Sri Lanka

Dalhousie — Es war dann also auf Sri Lanka hinausgelaufen. Warum Sri Lanka?

Eigentlich egal, es ging mehr um dieses Rauskommen, Fortkommen, Weg-Sein von allem anderen, damit da ein Abstand entsteht zu den Dingen, der vorher nicht möglich war, als könnte man so eine Grenze des Empfindens überschreiten und die Wahrnehmung öffnen, und es setzt sich dann ein neues Bild der Dinge zusammen.

Die ganz praktischen Gründe: Da waren nur zwei Wochen Zeit, ein knallhartes firmenbürokratisches Argument, anders ging es nicht.

Hätte man den Kontrast zum Bekannten, zum Vorstellbaren, zu dem, was schon drin ist im Kopf, maximieren wollen, dann wäre es wahrscheinlich Uganda geworden, das war schon länger eine lose Phantasie, die im Kopf existierte und irgendwie eine große Faszination auslöste.


Colombo


Nun aber Sri Lanka, weil: die Einfachheit des Reisens dort, die weißen Strände – solche Art von Stränden, die in den Tourismuskatalogen Traumstrände heißen – und die maximale Reduzierung, nichts erwarten an einem Ort, den die Menschen als Paradies bezeichnen; es sollte die Suche nach dem Nullpunkt sein, wo ein Zyklus endet und ein neuer Kreis der Ereignisse losgehen kann.

In Europa ist diese Erfahrung nur noch schwer zu machen, in der Ferne wird es auch seltener, seit den Billigflügen und später den Billigfernreisen, alles verschiebt sich an die Grenzen, an den Rand der Vereinnahmung, an Orte, die einen selbst ganz einnehmen und dann, wenn möglich, ganz und gar offenlegen, nur wird das eben immer schwieriger.

Es ging also um ein ganz wesentliches Motiv des Reisens, das war vorher nicht so klar abzusehen gewesen.

Klar, wir wollten Traumstrände. Was heißt das?

Ich habe – da bin ich mir fast sicher – noch nie von einem Strand geträumt, aber diese Magazinbilder, auf denen eine gephotoshopte Blondine zahnpastalächelnd einen Cocktail trinkt, ihr Becken schieflegt und ironiefrei suggeriert, das Leben sei ein leichtes, ewig dahingleitendes Fest, oder diese seltsam allgegenwärtige Projektion des verträumten, sonnengesunden Surferdudes, der vor dem Lagerfeuer am Strand gedankenverloren die Saiten seiner Gitarre zupft und dazu – mehr schlecht, als recht – ein melancholisches, aber im Grundsatz natürlich vollkommen lebensbejahendes Liedchen in den Sonnenuntergang intoniert – diese Bilder kann man nicht mehr ganz rauskriegen, wenn man nicht lange weit fortgeht und sich bestimmte Einsichten wirklich setzen, dafür ist man zu durchgespült von der Produktwerbung, zu sehr sozialisiert von bestimmten Schablonen des Glücks.

Der Widerspruch: Es sind sehr abgenutzte Bilder, es sind immer noch sehr starke Bilder.


Mirissa
Galle
Mirissa


Zunächst gab es jedoch keine Traumstrände.

Wir hatten den Zug genommen von der Hauptstadt Colombo über die ehemalige Kaiserstadt Kandy, wo wir eine Nacht verbrachten, bis zur Provinzstadt Hatton, und von dort begann im besten Sinne eine echte Bummelfahrt mit dem Bus über außerordentlich schlechte Straßen, Geruckel und Geschaukel, geschätzte Durchschnittsgeschwindigkeit: zwanzig Stundenkilometer.

Unser Ziel war der Adam’s Peak, der heilige Berg Sri Pada, auf dessen Spitze ein Kloster liegt, in dem sich angeblich der Fußabdruck des großen Buddha Siddhartha Gautama befindet.

Darüber hinaus aber – und das ist der eigentliche Grund, warum so viele Touristen auf diesen Berg steigen – kann man vom Gipfel weit über das Land schauen und morgens, nachdem man mit den einheimischen Pilgern aufgestiegen ist, die feuerrote Sonnenscheibe über den fernen, schwarzen Bergen aufgehen sehen.

Es ist interessant, was die Anziehungskraft solcher Orte bedingt, an denen in relativ großer Höhe die Sonne über dem Land aufgeht.

Ist das ein rein ästhetisches Motiv? Ist das der innere Wunsch nach einem Neubeginn, das mal deutlich zu sehen, wie sich eine Kugel im Universum im Verhältnis zu einer anderen in den Raum hineindreht und die Dunkelheit vertreibt? Die Sehnsucht danach, das ewig Wiederkehrende wahrzunehmen, also letztlich Beständigkeit visuell greifbar zu bekommen?

Ich konnte das nicht beantworten und hatte mir diese Fragen auch nicht gestellt, ehrlich gesagt, das sind wieder diese intellektuellen Reflexionen, die man später draufsetzt auf das Erleben: Die direkte Erfahrung wird sinnstiftend überhöht, im Rückblick hilft das natürlich oft, aber es macht unmittelbar auch vieles ungenießbar und blockiert, wenn man das nicht ausschalten kann.

Deshalb: erst einmal stupide hinreisen zu diesem Berg und schauen, wie das dann ist, da hochzusteigen und über das weite Land zu blicken, während die Sonne aufgeht, das war so der Modus, in dem wir in Dalhousie ankamen, bei dieser kleinen Ansammlung von Hüttchen und Häuschen am Fuß des heiligen Bergs.


Sri Lanka


Der Zug von Kandy aus war erstaunlicherweise auf die Minute pünktlich gewesen und gar nicht überfüllt, damit rechnet man ja auch erst einmal nicht. Auf der Fahrt durch das Hochland und die Teeplantagen konnte man die Füße aus der offenen Tür baumeln lassen, das war immer leicht aufregend, wenn der Waggon über eine Brücke ratterte.

Rückblick auf Kandy, wo im Prinzip nicht viel passierte, obwohl die Bilder durch die Augen in den Kopf hineinfluteten: Den Zahntempel besuchten wir, den botanischen Garten nicht, zu weit weg; in dem sumpfgrünen See nagten zwei Schildkröten an einem toten Fisch, es war selbstverständlich schwül und heiß in der Mittagshitze, und an einer Straße – und das ist jetzt eigentlich ziemlich ernst – hätte mich beinahe ein Bus überfahren.

In diesem ziemlich verschlafenen Kandy gingen wir abends in eine billig möblierte Ramschkneipe, eine richtig ordentliche Saufschenke, weil im Queen’s Hotel wirklich nur unsmarte Langweiler-Europäer saßen, es war dann sozusagen aus Frust gleich das genaue Kontrastprogramm geworden.

Das Lion’s Beer wurde in der absolut nachvollziehbaren Flaschengröße von 0,66 Litern serviert, ein Tamile namens John und sein offensichtlich leicht schwachsinniger Freund luden uns gleich an ihren Tisch ein. Am Nebentisch kippte ein Singhalese, der vielleicht noch drei oder vier Zähne im Mund hatte, Whisky aus einem schmierigen Wasserglas herunter, die Flasche war schon bis auf ein Viertel ausgetrunken. John redete und schaute uns an, und wenn er Pause machte, dann sah es so aus, als wollte er gleich auf uns losgehen, aber er sagte dann doch wieder etwas überaus Einladendes und zeigte uns zum Beispiel ein Foto von seiner Frau und strahlte plötzlich: Er würde bald Vater werden.

Der zwielichtige Typ am Nebentisch raunte einige Male herüber, John sagte dann nichts mehr, dabei war immer noch nicht ganz ausgemacht, wer hier undurchschaubarer war, in jedem Fall erschien es plausibel, wenn der Tamile aufgesprungen wäre und wutentbrannt ein Messer in den Tisch gerammt hätte.

Stickige Luft füllte den Raum, die Tische waren verschmiert und die Gläser schlierig, eine eigentlich angenehme Zwei-Bier-Angetrunkenheit war das jetzt, dann die Frage: »You are interested in Sinhalese women?«

Die Antwort: »No thanks«, Stühle wurden umständlich gerückt, wir gingen.


Kandy
Kandy
Kandy
Kandy
Kandy


Schnell geht das beim Schreiben: Man ist weg von der eigentlichen Geschichte.

Man kann im Prinzip immer die kleinen Begebenheiten aufschreiben, die amüsanten Details, Randbeobachtungen, Alltägliches, aber die Frage ist, inwieweit man die persönliche Auseinandersetzung verdichtet, zu Schrift und Text macht, denn um die geht es ja beim Reisen, das keinen höheren Zweck verfolgt und sich selbst genug ist.

Ich war nicht nach Sri Lanka gekommen, um Reportagen zu schreiben, auch wenn hinterher ein oder zwei möglich wären, ich wollte mich dem aussetzen, dem Land, den Orten, alles ziemlich unscharf, ich hatte kein Bild vor Augen und wollte einfach schauen, was kommt.

Leider ist das eine Erfahrung des Älterwerdens, dass es mit den Quintessenzen immer schwieriger wird, vielleicht irgendwann auch gar nicht mehr, da ist das Am-Strand-Spazieren sich selbst genug, aber da war ich ja noch lange nicht angekommen.

Also zurück nach Dalhousie, zurück zum Sri Pada.

Dalhousie, das waren wirklich nur ein paar Häuschen, Hütten und Bretterbuden, es war natürlich ein absolut touristischer Ort, aber die Pilger gab es eben auch, beides vermischte sich am Fuß des Adam’s Peak: die Menschen, die aus religiösem Eifer hinaufstiegen in den Himmel und diejenigen, die den anderen dabei zuguckten.

Wir verhandelten im Green House den Preis für Übernachtung, Frühstück und Abendessen, ein blinder Greis addierte die Rupien auf und zog sie wieder ab, sofern er einen unserer Einwände akzeptierte; es war das alte Spiel, und der Alte war ein Meister seiner Disziplin, im besten Sinne ein Schlitzohr.

Wir tranken Tee auf der Terrasse mit dem Franzosen Fréderic, der manchmal sehr weiblich gestikulierte und dann wieder albern wie ein Kind auflachte, ganz und gar nicht unangenehm. Er habe, so sagte er, ein paar Jahre eine bestimmte Form des Vajrayana-Buddhismus praktiziert und eine Zeit in Indien gelebt, und ja, er habe sogar einmal den 14. Dalai Lama in Lhasa getroffen, der unlängst erklärt hatte, er wolle nun lediglich wieder ein einfacher Mönch sein.

Wir saßen also da und redeten und tranken Tee: immer richtig, immer eine gute Beschäftigung in den Tropen.


Dalhousie
Sri Pada, Adam's Peak
Dalhousie


Zu dem Zeitpunkt, drei Tage nach unserer Ankunft in Colombo, war für mich alles so, als wäre ich, sagen wir, mit der Regionalbahn von Köln nach Bielefeld gefahren, da war noch alles zu, als sei man herausgenommen aus der bekannten Umgebung und in eine völlig neue Kulisse hineingestellt, aber da ist dann einfach keine Verbindung zwischen dem Innen und Außen, die Kopfwelt ist total in sich abgeschlossen und lässt nichts rein. Es war am Anfang dieser Reise so, als schaute ich mir Bilder an, aber als wäre ich selbst gar nicht da, als würde ich nicht durch das Land reisen, sondern alles nur in der Theorie durchspielen.

Im Nachhinein wird das ganz deutlich: Bis zum vierten Tag konnte ich nichts aufschreiben, keinen Satz, das Papier blieb leer, ich war stumpf, auch oder vor allem mir selbst gegenüber.

Es ist so, dass man manche Texte nur in bestimmten Situationen schreiben kann, das ist dann wie ein Zeitfenster, man darf den richtigen Moment nicht verpassen; andere Texte bleiben lange unmöglich, und irgendwann löst es sich dann, alles wird ganz klar, die Zeilen finden zueinander.

Ich hatte den Notizblock liegen gelassen, als wir am Nachmittag beschlossen, auf den Sri Pada zu steigen, es brachte ja doch nichts, also: diesem Urdrang nach oben folgen, Treppenstufe um Treppenstufe, vorbei an Affen und Stupas und vorbei an den Winnie-Puuh-Stofftieren, die hier tatsächlich entlang des Weges verkauft wurden.

Der Rücken war nass und die Felsbrocken waren unregelmäßig hoch, wir folgten dem Weg durch das Grün, und der Berg lag still da im wechselnden Licht des heraufziehenden Abends.


Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak


Was will man dann dort oben? Auf der Spitze türmten sich die Wolken über dem Kloster auf, es ging hier nicht mehr höher, aber das Verlangen, noch weiter zu gehen, noch viel weiter gehen zu müssen, damit endlich etwas klar werden konnte – dieser innere Widerhall verstummte nicht.

Es blieb alles unbefriedigend: Ich vernahm in den zugigen Gassen so etwas wie eine stumme Anklage gegen mich selbst, den Reisenden, der so weit alles in Kauf genommen hatte und sich nun etwas erhoffte von dem Weg, den er eingeschlagen hatte, aber der Weg war jetzt und hier zu Ende, nur in einem selbst, da war noch überhaupt nichts losgegangen. Ich hatte ja, wie gesagt, auch noch keine Zeile schreiben können, es blieb alles ein unverständliches, sprachloses Rätsel: Die Reise, mein Zustand zu dieser Zeit, was ich dort oben nun tat zwischen den betenden Mönchen, an diesem vorläufigen Ende der Dinge.

Es blieb folgerichtig nur die Möglichkeit, sich dem Ganzen am nächsten Tag ein zweites Mal auszusetzen, etwa gegen halb drei am Morgen aufzubrechen und in der Dunkelheit hinaufzusteigen. Fréderic, ein irisches Pärchen, mein Bruder und ich liefen zwischen Kindern und Greisen, Hunden und Katzen, Großfamilien und Gamblern, Gläubigen und Geschäftemachern.

Manchmal war es möglich, die Mantras aus den Lautsprechern ohne diesen kitschigen Beigeschmack von ausgehöhlter Spiritualität auf sich wirken zu lassen, und dann schien es so, als würde der Berg selbst in unverständlichen Lauten in diese allumfassende Dunkelheit singen, die nur von der erleuchteten Treppe unterbrochen wurde, die sich gleichsam einer schimmernden Schlange durch das Schwarz der Nacht in die Höhe wandte.


Sri Pada, Adam's Peak


Als wir das Kloster auf dem Gipfel des Bergs erreichten, war es noch finster, die letzte, kalte Stunde vor Morgengrauen war angebrochen, rund hundert Menschen hockten und kauerten in den Gemäuern, manche wärmten sich ihre Hände an Kokosnusschalen, die in einem Ofen brannten.

Das Land lag schwarz da. Als die Handys und Videokameras gezückt wurden, war das ein Signal: Gleich geht es los, gleich geht die Sonne auf.

Da war erst ein rotes Glühen über den Bergen und den tief liegenden Wolken, ein immer breiterer Streifen, der Himmel im Osten färbte sich düsterblau, dann wurde er heller, und schließlich, als die Nachtkälte die Füße schon komplett durchgefroren hatte, tauchte der obere Teil des Sonnenkörpers begleitet von der ewigen Repetition der Mantraverse wie ein glühender Eisenspan am Horizont auf und warf sein Licht über die aschfahlen Gratlinien des zentralen Hochlands von Sri Lanka.


Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak
Sri Pada, Adam's Peak


Sucht man nun große Worte oder befindet man ganz banal, dass Sprachlosigkeit letztlich die höchste Auszeichnung eines jeden Augenblicks ist?

Ich blickte in den östlichen Morgenhimmel und tat oder sagte gar nichts, ich machte ein paar Fotos, die Sonne spiegelte sich in den Pupillen der Menschen.

Was heißt das nun: Schreiben über das Reisen?

Wenn es stimmt, dass die immer subjektive, immer schwierige Wirklichkeit erst durch Sprache fassbar wird und das Reisen seinem Wesen nach Suche ist, dann hieße es, überhaupt erst einmal zu einer Sprache zu finden, bevor man sich selbst irgendwo finden kann. Man würde das noch sehen, wie das gelingt, später auf dieser Reise.

Wir stiegen ab in einen neuen Tag.



Sri Pada auf einer größeren Karte anzeigen

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Arugam — Dalhousie lag hinter uns. Die Eisenbahn fuhr in atemberaubend langsamer Geschwindigkeit weiter nach Osten, auf der Fahrt durch die Zentralprovinz von Hatton nach Badulla unterhielten wir uns mehrere Stunden mit einem sehr aufgeweckten Singhalesen über Literatur, Erich Honecker und die tendenziell »mafiös« agierende Regierungsfamilie Sri Lankas, den dubiosen Rajapaksa-Clan.

Unser eigentliches Ziel: die Ostküste, das Meer, aber das würde heute auf keinen Fall mehr funktionieren.

Hinter der Scheibe des Zugfensters zog ein feuchter, dunkler Abend herauf, je stärker die Nacht den Tag verdrängte, umso greller blendete das Licht im Abteil, umso ungesunder sah unsere Gesichtsfarbe aus, und passend zu dieser gewissen artifiziellen Beklemmung war das Hotel in Badulla dann auch ein anonym moderner und trotzdem abgeranzter Zweckbau, also die denkbar schlechteste Kombination, die man bekommen konnte. Whatever, dachten wir uns, das mit viel Knoblauch angemachte Hähnchen entschädigte für vieles.

Immer nach Osten fuhren wir am nächsten Tag und wussten: Irgendwann ist da das Meer, Grenze, Ende.


Sri Lanka
Sri Lanka


Kurz vor Arugambay, der nicht mehr ganz so geheimen Surferenklave an der Ostküste, kam es zu dem letztlich alles entscheidenden Moment, der das Reisen als sinnvolle Handlung überhaupt erst möglich macht: Das absolute Entferntsein von den Dingen, quasi die totale örtliche Isolation des Individuums in der Ferne wird nicht mehr als Einsamkeit empfunden, sondern als ein wohliges Gefühl des Aufgehoben-Seins in allem, was ist und noch kommen wird. Man ist ganz bei sich, schaut zurück und dann nach vorne, und man muss lächeln: Das hatte ich an anderen Orten der Welt auf anderen Kontinenten schon so erlebt, und hier kam es plötzlich zurück.

Die Sprachlosigkeit war überwunden.

Ich wurde auf einmal richtig reizoffen, ich war gespannt, was da jetzt kam, was nun alles eintreten müsste oder eben nicht, das wäre dann auch in Ordnung gewesen. Ich war wieder in einem Zustand des produktiven Vortastens, der mich mit großer Freude erfüllte; man muss etwas schaffen aus den Erlebnissen, als das wieder möglich schien, erhielt die Reise einen Auftrieb. Ich machte Notizen.

Man muss für jede Reise die richtige Sprache finden, aber auch das richtige Maß an Distanz und Zoom: Wie nah geht man ran auf welches Detail und für was? Was schwingt eher Grundsätzliches mit, das gesagt werden müsste? Man kann das nicht im Voraus planen, man findet einen Ton.

Es ging in diesem Fall nicht darum, die Beschaffenheit der Umwelt mit messerscharfer Genauigkeit auszumessen, es ging darum, Worte zu finden für den Zustand in einem und das zu verknüpfen mit dem, was draußen ablief.

Natürlich geht es bei dieser Art des Schreibens, im Gegensatz zu journalistischen Texten im engeren Sinne, nur um einen selbst, aber das macht auch völlig Sinn, am Ende bringt man ja auch nur einen Bruchteil aller Wahrnehmungen wirklich als Text zum Ausdruck, denn es gibt noch vieles andere, über das man bei dieser Herangehensweise nur am Rande schreibt: Essen und Trinken, Gespräche mit anderen Menschen, Szenen und Orte, zufällige Begebenheiten, Genuss und dumpfe Genügsamkeit.

Was lässt sich sagen über einen Ort wie Arugambay, ohne die ewig gleichen Abziehbilder zu zeichnen von Weißen-Enklaven in Entwicklungsländern, in denen die junge, entgrenzte, postmoderne Generation des Westens Antworten sucht auf die drängende Frage nach dem Sinn all ihrer Beschäftigungen, denen sie zu Hause nachgehen?

Unheimlich schwierig, wieder hat man so Wertungen im Kopf, die ja im Prinzip erst einmal ungeprüft bestehen und hinterfragt werden müssen.

Man ist leider auch schnell in diesem unangenehmen Kosmos des Backpackens, das als Distinktionsritus wirklich sowas von ausdient hat. »Ich war vier Wochen mit dem Rucksack in xy unterwegs«, das ist ein Satz, der höchstens noch den kleingeistigen Provinzbekanntenkreis beeindrucken soll und von Menschen aufgesagt wird, die sich gerne als besonders individuell und weltgewandt darstellen.

Backpacking is over – sofern es je zu einem ästhetisch-moralischen Prinzip getaugt hat, denn es heißt erst einmal überhaupt nichts. Es kommt wie bei den meisten Dingen im Leben auf den genauen Blick an.


Arugam Bay
Arugam Bay
Arugam Bay


Als wir dann dort waren, im stillen Surferparadies Arugam Bay zur off-season, da war dort dieses Meer, da waren diese Palmen, die Vögel, die Holzhütten, und es war so, wie man sich das vorgestellt hatte, vielleicht nicht ganz so südseemäßig: Das Wasser war trübe, man konnte nicht bis auf den Grund schauen.

Wir gingen in das einzige Resort, das geöffnet hatte, was den Vorteil mit sich brachte, dass man gleich alle Menschen traf, die es in der Stadt zu treffen gab, wir brachten unser Zeug in eine Hütte, dann gingen wir direkt zum Strand.

Da sitzt man dann in der Sonne, und wenn die Welle zurückfließt, trägt sie einen – langsam und Stück für Stück – immer weiter ins Meer, man lässt das einfach passieren, und der nasse Sand wird so schnell wieder hell, als ordneten sich Kristalle neu an.

Wir waren zum ersten Mal irgendwo wirklich angekommen, das konnte man nun sagen.

Ich dachte an August Engelhardt, weil das neue Kracht-Buch ja gerade draußen war über den geflohenen Deutschen in seinem Kokosnusparadies, das vergeht, und man teilt kurz den wirren Gedanken, dass die Sonne und das Meerwasser alles sind, was es braucht zum Leben.

Vier Männer schoben ein buntes Boot in die Wellen, die am Abend nicht mehr so kräftig waren, und fuhren raus zum Fischen, jetzt, wo die Sonne als orangeroter Kreis am Horizont unterging. Der Wind ging ganz leicht und war immer noch ganz warm, ein Hipster-Surfer ließ sich von einem der Strandhunde das Gesicht lecken, anderswo balgten sich zwei Streuner, bis sie wieder schläfrig wurden, über der Brandung sammelten sich Raben: schwarze Vögel vor wolkenlosem Himmel, wie blaues Stracciatella-Eis.

Ich hatte das immer verlacht als naive Utopie, dieses Zusammenkommen an einem Ort irgendwo in der Ferne, im Nirgendwo, mit Stromern und Aussteigern, kruden Leute, die Geschichten erzählen können, alt, jung, mittelalt, einer entzündet abends das Licht auf der hölzernen Veranda, Musik läuft, es wird erzählt, gelacht, getrunken, so weit weg vom nächsten Ort, an dem das so ähnlich stattfinden könnte, und sich da ganz aufgehoben vorkommen für eine kurze Zeitspanne, bis es einen woanders hinzieht.

Der gefühlte Abstand war enorm, so hatte ich das noch nicht wahrgenommen bisher, obwohl ich an Orten gewesen war, die exotischer und fremder sind als Sri Lanka, wo die Eindrücke unerbittlicher, roher und unverwechselbarer auf einen niedergehen, was im Geist dazu führt, dass sich die Gedanken an diese Zeit ausdehnen, dass sich die Zeit selbst ausdehnt und die Erinnerung verdichtet: gestauchte Wahrnehmung.

Da waren die Deutschen, ziemlich viele, natürlich auch die brutalen Ultrahippies, die verträumten Surferdudes, die erst kaum reden und dann ganz viel, die hier schon zwei, drei Monate waren oder an einem anderen Ort irgendwo im Süden oder im Norden der Insel, ganz egal; dann noch ein dauerbreiter Franzose, der mit seiner Freundin hoch nach Nepal wollte zu einem Sherpa, der alle Finger verloren hatte, von dessen Existenz man nur gehört hatte über die Freundin eines Freundes, nein, ein Rückflugticket habe man nicht. Sowas gab es also wirklich, für mich war das neu.


Arugam Bay
Arugam Bay
Arugam Bay


In der Lodge war erst einmal jeder willkommen, die Menschen verband der simple Umstand, dass sie zusammen hier waren.

Der Gedanke: Im Entziehen liegt ein viel vernünftigerer Weg als in dem ewigen Hinterherlaufen, dem Dranbleiben, dem Sich-immer-an-die-Spitze-stellen, das ich aus Berlin so gut kannte; das Gefühl, immer einen Schritt weiter vorne sein zu müssen vor den anderen Leuten, und daraus die Legitimation für die eigene Überhöhung ziehen, dieser falsche, weil kaputt machende Mechanismus, und hier: sich rausnehmen, Zeit vergehen lassen und an einer Stelle verharren, zur Ruhe kommen.

Ich hatte Hoffnung, dass das klappt, man würde sehen, wie das zu Hause wäre.

Die Surfer jedenfalls wussten intuitiv, wie man es anstellt: Auf dem Wasser treiben, die Wellen kommen lassen, und wenn dann eine dabei ist, die passt, mitgehen.

Trunkene Euphorie in der Nacht: Da war Mike, der Supertyp aus Kalifornien, der in Bangkok als Lehrer arbeitete, da war Max, der grummelige, aber doch nette Berliner Clubbesitzer, gewissermaßen die Projektion des Zuhause in die Ferne und die logische Aufhebung dieses Gegensatzes, da war Kuna, der Tamile, dem die Lodgeanlage gehörte, und da waren mein Bruder und ich, und wir liefen alle zusammen in das unendliche nächtliche Schwarz des Indischen Ozeans, der aussah, als würde er alles verschlucken, über uns hell leuchtende Sterne, die niemand zählen konnte und das krasse Gefühl erzeugten, wirklich auf einer Kugel im Raum zu gravitieren, im Meer fluoreszierte grün schimmerndes Plankton, Glühwürmchen unter Wasser, die Luft war warm, die Wellen warfen uns um, und danach fielen wir in einen tiefen Tropenschlaf. Am Strand schlug die Brandung heftig auf, das konnte man deutlich hören.

Wer wusste schon, wie lange so etwas in Arugam noch möglich war?

Die Ostküste und der Norden waren nach dem Ende des Bürgerkriegs zwischen der singhalesischen Regierung und den tamilischen Separatisten zwar befriedet, doch schon bald, so meinten manche, könnte es wieder losgehen. Einschussnarben waren noch immer auf den Häusern zu sehen, oben in Trincomalee, das jedenfalls berichteten die Surfer.

So sehr das bewusste Ankommen spürbar gewesen war, so deutlich war es nach drei Nächten Zeit für einen Aufbruch.

Mir wurde klar: Das Ziel war möglicherweise, die Gedanken zum Schweigen zu bringen, und das war nach der Fahrt vom Westen in den Osten der Insel soweit gelungen. Das schreiberische Dilemma: Alles noch einmal in einer Geschichte aufkochen? Funktioniert das oder macht es alles wieder kaputt?

Das ließ sich noch nicht sagen.

Arugam wuchs mit der Entfernung, im Kontrast zu dem, was folgte: Pauschaltouristen an den Stränden der Südküste, und in Mirissa, da wurde es ganz klar, warum es nicht ging, warum es aus Sicht des Reisenden, der sich selbst beim Wort nimmt, nicht mehr funktionierte an manchen Orten zu sein: unverhältnismäßig teure Preise, unfreundliche Kellner, die gesettelten aber eben doch noch aktiven Familien, die sich auf den Liegen ausstreckten und, ja im Ernst, einfach sonnten.

In den Büchern, die sie lasen, wenn die Langeweile unerträglich wurde, lag alles Unausgesprochene aus Jahren, das unter der tropischen Sonne nur noch mehr zum Vorschein kam und in der Folge nur noch entschiedener verdrängt werden musste.


Mirissa


Es wurde so überdeutlich an diesem kleinen, abgegrenzten, schrecklich inszenierten Strandabschnitt: Ein Paradies macht nichts perfekt, suggeriert das aber, etwas, das nicht geht. Was war so unerträglich?

Die Menschen hier redeten wenig und lachten noch seltener, das ist immer ein schlechtes Zeichen. In Arugam war jeder auf den anderen zugekommen, man begrüßte sich und erzählte seine Geschichte, diese Handlungsweise hinterfragte keiner, niemand empfand das als aufdringlich, jeder machte da mit, ganz einfach war das.

In Mirissa war es anders, die Menschen waren sozusagen in der Gemeinschaft isoliert. »Es geht hier um Sehen und Gesehen-Werden«, sagte mein Bruder und er hatte natürlich Recht, nur das Sehen und Gesehen-Werden war erst einmal der Gegensatz zum Miteinander-Sprechen.

Es gab hier keine Idee, nicht einmal die Idee von einer Idee von irgendetwas, nur Sonne, Palmen, Meer: yeah. Man erhoffte sich das ganz normale Leben, nur viel besser, so funktionierte das nicht.

Es war im Prinzip nötig gewesen, noch einmal den Beweis zu haben, dass eine bestimmte Art des Reisens nur noch eingeschränkt möglich war, dass ein Ort allein durch seine Entfernung zur Heimat noch überhaupt nichts transportierte, dass bestimmte Teile der Welt einfach verloren waren.


Mirissa
Mirissa
Mirissa


Man ist schnell bei der Frage, wie und aus welchen Motiven man überhaupt noch reisen kann.

Ein abschreckendes Beispiel sind ja immer die Menschen, die nichts verstehen, weil sie nicht hinschauen und auch nicht nachdenken, die quasi einen blinden Fleck der Wahrnehmung haben auf die Welt und auf die Menschen und auf die Frage, wie es vielleicht möglich wäre, damit seinen Frieden zu machen, die dann auch nicht reisen, sondern höchstens nach Ibiza fliegen oder an die türkische Mittelmeerküste oder für einen dieser pseudo-mondänen Kurztrips nach New York, den ja jetzt alle machen: bitte ein schönes Appartement, dumm herumlaufen und Sachen angucken, die im Reiseführer stehen, Hauptsache Shopping, so diese Richtung.

Häufiger, aber schwerer Irrtum über solche Menschen: Sie sind glücklich, weil sie nicht reflektieren. Stimmt nicht, meistens nicht, das Gegenteil zu oft gesehen.

Dann gibt es die Leute, die genau hinschauen und Ansichten, Meinungen und vor allem die ästhetischen Positionen, aus denen man alles und jeden beurteilen kann, genau unterscheiden können, aber sie finden am Ende fünf Gründe für und gegen jede Perspektive, was dazu führt, dass eine bestimmte Art, die Dinge zu tun, nur vorübergehend als Geste funktioniert und sozusagen nicht immanent im Handeln ist, weil man sich eben nicht vernünftig Gedanken gemacht hat, sondern weil es einfach en vogue ist, das so zu tun oder so zu sehen.

Der Backpacker in Thailand, der Saufurlauber auf Mallorca, der sophisticated traveller in Stockholm: alles durchschaubar, alles unmöglich, höchstens als Adaption. Das Reisen gelingt aber erst dann, wenn der Wert der Erfahrung den Wert der Pose überwiegt.

Uns blieb nach zwei Nächten in Mirissa nichts anderes übrig, als uns von der Küste abzuwenden und mit einem Bus über schmale Straßen nach Norden zurück in die Berge zu fahren, zum ultimativen Gegenpart jener Kulisse, die einzig für die Touristen aufrecht erhalten wurde, folgerichtig also dorthin, wo die Umgebung maximal menschenfeindlich war: in den Regenwald.


Deniyaya


In Deniyaya sahen die Häuser durch den fortwährenden Regen so schimmelgrün aus, als würden sie noch vor dem nächsten Monsun zerfallen. Hier oben war die Luft wieder kühler, feuchter, der Platzregen weichte den Boden auf, als wir auf der überdachten Terrasse unserer Herberge hinaus in den trüben Nachmittag blickten.

Unser Gastgeber, Bandula Rathnayaka, war gleichzeitig der Mann, der uns am kommenden Tag in den Sinhajara Rain Forest mitnehmen sollte: ein ausgesprochen kundiger und sympathischer Mann.

Im Nationalpark probierten wir die sonderbarsten Früchte und Sträucher, Bandula konnte das medizinische Potenzial nahezu jeder Pflanze mühelos benennen, wir sahen Eidechsen und Schlangen und entfernten regelmäßig alle Blutegel, die sich – einmal auf dem Schuh festgeklebt – beständig ihren Weg zur nächsten freien Hautstelle suchten. Sirren und Piepen durchzog den wilden, mehr als tausend Jahre alten Wald, es wurde schnell klar, dass man dieser Natur als im anthropologischen Sinne kultivierter Mensch heillos unterlegen war.

Wir badeten im natürlichen Bassin eines Gin-Ganga-Zulaufs, man konnte vor einem Felssturz unter einem brausenden Wasserfall schwimmen, während mannigfaltig gezeichnete Falter durch das Sonnenlicht flogen. Am Nachmittag kam das Gewitter.

Wir saßen bei einem Freund von Bandula auf Plastikstühlen vor dem Haus und kauten Areca-Nüsse und Betelblätter, bis unsere Spucke ganz rot war, die Tropfen rissen den trockenen Boden auf wie Maschinengewehrsalven, und der Regenschleier zog über die fünf Vegetationsstufen des immergrünen Waldes hinweg, bis irgendwann die Wolken aufrissen und das Sonnenlicht sich in den Wassertröpfchen des aufsteigenden Dampfes brach.


Sinhajara Rain Forest
Sinhajara Rain Forest
Sinhajara Rain Forest
Sinhajara Rain Forest
Sinhajara Rain Forest


Man will gern diesen Abschluss einer kohärenten Erzählung haben, aber nach dem Regenwald schrieb ich nichts mehr auf; was man aus dieser Reise ziehen konnte, alles Essenzielle, war passiert, die Geschichte zu ihrem Ende gekommen. Ich schlug, wenn man man so will, das Buch zu.

Wir fuhren dann noch runter nach Galle und wieder die Küste hinauf, hingen noch zwei Tage in Hikkaduwa ab, da hatte es mir nach Mirissa eigentlich vor gegraut, aber es war dann irgendwie alles total angenehm. Wir erfreuten uns am frisch gefangenen Fisch auf dem Teller, an dem Sand unter den Füßen, am Salzwasser in den Haaren, an der Sonne auf der Haut, an solchen Dingen eben.

Manche Reisen macht man, um zu genießen, und andere macht man, um wieder genießen zu können, und manchmal fällt beides zusammen.


Auf Entdeckungstour in Sri Lankas letztem Regenwald (Welt Online)


Arugambay auf einer größeren Karte anzeigen

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