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    Ueli Steck (35) ist ein Schweizer Bergsteiger und zählt zu den besten Solo-Alpinisten der Welt. Er machte sich einen Namen durch spektakuläre Speed-Begehungen in den Alpen, etwa durch die Nordwände von Eiger, Matterhorn und Grandes Jorasses. Seit einiger Zeit klettert er im Alpinstil – also ohne Sherpas, Hochlager, Fixseile und Flaschensauerstoff – auf die höchsten Berge der Erde im Himalaya. Er bestieg den 8027 Meter hohen Shishapangma in Tibet allein in zehn Stunden über die Südwestwand. Zuletzt stand er auf dem Gipfel des Mount Everest, den er ebenfalls ohne zusätzlichen Sauerstoff erreichte. Auf der Outdoor-Messe in Friedrichshafen spricht der Ausnahmekletterer über das Risiko von Solo-Touren, den Massentourismus am Everest und wie es sich anfühlt, vollkommen alleine am Berg unterwegs zu sein.

    Grüß dich Ueli, hast du im Moment schon ein neues Projekt geplant?

    Ueli: »Ich habe immer Ideen und Projekte.«

    Etwas Konkretes?

    Ueli: »Ziemlich konkret. Aber schau mal, du musst über das sprechen, was du gemacht hast. Das ist ein Phänomen unserer Zeit, man spricht erst mal über alles. Es ist besser, etwas zu machen, etwas zu leisten, und dann darüber zu sprechen.«

    Dann lass uns über den Shishapangma reden. Du warst auf diesem Berg, dem viertzehnthöchsten Achttausender, während des Auf- und Abstiegs 22 Stunden vollkommen alleine. Kann man überhaupt jemanden, der so etwas noch nie gemacht hat, ansatzweise erklären, wie sich das anfühlt, dort oben unterwegs zu sein, in dieser Umgebung?

    Ueli: »Wenn du solo unterwegs bist, bist du durch nichts abgelenkt. Wenn man zu zweit ist, kann man sich immer wieder austauschen. Wenn du alleine bist, dann gibt es nur dich und den riesigen Berg. Du nimmst das alles wahr, du befasst dich mit den Gegebenheiten, was jetzt auf dich zukommt. Es ist klar, du musst auch damit umgehen können. Das ist ein Riesendruck, aber wenn du damit umgehen kannst, ist es eigentlich das Genialste, was du erleben kannst. Du fühlst den Berg viel stärker, als wenn du zweit unterwegs bist.«

    Wie kann man so lange konzentriert bleiben in dieser Höhe?

    Ueli: »Du musst ja nicht immer hundertprozentig fokussiert sein. Es gibt Passagen, wenn du über den Grat gehst, wo du dich gehen lassen kannst, wo du etwas weniger konzentriert bist, aber du bist immer mitten am Berg. Es gibt keine anderen Gedanken. Ich denke, das kannst du nur beim Solo-Gehen erleben.«

    Ist diese Eigenverantwortlichkeit das eigentlich Besondere an dem, was du machst?

    Ueli: »Man muss sich um nichts anderes kümmern, als um sich selbst und was man im Moment macht. Das ist schon etwas Schönes und Gutes.«

    Gibt es einen Berg, an dem du das besonders intensiv erlebt hast?

    Ueli: »Ich habe immer Mühe mit diesen Superlativen. Jede Begehung hat einen intensiven Moment. Der Shishapangma war sicher sehr intensiv. Das ist einfach ein one way ticket. Ab einem bestimmtem Moment kannst du einfach nicht mehr zurück, da weißt du, jetzt musst du über den Gipfel.«

    Du meinst, weil du – einmal in der Wand – nur noch über den Gipfel wieder herunterkommst?

    Ueli: »Genau. Irgendwann kommt der Moment, wo du nicht mehr zurückkommst, weil du zu wenig Material hast.«

    Kann man so etwas überhaupt nur beim Bergsteigen erleben oder auch in anderen Lebenssituationen?

    Ueli: »Ich habe extrem Mühe, wenn ich zu viele Sachen auf einmal mache, da gehe ich kaputt. Was ich sehr gut kann, ist mich auf eine Sache zu konzentrieren. Aber es ist viel schwieriger, in diesen Zustand reinzukommen im normalen Leben. Wenn du zu Hause am Computer sitzt, eine Arbeit schreiben musst, dann ist es schwieriger, dich voll auf diese Arbeit zu fokussieren, weil einfach viel mehr Faktoren da sind, die dich stören können. Das Telefon, Emails, was auch immer. Aber ich kann das gut, beim Buchschreiben geht mir das auch so. Ich fange morgens an, und auf einmal ist es Abend.«

    Vielleicht gehen deshalb so viele in die Berge, weil sie dort nicht tausend Dinge um die Ohren haben.

    Ueli: »Ich denke schon. Es ist dieses Abgrenzen, diese Einfachheit. In den Bergen ist ein warmer Schlafsack auf einmal Luxus. Das sind Dinge, die im normalen Alltagsleben selbstverständlich sind. Ich denke, das macht es schon aus.«

    Wenn sich jemand die Videoaufnahmen aus dem Helikopter von dir in der Eiger-Nordwand ansieht und sagt, dass das ungesichert einfach echt lebensmüde ist – was sagst du demjenigen?

    Ueli: »Diese Diskussion über Risiko habe ich so satt. Wir müssen ehrlich sagen: Diese Speed-Begehungen sind saugefährlich. Das kann man machen, und irgendwann muss man damit aufhören. Aber man kann nicht alles in denselben Topf werfen. Ich war jetzt auf der Zugspitze, da ist oben dieser Klettersteig. Wenn ich da ohne Seil hochgehe und ohne Sicherung, da gehe ich kein hohes Risiko ein, aber von außen sieht es gefährlich aus, weil ich nicht angebunden bin. Aber Risiko ist immer von dir persönlich abhängig. Zu was bist du fähig? Ich bin überzeugt, ich kann die Eiger-Nordwand klettern. Wenn ich das in fünf, sechs Stunden mache und gemütlich klettere, dann gehe ich ein kleineres Risiko ein als viele Seilschaften, die angebunden sind, die von außen sicherer aussehen.«

    Was reizt dich im Moment alpinistisch am meisten? Sind es die Alpinstil-Begehungen im Himalaya?

    Ueli: »Ja, ich konzentriere mich auf die hohen Berge. Ich habe das Wissen darüber aufgebaut, ich habe die Motivation, und da bleibe ich jetzt ein bisschen dabei.«

    Du hast in den Alpen mit Speed-Begehungen angefangen und das dann irgendwann auf Gipfel im Himalaya übertragen, zum Beispiel am Cholatse. Was bedeutet es, sich an die wirklich hohen Berge heranzutrauen?

    Ueli: »Für mich war es zu lernen, was die Höhe bedeutet. Wie reagiert dein Körper? Es ist einfach anders. Da musst du wieder kleine Schritte machen. Genauso baust du dir eigentlich dein ganzes Wissen auf im Leben. Du musst immer kleine Schritte nach vorne machen und dich in ein neues Feld vorwagen. Aber auch da: Du darfst nie das Gefühl haben, du bist gut. Du musst immer Schritt für Schritt machen.«

    Du musst bescheiden bleiben.

    Ueli: »Vor allem vorsichtig bleiben. Es heißt nicht, wenn du ein guter Kletterer in den Alpen bist, dass du ein guter Höhenbergsteiger bist. Das musst du dir auch zuerst erschaffen.«

    Du sprichst selbst vom »pushing the limits«. Wann ist damit Schluss?

    Ueli: »Irgendwann hast du die Motivation nicht mehr. Weißt du, das ist ja auch ein großer Aufwand. Das kann ich nicht beantworten, diese Frage, das wird sich ergeben.«

    Ist es nicht eine Gefahr des gesponsorten Profi-Bergsteigens, dass man als Kletterer immer die noch krassere Herausforderung sucht, die noch krassere Leistung bringen will?

    Ueli: »Das hängt von der Person ab. Du kannst dich selber unter Druck setzen. Es gibt junge, gesponsorte Kletterer, da musst du halt irgendwo Leistungen bringen. Irgendwann kannst du es gelassener angehen. Ich kann gut reden, ich bin in einer sehr komfortablen Lage. Ob ich noch etwas mache oder nicht, ändert eigentlich nichts mehr groß an meinem Sponsoring. Ich bin auch mittlerweile so weit: Wenn mich niemand mehr sponsort, dann ist mir das eigentlich egal. Ich habe meine Sachen gemacht, die ich wollte. Aber natürlich, als junger Mensch, wenn du diese Möglichkeiten hast, kann es schon einen Einfluss haben. Wo ich mehr das Problem sehe, ist das, was wir vorhin gesagt haben: Wenn du vorher schon Sachen kommunizierst, das gibt irgendwann Druck, das wird gefährlich. Darum ist es besser, wenn du dich da ein bisschen abgrenzt. Das ist wichtig: Dass du alles, was du machst, für dich machst und nicht für jemand anderes. Dann bist du erfolgreich.«

    Und dann kannst du darüber reden.

    Ueli: »Du musst auch das Potenzial sehen, ob es jemanden interessiert oder nicht. Die Shishapangma-Begehung, das interessiert fast niemanden, weil das auch niemand nachvollziehen kann. Dann gehst du über die Normalroute auf den Everest und die Leute rennen dir die Bude ein.«

    Du hast viele Medienanfragen bekommen, nachdem du im Mai dieses Jahres auf dem Gipfel des Everest warst, weil es dort kurz danach zu einem tödlichen Unglück gekommen war. Spiegel Online hat dich zum Beispiel interviewt. Ärgert dich dieser Aufmerksamkeitsreflex?

    Ueli: »Nein, für mich ist das kein Problem. Ich war nur überrascht, dass es so einen impact hat. Aber dann sage ich mir: Weißt du, was – das merke ich mir. Weil das ist ja auch mein Business, das nutze ich auch. Die Shishapangma, für mich ist das eine super Begehung, das ist etwas, das ich machen wollte, das geglückt hat, und wenn ich das nicht kommunizieren kann, es also niemanden interessiert, ist mir das eigentlich auch egal. Ich habs gemacht und für mich stimmt das. Du musst das so ein bisschen trennen: Business und Bergsteigen.«

    Der Bergsporttourismus am Everest ist in den vergangenen Monaten in die Kritik geraten. Der Vorwurf: Da gehen Leute hoch, die in dieser Höhe ohne einen Bergführer eigentlich nicht mehr klarkommen und damit eine Gefahr für sich und andere werden. Wie bewertest du das?

    Ueli: »Am Schluss muss jeder selbst entscheiden, wie er auf den Berg hoch will. Ich bin nicht gegen dieses kommerzielle Bergsteigen. Wenn du siehst, wie viele davon leben können, Einheimische, die sonst fast nichts zu essen hätten, musst du sagen: Das ist eine gute Sache. Der Rest – mit Sauerstoff, ohne Sauerstoff – das muss jeder selber entscheiden.«

    Das heißt, du machst es auf deine Art und der Rest interessiert dich nicht?

    Ueli: »Mit Sauerstoff hast du eigentlich gar nicht oben gestanden. Da warst du auf 6400 Metern. Aber es ist egal. Es hat nicht jeder den gleichen Anreiz da hochzugehen. Und dass es viele Leute sind, ist halt so. Der Berg gehört nicht mir, der gehört niemandem, und jeder kann gehen, wie er will. Wenn ich keine Lust habe in diesen Massen zu gehen, dann gibt es dreizehn andere Achttausender, wo praktisch keine Leute unterwegs sind.«

    Gibt es noch so etwas wie ungelöste Wandprobleme im Himalya? Zum Beispiel die Lothse-Südwand?

    Ueli: »Da ist schon jemand durchgestiegen.«

    Aber mit Fixseilen und Lagerketten, oder?

    Ueli: »Ja. Aber da gibt es noch Riesenherausforderungen. Es gibt noch so viel zu tun, da musst du nicht zum Everest, wo es 300 Leute am Berg hat.«

    Wenn man auf dem Niveau klettert wie du, ist man dann zwangsläufig ein Egoist?

    Ueli: »Überall, wo du etwas erreichen willst, musst du ein bisschen egoistisch sein und deine Ziele verfolgen. Ich denke, ein gesunder Egoismus ist auch gar nicht so schlecht. Sonst erreichst du nichts im Leben.«

    Kennst du deine Grenzen?

    Ueli: »Ich denke schon. Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch, darum weiß ich sehr gut, wo ich stehe im Leben. Ich bin sehr bodenständig und realistisch.«

    Und was ist mit so einer Geschichte wie an der Annapurna, wo dir ein Felsbrocken den Helm zertrümmert hat und du 200 Meter abgestürzt bist?

    Ueli: »Das kann einfach passieren, das ist das Restrisiko, das du eingehst. Das kann dir überall passieren, das musst du einfach akzeptieren.«

    Ueli, vielen Dank für das Gespräch.

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  • Wenn die Isolation des Individuums in der Ferne nicht mehr als Einsamkeit empfunden wird, sondern als wohliges Gefühl des Aufgehoben-Seins in der Welt, dann wird das Reisen zu einer beflügelnden Tätigkeit. Mit der Sprache, die verheddert war, kommt die Unbefangenheit zurück. Die Geschichte, die ihren Faden verloren hatte, kann weitererzählt werden.

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