Gambia

In Senegal und Gambia fährt der Reporter über staubige Pisten, verhandelt mit korrupten Grenzern, blickt auf den Ozean unter tief hängenden Wolken. Er schaut, spricht, notiert – und kommt am Ende bei sich selbst wieder an.

Berlin ist schön an diesem Mittwoch, man könnte es dort gut aushalten. Sonne unter den Linden, ein warmer Herbsttag. Trotzdem: Aufbruch. Der Reporter weiß nichts über den Senegal, und das ist im Prinzip der beste Grund, um dorthin zu fahren; zwei, drei »Geschichten machen«, wie das in der Reportersprache heißt.

In Tegel drängeln Reisende am Schalter, es hat eine Verzögerung gegeben, unangenehme Hektik. Die Leute murren: Das kann jetzt aber echt nicht wahr sein. Dann klappt doch alles, die Maschine hebt pünktlich ab.

Das Fliegen hat ja erst einmal überhaupt nichts Besonderes mehr. Oberhalb einer Höhe von 5000 Metern besteht die Welt nur noch aus graumelierten Oberflächen, Plastikessen und einstudierten Gesprächssimulationen. Aufgesetztes Lächeln begleitet die Abfolge klar definierter Handlungen. In jedem großen Flugzeug sieht es gleich aus, ob man nach Los Angeles fliegt oder nach Bangkok oder Dar es Salaam. Die Anzüge der Geschäftsreisenden, auch sie sehen gleich aus. Die Fliegerei im 21. Jahrhundert versinnbildlicht das große Missverständnis der Globalisierung. Economy oder Business, der neue Klassenkampf.

Den Iberia-Mittagsflug von Berlin nach Madrid kann man überhaupt nicht empfehlen, weil jedes Wasser auf diesem Zweieinhalb-Stunden-Flug etwas kostet und die Stewardessen sich darauf beschränken, unfreundlich zollfreie Zigaretten loszuwerden. Übergewichtige, spanische Frauen schieben sich wie in Zeitlupe durch den Gang und reagieren auf ein höfliches »Excuse me«, als habe ein wilder Affe sie angesprochen, das Ganze hat etwas Autistisches.

Madrid Barajas, ein Flughafen wie eine Stadt. Unterirdische Züge, unendlicher Raum, elektronische Werbetafeln, die wie Wasser von der Decke fließen.

Im Terminal S4, dem Terminal für die internationalen Abflüge, erst einmal einen Kaffee trinken. Ein halber Liter Wasser und ein akzeptabler Cappuccino kosten bei Ibéricos y Vinos 3,70 Euro. In der Auslage liegen Wurstspezialitäten, 150 Gramm zu 17 Euro. Also: Kaffee und Leute beobachten.

Er: massig, weiß, Glatze, ein schlecht geschnittenes Polohemd, die Goldkette baumelt hervor. Sie: schlank und hochgewachsen, schwarz, eine Schönheit. Was wollen so zwei in Afrika? Er, wahrscheinlich Diamanthändler, streckt die Brust raus. Sie, vermutlich Miss Angola oder Miss Liberia, redet kein Wort. Geliftete Society-Damen am Nebentisch. Ein Afrikaner breitet vor den Sitzreihen des Abfluggates ein großes, blaues Tuch aus und betet. Der erste Versuch, etwas loszulassen. Der Gedanke: Man lebt so sehr in seinem Kopf und so wenig im draußen.

Mit dem Betreten des Flugzeugs entsteht dann diese besondere Euphorie des Reisens, die es immer noch gibt. Es geht »in die Ferne«, nicht nur geografisch. Die Menschen an Bord sind fremder, keine Pauschaltouristen, keine Erasmus-Studenten auf Hauptstädte-Trip, dafür senegalesische Geschäftsleute in Satinhemden, andere in weiten Gewändern. Vorne am Notausgang reden drei Frauen auf Französisch miteinander. Alle nicht mehr ganz jung, alle ziemlich schön.

Der Reporter denkt: In Deutschland, in seiner gewohnten Umgebung, da kommt man sich so gescheit und souverän vor. Auf dem Interkontinentalflug von Madrid nach Dakar: nicht. Es gibt jetzt etwas zu trinken und auch ein Abendessen. Die Sonne geht unter als feuerroter Strich im Westen, unten taucht die Sahara in Schatten.


Madrid BarajasMadrid Barajas: ein Flughafen wie eine Stadt.


Anflug auf Dakar. Landen bei Nacht in einer Millionenstadt, zwischen tausend Lichtpunkten, die irgendwann zusammenwachsen zu Straßen und Häusern, das bleibt für immer in Erinnerung, da sollte man nie schlafen. Lieber beim Start, der wird überbewertet. Die Maschine taucht hinab in die Glocke, durch die unsichtbare Hülle, die die Flugverkehrswelt von der echten Welt trennt, hinein in den Moloch. Start und Ziel werden wieder in die richtige Beziehung zueinander gesetzt. Der Mensch ist geistig nicht für so schnelle Ortswechsel ausgelegt, er überwindet die Entfernung schlafend und erwacht irgendwo in Afrika oder Asien, das kann nicht gesund sein.

»Please keep your seatbelts fastened.« Dann: raus aus dem Flieger, rein in die tropische, heiße Nacht, die man sofort im Gesicht spürt und unter dem Hemd, und schon wieder hinein in einen Bus. Lange Schlangen vor der Passkontrolle, Menschen fächern sich Luft zu. Im Senegal, erzählt ein Mann aus Frankreich, müsse man bei jeder Ein- und Ausreise die Fingerabdrücke abgeben und die Pupillen scannen lassen, das sei ja wohl, pardon, der überflüssigste Scheiß der Welt. Der Reporter sagt dem Schalterbeamten, was er arbeitet, und kann einfach durchgehen.

Zweites Reporterglück: Jörn, Handelsvertreter aus Deutschland und auch gerade erst angekommen, hat schon ein Taxi organisiert. Der Weg zum Hotel sei bestimmt kein Umweg für ihn, sicher könne man zusammenfahren.

Der Flughafen Dakar-Léopold Sédar Senghor liegt im Norden der Stadt, es muss jetzt Richtung Süden gehen, nach Les Mamelles, dann ist alles in Ordnung, dort liegt das Hotel für die erste Nacht. Ein Irrglaube zerstreut sich auf der nächtlichen Autofahrt: Dakar ist gar nicht so ein schlimmer Moloch. Dakar ist anders als die Metropolen in Ostafrika, europäischer, es erinnert mehr an Marseille als an Lusaka oder Harare. Das Taxi brettert die Küste entlang.

Hotel du Phâre, Dachterrasse: Der Blick geht über die Häuser. Die Nacht ist sehr warm, sie wird es bleiben bis zum Morgen. Hitze liegt über der Stadt wie ein leichter Druck auf den Ohren. Über dem Hotel leuchten die Sterne. Zum Abendessen gibt es Fisch, der innen noch etwas roh ist. Da sitzt der Reporter nun und versucht überhaupt erst mal, einen Eindruck davon zu kriegen, wo er sich hier befindet. Ein La Gazelle bitte. Man muss ja direkt das lokale Bier bestellen, es schmeckt dann auch immer sehr gut, vermutlich weil man das Bier in den Tropen trinkt und das dann zwangsläufig gleich sehr gut schmeckt, wegen der Hitze und dem Geruch und dem Sirren der Insekten.

Die Haut klebt; wenn man über den Arm reibt, hat man kleine Dreckröllchen zwischen den Fingern. Der Hemdsärmel wischt über die Stirn, das Gefühl: sauzufrieden. Aber auch: Du musst deine Geschichten machen, viel Zeit hast du nicht. Ankommen und aufbrechen, das fällt an diesem Abend zusammen. Das Zimmer mit air condition kostet 28 000 CFA-Francs. Kann man machen.

Taxifahrt zum Busbahnhof Colobane. Es ist 5 Uhr, es ist unfassbar heiß. Ein paar Menschen sind schon unterwegs auf den Straßen. Die Männer kämen, erzählt der Fahrer, früh morgens zu Fuß aus den Vororten nach Central, um zu arbeiten. Die Männer kämen aus einer »bad neighbourhood«, sagt der Fahrer, und dann: »I not live in the ghetto.«

In Colobane brüllen die Leute durcheinander, klopfen auf Autodächer, verkaufen Obst, fahren sich beinahe um. Man wird sofort von einem Dutzend Fahrer umringt. Wer die besondere Mischung aus Aufdringlichkeit und Vertrauenswürdigkeit, diese Teufelskerlmischung, am ehesten verkörpert, kriegt den Zuschlag. Er führt den Reisenden dann zu einem Fahrzeug, die anderen lassen von ihm ab.

Der Reporter will in den Zwergstaat Gambia fahren für seine erste Geschichte, die also gar nicht vom Senegal handelt, und er fährt lieber gleich los nach Banjul. Das ist besser, hat er sich überlegt, als 300 Kilometer runterzubummeln, auf dem Rückweg mit dem Auto liegen zu bleiben, einen Tag nicht weiterzukommen und den Rückflug zu verpassen. Dann steht man dumm da, deshalb: Lieber gleich am ersten Tag die Strecke hinter sich bringen.

Die Fahrt mit dem sept place taxi, gängigstes und günstiges Überlandverkehrsmittel im Senegal, kostet irgendwas unter zehn Euro: Geht klar. Bis das Auto voll ist, dauert es noch eine halbe Stunde. Noch ist es nicht heller geworden. Ein Junge führt vor der heruntergelassenen Scheibe so lange die Hand zum Mund, bis sein Hunger glaubwürdig erscheint. Der Reporter kauft ein Bündel Bananen und teilt auf: halbe halbe. Zum Frühstück in aller Herrgottsfrühe hat der Hotelier hartes Brot vom Vortag serviert, darum ist es jetzt keine schlechte Idee, die Zeit bis zum Mittagessen mit Bananen zu überbrücken.

Wenn alles gut läuft, hofft der Reporter, ist er mittags schon am Ziel. In Gambia soll es tolle Strände geben, liest man. Und an den Strand fahren die Menschen erfahrungsgemäß gerne, also kann man, so der Plan, auch eine Geschichte über diesen Strand in Gambia machen.

Hinein in den Stadtverkehr. Kurz ausweichen, schnell überholen, stark bremsen, es geht natürlich alles heillos durcheinander. Im Kopfhörer läuft Rohff. Die am offenen Fenster vorbeiziehenden Straßenszenen fügen sich zusammen wie in einem Videoclip. Kleine Feuer am Straßenrand, Händler und Gambler. Ein Junge hat eine Ziege an einer Schnur. Tiere und Kinder gehen immer, das ist so eine alte Reporterregel, aber gleichzeitig auch großer Quatsch. Der Tag kriegt langsam Farbe, Dakar wird wach.

Es geht jetzt über die Autoroute N1 heraus aus der Stadt. Erst kommen die schmutzigen Häuser der Vororte, dann Touba Oil, Oilybia, eine große Raffinerie, Industriegebiet. Das Land flimmert am Horizont. Die Straße beschreibt einen Bogen um das Cap Vert und biegt nach Süden ab. Rechts muss das Meer liegen. Die Luft ist an diesem Tag, gegen Ende der Regenzeit, diesig. Weil der große Sonnenkörper hinter so viel Dunst liegt, kann man hineinschauen und ihm beim Aufgehen zusehen.

Das sept place fährt jetzt über Land. Tacho und Tankanzeige funktionieren nicht, am Rückspiegel baumeln Gebetsketten. Eine Stunde vergeht, zwei Stunden, man kann das nie so genau sagen. Die Hafenstadt Mbour: verschlafen. Ab Fatick wird die Straße schlechter, mehr Schlaglöcher. Dann kommt irgendwann Kaolack. Ein ramponiertes Hôtel de Ville. Es hat schon bessere Tage gesehen – das ist ein Satz, den man nicht mehr schreiben kann, denkt der Reporter. Der Fahrer tankt, Schmutz weht durch das Fenster herein. Raus aus Kaolack, weiter nach Süden, es ist kein Regen in Sicht, aber die Landschaft ist überschwemmt bis an die Straße heran. Knorrige Bäume ragen aus dem Wasser. Es gibt jetzt keinen Asphalt mehr auf der Straße. Die Erde liegt frei, rotbraun, gesäumt vom Grün der Pflanzen. Es geht auf Mittag zu, es wird noch wärmer im Auto.

Man muss die Hitze akzeptieren, das Schwitzen, das Ölige, den Dreck: Dann wird man eins mit dem Land, mit der Bewegung durch dieses Land, mit dem Reisen, dann lässt es sich ganz wunderbar auskommen.


Kaolack, SenegalFahrt durch Kaolack: Hitze und Staub.


Passi, Sokone, Tabakouta, dann endlich die Grenzstadt Karanga. Hier endet der Senegal, keine hundert Meter die staubige Straßen herunter steht man in Gambia.

Der Reporter begeht die erste Dummheit des Tages: Er läuft am immigration office vorbei und ignoriert die Rufe der Grenzsoldaten, weil er sie für feilschende Händler hält, von denen es an Grenzübergängen naturgemäß viele gibt. »Don’t go away if someone in uniform calls you«, wird gebrüllt. Die Soldaten sind aufgebracht: Der weiße Mann will einfach so über die Grenze spazieren. Was denkt er sich dabei? Ganz wichtig in einer solchen Situation: sich entschuldigen, zerknirscht dreinschauen, aber auf gar keinen Fall zu zerknirscht, den Blick der Männer halten. Kann ja mal passieren, alles halb so wild.

Im hintersten Raum der Grenzstation sitzt der Mann, der hier zu entscheiden hat, wer nach Gambia einreisen darf und wer nicht, der Chef-Grenzer. Auf seinem wuchtigen Schreibtisch liegen schmutzige Zettel, an der Decke dreht sich ein Ventilator. Die zweite große Reporterdummheit: Auf die Frage nach der »occupation« mit »journalist« antworten. Journalist also. Schweigen im Raum.

Es ist schnell klar: Das war jetzt gerade sehr dumm, das zu sagen. Der Chef-Grenzer legt diesen Gestus aus Autorität und Desinteresse an den Tag, der immer auf Korruption schließen lässt: gar nicht gut. Seine Augen wandern auf den Pass des Reporters, zehn Sekunden wird jetzt erst einmal überhaupt nicht gesprochen. Der Chef-Grenzer genießt das: hinhalten und undurchschaubar bleiben. Dann blickt er wieder auf, fixiert den Reporter und atmet einmal betont langsam ein und aus.

Warum wollen Sie nach Gambia? Urlaub. Sie kommen nicht als Journalist nach Gambia? Nein. Wie lange wollen sie bleiben? Drei Tage. So kurz? Ja. Kennen Sie jemanden in Gambia? Nein. Wo übernachten Sie? In Bakau. Das geht eine ganze Weile so. Es gilt jetzt, selbstverständlichste Gelassenheit auszustrahlen.

Sicher, man könnte dem Mann erklären, dass man als Journalist kommt, aber nur eine harmlose Reisereportage schreiben will, keine Undercover-Recherchen plant, um soziale Missstände oder Wahlbetrug aufzudecken, und das Ganze seinem Land sogar noch touristische Aufmerksamkeit bringt. Man kann das auch lassen.

Der Chef-Grenzer findet keinen Beweis, der gegen die Geschichte des kurzurlaubenden Reisenden spricht. »Don’t make photos, don’t speak with people. If you make your journalism, we will arrest you.« Damit ist das Verhör zu Ende. Der Chef-Grenzer haut den Einreisestempel in den Pass. »I give you three days.«

Taxifahrt nach Barras. Der Reporter, der behauptet hat, keiner zu sein, denkt: Glück gehabt. Nach seiner Reise wird er nachlesen: Das Mediengesetz in Gambia sieht für »rufschädigende Artikel« mindestens sechs Monate Gefängnis vor. Die Organisation Reporter ohne Grenzen führt Staatspräsident Yahya Jammeh in ihrer Liste mit »Feinden der Pressefreiheit«. Yahya Jammeh, das ist der Mann, der einmal behauptet hat, er könne Aids mit Handauflegen heilen und den Todeszeitpunkt eines Menschen durch einen Blick in dessen Augen voraussagen. Das Auswärtige Amt schreibt: »Verbale Attacken des Präsidenten gegen Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Minderheiten wie Homosexuelle sind an der Tagesordnung.« Am 16. Dezember 2004 wurde der regierungskritische Journalist Deydra Hydara mit drei Kopfschüssen hingerichtet. Er hatte gegen das neue Mediengesetz protestiert. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt.

Ein intelligent aussehender Mann bezahlt in Barras am Hafen die Fähre über den Gambia-Fluss hinüber zur Hauptstadt Banjul. Er scheint alle Menschen hier bestens zu kennen, obwohl er behauptet, vier Jahre nicht in Gambia gewesen zu sein, und das wiederum, obwohl er behauptet, dort Frau und Kinder zu haben. Dann lädt er den Reporter zu sich nach Hause ein, aber der muss ablehnen, weil: Die Zeit, die Zeit.

Die Fähre nach Banjul scheint sich kaum zu bewegen, sie wird fast eine Stunde brauchen. Schweißperlen auf dem Unterarm. Kühe stehen neben Jeeps. Dreck und Hautreste sammeln sich auf dem Arm, wahrscheinlich sieht man nur wegen des Staubs gebräunt aus. Die Fingernägel bekommen schwarze Ränder, ganz gleich, ob man etwas anfasst oder nicht. Die Kleider der Frauen sind wie immer bunt und absolut sauber, das ist dem verdreckten, verkrusteten, im Grunde schon zu Erde gewordenen Reporter ein Rätsel, wie das funktionieren soll.

Ein Satz für den Artikel: Jeder Reisende, der die Strände von Gambia sehen will, sollte gleich einen Direktflug nach Banjul buchen. Das Ufer wird größer. Auf der anderen Seite wartet die Geschichte, denkt der Reporter. Das Wetter hat sich eingetrübt, vielleicht regnet es noch.


Banjul, HafenVom Senegal nach Gambia: Geschäftigkeit im Hafen von Banjul.


Taxifahrt nach Bakau. Der Ort liegt ein paar Kilometer von Banjul entfernt an der Küste und ist einer der Touristen-Hochburgen in Gambia. Von dort aus, so hat der Reporter geplant, wird er diese Strand-Geschichte machen.

»Prevent HIV. Be faithful to your partner«, steht auf einem Plakat am Straßenrand. Banjul ist ein Nest. Das ministry of justice sieht aus wie ein schlechtes Klischee-Regierungsgebäude irgendeiner Bananenrepublik in einem James-Bond-Film: sandfarbener Putz, hölzerne Säulengänge, Veranda, Palmen, Soldaten mit Maschinenpistolen.

Die Wahl der Herberge ist, wenn man keinen supergeheimen Gemeintipp hat, ein Willkürakt. Die Bakau Lodge verspricht günstig zu sein. Sie wird von einer hohen Mauer mit einer schweren Metalltür umrundet. Die Anlage ist, weil die Hauptsaison noch nicht begonnen hat, offensichtlich gar nicht geöffnet. Ein Mann namens Omar öffnet nach lautem Klopfen die Tür und bittet herein. Er hat nur eine weite Stoffhose an. Ein Zimmer sei kein Problem, willkommen willkommen. Um einen kleinen Pool stehen sechs Bungalows, die eigentlich, wenn es hier nicht so gottverlassen wäre, ein einladendes Bild abgeben würden. Omar schließt eine Hütte auf, alles sieht »okay« aus, der Deal: 1000 Dalasi für zwei Nächte, das sind etwa 25 Euro.

Es ist früher Nachmittag: Erstmal das Gepäck ablegen, dann duschen, dann auf einen Plastikstuhl an den Pool setzen. Der Busbahnhof Colobane, war das heute oder gestern? Beim Blick in den gleißend weißen Himmel über diesem vollkommen ausgestorbenen Kaff irgendwo in Westafrika dann die erste Reporterkrise: Was mache ich hier? Wo ist die Geschichte? Wen wird das je interessieren? Komme ich hier wieder weg? Ist das alles nicht vollkommen sinnlos? Bin ich nicht völlig verloren?

Der Nachmittag zerstreut dieses Zerrbild der Wirklichkeit. Spätes Mittagessen mit Esther, Alex und Warren bei Mai’s Restaurant, einer klapprigen und deshalb von Anfang an sympathischen Bretterbude am Straßenrand. Moses, Besitzer und Chefkoch, macht Maafe: ein Reisgericht mit Hühnchen und einer Soße auf Erdnussbasis, quasi einen Afrika-Klassiker. Dazu gibt es Soda, alles für weniger als zwei Euro. Die drei Amerikaner erzählen, dass sie ein Semester in Dakar studieren – irgendein Austauschprogramm – und gerade einfach so herumreisen. Da es noch kaum andere Touristen in Bakau gibt, wird beschlossen, später gemeinsam zu Abend zu essen.

Der Reporter bricht auf, um seine Geschichte zu machen: rumlaufen, beobachten, mit den Leuten quatschen, einen Eindruck bekommen von diesem Ort. Die Notiz: Man muss nicht in einem teuren Hotel wohnen, man kann einfach hineinspazieren und sich hinsetzen und einen Drink nehmen. Sandstrand, Palmen, ein Gin Tonic. Die Sonne steht tief über dem Atlantik.

Später im warmen Abendlicht sieht die Bakau Lodge viel gemütlicher aus als in der heißen, harten Mittagssonne, und dann ist es auf einmal gar nicht schlecht, dass sich dort sonst niemand aufhält. Es wird dunkel. Mit den Amerikanern verbringt der Reporter den Abend bei einigen Jul Brew auf der Terrasse einer zusammengeschusterten Imbissbude. Die Küche bietet genau ein Gericht an: Kartoffeln mit Ei.


Bakau, Gambia
Bakau, Gambia
Bakau, GambiaPostkartenkulisse: der Sandstrand von Bakau.


Am Morgen ist die Luft dampfig. Frühstück mit den drei Amerikanern um 8 Uhr auf lehmigen Plastikstühlen, gleich vor der Haustür an der Straße. Schweres Grau hängt über den bunt gestrichenen Baracken von Bakau, feuchte Erde, Regenpfützen, über dem Ozean gewittert es: ziemlich perfekt. Es gibt Weißbrot mit Bananen und Schokoladencréme: »real Gambian breakfast«, sagt der Verkäufer.

Der Tag liegt vor dem Reporter wie die leere Seite seines Notizblocks. Eine seltsame Stimmung hat der Morgen, das hängt mit der Schwüle zusammen, mit der Feuchtigkeit in der Luft, die nicht unangenehm ist, das alles zieht den Reporter hinaus in diesen Tag, auf die Straßen und in die schmutzigen Gassen, in den Matsch und den Regen, auf die Märkte und in die ramponierten Kleinbusse, das treibt ihn über das Land, wo Menschen, Orte und Situationen vorbeiziehen unter dem schweren Himmel, sehr präsent und unvermittelt, als könnte das Auge alles gleichzeitig scharf stellen wie die Blende einer Kamera: das seltene Gefühl der Gegenwärtigkeit aller Dinge.

Fahrt zu viert zum Abuko Nature Reserve. Die Protagonisten, der Schauplatz, alles passt zusammen: wieder so ein Reporterglück.

Die Minibusse fahren ohne Zeitplan, es geht ins Landesinnere nach Serekunda, ins wirtschaftliche Zentrum Gambias. Das Restaurant McCeasars wirbt mit dem Slogan »Paris, New York, Banjul«. Umsteigen im Gewühl der Stadt: Rotbraune Pfützen auf der Straße, Menschen weichen Autos aus, springen zur Seite, streifen sich, rufen und fluchen, und die Annahme, hier als Weißer nicht aufzufallen, ist wieder so eine Chimäre, die man sich in der feuchten Tropenluft in den Kopf setzt

Die Taxifahrer streiten aggressiv darüber, wer hier nun wen fahren darf. Nur einer ist schlau genug, den Fahrgästen unauffällig zu winken und sie unbemerkt in sein Auto zu schleusen. Weiter zum Abuko Nature Reserve. Es soll das beliebteste Naturreservat des Landes sein, und das ist für die Geschichte des Reporters natürlich hervorragend.


Bakau, Gambia
Bakau, Gambia
Bakau, GambiaBaracken und Fischerboote unter einem grauen Himmel: Bakau am Morgen.


Der Tag vergeht mit dem Aufspüren der kleinen Begebenheiten und der großen Stimmung und mit der Frage, wie sich beides zusammenbringen lässt.

Der Reporter notiert skizzenhaft: Im Abuko-Reservat gibt es zwölf Hyänen, die in zwei getrennten Käfigen leben. Ansunjan, 36, zerhackt ein Schaf, um die Tiere zu füttern. Geier sammeln sich auf dem Zaun, sie wollen etwas abbekommen. Ein Nilwaran läuft über den Weg, teichgroße Netze mit glatten, großen, blauen Spinnen verknüpfen die Blätter der Pflanzen, durchgehend Vogelstimmen, Tropfen fallen aus den Bäumen, in den Kronen sitzen grüne Meerkatzen und Stummelaffen.

Der Oberboss-Affe, ein abgrundtief böser Guinea-Pavian, geht als Kinderschreck durch: Blickt man ihm durch die Maschen des Geheges zu lange in die Augen, faucht er und schart einem Sand entgehen. Der Zaun, der ihn von den Besuchern trennt, dürfte die sinnvollste Investition des Parks sein.


Abuko Nature Reserve
Abuko Nature Reserve
Abuko Nature Reserve
Abuko Nature Reserve
Abuko Nature ReserveWilde und gezähmte Tiere im Abuko Nature Reserve.


Zurück zur Küste: Ein bisschen rumfahren, und wenn nichts Spektakuläres passiert, ist das auch in Ordnung. Man kann nur notieren, was man sieht, und recherchieren, was es noch sehen gäbe, und das muss reichen. Alles ist nur eine Verknappung der Wirklichkeit, die Auswahl dessen, was wahrgenommen und aufgeschrieben wird, ist der eigenen Sicht auf die Welt geschuldet, ein Artikel also absolut subjektiv: keine neue Erkenntnis.

Man liest zum Beispiel, dass weiße Frauen in den Vierzigern nach Gambia fliegen, um mit jungen schwarzen Männern schöne Tage zu verbringen. Es geht dann auch darum, der Anerkennung für die darbende körperliche Attraktivität gegen gewisse Geldbeträge auf die Sprünge zu helfen, kurzum: Man liest immer wieder von Sextourismus in Gambia. Muss man das so schreiben? Wie weit gehen beide Seiten wirklich? Wer kann dazu Zahlen auf den Tisch legen?

Viele gambische Männer erhoffen sich von dem Arrangement, heißt es, ein Schengen-Visum. Ist das verwerflich? Antworten auf diese Fragen kann man kaum geben, ein Urteil ist noch schwieriger. Klar ist: Das Wort »Sextourismus« lässt keine Fragen mehr zu, es reduziert alle Graustufen dieses Phänomens auf einen besetzten Begriff. Der Reporter wird »Sextourismus« nicht schreiben, überlegt er sich. Er ist zurück in Bakau und muss alles aufschreiben.

Der Notizblock, der Beobachtungen und Bemerkungen konservieren soll, wird jeden Tag schmutziger. Die Seiten wellen sich, der Transport im Rucksack hat die Ecken abgeknickt.

Rumhängen vor Mai’s Restaurant bei Moses, wieder fällt etwas Regen. Reinsetzen geht nicht, dafür ist die Bude zu klein. Wenn man über die Straße auf den Ozean schaut, erscheint alles immer noch diesig und erdig, auf so eine seltsame Weise ästhetisch.

Ein Fünfjähriger hat eine super soaker in der Hand: natürlich ein Riesending. Warren füllt Wasser in den Tank, der Junge jagt nun seinen Freund und lacht viel.

Am Nebentisch sitzt ein alter Brite, der seit fünf Jahren in Gambia lebt, und schimpft auf die Korruption. Er hustet sich, rauchend, die Lunge aus der Brust und geht.

Um in Bakau alles gesehen zu haben, wird beschlossen, den Krokodiltümpel von Kachikally aufzusuchen. Schulkinder nehmen die drei Amerikaner an die Hand und führen sie von der Küstenstraße weg in die kleinen Gassen. Der Reptilienteich befindet sich in Privatbesitz, gleich nebenan steht ein lieblos eingerichtetes Museum mit vergilbten Fotografien aus der gambischen Geschichte, Eintritt 50 Dalasi.

Ein Mann namens Mohamed passt auf die Tiere auf. Er kennt die Touristen und ist natürlich ein ausgewiesener Sprücheklopfer, deshalb: den Notizblock bereithalten. Mohamed sagt: »They always fight for food and female.« Mohamed sagt: »Women are ugly, men are beautiful, normally it’s other way round.« Danke, Mohamed. Fotos machen, Hände schütteln, Abmarsch.

Es wird Abend in Bakau. Wie überall in den Tropen ist das so, als mache einer den Lichtschalter aus. Der Reporter hat sich von seinen Reisebegleitern verabschiedet, er ist wieder allein. Ein Bier von Moses, dann rüber zum Meer. Die Sonne schmilzt im Ozean, das Licht wechselt von gelb über orange zu rot. Überall sind Menschen, Stimmen gehen durcheinander, Kinder springen in die Brandung, auf den Grills brutzelt der Fisch. Irgendwann sieht man Sterne am Himmel.

Der Reporter sitzt auf den Stufen, die zum Strand führen, er hat geschaut und geredet, gesammelt und aufgeschrieben. Er hat die erste Geschichte »im Block«, das ist wieder so ein Journalistenausdruck. Total krass, das denkt er, wie schnell sich die Beziehung zu einem Ort verändert, wie die Zeit sich auseinander zieht: total seltsam, total gut.


BakauSonnenuntergang in Bakau.


Es geht jetzt wieder ums Fortkommen, ums Weiterkommen, der Reporter kann nicht noch eine Woche in Bakau bleiben und am Meer sitzen und in den wolkenverhangenen Himmel schauen. Abfahrt um 5 Uhr, zurück zur Grenze. Der Taxifahrer will 300 Dalasi bis Banjul, der Reporter fordert 200, am Ende sind es 250. Alles wie immer. Das Auto erreicht den Hafen, es ist noch dunkel. Nach einer halben Stunde legt die erste Fähre ab und bewegt sich wieder in Zeitlupengeschwindigkeit über den Fluss. Runter vom Schiff, rein in ein Taxi, ab zur Grenzstation.

Im immigration office hockt der Chef-Grenzer auf seinem Stuhl, er erkennt den Reporter wieder, dem er vor zwei Tagen den Stempel in den Pass gedrückt hat, den er darauf hingewiesen hat, dass für ihn ab hier die gambischen Gesetze gelten. Dieser Chef-Grenzer muss jetzt natürlich erst einmal das Gepäck kontrollieren: War klar. »Can I have a look?« – »Sure.« Es geht jetzt wieder um die Sache mit dem Blickkontakt. »Will I find something I don’t want to find?« Okay, Ansage.

Was wird er zu dem Notizblick sagen, fragt sich der Reporter. Wird er sich die Fotos anschauen, die Speicherkarte konfiszieren, oder – im schlimmsten Fall – irgendwelche subversiven, staatszersetzenden Absichten unterstellen und hier einen Riesenzirkus aufführen?

Ein fester Blick in die Augen, ein Lächeln. »You can look what’s inside, no problem.« Die Hand fährt über den Rucksack wie über einen gedeckten Tisch. Der Chef-Grenzer hat jetzt keine Lust mehr, weiter zu suchen. Der Reporter ist zurück im Senegal.

Ein Sept-Place in Richtung Dakar ist schnell gefunden, es geht erstmal die Strecke zurück, die es vorher herunter ging. Der Reporter studiert die Karte: Für die zweite Geschichte muss er die Hauptstraße verlassen in Ndiosmone, irgendwo zwischen Fatick und Mbour. Die zweite Geschichte soll über das Saloum-Delta sein, ein riesiges Feuchtgebiet an der senegalesischen Atlantikküste, wo es viele Vogelarten gibt und Mangrovenwälder und kleine Boote, Fische, Muscheln, Sandbänke und Lagunen, wo es sich also absolut lohnt, als Tourist hinzufahren, wenn man im Senegal ist. Außerdem, das ist der praktische Teil des Plans, liegt das Saloum-Delta genau zwischen Dakar und Gambia: ein großer Vorteil für den Reporter, der auch nach Saint Louis hätte fahren können und zum Djoudj-Nationalpark, aber dafür wäre keine Zeit gewesen.

Ndiosmone ist kaum zu erkennen: paar Bretterbuden, eine Kreuzung. Mit einem überladenen Bus weiter nach Fimela, dann nach Ndangane. Man muss sich von einem Dorf zum nächsten vorarbeiten. Das Reisen außerhalb der Großstädte hat etwas Landstreicherhaftes, denkt der Reporter. Er sitzt hinten auf einem zerrissenen Polster. Irgendwann geht der Motor aus und springt nicht wieder an, alle müssen umsteigen in einen anderen Bus. Irgendwann kommt Ndangane.

Die Auberge Bouffe: Man biegt ab von der Hauptstraße, fährt über eine Lehmpiste, und dann sieht man, direkt vor dem Fluss, sieben Bungalows auf der linken Seite. Auf der Terrasse vor der Bar, die auch die Rezeption ist, trifft der Reporter in der tropischen Bullenhitze Afrikas zwei Schweizer: Bruno und Barbara, die Besitzer der Pension. Sie trägt das Haar kurz geschoren, er eine Art Schlafanzug. Erst mal hinsetzen auf der Veranda, ein bisschen erzählen, was trinken. Bruno macht Kaffee. Er redet so schön in dieser Schweizer Mundart: ein bisschen niedlich, immer ernsthaft. Der Reporter fühlt sich gleich sehr wohl an diesem Ort. Barbara und Bruno, da ist wieder das Reporterglück, kennen sich aus in der Region. Vor vier Jahren sind sie in den Senegal ausgewandert, davor hatten sie zehn Jahre ein Hotel an der italienischen Adria-Küste.

Der Reporter fragt sich nun die berechtigte Frage: Sitzt er hier möglicherweise vor zwei Hippies, die sich einen Aussteiger-Film fahren? Irrtum: Wenn du im Senegal ein Gästehaus am Laufen hast, kannst du kein Hedonist sein, der den ganzen Tag nur herumkifft.

»Du lernst kochen auf dem Markt, bei den Fischern«, sagt Barbara. Sie kaufe nur frische Zutaten aus der Umgebung, der Fisch kommt aus dem Fluss in die Pfanne. »Nach Mbour fahren wir nur für das Katzenfutter.« Meist schickten sie einen Angestellten der Pension mit einer Liste los, wenn es etwas nicht gibt in Ndangane. In Ndangane, erfährt der Reporter, gibt es aber eigentlich alles. Auch Medizin? Vieles liefert die Natur, sagt Barbara: »Baobab statt Imodium.«

Der Reporter erzählt nun, dass er eine Geschichte über das Delta schreiben will und schildert die Situation: dass er leider wenig Zeit hat, nur diesen Nachmittag und morgen früh, weil er abends wieder in Dakar sein muss, dass im Prinzip also nur zwei halbe Tage bleiben für eine Story. Es fädelt nun Barbara, die hier seit vier Jahren lebt und arbeitet, die in Ndangane jeden kennt und die eine Frau ist, die Dinge erledigt kriegt, folgenden Deal ein: Der Reporter möge mit Abu, einem guten Bekannten, auf das Delta rausfahren, heute und morgen früh, da bekomme er genug zu sehen für seine Geschichte: die Mangroven, die Vögel, einen Gottesdienst, ein Austern-Picknick, das alles gegen einen Festpreis von 50 000 CFA-Francs.

Nicht so günstig, denkt der Reporter. Andererseits: Er will auch nicht den unentspannten Traveller raushängen lassen, der aus einem zweifelhaften Selbstverständnis heraus alle Preise gnadenlos zu drücken versucht. Ortsunkundig einen günstigeren Bootsfahrer aufzutreiben kostet außerdem Zeit. Und am wichtigsten: Die gute Geschichte liegt hier auf der Hand – also abgemacht.

Es ist Spätnachmittag, als die Piroge vom Steg neben der Herberge ablegt. Das Boot ist blau gestrichen, die Farbe platzt überall ab. Wolken hängen über dem Saloum-Delta, dahinter scheint die Sonne, das sieht man. Der Michglashimmel zieht die Sättigung aus der Landschaft: schlecht für die Bilder. Abu steuert das Fischerboot über den Strom, durch die Mangroven, um Sandbänke herum. Senegalesische Touristen sind an Bord, sie tragen orangene Schwimmwesten und haben Ferngläser. Auf einem T-Shirt steht: »Avec Jesus ressuscite, soyons artisan d’un monde meilleur.« Der Reporter sieht Flamingos, Pelikane, Störche; Vögel, die er noch nie gesehen hat. Das gleißende Licht spiegelt sich im Wasser.

Die Sonne steht jetzt so tief, dass sie unter den Wolken hervorscheint: Das Grün der Mangroven leuchtet, darüber der graue Himmel. Es gibt nichts Schöneres in der Natur als diese Verbindung aus Grün und Grau, die immer entsteht, wenn es in der Nähe gewittert und von irgendwo anders her die Sonne scheint. Warum? Schwer zu sagen. Vielleicht wegen der Gleichzeitigkeit der Gegensätze: das Beschwerliche und das Leichte, Angst und Zuversicht, Glück und Tragik. So sind die Dinge. Furchtbar pathetisch, denkt der Reporter, das kann man nicht in eine Zeitung schreiben.

Abu macht den Motor aus, es wird still. Über den Mangroven spannt sich ein Regenbogen auf. In der Ferne, an der Grenze zwischen Delta und Ozean, donnert es. Als die Piroge Ndangane erreicht, ist es dunkel.


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DSC_0609Kompositionen aus Grün und Grau im Saloum-Delta.


Abends im Saloum-Delta. Bei Bruno und Barbara scheint Licht auf der Veranda. Fritzl, die Katze, jagt Hornkäfer, die von den Lampen an der Decke auf den Boden stürzen. Da sitzen die zwei Schweizer und haben Krabbenmus, Dorade in Honigsoße und Mangosorbet aufgetischt: unschlagbar. Es ist heiß, die Haut klebt unter dem Hemd. In der Ferne zucken Blitze, über dem Ozean gewittert es. Ruhig wie in einem Vakuum werde es dort, an der Grenze zum Atlantik, wenn ein Sturm aufzieht, sagt Bruno. »In der Regenzeit fegen Tropenstürme von Kaolack aus über das Delta«, erzählt Barbara. Dann fange hier alles an zu schimmeln, sogar das Geld im Portemonnaie. Die Feuchtigkeit sei ein Problem, aber sie hätten einen guten Handwerker, der unheimlich viel kifft, der im Prinzip durchgehend kifft, aber die Flachdächer der Bungalows erstaunlich gut repariert und trocken hält. »Wir haben uns immer gefragt, warum der so fröhlich ist«, sagt Bruno.

Nach dem Essen will der Reporter noch einmal dem Wesen des Landes auf die Spur kommen: Was kann man über den Senegal erzählen? »Die Begrüßung ist hier ganz wichtig, der Abschied geht einfach so.« Bob Marley ist ein Volksheld. Moslems und Christen leben friedlich zusammen. Es ist wieder so, als könne man die Hitze hören, wie einen Tinnitus. Blick in den Himmel: »Wir haben gar nicht so viele Wünsche, wie wir Sternschnuppen haben«, sagt Barbara, und das ist ein Satz, in dem viel zu finden ist, denkt der Reporter.

Frühstück in der Auberge Bouffe: Kaffee als Sehnsuchtsmoment in der Ferne. Ein Tisch ist gedeckt, Bruno und Barbara sind nicht da. Rucksack packen, Aufbruch um 9 Uhr. Es ist nicht Abu, der den Reporter heute Vormittag mit auf das Delta nehmen wird, sondern sein Bekannter Alpha, 25, und dessen 11-jähriger Bruder Sekou: auch gut.

Alpha, stellt sich heraus, spricht etwas besseres Englisch als Abu, man wird also miteinander reden können. Die folgenden Stunden bis zum frühen Nachmittag bringen wie erhofft die Geschichte: Ein Gottesdienst auf Mar Lodj, heilige Bäume, an denen Milch und Kuhblut geopfert werden, eine verwitterte Kirche, 150 Jahre alt, Muscheln im Zement, Pirogen und Mangroven, Vögel und ein Kaiman, Picknick auf einer Sandbank, es gibt natürlich wieder Fisch. Ein Grill, eine Decke, drei Doraden. Der Wunsch, besseres Französisch zu sprechen.

Es regnet etwas auf der verlassenen Insel, aber nicht lange. Der Tag ist bunt und grau, die Sonne scheint von Süden, über dem Meer im Westen liegen schwere Wolken. Der Reporter würde gerne bis zum Frühling unter den Bäumen im Sand liegen, aber er muss zur Eile mahnen, weil die afrikanische Grundregel, dass das, was heute nicht passiert, eben morgen stattfindet, nicht greift, wenn man ein Flugzeug zu erwischen hat, das morgen Abend von Dakar aus fliegt.

Sekou steuert also zurück nach Ndangane, und Alpha bereitet in der schwimmenden Piroge stark gezuckerten Tee zu. Heiße Asche aus dem kleinen Grill landet auf dem Arm des Reporters, er muss laut schreien. Sekou fängt an zu lachen und hört auch nicht auf, als der Reporter herüberschaut, und dann lacht der Reporter auch, weil er das entspannt findet, dass Sekou so unverfroren lacht und vielleicht auch deshalb, weil das mit der zweiten Geschichte so gut geklappt hat, weil er alles dafür beisammen hat.

Nachmittags irgendwo nördlich des Saloum-Deltas. Der Reporter hat sich von Bruno und Barbara verabschiedet und einen Bus erwischt, der direkt nach Dakar fährt. Fast jedes Auto ist ein öffentliches Verkehrsmittel, man kann einfach fragen, wohin es geht. Es wäre naiv zu glauben, ein Fahrzeug stelle seine Transportdienste einem einzigen Menschen zur Verfügung: völlig unwirtschaftlich. Der Reporter versucht nun zu verstehen, was in den letzten Tagen passiert ist. Wie lange ist er unterwegs? Einen Tag oder eine Woche? Einen Monat?

Es gibt Phasen im Leben, denkt der Reporter, da verdichten sich die Ereignisse auf der Zeitleiste ganz stark, oder andersherum: Die Zeit dehnt sich aus. Es sind wohl die guten Zeiten, an die man sich erinnert, das erscheint hier schlüssig, auf der Buckelpiste zwischen Ndangane und Joal Fadiout. Tiefe Furchen und Schlammpfützen durchsetzen die Straße. Der Reporter sitzt in dem klapprigen Bus, der oft Schrittgeschwindigkeit fährt, wie in einem Boot, als Europäer zwischen 30 Afrikanern, ganz selbstverständlich, als habe er nie etwas anderes getan, als mit einem Schrottbus durch den westafrikanischen Busch zu fahren und darüber Geschichten zu schreiben. Im Kopfhörer singen Amadou und Mariam: »Jouez-jouez, dansez-dansez, chantez-chantez«. Das Gefühl, schon eine Ewigkeit fort zu sein.

Mehr als eine Stunde braucht der Bus für die 30 Kilometer bis nach Joal an der Küste, von dort geht es hoch nach Mbour. Man merkt, dass der Ozean nah ist. Wenn Menschen am Straßenrand winken, schlagen die zwei Männer, die während der gesamten Fahrt nach Dakar außen am Bus hängen, so lange gegen das Blech, bis der Fahrer anhält. Tür auf, Tür zu: Die Leute rutschen noch enger zusammen. Es ist stickig und heiß, die Sonne scheint den ganzen Tag. Der Reporter fühlt sich rein, obwohl er schmutzig ist; wach, obwohl er seit Tagen zu wenig schläft. Die Dinge laufen jetzt von selbst, so angenehm normal. Die Sonne sinkt über dem Atlantik, alles kriegt diesen Gelbstich. Noch eine Stunde vergeht. Vor Dakar wird der Verkehr dichter, das Halten im Stau häufiger.

Der Reporter sitzt ganz hinten, direkt am Asphalt, denn die Tür steht jetzt die ganze Zeit offen. Die Straßen sind laut und hektisch, es wird dunkel. So viele Gesichter im Schatten. So viel um einen herum, dass man nur beobachtet und an nichts mehr denkt: Das ist selten so. Erdnüsse und Orangen gehen rum. Die Frau gegenüber fragt: »Tu n’es pas au Senegal pour la première fois, non?« Doch, sagt der Reporter, und es ist genau die Stimmung, die über diesem Tag liegt.

Im Gewühl des Verkehrs müssen alle Fahrgäste den Bus wechseln. Der Rucksack des Reporters wird von einem Dach auf ein anderes umgeladen. Irgendwann kommt Colobane: Endstation.

Fahrt nach Süden in Richtung Place de l`indepéndance über die Halbinsel, auf der Downtown Dakar liegt. Bis der Taxifahrer das Hotel Sokhamon findet, hält er dreimal an und fragt nach dem Weg, obwohl er behauptet hat, ihn ganz sicher zu kennen. »C’ést près d’ici«, ruft der Reporter müde gestikulierend vom Rücksitz, »Avenue Nelson Mandela, Avenue President Roosevelt.« Endlich, gefunden. Es ist nach 22 Uhr.

In einer deutschen Großstadt wäre das Sokhamon vom Preis her ein mittelteures Hotel, der Bau modern-deprimierend, und im Restaurant gäbe es etwas Deftiges mit Fleisch, das nicht so gut schmeckt. Das Sokhamon in Dakar ist groß und dunkel, im Foyer stehen schwere steinerne Tische und ockerfarbene Säulen, die Wände sind mit schwarzem Tropenholz vertäfelt. Im Grunde hat man einfach alle Stile miteinander vermischt: Das Hotel sieht aus wie die Freizeitpark-Interpretation eines orientalisch-afrikanischen Palastes. An diesem späten Sonntagabend ganz entscheidend: Für 48 000 CFA-Francs bekommt der Gast ein klimatisiertes Doppelzimmer, weiße Bettlaken, ein sauberes Bad und durchgehend fließendes Warmwasser. Der Reporter, der über das Land gefahren ist durch die heiße Sonne und durch den Staub, der schwitzt, klebt, ölt, nimmt nun eine sehr lange Dusche.

Wer nicht bereit ist, umgerechnet 70 Euro für ein Zimmer auszugeben, sollte sich zumindest zur rückseitigen Freiluftbar auf die Terrasse begeben und ein oder mehrere Drinks einnehmen. Man schaut auf den Atlantischen Ozean, man hört die Wellen und sonst nichts. Kellner in weißen Schürzen servieren das Abendessen: Dorade und Krabbenmus. Der Reporter hat vergessen, dass der Fisch in einem Hotel dieser Preisklasse keine Gräten mehr hat. Er isst und trinkt einen Schluck Bier, nimmt noch einen Schluck und isst.

Die vergangene Woche läuft ab wie ein Videoband, das man vorspult, und das hier an diesem Ort an der Südspitze Dakars wieder auf die normale Geschwindigkeit heruntergedreht wird. Der Reporter sitzt still unter dem vollen Mond, ein silberner Lichtstreifen liegt auf dem Meer. Nur die Brandung rauscht angenehm monoton vor sich hin. Tiefer, traumloser Schlaf.

Der letzte Tag bricht an, abends geht die Maschine zurück nach Deutschland. Es ist Zeit für die letzte Geschichte, die man jetzt, wo alles bisher so saugut geklappt hat, machen kann, aber nicht mehr machen muss: eine Geschichte über die Ile de Gorée, zwei Kilometer draußen auf dem Ozean, über die Sklaveninsel, die zwar, wie man erst spät herausfand, historisch keine große Rolle gespielt hat im Sklavenhandel, aber als legitimes Symbol dafür weiterhin eine große Bedeutung beansprucht. Viele Afroamerikaner kommen, die Biografie von Barack Obama in der Manteltasche, herübergeflogen, um auf Gorée nach ihren Wurzeln zu suchen. Die Insel ist das beliebteste Ausflugsziel in Dakar, ein knallhartes journalistisches Kriterium. Ein Tag dort reicht, um einen Eindruck zu kriegen und etwas schreiben zu können, das ist aus ganz praktischer Sicht für den Reporter wichtig. Also: auf zur Ile de Gorée.


Ile de Gorée
Ile de Gorée
Ile de Gorée
Ile de GoréeIle de Gorée.


Dakar am Tag ist gleich sehr angenehm. Viel Sonne, viele Menschen, viel Verkehr um den Place de l`indepéndance. Dort ein Frühstück: Café au lait und Thunfisch-Sandwich. Zu Fuß zum Hafen. In der Wartehalle läuft melancholische Popmusik, an den Wänden hängen alte Fotografien der Stadt. Ein Junge filmt sie mit seiner Handykamera ab.

Auf der Fähre nach Gorée dient sich dem Reporter nun der zwielichtige Touristenführer und »local artist« Moustafah an, ein einträgliches Geschäft witternd. Eigentlich ist es das erklärte Ziel jedes brutal spießigen Travellers, einen Führer abzuschütteln oder gar nicht erst einem zu folgen, weil das eben total touristenmäßig ist, aber für den Fall, dass man keinen blutleeren Reiseführertext schreiben will, ist so ein Sprücheklopfer, so ein aufgekratzter Tunichtgut natürlich wunderbar. Am Ende muss man den Preis für die Führung zwar hartnäckig herunterhandeln, aber dafür erfährt man Dinge, die man nicht auch im Internet nachlesen kann.

Die Ile de Gorée ist ein angenehmer Ort. Der Reporter besucht das Maison des Esclaves, das Sklavenhaus: Von dort sollen hunderttausende Sklaven aus ganz Afrika in die Vereinigten Staaten verschifft worden sein, was angesichts der zerklüfteten Felsküste, an der unmöglich Schiffe halten können, zumindest einigen Anlass zum Zweifel bietet. Moustafah, der Mann ohne Schneidezähne, redet und erzählt.

Irgendwann erklärt der Reporter, er wolle noch ein wenig alleine umhergehen und schauen. Murren, ein Handschlag, Verabschiedung. Gorée ist nicht groß, zehn Minuten sind es von einer Seite der Insel zur anderen. Bald hat der Reporter alles gesehen, alles notiert, er kann sich hinsetzen auf den Stufen in einer Gasse und erstmal nichts tun.

Der Mittag brennt sehr heiß, das Hemd ist zum zweiten Mal durchgeschwitzt. In den Gassen steht die Hitze, aber es ist schattig. Gorée ist der maximale Gegensatz zu Dakar: keine Autos, zeitlose bunte Kolonialhäuser, Ruhe. Der Reporter bestellt in einem kleinen Restaurant am Hafen Fisch, danach crèpe choco und Espresso. Der Notizblock mit den eingeknickten Ecken, der auf der Reise immer wieder feucht geworden ist und dann wieder trocken, liegt auf der Tischdecke. Die letzte, halb beschriebene, nach oben gewellte Seite wippt in dem leichten Wind, der nach See riecht und die sehr blond gewordenen Haare auf dem Unterarm hin und her bewegt. Das Bild stimmt jetzt, denkt der Reporter, für den Moment muss man nicht zurückschauen und nicht nach vorne. Noch eine halbe Stunde, dann geht die nächste Fähre zurück, es ist Nachmittag geworden.

Zurück am Hafen. Der Fußweg zum Hotel dauert eine halbe Stunde. Die Schatten in den Straßen sind schon groß, die Stadt ist wühlig wie am Morgen. Auf dem Bürgersteig fallen plötzlich Männer auf den Asphalt und ziehen ihre Schlappen aus. Der Muezzin ruft zum Gebet: Wieder so ein Satz, den man nicht mehr schreiben kann, weil er so schrecklich nach Frauenmagazinprosa klingt. Der Reporter verliert irgendwann leicht die Orientierung. Einfahrten mit schweren Toren, wenige Autos, viel Wachpersonal: vermutlich das Diplomatenviertel. Dann trifft die Straße auf die Küstenlinie, der Weg ist jetzt klar, denn das Sokhamon liegt direkt am Meer.

In der Lobby singt Whitney Houston »One Moment in Time«, am Abend zuvor lief das gar nicht schlechte Tp2.com von Schmusepop-Ikone R.Kelly. Der Reporter hat sein Zimmer schon am Morgen geräumt, der große Rucksack steht an der Rezeption, in zwei Stunden fährt das Taxi zum Flughafen. Auf der Terrasse mit dem Meerblick sind keine Hotelgäste, nur das Personal sitzt im Schatten herum. Der Kellner ist sehr schick angezogen und hat sehr schlechte Zähne. Er fahre jede Woche von Mbour hinauf, um hier zu arbeiten, erzählt er, um Geld für seine Familie zu verdienen.

Der Reporter setzt sich auf eine Holzbank. Die Sonne steht tief über dem Ozean, der Whirlpool blubbert, dahinter rauschen die Wellen, alles andere ist wahnsinnig weit weg. Jetzt ein Martini Dry, einfach das letzte Geld verpulvern für einen ordentlichen Drink, der auch gleich mit einer Schale Oliven serviert wird, und dann noch einen Drink nehmen. Die Eiswürfel schmelzen langsam herunter, das Sonnenlicht ist warm auf der Haut.

Der Reporter, der diese Reise machen wollte, der in ein Flugzeug gestiegen ist, der sich Geschichten überlegt, eine Route ausgetüftelt, alles erlebt und aufgeschrieben hat, der nun am letzten Abend in so einer diffusen Wohlfühllaune vor dem sonnenbeschienenen Ozean sitzt – er fängt auf einmal an zu lachen, und er lacht mindestens eine Minute lang dieses sorglose und unreflektierte Lachen, wie wenn man mit sehr guten Freunden über eine sehr witzige Situation in der Vergangenheit lacht. Der einfache Gedanke: Es ist alles passiert. Was am Anfang nur ein schwammiges Bild im Kopf war, ist Wirklichkeit geworden.

Taxifahrt zum Flughafen. Vor dem untergehenden Abendrot zeichnen sich die Silhouetten der Jogger ab, die jetzt, da die Sonne nicht mehr brennt, die Küste entlang laufen. Das hier ist der Senegal, denkt der Reporter, morgen ist wieder Berlin. Er notiert: Du gehst fort, suchst das Weite, das Fremde, und wenn du wiederkommst, dann bist du dort, an dem Ort, wo du wohnst, so präsent, so da, wie selten zuvor. Das ist es, was es mit dem Reisen auf sich hat: Du kannst mehr teilnehmen an den Dingen, die passieren, aber du schaust auch klarer von außen drauf.


Dakar
Dakar
DakarFortgehen und Wiederkommen: Abschied von Dakar.

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