Sierra Leone

Ebola in Westafrika. Der Ausbruch der Seuche ruft die typischen Schablonen ab, die wir auf Afrika anlegen. Es ist kaum möglich, diesen Kontinent »wirklich« zu verstehen. Ein Geständnis der Ahnungslosigkeit.

Der Himmel über Freetown ist blau. Von der Autobrücke mitten in der Stadt richte ich die Kamera in Richtung der bunten Wellblechbaracken, die auf dem kleinen Hang gegenüber stehen, auf eine ungeschönte Kulisse der Hauptstadt von Sierra Leone. Wir besuchen den alten cotton tree, ein Wahrzeichen der Stadt, und stolpern in einer kleinen Kapelle sogar in eine Hochzeit hinein.

Unsere Reisegruppe ist heiter gestimmt. Freetown ist ein freundlicher Ort an diesem Tag im Oktober 2013. Ein Jahr später, man verfolgt es gerade jeden Tag in den Medien, ist alles anders. Die Bilder, die ich im Kopf habe, scheinen aus einer anderen Stadt zu sein, aus einem anderen Land.

In dieser Stunde herrscht in Freetown Ausgangssperre: Hilfsorganisationen und Regierungsbeamte gehen von Haus zu Haus, um Ebola-Infizierte zu finden und aufzuklären. Leichen liegen auf der Straße. Die tödliche Seuche breitet sich immer weiter aus, der jetzige Ausbruch ist so schlimm wie noch nie zuvor. Liberia hat es am stärksten getroffen, aber daneben ist Sierra Leone der größte Virus-Hotspot.

»The Ebola epidemic in West Africa has the potential to alter history as much as any plague has ever done«, warnte kürzlich der oberste Seuchenexperte der USA, Michael Osterholm, in der New York Times.

Da ist es wieder, das typische Bild von Afrika: Krankheiten, Armut und Katastrophen. Die Reaktionen waren zu erwarten gewesen: Das ganze Elend ist doch zum größten Teil selbstverschuldet! Da stürmen diese Wilden, die noch an Hexer und Magie glauben, einfach eine Krankenstation! Afrika, das scheint vielen als ein hoffnungsloser Fall, für immer Dritte Welt.


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Als die Ebola-Epidemie in Westafrika irgendwann wirklich bedrohlich wurde, las ich nach langer Zeit wieder in dem Buch Ach, Afrika, das der Auslandskorrespondent und große Afrikakenner Bartholomäus Grill geschrieben hat.

Er beschreibt gut, wie eingeschränkt die Sicht eines Europäers auf Afrika ist: Die religiösen, ethnischen und sozialen Referenzsysteme fehlten. So bleibe nur eine Art »hermeneutischer Kolonialismus«. Interpretationen, rein spekulativ. Auf diese Weise seien bloß Zerrbilder der Wirklichkeit möglich, wenn überhaupt.

Man erliegt dabei den eigenen Projektionen: Afrika als das urtümliche, wilde Land. Als der kaputte Kontinent. Kriege, Krankheiten und Korruption – das sind die drei Konstanten, die sich in so vielen Ländern finden lassen. Darfur, Ostkongo, Ruanda: Der ausdruckslose Soldat in Camouflage auf der Ladefläche eines Geländewagens mit aufgeschraubtem Maschinengewehr ist ein archetypisches Bild, das man von den großen afrikanischen Konflikten im Kopf hat.

Aber dann gibt es diese Freundlichkeit, die Offenheit der einfachen Leute, die einem überall begegnet.

Auf unserer Fahrt durch das Moyamba District in Sierra Leone hatten wir eine Reifenpanne und mussten in einem Dorf Halt machen. Die Kinder der einzigen Schule folgten ihrer Neugier und drängelten sich bald um unsere Wagen. Der Rektor tauchte auf und bestand darauf, dass die Kinder für uns vor der Schule singen, ohne dafür eine Gegenleistung haben zu wollen. Wir waren, ganz einfach, gerührt.


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Wenn man in Afrika unterwegs ist, stellt sich zum Beispiel auch die Frage: Wie kann man in einem Bus voller Fremder nicht anfangen miteinander zu sprechen? In einer deutschen U-Bahn wird man gleich für einen aufdringlichen Sonderling gehalten.

Aber es gibt eben auch dieses ewige Missverständnis von der fröhlichen Armut in Afrika: Die Menschen haben nichts, aber sieh mal, wie sie trotzdem lachen! Ein Klischee. Und doch glaubt man sich, wenn man selber durch Afrika reist, plötzlich leichter und sorgenfreier zu fühlen.

Im Kreuzberger Biomarkt LPG, wo die linken Akademiker für ihren Wocheneinkauf 200 Euro ausgeben und einen Lebensstil pflegen, den sich vielleicht drei Prozent der Weltbevölkerung leisten können, wird mit biederster Ruppigkeit der Kaffee bestellt, als gäbe es an diesem Tag speziell und allgemein im Leben wirklich überhaupt nichts zu lachen. Wie entsetzlich falsch einem das plötzlich erscheint!

Aber wie falsch es auch ist, zu glauben, die Afrikaner würden das Elend ihres Kontinents irgendwie »leichter nehmen«. Und wie naiv zu glauben, man könnte sich von dieser vermeintlichen Leichtigkeit im Umgang mit seinen Problemchen kurzerhand etwas mit nach Hause nehmen, als ob einen die Sorgen des Alltags dann weniger berührten.

Wenn man im Stillen die unterschiedlichen Maßstäbe abwägt und versucht, seine persönliche Haltung zu den Dingen zu finden, muss man irgendwann kapitulieren: Die »andere Seite« ist doch kaum nachzuvollziehen. Etwas anderes zu behaupten ist reine Anmaßung. Vielleicht muss man das einfach akzeptieren.

Ein Medizinmann in Kamerun habe ihm den »abendländischen Erkenntnisdrang« ausgetrieben, schreibt Grill. Alles erklären und durchdringen müssen, eine schlüssige Antwort finden wollen: Das ist das Selbstverständnis der europäischen Aufklärung. In Afrika scheint es oft unendlich entfernt zu sein.

Was dächte wohl der Dorfälteste Sengbeh Sannoh, wenn er die Berliner Charité betreten würde? Wenn man ihm eine Infusion legen wollte? Ich traf den Mann im Dschungel von Sierra Leone in dem kleinen Dorf Jene, gegenüber von Tiwai Island.


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Zwischen den Lehmhütten saß jemand, dem eine Schlange in den Fuß gebissen hatte. Dazu erzählte man uns, dass die Menschen in dieser Region glauben, dass Frauen, die von einer grünen Schlange gebissen werden, in vier Monaten schwanger werden. Auf dem T-Shirt von Sannohs Sohn stand wiederum: »Washing hands with soap is best.« Das Shirt hatte eine Hilfsorganisation im Dorf gelassen.

Auf Reisen in Afrika bin ich manchmal unerklärlich gerührt, mich ergreift so ein humanistischer Optimismus, und ich denke: Irgendwie wird es schon klappen mit uns Menschen, wir werden unsere kulturellen Differenzen überwinden, den anderen in seinem Anderssein verstehen lernen und zusammen an der Zukunft arbeiten. Was anderes könnte auch das Ziel sein?

Aber dann sehe ich ein, dass ich mir doch bloß gut in der Rolle des abenteuerlustigen Reisenden gefalle, des vermeintlich einfühlsamen Entdeckers. Dabei verstehe ich ja oft wenig bis überhaupt nichts von den Menschen und der Art, wie sie leben. Und natürlich bin ich komplett privilegiert. Wie albern, da seine Hand auszustrecken und zu sagen: Ach komm, lass gut sein, wir sitzen doch alle im gleichen Boot.

Trotzdem kann ich nicht abstreiten, dass mir das Schicksal der Menschen zu Herzen geht. Dass es mich anrührt und nachdenklich und sentimental macht. Aber damit ist natürlich niemandem irgendwie geholfen. Und man ist damit nah dran an einem historischen Schuldkomplex. Aber ich bin überzeugt, dass Mitgefühl immer besser ist als Gleichgültigkeit oder sogar Zynismus.


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»Das Afrika, das unser Traveller erkundet, ist nur ein Sammelsurium exotischer Abziehbilder, die er zur Kulisse auf der Reise zu sich selber arrangiert hat”, schreibt Bartholomäus Grill. Den Eindruck bekommt man oft. Und man kann nicht leugnen, dass er bis zu einem gewissen Punkt auch für einen selbst zutrifft. Afrika als ein Abenteuer, dass unser Leben in Überfülle ein bisschen aufregend macht!

Sierra Leone ist gerade kein Ort für exotische Selbstinszenierung. Die Ebola-Epidemie reproduziert das Klischee von Afrika als dem Kontinent der Katastrophen. Das ist irgendwo nachvollziehbar und doch so traurig.

In Freetown haben wir auf unserer Reise vor einem Jahr das Sierra Leone Peace and Cultural Monument besucht. Es ist ein Mahnmal für den Bürgerkrieg, der vor mehr als zehn Jahren unter anderem um die Diamanten des Landes geführt wurde.


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Über das Gelände führte uns Peter Momoh Bassie, 29 Jahre alt. Er hatte beide Elternteile im Krieg verloren. Auf einer Schautafel zeigte er uns den Namen seines erschossenen Vaters. Er kenne auch den Menschen, der seine Mutter umgebracht habe, der lebe in der Nachbarschaft. »I know the guy who shot my mother.« Er sagte diesen Satz ohne Zorn, als sei die Vergangenheit eben Vergangenheit. Was für eine Bereitschaft, den Teufelskreis der Gewalt zu überwinden!

»It was not a tribe war«, erklärte uns der damalige Chef des Fremdenverkehrsamtes, Cecile Williams, bei einem Mittagessen in Freetown. Die meisten Menschen hätten sich ausgesöhnt und Frieden gefunden. Der Aussteiger und Hotelbesitzer John Pierce aus Großbritannien am Tokeh Beach zeigte sich überzeugt: »They are Sierra Leones first, and everything else second«, so seine Erfahrung. »The tolerance of the people is their winning point.«

UN-Generalsekretär Ban-Ki Moon sagte 2010 in Freetown: »Sierra Leone represents one of the world’s most successful cases of post-conflict recovery, peacekeeping and peacebuilding.« Das klingt so gar nicht nach dem typischen Afrika.


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Das Ziel unserer Reise war vor allem, das touristische Potenzial Sierra Leones auszuloten. Es könnte ein Sektor sein, der Geld ins Land bringt, das waren die Hoffnungen des Ministeriums. Aber dann kam Ebola. Alle Pläne, das Land zu einer Feriendestination zu machen, sind auf unabsehbare Zeit hinfällig geworden.

Das afrikanische Schreckgespenst ist wieder da. Die Postkartenidylle am Tokeh Beach bleibt vorerst menschenleer. Sierra Leone wird wohl in Vergessenheit geraten, so wie Afrika jedes Mal, wenn die eine Krise vorüber ist – solange bis die nächste kommt. Dazwischen kann man nur versuchen zu verstehen. Scheitern und es weiter versuchen. Es ist der einzige Weg.


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Es gibt sie noch, die unentdeckten Paradiese auf dieser Erde. Der Tokeh Beach in Sierra Leone ist so ein Ort: einsamer Strand, Palmen, Meer – und vor allem Abgeschiedenheit. Ein Aussteiger erzählt.

Das Paradies auf Reisen ist seltsamerweise immer ein Strand. Oder sagen wir: eine Bucht. Jedenfalls liegt es an einem Meer. Das Hinterland ist in diesem Paradies mit saftiger Vegetation überzogen. Und natürlich dürfen Palmen nicht fehlen, die sich in Richtung der untergehenden Sonne biegen.

Das Paradies definiert sich darüber hinaus durch seine Unzugänglichkeit. Ein weiter, mühsamer Weg ist nötig, um an diesen verheißungsvollen Ort zu gelangen. Das wusste schon Leonardo di Caprio in dem harmlosen Hollywoodfilmchen The Beach. Das Paradies auf Reisen ist immer ein quasi-mystischer Ort: Dort wohnen aus der Zeit gefallene Menschen. Dort liegt ein Geheimnis verborgen. Oder den Reisenden überkommt auf der Stelle das Gefühl, niemals wieder fortgehen zu wollen, weil alle Antworten offen daliegen oder die entsprechenden Fragen nicht mehr gestellt werden müssen.

Wer in Sierra Leone auf zerfurchten Schlammpisten über Land gereist ist und zum Tokeh Beach auf der Freetown Peninsula durchstößt, hat das Gefühl, eine Art Paradies zu erreichen (was auch immer sich nun genau hinter dem Begriff verbirgt, soll an dieser Stelle nicht behandelt werden): Der Sand quietscht unter den Füßen. Das Meer ist warm und klar, das Ufer wild bewachsen. Schönste Zivilisationsabwesenheit.

Hier möchte man nun bleiben und sich von den Strapazen erholen, nicht nur von den körperlichen natürlich. Morgens vor dem Frühstück im Meer schwimmen, mit Salzwasser in den Haaren Kaffee trinken, die Füße in Sandalen stecken. Danach: lesen, spazieren, auf den Ozean schauen. Die Prioritäten in Ordnung bringen.

Mehr als zehn Jahre ist der grausame Bürgerkrieg in Sierra Leone nun her, und noch immer kommen kaum Touristen an den Tokeh Beach. Das hat wiederum mit der Unzugänglichkeit des Ortes zu tun: Die Flüge sind teuer, die Straßen schrecklich, die Vorurteile gewaltig. Am Ende landet man immer bei der müßigen Frage, wann der Auflauf an Menschen das Paradies zerstört. Am Tokeh Beach, unter dem wolkenvergangenen Himmel Westafrikas, dürfte das noch eine Weile dauern.


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Sehnsuchtskulisse am Tokeh Beach.


Ein Mann, der sich durchaus mehr Touristen wünscht, ist unser Gastgeber Joseph Pierce, ein junger britischer Auswanderer, der zusammen mit einem libanesischen Freund das Tokeh Sands Beach Resort leitet. Die Libanesen, das muss man kurz erklären, kontrollieren die meisten Geschäftszweige in Sierra Leone. Sogar das Flaschenwasser trägt arabische Schriftzeichen auf dem Etikett.

Joseph ist ziemlich muskulös und gutaussehend. Aber ihn umgibt stets eine gewisse Melancholie, die sich manchmal um seine Augen herum manifestiert. Vielleicht kommt das von der Abgeschiedenheit dieses Ortes. »It’s not an easy life, but I wasn’t scared«, sagt der 31-Jährige. In London habe er jedenfalls mehr Angst, auf die Straße zu gehen.

Während unseres Aufenthalts in seinem Resort setzt sich Joseph häufig schweigend zu uns an den Esstisch und fängt dann an, ziemlich viel zu erzählen, aber nie aufbrausend oder hektisch. Er redet mit der Stimme eines Mannes, der sich über viele Dinge ganz grundsätzlich viele Gedanken gemacht hat. »I have securities. I can afford to take risks others wouldn’t be able to have here.« England habe er verlassen, weil es dort »actually boring« gewesen sei. Dann der rührende Satz: »I have nowhere to go home to.«

Man fragt sich, was Josephs Vision für diesen Ort ist. Was er in diesem Flecken Erde sieht. Ein Paradies? Immerhin, vor dem Bürgerkrieg um die Diamanten des Landes war der Tokeh Beach eine beliebte Destination bei Touristen. Hier an dieser Stelle stand ein Resort mit 600 Betten. Die Gäste flogen mit einem Helikopter vom internationalen Flughafen herüber. Die Ruinen stehen heute vermoost und verwildert zwischen den Palmen. Man muss an Robinson Crusoe denken. Der Strand ist verlassen.

Wer kommt überhaupt an den Tokeh Beach? Joseph unterscheidet drei Gruppen von Gästen: »People who have a lot of money; people who have a lot of money which they don’t want to spend; people from charity organizations who don’t want to pay for anything.« Es kommen also business people und NGOs – aber fast keine Touristen.

Wir erfahren nicht, was Joseph über das Paradies denkt, ob er hier wirklich angekommen ist. Er ist Geschäftsmann und wünscht sich mehr Gäste, ein unentdecktes Paradies bringt ihm nicht viel. »I can see this to become a popular destination«, sagt er.

In der letzten Regenzeit haben die Trucks der Baufirmen allerdings wieder die Straße von Freetown nach Tokeh zerstört. Ohne einen geländegängigen Wagen bleibt das Paradies vorerst abgeschnitten von den Auswüchsen der Zivilisation. Man will sich die Frage nicht stellen, ob das nun gut oder schlecht ist. Man will einfach hier bleiben, unter den Palmen liegen und den Kopf freispülen im warmen Meerwasser.


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Verwitterte Bungalows aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg säumen den Strand.



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Kaffee in Heathrow, ein Gespensterflugzeug, Blitze über Freetown, Dämmerfahrt ins Landesinnere, Entropie am Nachmittag, Gewittersturm im Dschungel: Stationen einer irren Reise nach Sierra Leone.

Ich erwachte in der dunklen Nacht über Westafrika. Der Royal Air Maroc AT 597 ging über Freetown nach Monrovia: unangenehmer Flug, fahles Licht, irgendwas zwischen Weiß und Grün. Meine Haut sah krank aus. Nur die Beschaffenheit des schlauchförmigen Innenraums mit seinen Sitzreihen und dem Gang erinnerte an ein Flugzeug. Hier und dort saßen Libanesen mit schlecht sitzenden Hemden, abgeklärten Blicken und Goldschmuck. Ansonsten: viele liberianische Geschäftsleute in Anzügen und mit dem Gestus des Emporkömmlings einer armen Gesellschaft, der nun mit Verachtung auf seine Mitmenschen herunterschaut, auf die, die es nicht geschafft haben, die immer noch im Dreck leben, als seien sie selbst schuld daran.

Ich lag über drei Sitze verteilt, der Oberkörper abgeknickt. Die Maschine war nicht voll besetzt. Ich meine, wen wunderte das auf dieser düsteren Himmelsfahrt mitten in der Nacht? Meine Augen waren trocken. Alles klebte und kratzte, weil ich die Kontaktlinsen seit gestern Morgen trug. Ich wurde auch nicht richtig wach und hatte, natürlich, viel kürzer geschlafen, als ich geglaubt hatte, vielleicht eine Stunde. Ich war immer noch oder schon wieder sehr erschöpft, keine Ahnung. Draußen zuckte ein Blitz hinter der Fensterscheibe und ließ die Tragfläche des Airbus aufleuchten.

Ich schaute mich um und hatte das Gefühl, dass kein einziger seriöser Mensch an Bord war. Stewardessen oder sonstiges Personal der Airline waren nicht zu sehen. Überall saßen nur raffgierige Zombies. Ein Geisterflug. Wie um alles in der Welt war ich hier gelandet?

Gestern morgen um 6 Uhr war es losgegangen von Berlin nach Heathrow. Dort einen ganzen Tag herumsitzen, kurz nach London hineinfahren, um günstig Geld zu tauschen, dann überteuerten Kaffee trinken. Die Stunden hatten sich hingezogen wie Kaugummi. Abends war es weitergegangen, aber nicht direkt nach Sierra Leone, sondern erst mal nach Marokko, Zwischenstopp in Casablanca. Der Airport war so wie die Maschine jetzt: einigermaßen schmutzig, verlassen, ranzig, irgendwie halbseiden. Gott bitte, dachte ich, hoffentlich wird mein Gepäck ordentlich durchgecheckt. Das war das einzige, was mir Sorgen bereitete.

In Casablanca hatte ich mich zwei Stunden mit einer Kenianerin unterhalten, die unterwegs nach Banjul war, um dort an irgendeiner Konferenz teilzunehmen, bei der es um Frauenrechte ging. Sie nannte sich Barbra. Wir redeten also, aber sie hatte ihre Uhr nicht umgestellt, und dann war es geschehen: Gate closed, Flieger verpasst, was für eine Scheiße. Ich konnte aber leider nichts tun und musste boarden.

Jetzt, in dieser Art Zwischenraum zwischen Himmel und Erde, rekapitulierte ich die vergangenen 18 Stunden. Es war 3 Uhr in der Nacht, bald würde der Landeanflug auf Freetown beginnen. Draußen gewitterte es. Wie war ich jetzt also hier hingekommen? Ich hatte meinen ersten Flug über Brüssel verpasst. Aus unglücklichen Gründen. Deshalb musste ich zwei Tage später, nachdem ich in einer Kurzschlussreaktion die nächstmögliche Verbindung gebucht hatte, diese mühselige Odyssee über London und Casablanca in Kauf nehmen. Aber jetzt würde ich doch noch nach Sierra Leone kommen.

Es gab ein lausiges Brötchen zum Frühstück, mit der Konsistenz eines Gummiballs, absolut ungenießbar. Manche Passagiere grinsten im Gammellicht zu mir herüber. Ich war der einzige Weiße an Bord, oder sagen wir mal, der einzige, den man als caucasian bezeichnen konnte. Das Flugzeug verlor langsam an Höhe. Draußen war immer noch alles schwarz, alles Finsternis. Dann tauchten spärliche Lichter unter uns auf.

Der Freetown International Airport liegt auf der anderen Seite des Sierra Leone River in Lungi, also komplett in der Pampa. In der Empfangshalle des Flughafens liefen verschiedene Offizielle ohne konkret erkennbare Funktion herum. Ich registrierte, dass mein Gepäck da war. Alles ein bisschen Chaos hier, eine halbherzige Taschenkontrolle, ein flüchtiger Blick in den Impfausweis: Gelbfieber steht drin, alles klar, »Welcome to Sierra Leone«.

Ich tauschte im Flughafengebäude ein paar Dollar in Leones. Direkt vor der Ankunftshalle zerstreute sich jeder noch so marginale Anschein internationaler Reisestandards, diese Gewissheit um das verbindlich Kalkulierbare, das ein Flughafen als Teil des globalen Verkehrswesens mit seinen Regeln und Abläufen nun einmal bietet. Ich sah nur Abzocker und Betrüger, ihre gierigen Augen, Penner und Prostituierte und ihre roten kaputten Augen, die aus dem Halbdunkeln auf mich schielten. Weit und breit gab es keine erleuchteten Straßen, nur ein paar Bretterbuden. Überall lag Müll. Aus der Ferne kam das Gewitter näher. Schwärzeste Nacht im raum- und zeitlosen Nirgendwo.

Aus der Dunkelheit trat ein Mann auf mich zu, der beim National Tourist Board arbeitete und extra herausgefahren war, um mich abzuholen. Ich konnte mir seinen Namen nicht merken, aber er wirkte sehr vertrauenserweckend. Begrüßung, Erklärungen. Ich musste jetzt mit einem kleinen Bus herunter zum Wasser fahren. Dort würde ich mit dem Boot herüber nach Freetown übersetzen, und dort würde ein Mann namens Mohamed auf mich warten. Wird schon hinhauen, dachte ich mir.


Freetown, Sierra Leone
Sierra Leone
Freetown, Sierra Leone
»Welcome to Sierra Leone.«


Die Dämmerung war nicht mehr fern, als der Regen einsetzte. Wir hatten orange Schwimmwesten bekommen. Die Geschäftsleute mit ihren schlecht sitzenden Anzügen sahen darin noch lächerlicher aus als vorher. Der Kapitän des Schnellboots war ein redseliger Draufgänger, der seine temporäre Macht genoss – nämlich die ankommenden Passagiere über den Fluss in die Stadt zu bringen. So stritt er eine Weile mit einem Sierra Leoner, der sich weigerte, die Schwimmweste anzulegen. »As long as I am driving this boat, my friend, you follow my instructions.« Der letzte Teil des Satzes klang nach Betriebsanweisung, nach Ordnung im Chaosfall. Er kam mir angesichts dieser behelfsmäßigen Überfahrt extrem absurd vor.

Die Tropfen ratterten jetzt richtig auf den Plastiküberzug, der das Gestell der Passagierkabine gegen den Regen schützen sollte. Mir fielen immer wieder die Augen zu. Ich war fast 24 Stunden wach, ich hatte ja immer nur maximal eine Stunde ein wenig gedöst und raste hier nun mit einem Boot voller korrupt aussehender Fremder über den schwarzen, distanzlosen Fluss. Am anderen Ufer würde ein Mohamed auf mich warten, das war das einzige, das ich wusste. Abgesehen davon: Ich musste im Laufe des kommenden Tages irgendwie zu meiner Reisegruppe stoßen, die sich im Landesinneren befand.

Im strömenden Regen wurde das Gepäck entladen. Tatsächlich wartete hier am Ende der Straße ein Geländewagen. Mohamed erkannte mich sofort, wir begrüßten uns, tauschten ein paar Small-Talk-Formalitäten aus, und ich stieg in sein Fahrzeug. In Bo, der zweitgrößten Stadt Sierra Leones, sollte ich auf die Gruppe stoßen. Mohamed würde mich jetzt dorthin fahren, gute fünf Stunden würde das dauern. Wir durchquerten Freetown und ich versuchte, ein paar kluge Sätze herauszubringen, aber mir kam nichts Gescheites über die Lippen. Mit dem ersten Violett am Himmel hatten wir die Stadt hinter uns gelassen. Wir fuhren auf einer von den Chinesen perfekt asphaltierten Straße in den Busch. Ich konnte nicht mehr. Der Kopf fiel mir auf die Schulter, immer wieder.


Freetown, Sierra Leone
Sierra Leone Peace and Cultural Monument.


Als der wirre Halbschlaf ein Ende hatte und ich wieder einen strukturieren Gedanken fassen konnte, war der Tag schon hell und heiß geworden. Grünes Buschland zog an uns vorüber. Die Regenzeit war gerade vorbei. Ich fühlte mich schmutzig. Mit Mohamed wechselte ich ab und zu ein paar Belanglosigkeiten. Im Zeitstrom war alles verschwommen: Berlin, London, Casablanca, Freetown. Jetzt fuhren wir auf dieser einsamen Straße, dabei war ich gefühlt immer noch wach. Ich trug noch die gleiche Kleidung, so als hätte ich stets still an einer Stelle verharrt, als hätte sich nur die Umgebung um mich herum verzerrt wie bei einem Morphing-Effekt in einem dubiosen Science-fiction-Film.

In Bo, das wurde schnell klar, würden wir noch einige Zeit auf die Reisegruppe warten müssen. Keine Ahnung, wann sie ankommen sollte: typisch Afrika. »Around twelve«, sagte Mohamed, der immer wieder unsere Kontaktperson anrief. Wir fuhren durch Bo, warfen einen Blick auf die Schule, auf den Markt, aber hier gab es im Prinzip nicht so viel zu sehen, als dass eine mehrstündige Stadtrundfahrt Sinn ergeben hätte. Die Kennzeichen des wirtschaftlichen Fortschritts waren weniger sichtbar als in anderen afrikanischen Ländern, die ich besucht hatte. Ich sah keine Banken, keine Supermärkte, keine Ampeln. Die Mittagshitze knallte jetzt richtig schön auf die Straßen herab.


Bo, Sierra Leone
Nachmittags in Bo: sanfte Entropie.


Ich fragte Mohamed, ob es möglich wäre, irgendwo einen Kaffee zu trinken. Daraufhin setzen wir uns vor den Bretterverschlag eines kleinen Geschäfts, das auch Brot, Tee und Nescafé aus der Dose anbot. Ich beobachtete die Entropie des Stadtverkehrs: Motorradfahrer, immer wieder Laster, Lärm und Gehupe, ein Durcheinander, das von einer inneren Ordnung zusammengehalten wurde.

Um uns herum auf den provisorischen Bänken saßen etwa zehn junge Männer und taten nichts. Andere hielten mit ihren Bikes an, setzen sich dazu, tranken etwas und fuhren wieder. Es lief ein Best-of-Album von 2Pac. Oben an einem Brett hing das ausgeblichene Foto eines amerikanischen Gangstarappers, der mit seinen Fingern ein gang sign machte. Im Verschlag nebenan zerteilte ein Mann mit einem dünnen, ellenbogenlangen Messer ein Stück Kuh. In einer metallenen Schüssel auf einem Grill, der aus einer Tonne bestand, brutzelte ein Eintopf.

Ich beobachtete die Männer, die herumsaßen und schwiegen. Mohamed musste meine Irritation bemerkt haben: »You know, they just sit here and wait.« Aber auf was, fragte ich mich, und erkannte, dass es die falsche Frage war, einfach weil ich hier etwas ganz grundsätzlich nicht verstand: Es gab nichts zu tun für diese Männer, keinen Job zu verrichten und auch sonst nichts wegzuarbeiten. Ich wartete ja auf meine Gruppe und wurde nervös, weil nichts vorankam. Nur an diesem Ort wurde dieser Umstand durch die Präsenz der Männer noch einmal unterstrichen. Dabei war offensichtlich, dass die Leute mit nichts vorankommen wollten, weder heute noch morgen. Die Zeit ging einfach dahin.

Ein junger Typ, der einen äthiopischen Einschlag hatte, schien am Tisch das Sagen zu haben. Vor ihm lagen zwei Handys und zwei Ladegeräte. Es wurden Samsung-Mobiltelefone verglichen. Samsung wurde von allen Diskutanten für besonders gut befunden. Wieder hielt ein Motorrad und ließ vier Paar Markensneaker-Imitate durch die Hände der Männer geben. Dann wurde diskutiert, welche Möglichkeiten Terroristen der radikalislamischen Al-Shabab-Miliz hätten, von Somalia nach Sierra Leone zu kommen. Warum auch immer sie das tun sollten. Palaver. Großes Männer-Blabla.

Ich trank die ganze Zeit »Jago Instant Drinking Chocolate« und fand es jetzt, in meiner übermüdeten und erbärmlichen Allgemeinverfassung, nicht einmal unangenehm. Ein Junge in weißem Unterhemd saß stundenlang teilnahmslos mit am Tisch und redete mit niemandem, als sei ihm jede Sprache abhandengekommen. Ich konnte nicht erkennen, ob er die anderen Typen kannte. Er schaute neutral, irgendwie traurig wie jemand, der eine große Bürde trägt. Trotzdem wirkte er selbstgewiss und stur, als sei ihm alles egal. Er ging, ohne ein Wort gesprochen zu haben.

Ich akzeptierte langsam die tropische Wärme, den Schweiß und das Kleben, ebenso wie das Warten, das kein Ende nahm. Es wurde Nachmittag, die Sonne fiel schon schräg auf die staubigen Straßen von Bo. Ich saß da und beobachtete. Der Tag schwand, aber ich konnte nicht mehr sagen, wie lange ich nun unterwegs war, ob ich vor einem oder zwei Tagen aufgebrochen war. Endlich kam der Allrad-Toyota.

Zusammen mit der Reisegruppe ging es jetzt über Schlammpisten in den Busch, zum Fluss Moa nach Tiwai Islands, wo wir zwei Nächte bleiben sollten. Der Fahrer raste über die erdige Piste, drei Stunden. Manchmal erwischten wir ein Schlagloch etwas zu heftig, der Wagen ruckelte durch und riss mich aus dem Halbschlaf.

Wir erreichten das letzte Dorf vor dem Fluss und begannen, unsere Ausrüstung die Böschung herunterzutragen. Die Nacht kommt in den Tropen wie auf Kommando, und es war jetzt schon fast wieder stockfinster. Wir gingen an Bord eines motorisierten Schlauchboots. Über dem Wasser stand ein voller Mond. Die Konturen der nächtlichen Landschaft zeichneten sich in der Dunkelheit ab.

Auf der anderen Seite des Flusses legten wir an. Die Strömung war kräftig und hatte uns ein Stück mitgenommen. Ich hatte, ehrlich gesagt, mit einer einfachen, aber doch voll funktionsfähigen Lodge auf der Insel gerechnet, schließlich wollte man uns hier das Potenzial des Tourismus in Sierra Leone vorstellen, stattdessen: Zelte unter Wellblechbaracken, kein fließendes Wasser, eine defekte Solaranlage. Ich war seit gestern Morgen ungeduscht, vollkommen übermüdet, schlichtweg fertig, kaputt, und dachte nur: Das ist ja eine Katastrophe jetzt. Kann es sein, dass ich nach 36 Stunden nonstop unterwegs auf einer feuchten Matratze Ruhe finden muss?


Tiwai Island
Ein Mann setzt mit seinem Einbaum über nach Tiwai.


Wir aßen Fisch und Gemüse und Reis. Kühles Bier gab es natürlich nicht, nur Wasser aus Plastikflaschen, aber ich entwickelte einen gewissen Fatalismus gegenüber dieser völligen Abwesenheit von Zivilisation. Es sollte jetzt, irgendwie, auch alles so sein.

In meinem Kopf spulte die Erinnerung Bilder der vergangenen Reise ab: der schrecklich biedere, behördenhafte Flughafen Tegel, der Megakomplex Heathrow, alles very british, der verlotterte Airport von Casablanca, das fremde Freetown in dieser pechschwarzen Gewitternacht kurz vor Morgengrauen. Jegliche Ordnung war im Verlauf der letzten Stunden zerfallen, architektonisch, örtlich, räumlich, ganz greifbar. Aber auch im Kopf, innerlich, vom Bewusstsein her.

Ich lag auf der gammeligen Matratze im Zelt, mitten im Dschungel. Die Regentropfen auf dem Wellblech hörten sich an, als würden faustgroße Steine auf das Dach fallen. Blitze erleuchteten die Umgebung taghell. Es war ein ohrenbetäubendes Inferno aus Donner und gewehrkugelartigem Prasseln. Die Welt entglitt mir, ich hatte kein Verständnis mehr für den Ort, an dem ich mich befand. Es war alles zu viel. Ich bewegte mich in die totale Verwirrtheit: Traumbilder griffen auf mich über, wüste Schimären. Es kam mir vor, als würde ich mich hier, am Endpunkt dieser Odyssee, endgültig auflösen und davongespült werden. Die Vergangenheit verschwommen, die Gegenwart bedrohlich und rauschhaft, die Zukunft in einer Ferne jenseits dieser urgewaltigen Gewitternacht.

Ich träumte nicht in dieser Nacht, jedenfalls konnte ich mich an nichts erinnern. Trotzdem kam es mir am Morgen, als Sonne durch die Blätter fiel, exakt so vor, als sei ich aus einem völlig unrealen Traum erwacht. Ich war in Sierra Leone angekommen. Auf einem mühsamen Weg. Und vielleicht war das genau der richtige Weg gewesen, um in so ein Land einzusteigen, um dort anzukommen.


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