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Philipp Laage

Surfer, Schwimmer, Schaulustige: Sie alle versammeln sich in Sydney an einem ikonischen Ort. Bondi Beach ist der bekannteste Strand Australiens. Warum eigentlich?

Der berühmteste Strand Australiens wird von Surfern aus Sydney eher gemieden. »Die Einheimischen kommen nicht unbedingt hierher«, sagt Bruce Hopkins. »Die Wellen sind nicht gut zu reiten, sie brechen schnell.« Trotzdem ist Bondi Beach ein Mythos, seine Anziehungskraft reicht weit über die Landesgrenzen hinaus. Hopkins hat zur Legendenbildung beigetragen.

Als Head Life Guard ist Bruce »Hoppo« Hopkins das Gesicht der erfolgreichen australischen Fernsehserie Bondi Rescue. 13 Staffeln zeigen die Arbeit der Rettungsschwimmer. Hopkins – 50 Jahre alt, schlank, Dreitagebart – macht den Job seit 27 Jahren. Sein Alter sieht man ihm nicht an. »Ich genieße das immer noch«, sagt er in seinem Büro im Bondi Pavillon über die Arbeit. »Es ist gut, hier draußen zu sein und Leuten zu helfen.« Man glaubt es ihm sofort.

In der Tat gibt es viel zu tun. An belebten Tagen kommen 30.000 bis 40.000 Besucher an den Strand am Pazifischen Ozean. Bondi Beach ist ein Wahrzeichen, offizielles Nationalerbe Australiens, Symbol für die Identität des Landes, eine internationale Marke.

THE HYPE IS REAL

Touristen aus aller Welt gehen hier einmal ins Meer oder stellen sich zumindest für ein Foto auf der Promenade auf. Ortsfremde legen ihre zumeist eher bleichen Körper kurz oder etwas zu lange in die Sonne. Manche melden sich bei der Surfschule am Nordende des Strandes für einen Crashkurs an, um einmal, für zwei oder drei Sekunden, auf dem Brett zu stehen. Viele sind es allerdings nicht. Am Bondi Beach bekommt man den Eindruck: Hier geht es nicht in erster Linie ums Surfen. Bondi ist aber auch kein klassischer Badestrand, es gibt gefährliche Strömungen. Offenbar geht es um etwas anderes.




Bondi Pavillon, Bruce Hopkins, Touristen am Strand.


Frühmorgens am Strand liegt das Wasser noch ruhig da unter einem dunstigen Himmel. Hinter den Wolken wartet die Sonne auf ihren Auftritt. Mehrere Dutzend Jogger stapfen bereits durch den Sand, den Strand auf und ab, ihre Bühne misst gut einen Kilometer. Die ersten Surfbretter liegen im Wasser, Handtücher werden ausgebreitet, Kleidungsstücke abgelegt, Kinder betüddelt. An öffentlichen Fitnessgeräten machen junge Frauen und Männer ihre Übungen, und man fühlt sich, sofern es einem die Form nicht verbietet, dazu ermutigt, auch gleich mal ein paar Klimmzüge zu machen, weil es hier nicht lächerlich, sondern völlig selbstverständlich erscheint.

Geht es am Bondi Beach eher um Körperkult als um Surferkult, wobei ja beides irgendwie zusammenhängt? Dieser Eindruck drängt sich auf, im Vorortviertel Bondi und den Straßen rund um den Strand.



Klimmzüge am Morgen.


Fitte Herren laufen barfuß mit Surfboard unter dem Arm durch die Stadt, den Overall bis unter den Bauchnabel heruntergekrempelt. Schönlinge auf Skateboards schieben austrainierte Waden durch die Straßen. Lange Hosen tragen Männer hier offenbar nur in Berufen, in denen das absolut notwendig ist. Die Hotpants vieler Frauen scheinen zeigen zu wollen, wie viele Stunden Workout in den Oberschenkeln stecken. Nahezu alle Menschen sehen auf interessante Weise gut aus. Man könnte sie jederzeit ablichten für ein Instagram-Foto, das wiederum werbetauglich wäre für praktisch jedes Konsumprodukt, das Fitness, Glück und das richtige Leben verspricht.

DER TÜRSTEHER IM KOPF

Die Leute bewegen sich in Bondi zwischen schicken, lässigen Brunchlokalen und Bars, hochpreisigen Friseursalons, Surfshops und Designer-Modeläden – oft in Begleitung ihrer »Designerhunde«, wie eine Einheimische etwas spöttisch anmerkt. Bäckereien erheben das Brotbacken zum Kunsthandwerk (»artisan sourdough bakers«), Imbisse sind selbstverständlich vegan (»plant based eatery«). Der Versuch, in einem Café eine Cola zu bestellen – die zuckerfreie Variante! – schlägt fehl. Es gebe nur selbstgemachte Limonaden, erklärt die Bedienung mit einem etwas mitleidigen Blick. »Sorry.«

Wer als Besucher in Bondi glaubt, irgendwann sei es nun doch zu viel der Klischees, lernt rasch dazu. Ein stämmiger Typ am Nebentisch teilt zum Beispiel seiner Begleiterin mit, dass er gerne sein eigenes Fitnessstudio aufmachen würde. »There’re many models in town.«

Leif Randt schrieb in einer Geschichte für die »Zeit« über den Bondi Beach: »Am Anfang designen Menschen Orte, dann designen sich Menschen auf Orte hin.« Er habe das Gefühl, dass in Bondi auch kompetitive Kräfte wirkten, Konkurrenz also. Randt beschreibt den Strand als eine Art Club, dessen Türsteher in den Köpfen der Menschen sitzt. Den weniger sportlichen Badegästen werde zwar nicht der Zutritt verweigert, aber: »Jeder entscheidet für sich allein, ob er an einem Ort aus der Norm fallen möchte oder nicht.«


Lifeguard am Bondi Beach.


Bruce Hopkins kennt Bondi seit seiner Kindheit. Vor 20 Jahren hätten in der Gegend noch viel mehr Einheimische gewohnt, sagt er. Viele junge Leute kämen für zwei, drei Jahre zum Arbeiten her. Wer Familie habe, ziehe heute eher woanders hin. »Es ist sehr viel teurer geworden, hier zu leben.« Eine Zwei-Zimmer-Wohnung taxiert Hopkins auf 800 bis 1000 australische Dollar Miete, das sind 500 bis gut 600 Euro – pro Woche.

Der Rettungsschwimmer, der die Leute berufsmäßig immer im Blick hat, weiß um die Veränderungen in der sozialen Struktur. Mehr Menschen als früher machten Bodybuilding und Fitness. »A little bit of Botox here and there.« Schaulaufen auf der Promenade. »Was immer du machst, du wirst gesehen.« Es sei eine Gegend geworden, in der es viel ums Image gehe, stellt Hopkins fest, jedoch mit dem unaufgeregten Gleichmut eines Surfers, der merkt, dass er eine Welle nicht erwischt und einfach auf die nächste wartet.

PFEIFE UND JET SKI

Auch die Arbeit der Rettungsschwimmer hat sich verändert. »Als ich angefangen habe, hatten wir nur Boards und Trillerpfeifen«, erzählt Hopkins. Mittlerweile ist er für Workshops weltweit unterwegs. »Damals hatten wir keine Jet-Ski.« Die Ausbildung und das Training seien professioneller geworden. Früher reagierten die Lebensretter vor allem, wenn es Notfälle gab. Heute setzt man auf Prävention, klärt auf, greift frühzeitig ein.

Sechs Rettungsschwimmer sind am Bondi Beach jeden Tag im Einsatz, an belebten Tag noch mehr. Der ereignisreichste Tag, an den sich Hopkins erinnern kann, bescherte seiner Crew 230 Einsätze. In den seltensten Fällen geht es ums Ertrinken. Viel häufiger sind zum Beispiel Verletzungen durch Surfbretter und Sonnenstiche. »Viele Touristen sind nicht an die Hitze gewöhnt«, sagt Hopkins. Positiv wirkt sich das strikte Alkoholverbot aus.




Surfer, Hoppo, Beach-Häuser.


Mittags am Strand haben sich die sportlichen Aktivitäten sichtbar verlangsamt, auch wenn jetzt mehr Trubel herrscht als am Morgen. Sie sind alle noch oder wieder da: Surfer, Pumper, Pärchen, Familien, Tagesausflügler, Touristen. Die Sonne strahlt, der Sand blendet.

Wer das Treiben am Bondi Beach eine Weile beobachtet, landet bei der Frage: Warum ist ausgerechnet dieser Strand so berühmt?

VON ELIZABETH BIS MEGAN

Schon im 19. Jahrhundert kamen die Bewohner Sydneys hier her. Mit dem Bondi Life Saving Club wurde 1906 der erste Rettungsschwimmer-Club Australiens gegründet. Englands Königin Elizabeth II, die auch Staatsoberhaupt Australiens ist, adelte den Strand 1954 mit einem Besuch. Bei den Olympischen Spielen 2000 wurden die Beachvolleyball-Turniere am Bondi Beach gespielt. Über die Jahrzehnte kamen immer mehr Touristen. Besonders gerne feiern sie hier Weihnachten und Silvester, mitten im Sommer.

Im Oktober 2018 hockten sich Prinz Harry und seine Frau Meghan barfuß in den Sand und unterhielten sich (bejubelt von Zuschauern und abgelichtet von Fotografen) mit ein paar Surfern, die sich um Menschen mit psychischen Problemen kümmern. Bondi Beach war wieder einmal in den Schlagzeilen. Die Royals surften allerdings nicht. Der Prinz nahm lediglich ein Board in die Hand und rieb es mit Wachs ein, mehr ein symbolischer Akt.

Hopkins hat eine einfache Erklärung für die Popularität des Strandes: Bondi Beach liege nicht weit von der City und dem Flughafen entfernt, perfekt für Reisende. »Wenn sie nach Australien kommen, dann kommen sie nach Bondi.« Möglich, dass sich der Mythos Bondi dadurch verselbstständigt hat und heute durch einen niemals abreißenden Strom an Selfies ständig reproduziert.


Swim Good, Swim Good.


Ein ikonisches Bild ist der Meerwasserpool des Bondi Icebergs Club am südlichen Abschluss des Strandes, umspült von den rauen Wellen des Ozeans. Der Club geht auf ein paar hartgesottene Rettungsschwimmer zurück, die auch in der kalten Jahreszeit ihre Fitness trainieren wollten. Das war 1929. In diesen Tagen ist jeder Gast für einen Besuch willkommen.

Abends im Restaurant des Icebergs. Gehobenes Ambiente, es läuft Jazz. In dem Lokal lassen sich immer wieder Prominente blicken. Der Blick fällt durch die Fensterfront zum Strand. Im Halbdunkel liegen noch Dutzende Surfer auf dem Wasser. Die Silhouetten verschwinden langsam, der Vorhang der Nacht fällt. Morgen beginnt die nächste Aufführung.

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Auf einer Berghütte in den Ortler Alpen braucht man kein Internet. Doch das Smartphone ist auf Reisen zum ständigen Begleiter geworden. Das ist fatal. Wir verlernen eine Fähigkeit, die das Leben erst sinnvoll macht.

Vor einigen Jahren, also ungefähr mit 19, hatte ich plötzlich das Verlangen, wieder in die Berge zu fahren – so wie früher als Kind. Ich fragte zwei Freunde, die noch nie 1000 Höhenmeter an einem Tag irgendwo hinaufgestiegen waren, und sie fanden die Idee sofort ziemlich stark. Seit diesem Sommer vor einigen Jahren also fuhren wir jedes Jahr in die Berge, jedes Mal in leicht wechselnder Besetzung.

Eigentlich ist ein Urlaub in den Bergen, so wie wir ihn angingen, eine ausgesprochen einfache Unternehmung: Man läuft den ganzen Tag von einer Hütte zur nächsten, rastet und trinkt zwischendurch, abends geht man um 21 Uhr schlafen, und morgens ist man um 6 Uhr wieder auf den Beinen. Auf den Pfaden und Steigen im Hochgebirge lenkt nichts den Geist ab, das Ganze hat etwas Meditatives, was meiner Ansicht nach wenig mit dem neumodischen Meditieren der Großstädter in ihren stilsicher eingerichteten Altbauwohnungen zu tun hat.

Ich habe die Abende auf den Berghütten immer als etwas unglaublich Erfüllendes erlebt. Wir sind den ganzen Tag marschiert, oft fegte uns stundenlang Regen ins Gesicht. Aber abends saßen wir in einem vom offenen Feuer gewärmten Gastraum, aßen Schnitzel, tranken Radler, und der Kopf glühte im warmen Dämmerlicht der Stube. Man fühlte sich auf eine höchst erholsame Art vollkommen erschöpft. Dann kam der Sommer in den Ortler Alpen.


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Auch in diesem Jahr in Südtirol saßen wir nach einem langen Wandertag abends auf der Hütte an einem rustikalen Holztisch in der Runde und bestellten Essen und Radler und manchmal auch einen Obstler. Doch etwas war anders. Aufgrund eines besonderen Angebots der Telekom war es möglich, in einem EU-Land seiner Wahl kostenlos im Internet zu surfen.

Wir saßen also beisammen, und der eine schrieb mit seiner Freundin bei Whatsapp, der andere verfolgte den Bundesliga-Liveticker, und der dritte überflog alle fünf Minuten die Facebook-Timeline. Die Smartphones, die meist auf dem Tisch lagen, wirkten wie Gravitationspunkte, denen sich die Hände immer wieder näherten. Sie zogen die Aufmerksamkeit der Anwesenden unterschwellig auf sich wie eine Droge, von der man nicht die Finger lassen kann.

Aus heutiger Sicht scheint es mir, als hätten wir an diesen Abenden auf den Hütten nicht wirklich miteinander gesprochen im Sinne von: etwas ausgetauscht. Man sagt etwas, der anderen nimmt es auf, denkt nach, kommt zu einem Gedanken und gibt diesen zurück – und daraus entsteht diese dichte, bedeutende Stimmung, die in dem ganz bestimmten Moment etwas zwischen Menschen verändert. Unsere Abende aber blieben statisch.

Einmal spielten wir Mensch ärgere dich nicht. In dieser Stunde, in der wir unsere volle Aufmerksamkeit dem unvorhersehbaren Reiz des Würfelspiels widmeten, verfielen wir in Begeisterung. Die Temperatur am Tisch stieg. Doch schon nach kurzer Zeit kehrten wir zurück zu unseren kurzsilbigen Gesprächen, und die Aufmerksamkeit ging weg vom Tisch in einen Raum, der woanders lag als in der heimeligen Schankstube der Hütte.


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Mit einem gewissen Bedauern blickte ich, der noch eine Woche in den Bergen blieb, auf die vergangene Woche in unserer alten Wandergruppe zurück. Irgendetwas hatte gefehlt, ich spürte eine dumpfe Ernüchterung und gleichzeitig eine anhaltende Sehnsucht nach Momenten, die nicht eingetreten waren und deren Chance auf baldige Wiederholung in unbestimmbarer Ferne lag.

Als ich mich am Ende meiner Reise von Sulden auf den Heimweg machte, die Nachmittagssonne satt ins Tal schien und ich grundlos bester Stimmung war (noch am Morgen hatte ich auf dem Gipfel des Ortler gestanden), fiel mir ein Text in die Hände, der die Gedanken ausformulierte, die ich nur vage im Kopf hatte.


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Christoph Scheuermann schrieb im SPIEGEL folgende Sätze:

»Allmählich begann sich etwas zwischen mir und meinen Freunden zu verschieben. Wir wurden ungeduldiger, unkonzentrierter miteinander, wenn wir uns sahen, vielleicht in der Befürchtung, etwas zu verpassen, was parallel im Internet passiert. Wir stellten einander weniger Fragen, denn unsere Leben synchronisierten sich ja online. Noch ein Effizienzgewinn. Ich frage mich, was wir mit der gesparten Zeit gemacht haben. Unsere Sprache wurde kurzatmiger, wir rutschten in Superlative ab – irre, krass, Wahnsinn, geil. Die Zwischentöne aber, die Selbstironie, die Zweifel, diese schöne, alberne Melancholie nach drei, vier Stunden Plaudern, all das, auf dem Vertrauen wächst und später vielleicht Freundschaft, wurde seltener.«

Ich glaube nicht, dass sich der Wert unserer Freundschaft durch die Reise negativ verändert hat. Freundschaft heißt, dass man, auch wenn man sich ein halbes Jahr nicht gesehen hat, so offen und unverstellt miteinander reden kann, als wäre kein Tag vergangen. Ohne auf die eigene Rolle zu achten, auf das Bild, das man sich über die Jahre von sich selbst gemacht hat. Unsere Reise in die Berge war gemessen an diesem Ideal mit Sicherheit kein Ausfall nach unten – aber was, wenn es immer so bliebe?

Heute zweifle ich manchmal, ob die Leute meine Bedenken zu Smartphones überhaupt nachvollziehen können. Und es wurde schon so viel über die Auswirkungen des Internets gesagt, dass man es nicht mehr hören kann (und dazu wird eine ganze Menge Schwachsinn gesagt, was es nicht gerade leichter macht). Aber mittlerweile glaube ich, dass uns etwas abhanden kommt: die volle Präsenz in der physischen Gegenwart, eine urmenschliche Fähigkeit und Notwendigkeit auf dem Weg zu einer erfüllten Existenz.

Die immer nur kurzfristige, geteilte und flüchtige Aufmerksamkeit der mobilen Internetnutzung zerstört die Fähigkeit, einen Moment im Leben voll und ganz wahrzunehmen. Sie zerstört damit auch die Fähigkeit, überhaupt Erinnerungen zu produzieren und, ganz allgemein, bewusst zu leben. Die Vergangenheit wird so zu einem vagen Dunst. Man erkennt im Rückblick nicht mehr klar, was man überhaupt erlebt hat.

Erstaunlicherweise glauben die Menschen, dass sie mit ihrem Smartphone ganz viele Erinnerungen einfangen und teilen – das Gegenteil ist der Fall.

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Maboneng ist das hippste Viertel Johannesburgs. Es liegt in einer der gefährlichsten Gegenden der Stadt. Die Jeunesse dorée flaniert, wo die Ärmsten im Dreck leben. Kann das funktionieren? Eine Reportage.

John Wessels war draußen auf den Straßen, als die Polizei von Johannesburg mit Gummigeschossen auf die Männer feuerte, deren wütende Gesichter von den Flammen der brennenden Barrikaden erleuchtet wurden. Wessels war mittendrin. Der junge Südafrikaner ist Pressefotograf. Die Proteste der armen Leute gegen die Zwangsräumungen der besetzten Gebäude hier in Jeppestown, einem Viertel südöstlich der berüchtigten Downtown, die musste er natürlich ablichten. »That was heavy shit«, sagt Wessels über diesen Tag, der gerade einen Monat zurückliegt.

Für einen Besucher, der erst ein paar Stunden in Maboneng verbracht hat, klingt es wie die Geschichte aus einer anderen Welt. Man ist erstaunt. Wer eine Woche in Maboneng unterwegs war, wundert sich nicht mehr.

Maboneng, das bedeutet »Ort des Lichts«. Den Namen hat sich die Immobiliengesellschaft Propertuity ausgedacht, die das kleine Viertel in einen Szenebezirk umgewandelt hat. Es ist ein Kunstname, mehr eine Verheißung als eine geografische Bezeichnung. Die Nachbarschaft liegt genau zwischen Jeppestown und dem Stadtteil Doornfontein, bislang umfasst sie kaum mehr als die unmittelbaren Seitenstraßen entlang der Fox Street. Doch ihr Ruf geht weit über die Häuserblocks zwischen Berea Road und John Page Drive hinaus.

Der Gast aus Deutschland wähnt sich in einer Miniaturausgabe von Berlin-Kreuzberg oder dem Hamburger Schanzenviertel. Das ist natürlich eine eurozentrische Perspektive, aber es erklärt die Gemütslage des Reisenden: überaus entspannt.

In dem kleinen Café Eat Your Heart Out bringt der Kellner gut abgestimmte Smoothie-Kreationen: Rote Beete mit Apfel, Melone mit Minze, Karotte mit Ingwer. Die Speisekarte steht auf einer Schiefertafel, die von einem Holzrahmen eingefasst wird. Der Kaffee ist mild und aromatisch. Im Little Addis Café nebenan gibt es äthiopische Küche, im House of Baobab um die Ecke Spezialitäten aus dem Senegal. Die Fabulous Burger Boys belegen das Rindfleisch auch mit Blauschimmelkäse, es sind junge, gutaussehende, motivierte Männer. Allerbeste Organic-Food-Idylle. Ein Mittagessen kostet vielleicht zehn Euro, für einen Urlauber, der 600 Euro für den Flug nach Südafrika ausgeben kann, ist das – völlig okay.


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Wie Kreuzberg oder Schanzenviertel: die Nachbarschaft Maboneng.


Im Café sitzt auch James Rood, Mitte 30, die Statur eines Footballspielers. »This place is fucking beautiful«, so fasst er die Atmosphäre zusammen. Rood war lange fort und kann sich an diesen Ort hier nicht erinnern.

Der gebürtige Südafrikaner wuchs in Johannesburg auf, als Weißer in Hillbrow, einem der kriminellsten Viertel der Stadt. Er ging nach England, arbeitete für eine norwegische Ölfirma, machte gutes Geld. Jetzt ist er zurück in Südafrika, besucht Verwandte, die Arbeit hat er gekündigt. Es bleibt offen, wieso. Rood ist in Johannesburg also Einheimischer und Tourist zugleich. Die Immobilien in Maboneng sind erschwinglich für ihn. Es ist womöglich dieser sonnige Tag im April, der seinem Leben eine neue Wendung geben wird.

Samstagmorgen, das Wochenende hat begonnen. Stilsicher gekleidete Bohemiens führen ihre Garderobe aus: Skinny Jeans, Vintage-Shirts, Sakkos mit Einstecktuch, Sneaker in Bonbonfarben, schwere Goldketten, die mit großem Ernst, aber wohl doch ein wenig halbironisch getragen werden. In dieser »connected urban neighbourhood«, so steht es auf einem Schild, sind die Leute gut drauf, was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass sie für südafrikanische Verhältnisse ziemlich wohlhabend sind. Die Touristen aus Europa, die vom Stil her deutlich gegen die Einheimischen abfallen, laufen staunend die Fox Street entlang und fragen sich, ob sie hier wirklich in der Innenstadt von Johannesburg sind. Kurze Erinnerung: Sicherheitsleute stehen an jeder Straßenecke.


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Shoppen und Schlemmen – beschützt von einer privaten Sicherheitsfirma.


Johannesburg hatte lange den Ruf als gefährlichste Stadt der Welt. Das war in den neunziger Jahren, als die Apartheid abgeschafft worden war und die Geschäftsleute die Innenstadt verließen, um sich im Norden der Stadt niederzulassen. Die Mordrate soll damals die Zahl der Verkehrsunfälle überstiegen haben. Heute hat Johannesburg einen kleinen, gesunden Hype. Die Downtown gilt für weiße Touristen allerdings immer noch als No-Go-Zone. Nicht aber Maboneng.

»It was a rough place«, erzählt Dario Manjate, der die Gegend schon kannte, bevor Propertuity 2009 damit begann, Gebäude aufzukaufen und an junge Unternehmer zu vermieten. Der Künstler ist an diesem Abend nach Maboneng gekommen, weil in der Galerie Imba Ya Sarai eine Ausstellung eröffnet, die seine Werke zeigt. Es sind Collagen aus Magazinschnipseln, mit etwas Abstand erkennt man darin ein Frauengesicht. Es gehört Manjates Nichte.

Dreimal sei er in der Downtown mitten am Tag überfallen worden, berichtet der Südafrikaner. Gäbe es Maboneng nicht, sagt er, dann müsste man in der Gegend große Angst haben. Er habe nie geglaubt, dass es hier einmal so sicher sein würde. In den Häusern der Nachbarschaft könnten sich keine Kriminellen mehr verstecken, im Gegensatz zu den »vandalized buildings« ganz in der Nähe. »I hope there will be more places like this«, sagt Manjate. Für ihn als Künstler wäre das förderlich.

»This place became a hotspot«, findet auch Ben Tuge, ebenfalls Künstler, der hier seine Werke ausstellt. Er trägt eine schwarze Lederjacke, schwarze Mütze, die Brille hängt ihm vor der Brust. Tuge kam vor 15 Jahren aus Simbabwe nach Südafrika. Auch die Kunst sei für ihn eine Reise gewesen. »You have to practice. You have to understand yourself.« Seine aus weichem Holz geschnitzte, etwa einen Meter hohe und überaus anmutige Frauenfigur kostet 18.000 Rand. Der deutsche Besucher rechnet nach: mehr als 1000 Euro, doch etwas zu viel für ein Mitbringsel.


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Künstler Ben Tuge: drei Monatseinkommen für eine Statue.


Die Menschen, die vor einem Monat nur ein paar Blöcke weiter auf die Straße gingen und irgendwann Geschäfte geplündert haben, müssten für Ben Tuges Figur statistisch gesehen ungefähr drei Monate arbeiten – wenn sie Arbeit hätten. Es sind solche Zahlenspiele, die vielleicht erklären, warum die Stimmung so aufgeheizt ist, dass sie sich in einem derartigen Gewaltausbruch entladen hat. »It was just a matter of time until Jeppe locals stood up against the aggressive development of Maboneng«, kommentierte eine Frau auf Twitter.

Fotoreporter John Wessels fährt den Ort des Geschehens noch einmal ab. Er steuert seinen Wagen über die Main Street, dann in die Betty, die Marshall und rüber zur Madison. Er fährt nicht zu schnell und nicht zu langsam. Und nicht zu weit nach Süden, denn er will nicht, dass sein Gesicht dort erkannt wird.

Keine zehn Minuten zu Fuß von Maboneng entfernt steht das sogenannte Hostel, wo früher die Mitarbeiter der staatlichen Minenfirma wohnten, eine Wohnbaracke, in der heute mehrere hundert Männer unter erbärmlichen Bedingungen leben. Das Haus wurde wie so viele Gebäude in der Innenstadt irgendwann einfach besetzt. Wessels fährt nicht direkt dort vorbei. Aber er zeigt die geplünderten Shops in der Nähe, die Einschusslöcher der Polizeigeschosse, Schmauchspuren an den Fassaden.

Viele Menschen hier seien in Gangs organisiert, erzählt Wessels, der auf seiner Fahrt die andere, die Kehrseite von Maboneng zeigen will, wie er sagt. Die Demonstration sei gut abgestimmt gewesen, alle hätten Bescheid gewusst. Wie auf Kommando seien Steine von den Dächern geflogen, als die Polizei anrückte. Er hat Männer auf den Häusern schon mit Feuerwaffen gesehen.

Wessels kennt die Gegend gut, er wohnt seit einiger Zeit in Maboneng, aber nimmt gewissermaßen die Rolle des neutralen Beobachters ein. Er grüßt die Verkäufer auf dem nahen Zulu-Markt, den Schrotthändler aus Indien, die Einwanderer aus Benin oder Mosambik mit ihren kleinen Shops, den ehemaligen Jäger und Extremsportler Swazi Werner in seiner Zebra Bar, wo fast hundert ausgestopfte Antilopen, Zebras und Affen an der Wand hängen. Wessels hält ihn fest: den Gegensatz aus Arm und Reich, der hier auf besonders engem Raum offensichtlich wird.


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Aufstand der Armen: Spuren der Verwüstung in Jeppestown.


Alles sei ein Missverständnis gewesen, erklärt Bheki Dube, Betreiber der Curiocity Backpackers an der Fox Street. Auch ein Hostel, aber in diesem Fall erste Anlaufstelle für Traveller, die auf ihrer Südafrika-Rundreise keinen Bogen um Johannesburg machen. Propertuity habe den kritischen Räumungsbescheid nicht geschickt, sondern eine andere Immobilienfirma, sagt Dube. Das ist richtig. In den lokalen Medien und sozialen Netzwerken wurde spekuliert, welches Unternehmen es dann gewesen sein könnte, Propertuity jedenfalls nicht. Doch das Vorzeigeprojekt Maboneng war als Projektionsfläche für die Wut der Habenichtse einfach zu passend. Weil der Aufstand von der Polizei niedergeschossen wurde, kehrte allerdings schnell wieder Ruhe ein.

Bheki Dube spricht nicht so gerne über die denkwürdige Nacht vor vier Wochen. Lieber erzählt er von der Zukunft. »This is the most talked-about neighbourhood of Johannesburg«, sagt er. Zwar gibt es auch andere Kreativstandorte wie 44 Stanley in Richmond, aber dort ist alles gehobener, es werden antike Möbel aus Europa verkauft, und Melville ist nicht fern, wo man über keine Mauer steigen kann, ohne dass der Strom einen umwirft. Maboneng dagegen hat einen wilden Ruf.

Die überschaubare Nachbarschaft könne ein Vorbild für die Stadt sein, findet Dube. Tatsächlich will die Stadtregierung die Downtown wiederbeleben, riesige Plakate an leerstehenden Hochhäusern kündigen eine »radical transformation« an. Dube sieht in Maboneng so etwas wie einen Funken, der die ganze Stadt anfeuern könnte. Er wählt eine andere Metapher: »Let the bubble grow, let it explode and spread up.« Dube lässt keinen Zweifel daran, dass er es ernst meint.

Der Selfmade-Unternehmer ist Fotograf, er reiste durch Südafrika und machte Bilder von Hostels, schaute sich Konzepte an. Dann kam Propertuity mit CEO Jonathan Liebman, der unter anderem in Brooklyn gelernt hat, wie man verrufene Stadtteile in Szeneviertel verwandelt. Das Curiocity war geboren, Ableger in Kapstadt und Durban sind schon geplant. »In five years this will be the leading hostel in South Africa«, prognostiziert Dube. Er ist 23 Jahre alt.

Das Curiocity ist ein Ort, wie ihn sich der Reisende wünscht: Industriedesign, günstige und saubere Zimmer, freundliche Mitarbeiter, die Stadtführungen und Ausflüge organisieren und dem Gast das Gefühl vermitteln, auf Augenhöhe mit ihm umzugehen. Man erzählt die spannende Geschichte, dass sich Nelson Mandela einst in dem Gebäude versteckt hielt, als er in der Zeitschrift »Fighting Talk« für den African National Congress (ANC) politische Streitschriften veröffentlichte. Abends wird zusammen Billard gespielt, und viele Touristen hier glauben, schon nach kurzer Zeit kleine Freundschaften mit den »locals« zu schließen.

Der in Deutschland etwas überstrapazierte Kampfbegriff Gentrifizierung ist auch in Johannesburg ein Schlagwort, das für Diskussionen sorgt. Dube hält ihn mit Blick auf Maboneng für nicht passend. »The rents go up. That’s natural progression«, sagt er. Im Übrigen brauche man das Geld der »upper class« – er hält kurz inne und ergänzt: und der »middle class« – um ein Viertel zu entwickeln. Wenn die Regierung sich so ein Projekt vornehme, dann dauere das drei oder vielleicht auch fünf Jahre, bis etwas passiert. Oder es tut sich überhaupt nichts. Propertuity ist da deutlich schneller und mit seiner Expansion noch lange nicht am Ende.


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Curiocity Backpackers, Bheki Dube, Maboneng: ein gutes Geschäft.


An der Ecke Beacon / Lower Ross steht James Rood vor einem gewaltigen Wohnblock mit dem Konterfei Mandelas. Propertuity renoviert das Gebäude, Arbeiter hocken auf dem Dach, im Erdgeschoss gibt es ein Geschäft, das durch ein Schild schon als zukünftige Cupcake-Bar ausgewiesen ist. Die Immobilienfirma informiert über die Apartments, die hier entstehen sollen. 45 bis 65 Quadratmeter, das sei für ihn zu wenig, sagt Rood. 100 Quadratmeter seien besser. Im Curiocity lässt er sich später die Baupläne des Wohnkomplexes zeigen.

Propertuity gehören nach eigenen Angaben bereits mehr als 35 Gebäude in der Gegend. Maboneng soll vor allem nach Norden hin wachsen, mit Prestigeobjekten wie dem Hallmark House an der Siemert Road, »the most desirable lifestyle space on the African continent«, wie es in der Werbebroschüre heißt. Die Penthouse-Suite hat 125 Quadratmeter plus eine 48 Quadratmeter große Außenterrasse. Aber auch südlich der Fox, mehr in Jeppestown, sind moderne Apartmentkomplexe geplant. Eines heißt Craftsmen’s Ship, designt vom bekannten südafrikanischen Künstler Stephen Hobbs. Insgesamt 193 Wohneinheiten gibt es, außerdem einen Pool. 29 Quadratmeter sind für knapp eine halbe Million Rand zu haben, das sind 30.000 Euro, ein echtes Schnäppchen.

Noch sehen viele Straßenzüge trostlos aus. Ärmlich gekleidete Menschen schieben sich an Häuserwänden entlang, Ratten wühlen im Müll, aufgerissene Bürgersteige. In welchen Gebäuden einmal die urbane Kreativelite Johannesburgs residieren wird, davon zeugen an vielen Stellen bislang nur Graffitis. Es sind keine hingeschmierten Tags, sondern großflächige Kompositionen von angeheuerten Künstlern, so wie das Bild von Mandela, das Touristen begeistert von der tollen »Street Art« schwärmen lässt. Propertuity bedient sich einer Ausdrucksform der Straße, aber es bleibt offen, ob es ein Zeichen der Annäherung ist oder der Verdrängung, die Vereinnahmung des Gegners mit den Mitteln der anderen Seite.


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Streifzug durch Maboneng und Umgebung: Penthouses im Elendsviertel.


Auf dem Food Market im Arts on Main, einer alten Lagerhalle, in der Maboneng gewissermaßen seinen Ausgang nahm, stellt man sich solche Fragen eher nicht. Dafür gibt es ausgezeichnete Küche. Thai-Gerichte, Currys, Buritos, Kuchen, craft beer aus Soweto. An vielen Ständen werden Probierhäppchen angeboten. Alles wirkt erstaunlich bürgerlich. Als Vorbild dient der Neighbourgoods Market in Bramfontein, der auch erst 2006 von zwei jungen Kreativen gegründet wurde und für das neue, trendbewusste Johannesburg steht. Viele Köche trifft man auf beiden Märkten. »Kulinarik ist ein großes Thema«, mit einer solchen Leerformel würden Tourismusvermarkter die Bedeutung des Arts On Main für Maboneng umschreiben.

Viele Touristen snacken sich hier durch den Mittag, aber auch wohlhabende Johannesburger aus den reichen Vororten im Norden, aus Sandton und Rosebank, wo es aussieht wie in Europa. Sie kommen mit ihren Limousinen und SUVs herunter, weil diese Nachbarschaft ein hippes und zugleich sicheres Wochenendvergnügen verspricht. Und tatsächlich wirkt ja eine Gated Community wie zum Beispiel Melrose im Gegensatz zu Maboneng unendlich trostlos.

Abends verlagert sich das Treiben in Richtung Patapata. In dem Restaurant werden Weinflaschen entkorkt und zarte Filets serviert. Im Theater nebenan interpretiert eine junge Künstlergruppe an diesem Tag Shakespeares Sommernachtstraum. Und in der Rooftop-Bar in der Kruger Street genießen junge Menschen ihren Sundowner. Ein DJ legt auf, über Johannesburg geht die Sonne unter. Maboneng, das ist ein Ort für die neue kreative Klasse im Sinne Richard Floridas, die Avantgarde der Globalisierung, junge Unternehmer, für die guter Geschmack und Stilempfinden immer schon fast genauso wichtig waren wie Produktivität und Geschäftssinn.

Eine junge Schmuckdesignerin auf dem Arts On Main hat eine andere Perspektive auf das Viertel: »It’s escapist land. It’s a peep show.« Die junge Frau will nicht, dass ihr Name irgendwo erscheint, sonst werde sie nicht mehr eingeladen. »You can’t have one street that is paralyzing clean, and everything around is falling apart«, sagt sie. Die lokale Gemeinschaft profitiere kaum. »They call it community development, but it isn’t.« Man nutze die Menschen und ihre Kultur für das Image des Viertels. »But how are they empowered?« Inwieweit werden die armen Menschen rund um Maboneng ermächtigt, ihr Leben zu verbessern?


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Organic-Food-Idylle: der Markt im Arts On Main.


Propertuity liefert ein paar Antworten: »A great part of the Maboneng Precinct is about empowering young entrepreneurs and growing the local economy«, teilt das Unternehmen mit. Günstige Mieten sollen den Menschen die Möglichkeit geben, ihr eigenes Geschäft zu starten. Es gibt das Konzept »Made in Maboneng«, das den Verkauf von lokal hergestellten Waren fördern soll. Mit dem Lalela Project hat sich eine Initiative in Maboneng eingemietet, die Kinder von der Straße künstlerisch ausbildet, um ihnen auf diese Weise ein Einkommen zu bescheren. In einer Galerie werden Shirts und Postkarten der Marke iwasshot in joburg verkauft. Das gefährliche Image der Stadt kommerziell vermarkten, um den armen Kids zu helfen: Warum nicht?

Dass sich Maboneng und die Welt jenseits seiner Grenzen aber höchstens im Rahmen von Charity-Projekten näherkommen, dürfte allein am Preisniveau liegen. Kaum einer der ansässigen Bewohner kann es sich leisten, hier zu essen, zu feiern, zu wohnen oder einzukaufen. Das Kulturangebot des Viertels wird von und für Menschen gestaltet, die nicht aus Jeppestown kommen. Der Pub Fox Denn, wo zu hypnotischer Musik billiges Bier getrunken wird, liegt eine Minute vom Patapata entfernt. Doch es sind zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben.

James Rood fährt nachts mit einem Mietwagen durch die Stadt. Er war in Melville essen, abends ist dort nicht mehr viel los. Das Auto rollt jetzt durch Hillbrow, das Viertel seiner Kindheit, zurück in Richtung Maboneng. Der Strom ist ausgefallen, das passiert gerade häufig in Johannesburg, weil die Kraftwerke überlastet sind. Rood schnippt die Zigarette aus dem offenen Fenster in die Düsternis der Nacht und denkt nach. Soll er zuschlagen? »Maybe that’s the most stupid idea of my life«, sagt er. Am Ende wird er zwei Apartments kaufen.

Letzter Abend in Maboneng, das Patapata hat heute geschlossen. Überhaupt ist es verdächtig leer im ganzen Viertel. In Südafrika kommt es gerade zu rassistischen Ausschreitungen gegen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern. In Durban haben sie einem Mann einen Autoreifen übergestülpt und diesen in Brand gesteckt. Die Shops der Einwanderer in Jeppestown sind verbarrikadiert. Wieder gibt es Plünderungen, brennende Reifen, Schüsse in der Nacht. Die Mitarbeiterin im Curiocity Backpackers öffnet die Vordertür und lauscht in die frische Aprilluft. Die Straße hinauf grölen Männer. »It is not safe«, sagt sie.

Für Propertuity ist Maboneng ein gutes Geschäft. Aber auch eine Vision, die von der Haltung getragen ist, die Welt besser zu machen. Womöglich geht beides oft Hand in Hand. Es ist ein Ort, an dem der Reisende aus Mitteleuropa seine Lebenswelt wiederfindet und sich deshalb wohlfühlt. Gentrifizierung auf die harte Tour, in einem Land, wo die Reichen besonders viel haben, die Armen gar nichts, und der Staat keinen Ausgleich schafft. »Maboneng is a place of light«, erklärt Propertuity, »and home to the children of the world.« So einfach ist es nicht.


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Eindrücke aus Maboneng.

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Dalhousie — Es war dann also auf Sri Lanka hinausgelaufen. Warum Sri Lanka?

Eigentlich egal, es ging mehr um dieses Rauskommen, Fortkommen, Weg-Sein von allem anderen, damit da ein Abstand entsteht zu den Dingen, der vorher nicht möglich war, als könnte man so eine Grenze des Empfindens überschreiten und die Wahrnehmung öffnen, und es setzt sich dann ein neues Bild der Dinge zusammen.

Die ganz praktischen Gründe: Da waren nur zwei Wochen Zeit, ein knallhartes firmenbürokratisches Argument, anders ging es nicht.

Hätte man den Kontrast zum Bekannten, zum Vorstellbaren, zu dem, was schon drin ist im Kopf, maximieren wollen, dann wäre es wahrscheinlich Uganda geworden, das war schon länger eine lose Phantasie, die im Kopf existierte und irgendwie eine große Faszination auslöste.


Colombo


Nun aber Sri Lanka, weil: die Einfachheit des Reisens dort, die weißen Strände – solche Art von Stränden, die in den Tourismuskatalogen Traumstrände heißen – und die maximale Reduzierung, nichts erwarten an einem Ort, den die Menschen als Paradies bezeichnen; es sollte die Suche nach dem Nullpunkt sein, wo ein Zyklus endet und ein neuer Kreis der Ereignisse losgehen kann.

In Europa ist diese Erfahrung nur noch schwer zu machen, in der Ferne wird es auch seltener, seit den Billigflügen und später den Billigfernreisen, alles verschiebt sich an die Grenzen, an den Rand der Vereinnahmung, an Orte, die einen selbst ganz einnehmen und dann, wenn möglich, ganz und gar offenlegen, nur wird das eben immer schwieriger.

Es ging also um ein ganz wesentliches Motiv des Reisens, das war vorher nicht so klar abzusehen gewesen.

Klar, wir wollten Traumstrände. Was heißt das?

Ich habe – da bin ich mir fast sicher – noch nie von einem Strand geträumt, aber diese Magazinbilder, auf denen eine gephotoshopte Blondine zahnpastalächelnd einen Cocktail trinkt, ihr Becken schieflegt und ironiefrei suggeriert, das Leben sei ein leichtes, ewig dahingleitendes Fest, oder diese seltsam allgegenwärtige Projektion des verträumten, sonnengesunden Surferdudes, der vor dem Lagerfeuer am Strand gedankenverloren die Saiten seiner Gitarre zupft und dazu – mehr schlecht, als recht – ein melancholisches, aber im Grundsatz natürlich vollkommen lebensbejahendes Liedchen in den Sonnenuntergang intoniert – diese Bilder kann man nicht mehr ganz rauskriegen, wenn man nicht lange weit fortgeht und sich bestimmte Einsichten wirklich setzen, dafür ist man zu durchgespült von der Produktwerbung, zu sehr sozialisiert von bestimmten Schablonen des Glücks.

Der Widerspruch: Es sind sehr abgenutzte Bilder, es sind immer noch sehr starke Bilder.


Mirissa
Galle
Mirissa


Zunächst gab es jedoch keine Traumstrände.

Wir hatten den Zug genommen von der Hauptstadt Colombo über die ehemalige Kaiserstadt Kandy, wo wir eine Nacht verbrachten, bis zur Provinzstadt Hatton, und von dort begann im besten Sinne eine echte Bummelfahrt mit dem Bus über außerordentlich schlechte Straßen, Geruckel und Geschaukel, geschätzte Durchschnittsgeschwindigkeit: zwanzig Stundenkilometer.

Unser Ziel war der Adam’s Peak, der heilige Berg Sri Pada, auf dessen Spitze ein Kloster liegt, in dem sich angeblich der Fußabdruck des großen Buddha Siddhartha Gautama befindet.

Darüber hinaus aber – und das ist der eigentliche Grund, warum so viele Touristen auf diesen Berg steigen – kann man vom Gipfel weit über das Land schauen und morgens, nachdem man mit den einheimischen Pilgern aufgestiegen ist, die feuerrote Sonnenscheibe über den fernen, schwarzen Bergen aufgehen sehen.

Es ist interessant, was die Anziehungskraft solcher Orte bedingt, an denen in relativ großer Höhe die Sonne über dem Land aufgeht.

Ist das ein rein ästhetisches Motiv? Ist das der innere Wunsch nach einem Neubeginn, das mal deutlich zu sehen, wie sich eine Kugel im Universum im Verhältnis zu einer anderen in den Raum hineindreht und die Dunkelheit vertreibt? Die Sehnsucht danach, das ewig Wiederkehrende wahrzunehmen, also letztlich Beständigkeit visuell greifbar zu bekommen?

Ich konnte das nicht beantworten und hatte mir diese Fragen auch nicht gestellt, ehrlich gesagt, das sind wieder diese intellektuellen Reflexionen, die man später draufsetzt auf das Erleben: Die direkte Erfahrung wird sinnstiftend überhöht, im Rückblick hilft das natürlich oft, aber es macht unmittelbar auch vieles ungenießbar und blockiert, wenn man das nicht ausschalten kann.

Deshalb: erst einmal stupide hinreisen zu diesem Berg und schauen, wie das dann ist, da hochzusteigen und über das weite Land zu blicken, während die Sonne aufgeht, das war so der Modus, in dem wir in Dalhousie ankamen, bei dieser kleinen Ansammlung von Hüttchen und Häuschen am Fuß des heiligen Bergs.


Sri Lanka


Der Zug von Kandy aus war erstaunlicherweise auf die Minute pünktlich gewesen und gar nicht überfüllt, damit rechnet man ja auch erst einmal nicht. Auf der Fahrt durch das Hochland und die Teeplantagen konnte man die Füße aus der offenen Tür baumeln lassen, das war immer leicht aufregend, wenn der Waggon über eine Brücke ratterte.

Rückblick auf Kandy, wo im Prinzip nicht viel passierte, obwohl die Bilder durch die Augen in den Kopf hineinfluteten: Den Zahntempel besuchten wir, den botanischen Garten nicht, zu weit weg; in dem sumpfgrünen See nagten zwei Schildkröten an einem toten Fisch, es war selbstverständlich schwül und heiß in der Mittagshitze, und an einer Straße – und das ist jetzt eigentlich ziemlich ernst – hätte mich beinahe ein Bus überfahren.

In diesem ziemlich verschlafenen Kandy gingen wir abends in eine billig möblierte Ramschkneipe, eine richtig ordentliche Saufschenke, weil im Queen’s Hotel wirklich nur unsmarte Langweiler-Europäer saßen, es war dann sozusagen aus Frust gleich das genaue Kontrastprogramm geworden.

Das Lion’s Beer wurde in der absolut nachvollziehbaren Flaschengröße von 0,66 Litern serviert, ein Tamile namens John und sein offensichtlich leicht schwachsinniger Freund luden uns gleich an ihren Tisch ein. Am Nebentisch kippte ein Singhalese, der vielleicht noch drei oder vier Zähne im Mund hatte, Whisky aus einem schmierigen Wasserglas herunter, die Flasche war schon bis auf ein Viertel ausgetrunken. John redete und schaute uns an, und wenn er Pause machte, dann sah es so aus, als wollte er gleich auf uns losgehen, aber er sagte dann doch wieder etwas überaus Einladendes und zeigte uns zum Beispiel ein Foto von seiner Frau und strahlte plötzlich: Er würde bald Vater werden.

Der zwielichtige Typ am Nebentisch raunte einige Male herüber, John sagte dann nichts mehr, dabei war immer noch nicht ganz ausgemacht, wer hier undurchschaubarer war, in jedem Fall erschien es plausibel, wenn der Tamile aufgesprungen wäre und wutentbrannt ein Messer in den Tisch gerammt hätte.

Stickige Luft füllte den Raum, die Tische waren verschmiert und die Gläser schlierig, eine eigentlich angenehme Zwei-Bier-Angetrunkenheit war das jetzt, dann die Frage: »You are interested in Sinhalese women?«

Die Antwort: »No thanks«, Stühle wurden umständlich gerückt, wir gingen.


Kandy
Kandy
Kandy
Kandy
Kandy


Schnell geht das beim Schreiben: Man ist weg von der eigentlichen Geschichte.

Man kann im Prinzip immer die kleinen Begebenheiten aufschreiben, die amüsanten Details, Randbeobachtungen, Alltägliches, aber die Frage ist, inwieweit man die persönliche Auseinandersetzung verdichtet, zu Schrift und Text macht, denn um die geht es ja beim Reisen, das keinen höheren Zweck verfolgt und sich selbst genug ist.

Ich war nicht nach Sri Lanka gekommen, um Reportagen zu schreiben, auch wenn hinterher ein oder zwei möglich wären, ich wollte mich dem aussetzen, dem Land, den Orten, alles ziemlich unscharf, ich hatte kein Bild vor Augen und wollte einfach schauen, was kommt.

Leider ist das eine Erfahrung des Älterwerdens, dass es mit den Quintessenzen immer schwieriger wird, vielleicht irgendwann auch gar nicht mehr, da ist das Am-Strand-Spazieren sich selbst genug, aber da war ich ja noch lange nicht angekommen.

Also zurück nach Dalhousie, zurück zum Sri Pada.

Dalhousie, das waren wirklich nur ein paar Häuschen, Hütten und Bretterbuden, es war natürlich ein absolut touristischer Ort, aber die Pilger gab es eben auch, beides vermischte sich am Fuß des Adam’s Peak: die Menschen, die aus religiösem Eifer hinaufstiegen in den Himmel und diejenigen, die den anderen dabei zuguckten.

Wir verhandelten im Green House den Preis für Übernachtung, Frühstück und Abendessen, ein blinder Greis addierte die Rupien auf und zog sie wieder ab, sofern er einen unserer Einwände akzeptierte; es war das alte Spiel, und der Alte war ein Meister seiner Disziplin, im besten Sinne ein Schlitzohr.

Wir tranken Tee auf der Terrasse mit dem Franzosen Fréderic, der manchmal sehr weiblich gestikulierte und dann wieder albern wie ein Kind auflachte, ganz und gar nicht unangenehm. Er habe, so sagte er, ein paar Jahre eine bestimmte Form des Vajrayana-Buddhismus praktiziert und eine Zeit in Indien gelebt, und ja, er habe sogar einmal den 14. Dalai Lama in Lhasa getroffen, der unlängst erklärt hatte, er wolle nun lediglich wieder ein einfacher Mönch sein.

Wir saßen also da und redeten und tranken Tee: immer richtig, immer eine gute Beschäftigung in den Tropen.


Dalhousie
Sri Pada, Adam's Peak
Dalhousie


Zu dem Zeitpunkt, drei Tage nach unserer Ankunft in Colombo, war für mich alles so, als wäre ich, sagen wir, mit der Regionalbahn von Köln nach Bielefeld gefahren, da war noch alles zu, als sei man herausgenommen aus der bekannten Umgebung und in eine völlig neue Kulisse hineingestellt, aber da ist dann einfach keine Verbindung zwischen dem Innen und Außen, die Kopfwelt ist total in sich abgeschlossen und lässt nichts rein. Es war am Anfang dieser Reise so, als schaute ich mir Bilder an, aber als wäre ich selbst gar nicht da, als würde ich nicht durch das Land reisen, sondern alles nur in der Theorie durchspielen.

Im Nachhinein wird das ganz deutlich: Bis zum vierten Tag konnte ich nichts aufschreiben, keinen Satz, das Papier blieb leer, ich war stumpf, auch oder vor allem mir selbst gegenüber.

Es ist so, dass man manche Texte nur in bestimmten Situationen schreiben kann, das ist dann wie ein Zeitfenster, man darf den richtigen Moment nicht verpassen; andere Texte bleiben lange unmöglich, und irgendwann löst es sich dann, alles wird ganz klar, die Zeilen finden zueinander.

Ich hatte den Notizblock liegen gelassen, als wir am Nachmittag beschlossen, auf den Sri Pada zu steigen, es brachte ja doch nichts, also: diesem Urdrang nach oben folgen, Treppenstufe um Treppenstufe, vorbei an Affen und Stupas und vorbei an den Winnie-Puuh-Stofftieren, die hier tatsächlich entlang des Weges verkauft wurden.

Der Rücken war nass und die Felsbrocken waren unregelmäßig hoch, wir folgten dem Weg durch das Grün, und der Berg lag still da im wechselnden Licht des heraufziehenden Abends.


Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak


Was will man dann dort oben? Auf der Spitze türmten sich die Wolken über dem Kloster auf, es ging hier nicht mehr höher, aber das Verlangen, noch weiter zu gehen, noch viel weiter gehen zu müssen, damit endlich etwas klar werden konnte – dieser innere Widerhall verstummte nicht.

Es blieb alles unbefriedigend: Ich vernahm in den zugigen Gassen so etwas wie eine stumme Anklage gegen mich selbst, den Reisenden, der so weit alles in Kauf genommen hatte und sich nun etwas erhoffte von dem Weg, den er eingeschlagen hatte, aber der Weg war jetzt und hier zu Ende, nur in einem selbst, da war noch überhaupt nichts losgegangen. Ich hatte ja, wie gesagt, auch noch keine Zeile schreiben können, es blieb alles ein unverständliches, sprachloses Rätsel: Die Reise, mein Zustand zu dieser Zeit, was ich dort oben nun tat zwischen den betenden Mönchen, an diesem vorläufigen Ende der Dinge.

Es blieb folgerichtig nur die Möglichkeit, sich dem Ganzen am nächsten Tag ein zweites Mal auszusetzen, etwa gegen halb drei am Morgen aufzubrechen und in der Dunkelheit hinaufzusteigen. Fréderic, ein irisches Pärchen, mein Bruder und ich liefen zwischen Kindern und Greisen, Hunden und Katzen, Großfamilien und Gamblern, Gläubigen und Geschäftemachern.

Manchmal war es möglich, die Mantras aus den Lautsprechern ohne diesen kitschigen Beigeschmack von ausgehöhlter Spiritualität auf sich wirken zu lassen, und dann schien es so, als würde der Berg selbst in unverständlichen Lauten in diese allumfassende Dunkelheit singen, die nur von der erleuchteten Treppe unterbrochen wurde, die sich gleichsam einer schimmernden Schlange durch das Schwarz der Nacht in die Höhe wandte.


Sri Pada, Adam's Peak


Als wir das Kloster auf dem Gipfel des Bergs erreichten, war es noch finster, die letzte, kalte Stunde vor Morgengrauen war angebrochen, rund hundert Menschen hockten und kauerten in den Gemäuern, manche wärmten sich ihre Hände an Kokosnusschalen, die in einem Ofen brannten.

Das Land lag schwarz da. Als die Handys und Videokameras gezückt wurden, war das ein Signal: Gleich geht es los, gleich geht die Sonne auf.

Da war erst ein rotes Glühen über den Bergen und den tief liegenden Wolken, ein immer breiterer Streifen, der Himmel im Osten färbte sich düsterblau, dann wurde er heller, und schließlich, als die Nachtkälte die Füße schon komplett durchgefroren hatte, tauchte der obere Teil des Sonnenkörpers begleitet von der ewigen Repetition der Mantraverse wie ein glühender Eisenspan am Horizont auf und warf sein Licht über die aschfahlen Gratlinien des zentralen Hochlands von Sri Lanka.


Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak


Sucht man nun große Worte oder befindet man ganz banal, dass Sprachlosigkeit letztlich die höchste Auszeichnung eines jeden Augenblicks ist?

Ich blickte in den östlichen Morgenhimmel und tat oder sagte gar nichts, ich machte ein paar Fotos, die Sonne spiegelte sich in den Pupillen der Menschen.

Was heißt das nun: Schreiben über das Reisen?

Wenn es stimmt, dass die immer subjektive, immer schwierige Wirklichkeit erst durch Sprache fassbar wird und das Reisen seinem Wesen nach Suche ist, dann hieße es, überhaupt erst einmal zu einer Sprache zu finden, bevor man sich selbst irgendwo finden kann. Man würde das noch sehen, wie das gelingt, später auf dieser Reise.

Wir stiegen ab in einen neuen Tag.



Sri Pada auf einer größeren Karte anzeigen

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Wir wollen von der Vernagthütte zur Breslauer Hütte, aber vorher steigen wir auf den Fluchtkogel. Der Tag hat bereits Farbe, als wir losgehen, über den Kamm einer gewaltigen Schuttmoräne, die schon lange von keinem Gletscher mehr gesäumt wird. Der Pfad zieht sich um eine felsige Verwerfung, die das Massiv vom Hauptkamm herabschickt. Hinter der Bergkette, auf deren Rücken wir aufsteigen, hängen graue Wolken. Vielleicht gibt es noch ein Gewitter. Das Gletschereis ist überschaubar, aber spaltenreich. Wir müssen mehrere Bogen schlagen. Manchmal verdeckt Altschnee die Risse, aber er ist hart und lässt sich kaum mit dem Eispickel aufschlagen. Die Spuren führen zum Oberen Guslarjoch, dort fällt das Eis über die Scharte. Als wir den Pass erreichen, blicken wir auf den Kesselwandferner. Der Weg biegt nach rechts und führt über wenig steilen Schnee zum Gipfelplateau hinauf. Von hier oben schaut man auf die größte zusammenhängende Gletscherfläche Österreichs, und in der Ferne ragt die Weißkugel in den Himmel. Wolken ziehen über die Berge, das Wetter lässt sich nicht voraussagen. Es ist Zeit, abzusteigen.


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Weißkugel (links) und Weißseespitze (rechts) vom Fluchtkogel.
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Brandenburger Haus (vorne) und Weißkugel (hinten) vom Fluchtkogel.
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Guslarferner, Gletscherspalten.
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Wildspitze vom Fluchtkogel.
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Weißseespitze vom Fluchtkogel.


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Ramlat al Wahiba — Warum reist man an einen bestimmten Ort?

Der Grund dafür ist, wenn man ehrlich ist, oft erstaunlich diffus. Das liegt schon daran, dass man sich trotz der Lektüre ungezählter Reiseführer absolut kein angemessenes Bild von einem Land machen kann, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Faktenwissen sagt nichts aus über das Gefühl, dass die Eindrücke einer Stadt oder einer Landschaft in der Erinnerung hinterlassen.

Oft ist es so, dass man irgendwo ein Bild von einem Ort gesehen hat. Und das erzeugt Fernweh. Natürlich kann man zum Beispiel sagen: Die japanische Geschichte interessiert mich schon lange, jetzt möchte ich die historischen Stätten gerne mit eigenen Augen sehen. Aber seien wir ehrlich, in den meisten Fällen sind es banale Bilder und Szenen, die uns in ein Land hineinziehen und eine undefinierbare Sehnsucht auslösen.

Ein solches Bild im Kopf nenne ich das zwingende Motiv, den notwendigen Auslöser.

Im Oman möchte der Reisende, und sonst würde er kaum hinfliegen, die Wüste sehen.

Man kann offen sagen: Die Hauptstadt Maskat muss man nicht gesehen haben. Auch, wenn man viel reist oder noch viel reisen will. Die Festung von Nizwa, die Lehmhäuser von Al Hamra, der Palast von Jabrin – das ist alles sehenswert, das will niemand abstreiten. Aber wann fahren wir in die Wüste?

Über die Befindlichkeit des Menschen in der Wüste wurden schon unendlich viele Texte formuliert. Die Einsamkeit! Die Stille! Die Weite! Es ist fast nicht möglich, einen klugen Satz über die Wüste zu formulieren, der nicht ein wenig pathetisch klingt, nach Abenteurerromantikkitsch.

Vor allem den nachdenklichen Menschen, so die allgemeine Annahme, zieht es in die Wüste. Der auch mit sich allein sein kann. Letztlich muss wohl jeder selbst prüfen, wie lange er die schöne Reizlosigkeit aushält. Bis er sich wieder unschöne Reize wünscht.

Ich habe im Oman die Ramlat al Wahiba (Wahiba Sands) fotografiert. Vielleicht findet jemand auf den Bildern sein zwingendes Motiv, um das Land einmal selbst zu besuchen.


Ras al Wahiba, Oman
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Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman
Ras al Wahiba, Oman

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In den Tiefen des Kongobeckens, im tropischen immerfeuchten Regenwald Zentralafrikas, im Lobéké-Nationalpark in Kamerun, dort liegt das Herz des Waldes. Es birgt ein mächtiges Geheimnis.

Die Erde strahlte. Immer wenn die schiefergrauen Wolken die Sonne freilegten, strahlte die Erde intensiv rotbraun, so wie sie das meiner Erfahrung nach nur in Afrika tut. Motorroller, ramponierte Autos und die schweren Trucks der Holzfirmen rumpelten über die Erde, die hier gleichzeitig die Straße war. Die meisten Wege in Yokadouma sind nicht asphaltiert.

Die Provinzstadt im Osten Kameruns mit ihren modrigen Häusern und zusammengeflickten Baracken war unser letzter längerer Halt, bevor es endgültig in die Wildnis der immerfeuchten Tropen ging, nach Süden ins Niemandsland zwischen Kamerun, Demokratischer Republik Kongo und Zentralafrikanischer Republik. Kaum eine Region liegt der Zivilisation ferner. Darin lag die Verheißung.

In Yokadouma waren noch einige Besorgungen zu machen, Dinge abzusprechen, Sachen zu organisieren. Wir brauchten genug Verpflegung, Fahrer und Helfer, und sicher musste auch noch über die eine oder andere Absprache verhandelt werden, die bislang mehr den Status einer vagen Absichtserklärung gehabt hatte.

Was war das eigentlich für ein irrer Plan, den wir gemacht hatten für diese Reise? Wir wollten in den südlichsten Zipfel Kameruns, in den Regenwald des Lobéké-Nationalparks, um Waldelefanten und Flachlandgorillas zu sehen, und wir wollten sogar hinüber in die Zentralafrikanische Republik, ins Dzanga-Sangha-Reservat, wo die Tierbeobachtungen noch spektakulärer sein sollten.

Hunderte Elefanten kommen in dem Schutzgebiet auf weiten Lichtungen zusammen, um spezielle Mineralien aus dem Boden zu saugen, ein Arche-Noah-haftes Naturschauspiel an einem der entlegensten Orte des afrikanischen Kontinents. Es gab aber ein Problem: In der Zentralafrikanischen Republik herrschte Bürgerkrieg. Wir wussten das, gingen aber grundlos davon aus, dass ein Besuch jenseits der Grenze dennoch möglich sein würde.

Man konnte sich schon in Yokadouma die Frage stellen, welche Erfolgsaussichten für dieses Unterfangen bestanden. Allerdings, wir hatten eine Einladung der Sangha-Lodge in Bayanga, die unseren Besuch erwartete. Die Visa für die Zentralafrikanische Republik waren noch kurz vor der Reise über Brüssel beschafft worden, sie zierten nun tatsächlich unsere Pässe. Das Projekt war sozusagen abgesegnet, aber man fragte sich, welcher Beamte dieses zerfallenen Staates die Befugnisgewalt ausübte, während das Land sich in Kämpfen zwischen den islamischen Séléka-Rebellen und christlichen Anti-Balaka-Milizen aufrieb.

Noch bizarrer war der Anlass unserer Reise: Das Fremdenverkehrsamt wollte uns Journalisten und Reiseveranstaltern das touristische Potential Kameruns unten im Regenwald von Lobéké vorführen. Kein europäischer Tourist würde je dorthin fahren, solang es für das Grenzgebiet eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gab. Doch das Programm der Reise war nicht geändert worden.


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Ab Yokadouma führte die Straße nach Süden bis zur Grenze zum Kongo. Sie hatte natürlich keinen Asphalt und durchschnitt den tropischen Regenwald über eine Distanz von mehreren hundert Kilometern. An der Straße lagen vereinzelt Dörfer von Pygmäen, wobei der Begriff schwierig ist.

Feststeht, dass diese Menschen kleingewachsener sind als die Bantu-Völker der Region und den Wald so gut kennen, wie kaum jemand sonst. Diese Menschen schauten unseren Autos scheinbar hochkonzentriert, aber irgendwie auch komplett apathisch hinterher. Wir waren, wie immer, viel zu spät losgekommen, aber was war das für eine Herangehensweise? Zu spät für was? Hier zeigte sich wieder einmal das grundlegend andere Verständnis von der Zeit, das in Afrika herrscht. Dinge passieren nicht zu einer vorher abgesprochenen Uhrzeit, sondern dann, wenn alle nötigen Bedingungen sich eingestellt haben, wann immer das sein mag.

Wir mussten ziemlich merkwürdig aussehen, wie wir angestrengt in unseren Autos nach Süden fuhren, mehr noch rutschten. Wer waren wir? Die rasenden Reporter? Was gab es dort unten im tiefsten Regenwald so Wichtiges zu tun, dass man es derart eilig haben konnte? Allein das Wort Zeitplan war ein hohler Begriff in diesem Teil der Welt, eine abstrakte Hülle. Als könnte man die Zeit in ein mathematisches Raster fügen.

Hier im äußersten Südosten Kameruns gab es auch keine touristische Infrastruktur mehr. Es gab, genau genommen, überhaupt keine Infrastruktur. Unser Fahrer versuchte, auf der durch steten Regen aufgeweichten Piste möglichst ohne einen Unfall voranzukommen. Wenn die Hinterachse auf der feuchten Erde bedenklich zur Seite ausschlug, ging ein Raunen durch das Fahrzeug. Aber der Mann fuhr die Strecke letztlich doch vollkommen routiniert. Für ihn war die Beschaffenheit der Straße der Normalzustand, also musste man dazu auch nichts sagen.

Es war erstaunlich, wie ungelenke Lastwagen mit meterdicken Baumstämmen überhaupt über diese Straße bewegt werden konnten. Einmal sahen wir einen Laster, der im Straßengraben auf der Seite lag. Wer würde je kommen, um ihn abzuschleppen? Eher doch würden die Gezeiten das Fahrzeug im Lauf der Jahre zersetzen wie Ameisen einen Kadaver.


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Die Lastwagen mit den aufgeladenen Tropenhölzern riefen in mir eine traurige Verstimmung hervor, nicht allein wegen ihrer Lautstärke und groben, aufdringlichen Mechanik. Sie zeigten, dass selbst die entlegensten Orte der Welt und ihre unberührten Naturschätze nicht vor dem Zugriff einer profitorientierten Verwertungsökonomie geschützt waren. Die Holzfirmen schlugen Schneisen durch die Vegetation, um die besten und edelsten Stämme herauszuholen. Sie beuteten den Wald aus, weil er sich, in seiner kaum durchdringlichen und menschenfeindlichen Wildheit, nicht nachhaltig bewirtschaften lässt. Irgendwo saßen die Auftraggeber dieses Raubbaus in feinen Anzügen und tranken Cognac, die Hintermänner, die das große Geld einstrichen und dafür verantwortlich waren, dass sich ein mittelloser Fernfahrer für ein paar Zentralafrikanische Francs durch die Erde wühlte.

In einem Dorf, dessen Name nirgendwo stand, ging ein heftiger Tropenregen nieder. Wir machten Pause vor dem Bretterverschlag einer Frau, die uns irgendetwas in Fett Gebackenes servierte, eine Art Krapfen, der leicht süßlich schmeckte. Es war die einzige Mahlzeit zwischen Frühstück und Abendessen.


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Wir erreichten das Dorf Goumela. Hier bog die Straße nach Osten zur Grenze Richtung Zentralafrika ab. Wir fuhren weiter zum Eingang des Lobéké-Nationalparks. Dort residierte der administrative Chef, Romuald Guedoguena Botondono, in einem einstöckigen, von Feuchtigkeit zersetzten Haus. Er war die lokale Autorität, mit der wir über das erste große Problem verhandeln mussten.

Einer unserer Fahrer war nicht angekommen. Ausgerechnet er besaß die Zelte. Offenbar hatte ihn noch die örtliche Polizei in Yokadouma festgesetzt, weil er betrunken gefahren war, aber genau ließen sich die Umstände seines Verschwindens nicht ermitteln. In jedem Fall hatten wir nun keine Zelte mehr. Weil es in einem Umkreis von ein paar hundert Kilometern keine Hotels oder Gasthäuser gab, waren wir ziemlich aufgeschmissen.

Die einzige Unterkunft nahe Goumela war ein verlassenes Camp des World Wide Fund (WWF). Die Organisation hatte sich jahrelang und schließlich mit Erfolg darum bemüht, aus Lobéké und den Regenwaldgebieten jenseits der Grenzen ein trinationales Schutzgebiet zu machen. Wir mussten Herrn Botondono erst einiges an Respekt und Unterwürfigkeit entgegenbringen, bevor er uns die Erlaubnis erteilte, in dem WWF-Camp zu nächtigen.

Es gab dort kein fließendes Wasser, aber wir brachten einen Generator zum Laufen, sodass wir zumindest auf der Gemeinschaftsterrasse Licht für das Abendessen hatten. Schlafen konnten wir in gemauerten Hütten mit jeweils zwei Betten und Moskitonetzen. Mücken drehten Kreise im Licht. Ich dachte an das Herz der Finsternis von Joseph Conrad und unter welchen Bedingungen man hier im Tropenwald dem Wahnsinn verfallen konnte (womöglich geschwächt von verschiedenen Fiebern und Infektionskrankheiten).


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Der nächste Tag begann wie überall in den Tropen um sechs Uhr morgens. Nebel lag über dem Wald, die Sonne dahinter tauchte alles in ein milchiges, weißes Licht. Der Wald erwachte mit solch einer orchestralen Vielstimmigkeit, dass man nur zuversichtlich in den Tag starten konnte. Aber so ging es nicht allen.

Eine Frau aus unserer Gruppe verlor die Nerven, noch bevor es etwas zu frühstücken gab. Sie weigerte sich, auch nur zur Grenze der Zentralafrikanischen Republik aufzubrechen, eine Fahrt von zwei bis drei Stunden. Vollkommen verrückt sei das, sagte sie. Sogar das Auswärtige Amt warne vor Reisen ins Grenzgebiet. Es habe doch Berichte von Rebellenübergriffen auf kamerunisches Territorium gegeben (von denen auch wir anderen wussten, allerdings war nie klar, wo genau entlang der hunderte Kilometer langen Grenze es zu Vorfällen gekommen war und mit welchem Ausgang). Nichtsdestotrotz, wer könne in der Gottverlassenheit dieser Gegend schon für irgendwas garantieren, geschweige denn für unsere Sicherheit? Sie wollte jetzt, auf der Stelle, zurück nach Yokadouma.

Gegen Panik sind Argumente wirkungslos. So blieb unserer Reiseleiterin, einer resoluten Kamerunerin, keine andere Wahl, als Fahrer und Wagen abzustellen, um die Frau wieder nach Norden zu bringen, acht Stunden.

Unser Zureden hatte ihre Angst nicht gelindert, sondern eher noch den Eindruck verstärkt, dass es sich bei dieser Reise um ein Himmelfahrtskommando handelte, in dessen Verlauf der gesunde Menschenverstand aller Beteiligter in der heißen Tropenluft allmählich verdampfte.

Ich persönlich vertraute den Einschätzungen der lokalen Bevölkerung und Würdenträger, so wie überall auf der Welt. Und die besagten: Solange wir in Kamerun waren, gab es keinen Grund zur Sorge. Alles Weitere mussten wir an der Grenze zu Zentralafrika sehen. Trotzdem drängte sich erneut die Frage auf, warum wir überhaupt an diesen Ort gekommen waren. Auch wenn wir ihn für sicher hielten: Auf absehbare Zeit würden keine Touristen herkommen. Ich konnte also keine Reisegeschichte schreiben, die Abdruckchancen hatte. Und die Reiseveranstalter konnten keine Rundreisen in diesem Teil Kameruns anbieten. Doch der tropische Regenwald des Kongobeckens löste eine Anziehungskraft aus, die all diese Abwägungen in den Hintergrund rücken ließ.

Wir betraten einen einzigartigen Teil der Welt: Der tropische Primärwald Afrikas türmt sich auf wie mehrstöckige Häuser, immergrün und undurchdringlich, auf einer Fläche, die so groß ist wie ganz Mitteleuropa, durchsetzt nur von Flüssen, an denen einfache Dörfer liegen, abgeschieden von allem, das uns das Gefühl gibt, in der Welt zu sein.

Dieser Wald beflügelt die Phantasie: Liegt dort vielleicht der Schlüssel zu einem ontologischen Verständnis der Dinge verborgen, den wir einfach noch nicht gefunden haben? Wie alt ist dieser Wald? Viele tausend Jahre. Er existierte lange vor dem Menschen und er wird lange nach ihm existieren. Buchstäblich klein ist man zwischen den Baumstämmen, die Hybris des modernen Menschen wird dort gebrochen, unweigerlich: durch Erschöpfung, durch den Biss einer Zecke, durch ein Fieber, das nicht mehr zurückgeht.

Der tropische Regenwald sei ein Lebensraum, »der wie kein anderer missverstanden worden ist«, schreibt der Evolutionsbiologe Josef Helmut Reichholf. Dort herrscht ein Mangel an Nährstoffen, auf den die Pflanzen und Tiere mit Spezialisierung reagieren. Die große Diversität der Arten sei kein »Luxus der Natur«, sondern eine Notwendigkeit des Überlebens, jede Nische des Ökosystems wird belegt. Vielfalt und Seltenheit bedingen sich. Der Regenwald als überreicher Garten Eden ist eine Illusion. Der Kreislauf des Lebens bringt keinen Überschuss hervor, deshalb leben dort nur wenige Menschen. Sie sind Fremdkörper.

In einer Zeit, in der sich die Menschen erst durch das digitale Veröffentlichen ihres Lebens über die eigene Wichtigkeit versichern, vermittelt der tropische Regenwald eine Ahnung von der Bedeutungslosigkeit der eigenen Existenz. Man begibt sich in den Wald hinein, und alle Spuren verschwinden. Das erzeugt eine Demut, die die Selbstbezüglichkeit des Lebens im Westen für eine Weile nachhaltig dämpft. Im Regenwald muss man mehr auf seine Umgebung Acht geben (Wurzeln, Insekten, Schlangen) als auf sein Gemüt, das kommt noch hinzu.


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Die Fahrt nach Libongo an der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik dauerte ungefähr zwei Stunden. Wie lang eine Wegstrecke in Kilometern ist, hat hier wenig zu sagen. Wichtiger ist, wie die Wolken stehen. Ob es regnen wird. Wie es um die Beschaffenheit der Straße bestellt ist. Anders als gestern brannte die Sonne an diesem Tag heiß: zwei Stunden also.

Libongo liegt am Kadéi-Fluss, der die Grenze zwischen Kamerun und Zentralafrika bildet. Behäbig und braun floss der Strom dahin. Wir fuhren vor bis zur Polizeistation des Dorfes. Hier war selbstverständlich niemand über unser Kommen oder Anliegen informiert, deshalb gehörte es nun zum ganz normalen Prozedere, den höchsten Autoritäten einen Besuch abzustatten, die gegenseitigen Motive abzuklären und Vertrauen zu schaffen. Praktisch hieß das, dass erst einmal eine ganze Zeit gar nichts vorankam.

Es gab eine Grenzstation und einen Beamten, der sich die Briefe der kamerunischen Behörden zeigen ließ, die wir mitführten. Ein Mann schrieb mit größter Sorgfalt unsere Personalien auf einen schmutzigen Zettel. Wir schlenderten zum Fluss. Frauen wuschen dort Kleidung, am Wegrand rostete ein Autowrack in der Sonne. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte am anderen Ufer irgendwelche Zeichen von Kämpfen oder feindlich gesinnten Rebellen auszumachen: nichts.

Wir gingen in die Taverne des Dorfes und tranken Bier, so wie wir im Prinzip schon seit Beginn der Reise überall Bier tranken, weil das Wasser wenig erfrischend war und die Limonaden viel zu süß.

Die Taverne hatte keine Wände, ein heller Ort. Ein paar Plastikstühle standen vor einer Bar. Es lief hypnotische Musik. Sogleich fingen ein paar Alte an, für uns zu tanzen. Es waren die, denen es im Dorf wohl am schlechtesten ging und die folglich am meisten darauf angewiesen waren, von uns ein Almosen zu bekommen. Einige junge Dorfbewohner beobachteten uns aus der Entfernung, skeptisch.


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Zur späten Mittagszeit, als die Sonne fast keine Schatten mehr warf, war unsere Gruppe von einer bestimmten Grundzuversicht erfüllt. Gleich würde es losgehen, die Formalien mussten bald geklärt sein. Tatsächlich trafen endlich die Abgesandten der Sangha-Lodge ein. Sie brachten allerdings schlechte Nachrichten.

Die Frau aus der Lodge legte den Brief eines Ministers hervor, der in der Zentralafrikanischen Republik für den Tourismus zuständig war (den es nicht gab). Er könne nicht für unsere Sicherheit garantieren, stand in dem Schreiben. Damit war die Reise an dieser Stelle vorerst zu Ende. Denn die Betreiber der Lodge machten uns hier an der Grenze zwar eine höfliche Aufwartung, sie würden sich aber nie über die Anweisung des Politikers hinwegsetzen.

Die leise Hoffnung hatte in dem Umstand gelegen, dass Bayanga und das Dzanga-Sangha-Reservat im südlichsten Zipfel des Landes liegen. Man konnte annehmen, dass hier nichts vom Bürgerkrieg zu spüren war. Es wäre nur ein kurzer Ausflug über die Grenze und wieder zurück geworden. Und wo saß schon der Minister?

Konnte er eine Ahnung haben, wie es in seinem Land aussah? Hatte er sich vielleicht schon längst nach Frankreich abgesetzt? Es half nichts, darüber große Erörterungen anzustellen. Waldelefanten und Gorillas konnten wir auch in Lobéké sehen. Als die Wirkung der Biere nachgelassen hatte, erwachten wir wie aus einem Tagtraum, der Plan war bei nüchterner Betrachtung ein illusorisches Hirngespinst gewesen.

Noch einmal mussten wir, verschwitzt und erschöpft allein von der Luft und der Sonne, im WWF-Camp ohne fließendes Wasser übernachten. Am nächsten Tag konnten wir in den Lobéké-Park aufbrechen: Die Zelte waren gekommen!

Der hochgewachsene Botondono, der ein betont distinguiertes Französisch sprach, das in dieser gottverlassenen Ecke der Welt eine gewisse administrative Ordnung ausstrahlte, wollte aus unserem Misserfolg an der Grenze Kapital schlagen. Kurzerhand verlangte er den doppelten Preis dessen, was zuvor für den Ausflug nach Lobéké vereinbart worden war. Botondono war hier der uneingeschränkte Chef, von seinem Wohlwollen hing das Gelingen unserer Reise ab.

Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, wie unsere Reiseleiterin ihn zum Einlenken bewegte, aber schlussendlich wurden bewaffnete Ranger, Träger, Wasser und Autos organisiert. Sie sollten uns erst auf einer Dschungelpiste so weit wie möglich in den Wald hineinfahren. Dann war ein rund zwölf Kilometer langer Fußmarsch nötig, um den Lagerplatz für die Nacht zu erreichen. Von dort war es nicht weit zu einer Aussichtsplattform an einer Lichtung, von wo aus man Tiere beobachten konnte. Das eigentliche Ziel unserer Reise.

Wir brachen auf mit vier Autos: zwei Geländewagen mit Allrad-Antrieb und zwei gewöhnliche Pkws. Die Menschen von hier kannten den Weg, auch wenn er wegen der Vegetation kaum zu erkennen war. Sie hätten wissen müssen, dass es eine Unmöglichkeit war, mit einem normalen Auto in den Wald hineinzufahren. Das war aber noch kein Grund, es nicht zu versuchen. So fuhren sich erst das eine und wenig später das andere Auto so tief im Matsch fest, dass sie keinen Meter mehr vorwärts kamen.

Acht Reisende, drei Ranger und eine gute Handvoll Träger mussten sich auf zwei Geländewagen und deren Ladeflächen verteilen. Das Terrain war so unwegsam, dass die Fahrzeuge umherschaukelten wie Boote. Es ging durch Senken, über grobe Steine, und ab und an mussten die Männer einen Stamm mit der Motorsäge zerteilen, um die Durchfahrt freizumachen. Irgendwann konnten wir nicht mehr weiterfahren. Ab hier ging es nur noch zu Fuß weiter.


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Ich hatte mir wahrscheinlich durch das schlecht durchgebratene Fleisch auf einem Markt gründlich den Magen verdorben. Ich wurde merklich schwächer. Eine Strecke von zwölf Kilometern hätte mir unter normalen Umständen kaum eine Anstrengung abverlangt, doch ich war mit Sicherheit dehydriert. Jeder Schritt wurde mühsam. Immer wieder musste ich schnell hinter einem großen Tropenbaum verschwinden, und nach jedem Mal fühlte ich mich ausgelaugter. Hinzukam der üble Geruch eines toten Bocks, der wohl von einer Python zerdrückt worden war.

Ranger Prosper Mpande schlug mit seiner Machete einen Ast vom Baum und hielt ihn sich senkrecht über den offenen Mund. Nach wenigen Sekunden lief Wasser heraus, wie aus einem Hahn, den man leicht aufdreht. Wir tranken alle etwas. Die Träger hatten ungefähr ein Drittel des Wassers am Weg zurückgelassen, weil sie mehr nicht tragen konnten (schließlich waren manche mit den Autos zurückgeblieben). Die Menge des Wassers war so berechnet worden, dass sie für zwei Nächte und drei Tage genau ausreichte. Nun fehlte ein Teil. Wir würden also Wasser aus einem Gewässer schöpfen und abkochen müssen.

Anfangs war der Waldboden noch dicht bewachsen, dafür fiel immer wieder die Sonne durch die Baumkronen. Hier mussten schon Holzfäller unterwegs gewesen sein. Überall, wo es Schneisen gab, faltete sich die Natur am Boden in größter Verworrenheit auseinander. Als nach einer guten halben Stunde der Boden lichter und dunkler wurde, erreichten wir den urzeitlichen Primärwald, der niemals von Menschenhand verändert worden war.

Nach fast drei Stunden erreichten wir das Lager. Die Träger waren vorausgelaufen und hatten schon die Zelte aufgebaut. Bis zur Dämmerung waren es noch etwa drei Stunden, deshalb machten wir uns auf den Weg zur Plattform, in der Hoffnung, noch ein paar Tiere sehen zu können. Es kostete mich viel Energie, noch einmal loszugehen, und oben auf dem Hochsitz legte ich mich auf die Planken und schlief ein. Die anderen sollten mich wecken, wenn sich etwas Bedeutendes rührte: Elefanten oder Gorillas. Aber die zeigten sich nicht. Wir sahen aber Bongos, Sitatungas, Buschböcke, diverse andere Antilopen, Waldbüffel und Adler.


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Abends zuckte das Licht des Feuers in der Dunkelheit. Ich war fast zu schwach, um mich sitzend ohne Rückenlehne aufrecht zu halten. Wir kochten ein wenig Reis mit Gemüse. Ich hatte keinen Appetit. Irgendwann kroch ich in mein Zelt, legte mich auf der Isomatte auf den Rücken, blieb in der Kleidung des Tages liegen und schlief auf der Stelle ein.

Der Morgen war sofort da, es gab keine Zwischenphase zwischen Tag und Nacht. Der Dschungelpfad zur Lichtung war überschwemmt, ich zog die Schuhe aus. Wir bezogen Stellung auf dem Hochsitz. Die Ranger mahnten uns an, leise zu sein und nicht zu rauchen. Die Waldelefanten könnten den Geruch des Qualms auf viele hundert Meter Distanz riechen. Sie fürchten sich vor Feuer und flüchten. Wir warteten.

Die Morgensonne brachte den Wald zum Dampfen. Das Gras auf der Lichtung war von einem Bachlauf durchzogen, dahinter türmte sich der Wald auf, bis zu sechzig Meter hoch. Antilopen kamen zum Trinken hervor. Unsere Anwesenheit blieb unbemerkt.


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Vor dem Waldrand entdeckten wir einen Gorilla. Er bewegte sich ungefähr zweihundert Meter von uns entfernt durchs Gras. Durch die Linsen unserer Kameras und durch das Fernglas war er präzise zu sehen, aber auch ohne Hilfsmittel zeichnete sich sein schwarzer Körper mit dem weißen Rücken deutlich ab.

Der Gorilla lief mehrere Stunden vor uns auf der Lichtung umher, vollkommen ungestört, behäbig. Immer wieder setzte er sich nieder und kaute, nur um nach einiger Zeit ein paar Meter weiterzuziehen. Er hatte keine natürlichen Feinde.

Die Ranger erzählten uns von den Elefanten. Seit dem Bürgerkrieg ließ sich jenseits der Grenze noch weniger für ihren Schutz tun als sonst, also praktisch gar nichts. Wilderer hatten vor kurzem eine ganze Herde getötet. »Nous avons pleuré quand nous avons ecouté des incidents«, sagte Prosper zu der Tragödie.


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Die Stunden des Tages zogen vorüber, wir saßen still da. Nichts passierte. Kein Elefant kam und auch kein weiterer Gorilla. Am Himmel zogen sich Wolken zusammen. Es wurde still auf der Lichtung, die Geräusche verstummten. Die Regenwand kam näher, der Horizont verrauschte. Dann fielen Tropfen auf das Wellblechdach des Hochsitzes, so als würde ein Lastwagen darauf Kieselsteine abladen.

Wir mussten uns auf den Mittelpunkt der Plattform zurückziehen, weil der aufbrausende Wind den Regen unter das Blech trieb. Wir kauerten uns zusammen. Keine halbe Stunde dauerte der Wolkenbruch, dann kündigte ein diffuses Licht über dem Wald die Sonne an. Die Bäume begannen, zu strahlen, die Wolken am Himmel verflüchtigten sich, und wieder fing alles an zu dampfen. Ein dramatisches Schauspiel. Doch immer noch keine Elefanten.


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Als wir die Hoffnung aufgegeben hatten, zischte plötzlich einer der Ranger. Alle gingen in eine geduckte Haltung, so als drohte aus unmittelbarer Nähe Gefahr. Der Ranger deutete nach vorne. Aus dem Wald am anderen Ende der Lichtung kamen Elefanten hervor, eine Kuh, ihr Baby und noch ein weiteres Tier. Plötzlich blieben die Tiere stehen. Die Kuh warf ihren Rüssel nach oben, richtete die Ohren auf und schaute exakt in unsere Richtung. Wir beobachteten das durch die Linsen und das Fernglas. Es war so, als schaute uns der Elefant direkt ins Gesicht. Dann machte die Gruppe kehrt und verschwand wieder im Wald.

Einer hatte geraucht. Das lange Warten hatte uns nachlässig gemacht. Stunden lang waren wir durch den Busch gefahren, mühsam durch den Wald marschiert. Und dann hatte einer geraucht. Wir bekamen die Tiere vielleicht eine Minute zu Gesicht. Schon waren sie wieder verschwunden hinter der grünen Wand. Wir saßen bis zum Sonnenuntergang auf der Plattform, aber es kamen keine Elefanten mehr hervor. Die Bühne blieb leer. Wir mussten aufbrechen.


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Der Blick in die Augen des Elefanten war wie die intensive Verbindung mit einer alten Welt gewesen, die eigentlich versunken ist, aber hier im Nirgendwo des unzugänglichen Kongobeckens weiter existierte. Der Regenwald hatte eines seiner Geheimnisse offengelegt, für einen kurzen Moment.

Im Lager brachten wir die zweite Nacht herum. Am nächsten Tag würden wir den zwölf Kilometer langen Pfad zurück zur Waldstraße laufen. Wir würden umherschaukeln, bis wir die rotbraune Schlammstraße erreichten. Wir würden einen Tag brauchen, um zurück nach Yokadouma zu kommen. Der Wald würde lichter werden und die Dörfer zahlreicher. Wir würden langsam aus dieser versunkenen Welt auftauchen wie aus einem Traum, dessen Konturen so wie alle Erinnerungen langsam verschwimmen, und es würden nur noch einzelne, fragmentierte Bilder im Kopf zurückblieben, während das Herz eine seltsame Wehmut verspürt.

Ich hatte vier Tage nicht geduscht, und das bei tropischer Hitze. Die Kleidung war schon nach einem Tag schmutzig gewesen, doch es kümmerte mich nicht. Der Kopf war jetzt sehr klar. Was taten die Menschen nicht alles, um sich und allen anderen zu beweisen, dass sie glücklich sein konnten? Ich fuhr zurück, als Randfigur eines großen Schauspiels, und darin lag eine stille Freude.


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Bulawayo — Bulawayo ist Simbabwes einzig akzeptable Großstadt. Das ist der Tatsache geschuldet, dass es in dem südostafrikanischen Staat eigentlich nur zwei Metropolen gibt und Harare einem Moloch gleicht.

In Bulawayo fällt dem Reisenden, mit einem klapprigen Minibus von Norden kommend, zunächst der relativ zur übrigen Versorgung des Landes eindeutige Überfluss an Lebensmitteln auf. Noch im eine halbe Stunde vor der Stadt am staubigen Straßenrand liegenden Tigerhurst Bottle Store & Regulars beschränkte sich das Warenangebot, so mussten wir ernüchtert feststellen, auf ein paar warme Flaschen Coca Cola, fad schmeckende Kekse und abgepacktes Toastbrot.

Die zweifelhafte Verknüpfung von Konsum und Glück indes wird bereits durch den Slogan »Open Happiness« auf dem Coca-Cola-Werbeschild deutlich, das unweit der Stadtgrenze genau gegenüber des »Welcome to Bulawayo«-Schilds auf der anderen Straßenseite aufgestellt wurde.


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Reisenden mit nachrangigen Ansprüchen an ein »charmantes« Ambiente sei das Berkeley Place in der Josaiah Tongogara Road zur Übernachtung empfohlen. Es ist günstig, und wenn der Gast nach einem Steckdosenadapter fragt, kann es sein, dass die rüstige Besitzerin ihm kurzerhand gleich selbst die Haare föhnt.

Nicht weit entfernt von der Pension, beim Centenary Park, soll sich allerdings dem hysterischen Verfasser des Lonely Planet zufolge eine der gefährlichsten Straßen Afrikas befinden (»Don’t even think about walking down the street at night!«). Wir haben das nicht überprüft.

Die für einen Polizeistaat typischen, an jeder Straßenecke blöd herumstehenden Uniformierten, obgleich sonst für eine kompromisslose Repression der Zivilbevölkerung sorgend, vermitteln dem Touristen perverserweise ein nicht zu unterschätzendes Gefühl der Sicherheit.


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Diejenigen, die vom korrupten Autokratenregime Robert Mugabes direkt oder indirekt profitieren, fahren gerne vor der Haefeli’s Swiss Bakery mit ihren SUV-Geländewagen vor und fläzen sich in ihren teuren Anzügen aus Südafrika auf die bequemen Stühle des Cafés, um The Zimbabwean oder den Zim Observer zu lesen und über ihre Geschäfte zu reden. Die mit weißen Häubchen bedeckten Kellner des Lokals servieren ausgezeichnetes Gebäck.

Wir ließen dort den Abend hereinbrechen, vor uns parkte ein weißer BMW X3 am Straßenrand.


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Wer von den mühseligen Überlandfahrten in schrottreifen Rostlauben hungrig geworden ist, kann sich in Bulawayo aber auch in dem bereits an anderer Stelle erwähnten Dreigespann aus Chicken Inn, Pizza Inn und Creamy Inn mit fettreicher, für den westlichen Magen problemlos zu bewältigender Fast-Food-Kost sättigen.

Empfehlenswerter ist dagegen der Innenhof der National Art Gallery in der Leopold Takawira Ave. Dort beginnt der Tag, wenn man will, wahlweise mit Schokoladen- oder Zitronenkuchen, Cappuccino und einer wohlschmeckenden Zitronenlimonade. In den schattigen Räumen im ersten Stock waren zuletzt die Bilder von Kindern ausgestellt, die mit Wachsmalstiften die Infektionskrankheit HIV darzustellen versuchten, unter der in Simbabwe jeder siebte Erwachsene leidet.

Wenn nicht gerade eine Parteikundgebung der MDC von den Ordnungskräften niedergeknüppelt wird, merkt der Reisende in Bulawayo kaum, dass er sich in einem diktatorisch regierten Land befindet. In den sonnigen und breiten Straßen lässt es sich vielmehr bequem auch länger als einen Tag aushalten. Es gibt Internetcafés, Restaurants und verschiedenste Geschäfte, einen großen Markt, Kunstgalerien und Bars.


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Die Fake-Couture der hiesigen Designerläden lässt zwar stark an Geschmack zu wünschen übrig, wir sahen dafür aber einen jungen Hipster, dessen Outfit (High-Top-Sneaker, Slimfit-Hose, Weste und Basecap in schwarz, dazu oranges Hemd und Plastikgestell) den schwer erträglichen Fashion-Faschisten und Modebloggern im Pseudoindividualistenmekka Berlin-Kreuzberg die Zornesröte der Eifersucht ins Gesicht getrieben hätte.

Mutmaßlich fand sich besagter Stilvisionär im hippen Baku Club ein, aus dem auch am späten Abend – die Sonne war schon lange untergegangen – noch die aktuelle US-Popmusik eines T-Pain oder Lil Wayne in das ansonsten menschenleere Bulawayo Center hinausschallte.

Wir schauten uns im Kino für drei Dollar einen Hollywoodfilm an und fuhren zurück ins Hotel.


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Es ist noch finster draußen, die Luft mild. Wir stehen auf der Terrasse des Hochjoch-Hospizes, bald wird der Tag heraufziehen. Talabwärts legen sich Lichtstreifen über den schwarzblauen Himmel hinter den Bergketten. Mit dem ersten Dämmerlicht nehmen wir den steinigen Pfad herunter zum Hintereisbach. Auf der anderen Seite erste schweißtreibende Serpentinen hinauf, um das Hochjochfernertal zu erreichen. Dort begleitet der Weg den Fluss, immer am Hang entlang, und dann fällt die Sonne über den Kamm. Auf der Schöne-Aussicht-Hütte, am hinteren Ende des Hochtals, ist es jetzt 8 Uhr. Wir bestellen Espresso und eine heiße Zitrone, wir rasten nur kurz. Der Weg auf die Weißkugel folgt ab hier erst dem Pfad hinab nach Kurzras in Italien, er biegt aber bald nach rechts ab und windet sich den Bergkamm hinauf. Man verliert nur wenig Höhenmeter. Der Boden ist trocken und staubig. Bald lassen wir den letzten Skilift hinter uns, der hier oben im Sommer deplatziert aussieht, fast fremdartig, wie die Gerätschaft einer untergegangenen Zivilisation. Dann endlich das Teufelsjoch, der Blickt fällt auf das Ziel des heutigen Tages.


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Weißkugel vom Teufelsjoch.
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Hintereisferner vom Teufelsjoch.


Wir marschieren und klettern den Gratrücken entlang, manchmal weicht der unmarkierte Steig von der Schneide ab und umrundet ein Steilstück. Rechts fällt der Kamm zum Hintereisferner ab, der sich vom Gipfel der Weißkugel über sieben Kilometer das Tal herunterzieht. Das Blockwerk ist an diesem Augusttag völlig schneefrei, ansonsten dürfte sich die Wegfindung schwierig gestalten. Irgendwann hat das Auf und Ab ein Ende, der Weg erreicht den Gletscher. Fußspuren ziehen hinauf zum Hintereisjoch, einer Einschartung des Südgrats, von dort geht es auf den Gipfel. Der Schnee ist schon etwas sulzig, kurz vor dem Joch sinken die Stiefel tief ein.

Wir erreichen die Scharte und stehen vor einer zehn Meter hohen Firnwand. Sie sieht so aus wie eine Welle, die kurz vor dem Brechen zu Eis erstarrt ist. Der Weg führt schräg links den Aufschwung hinauf, so umgeht er das Steilstück. Unter dem Eis fließt Wasser. Man hofft, dass die nicht allzu dicke Schneeplatte nicht doch irgendwann einmal einbricht. Der Weg zum Gipfel geht über einen breiten Firngrat. Die letzten Meter zum Kreuz erfordern konzentrierte Kletterei über ausgesetztes Blockwerk, das ein Abrutschen angesichts der etwa zweihundert Meter steil abfallenden Westflanke nur sehr bedingt verzeiht. Wir stehen auf dem Gipfel, es ist mittlerweile kurz vor Mittag.


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Weißkugel, Gipfelgrat.
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Hintereisferner (vorne) und Schnalskamm (hinten) von der Weißkugel.
wildspitze weißkugel ötztaler alpen ötztal bergsteigen hochtour wandern gletscher panorama gipfel berge gebirge
Wildspitze von der Weißkugel.


Über den Bergen formen sich immer mehr Quellwolken. Wir sind nicht sicher, ob noch ein Gewitter heraufzieht. In jedem Fall schnell absteigen, denken wir uns, denn wir wollen nicht den Normalweg nehmen, sondern den über den Hintereisferner. Die Schneebrücken dürften trotz voran geschrittener Tageszeit noch fest sein, außerdem ersparen wir uns zwei Stunden Wegzeit, die gewaltige Eiszunge wälzt sich durch das Tal direkt zum Hochjoch-Hospiz hinab. Der obere Teil des Gletschers ist zugeschneit, wir folgen älteren Spuren. Eine der Schneebrücken ist einen halben Meter breit offen, beim Überschreiten lassen sich die Ausmaße der tiefen, schwarzen Spalte erahnen. Der Großteil des Ferners ist allerdings aper und erzeugt keine Nervosität.

Wir laufen beinahe drei Stunden über die wuchtige Eisplatte, die überall von kleinen Bächen durchsetzt ist. Finden sie keinen Weg mehr talabwärts, bohren sie sich in den Gletscher hinein. Wir blicken in teichgroße Löcher mit glatten blauschimmernden Wänden, in die das Wasser viele Meter hinabstürzt. Den Grund kann man meist nicht sehen. Wir gehen nicht mehr angeseilt, über die meisten offenen Spalten können wir springen. Der Gletscher neigt sich seinem Ende zu. Unten angekommen kämpfen wir uns mit müden Beinen einen Schutthang hinauf, um den Weg zu finden, der zurück zur Hütte führt. Wir erreichen sie nach etwa elf Stunden, lange Pausen haben wir auf unserer Tour auf die Weißkugel nicht gemacht.


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Weißkugel vom Hintereisferner.


[googlemaps https://maps.google.com/maps/ms?msa=0&msid=217857841857011717699.0004d1b6ce1e4aa0f26a4&ie=UTF8&t=h&ll=46.817683,10.82325&spn=0.105725,0.247192&z=12&output=embed&w=720&h=450]

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Wenn die Augen nicht mehr zwischen Schnee und Wolken unterscheiden können, hat man in den Bergen ein Problem. Auf dem Großvenediger erlebten wir einen Whiteout – und kamen trotzdem auf den Gipfel.

Als wir Kinder waren, sahen wir den Großvenediger vom Zillertaler Hauptkamm aus in der Ferne aufragen: der vierthöchste Berg Österreichs, 3662 Meter hoch. Geschätzte zehn Jahre später sollte es auf den Gipfel gehen. Mein Bruder und ich stiegen also in einen Flieger nach München, nahmen einen Zug nach Österreich und fuhren mit einem Bus bis zum Südausgang des Felbertaunerntunnels. Dort nahm uns ein Jeep mit zum Venedigerhaus. Wir kamen von bescheidenen 120 Metern Seehöhe und erreichten erst am späten Abend, in der Dämmerung gegen 21 Uhr, unser erstes Ziel: die Neue Prager Hütte auf 2796 Metern. Knapp 2800 Meter sind zwar nicht der Überwurf, der Körper beginnt aber trotzdem damit, sich an den veränderten Sauerstoffgehalt in der Höhe anzupassen. So müde wir auch abends in unser Lager fielen – unser Ruhepuls lag mit Sicherheit bei 90. Der Körper fing an zu arbeiten.

Ab 2500 Metern kann es schon zur akuten Bergkrankheit kommen. Sie ist im Gegensatz zu ihren gefährlichen Verwandten HACE und HAPE nicht lebensbedrohlich, äußert sich aber in fiesen Kopfschmerzen, Übelkeit und Appetitlosigkeit. Üblicherweise werden in Höhen um die 3000 Meter aber nur Turnschuh-Wanderer bergkrank, die sich direkt mit der Seilbahn in die Höhe fahren lassen. Für uns war das also kein Problem. Wie uns der Wirt auf der Neuen Prager Hütte mit genügsamer Selbstverständlichkeit mitteilte, gab es auf der Prager Hütte seit dem Winter kein fließendes Wasser. Wir mussten uns mit Schnee die Zähne putzen, die Leitungen waren noch zugefroren.



Für den nächsten Tag war der Gipfeltag angesetzt. Der Aufstieg stand nicht nur bildlich gesprochen unter einem schlechten Licht: Das Wetter war gelinde gesagt beschissen, der Berg war in dichten Nebel gehüllt, und wir mussten auf die Spuren einer 5er-Seilschaft vertrauen, die vor uns aufstieg. Die Sichtweite auf dem Gletscher lag bei etwa 20 Metern. Ohne eine Spur hätten wir uns niemals an den Berg herangetraut.





Durchaus bemerkenswert ist die Tatsache, dass das Auge irgendwann nicht mehr zwischen Nebel und Schnee unterscheiden kann und man gelegentlich zu Halluzinationen neigt. So schwor mein Bruder darauf, dass ein von mir weggeworfenes Stück Trockenobst stetig den Hang herunterrutschen würde, obwohl es sich bei längerem Betrachten kein Stück von der Stelle bewegte. Ein whiteout kann zu vollkommenem Orientierungsverlust führen, weil der Himmel sich nicht mehr gegen die übrige Landschaft abhebt. Das Auge ist überfordert. Man fängt an, Dinge zu sehen, die gar nicht da sind, man wird ein bisschen wahnsinnig.

Abgesehen von den miserablen Sichtverhältnissen war der Anstieg körperlich extrem zehrend. Da wir uns vor der Tour nicht sicher waren, ob wir von Hütte zu Hütte wandern oder eher auf Gipfelsturm gehen würden, hatten wir viel zu viel Gepäck dabei: ein leidiger Umstand. So haben wir in den sagenhaften fünf Stunden des Aufstiegs jeweils 20 Kilo Gepäck den Berg hinaufgetragen – und wieder herunter. Darüber hinaus lag noch extrem viel Altschnee vom Winter. Das sorgt nicht nur dafür, dass die Gletscherspalten gefährlich überschneit sind, sondern macht auch das Gehen deutlich beschwerlicher, weil der Fuß bei jedem Schritt 30 Zentimeter einsinkt. Jener Mensch, der da zuvorderst der 5er-Seilschaft die Spuren getreten hat, muss nicht nur einen gottgebenen Orientierungssinn gehabt haben, sondern auch die Kraft eines Bären. So kam es dann vor, dass mein Bruder und ich – am Tag zuvor noch vom Flachland aufgestiegen – regelmäßig alle zehn Meter anhalten mussten, um durchzuatmen. Mit keinem geringen Gefühl der Genugtuung tauchten irgendwann doch noch der Gipfelgrat und das Kreuz auf.



Nach mühsamen achteinhalb Stunden erreichten wir wieder die Neue Prager Hütte. Der Wirt versorgte die gesamte Mannschaft mit einem großen Topf Nudeln mit Bolognese-Soße. Mein Puls war vor dem Einschlafen noch mal etwas höher als in der Nacht zuvor. Der Aufstieg von 120 auf 3670 Meter binnen 20 Stunden hinterließ seine Spuren. Dass es in den nächsten Tagen sogar noch ein wenig höher gehen sollte, war zu dem Zeitpunkt noch lange nicht ausgemacht..



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