Sierra Leone

Es gibt sie noch, die unentdeckten Paradiese auf dieser Erde. Der Tokeh Beach in Sierra Leone ist so ein Ort: einsamer Strand, Palmen, Meer – und vor allem Abgeschiedenheit. Ein Aussteiger erzählt.

Das Paradies auf Reisen ist seltsamerweise immer ein Strand. Oder sagen wir: eine Bucht. Jedenfalls liegt es an einem Meer. Das Hinterland ist in diesem Paradies mit saftiger Vegetation überzogen. Und natürlich dürfen Palmen nicht fehlen, die sich in Richtung der untergehenden Sonne biegen.

Das Paradies definiert sich darüber hinaus durch seine Unzugänglichkeit. Ein weiter, mühsamer Weg ist nötig, um an diesen verheißungsvollen Ort zu gelangen. Das wusste schon Leonardo di Caprio in dem harmlosen Hollywoodfilmchen The Beach. Das Paradies auf Reisen ist immer ein quasi-mystischer Ort: Dort wohnen aus der Zeit gefallene Menschen. Dort liegt ein Geheimnis verborgen. Oder den Reisenden überkommt auf der Stelle das Gefühl, niemals wieder fortgehen zu wollen, weil alle Antworten offen daliegen oder die entsprechenden Fragen nicht mehr gestellt werden müssen.

Wer in Sierra Leone auf zerfurchten Schlammpisten über Land gereist ist und zum Tokeh Beach auf der Freetown Peninsula durchstößt, hat das Gefühl, eine Art Paradies zu erreichen (was auch immer sich nun genau hinter dem Begriff verbirgt, soll an dieser Stelle nicht behandelt werden): Der Sand quietscht unter den Füßen. Das Meer ist warm und klar, das Ufer wild bewachsen. Schönste Zivilisationsabwesenheit.

Hier möchte man nun bleiben und sich von den Strapazen erholen, nicht nur von den körperlichen natürlich. Morgens vor dem Frühstück im Meer schwimmen, mit Salzwasser in den Haaren Kaffee trinken, die Füße in Sandalen stecken. Danach: lesen, spazieren, auf den Ozean schauen. Die Prioritäten in Ordnung bringen.

Mehr als zehn Jahre ist der grausame Bürgerkrieg in Sierra Leone nun her, und noch immer kommen kaum Touristen an den Tokeh Beach. Das hat wiederum mit der Unzugänglichkeit des Ortes zu tun: Die Flüge sind teuer, die Straßen schrecklich, die Vorurteile gewaltig. Am Ende landet man immer bei der müßigen Frage, wann der Auflauf an Menschen das Paradies zerstört. Am Tokeh Beach, unter dem wolkenvergangenen Himmel Westafrikas, dürfte das noch eine Weile dauern.


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Tokeh Beach
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Sehnsuchtskulisse am Tokeh Beach.


Ein Mann, der sich durchaus mehr Touristen wünscht, ist unser Gastgeber Joseph Pierce, ein junger britischer Auswanderer, der zusammen mit einem libanesischen Freund das Tokeh Sands Beach Resort leitet. Die Libanesen, das muss man kurz erklären, kontrollieren die meisten Geschäftszweige in Sierra Leone. Sogar das Flaschenwasser trägt arabische Schriftzeichen auf dem Etikett.

Joseph ist ziemlich muskulös und gutaussehend. Aber ihn umgibt stets eine gewisse Melancholie, die sich manchmal um seine Augen herum manifestiert. Vielleicht kommt das von der Abgeschiedenheit dieses Ortes. »It’s not an easy life, but I wasn’t scared«, sagt der 31-Jährige. In London habe er jedenfalls mehr Angst, auf die Straße zu gehen.

Während unseres Aufenthalts in seinem Resort setzt sich Joseph häufig schweigend zu uns an den Esstisch und fängt dann an, ziemlich viel zu erzählen, aber nie aufbrausend oder hektisch. Er redet mit der Stimme eines Mannes, der sich über viele Dinge ganz grundsätzlich viele Gedanken gemacht hat. »I have securities. I can afford to take risks others wouldn’t be able to have here.« England habe er verlassen, weil es dort »actually boring« gewesen sei. Dann der rührende Satz: »I have nowhere to go home to.«

Man fragt sich, was Josephs Vision für diesen Ort ist. Was er in diesem Flecken Erde sieht. Ein Paradies? Immerhin, vor dem Bürgerkrieg um die Diamanten des Landes war der Tokeh Beach eine beliebte Destination bei Touristen. Hier an dieser Stelle stand ein Resort mit 600 Betten. Die Gäste flogen mit einem Helikopter vom internationalen Flughafen herüber. Die Ruinen stehen heute vermoost und verwildert zwischen den Palmen. Man muss an Robinson Crusoe denken. Der Strand ist verlassen.

Wer kommt überhaupt an den Tokeh Beach? Joseph unterscheidet drei Gruppen von Gästen: »People who have a lot of money; people who have a lot of money which they don’t want to spend; people from charity organizations who don’t want to pay for anything.« Es kommen also business people und NGOs – aber fast keine Touristen.

Wir erfahren nicht, was Joseph über das Paradies denkt, ob er hier wirklich angekommen ist. Er ist Geschäftsmann und wünscht sich mehr Gäste, ein unentdecktes Paradies bringt ihm nicht viel. »I can see this to become a popular destination«, sagt er.

In der letzten Regenzeit haben die Trucks der Baufirmen allerdings wieder die Straße von Freetown nach Tokeh zerstört. Ohne einen geländegängigen Wagen bleibt das Paradies vorerst abgeschnitten von den Auswüchsen der Zivilisation. Man will sich die Frage nicht stellen, ob das nun gut oder schlecht ist. Man will einfach hier bleiben, unter den Palmen liegen und den Kopf freispülen im warmen Meerwasser.


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Verwitterte Bungalows aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg säumen den Strand.



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Ebola in Westafrika. Der Ausbruch der Seuche ruft die typischen Schablonen ab, die wir auf Afrika anlegen. Es ist kaum möglich, diesen Kontinent »wirklich« zu verstehen. Ein Geständnis der Ahnungslosigkeit.

Der Himmel über Freetown ist blau. Von der Autobrücke mitten in der Stadt richte ich die Kamera in Richtung der bunten Wellblechbaracken, die auf dem kleinen Hang gegenüber stehen, auf eine ungeschönte Kulisse der Hauptstadt von Sierra Leone. Wir besuchen den alten cotton tree, ein Wahrzeichen der Stadt, und stolpern in einer kleinen Kapelle sogar in eine Hochzeit hinein.

Unsere Reisegruppe ist heiter gestimmt. Freetown ist ein freundlicher Ort an diesem Tag im Oktober 2013. Ein Jahr später, man verfolgt es gerade jeden Tag in den Medien, ist alles anders. Die Bilder, die ich im Kopf habe, scheinen aus einer anderen Stadt zu sein, aus einem anderen Land.

In dieser Stunde herrscht in Freetown Ausgangssperre: Hilfsorganisationen und Regierungsbeamte gehen von Haus zu Haus, um Ebola-Infizierte zu finden und aufzuklären. Leichen liegen auf der Straße. Die tödliche Seuche breitet sich immer weiter aus, der jetzige Ausbruch ist so schlimm wie noch nie zuvor. Liberia hat es am stärksten getroffen, aber daneben ist Sierra Leone der größte Virus-Hotspot.

»The Ebola epidemic in West Africa has the potential to alter history as much as any plague has ever done«, warnte kürzlich der oberste Seuchenexperte der USA, Michael Osterholm, in der New York Times.

Da ist es wieder, das typische Bild von Afrika: Krankheiten, Armut und Katastrophen. Die Reaktionen waren zu erwarten gewesen: Das ganze Elend ist doch zum größten Teil selbstverschuldet! Da stürmen diese Wilden, die noch an Hexer und Magie glauben, einfach eine Krankenstation! Afrika, das scheint vielen als ein hoffnungsloser Fall, für immer Dritte Welt.


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Als die Ebola-Epidemie in Westafrika irgendwann wirklich bedrohlich wurde, las ich nach langer Zeit wieder in dem Buch Ach, Afrika, das der Auslandskorrespondent und große Afrikakenner Bartholomäus Grill geschrieben hat.

Er beschreibt gut, wie eingeschränkt die Sicht eines Europäers auf Afrika ist: Die religiösen, ethnischen und sozialen Referenzsysteme fehlten. So bleibe nur eine Art »hermeneutischer Kolonialismus«. Interpretationen, rein spekulativ. Auf diese Weise seien bloß Zerrbilder der Wirklichkeit möglich, wenn überhaupt.

Man erliegt dabei den eigenen Projektionen: Afrika als das urtümliche, wilde Land. Als der kaputte Kontinent. Kriege, Krankheiten und Korruption – das sind die drei Konstanten, die sich in so vielen Ländern finden lassen. Darfur, Ostkongo, Ruanda: Der ausdruckslose Soldat in Camouflage auf der Ladefläche eines Geländewagens mit aufgeschraubtem Maschinengewehr ist ein archetypisches Bild, das man von den großen afrikanischen Konflikten im Kopf hat.

Aber dann gibt es diese Freundlichkeit, die Offenheit der einfachen Leute, die einem überall begegnet.

Auf unserer Fahrt durch das Moyamba District in Sierra Leone hatten wir eine Reifenpanne und mussten in einem Dorf Halt machen. Die Kinder der einzigen Schule folgten ihrer Neugier und drängelten sich bald um unsere Wagen. Der Rektor tauchte auf und bestand darauf, dass die Kinder für uns vor der Schule singen, ohne dafür eine Gegenleistung haben zu wollen. Wir waren, ganz einfach, gerührt.


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Wenn man in Afrika unterwegs ist, stellt sich zum Beispiel auch die Frage: Wie kann man in einem Bus voller Fremder nicht anfangen miteinander zu sprechen? In einer deutschen U-Bahn wird man gleich für einen aufdringlichen Sonderling gehalten.

Aber es gibt eben auch dieses ewige Missverständnis von der fröhlichen Armut in Afrika: Die Menschen haben nichts, aber sieh mal, wie sie trotzdem lachen! Ein Klischee. Und doch glaubt man sich, wenn man selber durch Afrika reist, plötzlich leichter und sorgenfreier zu fühlen.

Im Kreuzberger Biomarkt LPG, wo die linken Akademiker für ihren Wocheneinkauf 200 Euro ausgeben und einen Lebensstil pflegen, den sich vielleicht drei Prozent der Weltbevölkerung leisten können, wird mit biederster Ruppigkeit der Kaffee bestellt, als gäbe es an diesem Tag speziell und allgemein im Leben wirklich überhaupt nichts zu lachen. Wie entsetzlich falsch einem das plötzlich erscheint!

Aber wie falsch es auch ist, zu glauben, die Afrikaner würden das Elend ihres Kontinents irgendwie »leichter nehmen«. Und wie naiv zu glauben, man könnte sich von dieser vermeintlichen Leichtigkeit im Umgang mit seinen Problemchen kurzerhand etwas mit nach Hause nehmen, als ob einen die Sorgen des Alltags dann weniger berührten.

Wenn man im Stillen die unterschiedlichen Maßstäbe abwägt und versucht, seine persönliche Haltung zu den Dingen zu finden, muss man irgendwann kapitulieren: Die »andere Seite« ist doch kaum nachzuvollziehen. Etwas anderes zu behaupten ist reine Anmaßung. Vielleicht muss man das einfach akzeptieren.

Ein Medizinmann in Kamerun habe ihm den »abendländischen Erkenntnisdrang« ausgetrieben, schreibt Grill. Alles erklären und durchdringen müssen, eine schlüssige Antwort finden wollen: Das ist das Selbstverständnis der europäischen Aufklärung. In Afrika scheint es oft unendlich entfernt zu sein.

Was dächte wohl der Dorfälteste Sengbeh Sannoh, wenn er die Berliner Charité betreten würde? Wenn man ihm eine Infusion legen wollte? Ich traf den Mann im Dschungel von Sierra Leone in dem kleinen Dorf Jene, gegenüber von Tiwai Island.


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Zwischen den Lehmhütten saß jemand, dem eine Schlange in den Fuß gebissen hatte. Dazu erzählte man uns, dass die Menschen in dieser Region glauben, dass Frauen, die von einer grünen Schlange gebissen werden, in vier Monaten schwanger werden. Auf dem T-Shirt von Sannohs Sohn stand wiederum: »Washing hands with soap is best.« Das Shirt hatte eine Hilfsorganisation im Dorf gelassen.

Auf Reisen in Afrika bin ich manchmal unerklärlich gerührt, mich ergreift so ein humanistischer Optimismus, und ich denke: Irgendwie wird es schon klappen mit uns Menschen, wir werden unsere kulturellen Differenzen überwinden, den anderen in seinem Anderssein verstehen lernen und zusammen an der Zukunft arbeiten. Was anderes könnte auch das Ziel sein?

Aber dann sehe ich ein, dass ich mir doch bloß gut in der Rolle des abenteuerlustigen Reisenden gefalle, des vermeintlich einfühlsamen Entdeckers. Dabei verstehe ich ja oft wenig bis überhaupt nichts von den Menschen und der Art, wie sie leben. Und natürlich bin ich komplett privilegiert. Wie albern, da seine Hand auszustrecken und zu sagen: Ach komm, lass gut sein, wir sitzen doch alle im gleichen Boot.

Trotzdem kann ich nicht abstreiten, dass mir das Schicksal der Menschen zu Herzen geht. Dass es mich anrührt und nachdenklich und sentimental macht. Aber damit ist natürlich niemandem irgendwie geholfen. Und man ist damit nah dran an einem historischen Schuldkomplex. Aber ich bin überzeugt, dass Mitgefühl immer besser ist als Gleichgültigkeit oder sogar Zynismus.


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»Das Afrika, das unser Traveller erkundet, ist nur ein Sammelsurium exotischer Abziehbilder, die er zur Kulisse auf der Reise zu sich selber arrangiert hat”, schreibt Bartholomäus Grill. Den Eindruck bekommt man oft. Und man kann nicht leugnen, dass er bis zu einem gewissen Punkt auch für einen selbst zutrifft. Afrika als ein Abenteuer, dass unser Leben in Überfülle ein bisschen aufregend macht!

Sierra Leone ist gerade kein Ort für exotische Selbstinszenierung. Die Ebola-Epidemie reproduziert das Klischee von Afrika als dem Kontinent der Katastrophen. Das ist irgendwo nachvollziehbar und doch so traurig.

In Freetown haben wir auf unserer Reise vor einem Jahr das Sierra Leone Peace and Cultural Monument besucht. Es ist ein Mahnmal für den Bürgerkrieg, der vor mehr als zehn Jahren unter anderem um die Diamanten des Landes geführt wurde.


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Über das Gelände führte uns Peter Momoh Bassie, 29 Jahre alt. Er hatte beide Elternteile im Krieg verloren. Auf einer Schautafel zeigte er uns den Namen seines erschossenen Vaters. Er kenne auch den Menschen, der seine Mutter umgebracht habe, der lebe in der Nachbarschaft. »I know the guy who shot my mother.« Er sagte diesen Satz ohne Zorn, als sei die Vergangenheit eben Vergangenheit. Was für eine Bereitschaft, den Teufelskreis der Gewalt zu überwinden!

»It was not a tribe war«, erklärte uns der damalige Chef des Fremdenverkehrsamtes, Cecile Williams, bei einem Mittagessen in Freetown. Die meisten Menschen hätten sich ausgesöhnt und Frieden gefunden. Der Aussteiger und Hotelbesitzer John Pierce aus Großbritannien am Tokeh Beach zeigte sich überzeugt: »They are Sierra Leones first, and everything else second«, so seine Erfahrung. »The tolerance of the people is their winning point.«

UN-Generalsekretär Ban-Ki Moon sagte 2010 in Freetown: »Sierra Leone represents one of the world’s most successful cases of post-conflict recovery, peacekeeping and peacebuilding.« Das klingt so gar nicht nach dem typischen Afrika.


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Das Ziel unserer Reise war vor allem, das touristische Potenzial Sierra Leones auszuloten. Es könnte ein Sektor sein, der Geld ins Land bringt, das waren die Hoffnungen des Ministeriums. Aber dann kam Ebola. Alle Pläne, das Land zu einer Feriendestination zu machen, sind auf unabsehbare Zeit hinfällig geworden.

Das afrikanische Schreckgespenst ist wieder da. Die Postkartenidylle am Tokeh Beach bleibt vorerst menschenleer. Sierra Leone wird wohl in Vergessenheit geraten, so wie Afrika jedes Mal, wenn die eine Krise vorüber ist – solange bis die nächste kommt. Dazwischen kann man nur versuchen zu verstehen. Scheitern und es weiter versuchen. Es ist der einzige Weg.


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