Simbabwe

Harare / Masvingo — In Harare möchte man nicht leben. Wohl aber lassen sich dort, wenn man auf Durchreise ist und den ländlichen Gegenden eine Weile den Rücken kehren möchte, zwei Ruhetage verbringen. Nichtsdestotrotz, die Hauptstadt von Simbabwe ist nicht sonderlich ansehnlich. Eben eine klobige, dreckige Millionenstadt in Afrika.

Auf dem mannshohen Zaun, der unsere Pension, die Palm Rock Villa in der Selous Ave, von der übrigen Stadt abschirmte, war eine Rolle Nato-Stacheldraht angebracht, und das musste nun auch irgendwelche Gründe haben. Wir schlenderten nur bei Tageslicht von der Herberge aus in die Innenstadt.

Einer der Taxifahrer zeigte uns eines Abends – wir hielten an einer Tankstelle und kauften Wasser – die Narben auf seinem Kopf. Einmal nämlich, erzählte er, hätten ein Mann und eine Frau versucht, seinen Wagen zu rauben und ihn mit einem gewöhnlichen Schraubenzieher attackiert. Tagsüber schien indes die Sonne, die Straßen der Downtown machten keinen allzu lebensbedrohlichen Eindruck.


Harare
Harare
Harare
Harare
HarareHarare, Downtown.

Great Zimbabwe
Great Zimbabwe
Great ZimbabweDie Überreste des alten Munhumutapa-Reiches.

Leider verkehren die Minibusse zwischen Great Zimbabwe und Masvingo nach Einbruch der Dunkelheit höchst unregelmäßig. Ein Taxi für eine Strecke von 39 Kilometern ist auch in Simbabwe, wo es keine eigene Landeswährung mehr gibt und stattdessen mit relativ teuren US-Dollar und südafrikanischen Rand gezahlt wird, eine wohlüberlegte Investition. Wir entschieden uns dagegen und für das Fahren per Anhalter. Generell ist Trampen in Südostafrika natürlich mit einem gewissen Risiko verbunden, das je nach Situation und Tageszeit wiederum zu vernachlässigen ist. Wir hatten aber ohnehin das Glück, von einem offensichtlich sehr wohlhabenden Parlamentarier und seiner Frau in einem geräumigen, schwarzen SUV-Geländewagen mitgenommen zu werden.

Er habe vor, mit einer Schule in Deutschland zu kooperieren, erklärte der Mann, ob wir ihm da nicht einen Kontakt empfehlen könnten. Wir tauschten Adressen aus und bedankten uns für die Fahrt, entstiegen im überaus ruhigen Zentrum von Masvingo und ließen uns zu Kaffee und Bananenmilchshakes in einem hell erleuchteten Lokal nieder.

Übernachten kann man übrigens gut in der Titambire Lodge, die Pension am Stadtrand erinnert mehr an ein Privathaus als eine öffentliche Herberge.


Great Zimbabwe
Great Zimbabwe
Great ZimbabweAbendstimmung am Great Zimbabwe National Monument.

Bewegt sich der Reisende in Simbabwe nun von Masvingo nach Norden, sollte er geerdet genug sein, um sich auf Harare einlassen zu können, wozu eingangs im Prinzip alles Wichtige gesagt worden ist. Man könnte nun noch erwähnen, dass es bei unserer Ankunft in der Stadt für mindestens einen ganzen Tag kein fließendes Wasser geben sollte, was angesichts der staubigen Überlandpisten für ein gewisses Unwohlsein sorgte. Allerdings stellte der Besitzer der Pension seinen Gästen auf Nachfrage große Plastiktonnen mit gesammeltem Regenwasser zur Verfügung. Der Geruch des fragwürdigen Inhalts konnte die latente Assoziation mit Motoröl während des Duschens allerdings nie vollständig zerstreuen. Am Busbahnhof der Stadt steht darüber hinaus die mit Abstand schlimmste öffentliche Toilette im südlichen Afrika.

Um eine Floskel aus dem Reiseklassiker Ferien für immer zu bedienen: Harare ist womöglich nicht so schlimm, wie es hier dargestellt wurde.

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Es sei der wundervollste Anblick gewesen, der sich ihm je in Afrika geboten habe, hat David Livingstone einst über die Victoriafälle geschrieben. Da wir nicht wissen, ob er jemals hoch oben von den Ruinen von Great Zimbabwe die Sonne über dem weiten Land des späteren Süd-Rhodesiens untergehen sah, muss diese Aussage erst einmal für sich stehen. In jedem Fall erwartet den Reisenden am Cataract Point im Victora Falls National Park in etwa folgende Szenerie: Von links und quasi direkt hinter der hölzernen Absperrung stürzt der gewaltige Sambesi hinein in eine 108 Meter tiefe Schlucht, und zwar über eine Bruchkante von 1700 Metern, deren Ende man von Westen schauend durch die bis zum Himmel aufsteigenden Gischt nur erahnen kann. Die Hänge der Kluft sind mit sattgrünen Pflanzen bewachsen, und wenn man Glück hat, wird das eintönige Blau des Himmels obendrein durch weiße Wolkenkissen zerstreut. Als ob das noch nicht genug Eindrücke für die Augen wären, ziehen sich durch das viele Wasser in der Luft eigentlich zu jeder Zeit die Spektralfarben eines oder gleich mehrerer Regenbögen über die Fälle. Man möchte Livingstone nun doch irgendwo zustimmen.

Aufgebrochen zu diesem Spektakel waren wir am Morgen in eben jener Stadt, die nach dem Entdecker benannt ist, und zwar in Livingstone in Sambia. An der Grenze zu Simbabwe zog jemand ein dickes Bündel Simbabwe-Dollar aus der Tasche. Durch eine höchst unglückliche Fiskalpolitik der Regierung unter Diktator Robert Mugabe hatte die Inflationsrate in Simbabwe im Juli 2008 nämlich einen Wert von 231 Millionen Prozent erreicht. Sie wuchs danach weiter, auch wenn keine offiziellen Zahlen mehr veröffentlicht wurden. Im November des gleichen Jahres verdoppelten sich die Preise mit jedem Tag. Die Wirtschaft kollabierte endgültig, und obendrein breitete sich die Cholera zu einer nationalen Epidemie aus. Nur drei Monate später, im Januar 2009, wurden ausländische Währungen endlich offiziell zugelassen, der ohnehin wertlos gewordene Simbabwe-Dollar schied aus, und seitdem wird der Zahlungsverkehr in Devisen abgewickelt. Die Farce hatte ein Ende. Nur an den Fällen stehen sie immer noch, die Händler und verkaufen lustige Scheine mit neun Nullen – als Souvenirs.


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Livingstone Bridge.


Von der stählernen Livingstone Bridge, die von »Zam« nach »Zim« führt, kann man mit einem Bungee-Seil an den Füßen in den Regenbogen hineinspringen, der sich unter der Brücke über dem Strom aufspannt. Der Sambesi fließt an dieser Stelle, nachdem er die Fälle hinter sich gelassen hat und nun in eine enge Schlucht gezwängt ist, mit ansehnlicher Geschwindigkeit. »You are now entering Zimbabwe«, steht auf einem Schild, und man legt 30 Dollar für ein Visum auf den Tisch, um dieses in den westlichen Nachrichten so verrufene, autokratische Land zu betreten, das unter den Staaten, deren Entwicklungsniveau im Human Development Index der Vereinten Nationen gemessen wird, in 2010 mit Rang 169 noch den letzten Platz belegt hatte. Nach Hyperinflation und Staatskrise ging es nun, so war auf der Webseite des Auswärtigen Amtes zu lesen gewesen, wieder etwas aufwärts. Das Warenangebot habe sich verbessert, auch wenn Treibstoff noch knapp werden könne und beim Reisen gelegentlich mit Einschränkungen zu rechnen sei. Die Versorgung mit elektrischem Strom und Trinkwasser sei beispielsweise nicht flächendeckend gesichert. Alles ganz normal also.

Victoria Falls Town, Simbabwe. Im Gegensatz zu Livingstone, drüben in Sambia, wirkt die Touristenstadt unweit der Fälle wie ein heruntergekommenes Nest. Zwar haben sich einige Luxusresorts am Stadtrand angesiedelt, innerhalb des Ortes passiert in der Regel aber wenig bis überhaupt nichts. Es sind generell nur wenige Menschen auf den Straßen zu sehen, dafür gibt es mehrere Banken und ein internationales Krankenhaus, was aber, wie gesagt, einzig dem Umstand Rechnung trägt, dass die meisten Touristen, sofern sie denn überhaupt einen Fuß auf simbabwisches Staatsgebiet setzten, nach Victoria Falls kommen, um sich mit einem klimatisierten Reisebus bis vor die Tore des Nationalparks fahren zu lassen. Kostengünstige Logis bietet das Victoria Falls Backpackers, in dem bei unserem Besuch keine anderen Reisenden anzutreffen waren.

Es sei Nebensaison, erklärte Roger, ein junger Angestellter, während auf dem kleinen Herd im Freien eine scharf gewürzte Tütennudelsuppe vor sich hin kochte. Entgegen meiner Mutmaßungen äußerte Roger unverblümt seine Abneigung gegenüber Robert Mugabe, der zwar seit 2008 gezwungen war, in einer Koalition mit der verfeindeten MDC zu regieren, jedoch in beständiger Regelmäßigkeit Mitglieder dieser Oppositionspartei ins Gefängnis werfen ließ. »You cannot keep all the power for yourself.« Damit ließ sich das ganze Dilemma, welches die Geschichte Simbabwes seit der erfolgreichen Unabhängigkeit 1980 umtreibt, eigentlich ziemlich genau auf den Punkt bringen. Noch in diesem Jahr, in 2011, sollte es Wahlen geben, aber ob und wann, das war bis dato nicht ausgemacht. »It will be violent«, soviel jedenfalls könnte man schon definitiv sagen.

Dann zückte Roger sein Handy, wählte im Menü den Unterpunkt »date and time« und bekam eine Auswahl an Weltzeiten aufgelistet. Das hatte ihn lange Zeit ungemein verwirrt. Er habe sich nie vorstellen können, so erzählte er, dass es an mehreren Orten der Welt im gleichen Moment unterschiedlich spät ist. Jedwede Versuche, mit beschränktem astrologischen Schulwissen etwas Licht ins Dunkel zu bringen, scheiterten. Den endgültigen Beweis hatte Roger aber ohnehin ein Video-Chat geliefert. »I saw the sun going down behind my friend, and I was like wowowo…«

Unser erster Tag in Simbabwe war noch zu jung, um ihn mit endlosem Herumhängen in einem ausgestorbenen Backpacker-Resort zu verbringen, und so hatten wir uns eben noch auf den Weg in den Nationalpark gemacht, um die Victoriafälle zu sehen. Auf dem Weg dorthin machte der Taxifahrer einen kurzen Zwischenhalt am Baobab Tree, einem mächtigen, knorrigen Baumgewächs von gewaltigen Ausmaßen. Vor dem Parkeingang verkauften Händler Wasserflaschen für lächerliche drei Dollar das Stück. Der Park sieht erst einmal sehr unspektakulär aus, allerdings nur, bis man Ausblick auf die Fälle bekommt. Am Danger Point empfiehlt es sich, bei aller Begeisterung ob der schier nicht real erscheinenden Szenerie, auf die regelmäßig über dem steinernen Weg niedergehende Gischt zu achten. Zuletzt ist man sonst gezwungen, sich vollkommen durchnässt nach vorne zu beugen, um die in einer Plastiktüte befindliche Fotokamera mit der Masse des eigenen Oberkörpers gegen den monsunartigen Niederschlag zu schützen. Das sieht ohne Zweifel ziemlich dümmlich aus.


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Victoria Falls National Park.


Langsam wurde es Abend im Park, Affen hüpften von Ast zu Ast, wir trockneten im orangegelben Sonnenlicht. Zurück in Victoria Falls Town kreuzten mitten in der Stadt wilde Warzenschweine die Straße. Der Seven Eleven hatte nur wenig Auswahl an Lebensmitteln. Wir bekamen südafrikanische Rand herausgegeben, in Simbabwe gibt es keine Dollarmünzen, so behelfen sich die Menschen einfach mit zwei Währungen. Es war allerdings nie ersichtlich, wie viele Rand nun genau einem Dollar entsprachen, und allem Anschein nach wurde das von Landesteil zu Landesteil unterschiedlich gehandhabt. Ein schmackhaftes Abendessen ließ sich in dem Supermarkt jedenfalls nicht finden. Zum Glück existiert in Simbabwe ein zuverlässiges Netz an Filialen eines Dreigespanns aus Pizza Inn, Chicken Inn und Creamy Inn, so auch in Victoria Falls. Die Versorgung war für das Erste sichergestellt, am Morgen würde es weitergehen, weg von dem Touristenort, weg von den rauschenden Wasserfällen und den Regenbögen darüber, hinein in das Land, auf dem dieser düstere Schatten lag. Nach dem Essen gab es Kaffee im Pappbecher, ein Taxi brachte uns zurück in die Lodge.


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Bulawayo — Bulawayo ist Simbabwes einzig akzeptable Großstadt. Das ist der Tatsache geschuldet, dass es in dem südostafrikanischen Staat eigentlich nur zwei Metropolen gibt und Harare einem Moloch gleicht.

In Bulawayo fällt dem Reisenden, mit einem klapprigen Minibus von Norden kommend, zunächst der relativ zur übrigen Versorgung des Landes eindeutige Überfluss an Lebensmitteln auf. Noch im eine halbe Stunde vor der Stadt am staubigen Straßenrand liegenden Tigerhurst Bottle Store & Regulars beschränkte sich das Warenangebot, so mussten wir ernüchtert feststellen, auf ein paar warme Flaschen Coca Cola, fad schmeckende Kekse und abgepacktes Toastbrot.

Die zweifelhafte Verknüpfung von Konsum und Glück indes wird bereits durch den Slogan »Open Happiness« auf dem Coca-Cola-Werbeschild deutlich, das unweit der Stadtgrenze genau gegenüber des »Welcome to Bulawayo«-Schilds auf der anderen Straßenseite aufgestellt wurde.


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Reisenden mit nachrangigen Ansprüchen an ein »charmantes« Ambiente sei das Berkeley Place in der Josaiah Tongogara Road zur Übernachtung empfohlen. Es ist günstig, und wenn der Gast nach einem Steckdosenadapter fragt, kann es sein, dass die rüstige Besitzerin ihm kurzerhand gleich selbst die Haare föhnt.

Nicht weit entfernt von der Pension, beim Centenary Park, soll sich allerdings dem hysterischen Verfasser des Lonely Planet zufolge eine der gefährlichsten Straßen Afrikas befinden (»Don’t even think about walking down the street at night!«). Wir haben das nicht überprüft.

Die für einen Polizeistaat typischen, an jeder Straßenecke blöd herumstehenden Uniformierten, obgleich sonst für eine kompromisslose Repression der Zivilbevölkerung sorgend, vermitteln dem Touristen perverserweise ein nicht zu unterschätzendes Gefühl der Sicherheit.


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Diejenigen, die vom korrupten Autokratenregime Robert Mugabes direkt oder indirekt profitieren, fahren gerne vor der Haefeli’s Swiss Bakery mit ihren SUV-Geländewagen vor und fläzen sich in ihren teuren Anzügen aus Südafrika auf die bequemen Stühle des Cafés, um The Zimbabwean oder den Zim Observer zu lesen und über ihre Geschäfte zu reden. Die mit weißen Häubchen bedeckten Kellner des Lokals servieren ausgezeichnetes Gebäck.

Wir ließen dort den Abend hereinbrechen, vor uns parkte ein weißer BMW X3 am Straßenrand.


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Wer von den mühseligen Überlandfahrten in schrottreifen Rostlauben hungrig geworden ist, kann sich in Bulawayo aber auch in dem bereits an anderer Stelle erwähnten Dreigespann aus Chicken Inn, Pizza Inn und Creamy Inn mit fettreicher, für den westlichen Magen problemlos zu bewältigender Fast-Food-Kost sättigen.

Empfehlenswerter ist dagegen der Innenhof der National Art Gallery in der Leopold Takawira Ave. Dort beginnt der Tag, wenn man will, wahlweise mit Schokoladen- oder Zitronenkuchen, Cappuccino und einer wohlschmeckenden Zitronenlimonade. In den schattigen Räumen im ersten Stock waren zuletzt die Bilder von Kindern ausgestellt, die mit Wachsmalstiften die Infektionskrankheit HIV darzustellen versuchten, unter der in Simbabwe jeder siebte Erwachsene leidet.

Wenn nicht gerade eine Parteikundgebung der MDC von den Ordnungskräften niedergeknüppelt wird, merkt der Reisende in Bulawayo kaum, dass er sich in einem diktatorisch regierten Land befindet. In den sonnigen und breiten Straßen lässt es sich vielmehr bequem auch länger als einen Tag aushalten. Es gibt Internetcafés, Restaurants und verschiedenste Geschäfte, einen großen Markt, Kunstgalerien und Bars.


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Die Fake-Couture der hiesigen Designerläden lässt zwar stark an Geschmack zu wünschen übrig, wir sahen dafür aber einen jungen Hipster, dessen Outfit (High-Top-Sneaker, Slimfit-Hose, Weste und Basecap in schwarz, dazu oranges Hemd und Plastikgestell) den schwer erträglichen Fashion-Faschisten und Modebloggern im Pseudoindividualistenmekka Berlin-Kreuzberg die Zornesröte der Eifersucht ins Gesicht getrieben hätte.

Mutmaßlich fand sich besagter Stilvisionär im hippen Baku Club ein, aus dem auch am späten Abend – die Sonne war schon lange untergegangen – noch die aktuelle US-Popmusik eines T-Pain oder Lil Wayne in das ansonsten menschenleere Bulawayo Center hinausschallte.

Wir schauten uns im Kino für drei Dollar einen Hollywoodfilm an und fuhren zurück ins Hotel.


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Kariba — Wenn es bereits am frühen Abend stockfinster ist, Krokodile weniger als fünf Gehminuten entfernt durch das ufernahe Unterholz kriechen und man die heiße Nacht mitten im afrikanischen Busch an einer rudimentär zusammengeschusterten Bar mit einigen Bier und Tequila ablöscht, befindet man sich möglicherweise bei Warthogs in Simbabwe.

Das Camp am Lake Kariba ist wie die meisten Backpacker-Lodges – sofern dort wegen saisonalen Desinteresses keine überambitionierten Traveller logieren – ein durchaus sympathischer Ort zum Verweilen. Die kleinen Holzhütten sind einfach, sauber und naturgemäß nicht ganz geschlossen, an der Rückseite liegt jeweils eine offene, mit roten Steinplatten geflieste Dusche.

Als wir das Camp an einem Februarabend erreichten, ließen wir unser Gepäck gleich stehen und gingen hinüber zur eingangs erwähnten Bar. Dort tranken sich zwei weiße Simbabwer, die laut eigener Aussage einmal in der Rugby-Nationalmannschaft gespielt hatten, munter diskutierend durch die tropische Abendhitze.

Einer von ihnen hieß Andy und erzählte, sein Bruder habe einige Zeit im Gefängnis gesessen, weil er in öffentlichkeitswirksamer Form – die genauen Umstände sind in Simbabwe im Prinzip nebensächlich – gegen das herrschende Regime von Robert Mugabe opportuniert hatte, der das Land seit 21 Jahren regiert, als einer der letzten waschechten Despoten Afrikas gilt und deshalb nicht mehr in die Europäische Union einreisen darf.


Lake Kariba
Lake Kariba
Lake Kariba


Er selbst, berichtete Andy, sei bei den letzten Wahlen raus auf das Land gefahren und habe dort gefilmt, wo Mugabe bisher immer verdächtig viele Stimmen bekommen hatte, wo aber tatsächlich überhaupt keine Menschen wohnen. Das alles habe gewaltig nach Wahlbetrug gestunken, aber wen hätte das verwundert?

Für seine Undercover-Recherchen jedenfalls schien der stämmige Ex-Rugbyspieler – nun Geschäftsmann, wie er betonte – nicht allzu drakonisch bestraft worden zu sein, saß er doch als freier Mann am Kariba-Stausee und ließ es sich an diesem späten Februarabend ziemlich gut gehen.

Es wurde noch einige Zeit schwadroniert, und irgendwann, nachdem etwa zwei Stunden an der Bar vergangen waren, luden uns zwei andere Simbabwer, George und seine Nichte Stacey, in recht angetrunkenem Zustand in ihr Haus ein. Es sollte sich nur unweit des Camps direkt am Ufer des Sees befinden.

Das Gepäck wurde rasch aus den netten Hütten auf einen Jeep verladen, und bevor der aus der Trinklaune heraus geborene Plan noch richtig abgewogen war, holperte das Fahrzeug über die bucklige Erdpiste durch die Nacht. Wir tranken Dosenbier, bei besonders tiefen Schlaglöchern schäumte es uns über die Hände.

Im Prinzip war es völlig ausgeschlossen, im Halbdunkeln eine Straße zu erkennen, aber schlussendlich standen wir vor einem sauber verputzten Haus mit einem spitz zulaufenden Holzdach, dem zweistöckigen Anwesen unseres Gastgebers.


Lake Kariba


George – das wurde schnell klar – schien in Simbabwe einiges richtig gemacht zu haben. Wir blickten bei raffiniert gewürzten Hähnchenflügeln von einer überdachten Veranda über den Pool auf den nächtlichen See.

Plötzlich war da ein Schnauben unter den Bäumen auf der Wiese, und tatsächlich, nachdem wir einige Minuten angestrengt in die Dunkelheit gespäht hatten, lief ein ausgewachsenes Flusspferd durch den Garten.

George schloss das Gatter ab und führte uns in eines der Schlafzimmer, es lag direkt unter dem Dach. Der Tag war ziemlich anstrengend gewesen, wir waren von Harare herauf nach Kariba gefahren, über die staubigen Überlandstraßen.

Am nächsten Morgen wachten wir zum letzten Mal innerhalb der Staatsgrenzen Simbabwes auf. Eine rote Sonne hing am diesigen Himmel.

Heute, so war der Plan, wollten George und Stacey mit uns noch einmal raus auf den See fahren, eine Einladung, die wir angesichts der horrenden Nationalpark-Eintrittsgelder, die an das Einkommensniveau der herumreisenden Westler angepasst sind, dankend annahmen.

Mit einem stark motorisierten Boot ging es hinauf auf das Wasser. Wir sahen Büffel, Elefanten, Hippos und Krokodile. Trotz akribischen Ausschauhaltens war beim besten Willen nicht eine einzige Umzäunung irgendeines Tierreservats zu erkennen.

Hier war alles Wildnis, und wenn man ins Wasser fiel, wurde man womöglich gefressen.


Lake Kariba
Lake Kariba
Lake Kariba


Später am Tag luden wir unsere Gastgeber am Hafen zum Essen ein und wurden dankenswerter Weise bis zur Grenze nach Sambia gefahren, zur großen Dammmauer des Kariba-Stausees. Von dort erwischten wir noch einen Minibus nach Lusaka, der die sambische Hauptstadt spät am Abend erreichte. Das klappte alles noch so gerade.

Manchmal passiert es nämlich, erzählte uns George, dass die Menschen aus Kariba zum Supermarkt fahren, und wenn dann ein Elefant auf der Straße steht ohne Anstalten sich zu bewegen, dann fahren die Menschen aus Kariba an diesem Tag eben nicht zum Supermarkt.



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