Kamerun

In den Tiefen des Kongobeckens, im tropischen immerfeuchten Regenwald Zentralafrikas, im Lobéké-Nationalpark in Kamerun, dort liegt das Herz des Waldes. Es birgt ein mächtiges Geheimnis.

Die Erde strahlte. Immer wenn die schiefergrauen Wolken die Sonne freilegten, strahlte die Erde intensiv rotbraun, so wie sie das meiner Erfahrung nach nur in Afrika tut. Motorroller, ramponierte Autos und die schweren Trucks der Holzfirmen rumpelten über die Erde, die hier gleichzeitig die Straße war. Die meisten Wege in Yokadouma sind nicht asphaltiert.

Die Provinzstadt im Osten Kameruns mit ihren modrigen Häusern und zusammengeflickten Baracken war unser letzter längerer Halt, bevor es endgültig in die Wildnis der immerfeuchten Tropen ging, nach Süden ins Niemandsland zwischen Kamerun, Demokratischer Republik Kongo und Zentralafrikanischer Republik. Kaum eine Region liegt der Zivilisation ferner. Darin lag die Verheißung.

In Yokadouma waren noch einige Besorgungen zu machen, Dinge abzusprechen, Sachen zu organisieren. Wir brauchten genug Verpflegung, Fahrer und Helfer, und sicher musste auch noch über die eine oder andere Absprache verhandelt werden, die bislang mehr den Status einer vagen Absichtserklärung gehabt hatte.

Was war das eigentlich für ein irrer Plan, den wir gemacht hatten für diese Reise? Wir wollten in den südlichsten Zipfel Kameruns, in den Regenwald des Lobéké-Nationalparks, um Waldelefanten und Flachlandgorillas zu sehen, und wir wollten sogar hinüber in die Zentralafrikanische Republik, ins Dzanga-Sangha-Reservat, wo die Tierbeobachtungen noch spektakulärer sein sollten.

Hunderte Elefanten kommen in dem Schutzgebiet auf weiten Lichtungen zusammen, um spezielle Mineralien aus dem Boden zu saugen, ein Arche-Noah-haftes Naturschauspiel an einem der entlegensten Orte des afrikanischen Kontinents. Es gab aber ein Problem: In der Zentralafrikanischen Republik herrschte Bürgerkrieg. Wir wussten das, gingen aber grundlos davon aus, dass ein Besuch jenseits der Grenze dennoch möglich sein würde.

Man konnte sich schon in Yokadouma die Frage stellen, welche Erfolgsaussichten für dieses Unterfangen bestanden. Allerdings, wir hatten eine Einladung der Sangha-Lodge in Bayanga, die unseren Besuch erwartete. Die Visa für die Zentralafrikanische Republik waren noch kurz vor der Reise über Brüssel beschafft worden, sie zierten nun tatsächlich unsere Pässe. Das Projekt war sozusagen abgesegnet, aber man fragte sich, welcher Beamte dieses zerfallenen Staates die Befugnisgewalt ausübte, während das Land sich in Kämpfen zwischen den islamischen Séléka-Rebellen und christlichen Anti-Balaka-Milizen aufrieb.

Noch bizarrer war der Anlass unserer Reise: Das Fremdenverkehrsamt wollte uns Journalisten und Reiseveranstaltern das touristische Potential Kameruns unten im Regenwald von Lobéké vorführen. Kein europäischer Tourist würde je dorthin fahren, solang es für das Grenzgebiet eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gab. Doch das Programm der Reise war nicht geändert worden.


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Ab Yokadouma führte die Straße nach Süden bis zur Grenze zum Kongo. Sie hatte natürlich keinen Asphalt und durchschnitt den tropischen Regenwald über eine Distanz von mehreren hundert Kilometern. An der Straße lagen vereinzelt Dörfer von Pygmäen, wobei der Begriff schwierig ist.

Feststeht, dass diese Menschen kleingewachsener sind als die Bantu-Völker der Region und den Wald so gut kennen, wie kaum jemand sonst. Diese Menschen schauten unseren Autos scheinbar hochkonzentriert, aber irgendwie auch komplett apathisch hinterher. Wir waren, wie immer, viel zu spät losgekommen, aber was war das für eine Herangehensweise? Zu spät für was? Hier zeigte sich wieder einmal das grundlegend andere Verständnis von der Zeit, das in Afrika herrscht. Dinge passieren nicht zu einer vorher abgesprochenen Uhrzeit, sondern dann, wenn alle nötigen Bedingungen sich eingestellt haben, wann immer das sein mag.

Wir mussten ziemlich merkwürdig aussehen, wie wir angestrengt in unseren Autos nach Süden fuhren, mehr noch rutschten. Wer waren wir? Die rasenden Reporter? Was gab es dort unten im tiefsten Regenwald so Wichtiges zu tun, dass man es derart eilig haben konnte? Allein das Wort Zeitplan war ein hohler Begriff in diesem Teil der Welt, eine abstrakte Hülle. Als könnte man die Zeit in ein mathematisches Raster fügen.

Hier im äußersten Südosten Kameruns gab es auch keine touristische Infrastruktur mehr. Es gab, genau genommen, überhaupt keine Infrastruktur. Unser Fahrer versuchte, auf der durch steten Regen aufgeweichten Piste möglichst ohne einen Unfall voranzukommen. Wenn die Hinterachse auf der feuchten Erde bedenklich zur Seite ausschlug, ging ein Raunen durch das Fahrzeug. Aber der Mann fuhr die Strecke letztlich doch vollkommen routiniert. Für ihn war die Beschaffenheit der Straße der Normalzustand, also musste man dazu auch nichts sagen.

Es war erstaunlich, wie ungelenke Lastwagen mit meterdicken Baumstämmen überhaupt über diese Straße bewegt werden konnten. Einmal sahen wir einen Laster, der im Straßengraben auf der Seite lag. Wer würde je kommen, um ihn abzuschleppen? Eher doch würden die Gezeiten das Fahrzeug im Lauf der Jahre zersetzen wie Ameisen einen Kadaver.


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Die Lastwagen mit den aufgeladenen Tropenhölzern riefen in mir eine traurige Verstimmung hervor, nicht allein wegen ihrer Lautstärke und groben, aufdringlichen Mechanik. Sie zeigten, dass selbst die entlegensten Orte der Welt und ihre unberührten Naturschätze nicht vor dem Zugriff einer profitorientierten Verwertungsökonomie geschützt waren. Die Holzfirmen schlugen Schneisen durch die Vegetation, um die besten und edelsten Stämme herauszuholen. Sie beuteten den Wald aus, weil er sich, in seiner kaum durchdringlichen und menschenfeindlichen Wildheit, nicht nachhaltig bewirtschaften lässt. Irgendwo saßen die Auftraggeber dieses Raubbaus in feinen Anzügen und tranken Cognac, die Hintermänner, die das große Geld einstrichen und dafür verantwortlich waren, dass sich ein mittelloser Fernfahrer für ein paar Zentralafrikanische Francs durch die Erde wühlte.

In einem Dorf, dessen Name nirgendwo stand, ging ein heftiger Tropenregen nieder. Wir machten Pause vor dem Bretterverschlag einer Frau, die uns irgendetwas in Fett Gebackenes servierte, eine Art Krapfen, der leicht süßlich schmeckte. Es war die einzige Mahlzeit zwischen Frühstück und Abendessen.


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Wir erreichten das Dorf Goumela. Hier bog die Straße nach Osten zur Grenze Richtung Zentralafrika ab. Wir fuhren weiter zum Eingang des Lobéké-Nationalparks. Dort residierte der administrative Chef, Romuald Guedoguena Botondono, in einem einstöckigen, von Feuchtigkeit zersetzten Haus. Er war die lokale Autorität, mit der wir über das erste große Problem verhandeln mussten.

Einer unserer Fahrer war nicht angekommen. Ausgerechnet er besaß die Zelte. Offenbar hatte ihn noch die örtliche Polizei in Yokadouma festgesetzt, weil er betrunken gefahren war, aber genau ließen sich die Umstände seines Verschwindens nicht ermitteln. In jedem Fall hatten wir nun keine Zelte mehr. Weil es in einem Umkreis von ein paar hundert Kilometern keine Hotels oder Gasthäuser gab, waren wir ziemlich aufgeschmissen.

Die einzige Unterkunft nahe Goumela war ein verlassenes Camp des World Wide Fund (WWF). Die Organisation hatte sich jahrelang und schließlich mit Erfolg darum bemüht, aus Lobéké und den Regenwaldgebieten jenseits der Grenzen ein trinationales Schutzgebiet zu machen. Wir mussten Herrn Botondono erst einiges an Respekt und Unterwürfigkeit entgegenbringen, bevor er uns die Erlaubnis erteilte, in dem WWF-Camp zu nächtigen.

Es gab dort kein fließendes Wasser, aber wir brachten einen Generator zum Laufen, sodass wir zumindest auf der Gemeinschaftsterrasse Licht für das Abendessen hatten. Schlafen konnten wir in gemauerten Hütten mit jeweils zwei Betten und Moskitonetzen. Mücken drehten Kreise im Licht. Ich dachte an das Herz der Finsternis von Joseph Conrad und unter welchen Bedingungen man hier im Tropenwald dem Wahnsinn verfallen konnte (womöglich geschwächt von verschiedenen Fiebern und Infektionskrankheiten).


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Der nächste Tag begann wie überall in den Tropen um sechs Uhr morgens. Nebel lag über dem Wald, die Sonne dahinter tauchte alles in ein milchiges, weißes Licht. Der Wald erwachte mit solch einer orchestralen Vielstimmigkeit, dass man nur zuversichtlich in den Tag starten konnte. Aber so ging es nicht allen.

Eine Frau aus unserer Gruppe verlor die Nerven, noch bevor es etwas zu frühstücken gab. Sie weigerte sich, auch nur zur Grenze der Zentralafrikanischen Republik aufzubrechen, eine Fahrt von zwei bis drei Stunden. Vollkommen verrückt sei das, sagte sie. Sogar das Auswärtige Amt warne vor Reisen ins Grenzgebiet. Es habe doch Berichte von Rebellenübergriffen auf kamerunisches Territorium gegeben (von denen auch wir anderen wussten, allerdings war nie klar, wo genau entlang der hunderte Kilometer langen Grenze es zu Vorfällen gekommen war und mit welchem Ausgang). Nichtsdestotrotz, wer könne in der Gottverlassenheit dieser Gegend schon für irgendwas garantieren, geschweige denn für unsere Sicherheit? Sie wollte jetzt, auf der Stelle, zurück nach Yokadouma.

Gegen Panik sind Argumente wirkungslos. So blieb unserer Reiseleiterin, einer resoluten Kamerunerin, keine andere Wahl, als Fahrer und Wagen abzustellen, um die Frau wieder nach Norden zu bringen, acht Stunden.

Unser Zureden hatte ihre Angst nicht gelindert, sondern eher noch den Eindruck verstärkt, dass es sich bei dieser Reise um ein Himmelfahrtskommando handelte, in dessen Verlauf der gesunde Menschenverstand aller Beteiligter in der heißen Tropenluft allmählich verdampfte.

Ich persönlich vertraute den Einschätzungen der lokalen Bevölkerung und Würdenträger, so wie überall auf der Welt. Und die besagten: Solange wir in Kamerun waren, gab es keinen Grund zur Sorge. Alles Weitere mussten wir an der Grenze zu Zentralafrika sehen. Trotzdem drängte sich erneut die Frage auf, warum wir überhaupt an diesen Ort gekommen waren. Auch wenn wir ihn für sicher hielten: Auf absehbare Zeit würden keine Touristen herkommen. Ich konnte also keine Reisegeschichte schreiben, die Abdruckchancen hatte. Und die Reiseveranstalter konnten keine Rundreisen in diesem Teil Kameruns anbieten. Doch der tropische Regenwald des Kongobeckens löste eine Anziehungskraft aus, die all diese Abwägungen in den Hintergrund rücken ließ.

Wir betraten einen einzigartigen Teil der Welt: Der tropische Primärwald Afrikas türmt sich auf wie mehrstöckige Häuser, immergrün und undurchdringlich, auf einer Fläche, die so groß ist wie ganz Mitteleuropa, durchsetzt nur von Flüssen, an denen einfache Dörfer liegen, abgeschieden von allem, das uns das Gefühl gibt, in der Welt zu sein.

Dieser Wald beflügelt die Phantasie: Liegt dort vielleicht der Schlüssel zu einem ontologischen Verständnis der Dinge verborgen, den wir einfach noch nicht gefunden haben? Wie alt ist dieser Wald? Viele tausend Jahre. Er existierte lange vor dem Menschen und er wird lange nach ihm existieren. Buchstäblich klein ist man zwischen den Baumstämmen, die Hybris des modernen Menschen wird dort gebrochen, unweigerlich: durch Erschöpfung, durch den Biss einer Zecke, durch ein Fieber, das nicht mehr zurückgeht.

Der tropische Regenwald sei ein Lebensraum, »der wie kein anderer missverstanden worden ist«, schreibt der Evolutionsbiologe Josef Helmut Reichholf. Dort herrscht ein Mangel an Nährstoffen, auf den die Pflanzen und Tiere mit Spezialisierung reagieren. Die große Diversität der Arten sei kein »Luxus der Natur«, sondern eine Notwendigkeit des Überlebens, jede Nische des Ökosystems wird belegt. Vielfalt und Seltenheit bedingen sich. Der Regenwald als überreicher Garten Eden ist eine Illusion. Der Kreislauf des Lebens bringt keinen Überschuss hervor, deshalb leben dort nur wenige Menschen. Sie sind Fremdkörper.

In einer Zeit, in der sich die Menschen erst durch das digitale Veröffentlichen ihres Lebens über die eigene Wichtigkeit versichern, vermittelt der tropische Regenwald eine Ahnung von der Bedeutungslosigkeit der eigenen Existenz. Man begibt sich in den Wald hinein, und alle Spuren verschwinden. Das erzeugt eine Demut, die die Selbstbezüglichkeit des Lebens im Westen für eine Weile nachhaltig dämpft. Im Regenwald muss man mehr auf seine Umgebung Acht geben (Wurzeln, Insekten, Schlangen) als auf sein Gemüt, das kommt noch hinzu.


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Die Fahrt nach Libongo an der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik dauerte ungefähr zwei Stunden. Wie lang eine Wegstrecke in Kilometern ist, hat hier wenig zu sagen. Wichtiger ist, wie die Wolken stehen. Ob es regnen wird. Wie es um die Beschaffenheit der Straße bestellt ist. Anders als gestern brannte die Sonne an diesem Tag heiß: zwei Stunden also.

Libongo liegt am Kadéi-Fluss, der die Grenze zwischen Kamerun und Zentralafrika bildet. Behäbig und braun floss der Strom dahin. Wir fuhren vor bis zur Polizeistation des Dorfes. Hier war selbstverständlich niemand über unser Kommen oder Anliegen informiert, deshalb gehörte es nun zum ganz normalen Prozedere, den höchsten Autoritäten einen Besuch abzustatten, die gegenseitigen Motive abzuklären und Vertrauen zu schaffen. Praktisch hieß das, dass erst einmal eine ganze Zeit gar nichts vorankam.

Es gab eine Grenzstation und einen Beamten, der sich die Briefe der kamerunischen Behörden zeigen ließ, die wir mitführten. Ein Mann schrieb mit größter Sorgfalt unsere Personalien auf einen schmutzigen Zettel. Wir schlenderten zum Fluss. Frauen wuschen dort Kleidung, am Wegrand rostete ein Autowrack in der Sonne. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte am anderen Ufer irgendwelche Zeichen von Kämpfen oder feindlich gesinnten Rebellen auszumachen: nichts.

Wir gingen in die Taverne des Dorfes und tranken Bier, so wie wir im Prinzip schon seit Beginn der Reise überall Bier tranken, weil das Wasser wenig erfrischend war und die Limonaden viel zu süß.

Die Taverne hatte keine Wände, ein heller Ort. Ein paar Plastikstühle standen vor einer Bar. Es lief hypnotische Musik. Sogleich fingen ein paar Alte an, für uns zu tanzen. Es waren die, denen es im Dorf wohl am schlechtesten ging und die folglich am meisten darauf angewiesen waren, von uns ein Almosen zu bekommen. Einige junge Dorfbewohner beobachteten uns aus der Entfernung, skeptisch.


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Zur späten Mittagszeit, als die Sonne fast keine Schatten mehr warf, war unsere Gruppe von einer bestimmten Grundzuversicht erfüllt. Gleich würde es losgehen, die Formalien mussten bald geklärt sein. Tatsächlich trafen endlich die Abgesandten der Sangha-Lodge ein. Sie brachten allerdings schlechte Nachrichten.

Die Frau aus der Lodge legte den Brief eines Ministers hervor, der in der Zentralafrikanischen Republik für den Tourismus zuständig war (den es nicht gab). Er könne nicht für unsere Sicherheit garantieren, stand in dem Schreiben. Damit war die Reise an dieser Stelle vorerst zu Ende. Denn die Betreiber der Lodge machten uns hier an der Grenze zwar eine höfliche Aufwartung, sie würden sich aber nie über die Anweisung des Politikers hinwegsetzen.

Die leise Hoffnung hatte in dem Umstand gelegen, dass Bayanga und das Dzanga-Sangha-Reservat im südlichsten Zipfel des Landes liegen. Man konnte annehmen, dass hier nichts vom Bürgerkrieg zu spüren war. Es wäre nur ein kurzer Ausflug über die Grenze und wieder zurück geworden. Und wo saß schon der Minister?

Konnte er eine Ahnung haben, wie es in seinem Land aussah? Hatte er sich vielleicht schon längst nach Frankreich abgesetzt? Es half nichts, darüber große Erörterungen anzustellen. Waldelefanten und Gorillas konnten wir auch in Lobéké sehen. Als die Wirkung der Biere nachgelassen hatte, erwachten wir wie aus einem Tagtraum, der Plan war bei nüchterner Betrachtung ein illusorisches Hirngespinst gewesen.

Noch einmal mussten wir, verschwitzt und erschöpft allein von der Luft und der Sonne, im WWF-Camp ohne fließendes Wasser übernachten. Am nächsten Tag konnten wir in den Lobéké-Park aufbrechen: Die Zelte waren gekommen!

Der hochgewachsene Botondono, der ein betont distinguiertes Französisch sprach, das in dieser gottverlassenen Ecke der Welt eine gewisse administrative Ordnung ausstrahlte, wollte aus unserem Misserfolg an der Grenze Kapital schlagen. Kurzerhand verlangte er den doppelten Preis dessen, was zuvor für den Ausflug nach Lobéké vereinbart worden war. Botondono war hier der uneingeschränkte Chef, von seinem Wohlwollen hing das Gelingen unserer Reise ab.

Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, wie unsere Reiseleiterin ihn zum Einlenken bewegte, aber schlussendlich wurden bewaffnete Ranger, Träger, Wasser und Autos organisiert. Sie sollten uns erst auf einer Dschungelpiste so weit wie möglich in den Wald hineinfahren. Dann war ein rund zwölf Kilometer langer Fußmarsch nötig, um den Lagerplatz für die Nacht zu erreichen. Von dort war es nicht weit zu einer Aussichtsplattform an einer Lichtung, von wo aus man Tiere beobachten konnte. Das eigentliche Ziel unserer Reise.

Wir brachen auf mit vier Autos: zwei Geländewagen mit Allrad-Antrieb und zwei gewöhnliche Pkws. Die Menschen von hier kannten den Weg, auch wenn er wegen der Vegetation kaum zu erkennen war. Sie hätten wissen müssen, dass es eine Unmöglichkeit war, mit einem normalen Auto in den Wald hineinzufahren. Das war aber noch kein Grund, es nicht zu versuchen. So fuhren sich erst das eine und wenig später das andere Auto so tief im Matsch fest, dass sie keinen Meter mehr vorwärts kamen.

Acht Reisende, drei Ranger und eine gute Handvoll Träger mussten sich auf zwei Geländewagen und deren Ladeflächen verteilen. Das Terrain war so unwegsam, dass die Fahrzeuge umherschaukelten wie Boote. Es ging durch Senken, über grobe Steine, und ab und an mussten die Männer einen Stamm mit der Motorsäge zerteilen, um die Durchfahrt freizumachen. Irgendwann konnten wir nicht mehr weiterfahren. Ab hier ging es nur noch zu Fuß weiter.


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Ich hatte mir wahrscheinlich durch das schlecht durchgebratene Fleisch auf einem Markt gründlich den Magen verdorben. Ich wurde merklich schwächer. Eine Strecke von zwölf Kilometern hätte mir unter normalen Umständen kaum eine Anstrengung abverlangt, doch ich war mit Sicherheit dehydriert. Jeder Schritt wurde mühsam. Immer wieder musste ich schnell hinter einem großen Tropenbaum verschwinden, und nach jedem Mal fühlte ich mich ausgelaugter. Hinzukam der üble Geruch eines toten Bocks, der wohl von einer Python zerdrückt worden war.

Ranger Prosper Mpande schlug mit seiner Machete einen Ast vom Baum und hielt ihn sich senkrecht über den offenen Mund. Nach wenigen Sekunden lief Wasser heraus, wie aus einem Hahn, den man leicht aufdreht. Wir tranken alle etwas. Die Träger hatten ungefähr ein Drittel des Wassers am Weg zurückgelassen, weil sie mehr nicht tragen konnten (schließlich waren manche mit den Autos zurückgeblieben). Die Menge des Wassers war so berechnet worden, dass sie für zwei Nächte und drei Tage genau ausreichte. Nun fehlte ein Teil. Wir würden also Wasser aus einem Gewässer schöpfen und abkochen müssen.

Anfangs war der Waldboden noch dicht bewachsen, dafür fiel immer wieder die Sonne durch die Baumkronen. Hier mussten schon Holzfäller unterwegs gewesen sein. Überall, wo es Schneisen gab, faltete sich die Natur am Boden in größter Verworrenheit auseinander. Als nach einer guten halben Stunde der Boden lichter und dunkler wurde, erreichten wir den urzeitlichen Primärwald, der niemals von Menschenhand verändert worden war.

Nach fast drei Stunden erreichten wir das Lager. Die Träger waren vorausgelaufen und hatten schon die Zelte aufgebaut. Bis zur Dämmerung waren es noch etwa drei Stunden, deshalb machten wir uns auf den Weg zur Plattform, in der Hoffnung, noch ein paar Tiere sehen zu können. Es kostete mich viel Energie, noch einmal loszugehen, und oben auf dem Hochsitz legte ich mich auf die Planken und schlief ein. Die anderen sollten mich wecken, wenn sich etwas Bedeutendes rührte: Elefanten oder Gorillas. Aber die zeigten sich nicht. Wir sahen aber Bongos, Sitatungas, Buschböcke, diverse andere Antilopen, Waldbüffel und Adler.


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Abends zuckte das Licht des Feuers in der Dunkelheit. Ich war fast zu schwach, um mich sitzend ohne Rückenlehne aufrecht zu halten. Wir kochten ein wenig Reis mit Gemüse. Ich hatte keinen Appetit. Irgendwann kroch ich in mein Zelt, legte mich auf der Isomatte auf den Rücken, blieb in der Kleidung des Tages liegen und schlief auf der Stelle ein.

Der Morgen war sofort da, es gab keine Zwischenphase zwischen Tag und Nacht. Der Dschungelpfad zur Lichtung war überschwemmt, ich zog die Schuhe aus. Wir bezogen Stellung auf dem Hochsitz. Die Ranger mahnten uns an, leise zu sein und nicht zu rauchen. Die Waldelefanten könnten den Geruch des Qualms auf viele hundert Meter Distanz riechen. Sie fürchten sich vor Feuer und flüchten. Wir warteten.

Die Morgensonne brachte den Wald zum Dampfen. Das Gras auf der Lichtung war von einem Bachlauf durchzogen, dahinter türmte sich der Wald auf, bis zu sechzig Meter hoch. Antilopen kamen zum Trinken hervor. Unsere Anwesenheit blieb unbemerkt.


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Vor dem Waldrand entdeckten wir einen Gorilla. Er bewegte sich ungefähr zweihundert Meter von uns entfernt durchs Gras. Durch die Linsen unserer Kameras und durch das Fernglas war er präzise zu sehen, aber auch ohne Hilfsmittel zeichnete sich sein schwarzer Körper mit dem weißen Rücken deutlich ab.

Der Gorilla lief mehrere Stunden vor uns auf der Lichtung umher, vollkommen ungestört, behäbig. Immer wieder setzte er sich nieder und kaute, nur um nach einiger Zeit ein paar Meter weiterzuziehen. Er hatte keine natürlichen Feinde.

Die Ranger erzählten uns von den Elefanten. Seit dem Bürgerkrieg ließ sich jenseits der Grenze noch weniger für ihren Schutz tun als sonst, also praktisch gar nichts. Wilderer hatten vor kurzem eine ganze Herde getötet. »Nous avons pleuré quand nous avons ecouté des incidents«, sagte Prosper zu der Tragödie.


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Die Stunden des Tages zogen vorüber, wir saßen still da. Nichts passierte. Kein Elefant kam und auch kein weiterer Gorilla. Am Himmel zogen sich Wolken zusammen. Es wurde still auf der Lichtung, die Geräusche verstummten. Die Regenwand kam näher, der Horizont verrauschte. Dann fielen Tropfen auf das Wellblechdach des Hochsitzes, so als würde ein Lastwagen darauf Kieselsteine abladen.

Wir mussten uns auf den Mittelpunkt der Plattform zurückziehen, weil der aufbrausende Wind den Regen unter das Blech trieb. Wir kauerten uns zusammen. Keine halbe Stunde dauerte der Wolkenbruch, dann kündigte ein diffuses Licht über dem Wald die Sonne an. Die Bäume begannen, zu strahlen, die Wolken am Himmel verflüchtigten sich, und wieder fing alles an zu dampfen. Ein dramatisches Schauspiel. Doch immer noch keine Elefanten.


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Als wir die Hoffnung aufgegeben hatten, zischte plötzlich einer der Ranger. Alle gingen in eine geduckte Haltung, so als drohte aus unmittelbarer Nähe Gefahr. Der Ranger deutete nach vorne. Aus dem Wald am anderen Ende der Lichtung kamen Elefanten hervor, eine Kuh, ihr Baby und noch ein weiteres Tier. Plötzlich blieben die Tiere stehen. Die Kuh warf ihren Rüssel nach oben, richtete die Ohren auf und schaute exakt in unsere Richtung. Wir beobachteten das durch die Linsen und das Fernglas. Es war so, als schaute uns der Elefant direkt ins Gesicht. Dann machte die Gruppe kehrt und verschwand wieder im Wald.

Einer hatte geraucht. Das lange Warten hatte uns nachlässig gemacht. Stunden lang waren wir durch den Busch gefahren, mühsam durch den Wald marschiert. Und dann hatte einer geraucht. Wir bekamen die Tiere vielleicht eine Minute zu Gesicht. Schon waren sie wieder verschwunden hinter der grünen Wand. Wir saßen bis zum Sonnenuntergang auf der Plattform, aber es kamen keine Elefanten mehr hervor. Die Bühne blieb leer. Wir mussten aufbrechen.


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Der Blick in die Augen des Elefanten war wie die intensive Verbindung mit einer alten Welt gewesen, die eigentlich versunken ist, aber hier im Nirgendwo des unzugänglichen Kongobeckens weiter existierte. Der Regenwald hatte eines seiner Geheimnisse offengelegt, für einen kurzen Moment.

Im Lager brachten wir die zweite Nacht herum. Am nächsten Tag würden wir den zwölf Kilometer langen Pfad zurück zur Waldstraße laufen. Wir würden umherschaukeln, bis wir die rotbraune Schlammstraße erreichten. Wir würden einen Tag brauchen, um zurück nach Yokadouma zu kommen. Der Wald würde lichter werden und die Dörfer zahlreicher. Wir würden langsam aus dieser versunkenen Welt auftauchen wie aus einem Traum, dessen Konturen so wie alle Erinnerungen langsam verschwimmen, und es würden nur noch einzelne, fragmentierte Bilder im Kopf zurückblieben, während das Herz eine seltsame Wehmut verspürt.

Ich hatte vier Tage nicht geduscht, und das bei tropischer Hitze. Die Kleidung war schon nach einem Tag schmutzig gewesen, doch es kümmerte mich nicht. Der Kopf war jetzt sehr klar. Was taten die Menschen nicht alles, um sich und allen anderen zu beweisen, dass sie glücklich sein konnten? Ich fuhr zurück, als Randfigur eines großen Schauspiels, und darin lag eine stille Freude.


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