Uganda

In den unzugänglichen Rwenzori-Bergen in Uganda ragt einer der letzten Gletscher Afrikas aus dem Tropenwald. Die Erkundung dieser mystischen Welt ist entbehrungsreich, zumal fast ohne Kalorien. Sieben Tage in der Wildnis.

Als ich mich aufrichte, ist da sofort Schwindel. Ich erhebe mich aus dem schmalen Bett und trete vor die Tür. Sterne am Himmel, eine milde Nacht. Ekel kriecht meine Kehle hinauf. Unter Krämpfen erreiche ich die Sanitärbaracke. Würgen setzt ein, mein Gesicht fällt in ein schmutziges Waschbecken. Der Körper windet sich. Gekrümmt hocke ich danach auf der Toilette.

Ich muss an den Käfer gestern denken. Schwarz, so groß wie der Nagel meines kleinen Fingers. Nach zehn Gabeln gab mein Abendessen das Insekt zwischen den Nudeln frei, eine unbeabsichtigte Proteinbeigabe, mitgekocht. Wo der wohl vorher gesessen hatte? Ich schnippte das Tier ins Gras und aß weiter.

Nun, mitten in der Nacht, der Morgen ist noch fern in der einzigen Unterkunft von Kilembe, einem kleinen Dorf in Uganda, kann ich nirgendwo eine Flasche Wasser auftreiben. Alle schlafen. Aus dem Hahn will ich nicht trinken. Also lege ich mich wieder hin. Beim ersten Tageslicht bin ich so dehydriert, dass ich allein ans Trinken denken kann. So beginnt mein Trekking in den Mondbergen.

MYSTISCHE MONDBERGE

Rwenzori heißt dieses Gebirge am Rand der immerfeuchten Tropen, mit vergletscherten Gipfeln höher als 5000 Meter. Ein Mysterium. Den Kilimandscharo kennt jeder. Aber wer hat schon vom Margherita Peak gehört? Der Ostafrikanische Grabenbruch hat die Berge zwischen Uganda und dem Kongo aufgefaltet. Die Europäer fuhren die längste Zeit einfach vorbei, und das ist heute immer noch so. Weil das höchste nicht-vulkanische Gebirge in Afrika fast immer unsichtbar bleibt. Verborgen in Wolken.





Tal bei Kilembe, Chamäleon im Bergwald, Wildnis.


Der Afrikaforscher Henry Morgan Stanley glaubte 1876, eine Wolke von silberner Farbe zu betrachten, als er auf einen Eispanzer des Rwenzori schaute. Ptolemäus soll den Begriff Mondberge geprägt haben, als er von schneebedeckten Gipfeln im Herzen Afrikas sprach. Die Bakonjo, die an den Hängen des Rwenzori leben, haben ihre eigene Erklärung: Tagsüber sind die Berge stets verhüllt, nur nachts sieht man sie – bei Mondschein. Es sei denn, man begibt sich mitten hinein ins Gebirge.

Das Rwenzori ist eine der unzugänglichsten Gegenden des Kontinents. Schlammige Pfade führen durch enge Täler und über schlüpfrige Pässe, oft mehr Bäche als Wege. Der Kilembe Trail wurde überhaupt erst 2010 für Touristen freigegeben. Gummistiefel sind in weiten Teilen des Gebirges das beste Schuhwerk. Übernachtet wird in Schutzhütten ohne Strom und Wasser oder in Zelt-Camps. Bevor überhaupt die höchsten Gipfel in Sichtweite kommen, läuft man drei Tage durch menschenleere Wildnis.

BOTANIKER UND DRAUFGÄNGER

Sich allein in dieses Gebirge zu begeben, wäre Wahnsinn. Zwei Trekkingagenturen vor Ort bieten Touren an. Sechs bis neun Tage, mit Margherita Peak oder ohne. Eine Handvoll Träger gehören zu jeder Mannschaft, denn jeder Kochtopf, jede Rübe und jede Portion Reis muss in die Berge hinein getragen werden. Ich verzehre mich zunächst einmal nach Wasser, das in den kommenden Tagen im Überfluss vorhanden sein wird.

Erlösung am Morgen: Das Hostel erwacht. Ich bekomme etwas zu trinken. Die Sonne zieht auf über Kilembe.

Zwei Bergführer begleiten mich auf der Tour. Richard, 33, ein sanftmütiger junger Mann, kennt die lateinischen Namen vieler Pflanzen. Samuel, 31, erzählt davon, wie er als Soldat in der ugandischen Armee den Warlord Kony gejagt hat. Begrüßung zum Frühstück. Wir checken die Ausrüstung, dann geht es los. Ich glaube, mich über Nacht entgiftet zu haben. Ich kann laufen.


Bergführer Samuel (links) und Richard.


Die Hänge erheben sich steil rund ums Dorf. Auf den Feldern pflanzen die Menschen Bohnen, Kaffee und Maniok an. Wir spazieren vorbei an einer Schule und den Wohnbaracken einer Minengesellschaft, die hier Kupfer schürft. Im Fluss liegen die Trümmer einer Brücke, von Hochwasser zerstört.

Weiter oben: Gottesdienst in einer Kapelle. Ein älterer Herr kommt uns in seinem dunklen Sonntagsanzug entgegen, wahrscheinlich ist es sein einziger. Der Gentleman, dessen Hemd nie pralle Taschen hatte, grüßt höflich.

SCHÜTTELFROST IM SCHLAFSACK

Noch bewegen wir uns am Rande des Gebirges, in der Zivilisation. Warm ist die Luft hier auf 1400 Metern. Wo die Bewirtschaftung des Landes endet, markiert ein Schild die Grenze des Rwenzori Mountains National Parks. »Kilembe Route – Entry Point«. In einem kleinen Ranger-Häuschen muss ich ein Formular ausfüllen, alles auf eigene Gefahr und so. Draußen posiert ein junger Typ, fast noch ein Jugendlicher, mit seiner Kalaschnikow für meinen Fotoapparat.




Richard beim Eingang zum Nationalpark, Ranger, Bergwald.


Überschwänglich wächst die Vegetation. Lianen umschlingen die Tropenbäume des Bergwalds. Schmetterlinge, Vogelgezwitscher, der Nyamwamba rauscht rechts des Weges. Wir überqueren den Fluss über eine Brücke, dahinter nimmt das Geräusch des Wassers rasch ab. In Kehren steigen wir nun die Hänge hinauf.

Fast wie entlang einer Linie gezogen ändert sich die Landschaft. Meterhoch steht plötzlich der Bambuswald, die zweite Vegetationsstufe des Rwenzori. Wir seien jetzt also ungefähr 2500 Meter hoch, erklärt Richard. Haushoch und dicht säumen die Stämme den gewundenen Pfad. Ich laufe wie durch die Kulisse eines fernöstlichen Kriegerepos, im Haus der fliegenden Dolche, doch kein Wurfmesser zerschneidet die immer noch schwül-warme Luft an den unteren Hängen des Rwenzori.


Aufstieg durch den Bambuswald.


Wir erreichen das Lager kurz vor den ersten Tropfen. Als der Regen einmal eingesetzt hat, hört er nicht mehr auf. Die trockene Erde verwandelt er in Matsch. Nebel umhüllt unseren Schlafplatz auf 3134 Metern, das Kalalama Camp. Wir befinden uns hier genau auf der Schwelle zum urzeitlichen Reich aus Nebel und Wasser: Rwenzori. Regenmacher, Wolkenkönig.

Die vier, fünf Stunden Aufstieg des Tages habe ich gut verkraftet. Ich habe unterwegs ein Sandwich mit Käse und Ei gegessen, einen Apfel, eine Banane. Nun entfacht unsere Mannschaft unter den Planen eines Gemeinschaftszelts ein Feuer, setzt eine Pfanne auf. Ich schaffe drei Löffel vom Reis mit Gemüse, das in etwas ranzigem Speiseöl aus einer Plastikflasche zubereitet wurde. Mein Körper will nicht. Er bräuchte aber, nach dem langen Marsch. Und deshalb klappt er zusammen. Mir wird kalt, ich bekomme Schüttelfrost und krieche in meinen Schlafsack. Mehr als eine Stunde liege ich mit schlotternden Zähnen da, draußen ist es schon pechschwarz. Dann kann ich einschlafen.



Nebel und Regen im Kalalama Camp.


IN EINEM LAND VOR UNSERER ZEIT

Am Morgen fühle ich mich besser. Richard reicht mir eine Schale Porridge, die einzige Mahlzeit, die ich auf dieser Tour mit Sicherheit essen kann. Der Regen hat in der Nacht aufgehört. Vom Camp aus führt die Route durch ein Hochtal weiter ins Gebirge hinein. Im Nordwesten sind nur Wolken zu sehen.

Auf der zweiten Tagesetappe verstehe ich, warum Gummistiefel praktischer sind als Bergschuhe. Immer wieder sinken die Füße im Schlamm ein. Schwomp schwomp, stundenlang, das ist der Sound des Rwenzori. Hinter jedem Fels und jeder Wurzel, in jeder Spalte und in jedem Loch gluckst und plätschert es. Wir durchwaten einsame Sümpfe. Die Feuchtigkeit sorgt für prähistorisch anmutenden Bewuchs. Lobelien und Senezien ragen vier Meter in die Höhe. Heidekraut wächst wild in alle Richtungen, bizarre Riesengewächse wie aus einer urzeitlichen Welt. Flechten hängen von den Ästen der Bäume wie Bärte schweigsamer Naturgeister, die mythische Geheimnisse hüten. In jedem Moment, scheint es, könnte ein Flugsaurier aus dem Nebel hervorschießen.






Tag zwei: vom Kalalama zum Bugata Camp.


Wir ersteigen den Talschluss und erreichen eine Hochebene, die von Gräsern und Strohblumen durchsetzt ist. Wir haben die Baumgrenze hinter uns gelassen. Mühsam ist der Weg. Ich versuche, auf die Grasbüschel zu treten, doch oft ist der Schritt zu kurz und endet im Wasser. Also den Fuß hinausziehen. Schwooooomp. Das kostet Kraft. Die Stunden ziehen sich. Jede meiner Kalkulationen zu Wegstrecke und Gehzeit erweist sich als falsch.

FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR

Ich bringe den Tag trotz der Strapazen ganz gut hinter mich. Nachmittags im Bugata Camp, auf 4062 Metern, beschenkt uns das Rwenzori mit einem seltenen Schauspiel: Die Wolken verziehen sich. Sonne fällt in das Namusangi-Tal mit seinen Gletscherseen, die jetzt schon unter uns liegen, wie Spiegel.

Ich sitze an der Abbruchkante einer Felswand und schaue in die Ferne, ernsthaft erschöpft, aber hoffnungsvoll. Bis das Abendessen aufgetischt wird. Ich stochere mit meiner Gabel im Reisklumpen. Es tut mir leid. Samuel wirft mir einen skeptischen Blick zu. Ich entschuldige mich. Ich schäme mich. Die Träger haben das ganze Zeug hier ins Nirgendwo geschleppt, und jetzt hat der feine Herr keinen Appetit. Aber es geht einfach nicht. Das habe nichts mit dem Essen zu tun, bekräftige ich, es schmecke ja wirklich gut. Aber der Magen wolle einfach nicht. Ich weiß nicht, ob sie mir glauben. Ich habe nur gefrühstückt.



Sonne im Namusangi-Tal, Gletschersee und Sümpfe.


Von der Agentur erhalten die Träger – darunter eine Frau – 4 bis 5 US-Dollar pro Tag. Dafür tragen sie 20 bis 30 Kilo über Schlammpfade die Berge hinauf und hinab. Pferde oder Esel gibt es nicht. Die Bergführer bekommen jeweils 9 bis 12 Dollar pro Tag. Erreicht der Kunde den Margherita-Gipfel, gibt es einen Bonus.

Das monatliche Durchschnittseinkommen in Uganda liegt bei etwa 55 US-Dollar. Fühlt sich die Bezahlung meiner Mannschaft dadurch besser an? Nicht wirklich. Am Ende der Tour verdoppele ich die Gehälter durch mein Trinkgeld. Auch das zeigt das Gefälle. Ich würde gerne mehr mit Richard und Samuel plaudern. Aber abends bin ich wieder schwach und fröstelnd, weil mir Kalorien fehlen, um den Körper ausreichend warm zu halten. Ich muss in den Schlafsack.

GRENZE IM NIRGENDWO

Tag drei bricht an im Rwenzori. Wir überschreiten heute den Bamwanjara-Pass, der ungefähr so hoch liegt wie die Spitze des Matterhorns. Hinauf geht es durch einen Bach, teils über grobe Felsblöcke. Oben angekommen, nach rund zwei Stunden, ist es so kühl, dass Schneeflocken durch die Luft flirren. Jenseits des Passes windet sich der Pfad in steilen, matschigen Serpentinen durch einen Riesenlobelien-Wald hinab.

Wir steigen ab in ein anderes Tal, fernab jeder Ansiedlung. Einmal, für kaum zwei Minuten, schieben sich die Wolken am Horizont im Norden auseinander, sodass die zackigen, leicht verschneiten Kämme der Stanley-Berge zu sehen sind. In diesem Massiv liegen die höchsten Gipfel des Rwenzori. Unser Ziel.






Überschreitung des Bamwanjara-Passes.


Weiter unten ruht ein See, eingefasst ins wilde Grün der Landschaft wie ein trüber Edelstein. Die Ebene dahinter liegt verborgen unter dichten Quellwolken. Das Tal fällt steil ab, im rechten Winkel zu einem breiteren Tal, in dem wir links oder rechts abbiegen können. Entscheiden wir uns für links, laufen wir in die Demokratische Republik Kongo. Jenseits der Grenze, die den vermeintlich bereisbaren Teil Ostafrikas vom sogenannten Konfliktgebiet trennt, aber nicht mehr als eine fiktive Linie auf der Landkarte ist, liegt die ruhelose Provinz Nord-Kivu. Das Auswärtige Amt hat für die Region eine Reisewarnung ausgesprochen. Dort operieren verschiedene Milizen, es herrscht allgemeine Gesetzlosigkeit.

Das Rwenzori war immer wieder für Touristen gesperrt. Die ugandischen Diktatoren Obote und Amin machten Reisen unmöglich. Während des Zweiten Kongokriegs schloss die Regierung den Nationalpark, weil Rebellen ihn als Rückzugsgebiet nutzten. Erst 2001 wurde der Park wieder für ausländische Besucher geöffnet. Doch die Staatsgewalt ist hier auch heute noch weit weg. Nur die Ranger der Uganda Wildlife Authority machen in dieser abgelegenen Gegend einsam ihre Arbeit.


Nur eine theoretische Grenze: Blick in Richtung Kongo.


An der Wegscheide laufen wir rechts, weiter hinein ins Rwenzori, in Richtung der verhüllten Felstürme. Essenspause, wir kauern uns zusammen. Regen zieht durch das Tal. Dichter Nebel umhüllt uns. Trostlos könnte man diese Umgebung nennen, trübe, trist, forlorn, doch ich finde sie mystisch.

Samuel erzählt, dass er viele Jahre im Militär war. Und wie sie zwölf, vierzehn, sechszehn Stunden marschierten, um Kony aufzuspüren, den Führer der Lord’s Resistance Army, Anführer einer Räuberbande, die Kindersoldaten rekrutierte und Massaker anrichtete. Sogar Obama schickte Spezialtruppen nach Zentralafrika, um Kony zu finden. Wo der Warlord heute steckt, weiß niemand.

Samuel berichtet auch, wie sie ihre Gewehrkugeln mit Nashornpulver bestreut hätten, irgendein Aberglaube, wer weiß, ob die Geschichte stimmt. Aber er erzählt sie mit fester Stimme und einem durchdringenden Blick. Dann verstummt unser Gespräch. Samuel macht ein Lied auf seinem Handy an, ein Tribut-Song von Jay-Z für die New Yorker HipHop-Legende Jam Master Jay. Kratzige Raps verhallen im allumfassenden Grau. Noch zwei Stunden, dann sind wir im Hunwick’s Camp, bevor am nächsten Tag die letzte Tagesetappe vor der Gipfelnacht ansteht.


Blick vom Hunwick’s Camp zum Stanley-Massiv.


AM FUSS DES BERGES

Wir sind nun wieder auf 3974 Metern. Wieder kann ich kein Abendessen zu mir nehmen, das macht mir langsam Sorgen. Wir laufen jeden Tag viele Stunden, ich brauche Kalorien. Ich werde jeden Tag dünner und dünner, eine schmale Gestalt in unwirtlichen Bergen. Der Geruch des Essens verleidet mir den Appetit. Der Magen weiß, was er will. Und was nicht.

Im Camp treffe ich auf zwei Schweizer und ihre Mannschaft, die einzigen anderen Menschen, denen wir in den sieben Tagen im Rwenzori begegnen. Sie schenken mir ihre Immodium-Tabletten. Der Durchfall sucht mich regelmäßig heim, leider auch an diesem Abend. Immerhin ist die Luft abends lieblich, etwas Sonne fällt ins Tal.

Am nächsten Tag stapfen wir vorbei an den Kitandara-Seen zum höchsten Zeltlager der Tour. Es liegt unweit der Elena-Hütte, die von den Kunden der anderen Trekking-Agentur genutzt wird. Deren Gäste kommen über den Central Circuit Trail, während wir auf dem Kilembe Trail unterwegs sind. Doch an diesem Tag dringt niemand zum Fuß des gewaltigen Stanley-Massivs vor.



Basislager vor der Gipfelnacht.


Abends schiebe ich Reis auf dem Teller herum. In der Nacht wollen wir auf den Margherita Peak, auf über 5000 Meter. Ich müsse essen, sagt Samuel. »You have to eat.« Aber ich kann nicht. Was soll ich machen? Die Träger erhitzen Wasser aus einem Bach über dem Gaskocher, füllen es in eine Plastikschale und stellen mir den Bottich mit einem Stück Seife hin. Ein Fußbad, was für ein Luxus! Ich bin durchgefroren und hülle mich in den Schlafsack. Es schneit.

WO DIE GÖTTER WOHNEN

Um drei Uhr nachts betritt Richard das mannshohe Zelt mit den Stockbetten. Ich weiß, dass es nun Zeit ist, den warmen Schlafsack zu verlassen. Dabei sehnt sich mein gesamter Körper nach Ruhe. »Good morning, Philipp.« Mehr muss Richard nicht sagen. Sein Gesicht sieht aus, als tue es ihm leid, mich wecken zu müssen. Er reicht eine Kanne Tee und eine Schale Porridge. Langsam ziehe ich mich an. Draußen flirren Flocken durch den Lichtkegel der Stirnlampe.

Wir marschieren los durch die Dunkelheit, bergan. Das Gestein ist so glatt, als habe es jemand mit Spülmittel eingeschmiert. Die Sohle hilft wenig. Nach vier Tagen in Gummistiefeln trage ich zum ersten Mal meine Bergstiefel. Die Bakonjo glauben, auf den höchsten Gipfeln des Rwenzori wohne das Götterpaar Ketasamba und Nyibibuya. Wenn es sich bewegt, heißt es, dann lösen sich Steine. Ich hoffe, dass die Götter noch eine Weile friedlich schlafen.

Nach gut einer Stunde stoßen wir auf den ersten Gletscher. Er ist kaum steil und einfach zu überqueren. Später seilt mich Samuel über eine durch Steinschlag gefährdete Felsrinne zum Fuß des Margherita-Gletschers ab, immer noch bei völliger Dunkelheit. Dieser Gletscher führt wiederum so steil bergan, dass wir Steigeisen anziehen. Auf dem vermeintlich ewigen Eis des Rwenzori, das in einigen Jahrzehnten vollends verschwunden sein wird, weicht die Nacht langsam zurück. Der Blick reicht nun einige Dutzend Meter.



Aufstieg über den Margherita-Gletscher.


Die letzten Höhenmeter auf den Margherita-Gipfel führen über verschneite Felsblöcke. Absturzgelände. Ganz oben steht ein Schild, das mit Eiskristallen überzogen ist, die noch die Aufschrift preisgeben: »Welcome to Margherita Peak – 16763 ft. (5109 m) a.s.l. – the highest point in Uganda.« Die Landesgrenze verläuft genau über den Gipfel. Im Westen liegt der Kongo unter schweren Wolken, als wollte der Himmel diesen unruhigen Landstrich vor neugierigen Blicken verbergen.

Hier oben nun, nach fünf Tagen über schlüpfrige und steile Pfade, fällt der Blick endlich weit über das Land, auf schneebedeckte Spitzen, die in der Ferne wie aus Watte ragen. Vom höchsten Punkt des Gebirges zeigen die umliegenden Berge zumindest einige Flanken, etwa Alexander Peak. Trotzdem haben wir diese Wildnis nicht erobert. Nichts wurde hier bezwungen. Wir stehen auf dem vereisten Thron des Rwenzori, allen Widrigkeiten zum Trotz, doch die Landschaft bleibt undurchschaubar, gefahrvoll, im Sinne des Wortes sagenhaft. Nur ein falscher Tritt, ein Knacks am Knöchel, es wäre eine Katastrophe.

Wir rasten, trinken und atmen durch. Das düstere Wetter verbirgt, dass es Mittag geworden ist. Ich fühle mich entrückt von allem, das ich kenne. Weit entfernt liegt meine Welt, jenseits des Nebelreichs. Er wundere sich schon, dass ich es hierher geschafft habe, sagt Samuel, wo ich doch kaum etwas gegessen habe. Hoffentlich, denke ich, reichen die Reserven für den langen Weg zurück.




Am Gipfel des Margherita Peaks.


DIE STUNDE DES LEOPARDEN

Eigentlich wollen wir an diesem Tag noch bis ins Hunwick’s Camp kommen. Doch wir erreichen das Basislager erst am Nachmittag. Richard und Samuel begutachten mich und entscheiden, dass wir nicht weitergehen. Ich kann immer noch wenig essen. Vor allem will ich mich niederlegen und schlafen. Der Weg zum Gipfel und zurück ins Zeltcamp hat zehn Stunden gedauert.

Am nächsten Tag, auf dem langen Marsch zurück nach Kilembe, haben wir eine gewaltige Wegstrecke vor uns. Aufbruch um sieben in der Früh. Wir stapfen zurück durch das letzte Hochtal, vorbei an den Kitandara-Seen, am Hunwick’s Camp. Wir steigen wieder hinauf zum Bamwanjara-Pass, dort eine Mittagspause. Wenn ich nicht laufe, fange ich an zu zittern. Sandwich, Apfel, Banane.


Zustand des Autors: Bugata Camp, Margherita-Gletscher, am Ende der Tour.


Als es Nachmittag geworden ist, erreichen wir das Bugata Camp. Hier könnten wir übernachten, doch wir müssen weiter. Es folgt die elende, sumpfige Graslandschaft. Dämmerung fällt über das Land. Wir erreichen den Talschluss, über den wir vor vier Tagen aufgestiegen sind. Es ist jetzt fast düster, wir schalten die Stirnlampen ein. Ich denke an den schwarzen Käfer, an den Schüttelfrost im Schlafsack, an Schlamm und Riesen-Lobelien, an Jam Master Jay und das Gletschereis. Um diese Uhrzeit, sagt Samuel, gehe der Leopard auf Jagd. Aber er interessiere sich nicht für die wenigen Menschen, die hier vorbeikommen. Man sehe ihn nie. Als wir das Camp erreichen, schaue ich auf die Uhr: 20.46. Wir sind vierzehn Stunden marschiert.

Noch eine ungeduschte Nacht im Zelt, noch einmal Porridge, Gummistiefel anziehen, Rucksack packen. Alles klamm und starrend vor Dreck. Noch einmal ein paar Stunden laufen, immer abwärts nun. Heide, Farne, Bambus. Bald strahlt die Sonne vom Himmel und trocknet die Kleidung. In den Büschen ein dreihörniges Chamäleon wie ein Dinosaurier in Miniatur, im Baum brüllt ein Colobus-Affe. Wir erreichen die Felder, Häuser, das Dorf. Im Hostel von Kilembe wartet die wahrscheinlich schönste Dusche der Welt. Das Abendessen schlinge ich hinunter. Chicken und Pommes. Ohne Käfer.


Dreihörniges Chamäleon an den unteren Hängen des Rwenzori.


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Afrika heißt Tiere gucken: Der Queen-Elizabeth-Nationalpark ist ein scheinbar konfliktfreier Erlebnisraum für wohlhabende Safari-Touristen. Ich komme auf der Durchreise. Und werde bald unruhig.

Als zwei Schimpansen den Feldweg überqueren, freut sich der erfahrene Ranger wie ein kleines Kind. »Heute ist ein wunderbarer Tag, wir haben großes Glück«, sagt Robert Adaruku und setzt das Fernglas ab. Er strahlt so überschwänglich, als hätte er zum ersten Mal einen Affen gesehen. Ich kann die Begeisterung nur bedingt erwidern, kenne ich Schimpansen doch zumindest aus dem Zoo, und in der Wildnis braucht es immer erst eine Weile, bis man verinnerlicht hat, dass kein Zaun die Tiere gefangen hält.

Robert arbeitet seit fünfzehn Jahren im Queen-Elizabeth-Nationalpark im Südwesten Ugandas. Er weiß, dass die Schimpansen sich nur ganz selten aus dem Regenwald in der Kyambura-Schlucht in die offene Savanne begeben. Aber dort stehen die Feigenbäume. Die Affen klettern hinauf zu den Früchten.




Schimpansen auf der Jagd nach Feigen.


Der Kyambura war für die Dörfer am Fluss immer schon eine wichtige Wasserquelle. Doch das Flusstal ist schmal, der Strom fließt schnell. Einmal, so erzählt es Robert, riss das Wasser den Menschen ihre Habseligkeiten fort. So kam der Kyambura zu seinem Namen, der »etwas nicht finden können« bedeutet. Es sind solche Mythen, die man als Tourist irgendwie seltsam bewegt aufnimmt.

SCHIMPANSEN ALS SEHENSWÜRDIGKEIT

Die Schimpansen-Population in der Schlucht stammt aus einem großen Waldgebiet südlich des Parks. Beide Gebiete waren durch einen Korridor verbunden, der vor mehr als dreißig Jahren unterbrochen wurde. Die Kyambura-Schimpansen lebten fortan isoliert und zunächst wild. An Menschen waren sie nicht gewöhnt. Nachdem in den unruhigen 1990er Jahren eine Uno-Friedensmission die ruandisch-ugandische Grenze sicherte, begann die Habitualisierung der Tiere. Und damit der Tourismus, an dem auch nicht nun partizipiere, indem ich unter einer brutalen Sonne auf Bäume mit Affen starre.

In der Kyambura-Schlucht kann es passieren, dass man nicht einen einzigen Schimpansen zu Gesicht bekommt, gerade jetzt am Nachmittag. »Morgens suchen sie Nahrung, rufen einander und streiten«, sagt Robert. Dann ist es nicht schwierig, die Affen aufzuspüren. Doch mit zunehmender Hitze werden die Schimpansen träge und ziehen sich ins Unterholz zurück, unsichtbar für ungeschulte Touristenaugen (wie meine), die schon Schwierigkeiten haben, einen Buschbock von einem Impala zu unterscheiden.




Kyambura-Schlucht, Robert Adaruku.


An diesem Nachmittag stoßen wir auf Schimpansen, bevor wir überhaupt in die Schlucht hinabgestiegen sind. Wir haben perfekte Sicht. Was für ein Glück.

Es sind diese unverhofften Begegnungen in der Wildnis, für die sich wohlhabende Menschen aus Europa beigefarbene Tarnkleidung zulegen und acht Stunden fliegen. Sie suchen Wildlife. Abends stoßen sie beschwingt mit einem Sundowner an und fühlen sie wie Hemingway. Safari-Afrika als exotisiertes Erlebnis für Besserverdiener.

EIN SOGENANNTES NATURPARADIES

Ich bin, wenn man so will, nur auf der Durchreise und auf dieser Reise wirklich kein typischer Safariurlauber. Ich komme von Norden aus den Rwenzori-Bergen, deren neblige Täler mich zerzaust und ausgemergelt freigegeben haben. Sieben Tage bin ich durch das unzugängliche Gebirge marschiert, bis auf den schneebedeckten Margherita Peak, und habe vier Kilo abgenommen. Ich kann das im Spiegel sehen.

Auf dem Weg nach Süden, in Richtung Ruanda, komme ich durch den Queen-Elizabeth-Nationalpark. Ich gönne mir eine Pause. Das Schutzgebiet liegt im Albert-Graben, dem westlichen Ausläufer des Ostafrikanischen Grabenbruchs, wo Regenwald, Papyrus-Sümpfe, Krater und Savanne aufeinandertreffen. Auch zwei großen Seen haben sich zwischen den Kontinentalplatten gebildet, Lake George und Lake Edward. Die Gewässer tragen wie der Park selbst die Namen ehemaliger Royals. Als die britische Königin 1954 ihre Kolonie Uganda besuchte, wurde Nationalpark nach ihr benannt.

Die Besatzer gingen, der Name blieb. Auf die Unabhängigkeit 1962 folgte in Uganda wie in so vielen Ländern Afrikas bald eine Diktatur. Der Name Idi Amin steht für den stereotypischen Gewaltherrscher. Angesichts von Hunderttausenden Toten unter dem irren Regime des Feldmarschalls in den Siebzigern ist es eine Randnotiz der Geschichte, dass auch massenweise Wildtiere abgeschossen wurden. Doch die Bestände haben sich erholt. Der Artenreichtum im Queen-Elizabeth-Park ist heute dank der verschiedenen Ökosysteme so groß wie kaum sonst irgendwo im östlichen Afrika.




Kronenkranich, Nationalpark, Büffel.


WILLKOMMEN IM AFRIKA-THEATER

Ich kann nicht leugnen, dass es nach den Strapazen der vergangenen Woche erholsam ist, hier drei Tage harmlosen Aktivitäten nachzugehen: Walking Tour zu den Schimpansen, Fahrt durch die Savanne, Bootsausflug zu Elefanten. Abends sitze ich im Speisesaal der Mweya Safari Lodge, wo die Nacht 400 US-Dollar kostet, und schlage mir den Bauch voll wie jemand, der eine Woche keinen Appetit hatte. Und tatsächlich war es ja so, wegen des anhaltenden Durchfalls in den Bergen.

Auch ich trinke jetzt meinen Sundowner, weil es nun einmal dazugehört, nach einem Safari-Tag einen Sundowner zu trinken. Man hat das irgendwo gelesen oder im Film gesehen und verinnerlicht, außerdem kühlt es den Körper herunter (glaubt man). Dann ist die Sonne auch schon untergegangen. Auf dem Rasen draußen vor der Lodge haben die Mitarbeiter ein Feuer entzündet, um das ein paar halbnackte Männer herumtanzen, während andere mit Trommeln den Rhythmus vorgeben. Jetzt führen sie also für die Urlauber das große Folklore-Theater auf, denke ich: das Afrika der Masken und Magie.

Tour Operator und Lodges wollen mich in einen Dämmerschlaf wiegen, in dem es keine Konflikte gibt, in dem Afrika als homogener, archaisch-mysteriöser Kulturraum existiert, wo die wilden Tiere aber eigentlich doch spannender als die Menschen sind. Sie verdienen damit gutes Geld, und wer bin ich, dies zu verurteilen? Aber ich merke, wie ich eingelullt werde, wie sich meine müden Glieder kaum gegen die Vereinnahmung wehren können, ich aber eigentlich weiter muss, mich wieder dem Land und seinen Alltäglichkeiten aussetzen, die eben nicht darin bestehen, für einen einheimischen Monatslohn auf Pirsch zu gehen. Safari-Afrika ist eine schöne Illusion.




Unterwegs im Nationalpark: Löwen gucken und Elefanten beobachten.


DUNKLE WOLKEN, GOLDENES LICHT

Am nächsten Tag hat die Lodge aber zunächst einen Ausflug auf den Kazinga-Kanal organisiert. Die Wasserstraße verbindet die beiden Seen des Nationalparks. Vom Bootsdeck aus lassen sich ohne jede Anstrengung Elefanten, Hippos, Büffel und Krokodile beobachten, die am Ufer ihr Schauspiel aufführen.

An der Mündung in den Eduardsee haben sich Scharen von Wasservögeln versammelt: Pelikane, Kormorane, Goliath- und Schwarzhalsreiher. Der einzigartige Schuhschnabel zeigt sich nicht. Auf dem See wippt ein einzelnes Fischerboot vor einem Wolkenturm, der sich düster über dem anderen Ufer jenseits der Landesgrenze erhebt, als wollte er mahnend darauf hinweisen: Dies hier ist schon der Ostkongo. Wer den See überquert, verlässt die heile Safari-Welt und begibt sich hinein in jenes gefahrvolle Afrika der Konfliktgebiete, das vom flüchtigen Grundrauschen der Weltnachrichten konstruiert wird.





Unterwegs auf dem Kazinga Channel.


Noch einmal, früh am Morgen, lasse ich mich am nächsten Tag durch die Akaziensavanne fahren. Die noch tiefe Sonne überzieht die einsame Landschaft mit einem goldenen Schleier, der mit dem Aufziehen des Tages langsam ausbleicht. Die Lichtstimmung ist fast schöner als die wilden Tiere: Büffelherden stehen wehrhaft zusammen, eine Uganda-Grasantilope zeigt ihre Silhouette, Paviane hocken ungerührt von den Safari-Fahrzeugen gleich neben der Buschpiste. Ein letzter Morgen reinste Idylle. Ich lasse mich fallen in das gut organisierte Konzept des Game Drives.

Mittags lasse ich mich vom Mitarbeiter der Lodge an der Hauptroute in Richtung Südosten absetzen. Mein Aufenthalt im Queen-Elizabeth-Nationalpark ist beendet. Nun nimmt mich niemand mehr an die Hand und zeigt mir den Weg. Ich stehe am Straßenrand und warte auf den nächsten Minibus. Bis wohin fährt er? Unwichtig. Es geht mir darum, wieder unterwegs zu sein unter den Menschen, und diesem Umstand mehr Zeit und Bedeutung einzuräumen als einem schönen Fotomotiv. Vielleicht fängt damit das Reisen erst richtig an, doch wozu dogmatisch sein? Irgendwann schaue ich mir wieder einfach nur Löwen an.


Pirschfahrt bei Sonnenaufgang im Queen-Elizabeth-Nationalpark.


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Von Uganda nach Ruanda, das sind nur ein paar Hundert Kilometer Straße. Man legt mir einen privaten Transfer mit Fahrer nahe. Doch das wäre eine vergebene Chance. Ein Roadtrip.

Das Fremdenverkehrsamt von Uganda hatte mir von einer Fahrt ins Nachbarland mit öffentlichen Verkehrsmitteln abgeraten. Die Straßenverhältnisse und so weiter, das sei alles nicht ganz verlässlich. Ich käme bequemer nach Ruanda, mit dem privaten Transfer einer Safari-Agentur. Dazu würde man mir schon raten. 250 US-Dollar für 400 Straßenkilometer? Teure Spesen, aber vielleicht wäre das noch drin gewesen. Ich entschied mich bewusst dagegen. Am Geld lag es nicht.

Deshalb sitze ich nun in einem Minibus, den Rucksack auf den Knien. Ich habe mich einfach an die Straße gestellt, und keine fünf Minuten später hielt der erste Bus in Richtung Süden. Er ist furchtbar eng, so wie jeder Minibus zwischen Daressalam und Johannesburg furchtbar eng ist, aber das stört mich nicht. Im Gegenteil, ich finde es angenehm, mitten unter den Leuten zu hocken statt im klimatisierten Toyota.

Ich bin in Uganda gewesen für zwei Reportagen, über die Rwenzori-Berge und den Queen-Elizabeth-Nationalpark. Trekking und Safari. Die offizielle Recherche ist vorbei, aber ich habe noch ein paar Tage Zeit. Ich will nach Süden, über Ruanda in den Ostkongo, und dafür muss ich erst einmal nach Kigali – laut Google Maps sieben Stunden Fahrzeit. Ich weiß, dass das niemals hinkommt, nicht nur wegen der Grenze.


Kratersee im Queen-Elizabeth-Nationalpark.


LANGSAM, LANGSAM

Der Bus hält alle paar Minuten bei einem Dorf: Rubirizi, Ndeke, Ryeru, Lutoto. Die Ansiedlungen bestehen aus schlichten Hütten und Häusern, die besseren sind geziegelt, die schlechteren aus Lehm. Kühe, Ziegen, manchmal ein Schwein. Wenn Kinder mich hinter der Scheibe entdecken, winken sie und lachen. An jeder Ecke ein »authorized dealer«, der was auch immer verkauft, in jedem Dorf ein Telecom-Shop, wo man SIM-Karten bekommt. Das Festnetztelefon wurde technologisch einfach übersprungen.

Eine Hochzeitsgesellschaft heizt vorbei, pinke Schleifen an den Autos, die Herren im Anzug, die Damen im Kleid, der Lippenstift knallt. Viele Motorradfahrer tragen dagegen Daunenjacken. Ist das nicht zu heiß? Ich jedenfalls schwitze, allerdings den Schweiß des ehrlichen Reisenden, der sich dem Land ausliefert, wie es nun einmal ist: langsam, gemütlich, dabei trotzdem laut, ohne Fahrplan. Nächstes Ziel: Mbarara.

In Mbarara, erklärt mir ein Mann im Minibus, müsse ich umsteigen, wenn ich nach Süden zur Grenze nach Ruanda wolle. Wir fahren drei Stunden, bis wir den Ort erreichen. Der Verkehr ist dicht. Trucks, Autos, schwer beladene Motorräder. Rechts der Straße ein gewaltiges Baugerüst, dann ein Supermarkt, ein Buchladen, das Lake View Resort – ein Hotel mit Pool. Dort ein paar Bahnen ziehen und den Staub der Straße abspülen, das wäre was. Aber ich will weiter, Strecke machen. Ich habe keine Ahnung, wo ich heute Abend schlafen werde. Irgendwo wird schon ein Bettchen auf mich warten.


Abendlicht im Süden Ugandas.


ON THE ROAD

Diese Leerstelle in meinem Reiseplan versetzt mich nicht in Unruhe. Sie beruhigt mich. Ich werde immer entspannter, je länger der Tag sich im gemächlichen Rhythmus des ugandischen Alltags seinem Ende zuneigt. Auf meinen letzten Reisen war der Transport nur Mittel zum Zweck: Ich wollte irgendwohin, um darüber zu schreiben, und saß deshalb in Flugzeugen, Bussen und Autos. Hier im Süden Ugandas behauptet sich die Wegstrecke zwischen den Reisezielen als spannende Attraktion, die sich genauso auskosten lässt wie Trekking und Tiere gucken. Ich muss mich einfach treiben lassen. Sitzen und schauen, schwitzend und dreckig. Was für ein Luxus.

Das kann natürlich nur jemand sagen, der aus einem reichen Land wie Deutschland kommt, aus einer gesicherten Erwerbstätigen-Existenz mit Urlaubsanspruch und vermögenswirksamen Leistungen. Eine Amerikanerin erzählte mir einmal von ihrer Arbeit bei einer NGO in Burundi. Die Organisation setzte sich dafür ein, dass Menschen einen vernünftigen Fußboden bekamen. Das reduziere das Risiko, sich mit einem Krankheitserreger zu infizieren, um soundso viel Prozent. Darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Was mich zu Hause erfreut, sind meine Kaffeemaschine und der handgeknüpfte Berberteppich. Der Fußboden ist einfach da.

In Mbarara halten wir an einem Parkplatz. Dort dauert es eine halbe Stunde, bis der nächste Minibus zur ruandischen Grenze vollgequetscht und damit abfahrbereit ist. Unterwegs schaue ich aus dem Fenster und lasse die Gedanken ziehen, wohin es sie treibt. Macht ihr mal. Ich habe heute nichts mehr vor.



Alltag in Uganda: Fahrt durch Mbarara.


Der Bus durchquert ein Gebirge, draußen ist es schon dunkel geworden. Die Nacht ist pechschwarz. Die Straße macht scharfe Kurven, die den Fahrer aber nicht dazu verleiten, das Tempo zu drosseln. Ebenso wenig wie die eingeschränkte Sicht. Alle paar Hundert Meter wurden Bremsschwellen über den Asphalt gezogen, die uns schon den ganzen Tag begleiten. Seit Stunden drückt der Fahrer das Gaspedal nach jeder Schwelle voll durch, um vor der nächsten Schwelle abrupt abzubremsen. Mir erscheint das unsinnig, aber ich kann mich nicht darüber aufregen. Wo soll ich eigentlich schlafen?

EINE NACHT IN KABALE

Die letzte größere Stadt vor der Grenze ist Kabale. Wir erreichen den Ort gegen zehn Uhr. Straßenlaternen, Wohnhäuser und geschlossene Geschäfte, deren Fassaden aus der Dunkelheit lugen. Sieht nicht gerade einladend aus. Eine Durchreisestation für Fernfahrer, denke ich. Rechts der Straße sehe ich aus dem Bus heraus ein Schild mit der Aufschrift »Hotel«. Ich überlege nicht lange. Als der Wagen anhält, steige ich aus und laufe entlang der Straße zurück.

Im Erdgeschoss des Hotels befindet sich eine Bar. Dort sitzt ein halbes Dutzend Männer am Tresen, die alle schon ein halbes Dutzend leere Bierflaschen vor sich stehen haben. Sie schauen mich an. Mein Blick weiß nicht, wohin. Wo bin ich hier gelandet? In einer fremden Stadt bei Nacht mit einem Haufen angetrunkener Typen, deren Laune ich nicht beurteilen kann. Als wäre es das Gewöhnlichste der Welt, gehe ich auf den Barmann zu und frage nach einem Zimmer. Bloß nichts anmerken lassen. Und als wäre es das Gewöhnlichste der Welt, händigt der Barmann mir einen Schlüssel mit einer Nummer aus und weist mir den Weg zur Treppe in den ersten Stock. Die Nacht kostet acht Euro.

Das Hotel mit seinem Innenhof erinnert mich an ein Gefängnis. Schwer zu sagen, wer hier sonst absteigt, wer außerdem von meiner Ankunft erfahren hat. Jedenfalls vergewissere ich mich dreimal, dass das Vorhängeschloss an meiner Zimmertür verschlossen ist. Auf dem Bett breite ich meinen Schlafsack aus. Das Bad ist schmutzig, die Klobrille abgerissen. Zum Waschen steht ein Bottich bereit, aus der Wand kommt ein Wasserhahn. Zum Zähneputzen benutze ich Flaschenwasser. Ich habe nicht vor zu duschen.


Man hat schon besser übernachtet: Hotelzimmer in Kabale.


ÜBER DIE GRENZE

Am nächsten Morgen stehe ich um sieben Uhr auf, packe meine Sachen zusammen, zahle die Unterkunft und trete hinaus in einen hellen Morgen. Ich laufe die Straße entlang. Nach zwei Minuten hält neben mir ein Motorrad. Der Fahrer erkundigt sich, wohin ich wolle. Zur Grenze, sage ich. Sie liegt zwanzig Kilometer südlich der Stadt. Natürlich will der junge Mann mich fahren. Wir handeln einen Preis aus, und ich springe auf.

Motorradtaxis heißen in Uganda bodaboda, lerne ich von meinem Fahrer, was sich vom englischen Wort border für Grenze ableitet, weil Motorräder lange Zeit für grenzüberschreitenden Schmuggel nach Kenia eingesetzt wurden. In Kampala gibt es die Gruppe Bodaboda 2010, die ursprünglich einmal zur Unterstützung der Polizei ins Leben gerufen wurde, aber bald darauf anfing, die Leute zu drangsalieren – eine Art Schattenorganisation, gedeckt von der Regierung. Doch die ugandische Hauptstadt ist weit weg. Ich erreiche unbehelligt die Grenze.

Meine letzten Uganda-Schilling gebe ich einer Bettlerin. Es dauert nur ein paar Minuten, bis ich den Ausreisestempel habe. Dann rüber zum Gatuna Border Post. In der ruandischen Einreisestation warte ich länger, viel Trubel, dann bekomme ich mein Visa on arrival. Eine freundliche Beamtin durchsucht akribisch meinen großen Rucksack. Ruanda hat Plastiktüten komplett abgeschafft, die Einfuhr ist verboten. Ich muss eine Tüte abgeben, in der meine dreckigen Wanderschuhe stecken, und das fühlt sich für mich, den Ökosünder aus dem globalen Norden, absolut richtig an. »Of course, of course«, pflichte ich bei. Ein Reisebus nach Kigali steht bereit, weil im kleinen Ruanda alle Wege in die Hauptstadt führen.


Unterwegs im Norden Ruandas.


BEGEGNUNG MIT EINEM PRIESTER

Ruanda. Ein Wort, das fast schon synonym für Völkermord steht. Wer in weltpolitischen Diskussionen »Ruanda 94« raunt, löst zielsicher Grusel aus. Die jahrzehntelangen ethnischen Spannungen im Land gipfelten damals in der Ermordung von mindestens 800.000 Tutsi und gemäßigten Hutu binnen weniger Wochen. Man denkt natürlich daran, wenn man nach Ruanda einreist. Man kann nicht anders.

Mein erster Eindruck ist vollkommen banal: Hier gibt es keine Bremsschwellen auf der Straße – und trotzdem rast der Bus nicht. Auf den Straßen fährt kaum jemand zu schnell, man hält sich ans Tempolimit. Die Strafen sind empfindlich, erfahre ich, es wird streng kontrolliert. Draußen ziehen die Tee- und Kaffeeplantagen darum eher gemächlich vorbei. Wolken liegen auf grünen Bergen. Es regnet ein wenig.

Neben mir sitzt ein Mann aus Nairobi, wir kommen ins Gespräch. Früher sei er ein Gangster gewesen und habe ständig eine Waffe getragen. Heute sei er Pastor und leite ein Waisenhaus. »I used to rob people, now I rob souls for good.« Amen. Fällt einem so ein Satz spontan ein?

Wir tauschen Telefonnummern. Später wird mir der Kenianer schreiben und Fotos von den Kindern schicken. Und um eine Spende bitten. Ich antworte, dass ich wohl erst selbst nach Nairobi kommen müsse, vielleicht ergebe sich das irgendwann. Die Vom-Saulus-zum-Paulus-Geschichte ist natürlich stark. Ich will sie glauben.

Der Reisebus erreicht den Stadtverkehr von Kigali und schließlich einen Busbahnhof. »Bless you, my friend.« Yes man, bless you.


Erinnerungsfoto: der Reporter und der Priester.


SIGHTSEEING IN KIGALI

Ich nehme ein Taxi zu einem Hostel, das ich mir vorher herausgesucht habe. Es braucht ein paar Minuten, bis ich bemerke, was Kigali von anderen Großstädten in Ostafrika unterscheidet. Aber dann ist es offensichtlich: Nirgendwo liegt Müll herum. Stattdessen sieht man tadellose Blumenbeete. Die Bewohner machen jeden letzten Samstag im Monat gemeinsam die Stadt sauber, erklärt mir der Taxifahrer.

Das nennt sich umuganda (zu einem gemeinsamen Zweck zusammenkommen). Kehrtag. Wer nicht mitmacht, muss Strafe zahlen. Ein Programm, das auch Berlin gut täte, aber in der deutschen Hauptstadt würde eine solche Anordnung gleich einen Aufstand provozieren. Zwangsmaßnahme! Polizeistaat!

Ich bleibe einen Tag und eine Nacht in Kigali. Die Stadt wirkt beschaulich auf mich, geordnet, sicher. Langzeitpräsident Paul Kagame wird nachgesagt, das Land ausgesöhnt und für ein Wirtschaftswunder gesorgt zu haben. Dafür kommen Oppositionspolitiker manchmal unter ungeklärten Umständen ums Leben. Der geschätzte Herrscher lässt sich Kritik von Menschenrechtlern nicht gefallen. Ruanda gilt heute als »Schweiz Afrikas«, ein Vorzeigeland. Wer könnte abstreiten, dass hier einiges besser gemacht wurde als in anderen Staaten Ostafrikas? Ich, der Kurzzeit-Besucher, jedenfalls nicht.

Kigali erkunde ich mit Motorradtaxis. Die Fahrer haben immer noch einen zweiten Helm dabei. Ich mache Halt beim Inema Arts Center und schaue mir zeitgenössische Werke ruandischer Künstlerinnen und Künstler an. Ich besuche aber auch das Kigali Genocide Memorial, ein Museum für den Völkermord. Dort lerne ich, dass es die Belgier waren, die die Bevölkerung während der Kolonialzeit in Hutu und Tutsi einteilten. Die Begriffe markierten in der ruandischen Gesellschaft eigentlich sozioökonomische Unterschiede innerhalb der Clans. Die Europäer machten daraus »Rassen«. Und legten damit den Grundstein für einen grausamen Konflikt.


Der Präsident gibt die Richtung vor.


EINE BESONDERE PIZZA

In einem Einkaufszentrum lerne ich eine junge, ruandische Frau kennen. Wir verabreden uns abends in einer Pizzeria, die eine halbe Stunde zu Fuß von meinem Hostel entfernt in einem der besseren Viertel liegt. Ich laufe durch die warme Abendluft. Jolie erzählt von ihrem Studium, von Alltäglichkeiten, von der Familie. Ihr Vater sei im Krieg auf der Flucht verschollen, sie wisse nicht, wo er sei und ob er überhaupt noch lebe. Sie erwähnt diese Ungeheuerlichkeit beiläufig. Was sagt man dazu? Fast muss ich weinen, aber ich merke, wie unangemessen das wäre. Unser Gespräch ist ja heiter. Der Lebensweg dieser Frau ist mir so fremd, und doch sitzen wir einfach bei einer Pizza zusammen. Wahnsinn. Da ist so viel außerhalb meines kleinen Lebens.

Ein Klischee, das häufig stimmt: Am bedeutendsten auf Reisen sind die Begegnungen mit Menschen. Und der Freiraum, Ungeplantes entstehen zu lassen. Minibus statt Toyota. Diese Aneignung der Welt mit etwas abenteuerlichen Mitteln verschiebt die Welt im eigenen Kopf. Sie überwindet Denkschwellen, schärft die Empathie, löst Verspannungen im Gemüt.

Nach dem Abendessen spaziere mit Jolie durch das nächtliche Kigali, wir essen noch ein Eis. Dann trennen sich unsere Wege. »Was nice to meet you.« Und wie!

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