Ägypten

Viele Ägypter haben genug von Revolution und Demokratie. Sie wünschen sich einen starken Führer, der für Ordnung sorgt. General Al-Sisi ist ihr Mann. Eindrücke aus einem Land, das wieder Zuversicht schöpft.

Am Ende war es formal eine letzte Hürde und in Wirklichkeit ein alberner Tribut an die angebliche Rechtsstaatlichkeit: Abd al-Fattah al-Sisi trat als Chef des Militärs zurück, um offiziell für das höchste Staatsamt kandidieren zu können. Am 3. Juni wurde er mit 96,9 Prozent der abgegebenen Stimmen zum neuen Präsidenten Ägyptens gewählt. Es war der Endpunkt eines absehbaren Weges.

Al-Sisi kam nicht durch Wahlbetrug an die Macht. Zwar hatte er jegliche Opposition mit Gewalt eingeschüchtert, egal ob Islamisten oder Säkulare; die Muslimbrüder waren zu Terroristen erklärt und verfolgt worden. Aber letztlich muss man anerkennen: Ein Großteil der Ägypter will den Ex-Militär als Präsidenten haben. Dahinter steckt die Sehnsucht nach einem starken Mann, nach einem Führer, der das zerrüttete Land ordnet und die Kontrolle wieder herstellt.


Al-Sisi und Putin
Starke Männer: Al-Sisi und Putin.


Als ich im Februar für zwei Reisegeschichten nach Ägypten flog, war überall von den Hoffnungen zu hören, die die Ägypter mit dem ehemaligen Armeechef verbinden – einem Mann des alten Establishments unter Ex-Diktator Husni Mubarak, der 2011 durch die Revolution des »arabischen Frühlings« gestürzt wurde.

»Wenn die Wahlen vorbei sind, wird es stabiler«, erklärt mir Tamer el Mekaty, der auf einem Nilkreuzfahrtschiff als Masseur arbeitet. Für die Zukunft habe er ein gutes Gefühl. »Die Medien spielen eine große Rolle, Politik spielt eine große Rolle. Ganz Ägypten spricht von Politik. Früher gab es das nicht.« Was anklingt, aber so nicht gesagt wird: Der Durchmarsch Al-Sisis und die Stabilisierung Ägyptens werden durch »falsche« Medienberichte sabotiert.

Auch der Reiseleiter des Schiffs, Hesham Hammad, sagt über den auf Plakaten überall präsenten General: »Al-Sisi ist ein guter Mann.« Hammad glaubt auch, dass viele (vom Ausland gesteuerte) Medien Al-Sisi diskreditieren wollen. Das wird als Ungerechtigkeit empfunden, als Anmaßung. Auf weitere Fragen des Reporters nach der politischen Lage möchte der 49-Jährige Touristiker nicht eingehen. Große Verlegenheit plötzlich.

Die Muslimbrüder, die bis zum Sturz Mohammed Mursis immerhin den ersten frei gewählten Präsidenten der ägyptischen Geschichte stellten, gelten auch vielen elitenfernen Menschen mittlerweile schlichtweg als Kriminelle. Zumindest schaden sie, so die weit verbreitete Ansicht, den Interessen des Landes. Die Propaganda hat gewirkt.

Mubarak habe verhindert, dass die Gaza-Palästinenser schnell die ägyptische Staatsbürgerschaft bekommen, erklärt Tourguide Hesham Khattab. Mursi habe das ermöglicht, sagt der studierte Ägyptologe bei einem Gespräch in der Lounge der Nile Smart. »Wer zu uns ins Land kam, konnte man nicht mehr kontrollieren.« Khattab gibt schließlich auch zu, dass es in Ägypten eine große Sehnsucht nach einem Mann gebe, der die Dinge wieder unter Kontrolle bringt. Und tatsächlich hat das Land ja eine höchst instabile Zeit hinter sich.


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Revolutionsland Ägypten: Die Touristen machen lieber woanders Urlaub.


Mubarak wurde 2011 bei der Revolution entmachtet, nach 30 Jahren Alleinherrschaft. 2012 wurde der Muslimbruder Mursi an die Spitze des Staates gewählt und begann bald, die Gewaltenteilung auszuhebeln, nur um daraufhin vom Militär aus dem Amt geputscht zu werden. Bei den Kämpfen zwischen Armee und Islamisten starben hunderte Menschen, das Land blieb tief gespalten zurück. Die Muslimbruderschaft wurde verboten und damit kriminalisiert. Im April verurteilte ein Gericht 683 ihrer Anhänger auf einen Schlag zum Tode. Ein Schauprozess, eine Drohung.

Die Muslimbrüder sind Terroristen, der Terror bedroht unser Land – das ist die Logik der neuen, alten Machtelite.

Vor diesem Hintergrund war es bequem, den Anschlag von Taba im Februar ebenfalls den Muslimbrüdern in die Schuhe zu schieben. Ein Attentäter hatte sich in einem Reisebus in die Luft gesprengt, drei Südkoreaner und der ägyptische Busfahrer starben. Wahrscheinlich gehörte der Täter zu einer islamistischen Splittergruppe, die auf dem Sinai operiert. Aber das will niemand genau wissen.

Der Anschlag von Taba ereignete sich ein paar Tage, bevor ich nach Dahab flog, um dort meine zweite Geschichte zu recherchieren. Eines Mittags sitze ich am Blue Hole nördlich von Dahab, einem berühmten Tauchrevier. Es ist ein warmer Tag, Schwimmflossen werden angezogen, Katzen streifen umher, alles ist friedlich. Anruf aus der Redaktion: Allen sei sehr daran gelegen, dass ich nach Hause fliege.

Das Auswärtige Amt hat gerade eine Reisewarnung für die gesamte Sinai-Halbinsel herausgegeben. Im Internet ist zu lesen, dass der deutsche Geheimdienst von neuen Anschlagsplanungen in der beliebten Ferienregion erfahren haben will. Alles bleibt vage. Deutsche Reiseveranstalter beginnen damit, ihre Kunden zurück nach Deutschland zu fliegen. Bei einer Reisewarnung sind sie de facto dazu verpflichtet.


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Die Sicherheitslage in Ägypten ist angespannt.


Für mich stellt sich die Situation etwas bizarr da. Den Muslimbrüdern wird von den Leuten absolut zugetraut, diesen Anschlag verübt zu haben. Die Islamisten gelten als höchst gefährlich. Gleichzeitig versichert mir jeder Ägypter, es sei absolut sicher in Dahab. »Everything is quiet«, sagen alle. Es sind die Widersprüche einer staatlichen Doktrin, die eine Gefahr heraufbeschwört, die ja eigentlich nicht existieren dürfte.

Ich bleibe in Dahab und stelle fest: Man ist misstrauisch, auch gegenüber dem Westen. Die krudeste Verschwörungstheorie, die ich zu hören bekomme, geht so: Angela Merkel und die deutsche Regierung seien über die Entmachtung Mursis verstimmt gewesen; nun hätten sie, sozusagen als Rache, dafür gesorgt, dass das Auswärtige Amt eine Reisewarnung ausspricht, um dem Tourismus zu schaden. Ein rationales Gespräch, so kommt es mir vor, lässt sich kaum führen.

Einen Monat später werde ich auf der Reisemesse ITB in Berlin Zeuge eines absurden Auftritts: Der ägyptische Tourismusminister Hisham Zaazou wütet gegen das Auswärtige Amt. Es möge sich doch, bevor es irgendwelche Warnungen ausspricht, erst ein Bild der Lage machen. Bedenken bezüglich der Sicherheit werden theatralisch abgeschmettert: »We will take from our food what it needs for security«, ereifert sich der Minister.

Viele Ägypter dürften vor allem Angst haben, dass noch mehr touristische Orte Ziele von Anschlägen werden könnten. Das wäre für die Menschen eine Katastrophe. Schon die Bilder von blutigen Straßenschlachten in Kairo vor einem Jahr haben nicht gerade als touristisches Aushängeschild des Landes gewirkt. Eine Erholung ist seitdem kaum in Sicht.

»Momentan kommen die Gäste weniger und weniger«, erklärt Tamer el Mekaty. »Die Krise ist überall«, sagt Hesham Khattab. »Wir hoffen, dass es langsam aufwärts geht.« Ein Großteil der einfachen Bevölkerung habe nicht mit einer derart lang anhaltenden Unruhe gerechnet. »Man hatte Arbeit, dann hat es auf einmal aufgehört. Jeder ist betroffen, vom Hotelmanager bis zur Putzkraft.«


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Schleppende Geschäfte: Ägypten hofft auf mehr Touristen.


Ägypten blickt in eine unsichere Zukunft, trotz der Machtdemonstration der neuen Führung. Jedes Jahr werden 1,2 Millionen Kinder geboren. Das Land braucht – das ist in diesem Fall keine Floskel – Wachstum und Arbeitsplätze. Überall sieht man unfertige Häuser. Es macht keinen Sinn, zu sparen, wenn das ägyptische Pfund ständig an Wert verliert. Baumaterialien werden bloß teurer. Die Menschen bauen gegen die Inflation an.

Khattab schätzt, dass etwa 13 Millionen Ägypter direkt oder indirekt vom Tourismus abhängen. Wer eine Kreuzfahrt bucht und sich das Land anschaut, bemerkt schnell die Bedürftigkeit der Leute. Sie nimmt zu, je höher man den Nil hinauffährt.

Brigitte Biallas, eine deutsche Urlauberin, die mit ihrem Mann eine Woche auf dem Nil unterwegs ist, sagt am Ende der Kreuzfahrt: »Uns hat die Reise sehr traurig gemacht.«

Die Sehnsucht nach einer Ordnungsmacht, die Stabilität und Aufschwung bringt, ist in Ägypten allgegenwärtig. Al-Sisi hat die Meinungs- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt, überzieht kritische Journalisten mit langjährigen Haftstrafen, es herrscht rechtsstaatliche Willkür und ein Klima der Angst und Einschüchterung. Mubarak 2.0, und das bloß vorerst. Drei Jahre nach der ersten Revolution sind die Ägypter bereit, all dies in Kauf zu nehmen.

»Ein Großteil der Menschen will einfach Ruhe«, sagt Khattab. Damit es wieder aufwärts geht, damit die Touristen zurückkommen. Aus deutscher Sicht ist dieser Umstand vielleicht nicht gleich zu verstehen. Aber erst kommt das Fressen, dann die Moral, Berthold Brecht, der Aphorismus ist naheliegend.


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Wünschen sich endlich Ruhe: die einfachen Leute in Ägypten.


Auf der Fahrt zurück nach Sharm el-Sheik unterhalte ich mich mit dem ägyptischen Vertreter eines deutschen Reiseveranstalters. »Demokratie und Freiheit kann man nur sehen im Traum«, sagt der Ägypter, der nicht will, dass sein Name irgendwo auftaucht. »Demokratie und Freiheit bringen nur etwas für die reichen Leute. Was bringen mir Demokratie und Freiheit, wenn ich morgen nichts zu Essen habe?« So denken viele.

Die Ägypter wünschen sich heute eher eine stabile Regierung als Demokratie, fand eine Pew-Studie heraus.

Wir streiten dann noch, ob man die Entmachtung Mursis als Putsch bezeichnen kann oder nicht. Ich sage: ja. Er sagt: nein. Mir wird Voreingenommenheit vorgeworfen. Und wer will hier schon wem Lektionen erteilen?

Hat nicht »der Westen« mit seinem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak jegliche moralische Glaubwürdigkeit verloren? Ist nicht die kühle Machtpolitik der Westmächte, die mit den Begriffen Demokratie und Freiheit wedelt, pure Scheinheiligkeit?

Tourguide Khattab spricht gutes Deutsch. Nur ein Sprachbild gelingt ihm nicht: »Freiheit und Chaos, das ist ein dünner Faden.« Es ist klar, was er meint.


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Werbung am Kairoer Flughafen.


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Dahab, Sinai-Halbinsel. Hinter den Bergen Arabiens steigt die Morgensonne auf. Ich bin unterwegs, wieder einmal. Eine wahnsinnige Szene. Reisen macht glücklich? Ich glaube nicht. Aber das ist gar nicht schlimm.

Reisen macht nicht glücklich. Das ist die wichtigste Erkenntnis über das Reisen, die ich im vergangenen Lebensjahr gewonnen habe. Es klingt ziemlich negativ, das so zu sagen. Dabei ist es gar nicht so gemeint.

Ich bin vergangenes Jahr viel gereist: in den Libanon, nach Südamerika, nach Japan und Südkorea, nach Finnland oder Sierra Leone. Ich hatte die Möglichkeiten dazu. Je öfter man reist, umso selbstverständlicher wird es. Das ist ganz natürlich. Das gilt für alles, was man im Leben tut.

Ich habe mir in der sogenannten Travel-Blogger-Szene einen Namen erschrieben. Das ist schön, weil es zeigt, dass man irgendwie mit dem vorankommt, was man gerne macht. Man fühlt sich bestätigt in dem, was man tut. Aber was macht es für einen Unterschied?

In einem Interview mit Spiegel Online habe ich erklärt: »Das Unterwegs-Sein wird gerne als Sehnsuchtszustand verklärt. Nur die praktischen Reiseabläufe sind oft ermüdend und ernüchternd. Man stellt fest, das Reisen per se auch kein dauerhaftes Glück bedeutet, weil die euphorischen Momente wie sonst auch im Leben nur punktuell auftreten.« So ist es.

Für viele mag das deprimierend klingen. Wenn ich Leuten von meinen Reisen erzähle oder wenn sie davon im Internet lesen, dann folgen oft Kommentare wie »Beneidenswert« oder »Wahnsinn, wo du immer unterwegs bist«. Einerseits stimmt das.


Surfspot Blue Hole bei Dahab.


Andererseits habe ich mich auf Reisen oft schon ziemlich einsam gefühlt. Ich wusste an den schönsten Orten der Welt nichts mit mir anzufangen. Ich habe mir über das Für und Wider dieses oder jenes Lebensstils, dieser oder jener Entscheidung den Kopf zerbrochen statt einfach den Moment zu genießen.

Im besten Fall habe ich das Reisen wie im Rausch erlebt. Ich habe mich nicht mit mir selbst, sondern mit der Welt beschäftigt und dem, was sie zu bieten hat.

Aber nach fast jeder Reise kam irgendwann der Moment, in dem ich in meinem Zimmer in Berlin saß und mich gefragt habe: Was hat sich eigentlich verändert?

Diese Frage wurde nach meiner Reise nach Peru immer größer. Die Geschichte darüber handelt von diesem Widerspruch aus Erwartung und Enttäuschung.

In der Ferne, beim Sich-Treiben-Lassen spürt man nämlich sehr stark die Energie des Lebens. Zuhause am Abend in der eigenen Wohnung schrumpft die große Welt wieder zusammen. Als sei man nie wirklich weg gewesen.

Wie kann das sein?

Ich bin überzeugt, dass es ein Irrglaube ist zu meinen, das Reisen lade einen mit einer positiven Energie auf, mit der man sein Leben dauerhaft ändern kann. Das mag gelingen, wenn man wirklich lange fortgeht und sich in existenzielle Extreme begibt – ein halbes Jahr in ein Kloster in Asien, Wochen allein durch die Wüste, mit dem Segelboot über den Atlantik, eine Expedition auf einen hohen Berg.

Aber das gewöhnliche, zeitlich beschränkte Reisen macht aus dir keinen besseren oder glücklicheren Menschen. Es ändert meist auch nur wenig an deiner Haltung. Man trägt seine Sorgen und seine großen Fragen an das Leben im Rucksack durch die Welt. Im besten Fall vergisst man sie eine Weile. Aber sie verschwinden nicht.

Das klingt wie eine ernüchternde Erkenntnis. Aber zumindest für mich trifft sie zu. Die Möglichkeit, in ein Flugzeug steigen zu können, verändert überhaupt nichts.


Sonnenaufgang über Saudi-Arabien von Dahab aus.


Diese Feststellung ist keinesfalls so negativ, wie sie vielleicht klingt. Im Gegenteil. Sie ist von einem Bewusstsein getragen, das am Ende zu viel mehr Zufriedenheit führen kann als jeder Selbstfindungstrip in Südostasien. Ebenso wenig wie die große Backpacking-Tour ein life changer ist, sind es andere einzelne herausragende Erlebnisse wie zum Beispiel ein Bungee-Sprung, das lang ersehnte Auslandssemester in Soundso oder ein Sportwagen.

Es sind die Dinge, die wir jeden Tag tun, die den größten Unterschied in unserem Leben machen. Und die wirklich langfristig zu einer größeren Zufriedenheit mit unserem für sich genommen unfassbar privilegierten Leben beitragen. Es ist nicht das einmalige Erlebnis, das Außergewöhnliche, das Extrem. Sondern die Beständigkeit, das Alltägliche, die konstante Arbeit an sich selbst.

Es geht vor allem darum, negative Routinen abzustellen und Gewohnheiten zu entwickeln, die positiv zum täglichen Wohlbefinden beitragen. Meist sind das ganz profane Dinge: früher aufstehen, häufiger Menschen ansprechen, besser zuhören, sich immer nur einer einzelnen Sache mit voller Konzentration widmen.

Es geht darum, im Kleinen und Stück für Stück an seinen Interessen und Potenzialen zu arbeiten, um den sogenannten großen Zielen näher zu kommen. Dinge als richtig erkennen und sie dann umsetzen.

Es geht also um den gesamten state of mind, um die Haltung, die man gegenüber den Dingen entwickelt und die Art und Weise, mit der man den Alltag lebt. In jedem Moment. Das formt den Charakter. Alles andere ist Attitüde.


Dahab
Dahab, Happy Life Village.


Aber was ist nun mit dem Reisen anzustellen, wenn es langfristig gar kein so großer Glücksbringer ist?

Das Reisen zu lernen, heißt das Leben zu lernen. Es gibt keinen Unterschied.

Am Anfang schrieb ich: Reisen macht nicht glücklich. Man müsste vielleicht sagen: Die Möglichkeit, reisen zu können, macht nicht glücklicher als das normale Leben.

Natürlich, Reisen ist oft spektakulärer als der Alltag. Jede Form von Abwechslung und ungewohntem Erlebnis hinterlässt stärkere Erinnerungen als die monotone Abfolge von Aufstehen, Arbeiten, Essen und Schlafen.

Wahrscheinlich muss jeder die Frage, warum er irgendwo hinreist und nicht woanders hin oder eben überhaupt nicht, für sich selbst beantworten. Ich kann nur für mich sprechen: Ich sehe Reisen als wertvolle Bereicherung meiner gesamten Erfahrungswelt. Das geschieht auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Das Motiv einer Reise kann das Interesse an der Lebenswirklichkeit eines bestimmten Kulturkreises sein. Eine journalistische Recherche. Der Reiz, über körperliche Grenzen zu gehen. Das Bedürfnis nach Entspannung und Kontemplation. Der Wunsch, sich der Welt zu entziehen. Der Versuch, sich selbst zu finden (oder wiederzufinden). Ich denke, das sind gute Gründe. Aber das Reisen sollte nicht zum Sehnsuchtszustand verklärt und zur Glücksphantasie erhoben werden.

Wahrscheinlich sollte man jeden Tag beginnen wie die große Reise, von der man sich so vieles erhofft. So funktioniert es vielleicht irgendwann, gelassener und gleichzeitig fokussierter durch das Leben zu gehen. Mit wachem Verstand und offenem Herz statt mit Desinteresse und Zynismus. Seine eigene Bedeutung zurückzustellen vor der Größe und Fülle der Dinge, die einen jeden Tag umgeben. Mehr zu genießen statt in Endlosschleifen der Reflektion über sich selbst zu verharren.

Das gelingt mir noch lange nicht so oft, wie ich mir das wünsche. Aber es fällt eben nicht mit einer Reise vom Himmel. Es ist ein langer Weg.

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