Author

Philipp Laage

New Orleans ist die Stadt des »Big Easy«: leicht, lebenslustig, tolerant. Über das Pride-Festival im French Quarter, über Donald Trump und Amerika, über die Freiheit und ihre Feinde. Ein Essay? Ein Manifest!

Es ist ein Satz, der vor drei Jahren noch wie die Dystopie eines schlechten Drehbuchautors geklungen hätte: Donald Trump ist der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Darüber wird auf der ganzen Welt gespottet, aus Überheblichkeit, müder Verzweiflung oder nackter Angst. Spott ist leider die einfältigste Reaktion auf diese Entwicklung der Dinge. Doch es werden jetzt auch große Fragen gestellt: Ist Amerika am Ende? Hat der Westen versagt oder doch bloß die Linke, diese dummen Gutmenschen? Wie ernst kann das werden, was als schlechter Witz begann? Oder, wie es Trump selbst in einem für ihn typischen Moment maximaler Unschärfe formulierte: What the hell is going on?

Man kann reisen, einfach weil’s schön ist. Um auf Instagram zu beeindrucken. Weil es Zerstreuung in einen dumpfen Alltag bringt. Glauben Sie mir, nichts ist so leicht, wie in ein Flugzeug zu steigen und zu meinen, nun würde alles anders. Man kann aber auch reisen, weil man die Wirklichkeit verstehen will. Das Ziel ist dann: Welterkenntnis – und daraus eine Haltung entwickeln, einen Kompass. What the hell is going on?

Die Suche nach einer Antwort führt in dieser Geschichte nach New Orleans. Moment, werden Sie nun sagen, will der Autor uns mit einer beliebigen Momentaufnahme aus einer Großstadt in Louisiana die Welt erklären? Wie kann er mit der Lupe die großen Linien finden? Aber ich verspreche Ihnen, es lohnt sich, bleiben Sie dran.


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Südstaaten-Lässigkeit: New Orleans ist die größte Stadt Louisianas.


New Orleans also, Sommer 2016. Es ist ein brütend heißer Samstag, ich stehe zwischen den Hochhäusern auf dem Bürgersteig des Roosevelt Way und schwitze fürchterlich. Ich bin erst gestern gelandet und habe diesen Amerika-Flash, der jeden Deutschen bei der Ankunft in den USA trifft, noch nicht ganz verarbeitet: die breiten Straßen, weil die Leute nicht gerne laufen; die brutal heruntergekühlten Diners, wo alles immer too much ist; die unverbindliche Kumpelhaftigkeit der Zufallsbegegnungen, die man erst einmal konsequent missversteht.

Es bleibt wenig Zeit sich zu sammeln. Die Stadt ist bereit für eine große Party und, fuck yeah, ich bin es auch. An diesem Wochenende ist New Orleans Pride, und was das bedeutet, werde ich in den kommenden Stunden erleben, in denen ich einfach durch die Straßen laufe – ein nüchterner Deutscher, der vom Sound, vom Lebensgefühl der Stadt mitgerissen wird.

Der Höhepunkt des New Orleans Pride ist die große Parade. Sie führt durch das berühmte French Quarter. Es heißt zwar so, wurde aber zu einem großen Teil von den Spaniern erbaut, nachdem es einmal niederbrannte. Die Straßen sind gesäumt von meist dreistöckigen Häusern im Kolonialstil. Ausladende Balkone und Galerien, gusseiserne Geländer, Anstriche in Pastellfarben: eine reizende Kulisse.

Das Viertel wird am Pride-Wochenende zu einer noch größeren Partyarena als sonst. Seine Lebensader: die Bourbon Street, die Playa de Palma von New Orleans. Das ist auch abseits des Festivals die Saufmeile für auftrainierte College-Jungs in Tank Tops, die sich gegenseitig als »bros« bezeichnen und von den Bars spielend leicht zu »3 for 2« Shots verführt werden. Und natürlich kommen auch College-Girls – eigentlich jeder, der es krachen lassen will.


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French Quarter und Bourbon Street: Saufmeile und Antiquitätenläden.


Das New Orleans Pride heißt nicht Gay Pride, weil es eben keine Veranstaltung nur für Schwule ist. Sondern auch für Lesben, Bisexuelle, Transmenschen und alle, die man unter queer subsumiert. Heteros, die sich das ganze Spektakel anschauen wollen, machen natürlich auch gerne mit. Es ist also ein Event für jeden Menschen, der sich schlicht und ergreifend feiern will, so wie er ist.

In den Straßen sieht man Studenten und Silberhaarige, gestandene weiße Geschäftsleute in weiten Hosen und schwarze Hipster, barbusige Frauen und halbnackte Männer, korpulente Mittelklasse-Paare und sportliche Modeltypen, Breakdancer, Jazz-Musiker und Trommler-Kids, Rumtreiber und Reiche, eine Omi verkleidet als bunte Tanzfee, einen um Weed bittenden Gandalf und ganz viele Menschen, die optisch erst einmal völlig unauffällig sind. Homos und Heteros, Schwarze und Weiße – alle feiern zusammen eine ordentliche Party, bei allen Unterschieden. Die Flaggen an den Balkonen zeigen es: Letztlich ist jeder hier immer noch ein verdammter Amerikaner!

Der Abend dämmert, als die Parade die Frenchman Street mit ihren berühmten Jazz-Bars erreicht. Ich sitze vor einem Lokal und habe ein Bier offen, hinter mir spielt drinnen eine Brassband, die Menschen laufen ausgelassen an mir vorbei, hinein in die schwül-warme Nacht und die Verlockungen, die da draußen noch auf sie warten. Ich bin ein berauschter Zuschauer, der das viel beschworene »Big Easy« miterlebt – die große, leichte Lebensfreude von New Orleans. Plötzlich wird mir klar: I believe in America.


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Hello America: das New Orleans Pride.


Nun werden Sie einwenden: Das ist doch verrückt! Fünf Monate nach dem Pride haben sie Trump zum Präsidenten gewählt. Ist das nicht der letzte Beweis dafür, dass der Glaube an Amerika endgültig verloren ist? Eine manische Illusion?

Tatsächlich befinden sich die USA im Niedergang. Die Finanzkrise 2007/2008 war nur der Höhepunkt einer langen Entwicklung. Die Nation war damals schon ausgehöhlt. Das amerikanische Versprechen war ins Wanken geraten. Plötzlich sollte auch jeder ein Haus haben, der sich keines leisten konnte. Auf Kredit. Und weil es auf dem Immobilienmarkt zuging wie beim Goldrausch, dachten viele, der Wert ihres Hauses stiege immer weiter, sodass man sich gleich noch ein zweites Haus leisten wollte. Die Banken, die das Konsum-Kartenhaus hätten durchschauen müssen, taten nichts. Nein, sie befeuerten den Rausch durch ihre Gier – bis zum Kollaps. Die Kredite platzten.

Hunderttausende Amerikaner verloren ihre Eigenheime. Und die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Occupy Wall Street scheiterte. Die Banken zahlten weiter fette Boni, die Ungleichheit im Land blieb eklatant groß. Das Vertrauen der Menschen in die Gerechtigkeit wurde schwer erschüttert. Amerika, ein geplündertes Land.

Obama musste aufräumen, doch er tat es nur halbherzig. Zwar führte er die USA aus der wirtschaftlichen Depression und schuf Jobs. Doch die Gesellschaft blieb gespalten, die Gräben zwischen Demokraten und Republikanern wurden noch tiefer. Und dann Ferguson, Charleston, Baltimore, Baton Rouge: vier besonders skandalöse Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze. Es gab Hunderte. Amerika, eine zerrissene Nation, moralisch am Ende. Zu ihrem neuen Präsidenten wählte sie schlussendlich einen Reality-TV-Star und Narzissten, der so differenziert abwägt wie ein Binärcode. Wie konnten die Amerikaner nur so doof sein?


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Amerikas Flagge hängt durch (Symbolfoto, right).


Wir wissen es natürlich besser. Wie ließ der Schweizer Max Frisch im »Homo Faber« seinen Walter Faber so schön über den weißen Amerikaner schimpfen: »Ihre rosige Bratwursthaut, gräßlich, sie leben, weil es Penicillin gibt, das ist alles, ihr Getue dabei, als wären sie glücklich, weil Amerikaner, weil ohne Hemmungen, dabei sind sie nur schlaksig und laut […] die Schutzherren der Menschheit, ihr Schulterklopfen, ihr Optimismus, bis sie besoffen sind, dann Heulkrampf, Ausverkauf der weißen Rasse, ihr Vakuum zwischen den Lenden.« Denken Sie da nicht auch gleich an den vermeintlich typischen Trump-Wähler, der angeblich so dumm und abgehängt sein soll?

Das Verhältnis der Deutschen zu den Amerikanern ist etwas kompliziert. Die USA haben uns von der Gaskammern-und-Vernichtungskrieg-Diktatur der Nazis befreit. Erst unter ihrer Ägide ist die schamhafte Nachkriegs-BRD geläutert, und viele konnten ihnen das offenbar nie verzeihen, weshalb sie dann, wann immer sich Amerika moralisch schuldig machte, mit dem Finger voller Häme über den Atlantik zeigten – der Böse sitzt im Weißen Haus!


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Bratwursthaut und besoffener Optimismus: Der Amerikaner als Klischee.


Nein, Trump ist keine Verkörperung von Amerika. Er hat in einem extrem gespaltenen Land sehr knapp die Wahl gewonnen. Im popular vote lag Hillary Clinton mit 2,8 Millionen Stimmen vorne. Die Mehrheit des Landes hat sich gegen Trump entschieden, doch wegen des Wahlmänner-Systems wurde er Präsident.

Im Grunde sagt das Ergebnis der Wahl mehr über die Republikaner als über die Demokraten, mehr über die Konservativen als über die Linken: Sie waren bereit, einem populistischen Möchtegern-Messias zu folgen, während der andere Teil Amerikas nur den Kopf schüttelte und Witze riss. Bloß war das eben auch zu wenig.

Was ist das große Versprechen Trumps und der Grund dafür, dass er so oft gewählt wurde? Make America Great Again. Vor allem die Älteren haben Trump gewählt. Sie wünschen sich eine Welt zurück, in der der weiße Arbeiter noch keine Konkurrenz aus China hatte, Schwule ihren Schweinskram nur in ihren eigenen vier Wänden veranstalteten und Frauen gefälligst die Klappe hielten, wenn der Mann ihnen das Leben erklärte. Es ist die Sehnsucht nach einer Welt, die es nicht mehr gibt und die auch nicht mehr wiederkommen wird. Doch Trump beschwört noch einmal die große Restauration.

In Deutschland wurde viel über das Versagen der linksliberalen Eliten geschrieben. Die Linke habe zum Beispiel dafür gesorgt, dass Menschen nur wegen einer unbedachten sexistischen Äußerung gleich ihren Job verlieren und gesellschaftlich vernichtet würden. Sie habe es mit der Political Correctness zu weit getrieben. Die Linke begriff nicht, warum sich viele von ihren guten Absichten abgestoßen fühlten. Das Ende der Massenbeschäftigung bedroht die Existenz vieler Menschen. Das große Heer der working poor wird irgendwann »wegrationalisiert«, aussortierte Menschen ohne Sinn und Ziel. Und wem es gut geht, der ahnt, dass es damit bald vorbei sein könnte. Gleichzeitig gibt man diesen Menschen zu verstehen, dass ihre letzten verbliebenen Überzeugungen (Nationalstolz, weiße Überlegenheit, traditionelles Familienbild) überholte Ansichten rückständiger Idioten sind. Der globalisierte Kapitalismus bedroht die Jobs, die Linke die Identität. Und so formierte sich Widerstand.


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Spread the message! (Symbolfoto, San Diego).


Nun muss die wohlstandsgesättigte Linke erleben, wie die neurechte Internationale den Spieß umdreht – in den USA, in Frankreich, auch in Deutschland. Der Anspruch an zivilisierte Mindeststandards wird zur Meinungsdiktatur, Kritik zu Zensur. Missliebige Politiker werden zu Volksverrätern, freie Medien zur Lügenpresse, Mahner zu Denunzianten. Freilich darf jenes, was man angeblich nicht mehr sagen darf, im Fernsehen vor einem Millionenpublikum ausgebreitet und frei ins Internet geschrieben werden. Es geht den autoritären Rechten also gar nicht darum, vermeintliche Denkverbote zu überwinden, sondern einer bestimmten Ideologie zur Durchsetzung zu verhelfen.

Wie sieht diese Ideologie aus und warum ist sie so gefährlich? Der Populismus sagt nicht: Wir sind das Volk. Sondern nur wir sind das Volk. Ob Trump, Le Pen oder AFD: Sie alle setzen sich mit dem Volk gleich, so kommt der Volkswille erst durch sie zur Entfaltung. Dass sie eigentlich große Teile der Bevölkerung gegen sich haben, wird negiert. Diese Haltung ist antipluralistisch und damit antidemokratisch. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich: Wer so denkt, ist ein Feind der Freiheit.

Und das Ziel der Autokraten ist letztlich, die Freiheit abzuwickeln. Von Muslimen, Homosexuellen, Medien, Oppositionellen aller Art. Es sieht so aus, als passierte dies nun sogar in den USA, dem »land of the free«. Aber kann das wirklich gelingen?

Amerika hat es noch immer geschafft, innere Zwietracht zu einen (man denke nur an den Bürgerkrieg). In New Orleans war das nicht anders. »George Bush doesn’t care about black people«, sagte einst Kanye West, nachdem die Metropole am Golf von Mexiko durch den Hurrikan Katrina 2005 fast vollständig zerstört wurde. 80 Prozent der Stadt standen unter Wasser – man überlegte, sie komplett aufzugeben. Die Schwarzen traf es besonders hart, und die Regierung kümmerte sich nicht um sie, lautete der Vorwurf. Doch die Leute bauten New Orleans wieder auf, die Stadt erlebte eine Renaissance.


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New Orleans ist aus Fluten auferstanden.


Heute steht New Orleans besser dar denn je. Und Reisende lieben es. Vor Katrina gab es etwa 800 Restaurants in der Stadt, jetzt sind es mehr als 1400. Zur 300-Jahre-Feier der Stadt 2018 will man die Marke von zehn Millionen Besuchern knacken. Aber das sind Zahlen. Man muss hin, rein, in die Straßen, mit den Leuten feiern. Es ist der lässige und tolerante Vibe, der NOLA auszeichnet (der Bürgermeister ist übrigens Demokrat). Das »Big Easy« lebt wieder, obwohl die Zeiten lange alles andere als leicht waren.

Mir wurde am ersten Tag in New Orleans auch gleich ein blödes Gangstafilm-Klischee um die Ohren gehauen. Ich stand vor meinem Hotel (netterweise das Fünf-Sterne-Haus The Roosevelt) und trug dandyhafte Lederschuhe, eine Wollhose, ein Hemd und eine Armbanduhr mit roségoldener Lünette. Auf dem Bürgersteig bewegte sich ein kantiger Schwarzer in weißem Unterhemd und mit schwerer goldener Halskette in meine Richtung. Er hätte guten Grund gehabt, mir abschätzig zu begegnen, diesem white kid in seinem verkackten Streber-Outfit. Aber als der Mann vor mir stand, grüßte er nett und sagte: »I like your watch, maaan.« Warum auch nicht? Ich Trottel.


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Pretty Fly For A White Guy.


Vielfalt ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche. Die USA wissen das am besten und haben es deshalb so gut drauf. Trump, der immerhin in Queens zur Welt und in Manhattan zu Geld kam, müsste es eigentlich auch wissen. New York ist ja nicht die coolste Stadt der Welt, obwohl sie so multikulti ist, sondern genau deswegen. Make America Great Again? Welch bittere Ironie: Es ist gerade die Freiheit, die Amerika so großgemacht hat.

Dass diese Einsicht von vielen nicht geteilt wird, hat mit der Außenpolitik der USA zu tun. Vietnam, die Iran-Contra-Affäre, die Aufrüstung der Mujaheddin in Afghanistan: Im Ringen mit dem großen Systemfeind war den Amerikanern fast jedes Mittel recht. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ging es aus anderen Motiven weiter: Irak 2003 war ein illegaler Angriffskrieg, in Folge dessen über die Jahre mehr als 100.000 Menschen getötet wurden. Amerikas Tragödie: Die innere Freiheit ging viel zu oft auf Kosten der Freiheit der anderen.

Die amerikanische Gesellschaft am Fehlverhalten ihrer Regierungen zu messen, ist trotzdem ein Denkfehler, der hierzulande in ermüdender Regelmäßigkeit vollzogen wird. Dabei müsste Deutschland eigentlich schlauer sein. Schließlich stand das Land, als es noch geteilt war, unter dem Einfluss zweier rivalisierender Systeme, und wir wissen ja, wie die Geschichte ausgegangen ist: Der Trabi war ein albernes Auto, mein Vater floh vom Osten in den Westen, und Sergey Brin ist nicht in der Sowjetunion geblieben, um dort eines der einflussreichsten Tech-Unternehmen der Welt zu gründen.

Amerika ist nicht am Ende. Der Westen und seine freien Gesellschaften bleiben für die Menschen auf der ganzen Welt ein Sehnsuchtsort. Die Linke hat zwar auch versagt, aber in erster Linie das Wirtschaftssystem. Es wird sich zeigen, wie lange Trump so tun kann, als seien die USA sein Land. Er ist nicht »the people«. Der Widerstand formiert sich, nicht nur in New Orleans, wo die Freiheit zur amerikanischen DNA gehört. I believe in America.

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Remscheid — Es ist Oktober, Herbst geworden. Ich stehe in Remscheid-Hackenberg vor der Sporthalle. Der Tag im Juli, an dem ich beschlossen habe, einen Marathon zu laufen, kommt mir vor, als läge er in einer weit entfernten Vergangenheit, wie das mit vielen Dingen im Leben ist, die noch gar nicht so lange her sind.

Das Wetter ist ziemlich gut für so einen Lauf, weder Sonne noch Regen. Angenehme Temperaturen, weder kalt noch warm. Besser kann man es eigentlich nicht haben. Meine Startnummer habe ich mit vier Sicherheitsnadeln an meinem Shirt festgemacht, sie steckt in einer Klarsichthülle, wegen des Regens, vielleicht. Hoffentlich nicht.

Als ich am Morgen wach wurde, glaubte ich, ganz gut geschlafen zu haben. Die Nacht davor aber so gut wie gar nicht. Dafür hatte ich viel gegessen, weil man das so machen soll vor einem Marathon. Bis zum Vorabend dachte ich über all die Dinge nach, von denen ich oft gelesen hatte, wie wichtig sie sind: die wöchentliche Kilometerzahl, lange Trainingsläufe, Tempotraining.

Und ich dachte daran, wie wenig ich diese Dinge beherzigt hatte. Wie ich diesen typischen Anfängerfehler gemacht hatte: zu schnell zu viel zu trainieren. Wie ich glaubte, über den Dingen zu stehen, und wie ich genau diesen Fehler gemacht hatte.

Jetzt stehe ich vor der Toilette der Sporthalle, es ist 8 Uhr, in einer halben Stunde soll es losgehen. Ich binde den elektronischen Chip, der in Start und Ziel automatisch die Zeit misst, in die Schnürbänder meines Laufschuhs. Noch ein wenig trinken, dann langsam Richtung Start. Noch einmal pinkeln, dieses Mal im Busch, das machen die anderen Läufer auch so.

Ich stehe dann in dem Pulk von Menschen, die sich vor der Startlinie sammeln. Ich bin ziemlich ruhig. Alles ist ganz klar und eindeutig.

Ein guter Freund meinte einmal zu mir: Wenn du morgen etwas erreichen willst, muss es schon heute Realität in deinem Kopf sein. Wenn du etwas wirklich schaffen willst, muss der Endzustand – in diesem Fall das Überqueren der Ziellinie – schon so im Bewusstsein verinnerlicht sein, dass es gar nicht mehr anders passieren kann. Das ist wie beim Bergsteigen. An dem Tag, an dem du hochgehst, ab dem Moment, an dem du losläufst, gibt es nur einen möglichen Weg. Es gibt keine Alternative.

Ich bin also ganz ruhig.

Und dann laufe ich über die Startlinie. Der Chip an meinem Schuh fängt an, die Zeit zu zählen, aber das merke ich natürlich nicht.

KILOMETER 0 BIS 10

Ich begreife gar nicht richtig, dass ich gerade laufe, bei diesem Marathon, den ich mir schon so lange vorgenommen habe. Aber dann laufe ich einfach.

Remscheid sieht in Teilen ungefähr so aus, wie ich mir Nordkorea vorstelle: Aus der bewaldeten Landschaft ragen hässliche, graue Wohntürme heraus. Die Strecke führt über die ersten fünf Kilometer durch den Ort. An diesem Sonntagmorgen sind schon viele Menschen auf den Beinen und beobachten den Start der Läufer. Schilder, Trompeten, Trillerpfeifen, alles dabei.

Ich bin immer dicht umringt von anderen Läufern. Halbmarathon-, Marathon- und Ultraläufer sind zusammen gestartet. Das Ganze hat einen großen Vorteil: Man läuft nicht zu schnell los. Es ist praktisch unmöglich, sich vom Hauptfeld abzusetzen, wenn man am Anfang nicht direkt an der Startlinie stand. Irgendwann führt der Weg aus dem Ort heraus.

Meine größte Sorge ist mein Bein und der Wadenschmerz, der mich während des Trainings immer wieder geplagt hat. Er ist nicht da, er kommt auch nicht wieder. Die Taktik, auf vollständige Entlastung zugunsten der Regeneration zu setzen, ist also richtig gewesen.

Der erste Getränkestand kommt bei Kilometer 7. Ich habe mir vorgenommen, früh mit dem Trinken anzufangen, ich greife einen Pappbecher mit Zitronentee, den ich im Gehen leer mache. Man soll während eines Marathon ein bis vier Liter trinken, heißt es.

Nach einer Stunde erreiche ich die 10-Kilometer-Marke. Gutes Tempo, denke ich.

Ich bin nicht zu schnell gestartet. Ich habe keine Schmerzen. Im Prinzip fühle ich mich so, als wäre ich gerade erst losgelaufen. Als hätte ich nie etwas anderes getan, als zu laufen.

KILOMETER 10 BIS 25

Auf den folgenden Kilometern habe ich das erste Mal das Gefühl, dass sich die Strecke etwas zieht.

Asphalt und Waldboden wechseln sich jetzt immer häufiger ab. Es geht meist bergauf und bergab, selten eben geradeaus, aber das war ja vorher klar.

Kurz vor Kilometer 20 kommt das erste richtige Steilstück, es geht vielleicht 50 Meter in Serpentinen den Hang hinauf. Auf diesem Stück läuft niemand, der Kraftaufwand wäre die gewonnene Zeit nicht wert. Also marschiere ich bergauf, überholen kann man auf dem engen Pfad sowieso niemanden. Am Wegrand haben ein paar Leute eine Prosecco-Bar aufgebaut, so heißt es jedenfalls auf dem Schild. Im Prinzip ist da aber einfach ein Bierzelttisch, auf dem einige Pappbecher mit Sekt stehen. Die Leute selbst trinken Bier aus Flaschen, es ist jetzt vielleicht 10 Uhr morgens. Ich habe das Gefühl, dass die Leute sich schon lange auf diesen Tag gefreut haben. Prosecco trinkt trotzdem niemand.

Es geht dann irgendwann noch einmal durch eine Senke, ein Bachtal hinunter. Für die Halbmarathonläufer, an diesem Tag deutlich in der Überzahl, ist hier schon bald Schluss. Das bedeutet: Endspurt. Ich lasse mich aber nicht aus der Ruhe bringen, ich bleibe bei meinem Tempo.

Nach 21,2 Kilometern wird wieder Zeit genommen: Ich bin ziemlich exakt zwei Stunden unterwegs.

Nach einer weiteren bedeutungslosen Kehre stehen da plötzlich meine Eltern am Wegrand. Sie wollten versuchen, irgendwie an die Strecke heranzukommen, um mir ein wenig Energy-Gel zu geben. Das Erste, was mir auffällt, ist die große Erleichterung im Gesicht meiner Mutter. Ich sehe offensichtlich nicht wirklich erschöpft aus.

Die Hälfte ist geschafft, mein Fokus liegt auf der 25-Kilometer-Marke.

Man darf bei einem solchen Lauf nicht den Fehler machen, sich die gesamte Strecke ins Gedächtnis zu rufen. Kopf und Körper müssen sich von einer Etappe zur nächsten bewegen. Ich denke also: Bis zum nächsten Getränkestand, und dann sehen wir weiter.

Der Stand kommt nach weiteren 20 Minuten. Ich löse das Kohlenhydratpulver, das ich dabei habe, in Wasser auf. Es enthält viele Elektrolyte – das ist gut, ich habe viele Mineralstoffe beim Laufen ausgeschwitzt. Dazu gibt es eine Viertelbanane und eine Tube Powergel, das optisch und haptisch handelsüblichem Haargel sehr nahe kommt. Schmecken tut es aber süß, obwohl kein Zucker enthalten ist. Nur Kohlenhydrate, Kalium und Natrium.

Ich will keinen Zucker zu mir nehmen, das treibt den Blutzuckerspiegel nach oben und führt auf Dauer zu körperlicher Ermüdung und einem unangenehmen Erschöpfungshunger.

Ich fühle mich recht fit, eigentlich sogar sehr fit, und verschiebe meinen Gedankenhorizont auf die nächsten fünf Kilometer. Und ich denke an das Gedicht, das über meinem Bett hing, als ich noch klein war: Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte von Antoine de Saint-Exupery.

KILOMETER 25 BIS 34

Die andauernde Energieversorgung zahlt sich aus: Auf den nächsten neun Kilometern ändert sich die Wahrnehmung meiner Schmerzen nicht. Richtige Ernährung ist ein absoluter Schlüssel zum Erfolg, das wird mir jetzt bewusst. Durch eine Tube Gel alle halbe Stunde bleibt das Energielevel weitgehend konstant, nur die Muskeln werden natürlich immer schwerer, sie übersäuern langsam.

Ich bewege mich sehr lange auf gleicher Höhe mit einem älteren Mann, der einen grauen Vollbart trägt. Er läuft bei jeder Steigung gleichbleibendes Tempo. Das finde ich ziemlich beachtlich. Offensichtlich hat sich der Mann in seinen vielen Jahre als Läufer ein unglaubliches Maß an Disziplin und Kondition antrainiert. Er läuft nie zu schnell, fast in stoischer Gleichmäßigkeit.

Eine Sache habe ich dann etwas unterschätzt: Ab einer bestimmten Dauerbelastung ist es einfach nicht mehr angenehm, bergab zu laufen. Um Kilometer 30 herum ist die Strecke zwar nicht ganz so bergig wie bisher, aber jedes Abfedern des Oberschenkels bereitet Schmerzen. Überhaupt, die Beine fangen einfach an, weh zu tun.

Bei den Anstiegen versuche ich, meine Arme nicht über das Maß der minimalen natürlichen Bewegungsdynamik hinaus zu bewegen, die Beine eng beieinander zu halten und sehr viele kleine Schritte zu machen. Damit nehme ich einen zähen, besonders langen Hügel, ohne mich vollkommen zu verausgaben.

Zum Glück höre ich mich selbst nicht atmen, weil ich die ganze Zeit Musik höre.

Mit den Liedern ist es wie mit den Kilometerschildern, ich gehe von einem zum nächsten. Ich konzentriere mich auf den Moment, auf den nächsten Berg, manchmal nur auf die drei Meter, die sich immer wieder vor meinen Füßen auftun. »Baby steps«, nennt das der Ultraläufer Dean Karnazes.

Ich trinke jetzt mehr an den Getränkeständen, Gatorade und Wasser im Wechsel. Ich bin schon weiter, als ich denke, der nächste Getränkestand kommt bei Kilometer 34.

Über diesen Punkt hinaus bin ich noch nie in meinem ganzen Leben gelaufen.

KILOMETER 34 BIS 42

Die letzten sechs Kilometer sind die schlimmsten des gesamten Laufs. Ich bin jetzt weit über drei Stunden auf den Beinen. Bergablaufen tut fast noch mehr weh als bergauf. Ich versuche nur noch, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Manchmal grinse ich vor Schmerz.

Es ist die große Dialektik des Laufens, dass gleichzeitig das Allereinfachste und das Allerschwerste in einem Moment zusammenfallen. Einen Schritt vor den anderen setzen, das kann sogar ein Kleinkind, es ist eine der trivialsten menschlichen Bewegungen überhaupt. Und hier kostet jeder Schritt auf einmal so wahnsinnig viel Überwindung. Jeder einzelne Schritt. Du machst einen, du machst noch einen, und plötzlich hast du wieder einen Kilometer mehr geschafft – der Körper schafft das.

Ich denke, dass auch das ärgste Hindernis im Leben, das größte Problem, schon die einfachste Lösung in sich trägt.

Ein Marathon war für mich lange Zeit ein nahezu unüberwindbares Hindernis, eine beinahe mystische Distanz, aber er ist nur das Produkt aus vielen tausend Schritten, der einfachsten Sache überhaupt.

Wie weit kann man also gehen?

All diese Gedanken surren höchst unscharf durch meinen Kopf, als ich erschöpft auf Kilometer 40 zusteuere. Ich lasse die Möglichkeit, einfach stehen zu bleiben und damit den Schmerz abzustellen, einfach nicht in mein Bewusstsein.

Plötzlich ist der Waldboden wieder komplett matschig, das Auftreten und Abstoßen kostet doppelt Kraft. Ich merke selbst, wie sich mein Gesicht verzogen hat. Ich atme auch nicht mehr so gleichmäßig wie am Anfang.

Dann kommt die 40-Kilometer-Marke, ich habe zu diesem Zeitpunkt schon komplett abgeschaltet, treibende Lieder rauschen durch mein Ohr. Ich könnte jederzeit stehen bleiben, es erscheint als das Reizvollste auf der ganzen Welt.

Aber ich tue es nicht. Ich laufe eben doch weiter.

Auf den letzten zwei Kilometern lege ich deutlich an Tempo zu. Ich spüre ein Kribbeln, fast schon eine Gänsehaut in mir aufsteigen, ein Gefühl absoluter Energie, das sich auf meinen gesamten Körper überträgt, und ich überhole alle anderen Läufer, die mir auf den letzten Anstiegen begegnen. Ich balle die Fäuste, mein Gesicht sieht düster aus wie das eines Kriegers.

Ich sehe bestimmt sehr lächerlich aus. Aber ich fühle mich wie Held.

Ich schaue in die Augen der Zuschauer, die an der letzten Kehre stehen und alle Läufer anfeuern, ein belebender Augenblick.

Dann kommt das Ziel.

Der Kommentator ruft meinen Namen auf und gibt die Endzeit durch: Ich bin 4 Stunden und 22 Minuten durchgelaufen. Das Adrenalin legt sich.

Was gerade eben passiert ist, kommt mir mit einem Mal schon wieder vollkommen irreal vor. Die Distanz, die Zeit, alles. Das Einzige, was für einen kleinen Moment greifbar wird, ist das Gefühl von tiefer Zufriedenheit. Es ist geschafft, und ich wusste, dass es so kommen würde.

Die krasseste Sache an dieser ganzen Geschichte: Vor dem Marathon bin ich das letzte Mal am 23. September gelaufen, also vor über einem Monat.



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Istanbul — Es ist schon dunkel, als die Fähre vom Anleger in Beşiktaş ablegt zur Insel Galatasaray Adasi auf dem Bosporus, es ist Heiligabend. Auf dem Boot fährt der Wind kalt unter die zu leichte Kleidung. Die Laternen und erleuchteten Häuser auf der europäischen Seite Istanbuls werden langsam kleiner in der Nacht, die Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke spannt sich blau erleuchtet hinüber nach Asien. Vielleicht fünf Minuten dauert die Fahrt zu der künstlichen Insel, die dem Sportclub Galatasary Istanbul gehört und auf der Restaurants, Clubs und ein Pool im Olympiaformat liegen.

Es ist völlig einleuchtend gewesen, Weihnachten in diesem Jahr einfach ausfallen zu lassen – weil Weihnachten im Prinzip nur noch ein sinnentleertes Ritual darstellt, das das urmenschliche Bedürfnis nach Einkehr und Beisammensein in ein obsolet gewordenes Traditionskorsett zwingt – und stattdessen unter gut betuchter Istanbuler Gesellschaft den 50. Geburtstag der Frau eines türkischen Freundes der Familie zu feiern.

Dafür müssen wir nun, so stand es in der Einladung, mit einem Boot vom Anleger Ortaköy aus übersetzen.


Beyoglu
Beyoglu
Taksim, Istanbul


Auf der Galatasaray Adasi begrüßen uns die Gastgeber sehr herzlich. Die angemieteten Räumlichkeiten sind fein geschmückt, Kellner servieren schmackhafte Snacks und schenken ohne Unterlass Weißwein nach: Wir fühlen uns gleich sehr gut.

Nachdem wir mit einigen Gästen Konversation geführt haben, sagt der Sohn unseres Gastgebers, der in Istanbul eine österreichische Privatschule besucht, zu mir und meinem Bruder: Kommt tanzen mit mir und meinen Freunden. Und so tanzen wir. Der Cousin des Jungen kümmert sich regelmäßig um neuen Whisky: gute türkische Gastfreundschaft. Weltgewandtes Understatement, die an diesem Abend zunächst unbedingt aufzusetzende Grundgeste, schlägt schon nach kurzer Zeit in spontane Ausgelassenheit um.

Irgendwann tritt eine Frau in einem knappen schwarzen Kleid ans Mikrofon und interpretiert einige Popsongs. Fünf Damen führen mit venezianischen Masken eine Art Varieté-Theater zu Ehren der Gastgeber auf. Da nur türkisch gesprochen wird, können wir leider nichts verstehen, aber es wird viel gelacht und schließlich wieder viel getanzt, und das ist nie verkehrt.

Die anwesenden Society-Ehefrauen beobachten das Geschehen schmunzelnd von ihren Plätzen aus, in dem wohlwollenden Wissen, dass hier ein Privileg der Jugend zelebriert wird: die gedankenlose Ausgelassenheit, die keine Gedanken an den Morgen kennt.

Gegen Mitternacht verabschieden wir uns und fahren mit der kleinen Fähre zurück ans Festland. In der Lobby unseres Hotels am Taksim-Platz, dem Herzstück des Karaköy-Viertels, dessen Puls durch die Straßen bis herunter zum Wasser wabert, wird schnell klar: Es ist natürlich viel zu früh, um schlafen zu gehen, in dieser ersten Nacht in Istanbul an diesem heiligen Samstagabend.

Entlang der İstiklal Caddesi, die überall sozusagen als die letztmögliche Ausgehmeile gefeiert wird, nach der es keine Ausgehmeilen mehr geben kann, dröhnen die Bässe hinter den schmucken und gleichzeitig abgeranzten Fassaden. Die größte Ansammlung an Jugendstil-Häusern der Welt ist im Prinzip komplett von Musik durchsetzt, überall sind Menschen.

Mein Bruder und ich laufen erst einmal – ganz cool, ganz normal – ziellos umher, dann gehen wir in einen kleinen Club im ersten Stock und schauen uns die Menschen an, die zu mäßiger Popmusik trinken und tanzen, um dann wieder vor die Tür zu treten und weiterzuziehen. Das ganze Viertel muss man erst einmal auf sich wirken lassen: den beißenden Geruch der angebrannten Maronen in den Straßen, die heruntergekommenen Bars, die Gesichter der Nacht. Und deshalb laufen wir einfach umher und schauen.

Eine Journalistenkollegin zitiert in einer Reportage über Istanbul einen Werbetexter mit den Worten: »Wer in Taksim nicht gefeiert hat, der hat noch nie gefeiert.« Aus eigener Erfahrung ist diese These zwar zweifelsfrei zu widerlegen, aber in dieser Nacht wird klar, was die Dame damit gemeint haben könnte.

Irgendwann – es ist schon spät geworden – setzen wir uns zu Köfte und Reis für je neun Lira in einen Imbiss. Stille Nacht, heilige Nacht? Nein, nein wirklich nicht.


Beyoglu


Häufig ist es so, dass das Frühstück, wenn man von einem Ort zum anderen reist, einfach ausgespart wird, weil man erst einmal auf die Straße kommen, Fahrt aufnehmen, ein paar Kilometer machen möchte. Die Motivation dahinter ist, jede Form von Trägheit bereits im Keim zu ersticken und sozusagen gleich in den Fluss, in die Bewegung zu kommen, und dann kann man den Tag unmöglich mit, sagen wir, Toast mit Rührei und dick bestrichenen Brötchen beginnen.

Das Frühstück ist die Mahlzeit des Ankommens, nicht des Aufbruchs.

Verweilt der Reisende aber länger an einem Ort, kann er sich ohne schlechtes Gewissen dem frühmorgendlichen Gelage hingeben. Wir greifen zunächst zu hauchdünner Salami, Baguette, Schinken und einer Auswahl an wohlschmeckenden Oliven. Im zweiten Durchlauf folgt ein Omelette mit Tomaten, Käse und Paprika, und daraufhin ist es Zeit für würzigen Hartkäse, der sich am besten mit frisch aus den Waben gebrochenem Honig verköstigen lässt. Abgerundet wird alles mit frisch aufgeschnittenen Melonen und Orangen sowie knusprigen Waffeln. Der Ablauf dieses Frühstücks soll sich in den kommenden Tagen nur geringfügig ändern.

Draußen ist die Luft am Morgen sehr kalt und klar und verpasst der Stadt diesen Blaustich, den alle Städte haben, die am Wasser liegen, wenn dort im Winter die Sonne scheint. Für einen Dezember ist es in Istanbul ungewöhnlich frisch, die Temperatur liegt kaum über dem Gefrierpunkt.

Wir spazieren die İstiklal Caddesi herunter in Richtung Wasser. All die Spuren der Nacht sind nicht mehr zu sehen, vor ein paar Stunden standen hier überall Müllsäcke, es dampfte und zischte, nun ist alles sauber und ziemlich menschenleer. Aber es ist eben auch Sonntag.


Blick vom Galataturm


Vom Galataturm aus, der eine Viertelstunde vom Taksim-Platz entfernt liegt, sinnen wir eine Weile über die arrangiert erscheinende Asymmetrie des Istanbuler Stadtbilds nach: Die Konturen der Häuser, die Abschlüsse der Dächer und Fassaden verlaufen in seltsam harmonisch verschachtelten Diagonalen, so als sei die Linienführung kein Zufall, sondern als habe sie ein Maler in mühsamer Detailarbeit zwischen Wasser und Himmel gezeichnet.

Auf der Galatabrücke stehen wenigstens zweihundert Angler und pusten, geduldig wartend, ihren Atem in die klare Luft. Hier unten am Wasser sind nun doch viele Menschen unterwegs, wir machen uns auf den Weg zum Bootsanleger.


Galatabrücke
Galatabrücke
Galatabrücke


Was am ersten Tag in Istanbul gleich sehr deutlich wird: Die Stadt schert sich abseits der Hauptattraktionen nicht sonderlich um ihre Touristen, sie scheint sich noch nicht allzu sehr verstellt zu haben, und das ist immer sehr angenehm. Wenn der erodierende Prozess der Veränderung eines Ortes durch die Touristen nicht mehr aufzuhalten ist, wenn die wechselseitige Abhängigkeit, die stärker werdende Symbiose den Charakter eines Ortes unwiederbringlich verwischt hat, dann braucht man im Prinzip nicht mehr an diesen Ort zu reisen.

Am schönsten ist es deshalb dort, wo die Menschen einem Gast freundlich begegnen, sich aber ohne ihn auch nicht anders verhalten als sonst. So scheinen die Dinge in Istanbul zu stehen, aber vielleicht ist es auch so, dass die Stadt wirtschaftlich schon viel zu mächtig und selbstbewusst ist, um sich um die Befindlichkeiten westlicher Reisender mit Fotoapparat und Reiseführer zu kümmern, und das wäre auch nicht das Verkehrteste.

Wir gehen an Bord der Fähre von Eminönü über Üsküdar nach Karaköy, an Bord wird wie überall Çay serviert. Vom Marmarameer bläst ein frischer Wind über das Oberdeck. Möwen verfolgen das Boot und schieben sich vor die Sonne, schwebend, als habe sie jemand in die Luft geheftet.


Bosporus
Bosporus
Bosporus


Zweite Nacht in Istanbul, Leb-i Derya, İstiklal Caddesi. Der Blick fällt durch die Glasfront im sechsten Stock über das Galataviertel und den Bosporus zur Hagia Sophia, zur Sultan-Ahmed-Moschee – der berühmten Blauen Moschee – und auf die asiatische Seite Istanbuls. Die Fensterfront öffnet die Sicht auf die Lichter der nächtlichen Stadt wie ein Weitwinkelobjektiv.

Das Restaurant selbst ist in Weiß gehalten und genau in der richtigen, weil nicht zu aufdringlichen Helligkeit beleuchtet. Die rückseitige Bar ist leicht erhöht, zum Weißwein werden standardmäßig Nüsse gereicht. Passend zum nicht ganz besten, aber doch ziemlich beeindruckenden Ausblick auf die Stadt kann sich der Reisende hier in tollstem Upper-Class-Chic die Zunge geschmeidig trinken. Und genau dies, so viel muss man einräumen, tun wir an diesem Abend auch. In der Ecke steht ein mit Goldlametta geschmückter Tannenbaum, es ist ja noch Weihnachten.


Bosporus


Als es schon nach Mitternacht ist und kaum mehr Menschen auf den Straßen sind, da laufen wir in Richtung Hotel und hören plötzlich deutsche Stimmen: vier Jungen aus Potsdam, allesamt mit dieser avantgardistisch anmutenden Undercut-Scheitelfrisur, der anrasierten Popperwelle, die man zuerst in Skandinavien sah und irgendwann natürlich in jeder Berliner Ramschbar zwischen Prenzlauer Berg und Neukölln.

Wir kommen aus dem tollen Nullanlass des Aneinandervorbeigehens und Betrunkenseins ins Gespräch, und dann sind da noch zwei türkische Mädchen und zwei türkische Typen, die sich dazuschalten und ein bisschen schwadronieren, es wird palavert und gescherzt, das Ergebnis: Man beschließt, noch gemeinsam eine Bar aufzusuchen und einen zu trinken.

Die Deutschen erzählen nun, beim Gang durch die Gassen von Beyoğlu, wie sie an ihrem gestrigen ersten Abend in Istanbul gleich von zwei sehr freundlichen Herren auf der Straße in ein Etablissement eingeladen werden, das verspricht ganz besonders reizend zu sein, wie die Männer beteuern. Dort angekommen gibt es ganz viel zu trinken und ganz viel zu rauchen, und irgendwann kommen Damen hinzu und tanzen. Als Entlohnung für dieses zweifellos unterhaltsame Programm soll jeder der Gäste am Ende den wirklich absolut gerechtfertigten Obolus von 400 Lira entrichten, rund 170 Euro pro Person.

So wurden die Deutschen also – irritiert, hilflos feilschend, viel zu schwachbrüstig – gleich nach ihrer Ankunft in der Stadt generalstabsmäßig ausgenommen. Das scheint ihre Laune aber nicht nachhaltig getrübt zu haben: Sie laufen und lachen und reden an diesem Abend viel zu laut irgendwelchen Blödsinn.

In einer kleinen Kaschemme in einer sehr abschüssigen Straße findet sich noch eine offene Bar, doch die vier Potsdamer haben sich wohl mehr versprochen, sie gehen irgendwann nach Hause. »Actually I didn’t like those Germans«, sagt später Aisha, eine der Türkinnen, in die alkoholgeschwängerte Konversation hinein. Mein Bruder und ich können nur zustimmen.


Hagia Sophia


Der nächste Morgen, immer noch bestes Wetter, knallharter Sightseeing-Tag: Die nicht zu leugnende Maßlosigkeit der Sultane lässt sich am besten am Goldenen Horn im Topkapı-Palast bestaunen, der fast 400 Jahre lang die administrative Schaltzentrale des Osmanischen Reiches war und einen gewaltigen Harem einschloss.

Dort können Besucher etwa den aus dem Film Topkapi berühmten gleichnamigen Dolch mit seinen drei Smaragden bestaunen oder den Löffler-Diamanten, der zu den größten der Welt gehört und von 49 weiteren Steinen umrahmt ist. Ansonsten gibt es allerlei mit unzähligen Juwelen verzierte Trinkgefäße, Schalen und Wasserpfeifen zu sehen oder auch den mit Perlmutt und Elfenbein verzierten Thron Sultan Murats IV., der aus Ebenholz geschnitzt ist.

Weil aber ab einem gewissen Zeitpunkt das Bedürfnis nach einem Kaffee stärker ist als der Reiz ungezählter Reichtümer aus einer vergangenen Zeit, machen wir uns bald auf zur Hagia Sophia und lassen uns in einem Straßencafé nieder. Die Sonne erreicht nun, gegen Mittag, gerade die Strahlkraft, die längeres Sitzen im Freien zulässt, aber das ist mehr ein psychologischer Effekt, hinter uns steht ein Heizstrahler.

Am Nachmittag ziehen wir vor der Sultan-Ahmet-Moschee die Schuhe aus, um im Innern wenigstens für ein paar Minuten die Vielzahl an blau-weißen Fließen zu betrachten, die dem Gotteshaus den Namen Blaue Moschee eingebracht haben. Es lässt sich nicht leugnen, dass das weiß-graue Gestein, aus dem die Moschee gebaut ist, eine gewisse Erhabenheit und auch eine gewisse Macht widerspiegelt. Es erscheint zumindest möglich, dass sich die Kulissenmeister und Grafiker der Herr-der-Ringe-Verfilmung die Architektur der Menschenstadt Minas Tirith von der Blauen Moschee abgeguckt haben.

Auf der Rückseite, die dem Marmarameer zugewandt ist, hacken sich derweil zwei Gockel im Zweikampf das Gefieder blutig. Irgendwann kommt ein Mann hinzu, flucht erzürnt und trennt die Streithähne.


Blaue Moschee


Die Straßen oben in Eminönü am Goldenen Horn, die von der Hagia Sophia und der Blauen Moschee überragt werden, liegen jetzt schon im Schatten, als dieser bestimmende Wunsch aufkommt, der Sonne beim Untergehen zuzuschauen. Wir suchen also rasch einen Weg durch die Gassen, es geht vorbei an kleinen Hotels, in denen man am liebsten sofort wieder einen Kaffee getrunken hätte, aber die Zeit drängt.

Auf der Terrasse einer Privatschule, von deren Betreten uns niemand hindert, lässt sich schließlich über eine steinerne Brüstung weit über das Marmarameer schauen, auf dem die Frachtschiffe im orangen Licht der untergehenden Sonne da liegen wie nach einem Flottenmanöver. In unserem Rücken ist der Himmel tiefgrau, die Häuser zwischen dem Wasser und der Terrasse leuchten. Dann wird es laut.

Erst tönt es aus den Lautsprechern nur eines Minaretts, eine zweite Moschee antwortet, und irgendwann liegt das ganze Viertel im Schall des theatralischen Singsangs.

Man hat davon ein Bild, das aus Wörtern, aus Zeitungsartikeln und Büchern stammt: der Ruf des Muezzins zum Gebet, ein bisschen exotisch, eigentlich abgedroschen. Jetzt ist da aber dieses glutrote Meer, die gelbe Stadt, der graue Himmel, und es kommt einem so vor, als verstünde man zum ersten Mal wirklich, was es auf sich hat mit dem Gebetsruf.


Eminönü
Eminönü
Eminönü


Am letzten Tag besuchen wir die alte Zisterne, den Versunkenen Palast aus der Spätantike, der westlich von der Hagia Sophia unter der Stadt liegt und aussieht wie die Minen von Moria, und da ist man wieder beim Herr der Ringe.


Cisterna Basilica

Was lässt sich nach einem kurzen Weihnachtsaufenthalt nun Genaues, Pointiertes über diese irre große, nicht zu fassende Metropole Istanbul sagen?

Es fühlt sich so an, als könnte man ohne Probleme länger hier bleiben und sich wohlfühlen oder eben, wenn das nicht geht, häufig wiederkommen, zum Beispiel im Sommer. Man hat das Gefühl, die Stadt ist authentisch. Sich immer wieder hinsetzen und Tee trinken, Kaffee, eine Kleinigkeit essen: total entspannt.

Ein Vorurteil zerstreut sich am letzten Tag auf dem großen Basar: Man wird überhaupt nicht von der Seite bequatscht, von wahnhaft dreinschauenden Verkäufern mit leuchtenden Euros in den Augen, man kann einfach herumspazieren und sich umschauen. Wir kaufen eine Wasserpfeife aus Keramik, Tabak und in einem Schuhgeschäft noch zwei Paar Wildlederschuhe: dunkelbraun und graublau, gefüttert, unschlagbar günstig.

Letzter Abend auf der İstiklal Caddesi. Rechts in eine Gasse abbiegen, dem Gespür für einen guten Laden folgen, reinsetzen.

Mein Bruder und ich versuchen uns an der hohen Kunst des türkischen Müßiggangs: Tee trinken, Wasserpfeife rauchen, plaudern. Schweigen, nur noch rauchen, weiterreden, noch ein Tee. An diesem letzten Abend muss nichts mehr passieren. Die Polster werden immer gemütlicher, der Qualm dichter. Man schält sich so schön ein in die Kissen. Man liegt mehr, als dass man sitzt.

Rauchen, das ist so etwas, das man niemals in Hektik tun sollte, auf keinen Fall auf dem Sprung »noch schnell eine rauchen«, ein ganz verkehrter Ansatz. Wir ziehen den Rauch ein und lassen ihn raus, er liegt dann unbewegt zwischen den Luftschichten im Raum.

Irgendwann, nach zwei Stunden, wird die Harmonie kurz gestört: Eine borstige Ratte trippelt durch den Flur ins Hinterzimmer, der Besitzer des Cafés ruft zur Jagd. Die etwas schreckhaft agierenden Männer springen jedoch immer gleich kopflos auf die Stühle, wenn das Nagetier von einer Bank unter die nächste huscht, um sich vor seinen Häschern zu verstecken. Als man die Katze im Zimmer niedersetzt, flüchtet diese panisch nach vorne, als wollte man ihr das Fell abziehen.

Irgendwann kann ein Mann die Ratte mit einem Besen erschlagen, sie wird auf einem Handfeger entsorgt. In das Lokal kehrt wieder Ruhe ein, wir kriegen neue Kohle für unsere Pfeife. Ein Tee geht noch.


Blaue Moschee
Blaue Moschee



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Billigflieger und Internet haben Interrail zu einer überholten Reiseform gemacht. Wer will heute noch stundenlang mit der Bahn durch Frankreich fahren? Ein Rückblick auf eine Reise, der heute keinen Sinn mehr hätte.

Interrail, was war das noch gleich? Man kaufte ein Ticket, setzte sich in einen Zug und fuhr dann einfach los, quer durch Europa. Man verbrachte einen nicht geringfügigen Teil seiner Reisezeit in schlecht ausgestatteten Regionalzügen, man machte Nudeln auf Campingkochern warm, und am Ende jedes Tages lautete die bedeutendste Frage: Wo finden wir heute Abend einen Platz zum Übernachten? Es galt in erster Linie, eine Distanz zu überwinden – was am Ziel wartete, war eigentlich zweitrangig.

Heute fliegen die Anfang-Zwanzigjährigen mit einem Billigflieger in zwei Stunden nach Rom, nach Barcelona, nach Prag, und sie wissen dort schon ganz genau, in welche Galerie sie unbedingt müssen, in welches Café und in welchen Club. Irgendwer ist immer schon da, hat das alles schon gesehen, kennt sich besser aus, ist morgen schon wieder weg. Weil das nächste Abenteuer nur zwei Flugstunden entfernt liegt. Dazwischen ist alles Niemandsland, Felder in Endlosschleife, Zeitverschwendung.

Interrail ist im Prinzip eine vollkommen antiquierte Form des Reisens, eine grand tour, nur ohne Geld und Glorie: Entschleunigung statt Hypermobilität, Beschwerlichkeit statt Hedonismus, das mühsam Zugängliche anstelle des immer gleich Präsenten.

»Auf Interrail« zu sein bedeutet, überall da draußen, an jeder Destination, das verbindende, ortsunabhängige Element zu finden: den Schlafplatz, den Supermarkt, die große Sehenswürdigkeit.

Heute führt die Suche zum Exklusiven, zum Vergänglichen: der Club, in dem man genau diesen Sommer oder Winter gewesen sein muss, die eine Party in dieser einen Nacht mit diesem einen DJ. Heute will niemand mehr wirklich vor dem Eiffelturm stehen, es gibt ihn schon tausendfach online. Die immer gleichen Bilder, die gleichen Kameraperspektiven, austauschbare Gesichter.

Wer vor sechs Jahren Interrail gemacht hat, stand unmittelbar vor der Schwelle zum sozialen Internet für die breite Masse, zur totalen Vernetzung, zum Reisen in der Digitalität.

Heute sind alle Perspektiven und Einstellungen, alles Wissen über einen Ort, schon universell verfügbar. Deshalb rückt das Beständige aus dem Fokus, und das Vorübergehende wird interessant. Vielleicht fällt es dadurch noch schwerer, auf Reisen nichts verpassen zu wollen. Vielleicht hätten die Nerven damals, im Sommer 2006, schon auf der ersten langen Zugfahrt durch Belgien blank gelegen. Es ist ein Rückblick auf eine Reise, die heute so nicht mehr möglich wäre, die heute so keinen Sinn mehr ergeben würde.

PARIS

Was weiß man mit 19 Jahren von Paris? Stadt der Kultur, Stadt der Kunst, Stadt der Liebe. Tausend Dinge, von denen man nichts versteht. Eine Stadt, die sich vor dem jungen Reisenden aufspaltet wie Licht in einem Kaleidoskop, tausend Orte und Begebenheiten in jeder Sekunde: die totale Überforderung.

Natürlich ist die Zeit viel zu knapp, und wir können auch nicht draußen schlafen, also suchen wir ein Hostel und hetzen dann zu den großen Sehenswürdigkeiten der Stadt: Notre-Dame, Louvre, Eiffelturm. Wir schießen Fotos in Schwarz-Weiß am Place de la Concorde, die wir später vergrößert an die Wand unseres Kinderzimmers hängen, das kein Kinderzimmer mehr ist. Wir schauen betont gedankenverloren auf diesen Bildern, in den Posen suchen wir die Zeitlosigkeit gestandener Männer.

In Paris geht es darum, einfach dazusitzen, im Jardin des Tuileries oder am Ufer der Seine, und Erwachsen-Sein zu zelebrieren, Lebemomente zu simulieren. Aber wie sehen die eigentlich aus? Es sind Momente des Verliebens, des kreativen Schaffens, des Tanzes und des Rauschs. Wir kennen die guten Orte dafür nicht in Paris. Wir bewegen uns wie durch eine Kulisse, wir sind nicht Teil dieser Stadt. Wir sind zu jung, zu klein, zu unerfahren für Paris. Wir ahnen nur, was irgendwann im Leben noch einmal auf uns warten könnte.


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NIZZA

Das Südländische, Mediterrane springt einem gleich entgegen, wenn man den Bahnhof von Nizza verlässt. In der Architektur, in der Vegetation, durch die Wärme der Sonne auf der Haut. Nizza ist ein guter Ort, er ist unbeschwert, leicht. Die Uferpromenade, das Meer, die Wellen: Endlich sind wir an der Cote d’Azur.

Wir lassen unsere Sachen in einer Herberge und schlendern los ohne den Druck, hier etwas sehen zu müssen, vielleicht auch, weil Nizza angenehmerweise keine großen Sehenswürdigkeiten bereithält, weil es eher als Ganzes wird. Wer nach Nizza kommt, will einfach in Nizza sein und nicht Dieses oder Jenes tun. Dieser Anspruch macht es für den Reisenden leicht.

Wir sehen das volle Leben Südfrankreichs: Es ist WM, die Équipe Tricolore gewinnt das Halbfinale, am Abend fahren Autocorsos durch die Stadt, die Menschen feiern auf den Straßen. Wenn ein Ort an den Rand des Ausnahmezustands gerät, ist das immer spannend. Wir machen da jetzt mal mit, laufen rum, quatschen mit Leuten. Wir wollen ein bisschen männlich sein und trinken Four Roses aus der Flasche. Nizza – hier könnte man eine gute Weile bleiben. Aber es gibt noch so viel zu sehen.


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MONACO

Monaco kennt man aus den Hochglanzmagazinen und Celebrity-Sendungen im Fernsehen. Die Steuern sind niedrig, die Autos sind teuer, hier ist der Reichtum zu Hause, zumindest solange es Vorteile gegenüber dem heimischen Fiskus mit sich bringt. Wir zählen Ferraris und Lamborghinis.

Natürlich sind wir nicht so dumm, in Monaco nach einer Unterkunft zu suchen, wir wollen am Abend noch weiter. Ein Tag Monaco, ein Tag Luxusgucken. Welche Namen haben die Yachten? Was für Autos parken vor dem Casino? Eine Cola am Hafen kostet 8 Euro: Man, ist das irre!

Der Himmel ist wolkig und verhangen an diesem Tag, Monaco liegt unter einem grauen Schleier. Die an der Küste angelegten Wohnblocks sind hässlich. Vielleicht ist es gar nicht so toll, hier die Hälfte des Jahres seine Zeit zu verbringen. Aber vermutlich ist das so wie mit Los Angeles, über das ja immer alle Prominenten schimpfen, obwohl sie alle Häuser im Norden der Stadt haben, einfach weil sie dort unter ihresgleichen sind, weil sie sich ständig über den Weg laufen. Monaco liegt am Mittelmeer, reich und klobig, aber das war es auch schon. Marseille ist halt cooler.


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MENTON

Eine Nacht an der Cote d’Azur hatten wir am Strand geschlafen, morgens waren wir im Meer schwimmen, im Sonnenschein. Jetzt regnet es, unsere Sachen sind ein bisschen klamm. Südfrankreich ist plötzlich gar nicht mehr so verheißungsvoll.

Die Reisegruppe stockt an der Grenze zu Italien in Menton. Wo soll es jetzt hingehen? Wie fahren wir weiter? Es ist schwül, die Stimmung ist geladen, alles stockt. Es gibt einen handfesten Streit. Das Verfahrene der Situation wird aufgebrochen durch die spontane Entscheidung, einfach einen Nachtzug nach Italien zu nehmen.


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ROM

Rom ist für den jungen, bisher weitgehend unbereisten Interrailer ähnlich wie Paris: eine Stadt als einzige Überforderung. 2500 Jahre Geschichte: die Kaiserzeit, die Katholische Kirche, das Heilige Römische Reich. Eine Stadt wie ein Museum. Wir bringen kaum Fachwissen mit über die Bauwerke, die Kulturschätze, die Kunstwerke der Stadt. Wir laufen durch die Straßen und unsere Augen sehen nur Oberfläche. Überall sind Zeichen, die wir nicht lesen können. So kommen wir hier nicht weiter. Aber für uns geht es in Rom auch um etwas Anderes.

Am Abend lernen wir an der Spanischen Treppe eine Gruppe junger, amerikanischer Juden kennen, mit denen wir uns ganz ordentlich betrinken. Die Mädchen sehen verdammt gut aus. Man gibt sich Biere aus, redet erst Smalltalk und später alkoholgeschwängert über den Sinn des Lebens, man tauscht Emailadressen.

Auf dem Rückweg jugendlicher Übermut: Wir rennen durch die Gassen zum Hostel, wir reißen Pflanzen aus Blumenkübeln, wir stacheln uns gegenseitig an, wir benehmen uns, ehrlich gesagt, ganz schön asozial. Das liegt daran, dass wir das Gefühl haben, die Stadt erobert zu haben, hier genau richtig zu sein, weil wir diese schönen, freundlichen Amerikaner getroffen haben, mit denen der Abend so lustig und ausgelassen war. The world can be your friend in one night.


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VENEDIG

Italien, die andere Seite des Stiefels. In Venedig ist das Museumhafte des Stadtbilds so überdeutlich wie kaum in einer anderen europäischen Metropole. Wir können Venedig unmöglich auslassen. Das ist schon wieder lustig: Wir wissen ja erneut rein gar nichts über die Stadt, außer dass sie berühmt ist. Niemand von uns hat während der langen Zugfahrten überhaupt einen Reiseführer gelesen, um zu wissen, vor welcher Sehenswürdigkeit man sich jetzt genau fotografieren lassen muss. Es läuft also wieder auf das Flanieren hinaus: einfach mal Venedig auf sich wirken lassen.

Wir gehen zum Markusplatz, wir suchen ein halbwegs preiswertes Restaurant, wir versuchen uns in den engen Straßen nicht zu verlieren. Venedig ist anstrengend. Aber es ist natürlich auch ziemlich schön. Man hat das ja alles schon im Kopf und prüft das bloß noch einmal: die Brücken, die Gondeln, die Wasserwege. Das Wetter ist leider blendend, und deshalb ist es in den Gassen brechend voll. Manchmal hat man das Gefühl, in einem Freizeitpark unterwegs zu sein. Abends wird es ruhiger, die Touristen sind müde.

Man müsste vielleicht noch einmal wiederkommen, wenn es neblig und nass ist, und dann müsste man fünf Tage gedankenversunken durch die Gassen laufen, ohne von dem unerträglichen Kommerz der Marke Venedig behelligt zu werden.


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TOSKANA

Toskana. Das ist schon wieder ein Wort, bei dem ganz viel mitschwingt. Italienischer Lebensstil, gelbe Felder, alte Burgen, guter Wein. Wir legen uns unweit einer Stadt, deren Namen wir allesamt bis heute nicht erinnern, auf ein Feld und schlafen unter dem Sternenhimmel, nicht mal die Zelte bauen wir auf. Wir sind auf Durchreise, langsam geht es Richtung Heimat, also müssen wir in dieser Nacht und am nächsten Morgen einmal konzentriert den Toskana-Moment aufschnappen. Wir schlafen also unter freiem Himmel und am nächsten Tag wandern wir zu einer kleinen Festung auf einem Hügel. Blick über die Hänge und dörren Felder: Das ist die Toskana. Na gut. Im Rückblick, muss man sagen, wäre es vielleicht schön gewesen, in Florenz gehalten zu haben.


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GAP

Gap ist eine ungeplante Station unserer Reise. Wir erreichen die Stadt in den französischen Alpen am späten Abend, es regnet, es ist frisch, und weil am kommenden Tag die Tour de France in der Stadt gastiert, gibt es beim besten Willen kein freies Zimmer mehr für uns. Es gibt außerdem nirgendwo einen guten Park zum Übernachten.

Wir marschieren ohne Plan durch leere Straßen: Wohnhäuser, eine Tankstelle, irgendwann Gewerbegebiet. Wir legen uns nieder zum Schlafen auf der steinernen Laderampe eines Anbieters von Gaskatuschen, die jedenfalls stehen vor der Halle in den Regalen. Es wird eine Nacht auf kaltem Beton.

Am nächsten Tag finden wir für den Abend einen Campingplatz, die Sonne scheint. Wir haben den ganzen Tag Zeit, wir steigen von Gap auf einen mittelhohen, aber doch schon alpin-kargen Berg. Weite Aussicht über das Land. Zum ersten Mal sind wir richtig in der Natur, das ist schön, davon verstehen wir etwas, vom In-der-Natur-Sein. In drei Tagen werden wir wieder in Deutschland sein.


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Was bleibt von einer Interrail-Tour? Die Kulturhauptstädte Europas können wir nur als Abstraktion der Wirklichkeit wahrnehmen. Kleine Jungs in großen Städten, Dynamik und Charakter der Metropolen bleiben uns verschlossen. Wir sehen immer nur Ahnungen und Andeutungen von Lebenswegen, die wir noch nicht kennen. Eine schöne Frau auf der Straße, zwei Männer mit Schals und Halbschuhen im Café, Balkonfrühstücke, Zigaretten und Wein, Kunst, Bohème, Lebensart.

Andersherum ist es wichtig, sich diese Oberfläche mal anzuschauen, um sie dann später einmal, wer weiß, selbst zu erleben und zu entzaubern.

Man lernt auf Interrail natürlich auch, sich ein bisschen zu organisieren, in der Gruppe Probleme zu lösen, solche Geschichten. Aber das ist nur das Beiwerk.

Es ist für viele der erste Schritt in die große Welt, die heute viel kleiner erscheint, nicht nur, weil man älter geworden ist. Heute ist alles gleich ultrapräsent, wenn man 40 Euro für einen Flug bezahlt. Die Umwege verschwinden. Niemand braucht mehr ein Interrail-Ticket, aber das Reisen ist genauso wichtig wie früher. Es geht dabei nur am Rande um Sehenswürdigkeiten – sondern um ein Gefühl für die Welt und das Leben.



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Auf einer Berghütte in den Ortler Alpen braucht man kein Internet. Doch das Smartphone ist auf Reisen zum ständigen Begleiter geworden. Das ist fatal. Wir verlernen eine Fähigkeit, die das Leben erst sinnvoll macht.

Vor einigen Jahren, also ungefähr mit 19, hatte ich plötzlich das Verlangen, wieder in die Berge zu fahren – so wie früher als Kind. Ich fragte zwei Freunde, die noch nie 1000 Höhenmeter an einem Tag irgendwo hinaufgestiegen waren, und sie fanden die Idee sofort ziemlich stark. Seit diesem Sommer vor einigen Jahren also fuhren wir jedes Jahr in die Berge, jedes Mal in leicht wechselnder Besetzung.

Eigentlich ist ein Urlaub in den Bergen, so wie wir ihn angingen, eine ausgesprochen einfache Unternehmung: Man läuft den ganzen Tag von einer Hütte zur nächsten, rastet und trinkt zwischendurch, abends geht man um 21 Uhr schlafen, und morgens ist man um 6 Uhr wieder auf den Beinen. Auf den Pfaden und Steigen im Hochgebirge lenkt nichts den Geist ab, das Ganze hat etwas Meditatives, was meiner Ansicht nach wenig mit dem neumodischen Meditieren der Großstädter in ihren stilsicher eingerichteten Altbauwohnungen zu tun hat.

Ich habe die Abende auf den Berghütten immer als etwas unglaublich Erfüllendes erlebt. Wir sind den ganzen Tag marschiert, oft fegte uns stundenlang Regen ins Gesicht. Aber abends saßen wir in einem vom offenen Feuer gewärmten Gastraum, aßen Schnitzel, tranken Radler, und der Kopf glühte im warmen Dämmerlicht der Stube. Man fühlte sich auf eine höchst erholsame Art vollkommen erschöpft. Dann kam der Sommer in den Ortler Alpen.


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Auch in diesem Jahr in Südtirol saßen wir nach einem langen Wandertag abends auf der Hütte an einem rustikalen Holztisch in der Runde und bestellten Essen und Radler und manchmal auch einen Obstler. Doch etwas war anders. Aufgrund eines besonderen Angebots der Telekom war es möglich, in einem EU-Land seiner Wahl kostenlos im Internet zu surfen.

Wir saßen also beisammen, und der eine schrieb mit seiner Freundin bei Whatsapp, der andere verfolgte den Bundesliga-Liveticker, und der dritte überflog alle fünf Minuten die Facebook-Timeline. Die Smartphones, die meist auf dem Tisch lagen, wirkten wie Gravitationspunkte, denen sich die Hände immer wieder näherten. Sie zogen die Aufmerksamkeit der Anwesenden unterschwellig auf sich wie eine Droge, von der man nicht die Finger lassen kann.

Aus heutiger Sicht scheint es mir, als hätten wir an diesen Abenden auf den Hütten nicht wirklich miteinander gesprochen im Sinne von: etwas ausgetauscht. Man sagt etwas, der anderen nimmt es auf, denkt nach, kommt zu einem Gedanken und gibt diesen zurück – und daraus entsteht diese dichte, bedeutende Stimmung, die in dem ganz bestimmten Moment etwas zwischen Menschen verändert. Unsere Abende aber blieben statisch.

Einmal spielten wir Mensch ärgere dich nicht. In dieser Stunde, in der wir unsere volle Aufmerksamkeit dem unvorhersehbaren Reiz des Würfelspiels widmeten, verfielen wir in Begeisterung. Die Temperatur am Tisch stieg. Doch schon nach kurzer Zeit kehrten wir zurück zu unseren kurzsilbigen Gesprächen, und die Aufmerksamkeit ging weg vom Tisch in einen Raum, der woanders lag als in der heimeligen Schankstube der Hütte.


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Mit einem gewissen Bedauern blickte ich, der noch eine Woche in den Bergen blieb, auf die vergangene Woche in unserer alten Wandergruppe zurück. Irgendetwas hatte gefehlt, ich spürte eine dumpfe Ernüchterung und gleichzeitig eine anhaltende Sehnsucht nach Momenten, die nicht eingetreten waren und deren Chance auf baldige Wiederholung in unbestimmbarer Ferne lag.

Als ich mich am Ende meiner Reise von Sulden auf den Heimweg machte, die Nachmittagssonne satt ins Tal schien und ich grundlos bester Stimmung war (noch am Morgen hatte ich auf dem Gipfel des Ortler gestanden), fiel mir ein Text in die Hände, der die Gedanken ausformulierte, die ich nur vage im Kopf hatte.


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Christoph Scheuermann schrieb im SPIEGEL folgende Sätze:

»Allmählich begann sich etwas zwischen mir und meinen Freunden zu verschieben. Wir wurden ungeduldiger, unkonzentrierter miteinander, wenn wir uns sahen, vielleicht in der Befürchtung, etwas zu verpassen, was parallel im Internet passiert. Wir stellten einander weniger Fragen, denn unsere Leben synchronisierten sich ja online. Noch ein Effizienzgewinn. Ich frage mich, was wir mit der gesparten Zeit gemacht haben. Unsere Sprache wurde kurzatmiger, wir rutschten in Superlative ab – irre, krass, Wahnsinn, geil. Die Zwischentöne aber, die Selbstironie, die Zweifel, diese schöne, alberne Melancholie nach drei, vier Stunden Plaudern, all das, auf dem Vertrauen wächst und später vielleicht Freundschaft, wurde seltener.«

Ich glaube nicht, dass sich der Wert unserer Freundschaft durch die Reise negativ verändert hat. Freundschaft heißt, dass man, auch wenn man sich ein halbes Jahr nicht gesehen hat, so offen und unverstellt miteinander reden kann, als wäre kein Tag vergangen. Ohne auf die eigene Rolle zu achten, auf das Bild, das man sich über die Jahre von sich selbst gemacht hat. Unsere Reise in die Berge war gemessen an diesem Ideal mit Sicherheit kein Ausfall nach unten – aber was, wenn es immer so bliebe?

Heute zweifle ich manchmal, ob die Leute meine Bedenken zu Smartphones überhaupt nachvollziehen können. Und es wurde schon so viel über die Auswirkungen des Internets gesagt, dass man es nicht mehr hören kann (und dazu wird eine ganze Menge Schwachsinn gesagt, was es nicht gerade leichter macht). Aber mittlerweile glaube ich, dass uns etwas abhanden kommt: die volle Präsenz in der physischen Gegenwart, eine urmenschliche Fähigkeit und Notwendigkeit auf dem Weg zu einer erfüllten Existenz.

Die immer nur kurzfristige, geteilte und flüchtige Aufmerksamkeit der mobilen Internetnutzung zerstört die Fähigkeit, einen Moment im Leben voll und ganz wahrzunehmen. Sie zerstört damit auch die Fähigkeit, überhaupt Erinnerungen zu produzieren und, ganz allgemein, bewusst zu leben. Die Vergangenheit wird so zu einem vagen Dunst. Man erkennt im Rückblick nicht mehr klar, was man überhaupt erlebt hat.

Erstaunlicherweise glauben die Menschen, dass sie mit ihrem Smartphone ganz viele Erinnerungen einfangen und teilen – das Gegenteil ist der Fall.

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In den Tiefen des Kongobeckens, im tropischen immerfeuchten Regenwald Zentralafrikas, im Lobéké-Nationalpark in Kamerun, dort liegt das Herz des Waldes. Es birgt ein mächtiges Geheimnis.

Die Erde strahlte. Immer wenn die schiefergrauen Wolken die Sonne freilegten, strahlte die Erde intensiv rotbraun, so wie sie das meiner Erfahrung nach nur in Afrika tut. Motorroller, ramponierte Autos und die schweren Trucks der Holzfirmen rumpelten über die Erde, die hier gleichzeitig die Straße war. Die meisten Wege in Yokadouma sind nicht asphaltiert.

Die Provinzstadt im Osten Kameruns mit ihren modrigen Häusern und zusammengeflickten Baracken war unser letzter längerer Halt, bevor es endgültig in die Wildnis der immerfeuchten Tropen ging, nach Süden ins Niemandsland zwischen Kamerun, Demokratischer Republik Kongo und Zentralafrikanischer Republik. Kaum eine Region liegt der Zivilisation ferner. Darin lag die Verheißung.

In Yokadouma waren noch einige Besorgungen zu machen, Dinge abzusprechen, Sachen zu organisieren. Wir brauchten genug Verpflegung, Fahrer und Helfer, und sicher musste auch noch über die eine oder andere Absprache verhandelt werden, die bislang mehr den Status einer vagen Absichtserklärung gehabt hatte.

Was war das eigentlich für ein irrer Plan, den wir gemacht hatten für diese Reise? Wir wollten in den südlichsten Zipfel Kameruns, in den Regenwald des Lobéké-Nationalparks, um Waldelefanten und Flachlandgorillas zu sehen, und wir wollten sogar hinüber in die Zentralafrikanische Republik, ins Dzanga-Sangha-Reservat, wo die Tierbeobachtungen noch spektakulärer sein sollten.

Hunderte Elefanten kommen in dem Schutzgebiet auf weiten Lichtungen zusammen, um spezielle Mineralien aus dem Boden zu saugen, ein Arche-Noah-haftes Naturschauspiel an einem der entlegensten Orte des afrikanischen Kontinents. Es gab aber ein Problem: In der Zentralafrikanischen Republik herrschte Bürgerkrieg. Wir wussten das, gingen aber grundlos davon aus, dass ein Besuch jenseits der Grenze dennoch möglich sein würde.

Man konnte sich schon in Yokadouma die Frage stellen, welche Erfolgsaussichten für dieses Unterfangen bestanden. Allerdings, wir hatten eine Einladung der Sangha-Lodge in Bayanga, die unseren Besuch erwartete. Die Visa für die Zentralafrikanische Republik waren noch kurz vor der Reise über Brüssel beschafft worden, sie zierten nun tatsächlich unsere Pässe. Das Projekt war sozusagen abgesegnet, aber man fragte sich, welcher Beamte dieses zerfallenen Staates die Befugnisgewalt ausübte, während das Land sich in Kämpfen zwischen den islamischen Séléka-Rebellen und christlichen Anti-Balaka-Milizen aufrieb.

Noch bizarrer war der Anlass unserer Reise: Das Fremdenverkehrsamt wollte uns Journalisten und Reiseveranstaltern das touristische Potential Kameruns unten im Regenwald von Lobéké vorführen. Kein europäischer Tourist würde je dorthin fahren, solang es für das Grenzgebiet eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gab. Doch das Programm der Reise war nicht geändert worden.


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Ab Yokadouma führte die Straße nach Süden bis zur Grenze zum Kongo. Sie hatte natürlich keinen Asphalt und durchschnitt den tropischen Regenwald über eine Distanz von mehreren hundert Kilometern. An der Straße lagen vereinzelt Dörfer von Pygmäen, wobei der Begriff schwierig ist.

Feststeht, dass diese Menschen kleingewachsener sind als die Bantu-Völker der Region und den Wald so gut kennen, wie kaum jemand sonst. Diese Menschen schauten unseren Autos scheinbar hochkonzentriert, aber irgendwie auch komplett apathisch hinterher. Wir waren, wie immer, viel zu spät losgekommen, aber was war das für eine Herangehensweise? Zu spät für was? Hier zeigte sich wieder einmal das grundlegend andere Verständnis von der Zeit, das in Afrika herrscht. Dinge passieren nicht zu einer vorher abgesprochenen Uhrzeit, sondern dann, wenn alle nötigen Bedingungen sich eingestellt haben, wann immer das sein mag.

Wir mussten ziemlich merkwürdig aussehen, wie wir angestrengt in unseren Autos nach Süden fuhren, mehr noch rutschten. Wer waren wir? Die rasenden Reporter? Was gab es dort unten im tiefsten Regenwald so Wichtiges zu tun, dass man es derart eilig haben konnte? Allein das Wort Zeitplan war ein hohler Begriff in diesem Teil der Welt, eine abstrakte Hülle. Als könnte man die Zeit in ein mathematisches Raster fügen.

Hier im äußersten Südosten Kameruns gab es auch keine touristische Infrastruktur mehr. Es gab, genau genommen, überhaupt keine Infrastruktur. Unser Fahrer versuchte, auf der durch steten Regen aufgeweichten Piste möglichst ohne einen Unfall voranzukommen. Wenn die Hinterachse auf der feuchten Erde bedenklich zur Seite ausschlug, ging ein Raunen durch das Fahrzeug. Aber der Mann fuhr die Strecke letztlich doch vollkommen routiniert. Für ihn war die Beschaffenheit der Straße der Normalzustand, also musste man dazu auch nichts sagen.

Es war erstaunlich, wie ungelenke Lastwagen mit meterdicken Baumstämmen überhaupt über diese Straße bewegt werden konnten. Einmal sahen wir einen Laster, der im Straßengraben auf der Seite lag. Wer würde je kommen, um ihn abzuschleppen? Eher doch würden die Gezeiten das Fahrzeug im Lauf der Jahre zersetzen wie Ameisen einen Kadaver.


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Die Lastwagen mit den aufgeladenen Tropenhölzern riefen in mir eine traurige Verstimmung hervor, nicht allein wegen ihrer Lautstärke und groben, aufdringlichen Mechanik. Sie zeigten, dass selbst die entlegensten Orte der Welt und ihre unberührten Naturschätze nicht vor dem Zugriff einer profitorientierten Verwertungsökonomie geschützt waren. Die Holzfirmen schlugen Schneisen durch die Vegetation, um die besten und edelsten Stämme herauszuholen. Sie beuteten den Wald aus, weil er sich, in seiner kaum durchdringlichen und menschenfeindlichen Wildheit, nicht nachhaltig bewirtschaften lässt. Irgendwo saßen die Auftraggeber dieses Raubbaus in feinen Anzügen und tranken Cognac, die Hintermänner, die das große Geld einstrichen und dafür verantwortlich waren, dass sich ein mittelloser Fernfahrer für ein paar Zentralafrikanische Francs durch die Erde wühlte.

In einem Dorf, dessen Name nirgendwo stand, ging ein heftiger Tropenregen nieder. Wir machten Pause vor dem Bretterverschlag einer Frau, die uns irgendetwas in Fett Gebackenes servierte, eine Art Krapfen, der leicht süßlich schmeckte. Es war die einzige Mahlzeit zwischen Frühstück und Abendessen.


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Wir erreichten das Dorf Goumela. Hier bog die Straße nach Osten zur Grenze Richtung Zentralafrika ab. Wir fuhren weiter zum Eingang des Lobéké-Nationalparks. Dort residierte der administrative Chef, Romuald Guedoguena Botondono, in einem einstöckigen, von Feuchtigkeit zersetzten Haus. Er war die lokale Autorität, mit der wir über das erste große Problem verhandeln mussten.

Einer unserer Fahrer war nicht angekommen. Ausgerechnet er besaß die Zelte. Offenbar hatte ihn noch die örtliche Polizei in Yokadouma festgesetzt, weil er betrunken gefahren war, aber genau ließen sich die Umstände seines Verschwindens nicht ermitteln. In jedem Fall hatten wir nun keine Zelte mehr. Weil es in einem Umkreis von ein paar hundert Kilometern keine Hotels oder Gasthäuser gab, waren wir ziemlich aufgeschmissen.

Die einzige Unterkunft nahe Goumela war ein verlassenes Camp des World Wide Fund (WWF). Die Organisation hatte sich jahrelang und schließlich mit Erfolg darum bemüht, aus Lobéké und den Regenwaldgebieten jenseits der Grenzen ein trinationales Schutzgebiet zu machen. Wir mussten Herrn Botondono erst einiges an Respekt und Unterwürfigkeit entgegenbringen, bevor er uns die Erlaubnis erteilte, in dem WWF-Camp zu nächtigen.

Es gab dort kein fließendes Wasser, aber wir brachten einen Generator zum Laufen, sodass wir zumindest auf der Gemeinschaftsterrasse Licht für das Abendessen hatten. Schlafen konnten wir in gemauerten Hütten mit jeweils zwei Betten und Moskitonetzen. Mücken drehten Kreise im Licht. Ich dachte an das Herz der Finsternis von Joseph Conrad und unter welchen Bedingungen man hier im Tropenwald dem Wahnsinn verfallen konnte (womöglich geschwächt von verschiedenen Fiebern und Infektionskrankheiten).


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Der nächste Tag begann wie überall in den Tropen um sechs Uhr morgens. Nebel lag über dem Wald, die Sonne dahinter tauchte alles in ein milchiges, weißes Licht. Der Wald erwachte mit solch einer orchestralen Vielstimmigkeit, dass man nur zuversichtlich in den Tag starten konnte. Aber so ging es nicht allen.

Eine Frau aus unserer Gruppe verlor die Nerven, noch bevor es etwas zu frühstücken gab. Sie weigerte sich, auch nur zur Grenze der Zentralafrikanischen Republik aufzubrechen, eine Fahrt von zwei bis drei Stunden. Vollkommen verrückt sei das, sagte sie. Sogar das Auswärtige Amt warne vor Reisen ins Grenzgebiet. Es habe doch Berichte von Rebellenübergriffen auf kamerunisches Territorium gegeben (von denen auch wir anderen wussten, allerdings war nie klar, wo genau entlang der hunderte Kilometer langen Grenze es zu Vorfällen gekommen war und mit welchem Ausgang). Nichtsdestotrotz, wer könne in der Gottverlassenheit dieser Gegend schon für irgendwas garantieren, geschweige denn für unsere Sicherheit? Sie wollte jetzt, auf der Stelle, zurück nach Yokadouma.

Gegen Panik sind Argumente wirkungslos. So blieb unserer Reiseleiterin, einer resoluten Kamerunerin, keine andere Wahl, als Fahrer und Wagen abzustellen, um die Frau wieder nach Norden zu bringen, acht Stunden.

Unser Zureden hatte ihre Angst nicht gelindert, sondern eher noch den Eindruck verstärkt, dass es sich bei dieser Reise um ein Himmelfahrtskommando handelte, in dessen Verlauf der gesunde Menschenverstand aller Beteiligter in der heißen Tropenluft allmählich verdampfte.

Ich persönlich vertraute den Einschätzungen der lokalen Bevölkerung und Würdenträger, so wie überall auf der Welt. Und die besagten: Solange wir in Kamerun waren, gab es keinen Grund zur Sorge. Alles Weitere mussten wir an der Grenze zu Zentralafrika sehen. Trotzdem drängte sich erneut die Frage auf, warum wir überhaupt an diesen Ort gekommen waren. Auch wenn wir ihn für sicher hielten: Auf absehbare Zeit würden keine Touristen herkommen. Ich konnte also keine Reisegeschichte schreiben, die Abdruckchancen hatte. Und die Reiseveranstalter konnten keine Rundreisen in diesem Teil Kameruns anbieten. Doch der tropische Regenwald des Kongobeckens löste eine Anziehungskraft aus, die all diese Abwägungen in den Hintergrund rücken ließ.

Wir betraten einen einzigartigen Teil der Welt: Der tropische Primärwald Afrikas türmt sich auf wie mehrstöckige Häuser, immergrün und undurchdringlich, auf einer Fläche, die so groß ist wie ganz Mitteleuropa, durchsetzt nur von Flüssen, an denen einfache Dörfer liegen, abgeschieden von allem, das uns das Gefühl gibt, in der Welt zu sein.

Dieser Wald beflügelt die Phantasie: Liegt dort vielleicht der Schlüssel zu einem ontologischen Verständnis der Dinge verborgen, den wir einfach noch nicht gefunden haben? Wie alt ist dieser Wald? Viele tausend Jahre. Er existierte lange vor dem Menschen und er wird lange nach ihm existieren. Buchstäblich klein ist man zwischen den Baumstämmen, die Hybris des modernen Menschen wird dort gebrochen, unweigerlich: durch Erschöpfung, durch den Biss einer Zecke, durch ein Fieber, das nicht mehr zurückgeht.

Der tropische Regenwald sei ein Lebensraum, »der wie kein anderer missverstanden worden ist«, schreibt der Evolutionsbiologe Josef Helmut Reichholf. Dort herrscht ein Mangel an Nährstoffen, auf den die Pflanzen und Tiere mit Spezialisierung reagieren. Die große Diversität der Arten sei kein »Luxus der Natur«, sondern eine Notwendigkeit des Überlebens, jede Nische des Ökosystems wird belegt. Vielfalt und Seltenheit bedingen sich. Der Regenwald als überreicher Garten Eden ist eine Illusion. Der Kreislauf des Lebens bringt keinen Überschuss hervor, deshalb leben dort nur wenige Menschen. Sie sind Fremdkörper.

In einer Zeit, in der sich die Menschen erst durch das digitale Veröffentlichen ihres Lebens über die eigene Wichtigkeit versichern, vermittelt der tropische Regenwald eine Ahnung von der Bedeutungslosigkeit der eigenen Existenz. Man begibt sich in den Wald hinein, und alle Spuren verschwinden. Das erzeugt eine Demut, die die Selbstbezüglichkeit des Lebens im Westen für eine Weile nachhaltig dämpft. Im Regenwald muss man mehr auf seine Umgebung Acht geben (Wurzeln, Insekten, Schlangen) als auf sein Gemüt, das kommt noch hinzu.


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Die Fahrt nach Libongo an der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik dauerte ungefähr zwei Stunden. Wie lang eine Wegstrecke in Kilometern ist, hat hier wenig zu sagen. Wichtiger ist, wie die Wolken stehen. Ob es regnen wird. Wie es um die Beschaffenheit der Straße bestellt ist. Anders als gestern brannte die Sonne an diesem Tag heiß: zwei Stunden also.

Libongo liegt am Kadéi-Fluss, der die Grenze zwischen Kamerun und Zentralafrika bildet. Behäbig und braun floss der Strom dahin. Wir fuhren vor bis zur Polizeistation des Dorfes. Hier war selbstverständlich niemand über unser Kommen oder Anliegen informiert, deshalb gehörte es nun zum ganz normalen Prozedere, den höchsten Autoritäten einen Besuch abzustatten, die gegenseitigen Motive abzuklären und Vertrauen zu schaffen. Praktisch hieß das, dass erst einmal eine ganze Zeit gar nichts vorankam.

Es gab eine Grenzstation und einen Beamten, der sich die Briefe der kamerunischen Behörden zeigen ließ, die wir mitführten. Ein Mann schrieb mit größter Sorgfalt unsere Personalien auf einen schmutzigen Zettel. Wir schlenderten zum Fluss. Frauen wuschen dort Kleidung, am Wegrand rostete ein Autowrack in der Sonne. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte am anderen Ufer irgendwelche Zeichen von Kämpfen oder feindlich gesinnten Rebellen auszumachen: nichts.

Wir gingen in die Taverne des Dorfes und tranken Bier, so wie wir im Prinzip schon seit Beginn der Reise überall Bier tranken, weil das Wasser wenig erfrischend war und die Limonaden viel zu süß.

Die Taverne hatte keine Wände, ein heller Ort. Ein paar Plastikstühle standen vor einer Bar. Es lief hypnotische Musik. Sogleich fingen ein paar Alte an, für uns zu tanzen. Es waren die, denen es im Dorf wohl am schlechtesten ging und die folglich am meisten darauf angewiesen waren, von uns ein Almosen zu bekommen. Einige junge Dorfbewohner beobachteten uns aus der Entfernung, skeptisch.


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Zur späten Mittagszeit, als die Sonne fast keine Schatten mehr warf, war unsere Gruppe von einer bestimmten Grundzuversicht erfüllt. Gleich würde es losgehen, die Formalien mussten bald geklärt sein. Tatsächlich trafen endlich die Abgesandten der Sangha-Lodge ein. Sie brachten allerdings schlechte Nachrichten.

Die Frau aus der Lodge legte den Brief eines Ministers hervor, der in der Zentralafrikanischen Republik für den Tourismus zuständig war (den es nicht gab). Er könne nicht für unsere Sicherheit garantieren, stand in dem Schreiben. Damit war die Reise an dieser Stelle vorerst zu Ende. Denn die Betreiber der Lodge machten uns hier an der Grenze zwar eine höfliche Aufwartung, sie würden sich aber nie über die Anweisung des Politikers hinwegsetzen.

Die leise Hoffnung hatte in dem Umstand gelegen, dass Bayanga und das Dzanga-Sangha-Reservat im südlichsten Zipfel des Landes liegen. Man konnte annehmen, dass hier nichts vom Bürgerkrieg zu spüren war. Es wäre nur ein kurzer Ausflug über die Grenze und wieder zurück geworden. Und wo saß schon der Minister?

Konnte er eine Ahnung haben, wie es in seinem Land aussah? Hatte er sich vielleicht schon längst nach Frankreich abgesetzt? Es half nichts, darüber große Erörterungen anzustellen. Waldelefanten und Gorillas konnten wir auch in Lobéké sehen. Als die Wirkung der Biere nachgelassen hatte, erwachten wir wie aus einem Tagtraum, der Plan war bei nüchterner Betrachtung ein illusorisches Hirngespinst gewesen.

Noch einmal mussten wir, verschwitzt und erschöpft allein von der Luft und der Sonne, im WWF-Camp ohne fließendes Wasser übernachten. Am nächsten Tag konnten wir in den Lobéké-Park aufbrechen: Die Zelte waren gekommen!

Der hochgewachsene Botondono, der ein betont distinguiertes Französisch sprach, das in dieser gottverlassenen Ecke der Welt eine gewisse administrative Ordnung ausstrahlte, wollte aus unserem Misserfolg an der Grenze Kapital schlagen. Kurzerhand verlangte er den doppelten Preis dessen, was zuvor für den Ausflug nach Lobéké vereinbart worden war. Botondono war hier der uneingeschränkte Chef, von seinem Wohlwollen hing das Gelingen unserer Reise ab.

Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, wie unsere Reiseleiterin ihn zum Einlenken bewegte, aber schlussendlich wurden bewaffnete Ranger, Träger, Wasser und Autos organisiert. Sie sollten uns erst auf einer Dschungelpiste so weit wie möglich in den Wald hineinfahren. Dann war ein rund zwölf Kilometer langer Fußmarsch nötig, um den Lagerplatz für die Nacht zu erreichen. Von dort war es nicht weit zu einer Aussichtsplattform an einer Lichtung, von wo aus man Tiere beobachten konnte. Das eigentliche Ziel unserer Reise.

Wir brachen auf mit vier Autos: zwei Geländewagen mit Allrad-Antrieb und zwei gewöhnliche Pkws. Die Menschen von hier kannten den Weg, auch wenn er wegen der Vegetation kaum zu erkennen war. Sie hätten wissen müssen, dass es eine Unmöglichkeit war, mit einem normalen Auto in den Wald hineinzufahren. Das war aber noch kein Grund, es nicht zu versuchen. So fuhren sich erst das eine und wenig später das andere Auto so tief im Matsch fest, dass sie keinen Meter mehr vorwärts kamen.

Acht Reisende, drei Ranger und eine gute Handvoll Träger mussten sich auf zwei Geländewagen und deren Ladeflächen verteilen. Das Terrain war so unwegsam, dass die Fahrzeuge umherschaukelten wie Boote. Es ging durch Senken, über grobe Steine, und ab und an mussten die Männer einen Stamm mit der Motorsäge zerteilen, um die Durchfahrt freizumachen. Irgendwann konnten wir nicht mehr weiterfahren. Ab hier ging es nur noch zu Fuß weiter.


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Ich hatte mir wahrscheinlich durch das schlecht durchgebratene Fleisch auf einem Markt gründlich den Magen verdorben. Ich wurde merklich schwächer. Eine Strecke von zwölf Kilometern hätte mir unter normalen Umständen kaum eine Anstrengung abverlangt, doch ich war mit Sicherheit dehydriert. Jeder Schritt wurde mühsam. Immer wieder musste ich schnell hinter einem großen Tropenbaum verschwinden, und nach jedem Mal fühlte ich mich ausgelaugter. Hinzukam der üble Geruch eines toten Bocks, der wohl von einer Python zerdrückt worden war.

Ranger Prosper Mpande schlug mit seiner Machete einen Ast vom Baum und hielt ihn sich senkrecht über den offenen Mund. Nach wenigen Sekunden lief Wasser heraus, wie aus einem Hahn, den man leicht aufdreht. Wir tranken alle etwas. Die Träger hatten ungefähr ein Drittel des Wassers am Weg zurückgelassen, weil sie mehr nicht tragen konnten (schließlich waren manche mit den Autos zurückgeblieben). Die Menge des Wassers war so berechnet worden, dass sie für zwei Nächte und drei Tage genau ausreichte. Nun fehlte ein Teil. Wir würden also Wasser aus einem Gewässer schöpfen und abkochen müssen.

Anfangs war der Waldboden noch dicht bewachsen, dafür fiel immer wieder die Sonne durch die Baumkronen. Hier mussten schon Holzfäller unterwegs gewesen sein. Überall, wo es Schneisen gab, faltete sich die Natur am Boden in größter Verworrenheit auseinander. Als nach einer guten halben Stunde der Boden lichter und dunkler wurde, erreichten wir den urzeitlichen Primärwald, der niemals von Menschenhand verändert worden war.

Nach fast drei Stunden erreichten wir das Lager. Die Träger waren vorausgelaufen und hatten schon die Zelte aufgebaut. Bis zur Dämmerung waren es noch etwa drei Stunden, deshalb machten wir uns auf den Weg zur Plattform, in der Hoffnung, noch ein paar Tiere sehen zu können. Es kostete mich viel Energie, noch einmal loszugehen, und oben auf dem Hochsitz legte ich mich auf die Planken und schlief ein. Die anderen sollten mich wecken, wenn sich etwas Bedeutendes rührte: Elefanten oder Gorillas. Aber die zeigten sich nicht. Wir sahen aber Bongos, Sitatungas, Buschböcke, diverse andere Antilopen, Waldbüffel und Adler.


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Abends zuckte das Licht des Feuers in der Dunkelheit. Ich war fast zu schwach, um mich sitzend ohne Rückenlehne aufrecht zu halten. Wir kochten ein wenig Reis mit Gemüse. Ich hatte keinen Appetit. Irgendwann kroch ich in mein Zelt, legte mich auf der Isomatte auf den Rücken, blieb in der Kleidung des Tages liegen und schlief auf der Stelle ein.

Der Morgen war sofort da, es gab keine Zwischenphase zwischen Tag und Nacht. Der Dschungelpfad zur Lichtung war überschwemmt, ich zog die Schuhe aus. Wir bezogen Stellung auf dem Hochsitz. Die Ranger mahnten uns an, leise zu sein und nicht zu rauchen. Die Waldelefanten könnten den Geruch des Qualms auf viele hundert Meter Distanz riechen. Sie fürchten sich vor Feuer und flüchten. Wir warteten.

Die Morgensonne brachte den Wald zum Dampfen. Das Gras auf der Lichtung war von einem Bachlauf durchzogen, dahinter türmte sich der Wald auf, bis zu sechzig Meter hoch. Antilopen kamen zum Trinken hervor. Unsere Anwesenheit blieb unbemerkt.


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Vor dem Waldrand entdeckten wir einen Gorilla. Er bewegte sich ungefähr zweihundert Meter von uns entfernt durchs Gras. Durch die Linsen unserer Kameras und durch das Fernglas war er präzise zu sehen, aber auch ohne Hilfsmittel zeichnete sich sein schwarzer Körper mit dem weißen Rücken deutlich ab.

Der Gorilla lief mehrere Stunden vor uns auf der Lichtung umher, vollkommen ungestört, behäbig. Immer wieder setzte er sich nieder und kaute, nur um nach einiger Zeit ein paar Meter weiterzuziehen. Er hatte keine natürlichen Feinde.

Die Ranger erzählten uns von den Elefanten. Seit dem Bürgerkrieg ließ sich jenseits der Grenze noch weniger für ihren Schutz tun als sonst, also praktisch gar nichts. Wilderer hatten vor kurzem eine ganze Herde getötet. »Nous avons pleuré quand nous avons ecouté des incidents«, sagte Prosper zu der Tragödie.


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Die Stunden des Tages zogen vorüber, wir saßen still da. Nichts passierte. Kein Elefant kam und auch kein weiterer Gorilla. Am Himmel zogen sich Wolken zusammen. Es wurde still auf der Lichtung, die Geräusche verstummten. Die Regenwand kam näher, der Horizont verrauschte. Dann fielen Tropfen auf das Wellblechdach des Hochsitzes, so als würde ein Lastwagen darauf Kieselsteine abladen.

Wir mussten uns auf den Mittelpunkt der Plattform zurückziehen, weil der aufbrausende Wind den Regen unter das Blech trieb. Wir kauerten uns zusammen. Keine halbe Stunde dauerte der Wolkenbruch, dann kündigte ein diffuses Licht über dem Wald die Sonne an. Die Bäume begannen, zu strahlen, die Wolken am Himmel verflüchtigten sich, und wieder fing alles an zu dampfen. Ein dramatisches Schauspiel. Doch immer noch keine Elefanten.


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Als wir die Hoffnung aufgegeben hatten, zischte plötzlich einer der Ranger. Alle gingen in eine geduckte Haltung, so als drohte aus unmittelbarer Nähe Gefahr. Der Ranger deutete nach vorne. Aus dem Wald am anderen Ende der Lichtung kamen Elefanten hervor, eine Kuh, ihr Baby und noch ein weiteres Tier. Plötzlich blieben die Tiere stehen. Die Kuh warf ihren Rüssel nach oben, richtete die Ohren auf und schaute exakt in unsere Richtung. Wir beobachteten das durch die Linsen und das Fernglas. Es war so, als schaute uns der Elefant direkt ins Gesicht. Dann machte die Gruppe kehrt und verschwand wieder im Wald.

Einer hatte geraucht. Das lange Warten hatte uns nachlässig gemacht. Stunden lang waren wir durch den Busch gefahren, mühsam durch den Wald marschiert. Und dann hatte einer geraucht. Wir bekamen die Tiere vielleicht eine Minute zu Gesicht. Schon waren sie wieder verschwunden hinter der grünen Wand. Wir saßen bis zum Sonnenuntergang auf der Plattform, aber es kamen keine Elefanten mehr hervor. Die Bühne blieb leer. Wir mussten aufbrechen.


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Der Blick in die Augen des Elefanten war wie die intensive Verbindung mit einer alten Welt gewesen, die eigentlich versunken ist, aber hier im Nirgendwo des unzugänglichen Kongobeckens weiter existierte. Der Regenwald hatte eines seiner Geheimnisse offengelegt, für einen kurzen Moment.

Im Lager brachten wir die zweite Nacht herum. Am nächsten Tag würden wir den zwölf Kilometer langen Pfad zurück zur Waldstraße laufen. Wir würden umherschaukeln, bis wir die rotbraune Schlammstraße erreichten. Wir würden einen Tag brauchen, um zurück nach Yokadouma zu kommen. Der Wald würde lichter werden und die Dörfer zahlreicher. Wir würden langsam aus dieser versunkenen Welt auftauchen wie aus einem Traum, dessen Konturen so wie alle Erinnerungen langsam verschwimmen, und es würden nur noch einzelne, fragmentierte Bilder im Kopf zurückblieben, während das Herz eine seltsame Wehmut verspürt.

Ich hatte vier Tage nicht geduscht, und das bei tropischer Hitze. Die Kleidung war schon nach einem Tag schmutzig gewesen, doch es kümmerte mich nicht. Der Kopf war jetzt sehr klar. Was taten die Menschen nicht alles, um sich und allen anderen zu beweisen, dass sie glücklich sein konnten? Ich fuhr zurück, als Randfigur eines großen Schauspiels, und darin lag eine stille Freude.


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Machu Picchu muss man gesehen haben, heißt es. Von den Ruinen gibt es schon eine Million Bilder. Die Inkastadt liegt abgeschieden im peruanischen Hochland und ist doch maximal zugänglich. Lohnt der Besuch?

Cusco — Machu Picchu ist ein Ort der Verheißung: eine verborgene Inka-Stadt in den peruanischen Anden, die berühmteste Sehenswürdigkeit Südamerikas, eines der neuen sieben Weltwunder. Sinnbild für die untergegangenen Kulturen dieser Welt, Sehnsuchtsort für den Entdecker im jedem Reisenden, Symbol für das Fernweh selbst. Ewiges Machu Picchu.

Der Ausblick über die Ruinenstadt in den Bergen nordöstlich von Cusco ist weltberühmt, es gibt kaum einen, der ihn nicht irgendwo schon einmal gesehen hat. Man wird nie ermitteln können, wie viele Millionen Fotos bisher diese eine Perspektive eingefangen haben: den Blick vom Haus des Wächters über die Stadt bis zum Huanya Picchu. Auf Youtube kann man sich eine ganze Menge Videos von Machu Picchu anschauen. Es ist ein Bild, das sich ins kollektive Gedächtnis der Welt eingeprägt hat.


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Die große Frage lautet: Muss man sich Machu Picchu überhaupt »in echt« angucken?

Im Vorwort zu 1000 Places to See Before You Die steht das angeblich asiatische Sprichwort: »Es ist besser, etwas einmal selbst zu sehen als tausendmal davon zu hören.« Das ist eine streitbare These, und ihr Wahrheitsgehalt hängt sicherlich davon ab, um welches Objekt der Begierde es sich handelt. Nun also Machu Picchu, die Mega-Sehenswürdigkeit.

Auch andere Reisende diskutieren im Internet : Peru mit oder ohne Machu Picchu? Offensichtlich sind wir nicht die einzigen Südamerika-Neulinge, die sich gefragt haben, ob es überhaupt noch nötig ist, sich die Ruinen mit eigenen Augen anzuschauen, wo man sie doch scheinbar schon eine Million Mal gesehen hat. Die Suche nach der Antwort berührt eine grundsätzliche Frage unserer Zeit: Welchen Wert hat die unmittelbare Welterfahrung, wenn jeder Ort prinzipiell schon von überall aus für jeden zugänglich ist?

Ein weiterer Grund zur Sorge: Natürlich geht es bei jedem allzu bekannten Ausflugsziel furchtbar kommerziell zu. Das Gelände ist weitgehend unzugänglich, der Zugang strikt geregelt, die Tickets ziemlich teuer, und Busladungen von trägen Bauchspeck-Touristen lassen sich jeden Tag bis zu den Eingangstoren fahren und müssen dann nur noch, prustend und schwitzend, die letzten Meter bis zur berühmten Aussichtsstelle selbst laufen. Es ist also komplett überfüllt. Jeder macht die obligatorischen Fotos.

Es ist ein schwieriges Unterfangen geworden, einen Ausflug nach Machu Picchu selbstständig zu organisieren, weil zum Beispiel die günstigen Tickets für den Zug nach Aguas Caliente begrenzt sind und oft im Vorhinein von den Tour-Anbietern restlos aufgekauft werden. Machu Picchu ist Perus große Tourismusmaschine, etwa 90 Prozent aller Fremdenverkehrseinnahmen des Landes entfallen allein auf diese Sehenswürdigkeit. Ein Besuch ist in diesem Licht ein reichlich abstoßendes Szenario, da will man erst einmal überhaupt nicht mitmachen, bei diesem Ausverkauf, auch wenn alle Welt dahin pilgert, na von mir aus bitte. Andererseits: Machu Picchu.


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Die Abwägung in dieser Sache dreht sich vor allem um die Frage, ob man das Auslassen der durchaus kostspieligen Attraktion nicht bis an sein Lebensende bereuen würde. Verwandte werden ungläubig fragen: »Wie, du warst in Peru, aber hast nicht Machu Picchu gesehen?« Es fällt leicht, den Big Ben, das Kolosseum oder den Eiffelturm zu ignorieren, denn London, Rom und Paris liegen heutzutage quasi um die Ecke. Ein Flug nach Südamerika ist immer noch einigermaßen teuer, und in Cusco, dem Ausgangspunkt für eine Tour nach Machu Picchu, ist der Reisende üblicherweise nur einmal im Leben. Also wird er am Ende natürlich doch Machu Picchu besuchen.

Als wir nach Ausflügen zum Colca Canyon, zum Titicacasee und auf den frostigen Gipfel des Chachani in der bedeutendsten historischen Stadt Südamerikas eintreffen, buchen wir in unserem Hostel gleich für den kommenden Tag für 180 US-Dollar pro Person einen zweitägigen Ausflug nach Machu Picchu.

Die große Frage des Reisenden: Wie wird es nun sein, die Ruinen selbst zu sehen, über die verfallene Stadt zu schauen, das weltbekannte Abziehbild mit der eigenen, wahrgenommen Wirklichkeit abzugleichen? Wird das jede Huldigung wert sein? Alles nur irgendwie ganz nett? Oder eine Enttäuschung?

Wer sich in Cusco aufhält, findet genug Gelegenheiten, eine organisierte Tour zu buchen. Üblicherweise fährt ein Bus die Touristen bis nach Ollantaytambo, in der Stadt besteigt man die alte, nostalgisch erscheinende Prachteisenbahn bis nach Aguas Caliente, und von dort fahren am nächsten Morgen Shuttlebusse durch den Bergnebelwald bis direkt hinauf zur Ruinenanlage. Von Aguas Caliente aus, so haben wir gehört, kann man aber auch bequem laufen: immerhin etwas Eigenleistung.


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Es ist für Kurzentschlossene wirklich kaum noch möglich, sich alle Bausteine für die Tour nach Machu Picchu kurzfristig selbst zu organisieren. Wir vertrauen also auf unser Komplettpaket, das noch eine einstündige Führung durch die Ruinen enthält, damit wir eben nicht nur wie blöd Fotos von Machu Picchu schießen, sondern auch etwas über die Geschichte dieses Ortes erfahren.

Auf der Fahrt nach Ollantaytambo sieht man durch das Busfenster die schneebedeckten Berge der Cordillera Vilcabamba. Die Straße ist kurvig, es geht Hänge hinauf und Täler hinab, irgendwann erreicht man die Stadt. Dort kann man in einem Restaurant gemütlich einen café con leche und einen Papaya-Saft trinken, um danach ausgeruht zum kleinen Bahnhof herüberzuschlendern.

Die Fahrt mit dem Zug ist dann so eine Pseudoattraktion, alles ist auf alt und teuer und herrschaftlich gemacht, dient aber von der Aufmachung her wohl nur dazu, allen Touristen, die das Urubamba-Tal gleichsam eines Nadelöhrs irgendwie passieren müssen, ein wenig Dollars aus der Tasche zu ziehen. Die Eisenbahn folgt immer dem Fluss.


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Aguas Caliente liegt eingezwängt zwischen bewaldeten, oft vernebelten Berghängen. Die Luft ist feucht. Hier übernachten die meisten Touristen, die Machu Picchu sehen wollen, einmal, was gleichzeitig Segen und Verhängnis von Aguas Caliente ist: Das Geld spaziert hier durch die Straßen, die Peruaner müssen es nur noch einsammeln.

Der Weg vom Bahnhof in den Ort ist nicht weit und führt natürlich gleich über einen großen Markt. Menschen schieben sich zwischen den Ständen entlang, es dauert alles wahnsinnig lange. Die Hauptstraße von Aguas Caliente führt steil bergan. Ein Restaurant reiht sich hier an das nächste, in den oberen Stockwerken gibt es Gästezimmer. Kellner winken die Touristen herein, sprechen die Leute an, machen Scherze. »Hello my friend«, »Take a look at the menu«, »Please come in«.

Wer in einem Restaurant ein Sandwich mit chorizo für 15 Soles bestellt, bekommt manchmal nur ein aufgetautes Burgerbrötchen mit zwei Scheiben Presswurst ohne Salat und Soßen. Wir stellen fest: Aguas Caliente ist eine Zumutung.


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Abends im Hotel packen wir für den kommenden Morgen. Die Frage: Lohnt sich Machu Picchu oder ist das nicht eigentlich die totale Abzocke?

Wir beschließen, mindestens eine Stunde vor Sonnenaufgang zu Fuß aufzubrechen, um so wie früh wie möglich am Eingang des Parks zu sein, am besten noch vor der ersten Busladung fußfauler Komforttouristen.Die Laternen beleuchten die Straße entlang des Rio Urubamba nur spärlich, es regnet kräftig. Irgendwann kreuzt der Weg den Fluss, ein Mann in Uniform taucht aus der Dunkelheit auf, um hier, an diesem checkpoint, unsere Tickets zu kontrollieren. Wir steigen durch den feuchten Wald in Serpentinen den matschigen Pfad zu den Ruinen hinauf.

Machu Picchu liegt auf 2300 Metern im Gebirge, die Wälder sind in Wolken gehüllt, bald bricht der Tag herein. Um kurz vor 6 Uhr morgens betreten wir das Parkgelände, nur ein paar kleine Gruppen sind schon mit uns hier. Es regnet noch immer, die dichten Wolken nehmen jede Sicht. Der Tag dämmert, aber das merkt man kaum.

Wir können uns trotz Wegweisern und gepflasterten Pfaden kaum auf dem Gelände orientieren. »Wir müssen zum Haus des Wächters, da ist die Aussicht am besten«, sagt mein Reisebegleiter. Also gehen wir zum Haus des Wächters. Wir sehen: nichts. Die Hütte bietet immerhin Platz zum Unterstellen. Wir sind durchgeschwitzt vom Aufstieg durch den Wald, wir frieren.

Dann passiert es: Der Wind reißt kleine Löcher in den Nebel, durch die wir die ersten Fetzen der eigentlichen Kernstadt erkennen können. Minuten vergehen, das Bild wird klarer. Es ist so, als nehme jemand langsam Teile aus einem schiefergrauen Puzzle heraus, unter dem das eigentliche bunte Bild verborgen liegt. Die Wolken geben den Blick frei auf die morgendliche, immer noch im Dunst liegende Inkastadt Machu Picchu. Der berühmte Huanya Picchu, der weltbekannte Hügel, thront über der Stadt.

Machu Picchu: Wir sehen es mit eigenen Augen.



Weil noch kaum andere Leute unterwegs sind, fühlt es sich so an, als seien wir selbst für einen kleinen Moment Hiram Bingham, der die Stadt 1911 als erster Weißer auf einer Forschungsreise offiziell entdeckte, nachdem sie bereits vergeblich von den spanischen conquistadores gesucht worden war. Es existierten zu dieser Zeit aber bereits Landkarten anderer Europäer, in denen die exakte Lage der Stadt eingezeichnet war.

Schwer zu sagen, ob sich der Ausblick so anfühlt, wie wir erwartet haben, aber wir sind auf jeden Fall ziemlich erschlagen. Bei Nebel, sagen manche, sei Machu Picchu am schönsten. Abgleich mit der Vorstellung, die man von diesem Ort hatte: Der Zugang erfolgt quasi »von rechts« des weltberühmten Bildes. Ich habe immer geglaubt, man steige »von links« in die Szenerie hinein, obwohl es dafür natürlich keinen vernünftigen Beleg gab, es war einfach das Bild in meinem Kopf.

Das Licht ist immer noch dämmrig. In den ersten Minuten können die Augen kaum den Blick von den Ruinen abwenden. Für diesen kurzen Augenblick bekommt der Reisende hier am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, tatsächlich das Gefühl, die Stadt gerade entdeckt zu haben. Als sei er einfach durch den Dschungel spaziert, das Ziel unbekannt, und plötzlich: Machu Picchu.





Sobald die ersten geführten Reisegruppen auf das Gelände laufen, ist es mit diesem Eindruck aber vorbei. Das allgegenwärtige Bild von Machu Picchu, stellen wir fest, hat immer eine größere Abgeschiedenheit des Ortes transportiert, als das in der Realität der Fall ist. Aguas Caliente jedenfalls erscheint immer noch relativ nah gelegen. Man muss kein Abenteurer sein, um nach Machu Picchu zu gelangen.

Die Wolken geben jetzt fast die gesamte Stadt frei, wir laufen zurück zum Eingang, um unseren Guide zu treffen. Jesús führt uns mit einer distanziert-ungerührten Haltung durch die Ruinen. Er referiert leicht ironisch, manchmal spöttisch, die Geschichte der Inkastadt. Es ist ganz angenehm, ihm zuzuhören. Wir besichtigen den Sonnentempel, den heiligen Platz, das Haus des Priesters, das Gefängnis und die Sonnenuhr Intihuatana.


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Die Wissenschaft ist sich immer noch nicht einig darüber, was für einen Zweck Machu Picchu für die Inkakönige und ihr Reich hatte. Da liegt ein grob behauener Stein am Boden. »It is a compass, but people will sit on it later«, sagt Jesús. Er zeigt mit der Spitze seines Spazierstocks auf den Felsblock, schüttelt den Kopf und schaut lächelnd in die Ferne, die linke Hand steckt in der Hosentasche: wie ein englischer Gentleman. Jesús ist der ganze Auflauf zwischen den Mauern hier etwas zuwider, aber er ist auch zu relaxt, um groß herumzuschimpfen oder zu Moralpredigten über den touristischen Ausverkauf anzusetzen. Es liefe wohl auch seiner Geschäftsgrundlage zuwider.

Der Vormittag ist angebrochen, als wir uns von Jesús verabschieden und beschließen, noch auf den Cerro Machu Picchu zu steigen. Es geht jetzt darum, noch eine andere Perspektive zu bekommen, die nicht so einfach zu haben ist, die immerhin ein bisschen exklusiv erscheint.

Der Gipfel des Cerro Machu Picchu liegt noch einmal 600 Meter oberhalb der Stadt, der Aufstieg ist steil und um die Mittagszeit schweißtreibend. Der Reisende muss sich am Eingang des Geländes eine zusätzliche Erlaubnis für die Besteigung des Bergs einholen. Lohnt sich der Aufstieg?

Was deutlich wird von ganz oben, ist die Lage Machu Picchus innerhalb des Gebirges: Die Stadt wirkt klein zwischen den steilen, dicht bewachsenen Schluchten der Berge, durch die sich der Rio Urubamba hindurchwindet wie eine Würgeschlange. Im Südosten sieht der Reisende das Sonnentor, eine Scharte im Grat, durch die der Inka-Trail hinunter zur Ruinenanlage führt. Die Mehrtageswanderung ist oft auf Wochen hinaus ausgebucht.


Machu Picchu
Machu Picchu


Es erscheint hier oben auf dem Berg völlig klar, dass der Reiz Machu Picchus vor allem der Umgebung geschuldet ist. Machu Picchu: die untergegangene Stadt im schwer zugänglichen Hochland, immer noch eines der letzten großen historischen Rätsel unserer Erde. Dabei ist die Stadt, wie gesagt, gar nicht so schwierig zu erreichen: Jeden Tag kommen 2000 Besucher. Die relative Einsamkeit auf dem Cerro Machu Picchu ist wohltuend, man vergisst für einen Moment, dass die Stadt im Prinzip das ganze Jahr über von Touristenhorden belagert wird wie ein Disneyland.

Zurück in der alten Stadt kann man es jetzt gelassener angehen. Der beste Ausblick des Tages liegt ein paar Stunden zurück, die Sonne scheint grell auf die Steine, die Nebelschleier sind fortgezogen. Machu Picchu hat nichts Spirituelles mehr an sich.

Wahrscheinlich sind um die Mittagszeit die meisten Touristen hier: Da steht die neue asiatische Oberschicht in feinen Stoffen unter Sonnenschirmen neben amerikanischen Hobbyarchäologen im Khaki-Dress mit Wohlstandsplauze.

Etwas oberhalb der Ruinen setzt sich ein gut gelaunter, eloquenter Österreicher um die 60 mit seinem Unterhemd in die Sonne, streckt den Rücken durch, während sein linker Unterarm auf dem aufgestützten Knie liegt, und schaut über die Stadt. Er sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus Joachim Gauck und unserem ehemaligen Deutschlehrer auf dem Gymnasium. Auch wir rasten an diesem Platz und essen etwas von unserem Proviant. Machu Picchu sieht jetzt wirklich aus wie das Gewöhnlichste auf der ganzen Welt.


Machu Picchu


Beim Blick über die Stadt, kurz vor dem Abstieg nach Aguas Caliente, stellt sich zwangsläufig wieder die Frage: Hat sich der Besuch nun gelohnt? Und wenn ja, liegt das daran, dass man diesen Ort wirklich als außergewöhnlich und sehenswert empfunden hat? Oder weil es der allgemeinen Erwartungshaltung entsprach, Machu Picchu zu sehen?

Feststeht: Ohne den morgendlichen Aufstieg durch den Bergnebelwald wäre uns die Besichtigung dieses Ortes wohl nur halb so spannend vorgekommen. Mit dem Bus irgendwo hinfahren, aussteigen, fotografieren, Abmarsch: Das ist Sightseeing-Tourismus, das hat mit Reisen nichts zu tun.

Aber natürlich ist auch der tougheste Abenteurer in Machu Picchu ein Tourist. Das muss nicht schlimm sein. Nur beantwortet es nicht die Frage: Hat sich Machu Picchu gelohnt?

An dieser Stelle hilft es, die Zukunft zu antizipieren: Wir jedenfalls glauben, uns auch noch in 20 Jahren genau an den Moment erinnern zu können, als sich der Nebel über Machu Picchu verzog und die Sicht auf die alte Inkastadt preisgab. Dieser Umstand ist, wenn wir ehrlich sind, schon eine ganze Menge wert. Denn an welche Momente, die gerade ein Jahr oder auch nur einen Monat zurückliegen, erinnert man sich schon wirklich?

Am Eingang zum Gelände hat sich am frühen Nachmittag eine lange Schlange gebildet: zufriedene Touristen, müde Touristen. Die Busse fahren die Besucher im Minutentakt zurück nach Aguas Caliente. Wir steigen ab.


Machu Picchu

Reisezeit: ..Machu Picchu kann prinzipiell das ganze Jahr über besichtigt werden. Am besten sind aber die trockenen Sommermonate zwischen Juni und September. Im Dezember und Januar kann es im Bergland zu heftigen Regenfällen und Erdrutschen kommen. Touristen werden manchmal von der Zivilisation abgeschnitten.

Anreise: ..Mehrere Fluggesellschaften fliegen Lima mit ein oder zwei Zwischenstopps von Deutschland aus an. Die Busse von der Hauptstadt nach Cusco brauchen gut 20 Stunden, es gibt auch Flugverbindungen mit Lan Airlines. Von Cusco fahren Busse bis Ollantaytambo, von dort geht es mit der Eisenbahn nach Aguas Caliente. Shuttlebusse fahren hinauf nach Machu Picchu, Reisende können aber auch zu Fuß gehen.

Einreise: ..Touristen aus Deutschland können sich 183 Tage ohne Visum in Peru aufhalten.

Veranstalter: ..Unzählige Agenturen in Cusco bieten Machu Picchu als zweitägiges Komplettpaket an. Enthalten sind der Bus bis Ollantaytambo, die Hin- und Rückfahrt mit dem Hiram Bingham Orient Express, eine Übernachtung in Aguas Caliente und der Eintritt zum Gelände. Die Preise liegen bei umgerechnet 150 bis 200 Euro. Selbstorganisierte Kurztrips können problematisch sein, weil die Tourenanbieter oft das gesamte Kontingent an Zugtickets aufkaufen.

Übernachtung: ..In Cusco gibt es Unterkünfte aller Preisklassen – vom 5-Sterne-Hotel bis zur einfachen alojamiento. In Aguas Caliente gibt es ebenfalls ein breites Spektrum an Übernachtungsmöglichkeiten. In der Hochsaison im Sommer lohnt eine vorherige Reservierung.

Geld:..In Cusco gibt es zahlreiche Banken, die alle gängigen Kreditkarten akzeptieren. 1 Euro entspricht etwa 3,4 Nuevos Soles (Stand Januar 2013).

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Afrika heißt Tiere gucken: Der Queen-Elizabeth-Nationalpark ist ein scheinbar konfliktfreier Erlebnisraum für wohlhabende Safari-Touristen. Ich komme auf der Durchreise. Und werde bald unruhig.

Als zwei Schimpansen den Feldweg überqueren, freut sich der erfahrene Ranger wie ein kleines Kind. »Heute ist ein wunderbarer Tag, wir haben großes Glück«, sagt Robert Adaruku und setzt das Fernglas ab. Er strahlt so überschwänglich, als hätte er zum ersten Mal einen Affen gesehen. Ich kann die Begeisterung nur bedingt erwidern, kenne ich Schimpansen doch zumindest aus dem Zoo, und in der Wildnis braucht es immer erst eine Weile, bis man verinnerlicht hat, dass kein Zaun die Tiere gefangen hält.

Robert arbeitet seit fünfzehn Jahren im Queen-Elizabeth-Nationalpark im Südwesten Ugandas. Er weiß, dass die Schimpansen sich nur ganz selten aus dem Regenwald in der Kyambura-Schlucht in die offene Savanne begeben. Aber dort stehen die Feigenbäume. Die Affen klettern hinauf zu den Früchten.




Schimpansen auf der Jagd nach Feigen.


Der Kyambura war für die Dörfer am Fluss immer schon eine wichtige Wasserquelle. Doch das Flusstal ist schmal, der Strom fließt schnell. Einmal, so erzählt es Robert, riss das Wasser den Menschen ihre Habseligkeiten fort. So kam der Kyambura zu seinem Namen, der »etwas nicht finden können« bedeutet. Es sind solche Mythen, die man als Tourist irgendwie seltsam bewegt aufnimmt.

SCHIMPANSEN ALS SEHENSWÜRDIGKEIT

Die Schimpansen-Population in der Schlucht stammt aus einem großen Waldgebiet südlich des Parks. Beide Gebiete waren durch einen Korridor verbunden, der vor mehr als dreißig Jahren unterbrochen wurde. Die Kyambura-Schimpansen lebten fortan isoliert und zunächst wild. An Menschen waren sie nicht gewöhnt. Nachdem in den unruhigen 1990er Jahren eine Uno-Friedensmission die ruandisch-ugandische Grenze sicherte, begann die Habitualisierung der Tiere. Und damit der Tourismus, an dem auch nicht nun partizipiere, indem ich unter einer brutalen Sonne auf Bäume mit Affen starre.

In der Kyambura-Schlucht kann es passieren, dass man nicht einen einzigen Schimpansen zu Gesicht bekommt, gerade jetzt am Nachmittag. »Morgens suchen sie Nahrung, rufen einander und streiten«, sagt Robert. Dann ist es nicht schwierig, die Affen aufzuspüren. Doch mit zunehmender Hitze werden die Schimpansen träge und ziehen sich ins Unterholz zurück, unsichtbar für ungeschulte Touristenaugen (wie meine), die schon Schwierigkeiten haben, einen Buschbock von einem Impala zu unterscheiden.




Kyambura-Schlucht, Robert Adaruku.


An diesem Nachmittag stoßen wir auf Schimpansen, bevor wir überhaupt in die Schlucht hinabgestiegen sind. Wir haben perfekte Sicht. Was für ein Glück.

Es sind diese unverhofften Begegnungen in der Wildnis, für die sich wohlhabende Menschen aus Europa beigefarbene Tarnkleidung zulegen und acht Stunden fliegen. Sie suchen Wildlife. Abends stoßen sie beschwingt mit einem Sundowner an und fühlen sie wie Hemingway. Safari-Afrika als exotisiertes Erlebnis für Besserverdiener.

EIN SOGENANNTES NATURPARADIES

Ich bin, wenn man so will, nur auf der Durchreise und auf dieser Reise wirklich kein typischer Safariurlauber. Ich komme von Norden aus den Rwenzori-Bergen, deren neblige Täler mich zerzaust und ausgemergelt freigegeben haben. Sieben Tage bin ich durch das unzugängliche Gebirge marschiert, bis auf den schneebedeckten Margherita Peak, und habe vier Kilo abgenommen. Ich kann das im Spiegel sehen.

Auf dem Weg nach Süden, in Richtung Ruanda, komme ich durch den Queen-Elizabeth-Nationalpark. Ich gönne mir eine Pause. Das Schutzgebiet liegt im Albert-Graben, dem westlichen Ausläufer des Ostafrikanischen Grabenbruchs, wo Regenwald, Papyrus-Sümpfe, Krater und Savanne aufeinandertreffen. Auch zwei großen Seen haben sich zwischen den Kontinentalplatten gebildet, Lake George und Lake Edward. Die Gewässer tragen wie der Park selbst die Namen ehemaliger Royals. Als die britische Königin 1954 ihre Kolonie Uganda besuchte, wurde Nationalpark nach ihr benannt.

Die Besatzer gingen, der Name blieb. Auf die Unabhängigkeit 1962 folgte in Uganda wie in so vielen Ländern Afrikas bald eine Diktatur. Der Name Idi Amin steht für den stereotypischen Gewaltherrscher. Angesichts von Hunderttausenden Toten unter dem irren Regime des Feldmarschalls in den Siebzigern ist es eine Randnotiz der Geschichte, dass auch massenweise Wildtiere abgeschossen wurden. Doch die Bestände haben sich erholt. Der Artenreichtum im Queen-Elizabeth-Park ist heute dank der verschiedenen Ökosysteme so groß wie kaum sonst irgendwo im östlichen Afrika.




Kronenkranich, Nationalpark, Büffel.


WILLKOMMEN IM AFRIKA-THEATER

Ich kann nicht leugnen, dass es nach den Strapazen der vergangenen Woche erholsam ist, hier drei Tage harmlosen Aktivitäten nachzugehen: Walking Tour zu den Schimpansen, Fahrt durch die Savanne, Bootsausflug zu Elefanten. Abends sitze ich im Speisesaal der Mweya Safari Lodge, wo die Nacht 400 US-Dollar kostet, und schlage mir den Bauch voll wie jemand, der eine Woche keinen Appetit hatte. Und tatsächlich war es ja so, wegen des anhaltenden Durchfalls in den Bergen.

Auch ich trinke jetzt meinen Sundowner, weil es nun einmal dazugehört, nach einem Safari-Tag einen Sundowner zu trinken. Man hat das irgendwo gelesen oder im Film gesehen und verinnerlicht, außerdem kühlt es den Körper herunter (glaubt man). Dann ist die Sonne auch schon untergegangen. Auf dem Rasen draußen vor der Lodge haben die Mitarbeiter ein Feuer entzündet, um das ein paar halbnackte Männer herumtanzen, während andere mit Trommeln den Rhythmus vorgeben. Jetzt führen sie also für die Urlauber das große Folklore-Theater auf, denke ich: das Afrika der Masken und Magie.

Tour Operator und Lodges wollen mich in einen Dämmerschlaf wiegen, in dem es keine Konflikte gibt, in dem Afrika als homogener, archaisch-mysteriöser Kulturraum existiert, wo die wilden Tiere aber eigentlich doch spannender als die Menschen sind. Sie verdienen damit gutes Geld, und wer bin ich, dies zu verurteilen? Aber ich merke, wie ich eingelullt werde, wie sich meine müden Glieder kaum gegen die Vereinnahmung wehren können, ich aber eigentlich weiter muss, mich wieder dem Land und seinen Alltäglichkeiten aussetzen, die eben nicht darin bestehen, für einen einheimischen Monatslohn auf Pirsch zu gehen. Safari-Afrika ist eine schöne Illusion.




Unterwegs im Nationalpark: Löwen gucken und Elefanten beobachten.


DUNKLE WOLKEN, GOLDENES LICHT

Am nächsten Tag hat die Lodge aber zunächst einen Ausflug auf den Kazinga-Kanal organisiert. Die Wasserstraße verbindet die beiden Seen des Nationalparks. Vom Bootsdeck aus lassen sich ohne jede Anstrengung Elefanten, Hippos, Büffel und Krokodile beobachten, die am Ufer ihr Schauspiel aufführen.

An der Mündung in den Eduardsee haben sich Scharen von Wasservögeln versammelt: Pelikane, Kormorane, Goliath- und Schwarzhalsreiher. Der einzigartige Schuhschnabel zeigt sich nicht. Auf dem See wippt ein einzelnes Fischerboot vor einem Wolkenturm, der sich düster über dem anderen Ufer jenseits der Landesgrenze erhebt, als wollte er mahnend darauf hinweisen: Dies hier ist schon der Ostkongo. Wer den See überquert, verlässt die heile Safari-Welt und begibt sich hinein in jenes gefahrvolle Afrika der Konfliktgebiete, das vom flüchtigen Grundrauschen der Weltnachrichten konstruiert wird.





Unterwegs auf dem Kazinga Channel.


Noch einmal, früh am Morgen, lasse ich mich am nächsten Tag durch die Akaziensavanne fahren. Die noch tiefe Sonne überzieht die einsame Landschaft mit einem goldenen Schleier, der mit dem Aufziehen des Tages langsam ausbleicht. Die Lichtstimmung ist fast schöner als die wilden Tiere: Büffelherden stehen wehrhaft zusammen, eine Uganda-Grasantilope zeigt ihre Silhouette, Paviane hocken ungerührt von den Safari-Fahrzeugen gleich neben der Buschpiste. Ein letzter Morgen reinste Idylle. Ich lasse mich fallen in das gut organisierte Konzept des Game Drives.

Mittags lasse ich mich vom Mitarbeiter der Lodge an der Hauptroute in Richtung Südosten absetzen. Mein Aufenthalt im Queen-Elizabeth-Nationalpark ist beendet. Nun nimmt mich niemand mehr an die Hand und zeigt mir den Weg. Ich stehe am Straßenrand und warte auf den nächsten Minibus. Bis wohin fährt er? Unwichtig. Es geht mir darum, wieder unterwegs zu sein unter den Menschen, und diesem Umstand mehr Zeit und Bedeutung einzuräumen als einem schönen Fotomotiv. Vielleicht fängt damit das Reisen erst richtig an, doch wozu dogmatisch sein? Irgendwann schaue ich mir wieder einfach nur Löwen an.


Pirschfahrt bei Sonnenaufgang im Queen-Elizabeth-Nationalpark.


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Die Karibik müsste das perfekte Kreuzfahrtziel sein. Wie sonst ließe sich die Inselwelt besser entdecken? Doch auf einem Schiff der »Wohlfühlflotte« lernt man vor allem eines: Entspannen ist harte Arbeit.

Die Begrüßung ist unmissverständlich. »Willkommen in Ihrem Traumurlaub«, sagt eine Frauenstimme über die Lautsprecher der Mein Schiff 3.

Die gerade eingetroffenen Gäste haben sich oben am Pooldeck versammelt und erfahren nun von der kollektiven Mission ihrer Kreuzfahrt: »Wir wollen neue Länder, neue Kulturen, neue Menschen kennenlernen.« Dazu bleibt auf dieser Karibik-Fahrt mehr Gelegenheit als geplant: Eine Charter-Maschine aus Deutschland ist nicht angekommen, die Abfahrt von Bridgetown verzögert sich um einen Tag. Zeit, Barbados zu erkunden.

Keine halbe Stunde dauert der Fußweg vom Anleger hinüber in die Stadt. Mittagshitze, kurze Schatten, es sind kaum Einheimische in den Straßen unterwegs. Das Ziel der meisten Kreuzfahrtpassagiere ist der nahe Strand: gleißend-weißer Sand, türkises Wasser, blauer Himmel, ein paar Flöckchenwolken – die archetypische Karibik-Kulisse, die jeder Reisende verinnerlicht hat. Ob Barbados oder Barbuda, das ist eigentlich schon zweitrangig.



Als »Wohlfühlflotte« bezeichnet die Reederei Tui Cruises ihre Schiffe. In der Karibik scheint diese Marketingformel noch passender zu sein als in anderen Fahrgebieten. Schließlich ist es dort im deutschen Winter warm, an Bord wird man verwöhnt, und das Schiff bringt den Gast gemütlich von Insel zu Insel, buchstäblich im Schlaf.

Tatsächlich liegt es ja nahe, die Karibik auf einer Seereise zu erkunden, selbst als Reisender, dem das Konzept der Massen-Kreuzfahrt ähnlich zuwider ist wie einem Wildpferd der Streichelzoo. Wenn Kreuzfahrt, dann doch wohl hier, wo die Sonne fast das ganze Jahr nur auf das blaue Meer und ein paar putzige Inseln scheint.

Axel Sorger steht jeden Morgen eine halbe Stunde vor dem Festmachen des Schiffes auf. Vor dem 9.00-Uhr-Briefing mit der Mannschaft dreht der General Manager der Mein Schiff 3 seine Runde an Bord: die Spuren der Nacht sichten, das Schiff durch die Augen der Gäste sehen. »Ich suche mir immer andere Wege«, sagt er.

Sorger ist verantwortlich für die 1030 Frauen und Männer seiner Crew und die knapp 2800 zahlenden Passagiere. Er weiß: Die Wohlfühl-Stimmung stellt sich auch unter karibischer Sonne nicht von selbst ein. Sie zu erzeugen, ist ein harter Job. Jeden Tag.




Womit steht und fällt so eine Kreuzfahrt für die Gäste?

»Alles rund um Essen und Trinken ist wirklich schon wichtig«, antwortet Sorger. Die Leute wollten es sich gut gehen lassen, den Alltag loslassen. »Eigentlich suchen alle Entspannung und dass es so reibungslos wie möglich funktioniert« – ob einer zu Hause nun eine Haushälterin hat oder sehr lange für die Reise sparen musste.

Dem Anspruch, maximal zu entspannen, steht allerdings ein üppiges Bordprogramm entgegen: Aqua-Gymnastik, Kosmetik-Workshop, Tanzkurs, Schmuckauktion, Rumverkostung, Konzert, Varieté, der Vortrag »Kohlenhydrate, unsere heimlichen Dickmacher« – das ist nur ein Auszug der Aktivitäten für einen Tag an Bord.

Der typische Kreuzfahrer, denkt der Neuling, scheint ein ambivalentes Wesen zu sein: Er will unbedingt seine Ruhe haben, gleichzeitig darf ihm unter keinen Umständen auch nur eine Spur langweilig werden. Er wirkt bequem und gereizt zugleich.

Aber eigentlich ist das Ziel ja, die Karibik kennenzulernen. Erster Halt also: die Insel Dominica. Im Programm stehen 31 verschiedene Landausflüge. Wie wäre es mit der Panoramafahrt inklusive »einer kleinen Folkloretanzdarbietung«? Wohl eher Touri-Klamauk.

Besser klingt die Wanderung zum Sari-Sari-Wasserfall durch den Regenwald, Schwierigkeitsgrad vier, rutschiger Untergrund, festes Schuhwerk bitte. Na wunderbar, diese Beschreibung verspricht einen willkommenen Kontrast zum Wohlfühl-Modus an Bord.

Franklin Christopher, 37, ist der lokale Guide für den Ausflug. Er dürfe über alles reden, sagt er, bis auf zwei Dinge: Politik und Marihuana. Schmunzeln im Bus. Christopher erzählt, dass die älteste Frau auf Dominica 127 Jahre alt wurde. Wie sie das geschafft habe? Kurze Kunstpause. »Weil sie nie verheiratet war.« Der Bus lacht. Ein bisschen Stand-Up-Comedy gehört zum Repertoire jedes guten Touristenführers, das hat Christopher gelernt.

Die Wanderung zum Wasserfall ist in der Tat ein forderndes Unterfangen. Oft steht die Reisegruppe knietief im Fluss und bildet eine Kette, damit das Wasser niemanden von den Beinen reißt. Die Feuchtigkeit zieht die Hosenbeine hoch, von oben fällt Platzregen. Am Ende sind alle nass. Das war keine Kaffeefahrt, sondern Natur pur – großartig. Reingewaschen vom träge machenden Luxus kehrt die Gruppe bester Laune zum Schiff zurück.



Guadeloupe ist am Tag darauf ganz anders als das dicht bewaldete Dominica, eher beschaulich-zivilisiert. Die Insel ist ein französisches Übersee-Departement. Als Landausflug steht eine Kajaktour durch die Mangroven an. So kann man die karibische See einmal mit der eigenen Muskelkraft erschließen und hat sich die Entspannung am Ende des Tages verdient.

Antigua ist wiederum eine Insel, die sich gut ohne organisierten Ausflug erkunden lässt. Die Taxifahrer warten schon am Ende des Piers, um sich mit Wucherpreisen zu überbieten. Die Auswahl der Ziele ist groß: Antigua wirbt als Insel mit 365 Stränden, einer für jeden Tag des Jahres. Das ist sehr optimistisch gezählt, aber gute Werbung.

Nicht weit von der Hauptstadt entfernt, eine gute Stunde zu Fuß nördlich von Saint John’s, befindet sich mit dem Runaway Beach bereits ein echtes Schmuckstück. Weißer Sand schiebt sich auf mehreren hundert Metern sanft unter das karibische Türkis des Wassers. Die einzige Strandbar ist leicht morbide, wie ein Piratenversteck, nur mit viel zu lauter Dance-Musik. Das scheint aber keinen der dösenden Touristen zu stören. Der Strandverkäufer will fünf US-Dollar für eine Kokosnuss: ein guter Witz in der sengenden Mittagshitze.

In der Bucht nebenan, am Dickenson Beach, liegen direkt am Wasser ein paar Hotels, Ferienhäuser und Restaurants. Palmen werfen etwas Schatten, ohne Sonnenbrille schmerzen die Augen. Hier kann man die Stunden nun in Ruhe vorbeiziehen lassen, ist am späten Nachmittag aber auch froh, dass das Schiff einen in der Nacht wieder woanders hinbringen wird. 365 Tage Strand? Einer reicht manchmal auch.



So ein Kreuzfahrtschiff ist nach zwei bis drei Tagen im Prinzip erkundet, auch wenn sich die Reedereien immer neue Attraktionen an Bord ausdenken – wobei die Mein Schiff 3 eher mit einem konventionellen Programm aufwartet. Kurzer Blick auf die elektronische Anzeige: Das »Meine-Schönheit«-Team zeigt heute, »wie man ein einfaches Tages-Make-Up schminken kann«. Außerdem wird die Reise-DVD beworben: »Wohlfühlmomente, die ewig währen.«

Shoppen lässt sich an Bord auch, in Duty-free-Geschäften. Wird das denn viel gemacht? Zahlen könne er keine nennen, sagt General Manager Sorger. Der Wettbewerb sei hart. Aber klar, ohne Nachfrage gäbe es das Angebot nicht. Wird also auch schon mal, sagen wir, eine Breitling-Uhr an Bord gekauft? »Absolut, absolut.«

In Philipsburg auf St. Martin besteht der Hafen aus einem einzigen großen Duty-free-Bereich, dort kann das Einkaufen also gleich weitergehen. Höhepunkt des zur Niederlande gehörenden südlichen Inselteils Sint Maarten ist aber ein besonderer Flughafen: der Princess Juliana International Airport. Die Landebahn trennt nur ein kleiner Streifen Sand namens Maho Beach vom Meer. Und so fliegen die großen Jets von Delta oder Air France nur wenige Meter über den Köpfen der Urlauber über den Strand hinweg, scheinbar zum Greifen nahe.



Letzter Reisetag, es geht nach La Romana in der Dominikanischen Republik. Noch hat die Hurrikan-Saison nicht begonnen, die Sonne strahlt auf das Pooldeck, wo an diesem Tag noch einmal besonders viele Passagiere zusammenkommen, um sich richtig wohlzufühlen.

An einem solchen Seetag erinnert das Schiff tatsächlich sehr an das viel beschworene «schwimmende Hotel«, von dem bei Kreuzfahrten stets die Rede ist. Pool, Sonnenbaden, Drinks von der Bar. Der Kreuzfahrer findet hier zu sich selbst.

Aber gibt es ihn überhaupt, den typischen Kreuzfahrttouristen? Das ist wohl wirklich ein Vorurteil. Auf der Mein Schiff 3 jedenfalls trifft man sehr unterschiedliche Gäste. Da ist der Typ Malocher, der die Engländer ohne Ironie als »Inselaffen« bezeichnet, aber herzerwärmend seine Enkelin in den Arm nimmt und erklärt: »Familie ist das wichtigste.« Der erste Rum-Cola steht 16.00 Uhr vor ihm auf dem Tisch.

Da ist der abgeklärte Vielflieger aus dem Management-Mittelbau der deutschen Industrie, der glaubt, die ganze Welt sowieso schon zu kennen. »St. Martin machen wir mit dem Mietwagen«, verkündet er selbstbewusst, ohne seinem Gegenüber je zuzuhören.

Und da sind die wirklich Vermögenden, die per Business-Class-Flug anreisen und in einer bis zu 54 Quadratmeter großen Suite des exklusiven Wohnbereiches X-Lounge residieren. Sie speisen häufig in den Bezahlrestaurants des All-inclusive-Schiffes und führen ihren Schmuck ebenso stolz vor wie ihre Tischmanieren.



Dimitris Papatsatsis kennt sie alle. Er hat sich in der Diamant Bar mit einem Kaffee hingesetzt, zu leiser Pianomusik. Der Kapitän der Mein Schiff 3 ist gebürtiger Grieche, ein zurückgenommener Typ, und er erklärt: »Der deutsche Gast ist kein einfacher Gast.« Ach nein? »Der deutsche Gast möchte alles, was ihm versprochen wurde. Er verlangt, was er bezahlt hat.« Und er kann sich gut beschweren.

Was er schon alles gehört habe, erzählt Papatsatsis. Beispiel: »Was machen Sie als Grieche auf einem deutschen Schiff?« Ja, kein Witz. Papatsatsis lacht, während der Erstfahrer überlegt, was genau auf dieser Kreuzfahrt er noch einmal ist – Entdecker, Weltenbummler zur See oder doch bloß der Pauschaltourist-Prototyp? Der Kapitän hat für sich schon die Antwort gefunden: »Du wirst zum Psychologen.«

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Tokio ist Schauplatz der japanischen Moderne: neonfarben, elektrisierend, eine überdrehte Version westlicher Urbanität. Man hat das Gefühl, zehn Jahre in die Zukunft zu reisen. Dort wartet das Ende eines ewigen Traums.

Wenn in Shinjuku abends die Hochhäuser zu strahlen beginnen, steht man in der Zukunft. In einer Science-fiction-Stadt im Neonschein. Lichter stürzen die Fassaden hinab wie bunte Wasserfälle, ein riesenhafter Krebs über dem Eingang eines Ladens bewegt seine Scheren. Überall Elektronik, Monitore und Handyschalen. Schimmerndes Glas, erleuchtete Nacht. Der Tag ist vorbei, und die Bürgersteige sind voll mit Menschen.

Ich bin vom Park Hyatt herübergelaufen, wo die japanische Tourismuszentrale mich freundlicherweise einquartiert hat, bis zur Shinjuku Station, dem größten Bahnhof der Welt, wo jeden Tag dreieinhalb Millionen Passagiere ein- und aussteigen. Am Nachmittag bin ich nach einem strapaziösen Flug über Taiwan in Tokio gelandet und habe im Hotel nur kurz gedöst. Das futuristische Glühen der Stadt, das sich in meinen staunenden Augen spiegelt, brennt jetzt alle Müdigkeit aus dem Körper.

Eine Woche eng getakteter Recherchen steht mir bevor. Ich stehe in der größten Stadt der Welt, einer Metropolregion mit 35 Millionen Menschen. Aufbruch in die Nacht.


Tokio Shinjuku
Tokio Shinjuku
Tokio Shinjuku
Auf dem Weg zur Shinjuku Station.


Gleich hinter der Shinjuku Station beginnt Kabukicho, das Rotlichtviertel. Es sieht aus wie ein kitschiger Vergnügungspark. Über einer Bar zeigt die Werbetafel Frauen in Unterwäsche und mit Maschinengewehren, sie nennen sich »tank girls«, das Ganze sieht aus wie die Einladung zu einem schlechten Actionfilm mit ein paar Softporno-Szenen.

Der Lolita-Fetisch ist offensichtlich: Das Schönheitsideal sind Schulmädchen mit Miniröcken und Bambiaugen. Die Intimrasur, könnte man annehmen, zählt in Japan nur deshalb nicht zum Beauty-Standard, weil die Frauen dann wirklich aussähen wie Kinder.

In Kabukicho stehen auch viele sogenannte Love Hotels mit pinken Lichtern und matten Scheiben, damit niemand sehen kann, wer hier ein- und ausgeht, um, ja was zu tun? Eher doch Liebe machen als mit einer Prostituierten zu schlafen, das jedenfalls legt die unschuldige Ästhetik nahe. Gefährlich ist dieses Viertel nicht, sofern man sich nicht von einem windigen scammer in eine halbseidene Bar locken lässt.

Die nähere Umgebung meines Quartiers zu erkunden, erscheint mir für den ersten Abend sinnvoll. Ich laufe durch die Straßen und Geschäfte. In einem Einkaufszentrum zeigen gleichzeitig zwanzig Fernseher an der Wand Werbung für Fernseher. Der Fortschritt, der sich besonders an diesem Ort der Welt über den ständigen Zugriff auf Konsumangebote definiert, wird ständig rückgekoppelt und versichert sich seiner eigenen Omnipräsenz. Ich bin komplett überfordert und auch ziemlich fasziniert.

Um die ersten Eindrücke verarbeiten zu können und weil ich langsam ziemlich Hunger habe, setze ich mich in einen Motsu-Imbiss. Dort gibt es erst einmal einen Oolong-Tee mit Eiswürfeln. Der Gast zahlt eine Art Tischnutzungsgebühr. In der Auslage liegen Fleischspieße. Vom Schwein gibt es Herz, Lunge und Leber, aber auch Gebärmutter (kobukuro), Eierstock (tsubo-kobukuru) und Vagina (kata-kobokuru).

Eine junge Japanerin mit geflochtenem Hut und blauem Kleid wartet am Tresen auf ihr Essen, während sich der Rauch ihrer Zigarette mit den Dämpfen des Grills vermischt. Sie sitzt so anmutig da, dass ich sie mir sofort in einem Café auf der Pariser Avenue de Champs-Elysées vorstellen kann.


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Fleischspieße im Motsu-Imbiss.


Im Gegensatz zu den Europäern sind die Japaner in der Öffentlichkeit nie laut, aufbrausend oder zügellos. Tokio ist zwar größer, greller und irgendwie überdrehter als die westlichen Großstädte, die ich bisher gesehen habe. Aber gleichzeitig ist alles effizienter, disziplinierter, weniger störanfällig: ein Zustand, der den großen Asienreporter Tiziano Terzani in die Depression trieb.

Alard von Kittlitz hat einmal in der F.A.S geschrieben: “Insgesamt wirkt Japan entsetzlich überlegen.” Eine “feindfreie Zone”, so nannte Georg Diez einmal Singapur. Man könnte das gleiche über Tokio sagen. Tatsächlich ist die Stadt höchst zivilisiert. In der Reisereportage, die ich später schreibe, formuliere ich es so: “Man ist wie elektrisiert, aber wagt es nie, einem übermütigen Impuls zu folgen.”

Fleiß, Leistung und Gehorsam, das waren die Erfolgsfaktoren des japanischen Aufstiegs. Und was ist morgen? Japan ist dasjenige asiatische Land, das als erstes bedingungslos in die Moderne nach westlichem Vorbild aufgebrochen ist. Und Japan geriet als erste bedeutende Industrienation in eine große Deflation, die nun schon seit mehr als 20 Jahren anhält. Die massenhaft hergestellten Waren wollen einfach nicht mehr entsprechend viele massenhafte Abnehmer finden. Mit der Verschuldung wuchs die Verunsicherung. Natürlich, der Reichtum in Tokio glitzert und leuchtet immer noch. Aber die Fortschrittseuphorie ist verschwunden.

Japan steht am Zenit einer Aufwärtsentwicklung, auf die wohl ein langsamer Zerfall folgt oder im besten Fall eine Konstante, so ein Zustand des gefühlsgedämmten Dauerwohlstands, wie ihn Leif Randt in seinem Roman Schimmender Dunst über Coby County beschreibt: Alles ist angenehm, ohne Not, im Kern wirklich hervorragend, nur der selbstvergessende Überschwang bleibt aus, die Zukunft ist verdunkelt. Japan steht am fin de siècle eines großen Jahrhundertaufschwungs. In Tokio fühlt man noch einmal nach vorne, ob noch etwas kommt. Was für ein Gefühl ist das dort, wo der große Traum zu seinem Ende kommt?


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Futuristische Neonwelt in Shinjuku.


Irgendwann treibt mich die Müdigkeit doch ins Hotel, und ich falle in einen traumlosen Schlaf, 21 Stockwerke über der Stadt. Morgens hängt Tokio blass in den Wolken. Die Neonlichter sind erloschen.

Ich zwinge mich um sieben Uhr aus dem Bett, um früh mit der Besichtigung der Stadt beginnen zu können. An der Rezeption meines überaus vornehmen Hotels händigt man mir einen U-Bahn-Plan aus. Der Verlauf der bunt eingezeichneten Linien sieht aus wie das achtlose Gekritzel eines Kindes, so verwirrend erscheint das Streckennetz auf den ersten Blick. Später finde ich mich jedoch erstaunlich gut zurecht.

Der Morgen klart recht schnell auf. Geschäftsleute eilen zur Shinjuku Station. Der Bahnhof ist verschachtelter als die meisten deutschen Flughäfen. Menschen schwappen über die Rolltreppen wie Wassermassen. Sie haben es eilig, aber stellen sich vor den eingefahrenen Zügen in einer Reihe auf. Dafür gibt es Markierungen am Boden. Auch dass die Japaner in der U-Bahn mit ihren Gesichtern an der Scheibe kleben, lässt sich erst einmal nicht bestätigen. Ich fahre zuerst ins Shoppingviertel Ginza mit seinen unverschämt teuren Boutiquen und zum Kaiserlichen Palast. In den Eastern Gardens trainiert die Imperial Police Kendo, die Schreie dringen durch die hohe Hecke.


Kaiserpalast Tokio
Der Eingang zum Kaiserpalast.


Danach geht es in das altstädtische Viertel Ueno mit seinem berühmten Park. Dort steht das Denkmal von General Takamori Saigo, der 1868 bei der Meiji-Restauration als Hauptbefehlshaber der Kaiserlichen Truppen die Soldaten des Shoguns besiegte und die Macht des Kaisers wiederherstellte. Er war einer der berühmtesten Samurai und Vorbild für die Rolle des Last Samurai im gleichnamigen Film.

Das älteste Tempelgelände Tokios befindet sich in Asakusa: der Sensoji-Tempel, eine stark frequentierte Touristenattarktion, die ich mir auch anschauen muss. Danach folgen: das Elektronik- und Animeviertel Akihabara, der Meiji-Schrein und schließlich das Hipsterviertel Shibuya / Harajuku.


Sensoji-Tempel
Sensoji-Tempel
Sensoji-Tempel
Beim Sensoji-Tempel in Asakusa.


Die Takeshita-Straße sieht aus wie eine Mischung aus Urban-Fashion-Mekka und Disneypark. Teenager-Mädchen mit Snapback-Kappen und Obey-Mützen laufen durch die Gasse, als sei es das selbstverständlichste auf der Welt und keine todernste Distinktionsgeste. Andere Brands heißen GR8 und #Kill_yo, die Schuhe haben eine grelle Plastikoptik. Harajuku ist westliche Popkultur, nur verspielter und mit mehr Bonbonfarben.

Die Distanzen in Tokio sind naturgemäß unwahrscheinlich groß. Man steigt die Treppen zu einer U-Bahn-Station hinab und muss noch einmal einen halben Kilometer laufen, bis man seinen Zug erreicht. Doch man wird immer wieder auf den Weg gebracht, von freundlichen Polizisten, hilfsbereiten Tokiotern, von kleinen Lolita-Mädchen auf Hinweisschildern, die erklären, wie man sich im Tempel zu verhalten oder in die Metro einzusteigen hat.

Auf dem Jutebeutel einer jungen Frau steht: “Do not spend time beating on a wall / hoping to transfer it into a door.” Das ist programmatisch für das Verhalten der Japaner. Niemand verliert die Kontrolle, niemand verliert sein Gesicht.


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Fotoshooting in Shibuya
Die Takeshita-Straße liegt in Harajuku, das nördlich an Shibuya angrenzt.


Nach zehn Stunden Sightseeing ruhe ich eine Weile im Hotel. Dann beschließe ich, das Ausgehviertel Roppongi aufzusuchen. Ich könnte zwar ebenso gut schlafen, aber es gilt die alte Reisemaxime, dass man erst dann wirklich in einer Stadt war, wenn man ihr Nachtleben gesehen hat. Außerdem ist natürlich die Frage interessant: Wo in Tokio ist es angesichts von allgegenwärtiger Selbstdisziplin und Mäßigung möglich, Zügellosigkeit und Exzess zu erleben? Die Antwort soll nur wenige Stunden auf sich warten lassen.

Roppongi also, das Partyviertel: sicher eine gute erste Adresse, wenn es einen ohne konkreten Plan hinaus in die Nacht zieht. In einer bei Ausländern häufig besuchten Bar treffe ich auf einen Frankokanadier namens Felix, der mir von seinem Besuch in einer maid bar erzählt: Die Bedienungen dort sind neko-girls, Frauen mit Katzenkostümen. Sie haben Felix nur serviert, wenn er zweimal laut “miau miau” rief. Das ist aber schon alles, es geht in diesen Etablissements keineswegs um Sex. Das Ganze ist von der Mangakultur beeinflusst, es kommen ganz normale Leute.

Ich lerne in der Bar einen anderen Deutschen kennen, und wir beschließen, da draußen zusammen unser Glück zu versuchen. Die letzten U-Bahnen fahren bald und die folgenden erst am nächsten Morgen. Aber das ist ein Umstand, der zu dieser Stunde der Nacht ohne weitere Irritationen in Kauf genommen wird. An den Namen des Clubs, den wir ansteuern, kann ich mich nicht erinnern. Wir holen, so viel ist sicher, noch Geld an einem Automaten und fahren mit dem Taxi los.

Im Club selbst führt ein Aufzug nach oben. Die Türsteher sind kein Problem. In der Haupthalle zeichnet das Stroboskop Silhouetten in die Luft. Zu meiner Überraschung sind fast nur Japaner auf der Tanzfläche. Wir ordern an der Bar Gin Tonic, als habe der Abend gerade erst begonnen. Eine verhängnisvolle Fehlwahrnehmung.

Wir tanzen, trinken und reden uns in den Rausch. Die Erinnerungen verschwimmen bereits, schieben sich ineinander, bekommen Lücken. Smalltalk hier, ein Gespräch dort. Gesichter bleiben ohne Ausdruck, Gespräche ohne Inhalt, der Raum hat keine Konturen und wird mehr durch die Musik begrenzt als durch die Wände.

Hier also ist der Exzess möglich. Die Auflehnung in einem abgegrenzten Raum, zu einer scharf umrissenen Zeit, in einer Dunkelkammer, in der sich alles vermischt. Hier ist es auch möglich, die Vereinsamung und die Stagnation zu überwinden und sich in einem Kollektiv zu spüren. Es geschehen Eindeutigkeiten und Uneindeutigkeiten, und zwar viel direkter und unvermittelter als im “normalen Leben” des japanischen Alltags.

“Die Japaner testen, was mit einer hoch entwickelten Zivilisation geschieht, die im Stillstand verharrt”, schrieb der Journalist Malte Henk einmal in der ZEIT. Ein Experiment, “wie es noch keines gegeben hat.” Es sei die Zukunft selbst, die an ihr Ende gekommen ist.

Am Morgen wollen die jungen Menschen in diesem Club vielleicht wieder Bankangestellte oder Versicherungskaufleute werden, die letzte Kolonne der Glitzerwarenwunderwelt, die sie in Tokio umgibt. Vielleicht wollen sie aber auch anders sein als ihre Eltern, nur sie können es irgendwie nicht, anders sein als die roboterartigen Männer in der Bahn mit ihren schwarzen Anzügen, zwischen denen ich um sieben Uhr früh ohne den Hauch einer Orientierung aufwache.

Ich muss wiederkommen, nach Japan, nach Tokio. Aber verdammt, heute muss ich zum heiligen Berg Fuji. Wie um alles in der Welt komme ich ins Hotel?


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