Libanon

In Beirut lassen sich die Narben des libanesischen Bürgerkriegs besichtigen: am zerschossenen Holiday Inn, am Platz der Märtyrer, in Downtown. Eine Reise in ein Land, in dem der Frieden immer nur kurz zu Besuch ist.

Beirut — Man erkennt sie schon im Flugzeug, die libanesische Oberschicht, die blasierten Frauen, die Jacken mit Pelzkragen tragen und manchmal – weniger stilsicher – der Mode des Westens nachempfundene Moonboots, dazu aber immerhin teuren Schmuck. Was auffällt: Die Kinder der reichen Leute dürfen lärmen und toben, wie sie wollen. Ich trinke einen Rotwein, obwohl ich eigentlich gar nicht müde werden möchte. Über der Levante wird es Nacht.

Was weiß man vom Libanon? Ich denke leider gleich an die Hisbollah, die im Libanon als anerkannte Partei im Parlament sitzt und von den USA als Terrororganisation eingestuft wird. Zu der Zeit, als ich in das Land am Mittelmeer fliege, vor fünf Monaten, hat sich die Hisbollah noch nicht in den syrischen Bürgerkrieg eingemischt. Es herrscht, so werden es mir später viele Menschen im Libanon erklären, eine fragile Ruhe vor dem Sturm.

Ohnehin, der Reisende wähnt sich erst einmal auf der Suche nach dem kosmopoliten, hippen Beirut, dem Sündenpfuhl dieser »Schweiz des Nahen Ostens«, den CNN vor einigen Jahren als die »beste Partystadt der Welt« bezeichnet hat. »Paris des Nahen Ostens«, das liest man auch überall, so wurde Beirut genannt, bevor der unüberschaubare Irrsinn des libanesischen Bürgerkriegs ausbrach, 1975 war das.

Als ich das Flugzeug verlasse, weht eine sanfte Brise vom Mittelmeer herüber wie warme Zugluft. Ich feilsche mit einem Taxifahrer um den Preis, die Strecke führt durch die südlichen, schiitischen Vororte Beiruts bis nach Hamra im Nordwesten der Stadt. Ockergraue Wohnblöcke ragen in die Dunkelheit, erleuchtetet in fahlem Orange, überall Kabel zwischen den Häusern, Palmen und Plakate, die Hassan Nasrallah zeigen, diesen, man könnte sagen, sehr motivierten Anführer der Hisbollah, der vier Monate nach meiner Reise zum Kampf gegen die Feinde Baschar al-Assads aufrufen wird, der die Hisbollah also endgültig zur aktiven Kriegspartei in Syrien macht.

»Tourism in Lebanon went down 60 percent«, erklärt mir der Taxifahrer, das hänge natürlich mit dem syrischen Bürgerkrieg zusammen. Später werde ich Zahlen hören, die deutlich höher sind: 70 Prozent, 85 Prozent. Man weiß es nicht genau. Was schon beim ersten Gespräch mit dem ersten Libanesen klar wird: Das Schicksal des Libanons ist untrennbar mit dem Schicksal Syriens verknüpft. »The appartements at the coast are mostly owned by Syrians«, sagt der Taxifahrer. Viele reiche Syrer haben ihr Geld in die Luxuswohnungen an der corniche angelegt. »Now many Syrians come because they are tired of the war.« Der Bürgerkrieg in Syrien dauert schon zwei Jahre, nach allem, was man liest, wird er eher unübersichtlicher, gefährlicher, brutaler.

Draußen rauscht das nächtliche Beirut vorbei, das erst einmal nicht viel von sich verrät. Man kann sich nur schwer vorstellen, wie das ausgesehen haben muss, als die israelische Luftwaffe 2006 während des zweiten Libanon-Kriegs die südlichen Vororte Beiruts bombardiert hat und Raketen den Himmel erleuchteten. Die Hisbollah-Miliz hatte zwei israelische Soldaten entführt, die Vergeltungsoffensive war so heftig, dass selbst Nasrallah später erklärte, dass die Entführung nie stattgefunden hätte, wenn das Ausmaß des Gegenschlags bekannt gewesen wäre.

An diesem Samstagabend sehen viele Stadtteile auf den ersten Blick verlassen aus: düstere Reklame, kleine Geschäfte, hell erleuchtete Banken, streunende Hunde. Spätestens im Vergnügungsviertel Hamra ist es mit der Ruhe vorbei, wir zuckeln langsam durch den dichten Verkehr, irgendwann steige ich aus und gehe die letzten Meter zu Fuß.

Ich habe ein Zimmer im Grand Hotel Beirut reserviert, von außen ein seelenloser Kasten. Im Eingangsbereich stehen schlechte Nachbauten hellenistischer Statuen, Gold blättert ab vom Geländer der breiten Treppe, in der Lobby stehen schwere Sitzmöbel. Der adrett angezogene Hotelier wacht einsam im Dämmerlicht hinter der Rezeption.

Mein Kontakt in Beirut ist eine französischen Journalistin, die Freundin eines Freundes aus Paris, sie heißt Anaïs. Mein Handy funktioniert leider nicht. Ich rufe Anaïs von der Rezeption aus an, für drei Dollar die Minute. Die Anweisung: Komm nach Furn el Chebakk zum Hawa Chicken. Mehr Informationen sind nicht zu bekommen, man werde mich dort abholen. Ich bringe kurz mein Gepäck auf das Zimmer, kurz nach Mitternacht stehe ich unten auf der Straße.

Die Fahrt mit dem Taxi dauert eine knappe halbe Stunde, der Fahrer und ich sprechen kaum, weil der Mann nur Arabisch versteht. Ich sage ihm tatsächlich einfach »Furn el Chebakk, Hawa Chicken« und hoffe, dass die Aussprache das Gesagte nicht folgenschwer verzerrt. Das libanesische Arabisch sei sehr weich, erklärt mir später ein Jordanier in einer Bar in Gemmayzeh, es klinge für viele andere Araber, nun ja, very gay.

Furn el Chebbak ist ein Stadtteil im Südosten Beiruts, der Taxifahrer hat nicht nachgefragt, und tatsächlich taucht irgendwann an der Straßenseite eine geschlossene Filiale der Imbisskette Hawa Chicken auf. Leider sehe ich niemanden, der hier auf mich gewartet haben könnte. Ich bitte den Verkäufer eines kleinen Geschäfts um ein Telefonat, mein Handy funktioniert wie gesagt nicht, und rufe Anaïs an. Offensichtlich bin ich beim falschen Hawa Chicken, aber der Stadteil stimmt.

Ich laufe also eine verlassene, einsame Straße entlang zu einer anderen Filiale, an der wir auf der Hinfahrt mit dem Taxi vorbeigekommen sind. Es ist einigermaßen menschenleer und ganz kurz etwas beängstigend, wie ich hier als Ortsfremder spät in der Nacht durch Beirut laufe und wirklich von Nichts eine Ahnung habe. Am richtigen Hawa Chicken halten dann aber zum Glück zwei Autos, und mehrere junge Menschen steigen aus, darunter Anaïs. Kurze Vorstellungsrunde, »How was the flight?«, Alexis in Paris gehe es gut, alle haben natürlich Lust zu feiern.

Wir fahren mit den Autos und einigen Bierflaschen weiter, es soll zu einem kleinen Electroclub gehen, in dem irritierenderweise ein zotteliger Dreadlock-DJ aus Marburg auflegt. Hier tanzt die weniger reiche, etwas abgedrehte Beiruter Jugend heftig im Stroboskop, ein Mädchen trägt einen pinken durchsichtigen Rock und Leoparden-Leggins, sie sieht aus wie eine Fee, nur der Zauberstab fehlt.

»If you want a Lebanese girl, you need two things, time and money«, erklärt mir eine junge Libanesin, die damit ganz offensichtlich nicht sich selbst meint. »Lebanese people make party like there is no tomorrow«, sagt sie, aber das ist keine Phrase. Nachdem es in meinem Kopf ein bisschen gearbeitet hat, erscheint mir ihre Aussage völlig einleuchtend: Nach 15 Jahren Bürgerkrieg, nach der De-Facto-Besetzung durch Syrien ab 1990 und der Zedernrevolution 2005, die durch die Ermordung von Premierminister Rafiq al-Hariri angestoßen wurde, nach dem Angriff Israels ein Jahr später, nach all dieser irrationalen Gewalt also feiern die Libanesen tatsächlich mit dem Grundgefühl, dass morgen alles vorbei sein könnte.

Blöde Frage, aber: Wie feiert eigentlich der junge deutsche Mittzwanziger? Was ist – wenn man das so sagen kann – sein nationales Grundgefühl? Er hat die Geschichte des langen Aufstiegs und Wohlstands im Rücken, der krampfhaft verteidigt wird, und vielleicht streift ihn in Zeiten dieser ungreifbaren Fundamentalkrise eine düstere Vorahnung, dass es damit tatsächlich einmal vorbei sein könnte, und er fragt sich, ob er diesen verdammten Gin Tonic für sieben Euro kaufen oder doch lieber noch mehr arbeiten, sich weiter qualifizieren, endlich einmal »privat vorsorgen« soll. Das ist natürlich eine ganz andere Problemlage hier, das leuchtet sofort ein.

An diesem Abend halte ich es eher libanesisch, ich trinke viel Bier und Wodka-Irgendwas, weil die Wirkung des Alkohols aus dem Flugzeug schon wieder verflogen war, als ich das Hotel erreichte. Vielleicht schluckt die Aufregung des ersten Blicks auf die nicht zu fassende Stadt gleich die Trunkenheit und macht den Kopf schlagartig klar.

Die fatalistische Ausgelassenheit der Libanesen springt auf mich über, ich tanze, als ob es das letzte Mal sein könnte, und begreife natürlich doch nicht, wie das sein muss: Feiern im Angesicht eines großen Sturms. Ein paar Wochen nach meiner Reise schlägt die erste Rakete in Süd-Beirut ein, im Schiiten-Vorort Bir al-Abed detoniert eine Autobombe, das fragile Gleichgewicht, so sagen es die schlauen Beobachter, droht zu kippen. Heute Nacht fallen keine Bomben auf Beirut.

Kurz vor Morgengrauen fängt es an zu regnen. Mahmoud, obwohl schwer betrunken, fährt uns souverän mit seinem alten Kombi hinauf nach Hamra, die Reifen des Wagens zerteilen die Pfützen auf den einsamen Straßen. Anaïs, Mahmoud und ich essen Schawarma an einer kleinen Bude, dann laufe ich zum Hotel. Von meinem Zimmer im vierzehnten Stock schaue ich auf die schweren grauen Wolken über dem abgewetzten Häusergewirr. Rechts schimmert blass das Mittelmeer im Dunst. Die aufgehende Sonne brennt den Regen aus der Stadt und lässt warmen Dampf aufsteigen. Meine erste Nacht in Beirut endet um 6 Uhr morgens, eigentlich möchte ich noch nicht schlafen gehen.


West-Beirut


Am nächsten Tag treffe ich Ronny von der American University Beirut, der aussieht, als käme er aus Kalifornien, aber tatsächlich Libanese ist. Ronny organisiert Stadtführungen zu Fuß. Noch ein paar andere Touristen haben sich vor dem Universitätsgebäude in Hamra versammelt, das Wetter ist sonnig.

Ronny zeigt uns die alten Stadtvillen West-Beiruts, die heute oft verfallen sind. Es handelt sich dann meist um old rents, Verträge aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg, vor der Inflation, die heute praktisch nichts mehr wert sind. Darum investieren die Besitzer nicht mehr in die Häuser und versuchen, die Bewohner mit Mafia-Methoden zu vertreiben. Sie sabotieren Wasserleitungen, den Strom. Manchmal liegt plötzlich ein totes Tier im Hof. Um viele verfallene Häuser gibt es Familienstreitigkeiten, weil die Grundstücke oft Millionen wert sind. Eine Familie, die vor dem Bürgerkrieg geflüchtet ist, wurde von wohlhabenden Interessenten mit einer Kreuzfahrt und einem teuren Hotel bestochen, nur um zurück in den Libanon zu kommen und ihr Grundstück zu verkaufen.


West-Beirut
West-Beirut
West-Beirut


Unsere Gruppe bewegt sich etwas schreckhaft durch den Verkehr. Wir halten vor der Ruine des ehemaligen Holiday Inn Beirut. Das Hochhaus überragt die Stadt wie ein Gerippe, Bäume wachsen im Innern, Einschusslöcher von Raketenwerfern verteilen sich über die Fassade. Die libanesische Armee lagert Waffen und Munition in dem alten Hotel. Das damals größte Holiday Inn des Nahen Ostens hatte zwischen 1974 und 1975 nur ein Jahr geöffnet, ganz oben war die Sky Bar, dann brachen die Kämpfe aus, und alles wurde geplündert. »The worst advertisement in the world«, sagt Ronny und grüßt die Soldaten, die in voller Montur vor der Zufahrt Wache schieben.

Die Geschichte des libanesischen Bürgerkriegs lässt sich im Prinzip anhand des Holiday Inns erzählen, denn es stand nicht weit entfernt von der green line, der Demarkationslinie, die Ost- und West-Beirut 15 Jahre trennte. In den ersten zwei Jahren des Krieges besetzten verschiedene Milizen das Holiday Inn, einen strategisch wichtigen Punkt. Die oberen Etagen boten Scharfschützen hervorragende Aussicht. In der Downtown tobte die battle of the hotels. Die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO), die 1970 unter Jassir Arafat nach Beirut gekommen war, kontrollierte das Gebäude nur zwei Monate, dann übernahmen Milizen aus Ost-Beirut den Komplex.

Als sich die Isrealis 1978 nach einer Militäroffensive wieder aus dem Libanon zurückzogen, verkündete der starrsinnige Arafat vor dem Hotel den Sieg über die Erbfeinde aus dem Süden und gleich auch über Ost-Beirut. Vier Jahre später entging der israelische Botschafter in London nur knapp dem Attentat einer PLO-Splittergruppe, die Botschaft in Paris wurde attackiert, ein Diplomat auf offener Straße erschossen. Die Toleranzgrenze war überschritten, Israel begann mit der Operation »Frieden für Galiläa« und besetzte Beirut. Arafat und die PLO flohen endgültig aus dem Land nach Tunis. Den Sieg über die Palästinenser erklärte Ariel Sharon – wieder einmal – vor dem alten Hotel.

Als Israel ging, fiel der Libanon wieder ins Chaos. Die Machtkämpfe unter den militanten muslimischen Gruppierungen eskalierten, bis 1990 herrschte ein weitgehend anarchischer Zustand der Instabilität. Syrien übernahm die Ruine bis zur Zedernrevolution 2005, heute gehört die symbolträchtige Immobilie dem Emir von Kuweit.


Holiday Inn Beirut


Downtown-Beirut wird immer noch aufgebaut, Kräne überragen die Stadt. Die Narben des Bürgerkriegs sind überall sichtbar, viele sind schlecht verwachsen, manche Wunde liegt noch offen. Die Sicherheitslage kann man nur mit viel Wohlwollen als entspannt bezeichnen. Soldaten patroullieren. Der Palast des Premierministers hat raketensichere Fenster. Der nie fertiggestellte Murr Tower ist so etwas wie das Gegenstück zum Holiday Inn, ebenfalls ein ausgezeichneter Ort für Scharfschützen, die sich in dieser Konstellation gegenseitig ins Visier nehmen konnten.

Wir betreten ein Viertel, das von Soldaten mit Sturmgewehren bewacht wird. Das Bauunternehmen Solidaire hat die zerstörten Häuser wieder aufgebaut. Niemand wohnte mehr dort, als der Krieg vorbei war, und niemand, so erfahren wir, wohnt heute hier. Die meisten Gebäude gehörten damals libanesischen Juden, viele haben eine Kompensation angenommen. Die neuen Luxusimmobilien warten noch auf Käufer.

Mitten in dem Geisterviertel steht eine Synagoge. Über dem Fenster ist ein Davidstern in den Stein gehauen, Tora-Schriftrollen mit hebräischen Schriftzeichen verzieren das Dach, ein ungewohnter Anblick an diesem Ort. Ronny erzählt von »Lisa the Jew«, der letzten libanesischen Jüdin, die es in Beirut ausgehalten hat. Sie behauptete stets, Ariel Sharon eine Ohrfeige gegeben zu haben, als dieser nach Beirut kam, aber das sei wohl auf jeden Fall geflunkert gewesen. »She wanted to be a celebrity«, sagt Ronny. Heute gibt es keine Juden mehr in der Stadt, die meisten leben in Paris und Montreal.

Der Place de l’Etoile vor dem Parlamentsgebäude erscheint dem Besucher wie der sicherste Ort der Stadt, was gleichzeitig beunruhigend ist: Aus Angst vor Autobomben ist das ganze Gebiet nämlich durch Straßensperren abgeriegelt. Mitten auf dem Platz steht ein Turm mit einer Uhr: sponsored by Rolex. Kinder fahren mit Plastikautos über das Pflaster und toben, Mütter und Väter haben sich lässig in den Cafés niedergelassen. Irgendjemand pustet Seifenblasen durch die Luft.

Ich esse eine vorzügliche Süßspeise, dessen Namen ich mir leider nicht aufschreibe, und trinke arabischen Kaffee. Gegenüber sitzt eine Familie vom Golf, wahrscheinlich Sunniten. Der Sohn fuchtelt mit seinem Smartphone herum, der Vater trägt einen langen Bart. Die Frau hebt das Gewand vor ihrem Mund mit der linken Hand bei jedem Bissen hoch, damit sie etwas essen kann.


Beirut Downtown
Beirut Place de l'Etoile
Beirut Downtown
Beirut Place de l'Etoile
Beirut Place de l'Etoile


Ronny kann nur über dieses Parlament lachen, das passenderweise vollkommen unscheinbar wirkt. »It is totally dysfunctional.« Keinen Monat, nach dem ich den Libanon verlassen habe, löst sich die Regierung von Ministerpräsident Nadschib Miqati im Streit um ein neues Wahlgesetz auf. Der sunnitische Nachfolger hat bis heute kein neues Kabinett aufstellen können. Die Abgeordneten haben ihre Amtszeit einfach bis Ende 2014 verlängert, zum ersten Mal seit Ende des Bürgerkriegs.

Der Abend bricht herein am Martyrs’ Square, dem Platz des Aufstands, der einmal der kosmopolitischste Ort Beiruts war. Im Bürgerkrieg wurde er natürlich komplett zerstört, das Gelände liegt brach. Die Statue der libanesischen Nationalisten aus dem Ersten Weltkrieg steht einsam in der Dämmerung. Die Gesichter scheinen flehend in den Himmel zu schauen, von Einschusslöchern übersät. Hinter dem Platz leuchtet die Al-Hamim-Moschee in die Dunkelheit. Das alte Opernhaus ist heute ein Virgin Mega Store.

Als 2005 Premierminister al-Hariri ermordet wurde, kamen die Menschen auf dem Martyrs’ Square zu Großdemonstrationen gegen die syrischen Besatzer zusammen. Am 14. März standen hier eine Million Menschen und skandierten »horriyeh, siyadeh, istiqlal«: Freiheit, Souveränität, Unabhängigkeit. Syrien musste das Land verlassen.

Der große Nachbar habe sich immer schon als Schutzmacht aufgeführt, erklärt Ronny. Der wortgewandte Libanese wird nachdenklich, da ist es schon komplett finster. »Normally, the region becomes unstable because of Lebanon«, sagt er. »This time the region falls apart and Lebanon is stable.« Das sei doch irgendwie ziemlich verrückt, vielleicht ein bisschen zu sehr. Wer weiß, was noch passieren wird?


Martyrs' Square
Martyrs' Square
Al-Hamim-Moschee
Martyrs' Square



0 Facebook Twitter Google + Pinterest

Libanon, Teil zwei. Eine Fahrt zu der antiken Stadt Byblos und in die Beeka-Ebene zu den Ruinen von Baalbek, wo der Schatten des syrischen Bürgerkriegs über die schneebedeckten Berge fällt.

Beirut — Ich erwache in diesem alten, leicht verrauchten, vollkommen aus der Zeit gefallenen Hotelzimmer in Hamra. Elf Stockwerke tiefer ist die Stadt schon wühlig und laut. Das Mittelmeer glitzert gleißend-weiß. Beirut ist, wie viele Städte, die einen auf unerklärliche Weise anziehen, erst einmal nicht schön.

Was habe ich vom Libanon gedacht, bevor ich hier angekommen bin? Ein Krisenherd, ein Chaosstaat, aufgeladen und aufgehitzt, und das stimmt schließlich auch. Aber natürlich ist doch alles ganz anders. Das Bild, das man sich zu Hause von einem Land macht, ist immer die komplette Verzerrung. Ich hatte gefürchtet, mich durch Beirut wie ein schattenhafter Geist bewegen zu müssen, mehr als ein geduldeter denn willkommener Besucher, skeptisch beäugt von ruhelosen Augen stämmiger Araber mit hitzköpfigem Temperament. Was für ein Unsinn. Ich bewege mich seit zwei Tagen völlig unbeschwert durch Beirut. Jetzt bin ich neugierig auf das Land geworden.

Eine deutsche Austauschstudentin versichert mir bei einer Wasserpfeife in Gemmayzeh, dass man sich bis auf wenige Ausnahmen völlig frei im Libanon bewegen könne. Wie gesagt, ich habe die Gemengelage wegen des Bürgerkriegs im Nachbarstaat falsch eingeschätzt. Lediglich in Tripoli kommt es schon im Februar, während ich das Land bereise, immer wieder zu Kämpfen. Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass der Zedernstaat in den syrischen Konflikt hineingezogen werden könnte. Aber noch ist es weitgehend ruhig.

Am nächsten Tag fahre ich vom Busbahnhof Charles-Helous im Osten Beiruts nach Byblos. Ich will mir die antike 8000 Jahre alte Stadt anschauen. Oder zumindest das, was noch übrig geblieben ist aus den Jahrhunderten ihrer wechselvollen Geschichte.

Der Verkehr aus der Stadt nach Norden heraus, entlang der Küste, bewegt sich nur schleppend. Beirut wird immer mehr Vorstadt, aber wir verlassen bis Byblos nie die Urbanität. Ich lasse mich irgendwo an der Hauptstraße aus dem Bus werfen und frage mich durch bis zu den Ruinen am Meer, die natürlich jeder kennt.


BabylosBabylosBabylosBabylos


Byblos war eigentlich, in besseren Tagen, ein touristischer Hotspot auf den Rundreisen der Orientspezialisten. Es ist eine der ältesten Städte der Welt. Man hat dort Relikte aus der Jungsteinzeit gefunden. 6000 Jahre vor Christi Geburt ließen sich an diesem Ort die ersten Fischer nieder. In der Bronzezeit verkauften die Bewohner Zedernholz nach Ägypten, sie kauften Edelsteine aus Mesopotamien, Metalle aus Anatolien, Leinen, Getreide und Papyrus aus dem Niltal und Gold aus Nubien. Byblos war eine wohlhabende Handelsstadt. In der Eisenzeit kamen die Perser, dann natürlich Alexander der Große, und schließlich die Römer und brachten das Christentum übers Meer in die Levante.

An diesem Tag ist niemand hier, der sich dafür interessieren könnte.

Die Gassen um die Unesco-Welterbestätte sind verlassen. Die Souvenirverkäufer mit all ihren Tassen, Münzen und Wimpeln sitzen gelangweilt in den Verkaufsräumen und rauchen. Wegen des Bürgerkriegs in Syrien bleiben die Besucher aus, erklärt ein Händler und bereitet mir einen Tee zu, damit ich kein überteuertes Flaschenwasser kaufen muss. Sein Sohn Elie will jetzt ein bisschen was über diesen Gast aus Deutschland wissen.

Als er hört, dass ich Journalist bin, erzählt er, dass er auch gerne schreiben würde, aber das sei im Libanon nicht möglich. Irgendwem würde man immer auf die Füße treten. Die Presse sei nicht frei. »If I write something wrong, they will come to my door and shoot me.« Mag sein, dass sich der Junge etwas zu wichtig nimmt, aber Autobomben und Attentate haben im Libanon eine gewisse Tradition.

Der junge Libanese erklärt, es werde niemals Frieden geben im Nahen Osten. »They like guns more than peace. They are thirsty for guns.«

Dann erklärt Elie, Adolf Hitler sei der größte politische Führer aller Zeiten gewesen – eine Einschätzung, die man im arabischen Raum häufiger zu hören bekommt und die auf einen Deutschen immer besonders absurd wirkt. Natürlich, das mit den Juden sei irgendwo nicht in Ordnung gewesen, aber wie Hitler aus Deutschland eine Großmacht gemacht habe, nach dem Ersten Weltkrieg, nach Versailles, dafür müsse man ihm den allergrößten Respekt aussprechen.

Der Libanon selbst als multikonfessioneller Staat war nie wirklich stabil. Auch wenn der 15 Jahre währende Bürgerkrieg oft als Religionskonflikt missverstanden wurde, kämpfte eigentlich »jeder gegen jeden«. Das ist soweit historischer Konsens. 1943 wurde das Land unabhängig von Frankreich. Die Verfassung sah vor, dass der Staatspräsident ein Christ, der Ministerpräsident ein Sunnit und der Parlamentspräsident ein schiitischer Muslim sein sollte, um die damalige ethnisch-konfessionelle Bevölkerungsverteilung angemessen zu repräsentieren. Bis heute hat sie sich deutlich verändert.

Byblos ist ein Ort, an dem sich alle Erdzeiten aufeinander stapeln. Die Ruinen leuchten optimistisch im spärlichen Sonnenlicht, während die Skyline von Beirut am Horizont hinter dem Meer in Dunst gehüllt ist. In dem menschenleeren Museum auf dem Besichtigungsgelände kann man sich alte Keile, Speerspitzen, Becher und Schalen anschauen, die in Glaskästen fein säuberlich beschriftet und aufbereitet wurden.

Ebenso verlassen wie die Ruinen ist der kleine Hafen von Byblos. Bei Pepe’s Fishing Club sieht man keine ausländischen Gäste, dabei wirbt das Empfangsschild mit einem »Rendez-vous des personnalites internationales«. Das Restaurant war einmal ein Treffpunkt des internationalen Jetsets, noch vor dem Bürgerkrieg, der 1970 ausbrach, unfassbar lange ist das her. Besitzer Youssef Gergi Abed, der Pepé Abed genannt wurde, war ein Unternehmer-Tycoon mit dem Sinn für das feine Leben. Ein Gunter Sachs des Nahen Ostens. Zu den Gästen des fishing club gehörten damals zum Beispiel die schwedische Schauspielerin Anita Ekberg, der tschechische Präsident Václav Havel und der libanesische Staatschef Camille Chamoun selbst.

Auf dem Schild steht als letzte Zeile »la tradition continue…«, aber der Himmel ist nur trüb und grau. Ein paar unspektakuläre Boote liegen im Hafen. Man möchte hier jetzt nicht einmal einen Kaffee trinken.


Pepe Fishing ClubPepe Fishing ClubPepe Fishing Club


Ich lerne einen jungen Libanesen namens Kevin kennen, der früher einmal Schiit war und anders hieß. Er wohnt in einem kleineren Ort in der Beeka-Ebene und hat zwei serbische Couchsurfer zu Besuch. Wir beschließen, uns gemeinsam die Tropfsteingrotten von Jeita anzuschauen und nehmen ein Taxi. Der Libanon ist ein kleines Land. Man muss nie lange fahren, um von einem Ort zum anderen zu kommen.

Der Wagen kurvt hinauf in die Berge. Wir verlassen das Taxi und müssen noch einmal mit einer Seilbahn weiter in die Schlucht hineinfahren, um in die Grotten zu kommen. In der Höhle herrscht striktes Fotografieverbot. Mindestens sechs Aufpasser laufen herum und lassen die Besucher nicht aus den Augen. Miljan lässt sich beim Fotografieren erwischen und muss alle Fotos löschen. Es ist überhaupt ein Wunder, dass ihm die Kamera nicht gleich abgenommen wird, vollkommen lächerlich.


Jeita


Die Sonne steht schon tief, als wir weiter nach Jounieh fahren. Dort führt wieder eine Seilbahn auf einen Berg. Oben befindet sich eine maronitisch-christliche Pilgerstätte mit einer Kapelle und einer Statue der Jungfrau Maria, der Nôtre Dame du Liban. Ein Weg umkreist den Koloss und führt auf seine Spitze.

Über Beirut und dem Mittelmeer senkt sich mittlerweile die Sonne. Die bewaldeten Berghänge hinter der Stadt und die griechisch-katholische Basilika St. Paul werden in ein weiches Licht getaucht, das absolut computersimuliert aussieht. Es ist Nacht, als wir in Richtung Innenstadt aufbrechen.


JouniehJouniehJounieh


Zurück in Beirut, Flanieren in Hamra. Was ist das eigentlich für eine Stadt?

Aufgemotzte SUVs mit laut aufgedrehter arabischer Popmusik schleichen über den Asphalt, Ellenbogen lehnen aus den Fenstern. Ich sehe die Pflaster auf den Nasen der jungen libanesischen Frauen, die Luxusboutiquen der Downtown, Hermés und Gucci und Versace, wirklich jedes Label ist hier vertreten. Direkt neben dem Platz der Märtyrer, an diesem Ort der Revolution, der Hoffnungen und Ängste, steht ein gelber Ferrari F458 Spider im Schaufenster. Das halb abgerissene Plakat einer Immobilienfirma wirbt für »incomparable Beirut« als »the place where people go to enjoy life to the fullest«. Überall Baukräne und Geld, das wieder vermehrt die reichen Syrer anzieht, die keine Lust mehr auf den Bürgerkrieg haben. Beirut ist natürlich schizophren. In Hamra gibt es überall Restaurants im Stil amerikanischer diner. Man braucht nie aufhören, einen Kaffee zu trinken: Costa Coffee, The Coffee Bean & Tea Leaf, Hamra Coffee, Gloria Jean’s Coffee, überhaupt die Cafélattesierung der internationalen Metropolen, ein Lifestyle des Westens.

Beirut wirkt so, als wollte sich das Land durch Konsum aus allen Zerwürfnissen retten. Ich komme mir vor, als wäre ich in das Auge eines Sturms gereist, in ein Zeitloch fragiler Stabilität. Im Palast wird noch gezecht, doch vor den Toren hat der Mob schon zu den Sturmgewehren gegriffen.

In den Monaten nach meinem Aufenthalt im Libanon nehmen die Gewaltausbrüche zu: Raketen schlagen in der Beeka-Ebene ein. Die Armee liefert sich Kämpfe mit einem Salafisten-Scheich in Sidon. Syrische Kampfflugzeuge fliegen mehrfach Einsätze auf libanesischem Staatsgebiet. Durch eine Autobombe in einem schiitischen Hisbollah-Vorort von Beirut kommen 24 Menschen ums Leben. In Tripoli zünden Attentäter vor sunnitischen Moscheen zwei Bomben, 29 Menschen sterben, 500 werden verletzt. Der deutsche Außenminister warnt kraft- und machtlos vor einem »Flächenbrand«. Die EU setzt den militanten Arm der Hisbollah, der nach dem Bürgerkrieg per UN-Resolution 1559 eigentlich hätte entwaffnet werden sollen, auf ihre Terrorliste.


BeirutBeirut CornicheBeirut Downtown


Am letzten Tag will ich nach Baalbek fahren, obwohl das Auswärtige Amt eindringlich vor Reisen in die Beeka-Ebene warnt. Ich habe mittlerweile mit vielen Menschen im Libanon gesprochen, und alle haben mir gesagt, dass es dort sicher sei.

Der Bus verlässt Beirut und schraubt sich die Straßen ins Gebirge hinauf. Der junge Libanese neben mir erzählt, vor drei Wochen hätten hier noch drei Meter Schnee gelegen. Er will mich sofort bei Facebook als Freund hinzufügen, dort nennt er sich »Miles To Go«. Auf der Fahrt über die Berge muss ich an einem check point nur einmal meinen Reisepass vorzeigen. Dann blicke ich irgendwann herunter in das weit ausgeschnittene Hochtal.

Man bekommt ein Gefühl dafür, wie es zum Beispiel im Pamir aussehen könnte, obwohl es dort natürlich noch viel trockener ist als in der fruchtbaren Beeka-Ebene. Aber dieser Landstrich wirkt viel arabischer als die Küste. Es gibt mehr voll verschleierte Frauen, die Häuser sind einfacher, keine westlichen Imbissbuden und Restaurants und sowieso überhaupt keine Touristen aus dem Westen. Alles ist kärglicher und dörflicher. Baalbek liegt zehn Kilometer entfernt von der syrischen Grenze. Die Bergketten am Horizont tragen feine Schneekuppen.

Ich besuche die alten römischen Kultstätten, die Ruine und den Hexogonalhof des Jupiter-Tempels aus der Zeit des Kaisers Nero und den gewaltigen Bacchus-Tempel, der ohne Mühe die Kulisse eines jeden Historienepos abgeben würde. Als Kaiser Wilhelm II. 1898 ins Heilige Land kam, beauftragte er aus Faszination gleich zwei Archäologen mit der weiteren Erschließung des Areals. In Baalbek soll es auch ein Hisbollah-Museum geben, aber ich finde es nicht.

Am Nachmittag esse ich am Straßenrand ein Brot mit Lamm. Die tief stehende Sonne lässt die Tempel leuchten. Vor den Ruinen stehen wieder Souvenirverkäufer, wie in Byblos, aber niemand kauft etwas. Ein Mann führt ein Kamel an einer Leine umher und wartet auf Touristen, denen er für ein Aufsitzen einen völlig überteuerten Preis abnehmen kann. Ich schaue zu den Bergen, hinter denen Krieg ist, und es ist grotesk.

Wird sich die Geschichte wiederholen?

Die Libanesen kennen die unüberschaubare asymmetrische Kriegsführung in Syrien mit schnell wechselnden Fronten und Konfliktparteien, Attentaten und militärischen Patt-Situationen aus ihrem eigenen Bürgerkrieg. Kaum zu sagen, wie sich die Lage entwickeln wird, im gesamten Nahen Osten, wo arme Schiiten gegen arme Sunniten kämpfen, angestachelt von fundamentalistischen Theokraten in Teheran und den reichen Königshäusern der Golfmonarchien.

Wie oft hört man von »der arabischen Welt«, dieser romantisierenden Indifferenz, als spräche man sonst von der Währungskrise »in der europäischen Welt«? Dabei versteht man – das wird bei einer Reise in den Libanon deutlich – wenig bis überhaupt nichts von dieser ruhelosen Krisenregion. Allahu akbar.


BaalbekBaalbekBaalbekBaalbekBaalbek


0 Facebook Twitter Google + Pinterest
css.php