Ägypten

    Dahab, Sinai-Halbinsel. Hinter den Bergen Arabiens steigt die Morgensonne auf. Ich bin unterwegs, wieder einmal. Eine wahnsinnige Szene. Reisen macht glücklich? Ich glaube nicht. Aber das ist gar nicht schlimm.

    Reisen macht nicht glücklich. Das ist die wichtigste Erkenntnis über das Reisen, die ich im vergangenen Lebensjahr gewonnen habe. Es klingt ziemlich negativ, das so zu sagen. Dabei ist es gar nicht so gemeint.

    Ich bin vergangenes Jahr viel gereist: in den Libanon, nach Südamerika, nach Japan und Südkorea, nach Finnland oder Sierra Leone. Ich hatte die Möglichkeiten dazu. Je öfter man reist, umso selbstverständlicher wird es. Das ist ganz natürlich. Das gilt für alles, was man im Leben tut.

    Ich habe mir in der sogenannten Travel-Blogger-Szene einen Namen erschrieben. Das ist schön, weil es zeigt, dass man irgendwie mit dem vorankommt, was man gerne macht. Man fühlt sich bestätigt in dem, was man tut. Aber was macht es für einen Unterschied?

    In einem Interview mit Spiegel Online habe ich erklärt: »Das Unterwegs-Sein wird gerne als Sehnsuchtszustand verklärt. Nur die praktischen Reiseabläufe sind oft ermüdend und ernüchternd. Man stellt fest, das Reisen per se auch kein dauerhaftes Glück bedeutet, weil die euphorischen Momente wie sonst auch im Leben nur punktuell auftreten.« So ist es.

    Für viele mag das deprimierend klingen. Wenn ich Leuten von meinen Reisen erzähle oder wenn sie davon im Internet lesen, dann folgen oft Kommentare wie »Beneidenswert« oder »Wahnsinn, wo du immer unterwegs bist«. Einerseits stimmt das.


    Surfspot Blue Hole bei Dahab.


    Andererseits habe ich mich auf Reisen oft schon ziemlich einsam gefühlt. Ich wusste an den schönsten Orten der Welt nichts mit mir anzufangen. Ich habe mir über das Für und Wider dieses oder jenes Lebensstils, dieser oder jener Entscheidung den Kopf zerbrochen statt einfach den Moment zu genießen.

    Im besten Fall habe ich das Reisen wie im Rausch erlebt. Ich habe mich nicht mit mir selbst, sondern mit der Welt beschäftigt und dem, was sie zu bieten hat.

    Aber nach fast jeder Reise kam irgendwann der Moment, in dem ich in meinem Zimmer in Berlin saß und mich gefragt habe: Was hat sich eigentlich verändert?

    Diese Frage wurde nach meiner Reise nach Peru immer größer. Die Geschichte darüber handelt von diesem Widerspruch aus Erwartung und Enttäuschung.

    In der Ferne, beim Sich-Treiben-Lassen spürt man nämlich sehr stark die Energie des Lebens. Zuhause am Abend in der eigenen Wohnung schrumpft die große Welt wieder zusammen. Als sei man nie wirklich weg gewesen.

    Wie kann das sein?

    Ich bin überzeugt, dass es ein Irrglaube ist zu meinen, das Reisen lade einen mit einer positiven Energie auf, mit der man sein Leben dauerhaft ändern kann. Das mag gelingen, wenn man wirklich lange fortgeht und sich in existenzielle Extreme begibt – ein halbes Jahr in ein Kloster in Asien, Wochen allein durch die Wüste, mit dem Segelboot über den Atlantik, eine Expedition auf einen hohen Berg.

    Aber das gewöhnliche, zeitlich beschränkte Reisen macht aus dir keinen besseren oder glücklicheren Menschen. Es ändert meist auch nur wenig an deiner Haltung. Man trägt seine Sorgen und seine großen Fragen an das Leben im Rucksack durch die Welt. Im besten Fall vergisst man sie eine Weile. Aber sie verschwinden nicht.

    Das klingt wie eine ernüchternde Erkenntnis. Aber zumindest für mich trifft sie zu. Die Möglichkeit, in ein Flugzeug steigen zu können, verändert überhaupt nichts.


    Sonnenaufgang über Saudi-Arabien von Dahab aus.


    Diese Feststellung ist keinesfalls so negativ, wie sie vielleicht klingt. Im Gegenteil. Sie ist von einem Bewusstsein getragen, das am Ende zu viel mehr Zufriedenheit führen kann als jeder Selbstfindungstrip in Südostasien. Ebenso wenig wie die große Backpacking-Tour ein life changer ist, sind es andere einzelne herausragende Erlebnisse wie zum Beispiel ein Bungee-Sprung, das lang ersehnte Auslandssemester in Soundso oder ein Sportwagen.

    Es sind die Dinge, die wir jeden Tag tun, die den größten Unterschied in unserem Leben machen. Und die wirklich langfristig zu einer größeren Zufriedenheit mit unserem für sich genommen unfassbar privilegierten Leben beitragen. Es ist nicht das einmalige Erlebnis, das Außergewöhnliche, das Extrem. Sondern die Beständigkeit, das Alltägliche, die konstante Arbeit an sich selbst.

    Es geht vor allem darum, negative Routinen abzustellen und Gewohnheiten zu entwickeln, die positiv zum täglichen Wohlbefinden beitragen. Meist sind das ganz profane Dinge: früher aufstehen, häufiger Menschen ansprechen, besser zuhören, sich immer nur einer einzelnen Sache mit voller Konzentration widmen.

    Es geht darum, im Kleinen und Stück für Stück an seinen Interessen und Potenzialen zu arbeiten, um den sogenannten großen Zielen näher zu kommen. Dinge als richtig erkennen und sie dann umsetzen.

    Es geht also um den gesamten state of mind, um die Haltung, die man gegenüber den Dingen entwickelt und die Art und Weise, mit der man den Alltag lebt. In jedem Moment. Das formt den Charakter. Alles andere ist Attitüde.


    Dahab
    Dahab, Happy Life Village.


    Aber was ist nun mit dem Reisen anzustellen, wenn es langfristig gar kein so großer Glücksbringer ist?

    Das Reisen zu lernen, heißt das Leben zu lernen. Es gibt keinen Unterschied.

    Am Anfang schrieb ich: Reisen macht nicht glücklich. Man müsste vielleicht sagen: Die Möglichkeit, reisen zu können, macht nicht glücklicher als das normale Leben.

    Natürlich, Reisen ist oft spektakulärer als der Alltag. Jede Form von Abwechslung und ungewohntem Erlebnis hinterlässt stärkere Erinnerungen als die monotone Abfolge von Aufstehen, Arbeiten, Essen und Schlafen.

    Wahrscheinlich muss jeder die Frage, warum er irgendwo hinreist und nicht woanders hin oder eben überhaupt nicht, für sich selbst beantworten. Ich kann nur für mich sprechen: Ich sehe Reisen als wertvolle Bereicherung meiner gesamten Erfahrungswelt. Das geschieht auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Das Motiv einer Reise kann das Interesse an der Lebenswirklichkeit eines bestimmten Kulturkreises sein. Eine journalistische Recherche. Der Reiz, über körperliche Grenzen zu gehen. Das Bedürfnis nach Entspannung und Kontemplation. Der Wunsch, sich der Welt zu entziehen. Der Versuch, sich selbst zu finden (oder wiederzufinden). Ich denke, das sind gute Gründe. Aber das Reisen sollte nicht zum Sehnsuchtszustand verklärt und zur Glücksphantasie erhoben werden.

    Wahrscheinlich sollte man jeden Tag beginnen wie die große Reise, von der man sich so vieles erhofft. So funktioniert es vielleicht irgendwann, gelassener und gleichzeitig fokussierter durch das Leben zu gehen. Mit wachem Verstand und offenem Herz statt mit Desinteresse und Zynismus. Seine eigene Bedeutung zurückzustellen vor der Größe und Fülle der Dinge, die einen jeden Tag umgeben. Mehr zu genießen statt in Endlosschleifen der Reflektion über sich selbst zu verharren.

    Das gelingt mir noch lange nicht so oft, wie ich mir das wünsche. Aber es fällt eben nicht mit einer Reise vom Himmel. Es ist ein langer Weg.

    0 Facebook Twitter Google + Pinterest
css.php