Bewegungen überhaupt. Und hier kostet jeder Schritt auf einmal so wahnsinnig viel Überwindung. Jeder einzelne Schritt. Du machst einen, du machst noch einen, und plötzlich hast du wieder einen Kilometer mehr geschafft – der Körper schafft das.

Ich denke, dass auch das ärgste Hindernis im Leben, das größte Problem, schon die einfachste Lösung in sich trägt.

Ein Marathon war für mich lange Zeit ein nahezu unüberwindbares Hindernis, eine beinahe mystische Distanz, aber er ist nur das Produkt aus vielen tausend Schritten, der einfachsten Sache überhaupt.

Wie weit kann man also gehen?

All diese Gedanken surren höchst unscharf durch meinen Kopf, als ich erschöpft auf Kilometer 40 zusteuere. Ich lasse die Möglichkeit, einfach stehen zu bleiben und damit den Schmerz abzustellen, einfach nicht in mein Bewusstsein.

Plötzlich ist der Waldboden wieder komplett matschig, das Auftreten und Abstoßen kostet doppelt Kraft. Ich merke selbst, wie sich mein Gesicht verzogen hat. Ich atme auch nicht mehr so gleichmäßig wie am Anfang.

Dann kommt die 40-Kilometer-Marke, ich habe zu diesem Zeitpunkt schon komplett abgeschaltet, treibende Lieder rauschen durch mein Ohr. Ich könnte jederzeit stehen bleiben, es erscheint als das Reizvollste auf der ganzen Welt.

Aber ich tue es nicht. Ich laufe eben doch weiter.

Auf den letzten zwei Kilometern lege ich deutlich an Tempo zu. Ich spüre ein Kribbeln, fast schon eine Gänsehaut in mir aufsteigen, ein Gefühl absoluter Energie, das sich auf meinen gesamten Körper überträgt, und ich überhole alle anderen Läufer, die mir auf den letzten Anstiegen begegnen. Ich balle die Fäuste, mein Gesicht sieht düster aus wie das eines Kriegers.

Ich sehe bestimmt sehr lächerlich aus. Aber ich fühle mich wie Held.

Ich schaue in die Augen der Zuschauer, die an der letzten Kehre stehen und alle Läufer anfeuern, ein belebender Augenblick.

Dann kommt das Ziel.

Der Kommentator ruft meinen Namen auf und gibt die Endzeit durch: Ich bin 4 Stunden und 22 Minuten durchgelaufen. Das Adrenalin legt sich.

Was gerade eben passiert ist, kommt mir mit einem Mal schon wieder vollkommen irreal vor. Die Distanz, die Zeit, alles. Das Einzige, was für einen kleinen Moment greifbar wird, ist das Gefühl von tiefer Zufriedenheit. Es ist geschafft, und ich wusste, dass es so kommen würde.

Die krasseste Sache an dieser ganzen Geschichte: Vor dem Marathon bin ich das letzte Mal am 23. September gelaufen, also vor über einem Monat.



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Istanbul — Es ist schon dunkel, als die Fähre vom Anleger in Beşiktaş ablegt zur Insel Galatasaray Adasi auf dem Bosporus, es ist Heiligabend. Auf dem Boot fährt der Wind kalt unter die zu leichte Kleidung. Die Laternen und erleuchteten Häuser auf der europäischen Seite Istanbuls werden langsam kleiner in der Nacht, die Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke spannt sich blau erleuchtet hinüber nach Asien. Vielleicht fünf Minuten dauert die Fahrt zu der künstlichen Insel, die dem Sportclub Galatasary Istanbul gehört und auf der Restaurants, Clubs und ein Pool im Olympiaformat liegen.

Es ist völlig einleuchtend gewesen, Weihnachten in diesem Jahr einfach ausfallen zu lassen – weil Weihnachten im Prinzip nur noch ein sinnentleertes Ritual darstellt, das das urmenschliche Bedürfnis nach Einkehr und Beisammensein in ein obsolet gewordenes Traditionskorsett zwingt – und stattdessen unter gut betuchter Istanbuler Gesellschaft den 50. Geburtstag der Frau eines türkischen Freundes der Familie zu feiern.

Dafür müssen wir nun, so stand es in der Einladung, mit einem Boot vom Anleger Ortaköy aus übersetzen.


Beyoglu
Beyoglu
Taksim, Istanbul


Auf der Galatasaray Adasi begrüßen uns die Gastgeber sehr herzlich. Die angemieteten Räumlichkeiten sind fein geschmückt, Kellner servieren schmackhafte Snacks und schenken ohne Unterlass Weißwein nach: Wir fühlen uns gleich sehr gut.

Nachdem wir mit einigen Gästen Konversation geführt haben, sagt der Sohn unseres Gastgebers, der in Istanbul eine österreichische Privatschule besucht, zu mir und meinem Bruder: Kommt tanzen mit mir und meinen Freunden. Und so tanzen wir. Der Cousin des Jungen kümmert sich regelmäßig um neuen Whisky: gute türkische Gastfreundschaft. Weltgewandtes Understatement, die an diesem Abend zunächst unbedingt aufzusetzende Grundgeste, schlägt schon nach kurzer Zeit in spontane Ausgelassenheit um.

Irgendwann tritt eine Frau in einem knappen schwarzen Kleid ans Mikrofon und interpretiert einige Popsongs. Fünf Damen führen mit venezianischen Masken eine Art Varieté-Theater zu Ehren der Gastgeber auf. Da nur türkisch gesprochen wird, können wir leider nichts verstehen, aber es wird viel gelacht und schließlich wieder viel getanzt, und das ist nie verkehrt.

Die anwesenden Society-Ehefrauen beobachten das Geschehen schmunzelnd von ihren Plätzen aus, in dem wohlwollenden Wissen, dass hier ein Privileg der Jugend zelebriert wird: die gedankenlose Ausgelassenheit, die keine Gedanken an den Morgen kennt.

Gegen Mitternacht verabschieden wir uns und fahren mit der kleinen Fähre zurück ans Festland. In der Lobby unseres Hotels am Taksim-Platz, dem Herzstück des Karaköy-Viertels, dessen Puls durch die Straßen bis herunter zum Wasser wabert, wird schnell klar: Es ist natürlich viel zu früh, um schlafen zu gehen, in dieser ersten Nacht in Istanbul an diesem heiligen Samstagabend.

Entlang der İstiklal Caddesi, die überall sozusagen als die letztmögliche Ausgehmeile gefeiert wird, nach der es keine Ausgehmeilen mehr geben kann, dröhnen die Bässe hinter den schmucken und gleichzeitig abgeranzten Fassaden. Die größte Ansammlung an Jugendstil-Häusern der Welt ist im Prinzip komplett von Musik durchsetzt, überall sind Menschen.

Mein Bruder und ich laufen erst einmal – ganz cool, ganz normal – ziellos umher, dann gehen wir in einen kleinen Club im ersten Stock und schauen uns die Menschen an, die zu mäßiger Popmusik trinken und tanzen, um dann wieder vor die Tür zu treten und weiterzuziehen. Das ganze Viertel muss man erst einmal auf sich wirken lassen: den beißenden Geruch der angebrannten Maronen in den Straßen, die heruntergekommenen Bars, die Gesichter der Nacht. Und deshalb laufen wir einfach umher und schauen.

Eine Journalistenkollegin zitiert in einer Reportage über Istanbul einen Werbetexter mit den Worten: »Wer in Taksim nicht gefeiert hat, der hat noch nie gefeiert.« Aus eigener Erfahrung ist diese These zwar zweifelsfrei zu widerlegen, aber in dieser Nacht wird klar, was die Dame damit gemeint haben könnte.

Irgendwann – es ist schon spät geworden – setzen wir uns zu Köfte und Reis für je neun Lira in einen Imbiss. Stille Nacht, heilige Nacht? Nein, nein wirklich nicht.


Beyoglu


Häufig ist es so, dass das Frühstück, wenn man von einem Ort zum anderen reist, einfach ausgespart wird, weil man erst einmal auf die Straße kommen, Fahrt aufnehmen, ein paar Kilometer machen möchte. Die Motivation dahinter ist, jede Form von Trägheit bereits im Keim zu ersticken und sozusagen gleich in den Fluss, in die Bewegung zu kommen, und dann kann man den Tag unmöglich mit, sagen wir, Toast mit Rührei und dick bestrichenen Brötchen beginnen.

Das Frühstück ist die Mahlzeit des Ankommens, nicht des Aufbruchs.

Verweilt der Reisende aber länger an einem Ort, kann er sich ohne schlechtes Gewissen dem frühmorgendlichen Gelage hingeben. Wir greifen zunächst zu hauchdünner Salami, Baguette, Schinken und einer Auswahl an wohlschmeckenden Oliven. Im zweiten Durchlauf folgt ein Omelette mit Tomaten, Käse und Paprika, und daraufhin ist es Zeit für würzigen Hartkäse, der sich am besten mit frisch aus den Waben gebrochenem Honig verköstigen lässt. Abgerundet wird alles mit frisch aufgeschnittenen Melonen und Orangen sowie knusprigen Waffeln. Der Ablauf dieses Frühstücks soll sich in den kommenden Tagen nur geringfügig ändern.

Draußen ist die Luft am Morgen sehr kalt und klar und verpasst der Stadt diesen Blaustich, den alle Städte haben, die am Wasser liegen, wenn dort im Winter die Sonne scheint. Für einen Dezember ist es in Istanbul ungewöhnlich frisch, die Temperatur liegt kaum über dem Gefrierpunkt.

Wir spazieren die İstiklal Caddesi herunter in Richtung Wasser. All die Spuren der Nacht sind nicht mehr zu sehen, vor ein paar Stunden standen hier überall Müllsäcke, es dampfte und zischte, nun ist alles sauber und ziemlich menschenleer. Aber es ist eben auch Sonntag.


Blick vom Galataturm


Vom Galataturm aus, der eine Viertelstunde vom Taksim-Platz entfernt liegt, sinnen wir eine Weile über die arrangiert erscheinende Asymmetrie des Istanbuler Stadtbilds nach: Die Konturen der Häuser, die Abschlüsse der Dächer und Fassaden verlaufen in seltsam harmonisch verschachtelten Diagonalen, so als sei die Linienführung kein Zufall, sondern als habe sie ein Maler in mühsamer Detailarbeit zwischen Wasser und Himmel gezeichnet.

Auf der Galatabrücke stehen wenigstens zweihundert Angler und pusten, geduldig wartend, ihren Atem in die klare Luft. Hier unten am Wasser sind nun doch viele Menschen unterwegs, wir machen uns auf den Weg zum Bootsanleger.


Galatabrücke
Galatabrücke
Galatabrücke


Was am ersten Tag in Istanbul gleich sehr deutlich wird: Die Stadt schert sich abseits der Hauptattraktionen nicht sonderlich um ihre Touristen, sie scheint sich noch nicht allzu sehr verstellt zu haben, und das ist immer sehr angenehm. Wenn der erodierende Prozess der Veränderung eines Ortes durch die Touristen nicht mehr aufzuhalten ist, wenn die wechselseitige Abhängigkeit, die stärker werdende Symbiose den Charakter eines Ortes unwiederbringlich verwischt hat, dann braucht man im Prinzip nicht mehr an diesen Ort zu reisen.

Am schönsten ist es deshalb dort, wo die Menschen einem Gast freundlich begegnen, sich aber ohne ihn auch nicht anders verhalten als sonst. So scheinen die Dinge in Istanbul zu stehen, aber vielleicht ist es auch so, dass die Stadt wirtschaftlich schon viel zu mächtig und selbstbewusst ist, um sich um die Befindlichkeiten westlicher Reisender mit Fotoapparat und Reiseführer zu kümmern, und das wäre auch nicht das Verkehrteste.

Wir gehen an Bord der Fähre von Eminönü über Üsküdar nach Karaköy, an Bord wird wie überall Çay serviert. Vom Marmarameer bläst ein frischer Wind über das Oberdeck. Möwen verfolgen das Boot und schieben sich vor die Sonne, schwebend, als habe sie jemand in die Luft geheftet.


Bosporus
Bosporus
Bosporus


Zweite Nacht in Istanbul, Leb-i Derya, İstiklal Caddesi. Der Blick fällt durch die Glasfront im sechsten Stock über das Galataviertel und den Bosporus zur Hagia Sophia, zur Sultan-Ahmed-Moschee – der berühmten Blauen Moschee – und auf die asiatische Seite Istanbuls. Die Fensterfront öffnet die Sicht auf die Lichter der nächtlichen Stadt wie ein Weitwinkelobjektiv.

Das Restaurant selbst ist in Weiß gehalten und genau in der richtigen, weil nicht zu aufdringlichen Helligkeit beleuchtet. Die rückseitige Bar ist leicht erhöht, zum Weißwein werden standardmäßig Nüsse gereicht. Passend zum nicht ganz besten, aber doch ziemlich beeindruckenden Ausblick auf die Stadt kann sich der Reisende hier in tollstem Upper-Class-Chic die Zunge geschmeidig trinken. Und genau dies, so viel muss man einräumen, tun wir an diesem Abend auch. In der Ecke steht ein mit Goldlametta geschmückter Tannenbaum, es ist ja noch Weihnachten.


Bosporus


Als es schon nach Mitternacht ist und kaum mehr Menschen auf den Straßen sind, da laufen wir in Richtung Hotel und hören plötzlich deutsche Stimmen: vier Jungen aus Potsdam, allesamt mit dieser avantgardistisch anmutenden Undercut-Scheitelfrisur, der anrasierten Popperwelle, die man zuerst in Skandinavien sah und irgendwann natürlich in jeder Berliner Ramschbar zwischen Prenzlauer Berg und Neukölln.

Wir kommen aus dem tollen Nullanlass des Aneinandervorbeigehens und Betrunkenseins ins Gespräch, und dann sind da noch zwei türkische Mädchen und zwei türkische Typen, die sich dazuschalten und ein bisschen schwadronieren, es wird palavert und gescherzt, das Ergebnis: Man beschließt, noch gemeinsam eine Bar aufzusuchen und einen zu trinken.

Die Deutschen erzählen nun, beim Gang durch die Gassen von Beyoğlu, wie sie an ihrem gestrigen ersten Abend in Istanbul gleich von zwei sehr freundlichen Herren auf der Straße in ein Etablissement eingeladen werden, das verspricht ganz besonders reizend zu sein, wie die Männer beteuern. Dort angekommen gibt es ganz viel zu trinken und ganz viel zu rauchen, und irgendwann kommen Damen hinzu und tanzen. Als Entlohnung für dieses zweifellos unterhaltsame Programm soll jeder der Gäste am Ende den wirklich absolut gerechtfertigten Obolus von 400 Lira entrichten, rund 170 Euro pro Person.

So wurden die Deutschen also – irritiert, hilflos feilschend, viel zu schwachbrüstig – gleich nach ihrer Ankunft in der Stadt generalstabsmäßig ausgenommen. Das scheint ihre Laune aber nicht nachhaltig getrübt zu haben: Sie laufen und lachen und reden an diesem Abend viel zu laut irgendwelchen Blödsinn.

In einer kleinen Kaschemme in einer sehr abschüssigen Straße findet sich noch eine offene Bar, doch die vier Potsdamer haben sich wohl mehr versprochen, sie gehen irgendwann nach Hause. »Actually I didn’t like those Germans«, sagt später Aisha, eine der Türkinnen, in die alkoholgeschwängerte Konversation hinein. Mein Bruder und ich können nur zustimmen.


Hagia Sophia


Der nächste Morgen, immer noch bestes Wetter, knallharter Sightseeing-Tag: Die nicht zu leugnende Maßlosigkeit der Sultane lässt sich am besten am Goldenen Horn im Topkapı-Palast bestaunen, der fast 400 Jahre lang die administrative Schaltzentrale des Osmanischen Reiches war und einen gewaltigen Harem einschloss.

Dort können Besucher etwa den aus dem Film Topkapi berühmten gleichnamigen Dolch mit seinen drei Smaragden bestaunen oder den Löffler-Diamanten, der zu den größten der Welt gehört und von 49 weiteren Steinen umrahmt ist. Ansonsten gibt es allerlei mit unzähligen Juwelen verzierte Trinkgefäße, Schalen und Wasserpfeifen zu sehen oder auch den mit Perlmutt und Elfenbein verzierten Thron Sultan Murats IV., der aus Ebenholz geschnitzt ist.

Weil aber ab einem gewissen Zeitpunkt das Bedürfnis nach einem Kaffee stärker ist als der Reiz ungezählter Reichtümer aus einer vergangenen Zeit, machen wir uns bald auf zur Hagia Sophia und lassen uns in einem Straßencafé nieder. Die Sonne erreicht nun, gegen Mittag, gerade die Strahlkraft, die längeres Sitzen im Freien zulässt, aber das ist mehr ein psychologischer Effekt, hinter uns steht ein Heizstrahler.

Am Nachmittag ziehen wir vor der Sultan-Ahmet-Moschee die Schuhe aus, um im Innern wenigstens für ein paar Minuten die Vielzahl an blau-weißen Fließen zu betrachten, die dem Gotteshaus den Namen Blaue Moschee eingebracht haben. Es lässt sich nicht leugnen, dass das weiß-graue Gestein, aus dem die Moschee gebaut ist, eine gewisse Erhabenheit und auch eine gewisse Macht widerspiegelt. Es erscheint zumindest möglich, dass sich die Kulissenmeister und Grafiker der Herr-der-Ringe-Verfilmung die Architektur der Menschenstadt Minas Tirith von der Blauen Moschee abgeguckt haben.

Auf der Rückseite, die dem Marmarameer zugewandt ist, hacken sich derweil zwei Gockel im Zweikampf das Gefieder blutig. Irgendwann kommt ein Mann hinzu, flucht erzürnt und trennt die Streithähne.


Blaue Moschee


Die Straßen oben in Eminönü am Goldenen Horn, die von der Hagia Sophia und der Blauen Moschee überragt werden, liegen jetzt schon im Schatten, als dieser bestimmende Wunsch aufkommt, der Sonne beim Untergehen zuzuschauen. Wir suchen also rasch einen Weg durch die Gassen, es geht vorbei an kleinen Hotels, in denen man am liebsten sofort wieder einen Kaffee getrunken hätte, aber die Zeit drängt.

Auf der Terrasse einer Privatschule, von deren Betreten uns niemand hindert, lässt sich schließlich über eine steinerne Brüstung weit über das Marmarameer schauen, auf dem die Frachtschiffe im orangen Licht der untergehenden Sonne da liegen wie nach einem Flottenmanöver. In unserem Rücken ist der Himmel tiefgrau, die Häuser zwischen dem Wasser und der Terrasse leuchten. Dann wird es laut.

Erst tönt es aus den Lautsprechern nur eines Minaretts, eine zweite Moschee antwortet, und irgendwann liegt das ganze Viertel im Schall des theatralischen Singsangs.

Man hat davon ein Bild, das aus Wörtern, aus Zeitungsartikeln und Büchern stammt: der Ruf des Muezzins zum Gebet, ein bisschen exotisch, eigentlich abgedroschen. Jetzt ist da aber dieses glutrote Meer, die gelbe Stadt, der graue Himmel, und es kommt einem so vor, als verstünde man zum ersten Mal wirklich, was es auf sich hat mit dem Gebetsruf.


Eminönü
Eminönü
Eminönü


Am letzten Tag besuchen wir die alte Zisterne, den Versunkenen Palast aus der Spätantike, der westlich von der Hagia Sophia unter der Stadt liegt und aussieht wie die Minen von Moria, und da ist man wieder beim Herr der Ringe.


Cisterna Basilica

Was lässt sich nach einem kurzen Weihnachtsaufenthalt nun Genaues, Pointiertes über diese irre große, nicht zu fassende Metropole Istanbul sagen?

Es fühlt sich so an, als könnte man ohne Probleme länger hier bleiben und sich wohlfühlen oder eben, wenn das nicht geht, häufig wiederkommen, zum Beispiel im Sommer. Man hat das Gefühl, die Stadt ist authentisch. Sich immer wieder hinsetzen und Tee trinken, Kaffee, eine Kleinigkeit essen: total entspannt.

Ein Vorurteil zerstreut sich am letzten Tag auf dem großen Basar: Man wird überhaupt nicht von der Seite bequatscht, von wahnhaft dreinschauenden Verkäufern mit leuchtenden Euros in den Augen, man kann einfach herumspazieren und sich umschauen. Wir kaufen eine Wasserpfeife aus Keramik, Tabak und in einem Schuhgeschäft noch zwei Paar Wildlederschuhe: dunkelbraun und graublau, gefüttert, unschlagbar günstig.

Letzter Abend auf der İstiklal Caddesi. Rechts in eine Gasse abbiegen, dem Gespür für einen guten Laden folgen, reinsetzen.

Mein Bruder und ich versuchen uns an der hohen Kunst des türkischen Müßiggangs: Tee trinken, Wasserpfeife rauchen, plaudern. Schweigen, nur noch rauchen, weiterreden, noch ein Tee. An diesem letzten Abend muss nichts mehr passieren. Die Polster werden immer gemütlicher, der Qualm dichter. Man schält sich so schön ein in die Kissen. Man liegt mehr, als dass man sitzt.

Rauchen, das ist so etwas, das man niemals in Hektik tun sollte, auf keinen Fall auf dem Sprung »noch schnell eine rauchen«, ein ganz verkehrter Ansatz. Wir ziehen den Rauch ein und lassen ihn raus, er liegt dann unbewegt zwischen den Luftschichten im Raum.

Irgendwann, nach zwei Stunden, wird die Harmonie kurz gestört: Eine borstige Ratte trippelt durch den Flur ins Hinterzimmer, der Besitzer des Cafés ruft zur Jagd. Die etwas schreckhaft agierenden Männer springen jedoch immer gleich kopflos auf die Stühle, wenn das Nagetier von einer Bank unter die nächste huscht, um sich vor seinen Häschern zu verstecken. Als man die Katze im Zimmer niedersetzt, flüchtet diese panisch nach vorne, als wollte man ihr das Fell abziehen.

Irgendwann kann ein Mann die Ratte mit einem Besen erschlagen, sie wird auf einem Handfeger entsorgt. In das Lokal kehrt wieder Ruhe ein, wir kriegen neue Kohle für unsere Pfeife. Ein Tee geht noch.


Blaue Moschee
Blaue Moschee



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Berlin — Sie haben alle vor dem Regen gewarnt. Hart könne es da werden, und die Wegstrecke sich ganz schön in die Länge ziehen. Auf meinen Schultern landen Wassertropfen, die das Royalblau des Oberteils dunkler färben, bis sie ganz im Stoff zerlaufen sind und sich der Unterschied zwischen trockenen und nassen Stellen langsam aufhebt.

Mein Bruder und ich finden keine Plastiktüte. Irgendwo werden sie verteilt, aber wir sehen niemanden.

Das Profil der Sportschuhe will sich nicht so recht mit der Beschaffenheit des Kopfsteinpflasters arrangieren. Ich habe das Gefühl, ein wenig ungelenk und wackelig zu laufen, Richtung Startlinie.

Die Stadt schläft noch, nur die Läufer nicht. Regen sammelt sich in den Pfützen, die noch in Laub stehenden Bäume tragen einen Dunstschleier: Ein grauer Tag hängt über dem Regierungsviertel. Die Luft ist nasskalt, sie ruft nach der Schutzzone Bett, nach Regenprasseln am Fenster, nach Verkriechen und Verharren, bis die Wolken verschwinden. Es ist wirklich düster und regnerisch an diesem Tag in der Hauptstadt, und auch das Gemüt ist irgendwie bedeckt und trübe.

Es scheint heute darum zu gehen, für etwas zu laufen oder vielleicht auch gegen etwas an, das ist noch nicht klar abzusehen. Es ist der Wunsch, durch das Laufen so etwas wie Gewissheit zu bekommen, dass bestimmte Dinge auf jeden Fall möglich sind, dass sie zu schaffen sein werden, wenn man nur lange genug durchhält.

Wir sind schon seit zwei Stunden wach, feiner Regen weht uns ins Gesicht. Wir haben endlich Plastiktüten gefunden, wir werden also nicht mehr durchnässen, bevor wir loslaufen können.

Ein nicht endender Menschenstrom schiebt sich über die Wege des Tiergartens, wir reihen uns ein. Auf der breiten Prachtstraße des 17. Juni soll der Lauf beginnen, mit eben so viel Glanz und Glorie, wie es das Wetter an einem solchen Tag erlaubt. Musik aus großen Lautsprechern versucht, die Läufer in Stimmung bringen. Der Ton ist grell und laut, er tut in den Ohren weh.

Die Menschentraube kommt zum Stillstand: Zeit, sich zu sammeln.

Der Start ist immer Euphorie. Noch spürt man die Beine nicht. Aber das Wissen darüber, was vor einem liegt, kann man an diesem Morgen in den Gesichtern der anderen Läufer ablesen.

Es ist immer so, dass der Kopf sich der gesamten Entfernung von 42 Kilometern bewusst ist, gleichzeitig wird diese Distanz sofort in kleine Wegstrecken zerlegt, die alles einfacher machen sollen. Die Bewegung durch Raum und Zeit erfolgt immer in Bezug auf zwei Fokuspunkte, das ist wichtig. Wer sich stets die gesamte Distanz vor Augen führt, wird vermutlich aufgeben, weil die Herausforderung dann zu etwas Unüberwindbarem anwächst. Wer aber ausschließlich das betrachtet, was sich unmittelbar vor ihm befindet, ohne sich die gesamte Entfernung zu vergegenwärtigen, der wird ebenso scheitern, weil er auf die tatsächliche Herausforderung nicht vorbereitet ist. Das Verhältnis zwischen diesen zwei Bezugspunkten handelt jeder auf seinem Weg in emotionaler und rationaler Hinsicht fortwährend neu aus.

Der Startschuss ertönt, aber es bewegt sich nichts. Zu viele Menschen sind auf der Bahn, es dauert eine Weile, bis auch unserer Block sich in Bewegung setzt. Ganz vorne laufen die Afrikaner, die nach knapp über zwei Stunden im Ziel sein werden, wir sehen sie nicht.

Mein Bruder und ich halten ein Tempo. Es fällt schwer, sich in dem Pulk aus Läufern nicht aus den Augen zu verlieren.

Wir wussten beide um das, was hier vor uns liegen würde, in seinem erst einmal abschreckenden Ausmaß, und es ist trotzdem so, dass man sich auf den ersten Metern eines Marathons noch einmal klar machen muss, dass man tatsächlich gerade losgelaufen ist: Auf einmal ist es soweit.

Unser Tempo ist recht zügig, zumindest nicht so gemächlich, wie man angesichts der Strecke vermuten könnte. Nach jedem Kilometer steht ein Schild, das am Anfang zeigt, wie viel schon geschafft ist, und später dann, wie weit man noch laufen muss. Das ist aber auch austauschbar, letztendlich entscheidet die eigene Wahrnehmung.

Ich bin klar im Kopf, motiviert und voller Hoffnung, die ersten Schilder rauschen vorbei. Früh trinken ist wichtig, wir beherzigen das. Schon sind zehn Kilometer geschafft, und es erscheint fast, als sei man gerade erst losgelaufen. Ein beruhigendes Gefühl: Das alles ist machbar, man kann es doch schaffen.

Die blaue Plastiktüte reiße ich mir beim Laufen vom Körper, sie landet auf dem Bürgersteig. Vor dem Regen haben sie alle gewarnt, und wie hart es da werden könne, aber was zählt, ist das eigene Gefühl. Die Tropfen stören nicht, nass ist man ohnehin. Was ändert es also?

Die Warnung vor dem Regen ist das Urteil der Mutlosen, die sich morgens wieder in den Federn verkriechen, wenn der Tag grau zu werden scheint, und die Herausforderung zu beschwerlich.

Noch ist alles leicht.

Die Kilometerzahlen sind jetzt schon zweistellig, ich laufe noch einmal schneller. Mein Bruder bleibt etwas zurück und irgendwann, als ich mich umdrehe, ist er nicht mehr hinter mir. Wir laufen heute exakt die gleiche Route, aber eigentlich sind es ganz unterschiedliche Wege. Er wird es schaffen, da bin ich mir sicher.

Endorphin und Adrenalin durchströmen den Körper und machen die Beine federleicht. Noch. Das erste Viertel des Weges geht schneller vorbei als gedacht, aber es ist eben diese verflixte Sache mit den Bezugspunkten. Als nackte Zahlen sind sie starr, doch alles, was zwischen ihnen und mir geschieht, ist Kopfsache. Sie können in weite Ferne rücken. Lief man eben noch beschwingt und leichtfüßig, tritt kurz darauf eine erste Erschöpfung auf, und die Bewegung verlangsamt sich wie durch einen unsichtbaren Schleifklotz gebremst.

Ich bewege mich, ich bleibe nicht stehen. Das ist die einzige Möglichkeit, um die Ziellinie zu erreichen.

Das Laufen wird anstrengender. Ich verspüre keine plötzliche Erschöpfung, keine unsichtbare Wand, an der es auf einmal nicht mehr weitergeht. Nur die Beine schmerzen immer mehr, und es erfordert stetig mehr Überwindung, nicht doch einfach stehen zu bleiben.

Auf der Etappe zwischen Kilometer 20 und 30 entscheidet sich, mit welcher Energie man das letzte Viertel des Weges laufen wird.

Ich fühle mich gut, ich akzeptiere, dass es mühsam ist. Die Beine werden immer hölzerner und verlieren ihre Agilität. Der Blick reduziert sich auf das Ende eines hell erleuchteten Tunnels.

An den Getränkeständen wechseln sich Wasser und Elektrolyte ab. Die Trinkpausen sind kurze Momente des Innehaltens, und vielleicht des Zweifelns, man muss sich schnell von ihnen losreißen, alles andere macht es nur schwerer.

Ich erreiche Kilometer 35. Der Pulk an Läufern entzerrt sich über die gesamte Distanz nicht, es sind einfach zu viele Menschen auf der Strecke.

Je länger der Lauf dauert, umso reduzierter wird die Wahrnehmung.

Die aufgescheuerte Blase an der Innenseite des rechten Fußes merke ich nicht. Nur die schrillen Tröten am Streckenrand schmerzen in den Ohren, auch wenn sie gut gemeint sind.

Die Kilometer ziehen sich jetzt. Der Blick sucht immer wieder das nächste Markierungsschild. Glücksgefühle, wenn es erscheint. Einen Schritt vor den anderen zu setzen, das Einfachste also, wird das Schwerste.

Was lehrt der Schmerz den Menschen?

Vermutlich, dass man Strapazen und Mühen in Kauf nehmen muss, um die Dinge zu erreichen, für die es sich wirklich lohnt. Für die es sich lohnt, seinen Ängsten ins Gesicht zu schauen.

Immer nur den einfachsten Weg zu gehen, ist oberflächlich, hat einmal ein Freund zu mir gesagt. Ich glaube, das ist richtig. Wer immer den einfachsten Weg geht, kratzt nur an der Oberfläche menschlichen Erlebens, menschlicher Emotionen, des Lebens selbst.

Ich laufe jetzt über die Leipziger Straße: Kilometer 39, das Ende ist nahe. Die Geräusche werden lauter. Jetzt steigt wieder Euphorie im Körper hoch. Eine letzte Biegung, und schon folgt die Zielgerade.

Die Frage, wie man es tatsächlich geschafft hat, am Ende diesen Punkt zu erreichen, wird rasch abgelöst von dem Glücksgefühl, dass es wirklich so gekommen ist. Dass man wirklich durchgehalten hat.

Nach einem letzten Endspurt erreiche ich die Ziellinie. Um mich herum weinen Menschen vor Freude und Erschöpfung gleichermaßen, und auch ich bin zu Tränen gerührt. Die Frage, ob die Entbehrung sich gelohnt hat, stellt sich nicht mehr. Ich humpele an den Zuschauern vorbei.

Erst jetzt erinnere ich mich, dass es während des Laufs fast die ganze Zeit geregnet hat.


Informationen:..www.bmw-berlin-marathon.de



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Es sei der wundervollste Anblick gewesen, der sich ihm je in Afrika geboten habe, hat David Livingstone einst über die Victoriafälle geschrieben. Da wir nicht wissen, ob er jemals hoch oben von den Ruinen von Great Zimbabwe die Sonne über dem weiten Land des späteren Süd-Rhodesiens untergehen sah, muss diese Aussage erst einmal für sich stehen. In jedem Fall erwartet den Reisenden am Cataract Point im Victora Falls National Park in etwa folgende Szenerie: Von links und quasi direkt hinter der hölzernen Absperrung stürzt der gewaltige Sambesi hinein in eine 108 Meter tiefe Schlucht, und zwar über eine Bruchkante von 1700 Metern, deren Ende man von Westen schauend durch die bis zum Himmel aufsteigenden Gischt nur erahnen kann. Die Hänge der Kluft sind mit sattgrünen Pflanzen bewachsen, und wenn man Glück hat, wird das eintönige Blau des Himmels obendrein durch weiße Wolkenkissen zerstreut. Als ob das noch nicht genug Eindrücke für die Augen wären, ziehen sich durch das viele Wasser in der Luft eigentlich zu jeder Zeit die Spektralfarben eines oder gleich mehrerer Regenbögen über die Fälle. Man möchte Livingstone nun doch irgendwo zustimmen.

Aufgebrochen zu diesem Spektakel waren wir am Morgen in eben jener Stadt, die nach dem Entdecker benannt ist, und zwar in Livingstone in Sambia. An der Grenze zu Simbabwe zog jemand ein dickes Bündel Simbabwe-Dollar aus der Tasche. Durch eine höchst unglückliche Fiskalpolitik der Regierung unter Diktator Robert Mugabe hatte die Inflationsrate in Simbabwe im Juli 2008 nämlich einen Wert von 231 Millionen Prozent erreicht. Sie wuchs danach weiter, auch wenn keine offiziellen Zahlen mehr veröffentlicht wurden. Im November des gleichen Jahres verdoppelten sich die Preise mit jedem Tag. Die Wirtschaft kollabierte endgültig, und obendrein breitete sich die Cholera zu einer nationalen Epidemie aus. Nur drei Monate später, im Januar 2009, wurden ausländische Währungen endlich offiziell zugelassen, der ohnehin wertlos gewordene Simbabwe-Dollar schied aus, und seitdem wird der Zahlungsverkehr in Devisen abgewickelt. Die Farce hatte ein Ende. Nur an den Fällen stehen sie immer noch, die Händler und verkaufen lustige Scheine mit neun Nullen – als Souvenirs.


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Livingstone Bridge.


Von der stählernen Livingstone Bridge, die von »Zam« nach »Zim« führt, kann man mit einem Bungee-Seil an den Füßen in den Regenbogen hineinspringen, der sich unter der Brücke über dem Strom aufspannt. Der Sambesi fließt an dieser Stelle, nachdem er die Fälle hinter sich gelassen hat und nun in eine enge Schlucht gezwängt ist, mit ansehnlicher Geschwindigkeit. »You are now entering Zimbabwe«, steht auf einem Schild, und man legt 30 Dollar für ein Visum auf den Tisch, um dieses in den westlichen Nachrichten so verrufene, autokratische Land zu betreten, das unter den Staaten, deren Entwicklungsniveau im Human Development Index der Vereinten Nationen gemessen wird, in 2010 mit Rang 169 noch den letzten Platz belegt hatte. Nach Hyperinflation und Staatskrise ging es nun, so war auf der Webseite des Auswärtigen Amtes zu lesen gewesen, wieder etwas aufwärts. Das Warenangebot habe sich verbessert, auch wenn Treibstoff noch knapp werden könne und beim Reisen gelegentlich mit Einschränkungen zu rechnen sei. Die Versorgung mit elektrischem Strom und Trinkwasser sei beispielsweise nicht flächendeckend gesichert. Alles ganz normal also.

Victoria Falls Town, Simbabwe. Im Gegensatz zu Livingstone, drüben in Sambia, wirkt die Touristenstadt unweit der Fälle wie ein heruntergekommenes Nest. Zwar haben sich einige Luxusresorts am Stadtrand angesiedelt, innerhalb des Ortes passiert in der Regel aber wenig bis überhaupt nichts. Es sind generell nur wenige Menschen auf den Straßen zu sehen, dafür gibt es mehrere Banken und ein internationales Krankenhaus, was aber, wie gesagt, einzig dem Umstand Rechnung trägt, dass die meisten Touristen, sofern sie denn überhaupt einen Fuß auf simbabwisches Staatsgebiet setzten, nach Victoria Falls kommen, um sich mit einem klimatisierten Reisebus bis vor die Tore des Nationalparks fahren zu lassen. Kostengünstige Logis bietet das Victoria Falls Backpackers, in dem bei unserem Besuch keine anderen Reisenden anzutreffen waren.

Es sei Nebensaison, erklärte Roger, ein junger Angestellter, während auf dem kleinen Herd im Freien eine scharf gewürzte Tütennudelsuppe vor sich hin kochte. Entgegen meiner Mutmaßungen äußerte Roger unverblümt seine Abneigung gegenüber Robert Mugabe, der zwar seit 2008 gezwungen war, in einer Koalition mit der verfeindeten MDC zu regieren, jedoch in beständiger Regelmäßigkeit Mitglieder dieser Oppositionspartei ins Gefängnis werfen ließ. »You cannot keep all the power for yourself.« Damit ließ sich das ganze Dilemma, welches die Geschichte Simbabwes seit der erfolgreichen Unabhängigkeit 1980 umtreibt, eigentlich ziemlich genau auf den Punkt bringen. Noch in diesem Jahr, in 2011, sollte es Wahlen geben, aber ob und wann, das war bis dato nicht ausgemacht. »It will be violent«, soviel jedenfalls könnte man schon definitiv sagen.

Dann zückte Roger sein Handy, wählte im Menü den Unterpunkt »date and time« und bekam eine Auswahl an Weltzeiten aufgelistet. Das hatte ihn lange Zeit ungemein verwirrt. Er habe sich nie vorstellen können, so erzählte er, dass es an mehreren Orten der Welt im gleichen Moment unterschiedlich spät ist. Jedwede Versuche, mit beschränktem astrologischen Schulwissen etwas Licht ins Dunkel zu bringen, scheiterten. Den endgültigen Beweis hatte Roger aber ohnehin ein Video-Chat geliefert. »I saw the sun going down behind my friend, and I was like wowowo…«

Unser erster Tag in Simbabwe war noch zu jung, um ihn mit endlosem Herumhängen in einem ausgestorbenen Backpacker-Resort zu verbringen, und so hatten wir uns eben noch auf den Weg in den Nationalpark gemacht, um die Victoriafälle zu sehen. Auf dem Weg dorthin machte der Taxifahrer einen kurzen Zwischenhalt am Baobab Tree, einem mächtigen, knorrigen Baumgewächs von gewaltigen Ausmaßen. Vor dem Parkeingang verkauften Händler Wasserflaschen für lächerliche drei Dollar das Stück. Der Park sieht erst einmal sehr unspektakulär aus, allerdings nur, bis man Ausblick auf die Fälle bekommt. Am Danger Point empfiehlt es sich, bei aller Begeisterung ob der schier nicht real erscheinenden Szenerie, auf die regelmäßig über dem steinernen Weg niedergehende Gischt zu achten. Zuletzt ist man sonst gezwungen, sich vollkommen durchnässt nach vorne zu beugen, um die in einer Plastiktüte befindliche Fotokamera mit der Masse des eigenen Oberkörpers gegen den monsunartigen Niederschlag zu schützen. Das sieht ohne Zweifel ziemlich dümmlich aus.


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Victoria Falls National Park.


Langsam wurde es Abend im Park, Affen hüpften von Ast zu Ast, wir trockneten im orangegelben Sonnenlicht. Zurück in Victoria Falls Town kreuzten mitten in der Stadt wilde Warzenschweine die Straße. Der Seven Eleven hatte nur wenig Auswahl an Lebensmitteln. Wir bekamen südafrikanische Rand herausgegeben, in Simbabwe gibt es keine Dollarmünzen, so behelfen sich die Menschen einfach mit zwei Währungen. Es war allerdings nie ersichtlich, wie viele Rand nun genau einem Dollar entsprachen, und allem Anschein nach wurde das von Landesteil zu Landesteil unterschiedlich gehandhabt. Ein schmackhaftes Abendessen ließ sich in dem Supermarkt jedenfalls nicht finden. Zum Glück existiert in Simbabwe ein zuverlässiges Netz an Filialen eines Dreigespanns aus Pizza Inn, Chicken Inn und Creamy Inn, so auch in Victoria Falls. Die Versorgung war für das Erste sichergestellt, am Morgen würde es weitergehen, weg von dem Touristenort, weg von den rauschenden Wasserfällen und den Regenbögen darüber, hinein in das Land, auf dem dieser düstere Schatten lag. Nach dem Essen gab es Kaffee im Pappbecher, ein Taxi brachte uns zurück in die Lodge.


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Weiße Villen über dem Meer, perfektes Licht. Auf Santorin finden Urlauber die Kulisse für romantische Traumbilder, die vehement nach einer Darstellung verlangen. Am schönsten ist es auf der Kykladen-Insel im Herbst.

Der Tag beginnt mit einem Terrassenfrühstück unter wolkenlosem Himmel. Mittags suchen wir bei mehr als 25 Grad den Schatten auf. Wenn die glutrote Sonne dann im Ägäischen Meer versunken ist, reicht ein leichter Pulli gegen die Abendkühle. Es ist Anfang Oktober, und auf Santorin drängt sich der Sommer noch einmal derart überzeugend auf, dass man das Gefühl bekommt, hier ginge er nie zu Ende. Eine durchaus willkommene Illusion.

Doch die Saison ist fast vorbei. Jetzt, da die Touristen in angenehm dosierter Zahl zwischen den blütenweißen Häusern umherspazieren, ist es auf der allzu bekannten Kykladen-Insel vielleicht am schönsten.

Santorin ist ein Sinnbild. Für mediterrane Leichtigkeit, die angesichts der Preise oft nur sehr exklusiv zu haben ist. Und für Romantik. Die Kulisse der Insel ist so pittoresk, als wäre sie allein für ein kitschiges Gemälde entworfen worden. Eine Verheißung für Honeymooner und alle Menschen, die sich lieben oder das zumindest glauben und dafür noch die passenden Bilder brauchen. Santorin liefert.





Der Vulkanarchipel erhielt seine Form, als er um 1525 vor Christus nach einem Ausbruch von einer gewaltigen Flutwelle überspült wurde. Übrig blieb die Caldera, der gewaltige Kegel aus schwarzem Gestein. Der Hauptort Thira liegt direkt am Rand einer 300 Meter hohen Wand, die steil zum Meer abfällt. Die Häuser wurden auf die Felsen gesetzt wie Juwelen auf eine Krone. Im Mittagslicht strahlen sie so gleißend, dass die Augen schmerzen. Doch der berühmte Sonnenuntergang taucht sie in ein sanftes Licht. Das Schauspiel vollzieht sich jeden Abend, Einheimische und Besucher halten dann inne. Es verwundert kaum, dass die Phönizier die Insel »Kalliste« nannten – die Schönste.

Noch etwas charmanter als Thira – auch Fira genannt – ist Oia im Norden. Dort befindet sich der wohl beste Aussichtspunkt: die Ruinen des Venezianer-Kastells Argyri. Abends warten an dieser Stelle Dutzende auf die goldene Stunde, und das nicht umsonst.

Wer die große Inszenierung der Natur privat genießen will, muss etwas tiefer in die Tasche greifen. Ein Zimmer in einem Boutique-Hotel oder Apartment mit Blick auf die Caldera kostet gut und gerne 300 Euro pro Nacht und mehr. Für die Filetgrundstücke mit Panoramaaussicht gibt es schließlich nur begrenzten Platz. Überhaupt ist Santorin ein Ziel für Menschen mit Geld. Und für solche mit richtig viel Geld.

Die Oberschicht der asiatischen Wohlstandsgesellschaften kommt auf einer Reise durch Europa gerne auf das griechische Eiland. In Südkorea haben sie eine Kopie von Santorin errichtet, für Hochzeitspärchen, die sich den teuren Trip in die Ägäis nicht leisten können. Die Chinesen sind verrückt nach der Insel, seit der Kassenschlager »Beijing Love Story« in Teilen hier gedreht wurde. Man kann versuchen, die Preise der Handtaschen zu schätzen. Céline: 2000 Euro. Chanel: 4000 Euro. Hin und wieder eine Birkin Bag von Hermès: ab 12 000 Euro aufwärts.





In den schmalen Gassen in Thira und Oia gibt es neben Restaurants mit sechssprachigen Speisekarten vor allem Boutiquen und Juweliere. Eine schlichte schwarze Lederjacke für 1200 Euro? Für viele Gäste ein ganz normales Mitbringsel.

Beruhigend ist, dass man Santorin auch als Normalverdiener genießen kann. Dafür wählt man am besten eine Ferienwohnung abseits der erstbesten Lagen. Die schönsten Dinge auf Santorin sind ohnehin kostenlos, zum Beispiel die Wanderung entlang des Kraters von Oia nach Thira im Abendlicht. Oder der schwarze Strand von Perissa, wo es sich bei 22 Grad Wassertemperatur auch im Oktober noch hervorragend baden lässt. Es muss auch nicht gleich der Hummer in einem der Restaurants in der Ammoudi-Bucht sein. In zweiter oder dritter Reihe finden sich in Oia viele Lokale mit guten wie günstigen Speisen. Wir empfehlen »Melitini«. Und der Sonnenuntergang gehört sowieso jedem.

Ein Herbsturlaub auf Santorin kann also sehr bodenständig sein. Es braucht nicht viel außer der Sonne, der Wärme und dem Meer. Freilich könnte man dafür auch auf eine andere griechische Insel reisen. Aber am Ende ist es natürlich doch dieses Bühnenbild aus weiß getünchten Häusern und Kirchen und blauen Kuppeldächern am Rand des Vulkankraters, das einen Besuch auf Santorin so verlockend macht.

Auf den blank geputzten Wegen und vor kleinen Balustraden stehen Touristen und versuchen, sich gegenseitig ins rechte Licht zu rücken, euphorisiert beinahe, als könnten sie nicht glauben, plötzlich Teil dieses Ortes zu sein. Die Inszenierung ist harte Arbeit.

In den Lokalen wird der Kaffee lauwarm, weil die Tasse noch einige Minuten für das perfekte Instagram-Foto zurecht geschoben wird. Auch würde es vieles vereinfachen, wenn man die besten Selfie-Spots durch Markierungen am Boden auswiese, mit einigen fotografischen Hinweisen. Doch bis das passiert, wird man weiter Männer aus der halben Welt mit teuren Spiegelreflexkameras beobachten können, die ihre Frauen in der harten Mittagssonne zu porträtieren versuchen.
Mit Blitz.

Auf Santorin glaubt man, dass die touristische Wahrnehmung allein durch Phantasie und Projektionen geprägt ist. Auf dieser Insel sucht niemand das »authentische Griechenland«, das wäre lächerlich. Santorin ist ein ultimativer Sehnsuchtsort, wo Urlauber – wie formulierte es einmal jemand so schön – der Wirklichkeit ihrer Träume auf den Grund gehen. Hier stellt sich die Frage, wie lange eine Illusion trägt, wenn sie sich fortwährend durch die passende Kulisse bestätigt.





Doch viele kommen nur kurz auf die Insel, für eine Cola und das perfekte Foto. An manchen Sommertagen drängen rund 70 000 Touristen durch die Gassen. Die Insel will ihre Zahl begrenzen, es wird einfach zu viel. Selbst im Oktober liegen häufig noch drei Kreuzfahrtschiffe nebeneinander vor der Insel. Doch der große Besucheransturm ist dann vorbei. Die Airlines haben ihre Charterflüge bis zum nächsten Frühjahr eingestellt. Sehr bald schließen so gut wie alle Restaurants und Geschäfte.

Kommt dann überhaupt noch jemand? Die Besitzerin einer Boutique in Oia antwortet politisch inkorrekt, indem sie ihre Sonnenbrille anhebt und mit den Fingern ihre Augen auseinanderzieht: Asiaten. Sie mögen keine Sonne, und ins Meer gehen sie auch nicht. Das leuchtet ein, denkt man, doch im Winter gibt es wahrlich bessere Reiseziele. Und der Sommer auf Santorin ist schließlich lang genug.

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Dahab, Sinai-Halbinsel. Hinter den Bergen Arabiens steigt die Morgensonne auf. Ich bin unterwegs, wieder einmal. Eine wahnsinnige Szene. Reisen macht glücklich? Ich glaube nicht. Aber das ist gar nicht schlimm.

Reisen macht nicht glücklich. Das ist die wichtigste Erkenntnis über das Reisen, die ich im vergangenen Lebensjahr gewonnen habe. Es klingt ziemlich negativ, das so zu sagen. Dabei ist es gar nicht so gemeint.

Ich bin vergangenes Jahr viel gereist: in den Libanon, nach Südamerika, nach Japan und Südkorea, nach Finnland oder Sierra Leone. Ich hatte die Möglichkeiten dazu. Je öfter man reist, umso selbstverständlicher wird es. Das ist ganz natürlich. Das gilt für alles, was man im Leben tut.

Ich habe mir in der sogenannten Travel-Blogger-Szene einen Namen erschrieben. Das ist schön, weil es zeigt, dass man irgendwie mit dem vorankommt, was man gerne macht. Man fühlt sich bestätigt in dem, was man tut. Aber was macht es für einen Unterschied?

In einem Interview mit Spiegel Online habe ich erklärt: »Das Unterwegs-Sein wird gerne als Sehnsuchtszustand verklärt. Nur die praktischen Reiseabläufe sind oft ermüdend und ernüchternd. Man stellt fest, das Reisen per se auch kein dauerhaftes Glück bedeutet, weil die euphorischen Momente wie sonst auch im Leben nur punktuell auftreten.« So ist es.

Für viele mag das deprimierend klingen. Wenn ich Leuten von meinen Reisen erzähle oder wenn sie davon im Internet lesen, dann folgen oft Kommentare wie »Beneidenswert« oder »Wahnsinn, wo du immer unterwegs bist«. Einerseits stimmt das.


Surfspot Blue Hole bei Dahab.


Andererseits habe ich mich auf Reisen oft schon ziemlich einsam gefühlt. Ich wusste an den schönsten Orten der Welt nichts mit mir anzufangen. Ich habe mir über das Für und Wider dieses oder jenes Lebensstils, dieser oder jener Entscheidung den Kopf zerbrochen statt einfach den Moment zu genießen.

Im besten Fall habe ich das Reisen wie im Rausch erlebt. Ich habe mich nicht mit mir selbst, sondern mit der Welt beschäftigt und dem, was sie zu bieten hat.

Aber nach fast jeder Reise kam irgendwann der Moment, in dem ich in meinem Zimmer in Berlin saß und mich gefragt habe: Was hat sich eigentlich verändert?

Diese Frage wurde nach meiner Reise nach Peru immer größer. Die Geschichte darüber handelt von diesem Widerspruch aus Erwartung und Enttäuschung.

In der Ferne, beim Sich-Treiben-Lassen spürt man nämlich sehr stark die Energie des Lebens. Zuhause am Abend in der eigenen Wohnung schrumpft die große Welt wieder zusammen. Als sei man nie wirklich weg gewesen.

Wie kann das sein?

Ich bin überzeugt, dass es ein Irrglaube ist zu meinen, das Reisen lade einen mit einer positiven Energie auf, mit der man sein Leben dauerhaft ändern kann. Das mag gelingen, wenn man wirklich lange fortgeht und sich in existenzielle Extreme begibt – ein halbes Jahr in ein Kloster in Asien, Wochen allein durch die Wüste, mit dem Segelboot über den Atlantik, eine Expedition auf einen hohen Berg.

Aber das gewöhnliche, zeitlich beschränkte Reisen macht aus dir keinen besseren oder glücklicheren Menschen. Es ändert meist auch nur wenig an deiner Haltung. Man trägt seine Sorgen und seine großen Fragen an das Leben im Rucksack durch die Welt. Im besten Fall vergisst man sie eine Weile. Aber sie verschwinden nicht.

Das klingt wie eine ernüchternde Erkenntnis. Aber zumindest für mich trifft sie zu. Die Möglichkeit, in ein Flugzeug steigen zu können, verändert überhaupt nichts.


Sonnenaufgang über Saudi-Arabien von Dahab aus.


Diese Feststellung ist keinesfalls so negativ, wie sie vielleicht klingt. Im Gegenteil. Sie ist von einem Bewusstsein getragen, das am Ende zu viel mehr Zufriedenheit führen kann als jeder Selbstfindungstrip in Südostasien. Ebenso wenig wie die große Backpacking-Tour ein life changer ist, sind es andere einzelne herausragende Erlebnisse wie zum Beispiel ein Bungee-Sprung, das lang ersehnte Auslandssemester in Soundso oder ein Sportwagen.

Es sind die Dinge, die wir jeden Tag tun, die den größten Unterschied in unserem Leben machen. Und die wirklich langfristig zu einer größeren Zufriedenheit mit unserem für sich genommen unfassbar privilegierten Leben beitragen. Es ist nicht das einmalige Erlebnis, das Außergewöhnliche, das Extrem. Sondern die Beständigkeit, das Alltägliche, die konstante Arbeit an sich selbst.

Es geht vor allem darum, negative Routinen abzustellen und Gewohnheiten zu entwickeln, die positiv zum täglichen Wohlbefinden beitragen. Meist sind das ganz profane Dinge: früher aufstehen, häufiger Menschen ansprechen, besser zuhören, sich immer nur einer einzelnen Sache mit voller Konzentration widmen.

Es geht darum, im Kleinen und Stück für Stück an seinen Interessen und Potenzialen zu arbeiten, um den sogenannten großen Zielen näher zu kommen. Dinge als richtig erkennen und sie dann umsetzen.

Es geht also um den gesamten state of mind, um die Haltung, die man gegenüber den Dingen entwickelt und die Art und Weise, mit der man den Alltag lebt. In jedem Moment. Das formt den Charakter. Alles andere ist Attitüde.


Dahab
Dahab, Happy Life Village.


Aber was ist nun mit dem Reisen anzustellen, wenn es langfristig gar kein so großer Glücksbringer ist?

Das Reisen zu lernen, heißt das Leben zu lernen. Es gibt keinen Unterschied.

Am Anfang schrieb ich: Reisen macht nicht glücklich. Man müsste vielleicht sagen: Die Möglichkeit, reisen zu können, macht nicht glücklicher als das normale Leben.

Natürlich, Reisen ist oft spektakulärer als der Alltag. Jede Form von Abwechslung und ungewohntem Erlebnis hinterlässt stärkere Erinnerungen als die monotone Abfolge von Aufstehen, Arbeiten, Essen und Schlafen.

Wahrscheinlich muss jeder die Frage, warum er irgendwo hinreist und nicht woanders hin oder eben überhaupt nicht, für sich selbst beantworten. Ich kann nur für mich sprechen: Ich sehe Reisen als wertvolle Bereicherung meiner gesamten Erfahrungswelt. Das geschieht auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Das Motiv einer Reise kann das Interesse an der Lebenswirklichkeit eines bestimmten Kulturkreises sein. Eine journalistische Recherche. Der Reiz, über körperliche Grenzen zu gehen. Das Bedürfnis nach Entspannung und Kontemplation. Der Wunsch, sich der Welt zu entziehen. Der Versuch, sich selbst zu finden (oder wiederzufinden). Ich denke, das sind gute Gründe. Aber das Reisen sollte nicht zum Sehnsuchtszustand verklärt und zur Glücksphantasie erhoben werden.

Wahrscheinlich sollte man jeden Tag beginnen wie die große Reise, von der man sich so vieles erhofft. So funktioniert es vielleicht irgendwann, gelassener und gleichzeitig fokussierter durch das Leben zu gehen. Mit wachem Verstand und offenem Herz statt mit Desinteresse und Zynismus. Seine eigene Bedeutung zurückzustellen vor der Größe und Fülle der Dinge, die einen jeden Tag umgeben. Mehr zu genießen statt in Endlosschleifen der Reflektion über sich selbst zu verharren.

Das gelingt mir noch lange nicht so oft, wie ich mir das wünsche. Aber es fällt eben nicht mit einer Reise vom Himmel. Es ist ein langer Weg.

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Es brennen nur zwei oder drei Kerzen, deren Wachs ungehindert auf den massiven, von Kerben übersäten Schreibtisch läuft, vermutlich weil einmal mehr der Strom ausgefallen ist oder aber sich in dem Raum auch sonst keine Lampe befindet. Der örtliche Chef der Busorganisation Mohamed Coachline sitzt im flackernden Lichtschein auf seinem Stuhl, hört sich unsere Geschichte an und wiegt seinen Kopf dabei prüfend von einer Seite zur anderen. Gelegentlich lässt er Einwände und Erklärungen der etwa zehn um uns herum stehenden Männer zu. Er ist ganz offensichtlich der gescheiteste Mann am Platz.

Man habe uns eben diese Tickets verkauft, insistieren wir, und sie hätten uns eigentlich mit dem Bus über die Grenze bringen sollen, bis nach Mzuzu, was aufgrund der Tatsache, dass der Übergang nachts geschlossen ist und besagter Bus grundsätzlich nicht über die Landesgrenze hinaus fährt, einigen Zweifel an der Informationspolitik des Anbieters aufkommen ließ. Er könne unseren Ärger ja verstehen, sagt Pasco, so der Name des Verantwortlichen, das Ganze sei unglücklich gelaufen, aber jetzt um diese Uhrzeit werde es unwahrscheinlich schwierig, in Dar es Salaam, wo uns die Fahrkarten ausgestellt worden sind, noch irgendjemanden zu erreichen, um den misslichen Sachverhalt aufzuklären. Das müssen wir doch bitte verstehen. Die anderen Männer, unter ihnen der Busfahrer und der conductor, melden sich regelmäßig zu Wort, und wahrscheinlich fallen sie uns mit ihren Einwürfen in den Rücken. Die Gespräche werden halb auf Englisch, halb auf Suaheli geführt, ich verstehe dementsprechend nur die Hälfte.

Nach etwa zwanzig Minuten des Abwägens scheint die Gesellschaft von der Nachdrücklichkeit unserer Beschwerde überzeugt zu sein. Pasco händigt uns sichtlich verlegen 30 000 Schilling aus, was in etwa der Hälfte unserer offenen Forderung entspricht. Alles Weitere müsse man am Morgen klären, sagt er. Ich sortiere in meinem Kopf die Fakten: Wir haben nicht nur Tickets für eine Strecke gekauft, die so gar nicht offeriert wird, wir haben dafür auch einen willkürlich überteuerten Preis gezahlt. Und wir befinden uns deshalb jetzt, gut drei Stunden nach Sonnenuntergang, im äußersten Süden Tansanias, in dem kleinen Ort Kyela, also quasi im Nirgendwo, und der Verdacht scheint sich unwiderlegbar erhärtet zu haben, dass man uns schon vor dem ersten Tag unserer Reise ganz bewusst übers Ohr gehauen hat. Und das ist ja erst einmal das Normalste der Welt.

Dabei hat alles ganz unaufgeregt angefangen. Aufgebrochen sind wir rund fünfzehn Busstunden entfernt, im bereits erwähnten Dar es Salaam, wo die Preise für westliche Touristen wie allerorts in Tansania sehr willkürlich und kurzerhand mit deutlichen Aufschlägen nach oben festgelegt werden. Noch bevor das erste Dämmerlicht die Fassaden der Häuser erkennen ließ, erreichen wir per Taxi das bus terminal von Ubungo im Westen der Stadt. Auf dem Platz herrscht bereits in aller Frühe ein geschäftiges Gewimmel an Menschen. Die mehr oder weniger akzeptabel aussehenden Busse stehen aufgereiht nebeneinander, Hinweisschilder hinter der Frontscheibe geben Auskunft über ihre Ziele: Mombasa, Moshi, Mbeya.

In Tansania und wohl in ganz Südostafrika ist es aber ohnehin schier unmöglich, als Weißer nicht in Erfahrung zu bringen, welcher Bus einen zur gewünschten Destination bringt. Wo auch immer der westliche Reisende hinkommt, umringt ihn sogleich eine Schar von Menschen, die sich nach dem anvisierten Ziel erkundigt und ihn daraufhin, große Tatkraft vortäuschend, zum passenden Gefährt geleitet. Dahinter verbergen sich im Prinzip zwei Geschäftsmodelle: Entweder soll für das kurzerhand zur geldwerten Dienstleistung überinterpretierte Geleit ein kleiner Betrag fällig werden, oder aber der zuständige Begleiter des Busses, der zufällig ein Freund oder Bekannter ist, erhebt für die Fahrt ein erhöhtes Entgelt, um dem Geleitgebenden eine Art Vermittlungsgebühr für die neue Kundschaft auszuzahlen. Wie man es dreht und wendet, man geht aus diesen Deals nicht als Gewinner hervor.

In Ubungo hat die Betrügerei bekanntlich schon lange vorher stattgefunden. Wir steigen nichtsahnend in den Überlandbus und sind erst einmal zufrieden, das Fortkommen in den nächsten Stunden dem Busfahrer überlassen zu können. Bevor wir mit dem ersten Aufhellen des Tages aufbrechen, folgt – das muss an dieser Stelle erzählt werden – noch ein weiterer Klassiker, der sich in den kommenden Tagen mit allenfalls geringfügigen Abweichungen wiederholen soll: Nachdem wir Platz genommen haben, tritt sogleich der conductor an uns heran und fragte, ob wir denn schon für den Transport unserer Gepäckstücke bezahlt haben. In diesem Moment ist es wesentlich zielführender, gleich mit »No – it’s free, we know that« zu antworten, als sich auf ermüdende Preisverhandlungen einzulassen. Der junge Mann fragt »Are you sure?«, wir antworten »Yes!«, und er schaut uns noch einen Moment an, zuckt resigniert mit den Achseln und geht.

Nach diesem Lehrstück ostafrikanischer Verhandlungstaktik brechen wir recht bald auf und lassen Dar es Salaam schnell hinter uns. Die Sonne hat den Morgen bereits spürbar aufgeheizt, der Bus fährt in Richtung Westen, weg von der Küste ins Landesinnere. Eher häufig als selten halten wir an kleinen Ortschaften, und jedes Mal umringt eine Schar von Händlern den Bus, noch bevor die Schrittgeschwindigkeit erreicht ist, was uns die Möglichkeit gibt, das ausgesparte Frühstück nachzuholen, ohne unsere Plätze zu verlassen.


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Morogoro.


Anlass, sich in Ruhe die Beine zu vertreten, bietet die Stadt Morogoro. Eine weibliche Amtsperson in Uniform hat vehemente Bedenken an der Funktionalität unseres Busses, und so werden gleich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um irgendwo her einen neuen Reifen zu beschaffen. Wir lehnen uns im Schatten an eine rotbraune Mauer, im dunstigen Horizont in der Ferne zeichnen sich grünbewaldete Berge ab. Nach etwa einer halben Stunde scheint der Bus wieder fahrtüchtig zu sein, der unfreiwillige Halt zieht sich also nicht unnötig in die Länge. Unsere Kleidung ist durch das Anlehnen ganz erdig geworden.

Als ich das nächste Mal geweckt werde, sehe ich zwei Elefanten mit weißen Stoßzähnen am Straßenrand stehen. Die Überlandbusse und Laster rauschen hier ganz ungehindert durch den Mikumi Nationalpark, die Tiere scheint dieser Umstand indes nicht zu stören. Ich sehe Antilopen, Warzenschweine, Büffel und auch eine Giraffe, alles durch die lautstark in der Fassung vibrierende Scheibe neben meinem Kopf, die das Einschlafen nur bei der in Tansania zum Glück häufig einsetzenden tropischen Erschöpfung halbwegs möglich macht. Wenige Stunden später hat sich die Landschaft schon wieder verändert, wir fahren durch zunehmend bergiges Gelände, das viel dichter bewaldet ist als die vergleichsweise trockene Steppe, die wir bisher passiert haben. Die Straße schraubt sich das eine Mal nach oben, und schon wendet sie sich wieder hinab. Müdigkeit dämmert hinter den Augen, aber der Blick vermag nicht, sich von der satten Vegetation zu lösen. An diesem Tag sauge ich mehr Grün in mich auf als in den vier vorangegangenen Herbst- und Wintermonaten zusammen.

Immer wieder gibt der Straßenverlauf jetzt weite Ausblicke über das Land frei, die Sonne fällt in einem zunehmend spitzeren Winkel über die Ebene. Über den Himmel ziehen Wolken. Mbeya liegt vor uns, die letzte große Stadt vor der Grenze, die wir heute nicht mehr überqueren sollen. Als es bereits dunkel ist, wird das Land wieder bergig, aber das ist zu dieser Tageszeit schon nicht mehr zu sehen. Plötzlich liegt Nebel auf der Straße, es wird kälter im Bus. Auf den letzten hundert Kilometern, bevor es nicht mehr weiter geht, steigt noch eine motorisch stark degenerierte Frau zu, die sich durch ihr Übergewicht keineswegs am lautstarken Herumkrakeelen hindern lässt. Sie ist offensichtlich betrunken, setzt immer wieder zu neuen Reden an und bedroht die hinter uns sitzenden Fahrgäste, die angesichts der Uhrzeit vorsichtige Einwände gegen die Artikulationslautstärke vorbringen, mal ernst und mal spaßend mit einer Machete. Die Reise ist für heute zu Ende.

Pasco von Mohamed Coachline in Kyela löscht die Kerzen. Wir werden erst am nächsten Morgen über die Grenze nach Malawi kommen, das wissen wir nun. Ein Mann fährt uns in ein kleines Hotel, dessen Namen ich vergessen habe. In dem Doppelzimmer zu umgerechnet 2,50 Euro pro Nacht und pro Person bröckelt der Putz von denen Wänden, es gibt eine Leuchtstoffröhre, fließendes Wasser, einen Ventilator und saubere Bettlaken. Kurzum: Es ist perfekt.


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