Tansania

In der kommenden Nacht werde ich zum Schlafen einen Pullover tragen. Eiskristalle verzieren den abwechselnd grasbewachsenen und dann wieder staubgrauen Boden im Shira Camp, die kalte Stunde vor Morgengrauen liegt gerade hinter uns. Die spärliche, aber immer noch vorhandene Vegetation schafft in Verbindung mit jenem Anflug von hochalpiner Kälte eine seltsame Mischatmosphäre. Ich spule mein Morgenprogramm ab. Das Verlassen des Schlafsacks – als eine Art Wärmekokon – ist mit Abstand die schlimmste Prozedur. Das Zelt ist an diesem Morgen nicht nur latent feucht, so wie eigentlich immer, sondern auch ziemlich kalt. Zähne putzen und Gesicht waschen beleben mich wieder, danach gibt es wie üblich Tee und Frühstück. Rasch wird alles in Kisten, Säcken, Taschen und Rucksäcken verstaut, und in dem Moment, in dem die Morgensonne endgültig über den Berghang fällt und das Lager mit gelblich-orangem Licht flutet, setzen Tito und ich wieder einen Fuß vor der anderen.

Die Tagesetappe sieht heute vor, bis zum Lava Tower, einem gut 20 Meter hohen, schroffen Felsobelisken auf etwa 4600 Metern aufzusteigen, nur um dann wieder auf Ausgangshöhe ins Barranco Camp zurückzukehren. Dies ist keine Schikane, sondern dient selbstverständlich der Akklimatisierung. Denn, wie jeder Bergsteiger weiß, gilt auch am Kibo das alte Motto climb high, sleep low, was für den ersten Teil des Tages also wiederum ein stetiges Bergaufgehen bedeutet.

Alsbald ziehen sich die Pflanzen gänzlich zurück, und recht schnell bekommt man in etwa ein Gefühl dafür, wie es auf dem Mond aussehen muss, abgesehen von dem azurblauen Himmel natürlich. Überall liegen Felsbrocken in der Landschaft herum, wie auf einem überdimensionalen Billardtisch. Die Felsen sind aus Lavagestein und darum aschgrau bis schwarz. Es lässt sich nur schwer sagen, wie sie dort hingekommen sind, ob durch natürliche Erosion oder aber – und das scheint mir wahrscheinlicher – durch einen frühzeitlichen Auswurf des Kibo-Kraters über uns.

Das Gefühl von extraterrestrischer Verlassenheit verbildlicht sich ziemlich deutlich auf den Fotos, die ich in diesem Gelände schieße, und bei denen das gedankenlose Übereinanderschrauben von UV-Filter und Polfilter auf dem Objektiv kurzzeitig dafür sorgen, dass in den vier Bildecken jeweils schwarze runde Halbkreise das eigentliche Motiv umrahmen. Dadurch sieht es aus, als fotografierte man durch eine Art Bullauge aus einem wie auch immer gearteten Vehikel, das den Entdecker vor der lebensfeindlichen Atmosphäre draußen schützt, hinaus in das groteske, irreale, trügerische Blau eines sonnigen Mittagshimmels, das nichts von der Unwirtlichkeit der Umgebung preisgibt. Alles Blödsinn, kann ich da nur sagen, gemessen an der Höhe geht es mir ziemlich gut. Nur auf den Fotos sieht es eben so seltsam aus.

Bald werden auch die Felsen kleiner und wir stapfen mit deutlich reduzierter Schrittgeschwindigkeit durch die staubige Alpinwüste auf rund viereinhalbtausend Metern. Belesene Alpinisten werden wissen, dass sich der Lava Tower somit ungefähr auf Höhe der Schweizer Dufourspitze im Monte Rosa-Massiv befindet, und das ist immerhin der zweithöchste Gipfel der gesamten Alpen. Zahlenspiele wirbeln durch meinen Kopf, wie ich dort mit Tito den Pfad entlang laufe, und ich denke daran, dass ich ja eigentlich nach Afrika geflogen bin, um diesen Berg zu besteigen, eben auch der Zahl wegen. Höchster Berg Afrikas, höchster freistehender Berg der Erde, knappe 6000 Meter. Aber dann fällt mir auf, dass ich in den vergangenen Tagen im Prinzip die ganze Zeit auf der Suche nach einem Gefühl gewesen bin, einem Gefühl, das irgendwie ausgelöst werden müsste, durch irgendetwas. Aber es ist nicht gekommen. Zwei Tage lang prasselten immer neue Sinneseindrücke auf mich ein, aber gefühlt habe ich nichts. Das ändert sich mit einem Mal, dort oben, unterhalb des eisbedeckten Gipfelaufbaus weit oberhalb des sonst so heißen ostafrikanischen Landes.

In meinem Ohr stecken Kopfhörer, Musik rauscht durch meinen Schädel, aber daran liegt es nicht, denke ich mir. Eine überschwängliche, berauschende Euphorie steigt in mir hoch, bis ins Gesicht, und beginnt dort sogar, meine Züge zu verändern. Ich muss unweigerlich lächeln. Es ist ein mildes Lächeln, voller Einsicht und Güte, so scheint es mir, vernebelt wie ich bin. Immer noch läuft Musik: Rubber Rings von soso. »I went looking for magic in a city of soil and plastic, grey days and a clean efficient mass transportation system Ich bekomme Tränen in den Augen, vor Erregung, dessen Ursprung ich nicht deuten kann. Irgendwo liegt alles zwischen Euphorie über das, was noch vor mir liegt, was mir an diesem Tag deutlich wird, und Melancholie. »And it’s enough to drive any sober man crazy Es ist so – und das klingt jetzt natürlich furchtbar kitschig – als hätte ich das erste Mal auf dieser Reise etwas gefunden, und zwar Zuversicht in der Abgeschiedenheit dieses fremden Ortes. Vermutlich liegt es daran, dass die dünne Höhenluft die Gedankenprozesse herunterfährt und auf das Wesentliche reduziert, und plötzlich liegt alles ganz klar vor einem, sozusagen in Reinform, und man weiß mit einem Mal sehr deutlich, was zu tun sein wird. Es ist wie eine Glocke, die einem in dieser Höhe über den Kopf gezogen wird und unter der alles langsamer arbeitet, aber unter der eben auch alles klar wird. Zweifel und Angst haben keinen Platz unter dieser Haube, und vielleicht wäre es schlichtweg zu anstrengend, beides zusätzlich ins Denken einzubeziehen. Ich lächele also und weine, und der Lava Tower taucht zwischen den Wolken auf.

Oben angekommen, immer noch im Angesicht dieser mächtigen Erhebung in unmittelbarer Nähe, auf die wir noch steigen sollen, gibt es dann eine Mittagsrast. Ich ermutige Tito dazu, sich zu seinen afrikanischen Weggefährten zu gesellen, denn schließlich muss ihm die stumme Zeit des Aufstiegs ziemlich lang geworden sein. Obwohl unsere Pause nicht allzu kurz ausfällt, treffe ich Oliver und die Sachsen am Lava Tower nicht. Der Weg führt im Anschluss über brüchiges Gelände in den Barranco Canyon hinab, an dessen Ende sich auch das Lager befindet. Plötzlich sprießen überall Riesensenezien aus dem Boden, teilweise bis zu drei Meter hoch, und ein sprudelnder Wildbach umspült die Steine tief unten im Canyon. Die Landschaft sieht hier wieder ganz anders aus, und jene Pflanzen sehe ich an keinem anderen Ort unserer Route, die ja im Prinzip einmal in südlicher Richtung den Gipfelaufbau des Kibo umrundet, um dann mit der Marangu-Route, der sogenannten Coca-Cola-Route, zusammenzutreffen, um den letzten Anstieg von Osten kommend zu nehmen.


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Kilimandscharo, Barango Canyon.


Über die Hauptroute, so erzählen sich die Bergsteiger am Kibo, hat es vor zwei Jahren auch der russische Oligarch Roman Abramowitsch auf den Gipfel versucht. Die Tatsache, dass er nach der Öffnung der Sowjetunion durch die perestroika auf undurchsichtige Weise zu unfassbarem Reichtum gelangt war, nun zu den vermögendsten Männern Russlands gehört und am Kilimandscharo Gerüchten zufolge mit 140 Männern Begleitmannschaft unterwegs gewesen ist, schützte ihn allerdings nicht davor, aufgrund von »air problems« umkehren zu müssen, wie Tito mir erzählt. Im Barranco Camp jedenfalls scheint es offenbar Normalität zu sein, dass sich die Leute übergaben. Titos Einschätzung nach zu urteilen ist das nichts Ungewöhnliches. Der Lava Tower ist auf dieser Route anscheinend eine Bewährungsprobe für die spätere Gipfelnacht. Ich fühle mich etwas abgeschlagen, habe aber keine Kopfschmerzen und esse mit viel Appetit das wie immer hervorragende Abendessen.

»What do the papas say?« will Tito am nächsten Tag wissen. Schließlich haben die beiden Sachsen mit dem gestrigen Anstieg ihre liebe Mühe gehabt. Zugegeben, auch mein Ruhepuls ist abends sehr hoch gewesen, mein Herz hämmerte gegen die Brust. Das legte sich aber am darauffolgenden Morgen – ein Zeichen dafür, dass die Höhenakklimatisierung Früchte trägt. Zum Leidwesen der weniger konditionell fitten Bergtouristen steht nun die Besteigung der Breach Wall auf dem Programm, quasi direkt nach dem Frühstück, um erst einmal richtig ins Schwitzen zu kommen. Dabei handelt es sich um eine rund 200 Meter hohe Wand, über die eine massive Verwerfung in einem der sich vom Gipfel herunterziehende Grate überwunden wird. Gefährlich ist das alles nicht, ab und zu bietet es sich an, die Hände zu benutzen. Beachtlicher sind da schon die Träger, die das gesamte Gepäck auf ihren Köpfen die Wand heraufbringen und dazu noch eine Menge an Trinkwasser, denn im Barango-Tal befindet sich die letzte Wasserquelle vor der finalen Gipfeletappe.

Der Vormittag ist erneut sehr sonnig, und man trifft viele anderer Bergsteiger, die von hier und dort kommen und noch hierhin und dorthin reisen werden. Im Prinzip habe ich überhaupt keine Lust, schon bald wieder nach Hause zu fliegen. Ich will einfach weiter reisen, ohne Ziel, schnell einen Flug für 160 Dollar in einem heruntergekommenen Department einer örtlichen Fluggesellschaft mit defektem Ventilator an der Decke buchen, und dann schon wieder woanders sein. Einfache Lodges, sonnengebräunte Dreitagebart-Surfer und strohblonde Mädchen, Sonnenuntergänge, Jeepfahrten und Reifenpannen, ein Boot mieten, gesundes Essen aus Garküchen, und langsam vergessen, sich zu rasieren – das ist es, wonach ich mich sehne. Aber das wird sich bald natürlich wieder ändern.

Tito und ich kommen dem Karanga Camp derweil immer näher. Dort werden diejenigen, die eine 7-Tages-Tour gebucht haben, eine weitere Nacht zur Akklimatisierung einlegen, was in jedem Reiseführer dringlichst empfohlen wird. Lirum larum, denke ich mir allerdings – Tito und ich steigen wie vereinbart weiter auf zum Basislager, dem Barafu Camp auf 4650 Metern. An dieser Stelle sei höhentechnisch noch einmal an die Dufourspitze erinnert. Mit der Zeit vergesse ich, wie viele Tage ich schon am Berg bin. Es ist schlichtweg uninteressant geworden, ob nun Mittwoch oder Sonntag ist, denn Zeitungen, Fernsehen und Internet gibt es sowieso nicht und marschiert wird Wochenende wie werktags. Lediglich die Afrikaner lauschen abends mit großem Enthusiasmus der regionalen Sportberichterstattung aus einem kleinen Transistorradio. Was aber nun zu Hause durch meine Twitter-Timeline rauscht, während ich an diesem Berg unterwegs bin, interessiert mich nicht im Geringsten. Und auch das bedient wieder das Klischee des Part-Time-Ausstiegs, dem Loslassen auf Zeit, aber es ist eben ein schönes Klischee.

Die Sonne vor dem Barafu Camp ist brütend heiß, der Wind jedoch ziemlich kalt. Die Bergsteiger auf dem Pfad vor mir bewegen sich wie in Zeitlupe. Langsam, langsam, haben die Afrikaner gesagt, und hier oben geht es nicht mehr anders. In einigen Metern Entfernung kniet ein Mann am Wegesrand und kotzt einen milchigen Schwall in den braunen Staub. Heute Nacht geht es auf den Gipfel, denke ich.


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Die Nacht ist sehr kurz im Barafu Camp. Das liegt in meinem Fall nicht nur daran, dass Tito den Aufbruch zur Gipfelbesteigung auf 0.30 Uhr festgesetzt hat, sondern auch an der nun doch spürbar dünnen Höhenluft, die den Begriff Ruhepuls in gewisser Weise ad absurdum führt. Ich wende mich jedenfalls hin und her und mag nicht so recht einschlafen, während der brausende Wind von außen am Zelt rüttelt und sich dabei anhört wie ein Dieb, der immer wieder um meinen Schlafplatz herumschleicht. Dem Ganzen ist nur mit Musik beizukommen, was das Einschlafen wiederum erschwert, und am Ende ist es natürlich klar, dass das Ganze auf eine mehr oder weniger schlaflose Nacht hinauslaufen wird, die kurz vor Mitternacht ihr abruptes Ende findet. Sogleich hellwach durch eine Euphorie, die entfernt an das Gefühl vor Nachtwanderungen zu Zeltlagerzeiten im Kindesalter erinnert, würge ich mit mittelmäßigem Appetit einige Butterkekse herunter und fülle meine Wasserflaschen auf.

Die Nacht ist nicht so kalt wie befürchtet. Über mir sehe ich die Sterne, mehr auf einmal habe ich bisher nur im Death Valley gesehen, wo sich die Milchstraße so überdeutlich am Nachthimmel abzeichnet. Die Luft fühlt sich angenehm an. Allerlei Botenstoffe im Gehirn betrügen meinen Körper um seine Erschöpfung und täuschen eine erholsame Ausgeruhtheit vor, was für den Moment auch absolut in Ordnung ist. Tito und ich brechen auf, und je weniger Licht aus dem Lager zu uns hinüber dringt, umso mehr Sterne erscheinen. Vor uns sind schon zahlreiche Bergsteiger mit dem Aufstieg beschäftigt, ihre Stirnlampen flackern in einiger Entfernung durch die Dunkelheit. Tito trägt nach eigenen Angaben drei Hosen und drei Paar Socken, und um ihn nicht unnötig zu beunruhigen, gebe ich vor, es ebenso zu handhaben. Etwa 4000 Meter unter uns sind die Lichter der Stadt Moshi zu erkennen, und weiter westlich sogar Arusha, obwohl beide Städte einige Dutzend Kilometer voneinander entfernt liegen. Die Situation ist gelinde gesagt ziemlich irreal, sowohl aus geografischer Perspektive, als auch sonst.

Eine halbe Stunde nach Aufbruch spielt mir meine durch die Höhe getrübte Wahrnehmung das erste Mal einen Streich. Durch eine höchst zufällige Verkettung von Umständen steht erstens der Mond genau hinter dem benachbarten Mount Mawenzi, zweithöchster Berg im Kilimandscharo-Massiv und ebenfalls über 5000 Meter hoch, zweitens leuchtet dieser Mond aufgrund mir unbekannter physikalischer Gegebenheiten ziemlich orange, während sich drittens einige Wolkenformationen um den Gipfelbereich legen, die durchlässig genug sind, um diesen seltsamen Mond nicht gänzlich zu verdecken, was insgesamt den Anschein erweckt, als spuckte der Vulkan Rauch aus und als glühte kochend heiße Lava aus dem Krater hervor. Da ein solches Naturschauspiel gleichzeitig ein erhebliches Bedrohungsszenario für alle sich am Berg befindlichen Menschen wäre, kommen mir nach einigen Minuten verdutzten Staunens endlich Zweifel an dem Trugbild, das sich hier vor meine Augen geschoben hat. Das dort drüben kann unmöglich ein aktiver Vulkan sein, denke ich mir, und lache im nächsten Moment über meine eigene Dummheit. Das Gehirn hat Mond, Berg und Wolken wieder richtig in Bezug zueinander gesetzt, weiter geht es.

Tito gibt wie üblich das Tempo vor, und anfangs kann ich noch gut folgen. Meine Stirnlampe spendet genug Licht, um den Weg zu erkennen. Vor uns kehrt ironischerweise der männliche Teil eines sehr durchtrainierten Ehepaars mit dem assistant guide um, und das Gesicht des Mannes, dessen Ausdruck irgendwo zwischen Wut und vollkommener Erschöpfung liegt, verrät jedem Aufsteigenden, dass dies die absolut vernünftige Entscheidung gewesen sein muss. Ich für meinen Teil bin immer noch recht vergnügt. Das ändert sich aber, als das Wetter umschlägt.

Nach einer knappen Stunde fängt es an zu schneien. Das Problem dabei ist: Es soll nicht mehr aufhören. Anfangs legen sich die Flocken ganz gemächlich in die Risse und Fugen des Gesteins unter unseren Füßen, wie Puderzucker, und zu schwachbrüstig, als dass man sich irgendwie Gedanken darum machen müsste. Man kann sogar sagen: Zu diesem Zeitpunkt hat das Schneegestöber durchaus seinen Reiz. Dann frischt der Wind auf. Das sorgt am Kibo nicht direkt für ein bergsteigerisches Risiko, denn auch der letzte Teil zum Gipfel kommt ohne irgendwelche Kletterpassagen aus, im tranceartigen Fortschreiten bei Nacht und Dunkelheit kühlt der Körper aber viel schneller aus.

Ich trage zwei Thermoshirts, meinen dicken Fleecepullover, eine wasserdichte Hardshell-Jacke in Signalfarbe, lange Unterhosen und eine wasserabweisende Trekkinghose, was mich eigentlich gut gegen die Temperatur von etwas minus 15 Grad schützt, welche sich durch den windchill noch einmal kälter anfühlt. Der Kopf sagt also: Nun gut, wird es also etwas rauer, aber das passt schon, soll ja auch kein Spaziergang sein, dieser Aufstieg. Ab 5000 Höhenmetern machen sich dann aber zusätzlich die ersten richtigen Symptome der Höhenluft bemerkbar. Und das sind, wie eigentlich immer, zunächst Kopfschmerzen. Hinter der Schläfe drückt es, und mein Schritttempo wird jetzt immer langsamer. Einige Male bitte ich Tito, kurz zum Trinken zu rasten, was wir dann natürlich tun, obwohl mein Führer in etwa dreinschaut wie ein Büroangestellter am Montagmorgen, der gezwungen ist, bei übelstem Prasselregen ohne Schirm zum Bus zu laufen. Der Wind wird immer stärker, und es schneit und schneit und hört nicht mehr auf.

Im Zuge der anhaltenden Dunkelheit, des permanenten Schneefalls, der dünnen Luft und der weit unter dem Gefrierpunkt liegenden Lufttemperatur driftet meine Wahrnehmung im weiteren Verlauf des Aufstiegs mehr und mehr ins Abstrakte ab. Der Weg, der sich in ewig gleichen Serpentinen den Hang hoch schlängelt, ist nunmehr komplett eingeschneit, und außer ihm und Tito vor mir gibt es in der Wildnis um uns herum nichts zu sehen, was meine tunnelblickartige Sinneswahrnehmung visuell noch einmal verstärkt. Dazu kommen die immerwährenden Schneeflocken, die von rechts nach links durch die Einflugschneise meiner Stirnlampe wehen und sich wie ein konstantes Bildrauschen auf der Pupille anfühlen, das mich zuweilen ernsthaft an der Klarheit meines Denkens zweifeln lässt. Mittlerweile ist es ziemlich unmöglich geworden, sein Gesicht in den Wind zu halten, ohne dass der Schnee sofort auf der Haut festfriert. Ich gehe sehr langsam und atme sehr schnell.

Im Gelände lässt sich aufgrund der eingeschränkten Sicht beim besten Willen kein Orientierungspunkt ausmachen, der irgendwie Aufschluss darüber gibt, wo an diesem Berg man sich überhaupt befindet. Vereinzelt schließen Bergsteiger hinter uns wieder auf. Dann kommt das Schielen. Mit einem Mal habe ich schlicht das das Gefühl, elendig zu schielen und beginne, mir ein wenig Sorgen zu machen. Irgendwann finde ich aber eine Technik, mit der sich das Schielen abstellen lässt – und zwar indem ich eine Minute das eine Auge schließe und in der nächsten das andere. Danach ist die Sicht wieder klar. Die seltsame Befindlichkeit meiner Augen kann ich mir nur dadurch erklären, dass der geringere Luftdruck in dieser Höhe gleichsam den Druck auf dem Augapfel verändert hat, und hinzu kommt schließlich noch, dass ich Kontaktlinsen trage. Alles in allem ist das also ein schönes Delirium, in dem ich mich befinde.

Dann endlich, nach einer weiteren Stunde geistig reduzierten Aufsteigens und lebensfeindlicher Monotonie der Umwelt, erreichen wir den Stella Point auf 5735 Metern. Hier trifft die Machame- mit der Marangu-Route zusammen, und ganz offiziell gilt der Kibo an diesem Punkt als bestiegen, was für jeden ambitionierten Bergsteiger natürlich kein vernünftiger Grund ist, nicht doch bis zum Uhuru Peak aufzusteigen, dem höchsten Stück Land auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Am Stella Point reicht mir ein anderer Bergsteiger, einem Traumbild gleich, den mit heißem Tee gefüllten Becher seiner Thermoskanne. Sein Begleiter übergibt sich einige Male in den Schnee, es ist das alte Bild an diesem Berg. Nichtsdestotrotz registriere ich, dass meine Kopfschmerzen sich wieder etwas legen. Es ist mittlerweile 6 Uhr morgens und der Aufstieg hat bisher fünfeinhalb Stunden gedauert.

Nach einer kurzen Rast queren wir die Schneefelder zum Uhuru Peak, den wir etwa um 6.30 Uhr erreichen. Eigentlich müsste zu dieser Zeit Sonnenaufgang sein, das Gipfelplateau ist jedoch in dichten Nebel gehüllt, und es ist keine Übertreibung zu sagen, dass sich der Schneesturm zu einem orkanartigen Blizzard gesteigert hat. Statt einem – zugegeben kräftezehrenden – Wanderausflug zu gleichen, hat die Besteigung des Kilimandscharo mehr den Charakter einer Polarexpedition angenommen. Hier oben, in fast 6000 Metern, zeigt der Berg seine unerbittliche, menschenfeindliche Seite, so als wollte er den letzten Zweifler davon überzeugen, dass eine Besteigung am Ende doch kein touristischer Sonntagsausflug war.

Eigentlich soll hier oben nun die Sonne über der afrikanischen Steppe aufgehen, ein erhabener Moment, so ist vorher zu lesen gewesen, der so etwas wie Demut und Ergriffenheit erzeugt. Ich für meinen Teil konstatiere, dass die Fingerkuppen meines Handschuhs im Prinzip komplett eingefroren sind, und sehe mich gezwungen, die Fäuste zu ballen und diese in die Taschen zu stecken. Ich fingere meine Kamera aus dem Rucksack, um wenigstens ein einziges Gipfelfoto vor dem Markierungsschild zu schießen, was sich als durchaus schwierig erweist, da sich das heranfliegende Eis sofort in jede freiwerdende Öffnung des Rucksacks und auch der Fototasche setzt. Der Plan, in der Hoffnung auf ein eventuell doch noch eintretendes Aufreißen des Himmels dort oben zu verharren, was den Blick über die Northern Icefields und den Rebmann-Gletscher freigäbe, scheint uns angesichts des unwirtlichen Sturms nicht sehr verheißungsvoll, und so machen wir uns zusammen mit einigen anderen Bergsteigern an den Abstieg.

Es ist seltsam. Der düstere Morgen im Sturm hat den Gipfelmoment einfach geschluckt, und als wir zum Stella Point zurückkehren, bin ich ernsthaft zu erschöpft, um mir Gedanken darüber zu machen, wie ich diese Besteigung des höchsten freistehenden Bergs der Erde nun zu werten habe. Für den Moment beschleicht mich ein Gefühl der Ernüchterung, was vielleicht auch wieder mit der Höhe zusammenhängt. Der komplette Berg ist nun bis auf 4500 Meter herunter mit Schnee überzogen, man kann streckenweise bequem auf den Hacken rutschen.

Immer noch dem Sauerstoffmangel ausgesetzt erinnern mich die Flocken und das Umherstapfen plötzlich an ein Rollenspiel, das ich als Kind häufig am Computer gespielt habe. In einem Szenario kämpft sich der Held seinen Weg gegen fiese Monster und allerlei Ungetier frei, bis zur rettenden Garnison, der Stadt Gletschertal, um von dort aus weiter durch phantastische Ländereien zu reisen und schließlich, am Ende des Spiels, die Prinzessin zu befreien, die selbstredend von den Mächten des Bösen gefangen gehalten wird, und die er schlussendlich natürlich heiraten wird. Ja, irrsinniger Weise denke ich genau daran. Der Held muss einfach seinen Weg gehen, mit einem klar definierten Ziel, obgleich er auf diesem natürlich auch erbitterte Kämpfe auszutragen hat, und erlangt mit Erreichen dieses Ziels nicht weniger als die Glückseligkeit an sich und den Frieden für das ganze Land. Ein einfaches Prinzip.

Nur, dass auf dem Gipfel des Kilimandscharo eben keine Prinzessin saß, und dass die Wegstrecke eben nur aus geografischer Sicht ein Ende hatte. Das große Finale, die große Auflösung, fehlte. Ich denke, dass darin ja eigentlich das Problem liegt, mit den Zielen und dem Glück, eben darin, dass kein gegangener Weg in der logischen Konsequenz dorthin führt, dass alles unsicher ist, dass alles sich wandeln und man einen Weg auch vollkommen umsonst gehen kann, um zu merken, dass sich am Ende eben nicht per se ein ersehntes Ziel befindet. Was kann man also tun?

Immerhin auf diesen Berg steigen, diesen Gipfel erreichen, als eine Erfahrung, die einem niemand je bis an das Lebensende wegnehmen kann, wie auch immer sich alles wandelt. Ich schätze, am Ende ist es die Summe aus diesen Erfahrungen, diesen unverrückbaren Ereignissen, die an einen Ort führen, an dem so etwas wie selbstverständliche Gewissheit eintritt, und Fragen des Wieso und Wohin nicht mehr gestellt werden. Man handelt einfach, ohne Zweifel, ohne Furcht. In diesem Zustand braucht man sich nicht mehr erklären, nichts mehr verzerren, weil alles, was man ist, ganz natürlich zutage tritt, in jeder einzelnen Geste, und auf die Umwelt abstrahlt. Vielleicht wollte ich immer so werden, das ist sogar höchst wahrscheinlich so. Aber da ich dergleichen erst nach der Reise feststellen werde, ist es anscheinend doch so, dass dieses Vorhaben irgendwo aus sich selbst heraus entstanden ist, eben ohne die Absicht, überhaupt etwas zu finden, überhaupt etwas zu werden. Und das wäre ja nun ein gutes Zeichen.

Während meiner gesamten Zeit am Berg, während der fünf Nächte im Zelt und den knapp 5000 Metern Aufstieg, ließen sich all die Geschehnisse jedenfalls nicht in einen sinnstiftenden Kontext verpacken, und zugegeben hatte ich das auch nicht versucht. Und vielleicht ist genau das der richtige Weg – einfach handeln, aus einer persönlichen Leidenschaft und Bewegtheit heraus, ohne einen Sinn zu suchen.

In jedem Fall sinnlos und zutiefst ärgerlich ist schließlich, dass ich während des Gipfelabstiegs mit dem rechten Fuß an einem unter dem Schnee verborgenen Felsen hängen bleibe und mir dadurch schrecklich das Knie verdrehe. Als sich innerhalb der Fallbewegung Ober- und Unterschenkel gegeneinander pressen, schreie ich vor Schmerzen auf, und denke für zwei Sekunden, na wunderbar, jetzt hast du dir alles versaut. Tito, der vorgelaufen ist, kommt sogleich in heller Aufregung angerannt und beginnt, an meinem Knie zu reiben, anscheinend in der Absicht, es zu lockern.

Nach einer halben Minute ist offensichtlich, dass kein tieferes medizinisches Verständnis dahinter steckt, und so bitte ich ihn mit einem »let me put pressure on it« aufzutreten. Dem Himmel sei Dank knicke ich nicht sofort wieder ein und kann auch sonst ganz passabel laufen. Die Bänder an der Innenseite sind anscheinend nicht gerissen, dafür aber kräftig überdehnt. Tito muss also nicht den Parkranger anfunken, auf dass dieser mit ein paar missmutigen Trägern und einer Trage anrückt, um mich vom Berg zu holen. Leider gestaltet sich der Abstieg durch den Sturz deutlich anstrengender. Es ist mir nicht möglich, das rechte Bein durchzustrecken, und wenn ich es beim Übersteigen einer Felsstufe doch tue, was anfangs häufig vorkommt, werde ich sogleich mit einem gleißenden Schmerz bestraft, der mich beizeiten mehr oder weniger laut fluchen und aufschreien lässt. Tito hat seine liebe Sorge, aber gegen 9.30 Uhr erreichen wir das Basislager. Es wird gekocht, wenngleich ich wenig Appetit habe. Der Helikopterabtransport vom Kilimandscharo aus der Luft kostet übrigens, so lasse ich mir sagen, 700 Dollar in bar und wird von der Auslandsreisekrankenversicherung nicht übernommen.

Der letzte Teil des Abstiegs, etwa 2000 Höhenmeter hinab ins Mweka Camp, erweist sich am Ende als der schlimmste Teil der ganzen Tour. Die Bänderdehnung im rechten Knie zwingt mich dazu, die volle Konzentration in jeden Schritt zu legen, und Schritte mache ich an diesem Tag noch unzählige tausend. Irgendwann frage ich Tito, wie weit es denn nun noch zum Lager ist, denn die Vegetation ist bereits wieder sehr üppig, und als seine Antwort »forty minutes« zu mir durchdringt, will ich mich am liebsten auf einen Stein setzen und heulen. Auch der Gedanke an das gemeinsame Bier mit den anderen Reisenden – es werden am Ende einige, dazu Whisky, und alles in allem komme ich ziemlich betrunken am Flughafen an, ohne noch einen Dollar in der Tasche zu haben – kann mich irgendwie trösten. Angekommen im Mweka Camp falle ich vor meinem Zelt auf die Knie, nehme den Rucksack ab und bleibe wenigstens zehn Minuten komplett regungslos, aber mit dem irren Lächeln eines Drogensüchtigen auf dem Zeltboden liegen, während die verlehmten Bergstiefel zum Eingang herausragen. Nichts ist in diesem Moment angenehmer, als sich nicht mehr bewegen zu müssen. Niemals in meinem Leben bin ich so erschöpft gewesen.

Später am Abend komme ich mit einem Australier namens Christian ins Gespräch, einem Arzt, der mir freundlicherweise das Knie bandagiert. Ich verabrede mich mit ihm für den Abend des kommenden Tages zum Essen in den Bristol Lodges und schlafe ebenfalls so fest, wie noch nie zuvor. Selbst die gereichte Waschschüssel erscheint mir nunmehr nicht als sehnlicher Luxus, sondern lediglich als ein weiterer, mühsamer Grund, mich zu bewegen. Ich bin am Ende meiner Kraft.

Der Abstieg am kommenden Tag zum Mweka Gate ist dank der Bandage von Christian um einiges angenehmer. Wieder brüllen die Affen durch den Wald, und die sturmgepeitschten Gletscher am Gipfel des Kibo hängen nur noch als Zerrbild im Zwischenspeicher. Ich sehne mich jetzt, da ich tatsächlich oben gewesen bin, nach einer Dusche und Zivilisation. Zurück im Hotel lege ich mich auf das Bett, beobachte den Ventilator und bin glücklich. Wieder scheint es, als sei die doch soeben erlebte Realität nicht real gewesen, und das ist übrigens ein schönes Gefühl, auf eine gewisse Art und Weise. Die subtropische Hitze Tansanias hat mich zurück, Hunger überkommt mich, und es ist Zeit, zum Abendessen aufzubrechen.

Christian ist 30 Jahre alt und, wie gesagt, Arzt, und zwar bei irgendeiner Hilfsorganisation. Ursprünglich aus Brisbane kommend, in kleinen Verhältnis mit wenig reiseinteressierten Eltern aufgewachsen, wie er erzählt, hat ihn irgendwann das Fernweh gepackt, und nun reist er eben um die halbe Welt, um humanitäre Projekte zu betreuen, während die meisten seiner Freunde bereits geheiratet und Kinder haben. Er lebt derzeit in Saudi-Arabien und nimmt den Kili, quasi als kurzen Abstecher, vor einem der wenigen Besuche in der Heimat mit.

Christian erzählt ruhig und entspannt die wunderbarsten Geschichten, zum Beispiel von seiner Zeit bei den Aborigines (»I spend three month in the desert and they taught me hunting and everything«), von saudischen Wüstenbanden, die seinen Jeep angegriffen haben (»Shots are not like in the movies, they’re very silent when they hit the metal«), von Verkehrsunfällen in Port Moresby, nach denen es für Ausländer dringend angeraten ist, noch am selben Tag das Land zu verlassen (»Otherwise you will definetly get chopped«), von papua-neugineischen Bergdörfern, in denen sie noch nie einen weißen Mann gesehen haben (»Children ran over to me and touched my leg just to be sure I’m not a ghost«), und von den arabischen Grenzbeamten, die ihn aufgrund seines im vorderen und mittleren Orient durchaus herausfordernden Vornamens immer wieder mit kleinen Schikanen überziehen (»Just to make a point«). Am Kilimandscharo hat Christian das erste Mal Schnee gesehen. Aber er ist eben auch oben gewesen.

Zur Feier des Tages bestellen wir zwei Kilimanjaro Lager und das, obwohl mein Gegenüber laut eigenen Angaben sonst nie Alkohol trinkt. Ich will nicht zurück nach Hause, aber morgen muss ich das. Die Dunkelheit bricht wieder wie mit der Zeitschaltuhr herein, und über die Loggia legt sich abendliche Ruhe. Es ist Zeit für eine Verabschiedung. In denen bin ich nie sehr gut, und wir tauschen etwas umständlich einige letzte Worte aus. »If there is one advice I can give you – whatever you do in your life, always be a little different«, sagt Christian. Wieder fällt der Strom aus, noch einmal wird es sehr ruhig auf der Terrasse der Bristol Lodges. Dieses Mal bin ich es auch.


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Barafu Camp.


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Zum ersten Mal in meinem Leben spüre ich die drückend-warme Luft Afrikas. Auf den Gipfel des Kilimandscharo soll es gehen, ohne Frage ein ambitioniertes Vorhaben. Vorher erlebe ich noch ein anderes Gefühl, das für mich gänzlich neu ist.

Moshi — Der Mann mit der Maschinenpistole lächelt mürrisch die Menschen an, die durch die Passkontrolle kommen. Er ruht in seiner beigen Uniform etwas abseits auf einem Stuhl und sieht für westliche Augen ein bisschen so aus wie ein Milizenführer. Über den Gepäckbändern kreisen im fahlen Neonlicht derweil unzählige Moskitos und anderes Getier nervös durcheinander. Es ist halb elf abends und das Thermometer zeigt etwa 25 Grad an. Ich schwitze sehr unter meinem Fleecepullover, aber die Aussicht, bereits am Flughafen von Stechmücken in Beschlag genommen zu werden, erscheint mir wenig verlockend. Die meisten Wartenden, von denen nicht wenige durch ihre sonnengegerbte Haut und die Safaribekleidung weltläufige Reiseerfahrung auszustrahlen versuchen, stehen erst einmal in der gedrungenen Eingangshalle herum und wissen nicht so recht, was sie mit der Situation anfangen sollen.

Ich plaudere mit Jenny und Mathias, die ich am Flughafen in Amsterdam kennengelernt habe. Jennys Gepäck kommt jetzt, natürlich, nicht über das Gepäckband gefahren. Wir erfahren, dass auf den Flügen der KLM, die herunter zum Kilimanjaro Airport gehen, gerne das ein oder andere Gepäckstück liegen bleibt, weil sonst die zulässige Maximaltraglast überschritten wäre. Das ist natürlich, so oft es auch passiert, ein echtes Ärgernis. Als ich meinem Fahrer zu verstehen gebe, dass nun eben das Gepäck einer Mitreisenden noch nicht angekommen sei, man nun einige Erkundigungen einholen wolle und er doch bitte noch zehn Minuten warten möge, ist die Verwirrung perfekt.

Offenbar habe ich den guten Mann mit meinem Englisch maßlos überfordert, er verweist mich hilflos wieder und wieder an die Gepäckstelle und schiebt mir ein Formular unter die Nase, glaubt er doch, ich selbst würde mein Gepäck vermissen. Das ist aber Unsinn, schließlich hängt der große, grüne Seesack offensichtlich über meiner Schulter. Irgendwann scheint auch mein Fahrer von dieser Sachlage überzeugt zu sein. Das Gepäck des Mädchens hingegen liegt tatsächlich in Holland. Ich tippe meine Telefonnummer in ein sehr altes Handy, das im Gegensatz zu meinem funktioniert. Man wird sich dann morgen im Hotel sehen, vermutlich.


DSC_0046Der Kilimandscharo vom Park View Inn aus gesehen.


Im nächsten Moment sitze ich in einem kleinen Van, der in Deutschland definitiv keine TÜV-Zulassung bekommen hätte. Die in regelmäßigen Abständen künstlich über den Asphalt gezogenen Bodenwellen überfährt der Fahrer noch genau mit einer solchen Geschwindigkeit, bei der er davon ausgehen kann, dass der Wagen keinen nachhaltigen Schaden davontragen und diese Fahrt von 40 Kilometern nach Moshi somit nicht die letzte für ihn selbst gewesen sein wird, bevor man ihn aufgrund seiner Fahrlässigkeit und des mutwilligen Verschleißens von Firmeneigentum hochkantig hinauswirft. Die Steppe ist vom Vollmond hell erleuchtet, am Straßenrand stehen einige dürre Büsche. Ab und zu überholen wir Fußgänger, die noch einen weiten Weg vor sich haben.

Die Silhouette des gewaltigen Bergmassivs des Kilimandscharo zeichnet sich im Mondlicht am Horizont ab. Die Position des Berges im Verhältnis zum Fahrzeug scheint sich während der gesamten Fahrt aufgrund des enormen Ausmaßes dieser topografischen Erhebung überhaupt nicht zu verändern. Durch diese Distanzlosigkeit habe ich ein bisschen das Gefühl, die Straße würde unter uns auf einer riesigen rotierenden Kugel hinweggezogen, während sich Berg und Wagen, wie auf einer durchsichtigen Ummantelung darüber liegend, keinen Meter von der Stelle bewegen. Einige Gemäuer, zusammengestellte Plastikstühle, Holzkarren und spärliche Laternenbeleuchtung rauschen sehr schnell an uns vorbei.

Obwohl ich ein paar Menschen sehe, überkommt mich ein Gefühl relativ entschiedener Verlassenheit. Also frage ich den Fahrer, wie viele Einwohner die Stadt Moshi habe, jedoch scheint mir seine Antwort »around one million« bei aller betont nachlässigen Großzügigkeit deutlich zu hoch. Das macht aber auch gar nichts, denn es ist ohnehin dunkel und ich ein wenig erleichtert, als wir, der Fahrer und ich, endlich das Parkview Inn erreichen. Im Badezimmer töte ich nicht ganz ungeschickt eine Stechmücke, deren Überreste an der weißen Wand kleben bleiben, und krieche dann rasch unter das Moskitonetz, weil ich nicht weiß, ob man diesem Malarone wirklich trauen kann. Im matten Zimmerlicht bahnt sich das engmaschige Netz seinen Weg von der Aufhängung an der Zimmerdecke bis hinab auf mein Laken. Ich komme mir vor, als fielen klebrige Riesenspinnweben auf mich herab, wie bei der Spinne Kankra im Herrn der Ringe. Aber ich bin eben auch sehr müde an diesem Abend.


Parkview Inn Moshi
Parkview Inn Moshi
Parkview Inn Moshi
Parkview Inn MoshiIm Park View Inn in Moshi.


Weil es ab spätestens halb neun viel zu heiß ist, um schlafen zu können, stehe ich trotz dieser typischen Reiseerschöpfung recht früh auf, um ein Frühstück aus scrambled eggs, halbherzig geröstetem Weißbrot und aromatischen Minibananen zu mir zu nehmen. Im Anschluss holt mich mein Guide im Hotel ab. Sein Name ist Theodory, oder einfach Tito. Er sieht mit seinem schwarz-rot gestreiften Polohemd und der Kappe mit dem Schriftzug »Beauty Hunter« ein bisschen so aus wie eine Mischung aus Zeitungsverkäufer und Tennisspieler. Bereits am immer noch frühen Vormittag fühlt sich meine Stirnhaut recht ölig an.

Ich nehme in den Räumlichkeiten von Mauly Tours auf einem durchgesessenen Sofa Platz, um mich über die bevorstehende Besteigung des Kibo unterrichten zu lassen. Jegliche Erläuterungen zur nötigen Ausrüstung, zum Verlauf der Route und zu den zu durchschreitenden Klimazonen sind mir natürlich schon bekannt. Ich lausche jedoch aus Höflichkeit brav dem Vortrag des jungen Mannes, denn es scheint mir, als sei er sehr stolz darauf, dieses Wissen nun, in diesem bedeutungsträchtigen Moment, vortragen zu können. In Wirklichkeit ist das für ihn aber vermutlich reine Routine. Um ihm nicht das Gefühl zu geben, ohnehin schon über alles Bescheid zu wissen, stelle ich wohl dosiert einige Zwischenfragen und leihe mir am Ende sogar noch für zehn Dollar ein Paar Gamaschen, deren Mitnahme ich vor Reiseantritt eigentlich als überflüssig erachtet habe.

Entgegen der meisten anderen Bewohner von Moshi machen die meisten der Bediensteten im Parkview Inn eine Miene, als sei ein naher Verwandter gestorben, und deshalb habe ich keine große Lust, meinen verbleibenden freien Tag dort zu verbringen. Als ich Tito meinen Plan unterbreite, nun in die Stadt gehen zu wollen, grinst er mich leicht verstohlen an, nuschelt etwas von »you can get robbed« und gibt mir mit einem undefinierbaren Achselzucken zu verstehen, dass es wohl bei mir liegt, was daraus wird.


Mauly Tours Moshi
Mauly Tours MoshiBlick aus dem Fenster von Mauly Tours in Moshi.


Ich gehe noch einmal zurück ins Hotel und treffe dort Oliver, einen jungen Kerl, der am nächsten Tag zusammen mit mir aufsteigen wird. Nachdem ich erfahre, dass er bereits seit Weihnachten durch Afrika reist, an einer Rallye von Marokko über Mauretanien bis in den Senegal teilgenommen hat, im Zuge dessen in Fés im abendlichen Stadtverkehr beinahe ohne Benzin liegen geblieben, dann aber doch irgendwann von Dakar nach Johannesburg geflogen ist, um einige Wochen in Südafrika zu verbringen, scheint mir sein gutgemeinter Ratschlag, dass man sich in Moshi bei Tag keine Sorgen machen muss, als durchaus annehmbar, und so spaziere ich bei mittlerweile gleißender Mittagssonne die Aga Khan Road hinab in Richtung Mawenzi Road. Es ist sehr heiß, der Straßenrand sehr holprig, und ich bin wirklich sehr weiß in dieser tansanischen Sonne.

In der Ziellosigkeit dieses Tages liegt ein gewisser Reiz, aber ich beschließe dennoch, Mathias und Jenny in ihrem Hotel, dem Buffalo, aufzusuchen. Meine Kamera habe ich im Rucksack verstaut, einer närrischen Hoffnung folgend, ich könne ein paar tolle Schnappschüsse dieser gänzlich fremden Stadt einfangen. Je mehr ich mich jedoch in den Gassen verliere, umso unangebrachter und, nun ja, gefährlicher erscheint mir dieses Vorhaben. Obwohl die meisten Afrikaner, mit denen ich ins Gespräch komme, sehr freundlich und gebildet sind, lassen die beiläufig fallengelassenen Verweise auf diese oder jene »art gallery« eines Cousins oder Freundes erkennen, dass dieser viel zu weiße Mann in erster Linie ein kleines Geschäft verspricht.

Und auch wenn man davon ausgehen kann, dass es sich bei den meisten Zeitgenossen nicht um hinterhältige Straßenräuber handelt, sondern um einfache Einwohner, die ihrem Tagwerk nachgehen, halte ich die Idee, auf dem übervollen Marktplatz von Moshi meine Kamera aus der Tasche zu ziehen, für keine gute. Vergliche man den Preis meines kleinen Reisebegleiters mit dem durchschnittlichen tansanischen Monatslohn, so käme man zu dem Schluss, dass es bei gegebener Situation eigentlich überhaupt keine andere Möglichkeit gibt, als mir diese Kamera mit den dazu nötigen Mitteln abzunehmen. Alles andere wäre absurd. Abgesehen davon gibt es aber nicht viel zu rauben, denn in den zwei Stunden, die ich in den Straßen und Gassen verbringe, sehe ich genau zwei Menschen, die annähernd europäisch aussehen. Wenn es hier tatsächlich Touristen gibt, dann halten sie sich alle im Schatten ihrer kleinen Hotels und Hostels auf.

Zu allem Überfluss gebe ich an anderer Stelle allzu tölpelhaft meine Ortsunkenntnis preis, sodass mir ein Mann namens Jonathan sogleich anbietet, mich zum Buffalo geleiten zu wollen. Ohne zu wissen, weshalb genau, folge ich dem Mann, der sich selbstverständlich auch als »local artist« entpuppt und mir alsbald seine handgemalten Bilder für zwei Dollar das Stück anbietet. Entweder ist es um die Vielseitigkeit der tansanischen Handwerkskunst wahrlich schlecht bestellt, oder aber die vermeintlich selbstgefertigten Drucke stammen doch aus maschineller Hand. Man muss jedenfalls kein blitzgescheiter Mensch sein, um zu erkennen, dass sich die an allen Ecken angebotenen Bilder ziemlich ähneln. Man könnte auch sagen: Es sind die gleichen. Im Hotel kann ich derweil niemanden antreffen, also hinterlasse ich eine Notiz an der Rezeption. Dumm, unwissend, westlich feilsche ich einige Zeit mit Jonathan darüber, wie viel seine kurze Führung nun wert ist und lasse ihn dann mit 2000 tansanischen Schilling davonziehen. Für ihn ist es sicher noch ein gutes Geschäft. Ich fühle mich schlecht, als ich daran denke, wie viel Geld ich manchmal in Deutschland an einem einzigen Abend vertrinke.

Nach einem Dutzend Gesprächen über angebliche Verwandte in Deutschland und unzähligen »hakuna matata brother Phil« bekomme ich in erster Linie Hunger und setze mich in ein kleines Straßenrestaurant. Ich bestelle etwas mit chicken und Reis und beobachte den Koch, der unter freiem Himmel ein ganzes Huhn, über dem einige schwarze Fliegen kreisen, mit einem groben Beil in kleine Stücke hackt. In diesem Moment frage ich mich, was in Gottes Namen ich hier überhaupt gerade tue, und mit einem Mal komme ich mir sehr einsam vor. Das halte ich im zweiten Nachsinnen aber schon wieder für einen dummen Gedanken, vermutlich liegt es nur daran, dass Mathias und Jenny nicht im Hotel gewesen sind. Denn eigentlich bin ich sehr vergnügt darüber, hier im vollkommenen Nirgendwo auf einem Plastikstuhl zu sitzen und eine Cola aus der Flasche zu trinken.

Auch wenn man denkt, schon alles aus dem Fernsehen oder dem Internet oder von all den wahnsinnig individuell durch die Welt ziehenden Erasmus-Traveller-Freunden zu kennen, die heutzutage mit einer Selbstverständlichkeit durch Indochina backpacken, als führen sie einen Sonntag ins Naherholungsgebiet Berlin Barnim, lerne ich dort, in Afrika, ein gänzlich neues Gefühl kennen – und zwar das, ein Fremder zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass ich tatsächlich der einzige Weiße bin, den ich seit einer Stunde gesehen habe. Vielleicht auch daran, dass offensichtlich ist, dass ich hier keiner Beschäftigung nachgehe, sondern als Tourist umherreise. Ich falle aus dem Bild heraus. Kein Gefühl von multi-kulti, wie man es noch von früher von der kindlichen Aufregung am Flughafen her kennt, oder später ultrahip und kosmopolit-urban von der Kreuzberg-Stipvisite des letzten Berlin-Besuchs. Auch kein Gefühl, in einem prickelnd-aufregenden Schmelztiegel der Völkervernetzung durch das Gewühl einer Metropole zu streifen. An diesem frühen Nachmittag des 5. März bin ich das erste Mal in meinem Leben wirklich ein Fremder. Nicht, weil ich herablassend behandelt werde oder die Menschen eine grundlegend schlechte Meinung von mir haben, sondern weil ich dort bin, wie ich dort bin. Man kann es lesen aus dieser Restaurantszene wie aus einem Buch, und erkennen in jedem Schritt, den ich betont gleichgültig versuche über die erdige und aufgeheizte Straße zu setzen.

Satt wie ich schließlich bin, stellt sich an diesem Punkt meiner Reise nun die alte Frage nach einer ernstzunehmenden Nachmittagsangetrunkenheit. Da so etwas alleine selbst auf Reisen wenig Charme hat und wohl überhaupt nur Spross von viel zu vielen realitätsverzerrenden Romaneindrücken ist, gebe ich meinen sportlichen Ambitionen der nächsten Tage einstweilen Vorrang und mache mich zurück auf den Weg ins Hotel. Dort angekommen überkommt mich eine große Müdigkeit. Bevor ich mich mit einem Buch in den Innenhof setze, ruhe ich eine Weile auf meinem Zimmer. In der Ferne ragt der schneebedeckte Gipfel des Kilimandscharo aus den Wolken. Der armselige Pool liegt etwas deplatziert im Schatten des benachbarten Gebäudes.


Parkview Inn MoshiBlick vom Balkon meines Zimmers im Park View Inn in Moshi.


Gänzlich unerwartet tauchen auf einmal Mathias und Jenny im Innenhof auf, und es gibt ein mittelgroßes Hallo. Angesichts dieser Wendung der Ereignisse kommen wir nun doch nicht umher, einige Kilimanjaro Lager zu ordern und werden mit nahender Dunkelheit, sitzend und erzählend, zunehmend angetrunkener. Hat mich im Laufe des Mittags noch das Gefühl einer gewissen Einsamkeit gestreift, entwickelt sich der Tag nun also doch zur vollen Zufriedenheit aller. Allerdings, Jennys Gepäck ist immer noch nicht da, und obendrein akzeptiert keine der ortsansässigen Banken ihre Kreditkarten, was zusammengenommen für ein wenig Anspannung sorgt. Soviel kann aber verraten werden: Vor dem Antritt ihrer Gipfelbesteigung wird das vermisste Gepäckstück doch noch ankommen.

Im Anschluss unseres zweistündigen Plauschs gehen wir herüber in die Bristol Lodges. Dort treffen wir Oliver vom Vormittag wieder und obendrein zwei andere Herren, mit denen ich meine Tour am Morgen beginnen soll. Es gibt chicken curry, süßsaures Gemüse auf Reis, noch mehr Kilimanjaro Lager, und jeder erzählt, was ihn nun zu diesem Berg verschlagen hat, der da in gut 30 Kilometern von uns aus der Steppe herausragt und seine 5000 Meter Höhenunterschied zum Flachland aus der Ferne in keiner Weise erkennen lässt. Jeder erzählt also, und alles in allem sind wir wirklich ziemlich unterschiedliche Menschen, die da an diesem Tisch sitzen, während ein Tansanier im Smoking sich an einem alten Klavier bemüht, das ohne jeden Zweifel noch aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft stammt, wenn nicht sogar der deutschen.

Die Nacht beginnt früh in Tansania, und so werden wir recht bald müde. Ab und zu fällt der Strom aus, und die Terrasse, auf der die Essecke eingerichtet ist, wird in Dunkelheit getaucht. Es dauert immer einige Augenblicke, bis der Notgenerator anspringt, und bis dahin ist es still, eine Stille, als könne man nun, wo es kein Geräusch mehr gibt, weil Musik und Gespräche verstummen, kurz den Abend selbst hören.


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Es geht immer ein wenig bergauf, aber das merkt man gar nicht. Kaffee- und Kakaoplantagen streifen das Busfenster, ebenso kleine Kinder in adretten Schuluniformen, überhaupt die ein oder andere primary oder secondary school, auszumachen nur am Empfangsschild, dazu Supermärkte für die durstigen Bergtouristen, als letzte zivilisatorische Fluchtpunkte vor der Wildnis des Berges. Die beiden Sachsen und Oliver hüpfen aus dem Van, um etwas bottled water zu kaufen, und werden sogleich von einigen Händlern umringt. Dann wieder das ratternde Geräusch des Motors. Am Straßenrand stehen Frauen in bunten Tüchern, die Bananen verkaufen oder wahlweise Ramschsouvenirs. Die Straße steigt gegen Ende doch immer steiler an, und die Vegetation wird auf den letzten asphaltierten Kilometern zum Machame Gate zunehmend üppiger. Die Besteigung des Kibo über die Machame-Route verspricht – so ist überall zu lesen gewesen – landschaftlich am reizvollsten zu sein. Tito, mein Bergführer, sitzt hinter mir im Bus, und auch Roy, der fast zahnlose Guide meiner drei deutschen Reisebegleiter, hat im hinteren Teil Platz genommen.

Am Machame Gate wird schließlich die horrende Nationalparkgebühr von 650 US-Dollar fällig, die dafür spricht, dass ein großer Anteil der zu entrichtenden Reisekosten nicht etwa dem Bergführer oder dem Koch und den Trägern zugutekommt, sondern zweifelsohne in die Taschen der lokalen Bürokratie fließt. Schnell werden die permits ausgestellt und das Gepäck umgeladen, und bevor die Sonne, die in Tansania eigentlich fast den ganzen Tag im Zenit steht, ihren höchsten Punkt erreicht hat, stehen wir inmitten des tropischen Bergwalds, der die unteren Hänge des Kilimandscharo-Massivs säumt. Ein paar Affen verständigen sich im undurchdringlichen Grün des Dschungels durch lautes Brüllen von Baum zu Baum. Eine Ameisenstraße kreuzt den Weg. Kopf und Kiefer der Tiere sind zusammengenommen größer als der restliche Teil ihrer Körper, so als wäre es zumindest anatomisch das oberste Ziel, andere Insekten in der Mitte durchzubeißen. Tito rät mir eindringlich, von diesen Ameisen Abstand zu nehmen.


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Machame Gate, Abwiegen der Ausrüstung.


Unsere Gruppe geht sehr langsam. Das hängt nicht unbedingt mit dem wohlgeformten Bauch des Sachsen zusammen, der sicher schon einiges an deutscher Hausmannskost und ungezählte Pilsbiere verköstigt hat – etwas, worauf es zumindest in den kommenden sechs Tagen zu verzichten gilt. Vielmehr bekommt der Reisende am Kilimandscharo eigentlich bei jeder erdenklichen Gelegenheit den Ratschlag »pole pole« ans Herz gelegt, also »langsam, langsam«. Dies ist mehr als ein halbgarer Versuch der einheimischen Bevölkerung, den Touristen ein Gefühl von tansanischer Sprache und somit Kultur zu vermitteln. Der Hinweis, möglichst gemächlich aufzusteigen, hat einen praktischen, medizinischen Hintergrund: Am Gipfel des Kibo sind Luftdruck und atmosphärische Sauerstoffdichte nicht einmal mehr halb so groß wie auf Meereshöhe, was einen ausreichenden Akklimatisationsprozess zur physiologischen Anpassung des Körpers unabdingbar macht.

Immer wieder hört man Geschichten von Turnschuh-Japanern, die im nepalesischen Lukla am Tenzing Hillary Airport aus der klapprigen Propellermaschine steigen und sogleich umkippen und ohnmächtig werden. In La Paz soll es sich ähnlich verhalten. Für die Höhenanpassung, worunter hauptsächlich die Erhöhung der Konzentration an roten Blutkörperchen als Träger des Sauerstoffs zu verstehen ist, braucht der Körper also Zeit. Aus diesem Grund gestalten sich die ersten zwei Tage am Berg für einen trainierten Menschen eher als ausgedehnter Spaziergang denn ernstzunehmende Wanderung. Das ist aber auch vollkommen in Ordnung, schließlich braucht man einige Zeit, um überhaupt zu realisieren, dass man sich gerade quasi in einem riesigen, nicht abgeschlossenen und wildwüchsigen Tropenhaus befindet. Bemooste Stämme kreuzen sich in diffuser Undurchsichtigkeit, die feuchte Luft verdichtet sich regelmäßig zu grauen Nebelschwaden, und alles um einen herum ist grün, grün, grün.


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Kilimandscharo, tropischer Bergwald.


Der erste Tag am Kili ist noch nicht Realität für mich, sondern mehr wie eine Schablone, die mir jemand vor die Augen geschoben hat. Eben noch ein Whisky im Flieger, um einschlafen zu können, plötzlich schweißnasse Haare auf der Stirn und zwei große Augen über einem offenen Mund, der nichts begreift und nichts ausdrücken kann. Wie so oft prägen sich die Bilder, die von den Sinnesorganen ins Bewusstsein eingespeist werden, erst später dort ein. Dennoch: überall um mich herum die Suche nach Wörtern für das, was gerade passiert, in vielen Sprachen. Der eher zwanglose Marsch zum Machame Camp auf etwa 3000 Metern eignet sich derweil bestens für einen ausgedehnten Plausch mit den anderen Reisenden und meinem Bergführer. Als ich mit Tito eine Rast einlegt, überholen uns die Träger, die weiter oben am Berg das Lager für uns errichten werden. Ich erkläre Tito, dass es für mich als Europäer ein schieres Ding der Unmöglichkeit sei, auch nur eine Wasserflasche fünf Meter geradeaus auf dem Kopf zu transportieren, verzichte aber auf einen Versuch, meine Unfähigkeit unter Beweis zu stellen. Das amüsiert den jungen Mann ungemein, und er lacht herzlich wie ein Kind in den feucht-warmen Mittag hinein. »In Africa head is for carrying, in Germany head is for thinking«, sagt er. So so.

Das Machame Camp sieht aus wie ein versprengtes Flüchtlingslager. Überall stehen Zelte, dazwischen Zedern, Erika-Sträucher und Akazien, etwas lichter schon, aber immer noch deutlich höher als der Mensch. Die Vegetation ist eben überhaupt noch nicht alpin, was in 3000 Metern Höhe befremdlich wirkt, wenn man nur die Alpen kennt, in denen auf gleicher Höhe kein Strauch mehr wächst. Nach der absolvierten Tagesetappe, gegen deren Ende Tito und ich uns schon deutlich von den anderen Bergsteigern abgesetzt haben, gibt es Tee, Kaffee, Popcorn und Erdnüsse. Ich nehme auf einem Klappstuhl Platz, und Tito erzählt mir von Tansania. Zum Beispiel, dass es als Mann möglich ist, so viele Frauen zu haben, wie man will, solange man für sie zahlen kann. Für Homosexualität gibt es für Männer hingegen zwanzig Jahre Gefängnis, bei Frauen sind es immerhin noch sieben.

Ich kläre Tito über die Bedeutung seines Kappenschriftzugs auf – es ist wie gesagt »beauty hunter« – und auch das findet er ungemein komisch, gibt aber an, in festen Händen zu sein. Die Erläuterungen zu Tansanias politischem System erscheinen mir aus dem Mund des erst 26 Jahre alten Afrikaners darüber hinaus viel interessanter, als sie in einem Reiseführer nachzulesen. So rückt die Dunkelheit immer näher, die in Tansania schnell kommt und immer zur gleichen Tageszeit, so als würde jemand ein großes, schwarzes Tuch über das Land werfen.

Die Zeit nach dem Abendessen – es wird üblicherweise gegen 18 Uhr angerichtet und besteht immer aus einer Suppe, einem Hauptgericht mit Reis oder Nudeln sowie Hülsenfrüchten und Karotten in einer pikant-würzigen Soße und einigen Früchten als Nachtisch – verbringe ich üblicherweise im Gemeinschafts- und Essenszelt von Oliver und den zwei Sachsen. Einer der beiden will seinen 60. Geburtstag auf dem Gipfel des Kibo feiern. Ein ambitioniertes Ziel, keine Frage. Grundsätzlich legen die zwei Herren eine gewisse Spur von Kolonialherrenmentalität an den Tag, was sich auch darin zeigt, dass ihr Reisegepäck, das von den Trägern transportiert wird, aus zwei handelsüblichen Koffern besteht, aus denen nach getaner Arbeit die sorgfältig gefalteten, frischen Baumwollhemden hervorgezogen werden, und das Stofftuch, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Die zwei werden von den Einheimischen recht schnell nur noch »the papas« genannt. Zwar können sie kein Englisch, was die Verständigungsversuche mit ihrem Bergführer Roy immer sehr sehenswert macht, und haben sicher noch nie etwas von Facebook oder Tony Hawk oder von Vintage-Jeans gehört, wissen aber zum Beispiel einiges aus Mexiko, Birma und Indien zu berichten, und aus manch anderen Ländern, die sie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bereist haben.

Im Machame Camp herrschen am Tag immer noch angenehme Temperaturen, mit der Dunkelheit zieht aber Kühle ins Lager ein. Mein Schlafsack hält sehr warm, und so verbringe ich eine erholsame Nacht im Zelt. Am Morgen hat sich jedoch ein wenig Feuchte über meine Sachen gelegt, aber zum Glück bleibt noch etwas Zeit, um die Isomatte und das Handtuch in der Morgensonne zu trocknen. Pünktlich um 8 Uhr regt Tito den Aufbruch an, und schon sehr bald, nachdem er herausgefunden haben, dass ich ein »fasty one« bin, beschließt er, das Schritttempo zu erhöhen, um dem allmittäglichen Regen zu entgehen. Der kommt immer um 13 Uhr, danach kann man die Uhr stellen. Tagesziel ist heute das Shira Camp auf knapp 4000 Metern.


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Mount Meru.


Die Landschaft verändert sich an diesem zweiten Tag schon deutlich, bedingt durch das rauere Klima. Der Pfad ist von Baum-Heide, Erika-Sträuchern und mannshohen Farnen umsäumt, die das erste Mal den Blick auf die afrikanische Savanne freigeben. Vom Flachland aus betrachtet sieht das Kilimandscharo-Massiv eigentlich gar nicht so hoch aus, von den immer noch niedrigen 3200 Metern aus bekommt der Betrachter das erste Mal ein Gefühl für die nicht unbeachtliche Höhe, in der er sich ja bereits befindet. Weiter oben am Berg hüllt uns Nebel ein, und ein riesenhafter Rabe versucht Tito die Knochen seines Hühnerschenkels abzujagen. Jetzt wird auch das Gelände steiler, brüchiger und felsiger. In dem Maße, wie die Höhe zunimmt, schrumpft die Vegetation. Der Marsch zum Shira Camp ist aber noch wenig anstrengend, auch wenn die »papas« schon zu kämpfen haben. Das lässt sich jedoch eher auf ihre Kondition als auf die Höhe zurückführen.


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Kibo.


Das Shira Camp wird, wie zu erwarten war, um die Mittagszeit in grauen Regen getaucht. Im wahrsten Sinne des Wortes bleibt nichts anderes zu tun, als abzuwarten und Tee zu trinken. Das kann man auch eigentlich nicht oft genug tun, denn aufgrund der schnelleren Atmung in größerer Höhe verliert der Körper viel mehr Flüssigkeit als sonst. Ich glaube, Hans Kammerlander hat einmal gesagt, wer auf so einen richtig hohen Berg will, der wird damit scheitern, wenn er nicht zweimal in der Nacht zum Pinkeln raus muss. Um diese durchaus leidige Angelegenheit zu meistern, entwickele ich im Laufe der Besteigung immer ausgefeiltere Techniken, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Als die anderen Bergsteiger das Camp erreichen, hat der Himmel schon wieder aufgerissen, das Sonnenlicht fällt wie gezeichnet durch die Wolken und legt sich über die Ebene. In der Ferne ragt der Mount Meru aus dem Land heraus, ein Vulkan, der über 4600 Meter hoch ist. Was sich im Shira Camp als sehr wohltuend herausstellt, ist die warme Wasserschüssel, die dem Reisenden jeden Tag zweimal zum Waschen gereicht wird. Durchaus ein Luxus.


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Shira Camp.


Als Tourist, der man ja nun trotz aller Abenteuerlust ist, fühlt man sich etwas beschämt, wenn man sich abends in seinem Einzelzelt einrichtet, während die tansanische Entourage Abend für Abend dicht gedrängt in einem einzigen Zelt schläft. Letztlich bringt es aber auch gar nichts, sich ob der eigenen Bequemlichkeit und Faulheit zu verurteilen, denn schließlich beschert der Bergtourismus den Einheimischen bei aller Plackerei ein handfestes Einkommen, das durch die üblichen Trinkgelder nach Abschluss der Tour noch einmal verdoppelt wird. Und man möchte sich nicht vorstellen, wie es um die Stadt Moshi bestellt wäre, fiele dieser Geschäftszweig plötzlich weg. Tansania ist eines der ärmsten Länder der Welt, und der Großteil der Bevölkerung lebt von ein wenig kümmerlicher Agrarwirtschaft. Diesen Berg vor der Haustür zu haben, mit dem so viele von fern angereiste Menschen mit heller Haut tiefe Sehnsüchte verknüpfen, die sie dazu veranlassen, für die Besteigung einen nach Landesverhältnissen exorbitanten Geldbetrag zu zahlen, ist ein kleiner Segen.

Man könnte jetzt pathetisch anmerken, dass die Träger ja eigentlich die wahren Helden am Kilimandscharo sind, denn so ganz unbegründet ist diese Aussage nicht, aber einen Westler oder von mir aus auch einen Japaner auf diesen Gipfel zu führen, ist nun einmal ein einträgliches Geschäft. Der Afrikaner hat ein gutes Auskommen, der Europäer entflieht für einen Moment seinen Annehmlichkeiten, der Routine seines Alltags, seinem Überfluss, der Sinnentleertheit seines postmodernen Lebens, einem Zustand, in dem er alles haben kann und deshalb oft überhaupt nichts, in dem es alles schon gab und gibt, und in dem er immer etwas mehr sucht, als er überhaupt zu kriegen vermag, weil er schon immer so gelebt hat, wie er lebt, und für diese Flucht, dieses Sich-Entziehen, legt er einen ordentlichen Batzen Geld auf den Tisch. Ein bisschen pervers ist das schon.

Im Shira Camp senkt sich die Sonne und strahlt nur noch die höher liegenden Wolkenschichten an. Der Mount Meru ist nur noch als Silhouette erkennbar. Jemand im Lager hat Geburtstag, es wird ein Lied angestimmt. Drüben im Zelt scherzen und lachten die Tansanier noch eine ganze Weile, sie bleiben immer länger wach als die Touristen. Ich setze mich, bevor ich sehr früh schlafen gehe, in gesundem Abstand zum Toilettenhäuschen, das es in dieser Höhe tatsächlich gibt, auf einen Felsen, bis mir kalt wird. Eine Zeitlang beobachte ich nur die wechselnden Lichtverhältnisse, eine Tätigkeit, in der so etwas wie Müßiggang liegt, und die ich als spannend und entspannend zugleich empfinde. Die Wolken sehen sehr plastisch aus, so als habe jemand sie aus Knete geformt, oder vielleicht aus Watte, und in die tansanische Steppe gestellt. Ich sitze tatsächlich in Schwarzafrika in 4000 Metern Höhe in der Wildnis und blicke über das unter mir liegende Land. In meinem Kopf spielt jemand das alte Lied von Aufbrechen und Ankommen, Nähe und Ferne, Suchen und Nichts-mehr-Suchen, Sehnsucht und Einkehr. Die Nacht ist kälter als die vorherige, am Morgen hat es gefroren.


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Shira Camp.


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Es brennen nur zwei oder drei Kerzen, deren Wachs ungehindert auf den massiven, von Kerben übersäten Schreibtisch läuft, vermutlich weil einmal mehr der Strom ausgefallen ist oder aber sich in dem Raum auch sonst keine Lampe befindet. Der örtliche Chef der Busorganisation Mohamed Coachline sitzt im flackernden Lichtschein auf seinem Stuhl, hört sich unsere Geschichte an und wiegt seinen Kopf dabei prüfend von einer Seite zur anderen. Gelegentlich lässt er Einwände und Erklärungen der etwa zehn um uns herum stehenden Männer zu. Er ist ganz offensichtlich der gescheiteste Mann am Platz.

Man habe uns eben diese Tickets verkauft, insistieren wir, und sie hätten uns eigentlich mit dem Bus über die Grenze bringen sollen, bis nach Mzuzu, was aufgrund der Tatsache, dass der Übergang nachts geschlossen ist und besagter Bus grundsätzlich nicht über die Landesgrenze hinaus fährt, einigen Zweifel an der Informationspolitik des Anbieters aufkommen ließ. Er könne unseren Ärger ja verstehen, sagt Pasco, so der Name des Verantwortlichen, das Ganze sei unglücklich gelaufen, aber jetzt um diese Uhrzeit werde es unwahrscheinlich schwierig, in Dar es Salaam, wo uns die Fahrkarten ausgestellt worden sind, noch irgendjemanden zu erreichen, um den misslichen Sachverhalt aufzuklären. Das müssen wir doch bitte verstehen. Die anderen Männer, unter ihnen der Busfahrer und der conductor, melden sich regelmäßig zu Wort, und wahrscheinlich fallen sie uns mit ihren Einwürfen in den Rücken. Die Gespräche werden halb auf Englisch, halb auf Suaheli geführt, ich verstehe dementsprechend nur die Hälfte.

Nach etwa zwanzig Minuten des Abwägens scheint die Gesellschaft von der Nachdrücklichkeit unserer Beschwerde überzeugt zu sein. Pasco händigt uns sichtlich verlegen 30 000 Schilling aus, was in etwa der Hälfte unserer offenen Forderung entspricht. Alles Weitere müsse man am Morgen klären, sagt er. Ich sortiere in meinem Kopf die Fakten: Wir haben nicht nur Tickets für eine Strecke gekauft, die so gar nicht offeriert wird, wir haben dafür auch einen willkürlich überteuerten Preis gezahlt. Und wir befinden uns deshalb jetzt, gut drei Stunden nach Sonnenuntergang, im äußersten Süden Tansanias, in dem kleinen Ort Kyela, also quasi im Nirgendwo, und der Verdacht scheint sich unwiderlegbar erhärtet zu haben, dass man uns schon vor dem ersten Tag unserer Reise ganz bewusst übers Ohr gehauen hat. Und das ist ja erst einmal das Normalste der Welt.

Dabei hat alles ganz unaufgeregt angefangen. Aufgebrochen sind wir rund fünfzehn Busstunden entfernt, im bereits erwähnten Dar es Salaam, wo die Preise für westliche Touristen wie allerorts in Tansania sehr willkürlich und kurzerhand mit deutlichen Aufschlägen nach oben festgelegt werden. Noch bevor das erste Dämmerlicht die Fassaden der Häuser erkennen ließ, erreichen wir per Taxi das bus terminal von Ubungo im Westen der Stadt. Auf dem Platz herrscht bereits in aller Frühe ein geschäftiges Gewimmel an Menschen. Die mehr oder weniger akzeptabel aussehenden Busse stehen aufgereiht nebeneinander, Hinweisschilder hinter der Frontscheibe geben Auskunft über ihre Ziele: Mombasa, Moshi, Mbeya.

In Tansania und wohl in ganz Südostafrika ist es aber ohnehin schier unmöglich, als Weißer nicht in Erfahrung zu bringen, welcher Bus einen zur gewünschten Destination bringt. Wo auch immer der westliche Reisende hinkommt, umringt ihn sogleich eine Schar von Menschen, die sich nach dem anvisierten Ziel erkundigt und ihn daraufhin, große Tatkraft vortäuschend, zum passenden Gefährt geleitet. Dahinter verbergen sich im Prinzip zwei Geschäftsmodelle: Entweder soll für das kurzerhand zur geldwerten Dienstleistung überinterpretierte Geleit ein kleiner Betrag fällig werden, oder aber der zuständige Begleiter des Busses, der zufällig ein Freund oder Bekannter ist, erhebt für die Fahrt ein erhöhtes Entgelt, um dem Geleitgebenden eine Art Vermittlungsgebühr für die neue Kundschaft auszuzahlen. Wie man es dreht und wendet, man geht aus diesen Deals nicht als Gewinner hervor.

In Ubungo hat die Betrügerei bekanntlich schon lange vorher stattgefunden. Wir steigen nichtsahnend in den Überlandbus und sind erst einmal zufrieden, das Fortkommen in den nächsten Stunden dem Busfahrer überlassen zu können. Bevor wir mit dem ersten Aufhellen des Tages aufbrechen, folgt – das muss an dieser Stelle erzählt werden – noch ein weiterer Klassiker, der sich in den kommenden Tagen mit allenfalls geringfügigen Abweichungen wiederholen soll: Nachdem wir Platz genommen haben, tritt sogleich der conductor an uns heran und fragte, ob wir denn schon für den Transport unserer Gepäckstücke bezahlt haben. In diesem Moment ist es wesentlich zielführender, gleich mit »No – it’s free, we know that« zu antworten, als sich auf ermüdende Preisverhandlungen einzulassen. Der junge Mann fragt »Are you sure?«, wir antworten »Yes!«, und er schaut uns noch einen Moment an, zuckt resigniert mit den Achseln und geht.

Nach diesem Lehrstück ostafrikanischer Verhandlungstaktik brechen wir recht bald auf und lassen Dar es Salaam schnell hinter uns. Die Sonne hat den Morgen bereits spürbar aufgeheizt, der Bus fährt in Richtung Westen, weg von der Küste ins Landesinnere. Eher häufig als selten halten wir an kleinen Ortschaften, und jedes Mal umringt eine Schar von Händlern den Bus, noch bevor die Schrittgeschwindigkeit erreicht ist, was uns die Möglichkeit gibt, das ausgesparte Frühstück nachzuholen, ohne unsere Plätze zu verlassen.


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Morogoro.


Anlass, sich in Ruhe die Beine zu vertreten, bietet die Stadt Morogoro. Eine weibliche Amtsperson in Uniform hat vehemente Bedenken an der Funktionalität unseres Busses, und so werden gleich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um irgendwo her einen neuen Reifen zu beschaffen. Wir lehnen uns im Schatten an eine rotbraune Mauer, im dunstigen Horizont in der Ferne zeichnen sich grünbewaldete Berge ab. Nach etwa einer halben Stunde scheint der Bus wieder fahrtüchtig zu sein, der unfreiwillige Halt zieht sich also nicht unnötig in die Länge. Unsere Kleidung ist durch das Anlehnen ganz erdig geworden.

Als ich das nächste Mal geweckt werde, sehe ich zwei Elefanten mit weißen Stoßzähnen am Straßenrand stehen. Die Überlandbusse und Laster rauschen hier ganz ungehindert durch den Mikumi Nationalpark, die Tiere scheint dieser Umstand indes nicht zu stören. Ich sehe Antilopen, Warzenschweine, Büffel und auch eine Giraffe, alles durch die lautstark in der Fassung vibrierende Scheibe neben meinem Kopf, die das Einschlafen nur bei der in Tansania zum Glück häufig einsetzenden tropischen Erschöpfung halbwegs möglich macht. Wenige Stunden später hat sich die Landschaft schon wieder verändert, wir fahren durch zunehmend bergiges Gelände, das viel dichter bewaldet ist als die vergleichsweise trockene Steppe, die wir bisher passiert haben. Die Straße schraubt sich das eine Mal nach oben, und schon wendet sie sich wieder hinab. Müdigkeit dämmert hinter den Augen, aber der Blick vermag nicht, sich von der satten Vegetation zu lösen. An diesem Tag sauge ich mehr Grün in mich auf als in den vier vorangegangenen Herbst- und Wintermonaten zusammen.

Immer wieder gibt der Straßenverlauf jetzt weite Ausblicke über das Land frei, die Sonne fällt in einem zunehmend spitzeren Winkel über die Ebene. Über den Himmel ziehen Wolken. Mbeya liegt vor uns, die letzte große Stadt vor der Grenze, die wir heute nicht mehr überqueren sollen. Als es bereits dunkel ist, wird das Land wieder bergig, aber das ist zu dieser Tageszeit schon nicht mehr zu sehen. Plötzlich liegt Nebel auf der Straße, es wird kälter im Bus. Auf den letzten hundert Kilometern, bevor es nicht mehr weiter geht, steigt noch eine motorisch stark degenerierte Frau zu, die sich durch ihr Übergewicht keineswegs am lautstarken Herumkrakeelen hindern lässt. Sie ist offensichtlich betrunken, setzt immer wieder zu neuen Reden an und bedroht die hinter uns sitzenden Fahrgäste, die angesichts der Uhrzeit vorsichtige Einwände gegen die Artikulationslautstärke vorbringen, mal ernst und mal spaßend mit einer Machete. Die Reise ist für heute zu Ende.

Pasco von Mohamed Coachline in Kyela löscht die Kerzen. Wir werden erst am nächsten Morgen über die Grenze nach Malawi kommen, das wissen wir nun. Ein Mann fährt uns in ein kleines Hotel, dessen Namen ich vergessen habe. In dem Doppelzimmer zu umgerechnet 2,50 Euro pro Nacht und pro Person bröckelt der Putz von denen Wänden, es gibt eine Leuchtstoffröhre, fließendes Wasser, einen Ventilator und saubere Bettlaken. Kurzum: Es ist perfekt.


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