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Philipp Laage

Wenn die Leute in die Berge gehen, preisen sie ständig diese dämliche Fernsicht. In der nordischen Wildnis im norwegischen Trollheimen wollten auch wir dies tun. Daraus wurde nichts.

Die Reisebegleiterin weist geradeaus, in ihrer Stimme liegt Zuversicht. »Das könnte der höchste Punkt sein.« Sie kneift die Augen zusammen, als könnte sie allein durch ihre Willenskraft die Beschaffenheit des Terrains aus den Schattierungen des Nebels herauslesen. Kann sie aber nicht. Das Grau zeigt keine aufschlussreichen Nuancen.

Der Blick sucht ein stolzes Gipfelkreuz, vielleicht auch nur eine rote Markierung, ein Haufen Steine wäre mehr als genug. Wir gehen ein paar Schritte, dann die Enttäuschung: Dort vorne ist nicht der höchste Punkt. Der Pfad führt bergan und verschwindet wieder in den Wolken.

Wir haben uns diese Tour anders vorgestellt. Wer sich Werbefotos der Region Trollheimen in Mittelnorwegen anschaut, blickt auf sonnenbeschienene Gipfel, satte Graslandschaften und klare Seen. Karge und raue Berge, ein hoher blauer Himmel, baumlose Weiten: die Postkartenidylle norwegischer Wildnis.


Start der Wanderung, Blick zum Höhenweg: Wolken.


Hier und heute aber führt der Weg seit drei Stunden wie durch schmutzige Watte. Hochsommer? Wir überqueren immer wieder größere Altschneefelder. Sonne? Feuchter Nebel durchnässt die oberste Kleidungsschicht. Fernsicht? Der Horizont reicht bis zum nächsten roten Wegpunkt, wenn überhaupt. Es ist erbärmlich. Das sei ein wirklich schlechter Sommer, sagen die Norweger.

Sechs Stunden sind es auf der südlichsten der drei Routen von der Jøldalshytta zur Trollheimshytta. Wir wollen die in Norwegen ziemlich bekannte Triangle gehen, quasi ein Wegdreieck von Hütte zu Hütte. Am ersten Tag sind wir einen Kamm aufgestiegen, dem wir nun folgen. Irgendwann soll der Pfad sich wieder hinabwinden in ein bewaldetes Hochtal. Panoramaaussicht!? Heute nicht.

Die Reisebegleiterin verweist an verschiedenen Stellen noch zwei- oder dreimal auf den möglicherweise höchsten Punkt dort vorne. Ich widerspreche nicht. Ja mehr noch, ich signalisiere meinerseits Zuversicht. Mir ist die tückische Topografie der Berge im gleichen Moment voll bewusst, wie oft habe ich mich schon zu früh gefreut, man wird demütig – doch die Stimmung am Berg droht zu kippen. Ja ja, da vorne, das könnte es sein. Noch mehr rote Punkte. Die Reisebegleiterin schweigt.

Keine Orientierung ist möglich in diesem Nebel, also gehen wir einfach weiter. Den höchsten Punkt überschreiten wir, ohne es recht zu merken. Es interessiert uns auch nicht mehr. Die Reizarmut der Umgebung hat schon fast etwas Meditatives, denke ich, aber meine Reisebegleiterin wahrscheinlich nicht.


Trübe Aussichten: Übernachtung in der Trollheimshytta.


Nach zwei weiteren Stunden unterschreiten wir wieder die Baumgrenze und laufen durch nasses Gras die letzten Meter zur Trollheimshytta. Alles ist nass. Schuhe und Kleider hängen wir im Trockenraum auf. Wirklich nichts ist besser, als nach einem Tag draußen mit widrigen Bedingungen in eine warme Hütte zu kommen.

Zum Abendessen gibt es frischen Lachs. Das Glas Wein kostet umgerechnet gut zehn Euro. Richtig, kurze Erinnerung, wir befinden uns in Norwegen. Aber nach sechs Stunden Nebel und Regen ist der Preis egal, noch zwei Euro Trinkgeld drauf, was soll der Geiz? Wir haben nordische Wildnis gesehen, nur anders als die Werbeprospekte versprechen. Ohne Fernsicht. Steine, im Prinzip.

Zweiter Versuch am folgenden Tag. Die Gipfelbesteigung des Snota, ein beliebtes Tagestourenziel, wird ausgespart. Der Blick aus dem Hüttenfenster am Morgen verheißt nichts Gutes: trübes Grau, in dem die Bäume verschwinden. Also geht es von der Trollheimshytta in – laut Wegweiser – acht Stunden bis zur Gjevilvasshytta.

Der Pfad hoch ins Gebirge steigt anfangs steil an. Nässe hockt in den Wiesen, die Erde ist feucht, aber die Sicht nun ein wenig besser. Nach dem Aufstieg auf den Berg folgt ein langes Wegstück über ebenes Gelände. Steinwüste, riesige Altschneefelder, halb zugeschneite Seen schimmern arktisch-grau. Trübe und doch spektakuläre Aussichten, eine Art polare Tristesse.


Arktische Verhältnisse auf dem Weg zur Gjevilvasshytta.


Unser Gemütszustand hat das getan, wozu dieser Tag nicht im Stande war: Er ist aufgeklart. Man darf nur nicht die ganze Zeit an die Sonnenschein-Idylle der Werbefotos denken. Weites Land, sattes Grün, hohe Sonne… egal.

Meine Reisebegleiterin ist guter Dinge. Ich verstehe nun: Gestern wurde sie nicht etwa deshalb immer schweigsamer, weil ihr das Wetter körperlich und seelisch zusetzte wie einer verwöhnten Schönwetter-Wanderin. Nein, sie war enttäuscht, dass ich nicht in den Genuss der Aussicht kam, dass die Schätze ihrer Heimat sich vor dem Besucher versteckten, als wären es unhöfliche Gastgeber. Gekränkter Nationalstolz.

Der Anstieg auf den höchsten Sattel des Gebirgskamms ist wieder steil. Stellenweise fühlt es sich an, als besteige man einen ernstzunehmenden Viertausender. Felsen, Schnee und Eis (im Juli). Der Weg ist im Grunde unschwierig, aber im Nebel sieht alles so entrückt und ein bisschen gefährlich aus. Wir haben Spaß an der Sache. Fernsicht schön und gut, aber das hier, das ist doch die echte Wildnis.

Der Weg umrundet einen Bergsee, danach geht es wieder in ein Tal. Hinter dem Höhenzug hängen die Wolken höher am Himmel. Grau und schwer sind sie noch immer, erlauben aber nun tatsächlich eine Aussicht. Man braucht Geduld mit der Natur.

Mein Blick fällt über die Ebene, die durchzogen ist von einem Fluss. Was sind das für Tiere in der Ferne? Schafe? Kühe? Die erfahrene Reisebegleiterin weiß es sofort: Rentiere! Eine große Herde mit vielen Jungtieren grast in der Einsamkeit des weit ausgeschnittenen Hochtals. Caspar David Friedrich würde hier jetzt sofort malen.


Norwegen: Rentiere in einem einsamen Hochtal.


Für den Besucher aus mitteleuropäischen Breiten, der nur Reh und Hirsch kennt, zeigt sich ein ikonisches Bild nordischer Wildnis, die es so in Deutschland nicht gibt. Die Reisebegleiterin ist vergnügt und stolz. Dabei ist der Anblick von Rentieren für Norweger nichts Besonderes. Ich bin ergriffen, so als hätte ich auf dieser Wanderung tatsächlich einen Schatz gefunden.

Am nächsten Tag steigen wir von der Gjevilvasshytta auf den Berg Blåhø, eine Tagestour. Wieder grasen die Rentiere in der Ebene. Wir folgen dem Pfad Richtung Gipfel. Weiter oben am Berg nur noch Nebel und Nässe. Wir sehen praktisch nichts. Die Kleidung ist feucht. Keine Fernsicht. Was für ein großartiger Tag.


Blick in Richtung Gjevilvasshytta am See Gjevilvatnet.


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Wo hört Europa im Osten auf? Wo beginnt Asien? In der georgischen Hauptstadt Tiflis liegt die Antwort zwischen orthodoxen Kirchen, morbiden Jugendstil-Villen und hedonistischen Nachtclubs.

Wer die Wirklichkeit beschreiben will, heißt es, muss ganz nah ran. In einer winzigen Begebenheit zeigt sich manchmal eine große Wahrheit – oder sie ist reiner Zufall, und den Rest macht der eigene Kopf. Das Dilemma des Reporters ist, dass er ständig das sprechende Detail aufkratzen muss, das die ganze Geschichte erzählt.

So kann sich der Charakter eines Ortes erschließen in der sanftmütigen Geste eines Gastwirtes oder auch im aggressiven Blick eines jugendlichen Stressmachers. Nah ran, das Detail finden! Doch um die Wirklichkeit einordnen zu können, ist gleichfalls das Gegenteil nötig: maximal herauszoomen. Auf eine Stadt schauen wie die Kamera eines Satelliten.

Wirft man nach der Rückkehr aus Tiflis einen Blick auf die Weltkarte, stellt man fest: Die östlichste Metropole Europas von sehenswertem Format ist nicht Moskau. Vieles spricht für die Hauptstadt Georgiens südlich des Großen Kaukasus in Vorderasien.

Tiflis mit seinen orthodoxen Kirchen und Jugendstil-Villen ist zweifelsohne europäisch. Die Georgier nennen ihr Land den Balkon Europas. Zugegeben, das würde man wiederum kaum vermuten, wenn man bloß in den Atlas schaut. Dafür muss man hinfahren.


Welcome to Georgia: Tiflis von oben, verwitterte Kirche, Nüsse in angedicktem Traubensaft.


Touristen sind selten zu Besuch in Tiflis, was auf eine sträfliche Mischung aus Ignoranz und Unwissenheit zurückzuführen ist. Dabei wird es dem Gast aus Deutschland einfach gemacht, sich in Georgien gleich sehr willkommen zu fühlen.

Bei der Ankunft am internationalen Flughafen stempelt die Dame von der Einreisebehörde ordnungsgemäß den Pass. Dann reicht sie lächelnd eine Flasche georgischen Rotwein über den Tresen. »Welcome to Georgia«, sagt sie. Ja bin ich denn schon angesoffen, denke ich kurz – doch keineswegs. Die Georgier betrachten ihren Wein mit seiner 7000 Jahre alten Geschichte fast wie ein nationales Heiligtum. Und die Flasche ist eine symbolische Willkommensgeste für Besucher aus jener Europäischen Union, zu der Georgien gerne gehören würde. Et voilà: das erste kleine Detail, das viel erzählt über die große Politik.

Es ist Abend, ein Taxi bringt mich vom Flughafen in die Stadt. Der Fahrer brettert erst über die Stadtautobahn und dann weiter über die George W. Bush Street. Der ehemalige US-Präsident und Irakkriegsverbrecher lächelt gütig von einem Plakat. In weiten Teilen der Welt ist der Texaner aus nachvollziehbaren Gründen verhasst, nicht aber hier in Georgien. Er versprach dem kleinen Land einst die Mitgliedschaft in der NATO (woraus jedoch bis heute nichts wurde, weil man die Russen nicht verärgern möchte).

Bush Junior winkt also in die georgische Nacht, der Taxifahrer rast so schnell, als könnte es mit der Westbindung gar nicht schnell genug vorangehen, und langsam wird es albern mit den sprechenden Details, so kurz nach der Ankunft. Die nächtliche Innenstadt ist ruhig und schwül, warmer Asphalt. Die kaukasische Sommerhitze kühlt nicht ab.

Vom zentralen Freiheitsplatz geht es am nächsten Morgen ins Altstadt-Viertel Sololaki: erste Eindrücke sammeln. Die Jugendstil-Häuser sind von Rissen durchzogen, manche nicht mehr bewohnt und halb eingestürzt. Der Anstrich auf Mauerwerk und Türen ist an vielen Stellen abgeplatzt, oft liegt der Backstein frei. Ausladende Fensterrahmen sehen aus wie von Säure zerfressen. Hübsch sind die Pastellfarben, die langsam verschwinden, und kunstvoll geschmiedet die Geländer der Balkone, die hoffentlich nicht hinabstürzen. Stromkabel an jeder Ecke. Die altehrwürdigen Stadtvillen wirken so morbid, als taugten sie nur noch als Kulisse für ein schwermütiges Melodram.


Melodramatisch verfallen: die Altstadt von Tiflis.


Wie konnte es dazu kommen? Die Kommunisten fanden den Jugendstil dekadent. Die Unfähigkeit der postsowjetischen Regierungen tat ihr übriges. Weil die Georgier die Altstadt nicht besser Instand halten, verweigert die UNESCO eine Auszeichnung als Weltkulturerbe. Sololaki versprüht den Charme einer herrschaftlichen europäischen Residenzstadt, die vom nachlässigen Monarchen leider aufgegeben wurde.

So sehr die Stadt Teile ihres architektonischen Erbes verkommen lässt, so kühn sind die Bauprojekte der jüngeren Zeit. Die futuristische Friedensbrücke über die Kura zum Beispiel, erbaut von einem italienischen Stararchitekten, zeigt abends interessante Lichteffekte. Das Innenministerium erinnert entfernt an eine gläserne Schlange, die neue Feuerwache an ein Ufo. Die erst vor wenigen Jahren errichtete Sameba-Kathedrale im armenischen Viertel musste natürlich der größte Sakralbau Transkaukasiens werden.

Das alles ist merkwürdig und bizarr, passt aber zu einem Land, dass sich einen radikalen Modernisierungskurs verordnet hat. Abseits der Städte ist davon freilich nicht allzu viel zu spüren. In Tiflis wechseln sich brutaler Verfall und kompromissloser Fortschritt ab. Dazwischen bewegt sich der Besucher und bleibt etwas ratlos zurück.


Friedensbrücke über die Kura, Sameba-Kathedrale.


Tiflis war immer schon ein Scharnier zwischen Europa und Asien, gelegen an der berühmten Seidenstraße. König Wachtang I. Gorgassali machte die Stadt im 5. Jahrhundert zur Hauptstadt Georgiens, als Teil des Römischen Reiches. In den Jahrhunderten danach fiel so ziemlich jede kontinentalasiatische Großmacht ein: Araber, Perser, Byzantiner, Seldschuken, Choresmier, Timuriden, Türken, wieder die Perser.

Wie in jeder Stadt, die vom Handel lebt, standen die Tore für Menschen jeder Herkunft und Religion offen. Ökonomischer Pragmatismus. Über der Stadt thront Kartlis Deda, die Statue der »Mutter Georgiens«. Sie hält ein Schwert für die Feinde in der Rechten und eine Schale mit Wein für den Gast in der Linken. Marco Polo pries Tiflis als »herrliche Stadt« – der Mann ist eine Instanz. Man hat sogar einen Reiseführer nach ihm benannt.

Russland marschierte 1799 ein und blieb bis zum Ende der Sowjetunion. Nach der Oktoberrevolution erklärte sich Georgien zwar kurz unabhängig. Doch das ging nur drei Jahre gut, dann stand der Russe wieder auf der Matte. Wer heute in Tiflis mit der Standseilbahn auf den Mtazminda-Berg zum 274 Meter hohen Fernsehturm hinauf fährt, kann die Wohntürme aus Sowjetzeiten in den Vororten in ihrer ganzen deprimierenden Zweckmäßigkeit überblicken. Auch das gehört zu Europa, keine Frage.


Vororte in Tiflis: sowjetische Tristesse.


Die Wirren nach dem Zerfall des Ostblocks sorgten dafür, dass Georgien lange Zeit kein Ziel für Reisende blieb. Bis zur Rosenrevolution 2003 grassierten Kriminalität und Korruption (heute ist Tiflis so sicher wie Berlin). Im Kaukasuskrieg 2008 kämpfte das Land wegen der abtrünnigen Republiken Abchasien und Südossetien fünf Tage mit Russland, was dem Fremdenverkehr ebenfalls nicht gerade zuträglich war. Der Krieg war auch ein Grund dafür, sich noch einmal verstärkt Europa zuzuwenden.

Und europäisches Flair versprüht Tiflis an vielen Orten im Zentrum. Der Botanische Garten oben bei der alten Festung Narikala war einst bekannt für die schönsten Orchideen des russischen Kaiserreiches. Er wurde maßgeblich von einem Deutschen erweitert: dem Botaniker und Landschaftsarchitekten Heinrich Scharrer.

Wer im noblen Stadtteil Vake in einem Café an der Irakli-Abashidze-Straße den Tag vergehen lässt, kommt sich vor wie in Rom. Feiner Kaffee, Gebäck. Die urigen Kellerstuben rund um die Zionskirche in der Altstadt mit ihrem warmen Licht erinnern wiederum an Prag. Hier lassen sich die typischen georgischen Teigtaschen (Chinkali) und das gebackene Käsebrot (Chatschapuri) zu einem kräftigen Saperavi genießen. Wer es weniger volkstümlich mag, besucht die schicke Organique Josper Bar, das Purpur oder das Famous.


Organique Josper Bar, georgische Limonade, Restaurant Purpur.


Die jungen Georgier, die selbstverständlich Englisch sprechen und schon im Ausland waren, trifft man zum Beispiel im Moulin Electrique. Dort sehe ich Erik wieder, einen Norweger, der mir in einer Berghütte oben im Kaukasus begegnet ist. Sein Reisebegleiter wurde leider schrecklich höhenkrank und lag zwei Tage nur auf seiner Isomatte herum. Er ist nicht da, aber zwei Georgierinnen, die Erik kennengelernt hat: Nuka und Meko.

Die eine hat lange in London gelebt, die andere in Jena studiert. Für Reisen in den Schengen-Raum müssen sie lästigerweise Visa beantragen. Die Frage, ob sich die beiden eher Europa oder Asien zugehörig fühlen, erübrigt sich.

Wir verabreden uns abends zu viert in der Neustadt. Ich laufe also über den mondänen Rustaweli-Boulevard gen Westen. Die Hitze liegt so schwer auf dem Asphalt wie das heiße Wasser der Schwefelbäder im Stadtteil Abantubani auf dem Brustkorb. Die alten Thermalquellen haben Tiflis – eigentlich Tbilisi – seinen Namen gegeben. Dort fühlt man sich kurz wie in einem Budapester Badehaus, nur ohne das pompöse Ambiente. In Tiflis ist es nun dunkel, hinein in die Nacht.

Zuerst ein paar Bier in Canudos Ethnic Bar, dann weiter ins Gallery. Das Haus ist wie jeder gute Club von außen unscheinbar und von innen abgerockt und düster. Der Electro knallt ziemlich hart und monoton aus den Boxen. Die meisten feiernden Menschen tragen Schwarz, den Einheitslook der urbanen Technojugend. Freundschaftsschwüre mit Georgiern, die beteuern, ganz bald mal nach Deutschland kommen zu wollen. Auf der Tanzfläche im Gallery fühlt sich Tiflis an wie Berlin. Die Nacht endet nicht vor der Morgendämmerung.


Schön abgeranzt: der Club Gallery in der Neustadt.


Dass sich Georgien so stark nach Westen orientiert hat, ist maßgeblich auf die Politik des ehemaligen Staatspräsidenten Michail Saakaschwili zurückzuführen. Als er 2004 gewählt wurde, liberalisierte er den Staatssektor, zog Investoren an: Maßnahmen, die den Leuten von der Weltbank Tränen der Rührung in die Augen treiben (falls sie überhaupt Emotionen zeigen können). Saakaschwili tat unbestritten viel für die Georgier. Doch er stürzte später über die Veruntreuung von Staatsgeldern.

Meinem Stadtführer in Tiflis, Levan Giorgadze, fällt dazu nur folgendes Bonmot ein: »Wer zu lange in der Politik ist, fängt an, die falschen Dinge zu tun.«

Als ich aus den Bergen zurückkehre und wieder in die Stadt hineinfahre, sehe ich ein aufschlussreiches Verkehrsschild: »Teheran 1200 Kilometer«. Das ist im Vergleich zur Distanz zwischen Tiflis und Brüssel (3900 km) oder Moskau (2000 km) erstaunlich nah.

Wo hört Europa im Osten auf? Wo fängt Asien an? Eine klar definierte innereurasische Grenze existiert nicht – und auch keine kulturelle.

Tiflis liegt deutlich östlicher als Jerusalem und Damaskus, ja sogar einen knappen halben Längengrad östlicher als Bagdad. Aserbaidschan mit seiner Hauptstadt Baku liegt zwar noch weiter im Osten, ist aber geprägt vom schiitischen Islam – wobei es ja in Europa auch Länder mit großen muslimischen Bevölkerungsanteilen gibt. Es ist also schwierig. Georgien hat eine jahrhundertealte abendländisch-christliche Tradition. Die Menschen sind sehr gläubig. Bei der Frage, welches die östlichste Hauptstadt Europas ist, konkurriert Tiflis noch am ehesten mit der armenischen Hauptstadt Jerewan.


Stadtführer Giorgadze, Straßenverkäuferin, Jesus-Darstellung: Die Georgier sind sehr gläubig.


Der französische Philosoph Bernard-Henri Levy hat gesagt, Europa sei »kein Ort, sondern eine Idee.« Und vielleicht ist die fragile Grenze, die Europa von Asien trennt, bei aller Unschärfe tatsächlich vor allem eine politische.

Den Georgiern, die sehnsüchtig nach Westen schauen, geht es nicht um geografische Zugehörigkeit, sondern um Europa als freiheitlich-demokratisches Projekt (und natürlich um berufliche Perspektiven, aber das hängt ja zusammen). Doch für die Menschen im Land gibt noch viel zu tun. Man kann den Georgiern nur alles Gute wünschen und darauf ein Glas Saperavi erheben. Am besten in Tiflis, dieser erstaunlich europäischen Kapitale im Kaukasus.


Parlament Georgiens am Rusteweli-Boulevard, Kartlis Deda, Botanischer Garten, Thermalbäder.


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Nach Harz und Blumen duften die Berghänge, der Tag ist jung, es geht auf den Hochgall, den höchsten Gipfel der Riesenfernergruppe in Osttirol. Wie viel Zuversicht und Zweifel passen in einen Tag?

I. Staller Sattel, 8 Uhr: AUFBRUCH / ZUVERSICHT

Die Sonne ist bereits die Felswände heruntergeklettert, durch Fichtenwälder hinabgestiegen, am Talgrund angekommen. Der Tag hat sich breitgemacht im Gebirge, strahlend, satt. Nur westseitig kleben noch ein paar Schatten an den Hängen.

Doch der Morgen hat eine leichte Kühle, die Luft eine Feuchtigkeit, ich bin spät dran für das, was ich vorhabe. Vor mir der Hochgall, mächtig und schroff. Die Südwand fällt 800 Meter ab, dann Bergweiden, dann Zirben. Ein Grat zeichnet eine schwarze diagonale Linie durch den Fels. Ich muss weiter nach Antholz Obertal, nach unten ins Tal, ich muss erst noch tiefer. Dort beginnt die Reise dieses Tages, aus den Schatten des Waldes hinauf zum kahlen Gipfel und den ganzen Weg wieder zurück.

Das Auto auf einem Parkplatz abgestellt, den Rucksack geschultert. Leicht ist das Gepäck, denn der Anstieg fordernd und lang. Den Einstieg zum Weg gefunden, das Wanderzeichen erspäht, schon geht es aufwärts. Steile Serpentinen, grobes Wurzelwerk, der Geruch von feuchter Erde. Die Fichten schirmen die Sonne ab, noch.

Was für ein Gefühl es ist, wieder hier zu sein, in den Bergen. Die morgendliche Kühle im Gesicht, der Schweiß im Nacken, die leichte Spannung in den Waden. Wie der Wald duftet nach Harz und Blumen! Wie mir leicht wird ums Herz!

Bergan, bergan, immerzu, ich bin so bereit. Die Augen lesen den Weg wie ein Schriftgelehrter das heilige Wort, gierig und sicher und kenntnisreich; die Füße finden Tritte und Stufen, bestimmt und rasch und sanft, sie huschen über Steine und Stöcke wie junge Gämse. Schon lichtet sich der Wald, rauscht der Bergbach in der Sonne, steigt die Hitze aus den Wiesen. So gehen die ersten Stunden dahin, ein heiteres Spiel ohne Mühen.


Antholzer Tal und Hochgall (Mitte rechts) vom Staller Sattel.

Auf dem Weg zur Antholzer Scharte, Blick zurück ins Antholzer Tal.

Unterhalb der Antholzer Scharte, Blick in Richtung Dolomiten.


II. Antholzer Scharte, 11.30 Uhr: RAST / PRÄSENZ

Die Vegetation hat sich zurückgezogen, ist Geröll und Steinen gewichen. Immer aufwärts geht es durch das Hochtal, nun der letzte steile Aufschwung, und ganz oben – Schnee. Ein alter, gräulicher Rest ist noch nicht geschmolzen unter dieser satten Julisonne, Zeuge eines langvergangenen Winters. Ja, hier auf über 2800 Metern kann es kalt werden, doch heute nur Wärme, Milde, liebliche Luft.

Abschüssige letzte Meter bergan, dann die Scharte. Der Blick fällt ins Hochtal auf der anderen Seite des Gebirgskamms, auf Geröllfelder, Moränen und einen Gletscherbach. Darüber ein nahezu wolkenloser Himmel, blasses Mittagsblau. Zeit für Brot, einen Apfel, Trockenfrüchte und etwas Schokolade. Ein einzelner Wanderer grüßt. Man tauscht sich aus, macht Fotos, doch viel Zeit ist nicht, der Weg ist weit.

Rechts des Tals türmt er sich auf, der Hochgall, der »hohe glänzende Berg«, wie es im Althochdeutschen heißt. Höchster Gipfel der Riesenfernergruppe. In einem nahezu perfekten 45-Grad-Winkel fällt der Nordwestgrat seitlich ab, scharf gezeichnet von der Sonne. Der Gipfelaufbau thront als graue Pyramide über den umliegenden Bergen, die Perspektive macht es, ja tatsächlich: ein Mount Everest in Miniatur.

Der stürmische Rausch des morgendlichen Aufstiegs ist aus mir gewichen, Ratio eingekehrt. Ich rechne und kalkuliere, schätze und prüfe, versuche den Weg vor mir mit meinen Augen in Stundeneinheiten aufzuteilen. Habe ich mir zu viel vorgenommen? Ich muss nun zunächst wieder etwas absteigen. Wann erreiche ich die Furt, ab der es wieder bergan geht, wann das Graue Nöckl, jene Erhebung am Anfang des Gipfelgrats? Heiß brennt die Sonne aufs Gestein, der Tag wartet nicht, wohlan, die Beine sind stark.


Antholzer Scharte.

Hochgall mit Nordwestgrat von der Antholzer Scharte.


III. Hochgall, 15 Uhr: GIPFEL / EUPHORIE

Der Weg hinauf über den Grat zieht sich, erst zum Grauen Nöckl, dann über Drahtseile hinab in eine Senke und fortan wieder nach oben. Links fällt die Wand ab, rechts der steinige Hang. Ein Schneefeld muss gequert werden, abschüssig, auf sorgsamen Sohlen also, die für eine Minute die vergangenen Stunden in Waden und Oberschenkeln vergessen. So muss es sein, sonst wird es gefährlich.

Auf dem Gipfel dann: Erleichterung, Euphorie. Die Sonne hat ihre höchsten Bahnen wieder verlassen. Wolkenflocken über Berggipfeln, das Blau des Himmels. Die Aussicht geht im Norden bis zu den Zillertaler Alpen, weiter rechts zu Venedigergruppe und Glocknergruppe. Im Süden erheben sich die Dolomiten, im Licht und im Schatten, je nach Himmel. Feine Spitzen sind es, wie sorgsam herausgearbeitet mit ruhiger Hand und spitzem Meißel.

Ein Panorama zu allen Seiten; die satten Farben eines Hochsommertages, tannengrün, wiesengrün, felsenbraun, wandgrau, schneeweiß; eine verträumte Collage. Erhebend ist das Gefühl, Grandeur der Berge, Erbauung der Seele über den winzigen Dörfern der Menschen, irgendwo dort unten, wo der Tag schon bald wieder zu schwinden beginnt.


Hochgall-Nordwestgrat vom Grauen Nöckl.

Hochgall-Vorgipfel mit Beginn des Nordwestgrats.


IV. Weggabelung Hochgallhütte, 17.15 Uhr: ABSTIEG/ ZWEIFEL

Der Abstieg vom Grat: mühsam. Ich muss grobe Felsblöcke umklettern, weil ich die genaue Route nicht ausmachen kann, es gibt keine Markierungen. Undurchsichtig scheint mir der Weg nun, ganz anders als zuvor.

Das Gestein ist brüchig. Ein »einziger Schutthaufen« sei der Hochgall, sagt ein Bergführer später. Es ist so. Die Griffe sind vorsichtig, die Augen können das Gelände bergab nicht so gut lesen wie bergauf. So wird die Fortbewegung unendlich langsam. Die Beine müssen die Spannung eines zaghaften Tritts aushalten, vortastend, prüfend. Immer wieder. Es kostet alles ungeheure Kraft, aber es ist der einzig sichere Weg.

Ab dem Grauen Nöckl scheint die Anordnung der Steinmänner, die auf dem Weg zum Gipfel die Route gezeigt haben, unerklärlicherweise seltsam verschoben, gar unsichtbar. Über grobes Blockwerk muss ich hinab, doch welche Richtung einschlagen? Die Tritte sind weit und tief, erschüttern die Gelenke, zermürben die Muskeln.

Nach drei elenden Stunden Abstieg kommt endlich die Furt. Beine wie Säcke voll Mehl, doch voraus bloß der Gegenanstieg zur Scharte. Die Füße lassen sich kaum noch heben, jetzt dringend Schokolade, und Wasser, Wasser, nur immer mehr Wasser, die drei Liter aus dem Rucksack sind längst leer, da ist der Bach.

Ich weiß nicht, ob ich noch weitergehen kann. Rechts führt der Weg zur Hochgallhütte, dort wartet ein Bett für die Nacht, und der Tag verabschiedet sich schon, einsamer Nachmittag im Hochgebirge. Eine Stunde wäre es vielleicht, doch der Pfad zur Hütte führt in ein anderes Tal, weg vom Auto. Keine Ersatzkleidung, keine Zahnbürste. So will ich mich nicht betten, also doch weiter, hinauf zur Scharte, ein Kraftakt.


Dolomiten von der Antholzer Scharte.


V. Antholz Obertal, 21.15 Uhr: ANKOMMEN / RUHE

Rast in der Antholzer Scharte, die Beine haben sich erstaunlich gut angestellt, ja angepasst, als wüssten sie nun, das ist noch nicht das Ende. Es hat sich nun jene Tür aufgetan, hinter der vieles möglich ist, noch eine Stunde, drei Stunden, fünf. Es scheint plötzlich egal. Die Mühsal wird zum steten Begleiter, das ist in Ordnung.

Die Wolken hängen am Himmel wie abstrakte Plastiken, zackige Dolomiten-Gipfel am Horizont. Wie versöhnlich es ist, dieses warme, seichte, liebevolle Abendlicht. Dort unten in Antholz hat die Nacht bereits damit begonnen, die Wiesen einzunehmen, unaufhaltsam rückt sie vor auf die andere Talseite. Die letzten zweieinhalb Stunden des Weges liegen im Schatten.

Hinab geht es nun wieder, zuerst über steinige Pfade, dann hinein in die Wiesen und schließlich in die immer noch duftenden Zirben. Es sind 1300 Höhenmeter von der Scharte zum Parkplatz, und jeder von ihnen foltert die Beine. Stumpf fühlen sie sich an, seltsam angespannt und doch labil, wie kurz vor dem Wegknicken. Verzweiflung bei jedem Schritt, Unwille, Resignation. Doch kein Obdach gibt es hier.

Als es den Muskeln schließlich widerstrebt, die Schritte des müden Wanderers abzufedern, bleibt nur noch der Trab, ja tatsächlich, ich komme ins Laufen. Es ist so viel angenehmer für die Beine als das Gehen. Die Fichten sind zurück, doch der Atem schwächelt, obschon es bergab geht. Die Anstrengung sitzt jetzt auch in den Lungen. Trockener kalter Schweiß unter der Kleidung, trotz der fünf Liter.

Fast schon finster ist der Wald kurz vor dem Parkplatz, tückisch sind nun die Wurzeln, doch die Füße fliegen, noch ein letztes Mal, in dem Wissen, dass es alsbald vorbei ist. Erschöpfung und Euphorie, die Erinnerung an einen fernen Morgen, letzte Meter. Die Bäume lichten sich, Abendstille im Tal, die nackten Füße im Gras. Ich bin wieder zurück. Tiefe Ruhe.



Hochgall (3436 m)

Anreise: vom Defereggental über den Staller Sattel bis Antholz Obertal (1550 m)
Gipfel: über Antholzer Scharte (2811 m), Weggabelung in Richtung Kasseler Hütte (ca. 2700 m), Furt (ca. 2580 m), Graues Nöckl (3084 m) und den Nordwestgrat
Schwierigkeit und Gehzeit: AD- / II, ca. 7-9 Stunden ab Antholz Obertal


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New Orleans ist die Stadt des »Big Easy«: leicht, lebenslustig, tolerant. Über das Pride-Festival im French Quarter, über Donald Trump und Amerika, über die Freiheit und ihre Feinde. Ein Essay? Ein Manifest!

Es ist ein Satz, der vor drei Jahren noch wie die Dystopie eines schlechten Drehbuchautors geklungen hätte: Donald Trump ist der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Darüber wird auf der ganzen Welt gespottet, aus Überheblichkeit, müder Verzweiflung oder nackter Angst. Spott ist leider die einfältigste Reaktion auf diese Entwicklung der Dinge. Doch es werden jetzt auch große Fragen gestellt: Ist Amerika am Ende? Hat der Westen versagt oder doch bloß die Linke, diese dummen Gutmenschen? Wie ernst kann das werden, was als schlechter Witz begann? Oder, wie es Trump selbst in einem für ihn typischen Moment maximaler Unschärfe formulierte: What the hell is going on?

Man kann reisen, einfach weil’s schön ist. Um auf Instagram zu beeindrucken. Weil es Zerstreuung in einen dumpfen Alltag bringt. Glauben Sie mir, nichts ist so leicht, wie in ein Flugzeug zu steigen und zu meinen, nun würde alles anders. Man kann aber auch reisen, weil man die Wirklichkeit verstehen will. Das Ziel ist dann: Welterkenntnis – und daraus eine Haltung entwickeln, einen Kompass. What the hell is going on?

Die Suche nach einer Antwort führt in dieser Geschichte nach New Orleans. Moment, werden Sie nun sagen, will der Autor uns mit einer beliebigen Momentaufnahme aus einer Großstadt in Louisiana die Welt erklären? Wie kann er mit der Lupe die großen Linien finden? Aber ich verspreche Ihnen, es lohnt sich, bleiben Sie dran.


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Südstaaten-Lässigkeit: New Orleans ist die größte Stadt Louisianas.


New Orleans also, Sommer 2016. Es ist ein brütend heißer Samstag, ich stehe zwischen den Hochhäusern auf dem Bürgersteig des Roosevelt Way und schwitze fürchterlich. Ich bin erst gestern gelandet und habe diesen Amerika-Flash, der jeden Deutschen bei der Ankunft in den USA trifft, noch nicht ganz verarbeitet: die breiten Straßen, weil die Leute nicht gerne laufen; die brutal heruntergekühlten Diners, wo alles immer too much ist; die unverbindliche Kumpelhaftigkeit der Zufallsbegegnungen, die man erst einmal konsequent missversteht.

Es bleibt wenig Zeit sich zu sammeln. Die Stadt ist bereit für eine große Party und, fuck yeah, ich bin es auch. An diesem Wochenende ist New Orleans Pride, und was das bedeutet, werde ich in den kommenden Stunden erleben, in denen ich einfach durch die Straßen laufe – ein nüchterner Deutscher, der vom Sound, vom Lebensgefühl der Stadt mitgerissen wird.

Der Höhepunkt des New Orleans Pride ist die große Parade. Sie führt durch das berühmte French Quarter. Es heißt zwar so, wurde aber zu einem großen Teil von den Spaniern erbaut, nachdem es einmal niederbrannte. Die Straßen sind gesäumt von meist dreistöckigen Häusern im Kolonialstil. Ausladende Balkone und Galerien, gusseiserne Geländer, Anstriche in Pastellfarben: eine reizende Kulisse.

Das Viertel wird am Pride-Wochenende zu einer noch größeren Partyarena als sonst. Seine Lebensader: die Bourbon Street, die Playa de Palma von New Orleans. Das ist auch abseits des Festivals die Saufmeile für auftrainierte College-Jungs in Tank Tops, die sich gegenseitig als »bros« bezeichnen und von den Bars spielend leicht zu »3 for 2« Shots verführt werden. Und natürlich kommen auch College-Girls – eigentlich jeder, der es krachen lassen will.


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French Quarter und Bourbon Street: Saufmeile und Antiquitätenläden.


Das New Orleans Pride heißt nicht Gay Pride, weil es eben keine Veranstaltung nur für Schwule ist. Sondern auch für Lesben, Bisexuelle, Transmenschen und alle, die man unter queer subsumiert. Heteros, die sich das ganze Spektakel anschauen wollen, machen natürlich auch gerne mit. Es ist also ein Event für jeden Menschen, der sich schlicht und ergreifend feiern will, so wie er ist.

In den Straßen sieht man Studenten und Silberhaarige, gestandene weiße Geschäftsleute in weiten Hosen und schwarze Hipster, barbusige Frauen und halbnackte Männer, korpulente Mittelklasse-Paare und sportliche Modeltypen, Breakdancer, Jazz-Musiker und Trommler-Kids, Rumtreiber und Reiche, eine Omi verkleidet als bunte Tanzfee, einen um Weed bittenden Gandalf und ganz viele Menschen, die optisch erst einmal völlig unauffällig sind. Homos und Heteros, Schwarze und Weiße – alle feiern zusammen eine ordentliche Party, bei allen Unterschieden. Die Flaggen an den Balkonen zeigen es: Letztlich ist jeder hier immer noch ein verdammter Amerikaner!

Der Abend dämmert, als die Parade die Frenchman Street mit ihren berühmten Jazz-Bars erreicht. Ich sitze vor einem Lokal und habe ein Bier offen, hinter mir spielt drinnen eine Brassband, die Menschen laufen ausgelassen an mir vorbei, hinein in die schwül-warme Nacht und die Verlockungen, die da draußen noch auf sie warten. Ich bin ein berauschter Zuschauer, der das viel beschworene »Big Easy« miterlebt – die große, leichte Lebensfreude von New Orleans. Plötzlich wird mir klar: I believe in America.


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Hello America: das New Orleans Pride.


Nun werden Sie einwenden: Das ist doch verrückt! Fünf Monate nach dem Pride haben sie Trump zum Präsidenten gewählt. Ist das nicht der letzte Beweis dafür, dass der Glaube an Amerika endgültig verloren ist? Eine manische Illusion?

Tatsächlich befinden sich die USA im Niedergang. Die Finanzkrise 2007/2008 war nur der Höhepunkt einer langen Entwicklung. Die Nation war damals schon ausgehöhlt. Das amerikanische Versprechen war ins Wanken geraten. Plötzlich sollte auch jeder ein Haus haben, der sich keines leisten konnte. Auf Kredit. Und weil es auf dem Immobilienmarkt zuging wie beim Goldrausch, dachten viele, der Wert ihres Hauses stiege immer weiter, sodass man sich gleich noch ein zweites Haus leisten wollte. Die Banken, die das Konsum-Kartenhaus hätten durchschauen müssen, taten nichts. Nein, sie befeuerten den Rausch durch ihre Gier – bis zum Kollaps. Die Kredite platzten.

Hunderttausende Amerikaner verloren ihre Eigenheime. Und die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Occupy Wall Street scheiterte. Die Banken zahlten weiter fette Boni, die Ungleichheit im Land blieb eklatant groß. Das Vertrauen der Menschen in die Gerechtigkeit wurde schwer erschüttert. Amerika, ein geplündertes Land.

Obama musste aufräumen, doch er tat es nur halbherzig. Zwar führte er die USA aus der wirtschaftlichen Depression und schuf Jobs. Doch die Gesellschaft blieb gespalten, die Gräben zwischen Demokraten und Republikanern wurden noch tiefer. Und dann Ferguson, Charleston, Baltimore, Baton Rouge: vier besonders skandalöse Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze. Es gab Hunderte. Amerika, eine zerrissene Nation, moralisch am Ende. Zu ihrem neuen Präsidenten wählte sie schlussendlich einen Reality-TV-Star und Narzissten, der so differenziert abwägt wie ein Binärcode. Wie konnten die Amerikaner nur so doof sein?


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Amerikas Flagge hängt durch (Symbolfoto, right).


Wir wissen es natürlich besser. Wie ließ der Schweizer Max Frisch im »Homo Faber« seinen Walter Faber so schön über den weißen Amerikaner schimpfen: »Ihre rosige Bratwursthaut, gräßlich, sie leben, weil es Penicillin gibt, das ist alles, ihr Getue dabei, als wären sie glücklich, weil Amerikaner, weil ohne Hemmungen, dabei sind sie nur schlaksig und laut […] die Schutzherren der Menschheit, ihr Schulterklopfen, ihr Optimismus, bis sie besoffen sind, dann Heulkrampf, Ausverkauf der weißen Rasse, ihr Vakuum zwischen den Lenden.« Denken Sie da nicht auch gleich an den vermeintlich typischen Trump-Wähler, der angeblich so dumm und abgehängt sein soll?

Das Verhältnis der Deutschen zu den Amerikanern ist etwas kompliziert. Die USA haben uns von der Gaskammern-und-Vernichtungskrieg-Diktatur der Nazis befreit. Erst unter ihrer Ägide ist die schamhafte Nachkriegs-BRD geläutert, und viele konnten ihnen das offenbar nie verzeihen, weshalb sie dann, wann immer sich Amerika moralisch schuldig machte, mit dem Finger voller Häme über den Atlantik zeigten – der Böse sitzt im Weißen Haus!


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Bratwursthaut und besoffener Optimismus: Der Amerikaner als Klischee.


Nein, Trump ist keine Verkörperung von Amerika. Er hat in einem extrem gespaltenen Land sehr knapp die Wahl gewonnen. Im popular vote lag Hillary Clinton mit 2,8 Millionen Stimmen vorne. Die Mehrheit des Landes hat sich gegen Trump entschieden, doch wegen des Wahlmänner-Systems wurde er Präsident.

Im Grunde sagt das Ergebnis der Wahl mehr über die Republikaner als über die Demokraten, mehr über die Konservativen als über die Linken: Sie waren bereit, einem populistischen Möchtegern-Messias zu folgen, während der andere Teil Amerikas nur den Kopf schüttelte und Witze riss. Bloß war das eben auch zu wenig.

Was ist das große Versprechen Trumps und der Grund dafür, dass er so oft gewählt wurde? Make America Great Again. Vor allem die Älteren haben Trump gewählt. Sie wünschen sich eine Welt zurück, in der der weiße Arbeiter noch keine Konkurrenz aus China hatte, Schwule ihren Schweinskram nur in ihren eigenen vier Wänden veranstalteten und Frauen gefälligst die Klappe hielten, wenn der Mann ihnen das Leben erklärte. Es ist die Sehnsucht nach einer Welt, die es nicht mehr gibt und die auch nicht mehr wiederkommen wird. Doch Trump beschwört noch einmal die große Restauration.

In Deutschland wurde viel über das Versagen der linksliberalen Eliten geschrieben. Die Linke habe zum Beispiel dafür gesorgt, dass Menschen nur wegen einer unbedachten sexistischen Äußerung gleich ihren Job verlieren und gesellschaftlich vernichtet würden. Sie habe es mit der Political Correctness zu weit getrieben. Die Linke begriff nicht, warum sich viele von ihren guten Absichten abgestoßen fühlten. Das Ende der Massenbeschäftigung bedroht die Existenz vieler Menschen. Das große Heer der working poor wird irgendwann »wegrationalisiert«, aussortierte Menschen ohne Sinn und Ziel. Und wem es gut geht, der ahnt, dass es damit bald vorbei sein könnte. Gleichzeitig gibt man diesen Menschen zu verstehen, dass ihre letzten verbliebenen Überzeugungen (Nationalstolz, weiße Überlegenheit, traditionelles Familienbild) überholte Ansichten rückständiger Idioten sind. Der globalisierte Kapitalismus bedroht die Jobs, die Linke die Identität. Und so formierte sich Widerstand.


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Spread the message! (Symbolfoto, San Diego).


Nun muss die wohlstandsgesättigte Linke erleben, wie die neurechte Internationale den Spieß umdreht – in den USA, in Frankreich, auch in Deutschland. Der Anspruch an zivilisierte Mindeststandards wird zur Meinungsdiktatur, Kritik zu Zensur. Missliebige Politiker werden zu Volksverrätern, freie Medien zur Lügenpresse, Mahner zu Denunzianten. Freilich darf jenes, was man angeblich nicht mehr sagen darf, im Fernsehen vor einem Millionenpublikum ausgebreitet und frei ins Internet geschrieben werden. Es geht den autoritären Rechten also gar nicht darum, vermeintliche Denkverbote zu überwinden, sondern einer bestimmten Ideologie zur Durchsetzung zu verhelfen.

Wie sieht diese Ideologie aus und warum ist sie so gefährlich? Der Populismus sagt nicht: Wir sind das Volk. Sondern nur wir sind das Volk. Ob Trump, Le Pen oder AFD: Sie alle setzen sich mit dem Volk gleich, so kommt der Volkswille erst durch sie zur Entfaltung. Dass sie eigentlich große Teile der Bevölkerung gegen sich haben, wird negiert. Diese Haltung ist antipluralistisch und damit antidemokratisch. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich: Wer so denkt, ist ein Feind der Freiheit.

Und das Ziel der Autokraten ist letztlich, die Freiheit abzuwickeln. Von Muslimen, Homosexuellen, Medien, Oppositionellen aller Art. Es sieht so aus, als passierte dies nun sogar in den USA, dem »land of the free«. Aber kann das wirklich gelingen?

Amerika hat es noch immer geschafft, innere Zwietracht zu einen (man denke nur an den Bürgerkrieg). In New Orleans war das nicht anders. »George Bush doesn’t care about black people«, sagte einst Kanye West, nachdem die Metropole am Golf von Mexiko durch den Hurrikan Katrina 2005 fast vollständig zerstört wurde. 80 Prozent der Stadt standen unter Wasser – man überlegte, sie komplett aufzugeben. Die Schwarzen traf es besonders hart, und die Regierung kümmerte sich nicht um sie, lautete der Vorwurf. Doch die Leute bauten New Orleans wieder auf, die Stadt erlebte eine Renaissance.


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New Orleans ist aus Fluten auferstanden.


Heute steht New Orleans besser dar denn je. Und Reisende lieben es. Vor Katrina gab es etwa 800 Restaurants in der Stadt, jetzt sind es mehr als 1400. Zur 300-Jahre-Feier der Stadt 2018 will man die Marke von zehn Millionen Besuchern knacken. Aber das sind Zahlen. Man muss hin, rein, in die Straßen, mit den Leuten feiern. Es ist der lässige und tolerante Vibe, der NOLA auszeichnet (der Bürgermeister ist übrigens Demokrat). Das »Big Easy« lebt wieder, obwohl die Zeiten lange alles andere als leicht waren.

Mir wurde am ersten Tag in New Orleans auch gleich ein blödes Gangstafilm-Klischee um die Ohren gehauen. Ich stand vor meinem Hotel (netterweise das Fünf-Sterne-Haus The Roosevelt) und trug dandyhafte Lederschuhe, eine Wollhose, ein Hemd und eine Armbanduhr mit roségoldener Lünette. Auf dem Bürgersteig bewegte sich ein kantiger Schwarzer in weißem Unterhemd und mit schwerer goldener Halskette in meine Richtung. Er hätte guten Grund gehabt, mir abschätzig zu begegnen, diesem white kid in seinem verkackten Streber-Outfit. Aber als der Mann vor mir stand, grüßte er nett und sagte: »I like your watch, maaan.« Warum auch nicht? Ich Trottel.


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Pretty Fly For A White Guy.


Vielfalt ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche. Die USA wissen das am besten und haben es deshalb so gut drauf. Trump, der immerhin in Queens zur Welt und in Manhattan zu Geld kam, müsste es eigentlich auch wissen. New York ist ja nicht die coolste Stadt der Welt, obwohl sie so multikulti ist, sondern genau deswegen. Make America Great Again? Welch bittere Ironie: Es ist gerade die Freiheit, die Amerika so großgemacht hat.

Dass diese Einsicht von vielen nicht geteilt wird, hat mit der Außenpolitik der USA zu tun. Vietnam, die Iran-Contra-Affäre, die Aufrüstung der Mujaheddin in Afghanistan: Im Ringen mit dem großen Systemfeind war den Amerikanern fast jedes Mittel recht. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ging es aus anderen Motiven weiter: Irak 2003 war ein illegaler Angriffskrieg, in Folge dessen über die Jahre mehr als 100.000 Menschen getötet wurden. Amerikas Tragödie: Die innere Freiheit ging viel zu oft auf Kosten der Freiheit der anderen.

Die amerikanische Gesellschaft am Fehlverhalten ihrer Regierungen zu messen, ist trotzdem ein Denkfehler, der hierzulande in ermüdender Regelmäßigkeit vollzogen wird. Dabei müsste Deutschland eigentlich schlauer sein. Schließlich stand das Land, als es noch geteilt war, unter dem Einfluss zweier rivalisierender Systeme, und wir wissen ja, wie die Geschichte ausgegangen ist: Der Trabi war ein albernes Auto, mein Vater floh vom Osten in den Westen, und Sergey Brin ist nicht in der Sowjetunion geblieben, um dort eines der einflussreichsten Tech-Unternehmen der Welt zu gründen.

Amerika ist nicht am Ende. Der Westen und seine freien Gesellschaften bleiben für die Menschen auf der ganzen Welt ein Sehnsuchtsort. Die Linke hat zwar auch versagt, aber in erster Linie das Wirtschaftssystem. Es wird sich zeigen, wie lange Trump so tun kann, als seien die USA sein Land. Er ist nicht »the people«. Der Widerstand formiert sich, nicht nur in New Orleans, wo die Freiheit zur amerikanischen DNA gehört. I believe in America.

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Torremolinos an der Costa del Sol steht für Massentourismus. Die alten Fassaden der Hotels wecken Erinnerungen an längst vergangene Sommer und Urlaube, die es so nie gab. Oder vielleicht doch?

I. Der Anlass

Warum fährt einer nach Torremolinos? Das ist aus heutiger Sicht nicht einfach zu verstehen. Die Gemeinde an der spanischen Costa del Sol südlich von Málaga entwickelte sich in den frühen sechziger Jahren zu einem der ersten großen Zentren des aufkommenden Massentourismus, und das ist nun wirklich schon eine Ewigkeit her. Wenn man von einem anderen Jahrhundert spricht, dann fühlt es sich genau so lange an.

Da saß nun, sagen wir im Jahr 1969, Familie Schulz im Reisebüro in Kassel und informierte sich über die Möglichkeiten eines Badeurlaubs jenseits heimischer Gefilde, in denen sonntags ein Braten auf dem Tisch stand und man – es war die Zeit noch vor der ersten Ölkrise – fest an das nicht enden wollende Wirtschaftswunder der jungen Bundesrepublik glaubte. Italien und Spanien waren damals noch ferne Länder. Wer dort Urlaub machte, galt schon fast als halber Weltbürger.

So zeigte die Mitarbeiterin des Reisebüros also die Kataloge – mit Hotelanlagen an der Adria, in Südfrankreich und eben in Andalusien. Und Herr Schulz, vom exotischen Klang des Namens Torremolinos unerklärlich bewegt, wird damals gesagt haben: Das ist doch was, das machen wir. Sehnsuchtsziel Spanien, Franco war egal. Von diesem schicksalhaften Jahr an verbrachte Familie Schulz mit ihren zwei Kindern jeden Sommer in Torremolinos, im warmen Mittelmeerklima, gefühlt endlose Ferien am anderen Ende der Welt, und es war möglicherweise die glücklichste Zeit ihres Lebens.

In den Zehner-Jahren dieses neuen Jahrtausends ist ein Spanien-Urlaub an der Costa del Sol kein Statussymbol mehr, zumindest nicht in einem der alten Strandhotels. Und doch laden Thomas Cook und Neckermann zur Vorstellung ihres neuen Sommerprogramms im Spätherbst 2015 nach Málaga ein – genauer gesagt jedoch nach Torremolinos. Denn dort steht das Hotel, in dem übernachtet wird: das Meliá Costa del Sol, zwei grobe Wohnblöcke in bleichem Gelb, direkt am Strand.

Eigentlich ist die Ortswahl gar nicht so überraschend. Spanien ist immer noch das beliebteste Auslandsreiseziel der Deutschen. Die Balearen und Kanaren liegen zahlenmäßig an der Spitze, doch auch hier in Andalusien verbringen jedes Jahr viele tausend Bundesbürger ihren Urlaub. In Zeiten, wo gefühlt jeder Zweite schon in den USA oder auf Bali war, ist das vielleicht nichts mehr, womit man im Bekanntenkreis angeben kann, doch Spanien als Urlaubsziel ist ungeschlagen erfolgreich. In der Logik eines Massenreiseveranstalters ergibt Torremolinos also komplett Sinn. Doch auch für einen Individualreisenden?


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II. Die Erwartungen

Wer den Namen Costa del Sol hört, denkt vielleicht an den Nobelbadeort Marbella, der einmal ein Stützpunkt des internationalen Jet Set war. Selbst der König von Saudi-Arabien hatte in den Siebzigern eine Villa in Marbella. Doch wahrscheinlicher ist, man denkt an die vielbeschworenen »Bettenburgen«, die sich entlang der Küste aufreihen und nur wenig voneinander unterscheiden. Stünden sie im Vorort einer größeren Stadt im Inland und hätten keinen Pool, könnte man sie für Mietskasernen halten. Doch hier am Meer sind es Gebäude, in denen Menschen ihre Ferien verbringen und damit nicht unglücklich sind. So sieht Massentourismus eben aus.

Man ist geneigt, sich schon vor der Ankunft in Málaga für überlegen zu halten. Wer hier Urlaub macht, denkt man, hat die Kunst des Reisens nie erlernt, und das ist bedauerlich. Wer in einem seelenlosen Hotel an der Costa del Sol landet, hat ein schlichtes Gemüt.

In der Erwartungshaltung an einen Ort wie Torremolinos steckt immer eine Spur Selbstvergewisserung, dass man es besser anstellt als Menschen, die Pauschalurlaub buchen und später wegen Mängeln im Hotel auf Preisminderung klagen. Diese Haltung ist naheliegend, aber von der Einsicht in das Wesen des Glücks so weit entfernt wie ein nigerianischer Tagelöhner von einem Einfamilienhaus in Hamburg-Harvestehude.

III. Der erste Eindruck

Kurz vor der Ankunft ist ein Gewitter über die Berge gezogen. Die Wolken die Küste rauf im Norden sehen immer noch bedrohlich dunkel aus. Sie drücken schwer auf das unspektakuläre Meer, auf die Hotels, Lokale und Strandbuden. Feuchtigkeit liegt über Torremolinos und verstärkt den Eindruck, dass der Moder schon lange an den Hochhäusern frisst. Die Architektur ist zweckmäßig, funktional. Viele Stockwerke mit Balkonen haben sie aufeinandergestapelt, in Grau und Weiß und Ocker. Keine Fassade strahlt frisch, so als wären die Farben schon seit Jahrzehnten der Sonne und dem Regen ausgesetzt – was ja oft auch stimmt, wie einem schnell wieder einfällt.

Alles in allem wirkt Torremolinos verschlafen und trostlos, zumindest an einem Herbsttag, wenn die Hochsaison lange vorbei ist. Doch man sähe den Hotels ihr Alter auch an einem sonnigen Tag im Juli an, wenn mehr Urlauber da sind. Man müsste nur etwas genauer hinschauen. Und so bleibt der dominierende Eindruck, den man von diesem spanischen Badeort bekommt: Man reist in die Vergangenheit.

Heute kann man mit wenigen Klicks eine schicke Finka auf Mallorca oder einen Resortaufenthalt in Thailand buchen, da scheint ein Urlaub in Torremolinos wie aus der Zeit gefallen. Unter dem Spiegel des Universums: Warum sollte man ausgerechnet hier seine Ferien verbringen? Einer Familie Schulz von heute steht doch die ganze Welt offen. Es gibt keinen Grund und es ergibt keinen Sinn – außer eben, man kam schon immer hierher. Doch etwas ist erstaunlich: Für jemanden, der noch nie in Torremolinos war, fühlt es sich dennoch so an, als wäre man schon viele Mal dort gewesen. Wie kann das sein?


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IV. Die Orientierung

Der seltsamen Melancholie, die einen bei der Ankunft in Torremolinos anfällt, muss man nachgehen. Dafür schreitet man am besten die Strandpromenade ab, so wie sich das in jedem Badeort gehört. Rechts das Wasser, links die Hotels. Links das Wasser, rechts die Hotels. Torremolinos geht im Norden fast nahtlos in Málaga über, nach Süden raus in Benalmádena. Man könnte stundenlang an der Costa del Sol entlanglaufen und würde kaum merken, wenn man eine neue Stadt erreicht hat.

Hotels und Geschäfte drängen sich dicht auf dem schmalen Streifen zwischen Meer und Bergen, denn das Hinterland erreicht rasch eine stattliche Höhe. Alles ist zum Wasser hin ausgerichtet, denn ohne das Meer gäbe es hier keinen Tourismus – also praktisch nichts. Wer Badeurlaub macht, will ja immer zum Strand, dem Fixpunkt aller Träume.

V. Der Sehnsuchtsort

Málaga ist ein hübsches Städtchen (Kathedrale und Altstadt, Picasso-Museum, die Festung Alcazaba), doch in Torremolinos gibt es keine Sehenswürdigkeiten – nur den Strand. Und so gibt es auch nicht den herausragenden und bezaubernden Ort, den man für einen Kaffee oder einen abendlichen Umtrunk unter freiem Himmel unbedingt empfehlen könnte. Das gastronomische Angebot ist relativ gleichförmig.

Es ist mehr der Ort selbst, in seiner Gesamtheit, der eine große Sehnsucht auslöst. In der Calle Casablanca eine Pizza bestellen, durch die Souvenirshops bummeln, am Strand ein Eis essen, kurz im Wasser erfrischen, dann nur noch in der Sonne liegen: So gehen die Ferien dahin. In diesem profanen Ablauf der Dinge steckt die befriedigende Einfachheit von Urlaub am Meer, wie sie allerdings nur in Kindertagen möglich war. Lang vergangen ist diese Zeit, doch hier wird sie noch einmal spürbar.


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VI. Das Gefühl beim Abschied

Der erstmalige Besuch von Torremolinos ist wie die wehmütige Erinnerung an eine Reise, die es niemals gab. Oder doch – nur nicht hierher. Jeder hat sein Torremolinos, diesen Badeort der Kindheit. In meinem Fall ist das Menton in Südfrankreich, wo mein Bruder und ich uns die Haut verbrannten, jeden Tag Pizza aßen und nach Tintenfischen schnorchelten. Einmal pro Urlaub wanderten wir in Turnschuhen und Tennissocken zwei Stunden um das Cap Martin mit seinen Multimillionen-Villen ins benachbarte Monaco. Dort staunten wir über die flachen Sportwagen und die Cola für dreißig Francs.

Diese Zeiten sind vorbei. Als Mensch um die Dreißig sitzt man in Torremolinos abends am Strand und schaut seltsam gerührt auf das Meer. Die Zeit scheint an diesem Ort wie für alle Ewigkeit konserviert, was natürlich eine Illusion ist – Grüße an Familie Schulz oder auch an meine Eltern, die eben doch schon fast ein ganzes Leben hinter sich haben. Das Licht des Tages schwindet, der Himmel und das Wasser schimmern noch in Pastellfarben, Apricot und Rosa, und am Horizont zieht langsam ein Kreuzfahrtschiff vorbei. Man wünscht sich, der Ozeandampfer trüge einen fort aus der Vergangenheit, die hier aus jeder Fuge emporzusteigen scheint, zurück in die Gegenwart, und dann schließlich weit weg in eine aufregende und optimistische Zukunft, in fremde Länder.

Die Gedanken: Wird’s nochmal so wie früher? Kommt sie jemals wieder, diese sorglose Euphorie scheinbar endloser Sommer? Keine Überlegenheit fühlt man mehr, eher Nostalgia Ultra wie bei Frank Ocean, irgendwie sowas. I’m about to drive in the ocean, I’ma try to swim from something bigger than me. Dann doch lieber zurück ins Hotel. Es ist dunkel geworden, der Sommer ist vorbei. Auf Wiedersehen, Vergangenheit.


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Nach dem Arabischen Frühling feiert sich Tunesien mit dem Festival Dunes Electroniques als cooles, weltoffenes Land. Doch der Rausch der Revolution ist da schon längst verflogen. Und es soll noch schlimmer kommen.

Es gibt schlechtere Gründe für eine gute Party als eine erfolgreiche Revolution. Und weil Tunesien im Februar 2015 als einziges Land des Arabischen Frühlings auf der richtigen Seite der Geschichte steht, sind Journalisten aus halb Europa eingeflogen worden – nach Nefta in die Wüste zum Dunes Electroniques, dem größten Electro-Festival Nordafrikas.

Es ist passenderweise gerade ein Jahr her, dass die neue Verfassung des Landes in Kraft trat, die fortschrittlichste der gesamten arabischen Welt. Aus diesem historischen Umstand lässt sich eine griffige und niemals falsche Botschaft ableiten: »The youth wants to party.« So erklärt es Yan Degorce-Dumas zum Auftakt des Festivals. Der Franzose organisiert das Dunes Electroniques mit seiner Agentur Panda Events, man hat in Tunesien alle Hebel in Bewegung gesetzt, es ist ein Riesenevent geworden, auch wenn sie nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo im Monat zuvor in Europa praktisch keine Tickets mehr verkauft haben.

Der Satz mit der Jugend, die feiern will, wandert in die Notizblöcke der Journalisten. Er taugt möglicherweise als einfallslose, aber immerhin plakative Überschrift für die Artikel, die später erscheinen sollen und im besten Fall von einem »neuen«, modernen, weltoffenen Tunesien berichten. Doch so wird es leider nicht kommen.


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Tanzen in den Dünen: das Festival Dunes Electroniques in der Wüste Tunesiens.


Der Ort der Eröffnungspressekonferenz, das minimalistische und todschicke Designhotel Dar HI in Nefta (»un lieu de soins pour le corps et l’esprit«), passt perfekt zum angestrebten Image Tunesiens. Es ist ein Hotel für Kosmopoliten mit Sinn für Stil und Kultur. »Der neue Lifestyle im Süden«, unter diesem schon ziemlich größenwahnsinnigen Motto wurde die deutsche Journalistendelegation zu der Reise ins Landesinnere eingeladen, weg von Badezielen wie Djerba oder Hammamet, um die sich sonst fast alles dreht im Tourismus des Landes. Das Dunes Electroniques soll ein Symbol sein.

Salma Elloumi Rekik weiß: Eine Woche Urlaub im Strandhotel für 350 Euro inklusive Flügen und Vollverpflegung sind ein beschissenes Produkt. Aber die tunesische Tourismusministerin hat auf guten Universitäten, in internationalen Firmen und bei teuren Leadership-Seminaren gelernt, wie man unschöne Wahrheiten in technokratisch-harmlose Sätze fasst. Deshalb erklärt sie in Tunis den Reportern: Wir müssen den Tourismus diversifizieren.

Das Problem ist eigentlich seit vielen Jahren bekannt. Der All-Inclusive-Billigtourismus mit seinen lachhaften Margen, beschränkt auf vielleicht drei Monate des Jahres, bringt den Menschen im Land nicht viel. Das meiste Geld bleibt bei den Besitzern der Resorts, bei den Reiseveranstaltern – und die kommen meist aus dem Ausland. In Tunesien selbst gibt der deutsche Urlauber ja nichts mehr aus, wenn er den ganzen Tag kostenlos essen und trinken kann und niemals die Hotelanlage verlässt, weil sich bitteschön nichts ändern soll am immer gleichen Tagesablauf, nur dass eben die Haut langsam ihre Farbe wechselt. Es gibt also, diplomatisch formuliert, ein Problem mit der Zielgruppe.

In der Zukunft sollen Urlauber endlich auch das Land abseits der Strände kennenlernen. Thalasso machen, Golf spielen, Wüstentouren unternehmen, die Kulturstätten besichtigen (Karthago, Dougga, Kerkouane, El Jem), in lifestyligen Hotels übernachten. Tunesien will eine Art zweites Marokko werden, mit einer Trend-Metropole wie Marrakesch, die den Orient mit einer weltgewandten Entspanntheit verbindet. Das ist ein Grund, warum nun etwas außerhalb der Stadt Nefta, nahe des riesigen Salzsees Chott el Djerid, vier Meter hohe Boxentürme in den Wüstensand gestellt werden.


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Fahrt ins Hinterland: Tunesien träumt von einem blühenden Wüsten-Tourismus.


Umringt von Dünen liegt das Festivalgelände mit seiner kleinen Bühne, ein paar Sponsoren sind da, Coca Cola hat ein großes Zelt aufgebaut. Am ersten Tag rücken langsam aber stetig Gäste an, junge wohlhabende Hauptstädter aus Tunis wie der Eventmanager Mohamed Ali Siala, das Auto voller hübscher Freunde und jeder Menge Alkohol im Kofferraum. Ein paar Europäer sind auch da, sogar abzüglich der Presse. Es fehlt jetzt nur noch die Musik.

Die tunesische Nationalgarde hat ihre vergitterten Fahrzeuge vor dem Eingang des Festivals abgestellt. Männer mit Maschinengewehren stehen einsam auf Sandhügeln und schauen in das weite Nichts der Wüste, und in steter Regelmäßigkeit fliegt ein extrem nerviger Helikopter in nur wenigen Metern Höhe über das Gelände. Hoffentlich hört er damit auf, bevor der erste DJ auflegt. Aber es muss wohl sein.


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Männer, die auf Dünen starren: Die Nationalgarde bewacht das Wüsten-Festival.


Warum die tunesische Regierung hier ein Sicherheitskonzept präsentiert, als ginge es darum, einen Goldtransport zu beschützen, liegt auf der Hand: Die Angst vor Terrorismus ist immer da. Aus der jungen Wunderdemokratie Tunesien, die den Diktator Ben Ali erfolgreich zum Teufel gejagt hat, sind erstaunlich viele junge Männer in den Dschihad nach Syrien gezogen, um sich einer der zahlreichen Islamisten-Milizen anzuschließen, von denen jede ihre eigene Rechtfertigung dafür hat, Gegner und Ungläubige aller Art zu massakrieren wie im Mittelalter – allen voran natürlich der IS, das archaische Phantom des globalisierten Terrors. Läge es da nicht nahe, diese aufgeblasene Hedonisten-Veranstaltung im eigenen Land, auf die sich so viel Aufmerksamkeit richtet, öffentlichkeitswirksam in die Luft zu jagen? Eben.

Warum werden so viele Tunesier zu Terroristen? It’s the economy, stupid – Tunesiens Wirtschaft kommt nicht auf die Beine, die Arbeitslosigkeit ist hoch, zu viele junge Menschen sind ohne Perspektive. Das gestalterische Momentum des Triumphs nach der Revolution, der Sieg der Vernunft und des Konsenses, Politik also – das funktioniert als Bindemittel einer ungleichen Gesellschaft nur für kurze Zeit. Und das ist die Schwierigkeit für ein Land wie Tunesien. Ob die Jugend noch im Endorphinrausch des Freiheitskampfes auf der Tanzfläche zusammenkommt oder schon aus Überdruss und Nihilismus, ist plötzlich gar nicht mehr so klar, wie die Veranstalter des Dunes Electroniques die Welt glauben machen wollen.


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Kein Durchkommen: Unzufriedene Jugendliche haben eine Straßensperre errichtet.


Deena Abdelwahed kann das nur bestätigen. Die Tunesierin – sehr klug, ruhig und mit schwarzen Locken und einem breiten Lächeln auf natürliche Weise bildhübsch – legt das erste Set an diesem Freitagnachmittag auf. Mit 19 Jahren zog sie nach Tunis, studierte Innenarchitektur, wurde dann Jazzsängerin und schließlich DJane für elektronische Musik. Ein Kind des Internets, eine Grenzgängerin zwischen arabischer und westlicher Kultur, auch vom Sound her. Avantgarde, klar, aber nicht stur aus Prinzip, sondern aus Neugier und Mut.

»It’s because of the frustration that the youth wants to party«, sagt also Deena Abdelwahed. Welchen Frust meint sie genau? »The economic frustration«, präzisiert sie. Aha, das ist interessant. Man muss davon ausgehen, dass Deena weiß, was sie sagt, wenn sie von der Jugend im Land spricht: »They don’t trust the government. They have been betrayed too many times.« Gilt etwa ‘Nach der Revolution ist vor der Revolution’, wie in Ägypten? Später, als die Musik einmal ein wenig an Druck verliert, rufen einige Leute aus dem Publikum laut und fröhlich »Fick dich Ghannouchi« (auf Arabisch), und sie meinen damit den Vorsitzenden der islamistischen Ennahda-Partei, die mit in der Regierung sitzt.


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Gesicht eines weltoffenen Tunesiens: DJane Deena Abdelwahed.


Doch das Festival ist friedlich. Deena spielt ihr Set, es wird sich warmgetanzt, der Hubschrauber fliegt nicht mehr, die Nacht kommt schnell und bald. Eintracht in den Dünen. Hinter der Bühne stehen die verlassenen Häuser des Raumhafens Mos Espa aus den Star-Wars-Filmen, was keine Drogenfantasie ist: George Lucas drehte hier in der Wüste Tunesiens nördlich des dimensionslosen Salzsees Teile seiner großen Macht-und-Mystik-Saga. Tatooine, der Heimatplanet des jungen Anakin Skywalker – hier wurde er erst Wirklichkeit und dann wieder Fiktion. Die Filmkulisse ist bis heute erhalten.

»Dunes Electroniques – Episode II« heißt die zweite Ausgabe des Festivals folgerichtig. Die Veranstalter haben sich den Star-Wars-Kult zu Nutze gemacht, verspielt und ironisch. So lächelt gütig Meister Yoda von einem Schild, mit Popcorn in der Hand, manche Gäste tragen Star-Wars-Kostüme. Man hat kurz den Eindruck, auf einem sehr familiären Festival zu sein, als Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft.


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Star-Wars-Kulissen, Star-Wars-Jünger – und Meister Yoda.


Ist dies nun das neue Tunesien? Auf den ersten Blick wirkt es so. Man sieht, wie die Nationalflagge in die Luft gehalten wird, aus Stolz. Man sieht Sonnenbrillen, Hotpants, Alkohol, Tattoos und viele Menschen, die ehrlich gut drauf sind. Aber es sind wenige, das Festival ist nicht gerade überlaufen. Mehr so ein Konzertchen.

Wer im Land kann sich das teure Ticket leisten? Wer kann hier mit einem Fahrzeug in die Wüste fahren, ein Hotel bezahlen, Geld für die Drinks ausgeben und was man sonst so braucht? Sind das nicht vor allem die Leute mit Geld und wasta (den richtigen Verbindungen), die schon immer ihre Privilegien genießen konnten? Und selbst wenn dies hier die Vertreter der progressiven Mitte sind – was können sie erreichen, wenn dem Land eine wirtschaftliche Perspektive fehlt? Zumindest können sie feiern.

Doch auch damit wird es nichts. Schon der Eröffnungstag war verschoben worden, wegen des Wetters. Am zweiten Tag dann, nach dem friedlichen Auftaktabend in den Dünen, regnet es fast ununterbrochen große, harte Tropfen. Die Stadt Touzeur, wo die Presse untergebracht ist, sieht auf einmal sehr trostlos aus, wie ein rückständiger Außenposten der Zivilisation, weit weg von der fruchtbaren Küste. In der Nachbarstadt Nefta ist es ähnlich.


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Progressive junge Menschen auf dem Dunes Electroniqes: die Zukunft Tunesiens?


Man bringt den Tag in schmucklosen Hotels herum, denn schließlich können nicht alle in den teuren und rasch ausverkauften Zimmern im Dar HI schlafen. Regen, Regen – stundenlang. In den Dünen weicht der Boden auf, der Sand schwimmt und setzt sich in Bewegung. Letztlich wird das Festival abgesagt, die angereisten DJs spielen am Samstagabend in verschiedenen Clubs der Stadt. Alles ganz unterhaltsam, aber wenn man in die Wüste gereist ist, um unter dem Sternenhimmel vor einem alten Raumhafen mit Tunesiens postrevolutionärer Großstadtjugend euphorisiert in die Nacht zu tanzen, dann wirkt das Ganze wie ein schaler Kompromiss. Und was ist die Botschaft für die Welt, die kurz zuschaut? Sie bringen da jetzt Lifestyle in den Süden, aber wenn’s einmal regnet, schwimmt alles davon, irgendwie auch der ganze Optimismus?

Tunesien, vier Monate später: Am Strand von Sousse erschießt ein IS-Attentäter unter der heiteren Mittelmeersonne mit einem automatischen Gewehr insgesamt 38 Urlauber, bevor er selbst getötet werden kann. Das war’s. Die Gästezahlen brechen endgültig ein, Hotels müssen schließen, Flugverbindungen werden gestrichen. Als All-Inclusive-Badeziel ist Tunesien für die meisten Urlauber gestorben. Auch eine Episode III des Dunes Electroniques wird es nicht geben, die Sith haben gewonnen. Die Botschaft des Terrors (»Ich bin dein Tod«) ist mächtiger als jeder differenzierte Einwand.


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Angst vor der Waffe: Der Terror hat Tunesiens Tourismus ruiniert (Symbolfoto).


Was passiert nun mit Städten wie Nefta und Touzeur, die auf halbem Weg ins Nichts liegen? Die Idee von der Diversifizierung, von einem besseren Tourismus im Süden des Landes, von smarten Travellern, die ihre tajine auf der Terrasse eines Boutique-Hotels mit Blick über die endlosen Dünen der Sahara genießen – sie flimmert nur noch schwach wie die Fata Morgana einer Oase auf dem toten Salzsee Chott el Djerid.

Nach der Kölner Silvesternacht wird viel über »den Nordafrikaner« geredet, den Nafri. Die Sprache ist überhaupt sehr merkwürdig geworden. Es sind, wie man irgendwann einmal feststellen wird, nicht die geistvollsten Zeiten in Deutschland. Aber klar, wir haben die Ordnung, die funktionierende Polizei, das Versprechen auf Wohlstand. Deswegen kommen so viele Menschen, auch aus Tunesien. Deena Abdelhawed wohnt mittlerweile in Toulouse. Sie spielt jetzt viel in Clubs in Europa.


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In Orlando rollt der Alltag auf breiten Straßen. Das Leben on the road ist erschöpfend. Wenig spendet mehr Trost als der Platz in einem Diner, dem amerikanischsten aller Restaurants. Dort schlägt das müde Herz des Landes.

»How are you today sweetheart?«, sagt Stacey und faltet dem Gast die Speisekarte auf. Reizende Frau, denkt der Besucher, aber vermutlich sagt sie so etwas in der Art zu jedem, der sich in diesem Restaurant an einen Tisch setzt: Denny’s Diner, 9880 International Drive, Orlando, Florida. Draußen wirft der Asphalt die Mittagshitze zurück ins Gesicht, drinnen ist es kühl dank air con. »What can I bring for you honey?«, fragt Stacey.

Stacey ist nicht mehr jung, vielleicht Ende 40. Stacey sieht nicht wirklich frisch aus, jedenfalls nicht so detox-smoothie-frisch. Vielleicht hat sie noch einen zweiten Job, einen dritten, sie muss sich noch ein bisschen Energie aufsparen, bis sie den letzten Gast ihrer Schicht bedient hat. Aber Stacey ist immer freundlich, am zweiten Tag auch und am dritten ebenso. Man kommt gerne wieder in dieses Diner, wegen Stacey. Sie hat stets ein nettes Wort, lächelt, wirkt tatkräftig. Als sie zum Nachtisch den sogenannten Chocolate Volcano serviert, kommentiert sie das mit dem großartigen Satz: »Let’s get ready to rumble.«

In diesem Diner, das wahrscheinlich aussieht wie jedes beliebige Diner zwischen Los Angeles und Miami, kann sich der Gast flüchten in jene oberflächliche Freundlichkeit, die fragt »How are you?« und davon nichts wissen will. Aber das ist okay, völlig in Ordnung, ehrlich. Das ist Amerika, und das Diner ist ein wahrlich amerikanischer Ort.


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The heart of America: das Diner.


Orlando wiederum ist die typische amerikanische Metropole. Die Stadt der Food-Courts, Malls und Theme-Parks. Disney, Universal Studios, Seaworld, Legoland. Die Stadt des Family-Entertainment, des XXL-Food, der beigen Shorts und weißen Tennissocken, der bleichen Waden mit zu dicken Adern. Überall sieht man diesen Hacienda-Look, trostlose Architektur. 66 Millionen Besucher kamen vergangenes Jahr nach Orlando, die meisten davon aus dem eigenen Land. Es ist die beliebteste Stadt der USA.

Wer irgendwo hin will, nimmt das Auto. Die ganze Konzeption der Stadt ist auf Autodistanzen ausgelegt. Die Überlegung, hier als Fußgänger unterwegs zu sein, als Flaneur: abwegig. Die Straßen sind breit, die SUVs und Pick-Ups schieben sich von Ampel zu Ampel. Ellbogen lehnen aus dem Fenster, hemdsärmelige Lässigkeit. Der Amerikaner, denkt man, ist gerne draußen auf der Straße, in seinem Auto. Nicht umsonst ist der Roadtrip durch die USA eine der stärksten Reisefantasien deutscher Urlauber.


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Orlando: eine Stadt für Autofahrer.


Zum Essen fährt man auch mit dem Auto. Das Diner ist ein Ort für die ganze Familie, für die Rundlichen und selten Satten, den wohlgenährten Mittelstand. Es gibt nichts Leichtes zu essen, die Soßen liegen schwer im Magen, selbst der Toast ist dick mit Butter eingeschmiert. Eine Coca-Cola mit Vanilleeis heißt »float«. Kompletter Wahnsinn: Cola mit Speiseeis.

Das Diner ist aber auch ein Ort für die Einsamen, die Abgearbeiteten, die Geschundenen. Es spendet Minimaltrost bei 18 Grad Kühle. Hier drinnen finden die Menschen eine warme Mahlzeit, ein kaltes Getränk, etwas Ruhe und ein paar nette Worte. Da draußen sind sie wieder alleine, dust in the wind auf Amerikas Straßen.


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Familien und Cowboys: Im Diner ist jeder willkommen.


Der Schriftsteller Alain de Botton spricht vom Straßenrestaurant als typischer Reisestation von »unerwarteter Poesie«, wie man ihr manchmal etwa auch an Flughafen-Gates, Bahnhöfen und in Motels begegnet. Man könnte auch sagen: unerwartete Melancholie. Beides liegt ganz nah beieinander. Die Gedanken schweifen ab.

Reminiszenz an einen Besuch bei Denny’s auf der ersten USA-Reise 2001, zwei Monate bevor die Türme fielen. Amerika war damals noch ein anderes Land, unbeschwerter. Doch die Abwicklung der Vereinigten Staaten begann früher, vielleicht unter Clinton, oder wahrscheinlich noch eher, in den Achtzigern mit der financialization of capitalism. Sind das noch die guten, alten amerikanischen Straßen, fragt sich der Bürger und wählt Trump. Er versteht die Welt nicht mehr, alles aus den Fugen, doch im Diner hat jeder einen Platz.

Stacey fragt man besser nicht nach Bush, Irak und Lehman. Dafür ist hier nicht der richtige Ort, und es ist auch keine Zeit für mehr als kleine Freundlichkeiten. Der nächste Gast wartet, das Monatsgehalt muss reinkommen, das Kind ins Bett gebracht werden. Letzter Abend in Orlando. Stacey räumt zügig den Teller ab und wünscht eine »beautiful night«. Raus in die Nacht, noch etwas Hitze liegt auf der Straße. Eine Zigarette. Die Stadt ist ruhig.


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Die Insel Koh Rong in Kambodscha bietet die viel gerühmten tropischen Traumstrände. Hier müsste das Glück warten. Doch so einfach ist es nicht. Warum es wichtig ist, seinen Impulsen zu folgen.

Ich war in einem sogenannten tropischen Inselparadies angekommen und nicht in dem Sinne gut drauf. Koh Rong, gepriesenes Eiland vor der Küste Kambodschas: der Sand nahezu ohne Farbstich, türkisfarbenes Meer, ein paar dramatische Wolken in der Ferne. Auch ein sehr fantasieloser Reisender hätte hier keine Mühe gehabt, überzeugend schwärmerische Worte für eine Postkarte zu finden. Wobei das Landschaftsmotiv vorne auf der Karte sowieso alles gesagt hätte. Ich schaute mich um und war nicht begeistert.


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Tropisches Inselparadies: Koh Rong vor der Küste Kambodschas.


Mein Kumpel war vor einer Woche von Saigon zurück nach Deutschland geflogen, und ich hatte es für eine gute Idee gehalten, nach drei Wochen auf dem Landweg durch Vietnam und Kambodscha noch drei Tage am Meer abzuhängen. Warum auch nicht? Ich mochte es, allein zu reisen.

Auf Koh Rong gab es Holzhütten, keine Vier- oder Fünf-Sterne-Anlagen, wo man zu internationalen Service-Standards die Mühsal des Alltags vergessen will und sich der Illusion hingibt, sie käme niemals zurück. Ich hatte eine Herberge bezogen, war kurz im Meer schwimmen gewesen, saß nun auf der hölzernen Veranda meiner Unterkunft und erkannte in diesem Moment des Herunterfahrens, dass ich einem Trugschluss aufgesessen war. Auch am schönsten Flecken Erde sucht der Mensch in der Regel keine Kontemplation, sondern Anschluss.

Die Ergriffenheit in Gegenwart überwältigender Natur, diese intensive Rührung im Angesicht einer Landschaft – man kann das nicht aktiv suchen und dann finden. Dieser Zustand stellt sich plötzlich ein, zieht über einen hinweg wie ein Regenschauer. Ich kannte das Gefühl. Doch auf Koh Rong saß ich in der Mittagshitze, fast alle Schatten hatten sich unter Palmen und Planken verkrochen, und eine Stunde unkonzentrierter Überlegungen mündete in der Frage: Klar, ein echt schöner Strand – und jetzt?

Koh Rong war eine typische Backpacker-Destination, wobei das nichts mehr aussagte. Auf einem schmalen Küstenstreifen reihten sich hier am Tui Beach im Südosten der Insel rund ein Dutzend Bungalow-Unterkünfte auf, fast alle direkt am Wasser, dazu ein paar Bars, ein Bootsanleger. Im Prinzip eine brauchbare Infrastruktur. Aber es kam eben noch ein bisschen mehr auf die Menschen an.


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Hölzerne Veranda, Sitzkissen, Steckdosen: die Unterkunft auf Koh Rong.


Da gab es die druffen Teilzeitaussteiger, von denen manche so aussahen, als würden sie schon zu lange zu schlechte Drogen nehmen. Aber es gab auch – ein fiktives Bespiel – Lisa, 25, die was mit Medien studierte, Nachtzug nach Lissabon als ihr liebstes Buch bezeichnete und »ein bisschen reisen« wollte, bevor der Ernst des Lebens begann. Eine bildschöne französische Familie sah so aus, als beziehe sie gewöhnlich eine Villa an der Côte d’Azur. Sie umgab eine Savoir-vivre-Aura: Terrassenfrühstück, weiße Leinenhemden, noch weißere Zähne.

Auf der Veranda meiner Unterkunft kam ich mit Justin ins Gespräch, einem linksliberalen Demokratenwähler aus Ohio – natürlich Obama-kritisch! –, der den lieben langen Tag Pot in einer kleinen Pfeife rauchte, die er für zehn Dollar in Sihanoukville auf dem Festland gekauft hatte. Eigentlich ein angenehmer Typ. Trotzdem fühlte ich mich verloren.

Mir war nach anregendem Austausch, nach hellsichtigen und heiteren Menschen. Ich war angeödet von dem stumpfen Checker von Coco Bungalows, der in sehr deutsch gefärbtem Englisch die Neuankömmlinge am Bootssteg empfing, um ihnen zu erklären, »what you need to know about this island« (aha, genau, was bitte?). Einer der abgeklärten Typen aus seiner Crew trug tatsächlich eine Kappe mit der Aufschrift »Full Moon Party«. Auch die Pärchen, die nicht redeten und sich mit ihren Smartphones um die wenigen Steckdosen versammelten wie Motten ums Licht, fand ich schwer zu ertragen. Aber am meisten kotzte ich mich natürlich selbst an in meiner Lethargie und Unschlüssigkeit darin, was mit diesem Inselaufenthalt nun anzufangen wäre. Der Strand rief mir zu: Sei doch mal ein bisschen happy!


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Tui Beach: ein Strand, an dem man glücklich sein sollte.


Die Leute, so kam es mir vor, hätten auch am Baggersee in Kleinfurzstadt sitzen können, und die Situation wäre nicht wesentlich anders gewesen. Oder war ich das Problem? Vielleicht schon. Die paradiesische Tropeninsel sorgte jedenfalls für keine besondere Energie, die das Zwischenmenschliche irgendwie neu anordnete. Auf dieses makellose Meer zu schauen, war keine Erfüllung. Der vermeintliche Traumstrand ist die hohlste Fantasie herbeigewünschten Instant-Glücks und damit zurecht Aushängeschild so vieler kommerzieller Reisekataloge.

Dass auch die vorgespielte Aussteiger-Idylle falsch war, konnte man dem allgemeinen Hinweis entnehmen, unter keinen Umständen Wertsachen unbeaufsichtigt in den Bungalows zu lassen. Eine Eintracht zwischen Travellern und einheimischen Angestellten existierte offenbar nicht.

So konnte es nicht weitergehen. Ich tat etwas, das ich immer tat, wenn der Tag keinen Reiz versprach und ich mich langweilte auf Reisen. Ich musste aufbrechen, loslaufen, auf Entdeckungstour gehen. Der Strand war zwar nach wenigen Hundert Metern zu Ende, dort reichte der Wald bis zum Wasser, aber man konnte über die Felsen hüpfen und der Küstenlinie weiter folgen. Ich war nicht der einzige mit dieser Idee.

Nach einer Weile holte ich eine Frau ein, die auf dem gleichen Weg unterwegs war: weg vom Strand mit seiner Backpacker-Meile, hinein in die Wildnis. Ich war etwas schneller als sie, so begegneten wir uns. Dianas Eltern kamen aus Kambodscha, aber sie selbst war in Kalifornien aufgewachsen. Sie sprach ein helles, amerikanisches Englisch und lachte viel. Wir kamen ins Gespräch, setzten unseren Weg gemeinsam fort, sprangen über die Felsen, bis wir zu einer Lagune kamen. Hier mündete ein kleiner Fluss im Meer. Wir zogen die Schuhe aus und gingen auf einer Sandbank durch das Wasser. Die breit ausgedehnte Bucht, die wir nun erreichten, war menschenleer. Nur ein Hund lief uns nach, den wir Mang-Mang tauften.


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Menschenleere Lagune.


Wir verbrachten den Rest des Tages in dieser einsamen Bucht, bis das Licht zu schwinden begann. Diana sprach von ihrem Vater und darüber, wie die Männer sind in Kambodscha, wie sie auf die Frauen schauen. Sie sprach über ihre bewegte und bewegende Kindheit. Ohne hier das Privatleben eines Unbeteiligten ausbreiten zu wollen, kann ich sagen, dass es ein witziges, anrührendes, ernstzunehmendes Gespräch war, das sich am Abend beim Essen auf der Veranda der Herberge fortsetzte. Ein Austausch, der eine Verbindung herstellte, wie man sie sich auf Reisen wünscht, kein belangloser Traveller-Talk. Wir redeten viele Stunden, bis tief in die Nacht hinein. Auch hatte unsere Begegnung nichts Amouröses, vielleicht eine kleine Andeutung in diese Richtung, nicht mehr. Nichts jedenfalls, dem man seine Absichten und den Gesprächsverlauf unterwarf.

Am nächsten Tag stand die Abreise an. Ich konnte nun, nachdem ich Diana kennengelernt hatte, meinen Frieden mit der Insel machen. Dass die Dinge am Ende so gut standen, hatte ich keiner Meditation zu verdanken. Es war die kleine Neugier auf das gewesen, was hinter der Bucht lag, und die große Neugier auf das, was eine Fremde zu erzählen hatte.

Manchmal ist es wichtig, seinen Impulsen zu folgen, wenn die innere Ruhe sich nicht einstellen will: mal bei den Felsen schauen, ein bisschen die Küste entlangspringen. Und dann: großes Leben! So war etwas entstanden, das Bedeutung haben würde in der Erinnerung an diese Insel.

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Saharahitze und Scharia: Der Sudan scheint ein feindlicher Ort zu sein. Das denkt man jedenfalls, wenn man sich anschaut, was zurzeit über den Islam gesagt und geschrieben wird. Eine Reise ins Herz des Bösen?

Ein blassblauer, staubiger Himmel liegt über Khartum. Sandfarben sind die Straßen und Häuser. Motorräder, Amjads und alte Autos knattern unter einer heißen Sonne über den Asphalt, kreuz und quer durch die flache, schachbretthaft angelegte Wüstenstadt. Hitze flimmert auf dem Asphalt. Der Blaue und der Weiße Nil fließen hier ineinander und zugleich die arabische Welt und das, was wir Schwarzafrika nennen.

Beide Regionen wecken gleich dumme Zerrbilder im Bewusstsein, die von einer hauptsächlich medial vermittelten Wirklichkeit dieser Weltgegenden gespeist werden. Das Nachrichten-Khartum klingt irgendwie nach Kamelen und Camouflage. Nach Karawanen und Pick-Up-Trucks mit aufgeschraubten Maschinengewehren. Nach bärtigen Fanatikern und schwarzen Söldnern. Nach einem Ort, an den man vielleicht besser nicht reisen sollte. Großer Unsinn.

Ich sitze bei Ozone, in einem komplett auf amerikanisch gemachten Café, wo Teenager Eiscreme essen und auf ihren Handys herumspielen, und ich gehe meine Hirngespinste durch, ohne das trügerisch liberale Flair des Lokals überbewerten zu wollen. Ich habe beim Sudan erst einmal an den Islam in seiner Hardcore-Variante gedacht. Der ruhelose Lynchmob, dachte ich, lauert immer schon hinter der nächsten Straßenecke!

Beim Verlassen des Flughafens gleich die erste Enttäuschung: quadratmetergroße, westlich-dekadente Werbung für das neue Samsung Galaxy. Smartphone statt Scharia, das wäre jetzt die billige Zuspitzung, wobei sich das eine und das andere ja gar nicht ausschließen. Aber das Denken ist schon matt und ganz gereizt vom Schwarz und Weiß.


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Blick über Khartum, Zusammenfluss des Weißen und Blauen Nils, Markt von Omdurman.


»Der Islam ist eine grüne Wiese, auf der man sich ausruhen kann.« So überschrieb Christian Kracht in Der gelbe Bleistift das Kapitel über Peschawar. Dieses Bild ist mir im Kopf geblieben, bevor ich je ein islamisches Land bereiste, auch wenn es in dem Text im Kern um eine Waffenfabrik geht, wo der Autor mit Raketenwerfern auf Ziegen schießen kann. Aber ich habe den Satz komischerweise nie ironisch gelesen.

Eine echte grüne Wiese haben sie hier nicht in Khartum. Die Männer sitzen in ihren erstaunlich staubfreien Gewändern auf Plastikstühlen am Straßenrand, unter Schirmen, unter Brücken. Sie sind dabei so friedlich wie pensionierte Sozialdemokraten aus Wanne-Eickel, die sich am Sonntagnachmittag zum Boule im Park treffen.

Kriminalität gibt es in Khartum ausgesprochen wenig. Ich fahre auf den Markt in Omdurman, spaziere auf der Nilinsel Tuti noch durch die abgelegenste Gasse und esse in einem spartanischen Lokal einen Teller Ful (ein Einfache-Leute-Gericht aus Bohnen). In der Al-Mashtal-Straße im Viertel Al-Riyadh suche ich das ehemalige Haus von Osama bin Laden, der dort bis 1996 wohnte, bevor er Amerika endgültig den Krieg erklärte. Doch kein Terrorist ist hier, nicht mal ein militanter Islamist, der mich als ungläubigen Imperalisten beschimpfen könnte. Wo ist er nur, der böse Moslem?

Dabei hat doch der Kulturkampf längst begonnen. Das ist jedenfalls der Eindruck, den man kriegen kann, wenn man die besorgten Leitartikel liest, in den Kommentarspalten der Medien dem Volk in die Seele schaut und dem Wutrauschen am Stammtisch lauscht. Auch im Kopf der wohlstandsgesättigten Akademikerin tobt es längst. Da sagt eine, dass Deutschland nicht mehr ihr Land sei, weil sie am Flughafen die Schuhe ausziehen müsse, während Merkel Flüchtlinge unkontrolliert über die Grenze geholt habe. Diese Worte sind genau so gefallen, dazu gab es Meeresfrüchte und Weißwein.

Der Kulturkampf hat also begonnen, und wer will da in ein Land wie den Sudan, wo doch der Moslem schon im Sprengstoffgürtel vor der europäischen Haustür steht, um unsere Kultur und Zivilisation zu zerstören? Dieses Wüstenland weckt die gleichen Reflexe wie der muslimische Mann dieser Tage: Angst, Vorurteile, Ablehnung. Selbst nach Ägypten und in die Türkei will der Deutsche jetzt nicht mehr in den Urlaub fahren – »nach Paris«, »nach Köln«, wie es stets in diesem seltsam apokalyptischen Duktus heißt. Als habe sich die Schlechtigkeit des Islams endgültig bestätigt.


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Feindbild: ein betender Moslem.


Der Markt in Omdurman ist der größte des Landes. Die Schwesterstadt Khartums wurde berühmt durch den Mahdi-Aufstand und die Schlacht von Omdurman 1898. Man kämpfte gegen die britisch-ägyptischen Besatzer – erfolglos. »Der beachtlichste Sieg, der je durch die Waffen der Wissenschaft über Barbaren errungen wurde«, schrieb Winston Churchill, damals einfacher Leutnant.

Was es heute im Sudan zu kaufen gibt, findet man auf dem Markt von Omdurman. Goldschmuck, Gewürze, Kleidung aller Art und gefälschte Fußballtrikots – das ist natürlich keinesfalls alles. Pferdekarren finden ihren Weg durch die Gassen, Juweliere warten im Schatten ihrer Geschäfte auf Kundschaft. Ich laufe nur so umher, plaudere mit den Leuten und mache Fotos von Händlern, die immer gleich freundliche Posen einnehmen.

Schnitt, zwanzig Minuten später. Eine Menge aufgebrachter, schimpfender Männer umringt mich. Das wütende Arabisch dringt kratzig an mein Ohr. Doch die Menschen schreien nicht mich an, sondern den Polizisten, der mir gerade meine Kamera abnehmen will. »No pictures«, hatte er gerufen und kam dann ernst herüber. Jetzt hält er das Trageband meiner Kamera fest in seiner Hand, schaut mich unversöhnlich an und gibt mir klar zu verstehen, dass ich ihm den Fotoapparat nun auszuhändigen habe. Mein Versuch, ihn durch das Löschen von Bildern zu besänftigen, zeigt überhaupt keine Wirkung. Ich bin verzweifelt. Die schönen Aufnahmen!

All meine Reisefotos sind wohl verloren oder ich muss die Kamera gegen ein lächerlich hohes Bestechungsgeld zurückkaufen, wären da nicht die Männer vom Markt. Sie reden zornig auf den Polizisten ein. Sie verteidigen mich! Der Beamte lässt die Kamera los. In dem ausgewachsenen Tumult ist es nicht schwierig, Schritt für Schritt nach hinten zu treten und irgendwann in der Menge zu verschwinden. Das rettet mir meine Reportagebilder, den Männern sei Dank.


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Freundliche Männer auf dem Markt von Omdurman, die sich gerne fotografieren lassen.


Nun möchte man sagen, dass diese Szene fast schon zu symbolisch ist und auch zu kalkuliert erzählt. Man soll im Detail das große Ganze erklärbar machen, hat der Meisterreporter Holger Gertz uns einmal beigebracht. Leider ist der Weg von der Veranschaulichung eines Problems am konkreten Beispiel zur pauschalisierenden Verallgemeinerung mitunter recht kurz. Es ist, nebenbei bemerkt, der Weg des Rassisten. Aber das ist die Herausforderung: differenziert denken und doch zu sehr klaren Schlüssen kommen.

Im Rückblick erklärt sich die Situation auf dem Markt so: In den armen und rückständigen Ländern der muslimischen Welt – aber natürlich nicht nur dort – leiden die Menschen in erster Linie unter despotischen Regimen, einem nicht-funktionierenden Staatswesen und epidemischer Korruption, was dann wiederum zu hoffnungslosem Nepotismus, mangelnden Perspektiven und großer Armut in weiten Teilen der Bevölkerung führt. Offenbar hatten die hilfsbereiten Männer vom Markt zumindest in dem Moment, als der Polizist mich hereinlegen wollte, konkret die Schauze voll von ihrem ineffizienten, bestechlichen Bürokratieapparat, der es nicht schafft, ein erträgliches Mindestmaß an sozialer Absicherung zu gewährleisten und noch dazu den wenigen Gästen, die ins Land kommen, das Geld aus der Tasche zieht. Das ist wieder eine Zuspitzung, aber in diesem Fall eine angemessene.

Es wird nicht die einzige positive Erfahrung im Sudan bleiben. Nun ließe sich von den Jungs in Karima erzählen, oben am Nil, die mich zu einer Schale Obstsalat in ihre Hütte einladen, oder von Essan, der mich in Shendi in seinem Gästehaus fast schon wie ein gütiger Großvater beherbergt, oder vom Fernfahrer Omar, der mich in seinem Truck nach Ad-Damir mitnimmt, ohne dafür auch nur einen sudanesischen Pfund zu verlangen. Ja, auch als weißer Ungläubiger werde ich überall im befriedeten Teil des Sudans mit großer Gastfreundlichkeit empfangen und behandelt.

Mit der gleichen Vehemenz ließe sich aber nun auf die nicht zu leugnenden Unzulänglichkeiten der sudanesischen Gesellschaft verweisen. Meine Reise wäre als Frau so mit Sicherheit nicht möglich. Überhaupt sehe ich nirgendwo im Land lachende, selbstbewusste Frauen, was eine Tragödie ist.

Ja, Khartum ist friedlich zu mir. Aber der Gedanke, sich hier mit einem T-Shirt mit der Aufschrift »God is dead« oder »Gay is great« auf die Straße zu stellen, scheint nur im ersten Moment lustig und im zweiten schon völlig undenkbar. Was bei uns in Deutschland oft nur als selbstgefälliger Akt demonstrativ zur Schau gestellter Liberalität wahrgenommen wird, könnte hier im Sudan schnell etwas lebensgefährlich werden. Ich bewege mich zwar frei in dieser Gesellschaft, aber es ist eine unfreie Gesellschaft. Voltaire kam nie in den Sudan.

Was soll man aber nun für Schlüsse ziehen? Der Islam ist eine gewalttätige Religion? Wer nach Khartum kommt, kann da nur lachen. Der Islam ist nicht zur Demokratie fähig? Da möge man bitte den Senegal besuchen. Der Islam ist intolerant und duldet neben sich keine andere Religion? Indonesien, das größte muslimische Land der Welt, ist ein Gegenbeispiel und kann im übrigen auch guten Gewissens von Frauen bereist werden, denen die Machokultur in Ägypten oder Marokko entschieden zu unangenehm ist. Es ist leider eben doch alles schrecklich komplex.

Wer von dem Islam spricht, macht schon den ersten Fehler. Wer dann am heimischen deutschen Schreibtisch furchtbar entrüstet nach Koranversen sucht, die die Bösartigkeit dieses Islams belegen sollen (»Suren-Bingo«), der sollte vielleicht besser ein islamisches Land besuchen oder gleich mehrere und dort mit möglichst vielen Menschen reden und sich ihre Geschichten anhören. Und wer von einem Islam spricht, der Europa erobern und unsere Demokratie abschaffen will, der ist vor Angst schon ganz wirr oder ein gefährlicher Demagoge.

Seien wir ehrlich: Das Modell der liberalen, säkularen Gesellschaft des Westens ist viel zu verlockend, als dass sich die gebildete Jugend zwischen Tanger und Teheran – möge sie auch klein sein – nicht längst danach sehnen würde. Die Anschlussfähigkeit muss man auch nicht lange suchen. Wer unüberbrückbare kulturelle Differenzen propagiert, der sollte sich einmal ins Nachtleben von Istanbul oder Beirut begeben. Oder sich unter die tunesische Jugend mischen, die mit Kofferraumladungen voller Alkohol von Tunis herunter zum Festival Dunes Electroniques in die Wüste fährt. Oder sich in Marrakesch zum vollkommen harmlosen Tinder-Date mit einer Marokkanerin treffen, die sich bei einem Drink in der Neustadt über die europäischen Touristen amüsiert, die in der alten Medina vom folkloristischen Schauspiel eines vermeintlich exotischen Orients ganz ergriffen sind. Diese Liste kann jeder Reisende selbst fortsetzen.


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Werbung in Beirut, junge Tunesier auf dem Dunes Electroniques, Nacht über Marrakesch.


Claudius Seidl hat völlig berechtigt die Frage aufgeworfen, ob sich die Jugend des Nahen Ostens gegenüber unserer Kultur (des Pop) tatsächlich verweigert. Er spricht vom »kapitalistischen Realismus«, dem Streben nach Glück durch Konsum, das nach universeller Verständlichkeit strebt. Die Antwort lautet: auf gar keinen Fall. Es ist dann auch der größte Treppenwitz des Intellekts, die Defizite in den arabisch-islamischen Ländern maßgeblich auf die vorherrschende Religion zurückzuführen und die viel wichtigeren politischen und sozialen Ursachen völlig auszublenden.

Umso alarmierter muss man sein, wenn islamischer Terrorismus zu einem epochalen Wertekonflikt aufgebaut wird. Wer die westlichen Werte hochhält, spricht von Errungenschaften, die bitteschön nie für Menschen außerhalb dieses Westens irgendwie von Bedeutung zu sein hatten. Denken wir nur kurz an die US-Sanktionen gegen den Irak, im Laufe derer rund 500.000 Kinder starben, weil zum Beispiel nicht einmal mehr einfache Medikamente importiert werden konnten. Die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright wurde in einem Interview gefragt, ob die Bestrafung Saddam Husseins diesen Preis wert gewesen sei. Und was sagte sie? Klar, hart sei das gewesen, aber: ja.

Die ganze Außenpolitik im Nahen Osten ist an Perfidie eigentlich kaum zu überbieten, aber das ist eine Geschichte, die woanders schon oft genug erzählt wurde. Sie ist auch keine Entschuldigung für alles, aber sollte doch die Zunge zähmen, wenn diese einem Araber etwas von westlichen Werten daherfabulieren möchte. Solche Überlegungen passen nicht zur schönen Welt des Reisen? Tut mir leid, es muss sein. Was die Welt bewegt, dazu sollte man eine Haltung finden.

Am letzten Tag meiner Sudan-Reise sitze ich noch einmal bei Ozone in Khartum. Bei Kaffee und Kuchen. Wasser wird durch Zerstäuber in die Luft gesprüht und kühlt die Sahel-Hitze ein wenig herunter. Hinter der Hecke rauscht Verkehr.

Ich reflektiere das kleine Abenteuer, das ich in diesem Land erlebt habe. Ich weiß jetzt, hier kann ich trotz Hardcore-Islam meiner Wege gehen und treffe dabei auf Menschen, die mich nicht bespucken sondern als Gast willkommen heißen. Eigentlich eine selbstverständliche Lektion, stelle ich fest. Umso trauriger, dass sie im Moment als revolutionäre Weisheit daherkommt. Begegnung sorgt für Verständigung, das ist noch so eine Plattitüde, die stimmt.

Schon raunt es wieder: Dauerhaft leben will man im Sudan doch auch nicht! Stimmt. Lombok fänden die meisten aber wohl gar nicht schlecht. Ich für meinen Teil freue mich am Ende der Reise, ehrlich gesagt, wieder auf mein hedonistisches und ziemlich exklusives Westlerleben, dessen Wohlstand die Kehrseite einer armen, ausgebeuteten anderen Welthälfte konsequent mitverantwortet. Dessen sollte man sich schon bewusst sein. Islamischer Extremismus ist dann eher ein Begleitphänomen als Kern des Problems.

Bedroht der Islam jetzt Europa? Eine merkwürdige Frage, die gerade oft gestellt wird.

Der Islam ist eine grüne Wiese, auf der man sich ausruhen kann. Wer keine fauligen Pflanzen will, deren Früchte den Geist vergiften, sollte vielleicht nicht den Fehler machen, den Boden zu verbrennen. Auf toter Erde wächst überhaupt nichts.

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Maboneng ist das hippste Viertel Johannesburgs. Es liegt in einer der gefährlichsten Gegenden der Stadt. Die Jeunesse dorée flaniert, wo die Ärmsten im Dreck leben. Kann das funktionieren? Eine Reportage.

John Wessels war draußen auf den Straßen, als die Polizei von Johannesburg mit Gummigeschossen auf die Männer feuerte, deren wütende Gesichter von den Flammen der brennenden Barrikaden erleuchtet wurden. Wessels war mittendrin. Der junge Südafrikaner ist Pressefotograf. Die Proteste der armen Leute gegen die Zwangsräumungen der besetzten Gebäude hier in Jeppestown, einem Viertel südöstlich der berüchtigten Downtown, die musste er natürlich ablichten. »That was heavy shit«, sagt Wessels über diesen Tag, der gerade einen Monat zurückliegt.

Für einen Besucher, der erst ein paar Stunden in Maboneng verbracht hat, klingt es wie die Geschichte aus einer anderen Welt. Man ist erstaunt. Wer eine Woche in Maboneng unterwegs war, wundert sich nicht mehr.

Maboneng, das bedeutet »Ort des Lichts«. Den Namen hat sich die Immobiliengesellschaft Propertuity ausgedacht, die das kleine Viertel in einen Szenebezirk umgewandelt hat. Es ist ein Kunstname, mehr eine Verheißung als eine geografische Bezeichnung. Die Nachbarschaft liegt genau zwischen Jeppestown und dem Stadtteil Doornfontein, bislang umfasst sie kaum mehr als die unmittelbaren Seitenstraßen entlang der Fox Street. Doch ihr Ruf geht weit über die Häuserblocks zwischen Berea Road und John Page Drive hinaus.

Der Gast aus Deutschland wähnt sich in einer Miniaturausgabe von Berlin-Kreuzberg oder dem Hamburger Schanzenviertel. Das ist natürlich eine eurozentrische Perspektive, aber es erklärt die Gemütslage des Reisenden: überaus entspannt.

In dem kleinen Café Eat Your Heart Out bringt der Kellner gut abgestimmte Smoothie-Kreationen: Rote Beete mit Apfel, Melone mit Minze, Karotte mit Ingwer. Die Speisekarte steht auf einer Schiefertafel, die von einem Holzrahmen eingefasst wird. Der Kaffee ist mild und aromatisch. Im Little Addis Café nebenan gibt es äthiopische Küche, im House of Baobab um die Ecke Spezialitäten aus dem Senegal. Die Fabulous Burger Boys belegen das Rindfleisch auch mit Blauschimmelkäse, es sind junge, gutaussehende, motivierte Männer. Allerbeste Organic-Food-Idylle. Ein Mittagessen kostet vielleicht zehn Euro, für einen Urlauber, der 600 Euro für den Flug nach Südafrika ausgeben kann, ist das – völlig okay.


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Wie Kreuzberg oder Schanzenviertel: die Nachbarschaft Maboneng.


Im Café sitzt auch James Rood, Mitte 30, die Statur eines Footballspielers. »This place is fucking beautiful«, so fasst er die Atmosphäre zusammen. Rood war lange fort und kann sich an diesen Ort hier nicht erinnern.

Der gebürtige Südafrikaner wuchs in Johannesburg auf, als Weißer in Hillbrow, einem der kriminellsten Viertel der Stadt. Er ging nach England, arbeitete für eine norwegische Ölfirma, machte gutes Geld. Jetzt ist er zurück in Südafrika, besucht Verwandte, die Arbeit hat er gekündigt. Es bleibt offen, wieso. Rood ist in Johannesburg also Einheimischer und Tourist zugleich. Die Immobilien in Maboneng sind erschwinglich für ihn. Es ist womöglich dieser sonnige Tag im April, der seinem Leben eine neue Wendung geben wird.

Samstagmorgen, das Wochenende hat begonnen. Stilsicher gekleidete Bohemiens führen ihre Garderobe aus: Skinny Jeans, Vintage-Shirts, Sakkos mit Einstecktuch, Sneaker in Bonbonfarben, schwere Goldketten, die mit großem Ernst, aber wohl doch ein wenig halbironisch getragen werden. In dieser »connected urban neighbourhood«, so steht es auf einem Schild, sind die Leute gut drauf, was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass sie für südafrikanische Verhältnisse ziemlich wohlhabend sind. Die Touristen aus Europa, die vom Stil her deutlich gegen die Einheimischen abfallen, laufen staunend die Fox Street entlang und fragen sich, ob sie hier wirklich in der Innenstadt von Johannesburg sind. Kurze Erinnerung: Sicherheitsleute stehen an jeder Straßenecke.


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Shoppen und Schlemmen – beschützt von einer privaten Sicherheitsfirma.


Johannesburg hatte lange den Ruf als gefährlichste Stadt der Welt. Das war in den neunziger Jahren, als die Apartheid abgeschafft worden war und die Geschäftsleute die Innenstadt verließen, um sich im Norden der Stadt niederzulassen. Die Mordrate soll damals die Zahl der Verkehrsunfälle überstiegen haben. Heute hat Johannesburg einen kleinen, gesunden Hype. Die Downtown gilt für weiße Touristen allerdings immer noch als No-Go-Zone. Nicht aber Maboneng.

»It was a rough place«, erzählt Dario Manjate, der die Gegend schon kannte, bevor Propertuity 2009 damit begann, Gebäude aufzukaufen und an junge Unternehmer zu vermieten. Der Künstler ist an diesem Abend nach Maboneng gekommen, weil in der Galerie Imba Ya Sarai eine Ausstellung eröffnet, die seine Werke zeigt. Es sind Collagen aus Magazinschnipseln, mit etwas Abstand erkennt man darin ein Frauengesicht. Es gehört Manjates Nichte.

Dreimal sei er in der Downtown mitten am Tag überfallen worden, berichtet der Südafrikaner. Gäbe es Maboneng nicht, sagt er, dann müsste man in der Gegend große Angst haben. Er habe nie geglaubt, dass es hier einmal so sicher sein würde. In den Häusern der Nachbarschaft könnten sich keine Kriminellen mehr verstecken, im Gegensatz zu den »vandalized buildings« ganz in der Nähe. »I hope there will be more places like this«, sagt Manjate. Für ihn als Künstler wäre das förderlich.

»This place became a hotspot«, findet auch Ben Tuge, ebenfalls Künstler, der hier seine Werke ausstellt. Er trägt eine schwarze Lederjacke, schwarze Mütze, die Brille hängt ihm vor der Brust. Tuge kam vor 15 Jahren aus Simbabwe nach Südafrika. Auch die Kunst sei für ihn eine Reise gewesen. »You have to practice. You have to understand yourself.« Seine aus weichem Holz geschnitzte, etwa einen Meter hohe und überaus anmutige Frauenfigur kostet 18.000 Rand. Der deutsche Besucher rechnet nach: mehr als 1000 Euro, doch etwas zu viel für ein Mitbringsel.


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Künstler Ben Tuge: drei Monatseinkommen für eine Statue.


Die Menschen, die vor einem Monat nur ein paar Blöcke weiter auf die Straße gingen und irgendwann Geschäfte geplündert haben, müssten für Ben Tuges Figur statistisch gesehen ungefähr drei Monate arbeiten – wenn sie Arbeit hätten. Es sind solche Zahlenspiele, die vielleicht erklären, warum die Stimmung so aufgeheizt ist, dass sie sich in einem derartigen Gewaltausbruch entladen hat. »It was just a matter of time until Jeppe locals stood up against the aggressive development of Maboneng«, kommentierte eine Frau auf Twitter.

Fotoreporter John Wessels fährt den Ort des Geschehens noch einmal ab. Er steuert seinen Wagen über die Main Street, dann in die Betty, die Marshall und rüber zur Madison. Er fährt nicht zu schnell und nicht zu langsam. Und nicht zu weit nach Süden, denn er will nicht, dass sein Gesicht dort erkannt wird.

Keine zehn Minuten zu Fuß von Maboneng entfernt steht das sogenannte Hostel, wo früher die Mitarbeiter der staatlichen Minenfirma wohnten, eine Wohnbaracke, in der heute mehrere hundert Männer unter erbärmlichen Bedingungen leben. Das Haus wurde wie so viele Gebäude in der Innenstadt irgendwann einfach besetzt. Wessels fährt nicht direkt dort vorbei. Aber er zeigt die geplünderten Shops in der Nähe, die Einschusslöcher der Polizeigeschosse, Schmauchspuren an den Fassaden.

Viele Menschen hier seien in Gangs organisiert, erzählt Wessels, der auf seiner Fahrt die andere, die Kehrseite von Maboneng zeigen will, wie er sagt. Die Demonstration sei gut abgestimmt gewesen, alle hätten Bescheid gewusst. Wie auf Kommando seien Steine von den Dächern geflogen, als die Polizei anrückte. Er hat Männer auf den Häusern schon mit Feuerwaffen gesehen.

Wessels kennt die Gegend gut, er wohnt seit einiger Zeit in Maboneng, aber nimmt gewissermaßen die Rolle des neutralen Beobachters ein. Er grüßt die Verkäufer auf dem nahen Zulu-Markt, den Schrotthändler aus Indien, die Einwanderer aus Benin oder Mosambik mit ihren kleinen Shops, den ehemaligen Jäger und Extremsportler Swazi Werner in seiner Zebra Bar, wo fast hundert ausgestopfte Antilopen, Zebras und Affen an der Wand hängen. Wessels hält ihn fest: den Gegensatz aus Arm und Reich, der hier auf besonders engem Raum offensichtlich wird.


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Aufstand der Armen: Spuren der Verwüstung in Jeppestown.


Alles sei ein Missverständnis gewesen, erklärt Bheki Dube, Betreiber der Curiocity Backpackers an der Fox Street. Auch ein Hostel, aber in diesem Fall erste Anlaufstelle für Traveller, die auf ihrer Südafrika-Rundreise keinen Bogen um Johannesburg machen. Propertuity habe den kritischen Räumungsbescheid nicht geschickt, sondern eine andere Immobilienfirma, sagt Dube. Das ist richtig. In den lokalen Medien und sozialen Netzwerken wurde spekuliert, welches Unternehmen es dann gewesen sein könnte, Propertuity jedenfalls nicht. Doch das Vorzeigeprojekt Maboneng war als Projektionsfläche für die Wut der Habenichtse einfach zu passend. Weil der Aufstand von der Polizei niedergeschossen wurde, kehrte allerdings schnell wieder Ruhe ein.

Bheki Dube spricht nicht so gerne über die denkwürdige Nacht vor vier Wochen. Lieber erzählt er von der Zukunft. »This is the most talked-about neighbourhood of Johannesburg«, sagt er. Zwar gibt es auch andere Kreativstandorte wie 44 Stanley in Richmond, aber dort ist alles gehobener, es werden antike Möbel aus Europa verkauft, und Melville ist nicht fern, wo man über keine Mauer steigen kann, ohne dass der Strom einen umwirft. Maboneng dagegen hat einen wilden Ruf.

Die überschaubare Nachbarschaft könne ein Vorbild für die Stadt sein, findet Dube. Tatsächlich will die Stadtregierung die Downtown wiederbeleben, riesige Plakate an leerstehenden Hochhäusern kündigen eine »radical transformation« an. Dube sieht in Maboneng so etwas wie einen Funken, der die ganze Stadt anfeuern könnte. Er wählt eine andere Metapher: »Let the bubble grow, let it explode and spread up.« Dube lässt keinen Zweifel daran, dass er es ernst meint.

Der Selfmade-Unternehmer ist Fotograf, er reiste durch Südafrika und machte Bilder von Hostels, schaute sich Konzepte an. Dann kam Propertuity mit CEO Jonathan Liebman, der unter anderem in Brooklyn gelernt hat, wie man verrufene Stadtteile in Szeneviertel verwandelt. Das Curiocity war geboren, Ableger in Kapstadt und Durban sind schon geplant. »In five years this will be the leading hostel in South Africa«, prognostiziert Dube. Er ist 23 Jahre alt.

Das Curiocity ist ein Ort, wie ihn sich der Reisende wünscht: Industriedesign, günstige und saubere Zimmer, freundliche Mitarbeiter, die Stadtführungen und Ausflüge organisieren und dem Gast das Gefühl vermitteln, auf Augenhöhe mit ihm umzugehen. Man erzählt die spannende Geschichte, dass sich Nelson Mandela einst in dem Gebäude versteckt hielt, als er in der Zeitschrift »Fighting Talk« für den African National Congress (ANC) politische Streitschriften veröffentlichte. Abends wird zusammen Billard gespielt, und viele Touristen hier glauben, schon nach kurzer Zeit kleine Freundschaften mit den »locals« zu schließen.

Der in Deutschland etwas überstrapazierte Kampfbegriff Gentrifizierung ist auch in Johannesburg ein Schlagwort, das für Diskussionen sorgt. Dube hält ihn mit Blick auf Maboneng für nicht passend. »The rents go up. That’s natural progression«, sagt er. Im Übrigen brauche man das Geld der »upper class« – er hält kurz inne und ergänzt: und der »middle class« – um ein Viertel zu entwickeln. Wenn die Regierung sich so ein Projekt vornehme, dann dauere das drei oder vielleicht auch fünf Jahre, bis etwas passiert. Oder es tut sich überhaupt nichts. Propertuity ist da deutlich schneller und mit seiner Expansion noch lange nicht am Ende.


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Curiocity Backpackers, Bheki Dube, Maboneng: ein gutes Geschäft.


An der Ecke Beacon / Lower Ross steht James Rood vor einem gewaltigen Wohnblock mit dem Konterfei Mandelas. Propertuity renoviert das Gebäude, Arbeiter hocken auf dem Dach, im Erdgeschoss gibt es ein Geschäft, das durch ein Schild schon als zukünftige Cupcake-Bar ausgewiesen ist. Die Immobilienfirma informiert über die Apartments, die hier entstehen sollen. 45 bis 65 Quadratmeter, das sei für ihn zu wenig, sagt Rood. 100 Quadratmeter seien besser. Im Curiocity lässt er sich später die Baupläne des Wohnkomplexes zeigen.

Propertuity gehören nach eigenen Angaben bereits mehr als 35 Gebäude in der Gegend. Maboneng soll vor allem nach Norden hin wachsen, mit Prestigeobjekten wie dem Hallmark House an der Siemert Road, »the most desirable lifestyle space on the African continent«, wie es in der Werbebroschüre heißt. Die Penthouse-Suite hat 125 Quadratmeter plus eine 48 Quadratmeter große Außenterrasse. Aber auch südlich der Fox, mehr in Jeppestown, sind moderne Apartmentkomplexe geplant. Eines heißt Craftsmen’s Ship, designt vom bekannten südafrikanischen Künstler Stephen Hobbs. Insgesamt 193 Wohneinheiten gibt es, außerdem einen Pool. 29 Quadratmeter sind für knapp eine halbe Million Rand zu haben, das sind 30.000 Euro, ein echtes Schnäppchen.

Noch sehen viele Straßenzüge trostlos aus. Ärmlich gekleidete Menschen schieben sich an Häuserwänden entlang, Ratten wühlen im Müll, aufgerissene Bürgersteige. In welchen Gebäuden einmal die urbane Kreativelite Johannesburgs residieren wird, davon zeugen an vielen Stellen bislang nur Graffitis. Es sind keine hingeschmierten Tags, sondern großflächige Kompositionen von angeheuerten Künstlern, so wie das Bild von Mandela, das Touristen begeistert von der tollen »Street Art« schwärmen lässt. Propertuity bedient sich einer Ausdrucksform der Straße, aber es bleibt offen, ob es ein Zeichen der Annäherung ist oder der Verdrängung, die Vereinnahmung des Gegners mit den Mitteln der anderen Seite.


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Streifzug durch Maboneng und Umgebung: Penthouses im Elendsviertel.


Auf dem Food Market im Arts on Main, einer alten Lagerhalle, in der Maboneng gewissermaßen seinen Ausgang nahm, stellt man sich solche Fragen eher nicht. Dafür gibt es ausgezeichnete Küche. Thai-Gerichte, Currys, Buritos, Kuchen, craft beer aus Soweto. An vielen Ständen werden Probierhäppchen angeboten. Alles wirkt erstaunlich bürgerlich. Als Vorbild dient der Neighbourgoods Market in Bramfontein, der auch erst 2006 von zwei jungen Kreativen gegründet wurde und für das neue, trendbewusste Johannesburg steht. Viele Köche trifft man auf beiden Märkten. »Kulinarik ist ein großes Thema«, mit einer solchen Leerformel würden Tourismusvermarkter die Bedeutung des Arts On Main für Maboneng umschreiben.

Viele Touristen snacken sich hier durch den Mittag, aber auch wohlhabende Johannesburger aus den reichen Vororten im Norden, aus Sandton und Rosebank, wo es aussieht wie in Europa. Sie kommen mit ihren Limousinen und SUVs herunter, weil diese Nachbarschaft ein hippes und zugleich sicheres Wochenendvergnügen verspricht. Und tatsächlich wirkt ja eine Gated Community wie zum Beispiel Melrose im Gegensatz zu Maboneng unendlich trostlos.

Abends verlagert sich das Treiben in Richtung Patapata. In dem Restaurant werden Weinflaschen entkorkt und zarte Filets serviert. Im Theater nebenan interpretiert eine junge Künstlergruppe an diesem Tag Shakespeares Sommernachtstraum. Und in der Rooftop-Bar in der Kruger Street genießen junge Menschen ihren Sundowner. Ein DJ legt auf, über Johannesburg geht die Sonne unter. Maboneng, das ist ein Ort für die neue kreative Klasse im Sinne Richard Floridas, die Avantgarde der Globalisierung, junge Unternehmer, für die guter Geschmack und Stilempfinden immer schon fast genauso wichtig waren wie Produktivität und Geschäftssinn.

Eine junge Schmuckdesignerin auf dem Arts On Main hat eine andere Perspektive auf das Viertel: »It’s escapist land. It’s a peep show.« Die junge Frau will nicht, dass ihr Name irgendwo erscheint, sonst werde sie nicht mehr eingeladen. »You can’t have one street that is paralyzing clean, and everything around is falling apart«, sagt sie. Die lokale Gemeinschaft profitiere kaum. »They call it community development, but it isn’t.« Man nutze die Menschen und ihre Kultur für das Image des Viertels. »But how are they empowered?« Inwieweit werden die armen Menschen rund um Maboneng ermächtigt, ihr Leben zu verbessern?


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Organic-Food-Idylle: der Markt im Arts On Main.


Propertuity liefert ein paar Antworten: »A great part of the Maboneng Precinct is about empowering young entrepreneurs and growing the local economy«, teilt das Unternehmen mit. Günstige Mieten sollen den Menschen die Möglichkeit geben, ihr eigenes Geschäft zu starten. Es gibt das Konzept »Made in Maboneng«, das den Verkauf von lokal hergestellten Waren fördern soll. Mit dem Lalela Project hat sich eine Initiative in Maboneng eingemietet, die Kinder von der Straße künstlerisch ausbildet, um ihnen auf diese Weise ein Einkommen zu bescheren. In einer Galerie werden Shirts und Postkarten der Marke iwasshot in joburg verkauft. Das gefährliche Image der Stadt kommerziell vermarkten, um den armen Kids zu helfen: Warum nicht?

Dass sich Maboneng und die Welt jenseits seiner Grenzen aber höchstens im Rahmen von Charity-Projekten näherkommen, dürfte allein am Preisniveau liegen. Kaum einer der ansässigen Bewohner kann es sich leisten, hier zu essen, zu feiern, zu wohnen oder einzukaufen. Das Kulturangebot des Viertels wird von und für Menschen gestaltet, die nicht aus Jeppestown kommen. Der Pub Fox Denn, wo zu hypnotischer Musik billiges Bier getrunken wird, liegt eine Minute vom Patapata entfernt. Doch es sind zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben.

James Rood fährt nachts mit einem Mietwagen durch die Stadt. Er war in Melville essen, abends ist dort nicht mehr viel los. Das Auto rollt jetzt durch Hillbrow, das Viertel seiner Kindheit, zurück in Richtung Maboneng. Der Strom ist ausgefallen, das passiert gerade häufig in Johannesburg, weil die Kraftwerke überlastet sind. Rood schnippt die Zigarette aus dem offenen Fenster in die Düsternis der Nacht und denkt nach. Soll er zuschlagen? »Maybe that’s the most stupid idea of my life«, sagt er. Am Ende wird er zwei Apartments kaufen.

Letzter Abend in Maboneng, das Patapata hat heute geschlossen. Überhaupt ist es verdächtig leer im ganzen Viertel. In Südafrika kommt es gerade zu rassistischen Ausschreitungen gegen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern. In Durban haben sie einem Mann einen Autoreifen übergestülpt und diesen in Brand gesteckt. Die Shops der Einwanderer in Jeppestown sind verbarrikadiert. Wieder gibt es Plünderungen, brennende Reifen, Schüsse in der Nacht. Die Mitarbeiterin im Curiocity Backpackers öffnet die Vordertür und lauscht in die frische Aprilluft. Die Straße hinauf grölen Männer. »It is not safe«, sagt sie.

Für Propertuity ist Maboneng ein gutes Geschäft. Aber auch eine Vision, die von der Haltung getragen ist, die Welt besser zu machen. Womöglich geht beides oft Hand in Hand. Es ist ein Ort, an dem der Reisende aus Mitteleuropa seine Lebenswelt wiederfindet und sich deshalb wohlfühlt. Gentrifizierung auf die harte Tour, in einem Land, wo die Reichen besonders viel haben, die Armen gar nichts, und der Staat keinen Ausgleich schafft. »Maboneng is a place of light«, erklärt Propertuity, »and home to the children of the world.« So einfach ist es nicht.


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Eindrücke aus Maboneng.

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