Vietnam

In dem sogenannten malerischen Hafenstädtchen Hoi An in Vietnam zeigt sich die Tripadvisorisierung des sich stetig ausbreitenden Pauschalindividualtourismus. Ein Besuch, der Bedauern auslöst.

Die Erwartungshaltung entsteht auch durch die Mühseligkeit der Anreise: zehn plus x Stunden mit dem Nachtbus von Nha Trang hinauf; sobald es zweistellig wird, zählt man nicht mehr mit. Da wünscht sich der Reisende erst recht eine tolle Erholungskulisse, für den ersten Tag jedenfalls, und dann jede Menge Spektakel, Authentizität, Exotik. Ganz einfach eine großartige Sehenswürdigkeit.

Die Sonne brennt viel zu hell und fröhlich vom Himmel, als die Rucksacktouristen am frühen Morgen den Bus in Hoi An verlassen. Die Energie reicht nicht mehr zum Feilschen. Für ein bisschen zu viele Dong fährt einen der Taxifahrer in das kleine Boutique-Hotel, das man sich bei Hostelworld.com herausgesucht hat. Der Übernachtungspreis und die Bewertung in Sternen, beides ergibt die moderne Entscheidungsmatrix für die Wahl der Unterkunft. Man klickt sich durch die Angebote wie bei einem Versandhändler, einfach weil es geht und so viel einfacher ist, als vor Ort planlos vor der erstbesten Rezeption aufzuschlagen.

Wir zahlen für unser Doppelzimmer im Phu Thinh 2 (bevor Sie jetzt lachen: man spricht es garantiert nicht wie den russischen Präsidenten aus) stolze 55 US-Dollar, was für die Backpacker-Verhältnisse in Vietnam schon pure Dekadenz ist. Aber es ist, zumal durch zwei geteilt, eben immer noch ein lächerlicher Preis für das schwimmende Blütenarrangement in der kleinen dunkelgrauen Wasserschale, das blitzblank geputzte Badezimmer, den Pool im Garten, für den Ausblick vom Balkon auf die Berge im Hinterland.


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Nicht so schlecht: Blick vom Balkon des Phu Thinh 2.


Erst einmal ein Nickerchen nach der Zerfahrenheit der nächtlichen Busfahrt, dann die Frage: Moment, okay, warum sind wir noch mal hier? Hoi An, das hat doch seinen Grund gehabt.

Lesen wir noch einmal im Reiseführer nach: Dort ist die Rede von »romantischen Gassen« und einer »friedlichen, intimen Atmosphäre«. Hoi An sei das »populärste Travellerziel Vietnams«, ja sogar die »Tourismusdestination Vietnams schlechthin«. Das klingt so, als wäre es vollkommen fahrlässig, Hoi An auf einer zweiwöchigen Rundreise durch Vietnam nicht für mindestens zwei Nächte zu besuchen. In unserer Reiseeuphorie entgehen uns die negativen Konnotationen der Worte »populär« und »Tourismusdestination«, die beim zweiten Hinhören tatsächlich allerlei grausige Assoziationen hervorrufen können.

Es gibt touristische Ziele, die zu Recht bekannt und überlaufen sind (das Metropolitan Museum of Art, die Ruinen von Angkor, die Salzwüste in Bolivien) und solche, die so totgeritten sind, dass man sich einen Besuch wirklich sparen kann (man denke nur an den Eiffelturm). Das ist immer auch Geschmackssache. Über Hoi An lässt sich an diesem sonnigen Morgen noch kein Urteil abgeben, aber die Vorschusslorbeeren: not too bad. Das schwärmerische Lob erzeugt aber eine gewaltige Fallhöhe.


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Eindrücke aus der Altstadt von Hoi An.


Im 16. Jahrhundert landeten die Portugiesen in Vietnam. Sie brachten Musketen und Kanonen mit, die wiederum Händler aus anderen Teilen Ostasiens – aus China, Japan oder Java – anlockten. Hoi An wurde ein bedeutendes Handelszentrum, für Seide, Porzellan und Baumwolle zum Beispiel. Doch der Hafen versandete, und im 19. Jahrhundert befand sich das Städtchen bereits im Niedergang. Die Kaufleute gingen woanders hin, etwa nach Da Nang. Mutmaßlich verdankt Hoi An seine heutige Popularität der Tatsache, dass die Altstadt während des Vietnamkriegs nicht zerstört und irgendwann von der Unesco als Welterbe geadelt wurde. Ein pittoresker Hafenort zum Flanieren, eine nette Promenade, ein bisschen chinesische Architektur, plus vietnamesische Lebensart. Das sind die Zutaten, aus denen die Verheißungen der touristischen Vermarkter zusammengepanscht sind.

Ein erster Spaziergang durch Hoi An führt dem Besucher vor allem eines vor Augen: Restaurants, Bars, Souvenirläden und Schneidereien. Selten haben die Häuser mehr als zwei Geschosse, einige französische Kolonialvillen sind fein bunt angestrichen, als Höhepunkt des Stadtbilds gelten die alten Handelshäuser und chinesischen Tempel mit verzierten Giebeln, Drachenfiguren, Ornamenten, Räucherstäbchen, Schreinen und Zierteichen. Es gibt auch eine japanische Brücke mit einer angebauten Pagode, die einem daoistischen Geistervertreiber mit den Namen Tran Vu gewidmet ist. Die Sehenswürdigkeiten Hoi Ans lassen sich binnen zwei Stunden bequem erlaufen, man ist dann sozusagen fertig.


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Fotografisches Highlight: die alten chinesischen Tempel.


An diesem Punkt des Stadtbesuchs – nachdem das angeblich Sehenswerte besehen wurde – erhofft man sich als Reisender, dass eine zweite Ebene des Erlebens aktiv wird (manchmal passiert das gleich in den ersten fünf Minuten, aber das ist eher selten): Die Grundstimmung des Ortes wirkt auf das Gemüt des Reisenden ein, auf ganz unterschiedliche Weise. Sie beflügelt die Phantasie und bestärkt den latenten Willen zu einer Veränderung, die nun wirklich passieren muss. Sie legt die Brüche des bisherigen Lebensweges frei und fördert Melancholie zutage. Oder sie macht das Denken leichter und schafft einen gesunden Abstand zu bestimmten Erlebnissen der Vergangenheit. Sie zeigt Wege auf, wohin die Reise, so im Großen und Ganzen betrachtet, einmal hingehen könnte. Manchmal passiert das alles gleichzeitig. In Hoi An hingegen öffnet sich für uns genau keines dieser Wahrnehmungsfenster.

Während unseres dreitägigen Aufenthalts tun wir im Prinzip nicht viel mehr als Spazieren und Essen. Was an anderen Orten als Programm völlig genügt, weil man im sogenannten Flair der Stadt ganz aufzugehen scheint, erweist sich in Hoi An als unbefriedigend. Wir wissen nicht, wohin mit uns. Wir laufen mal hierhin (auf den Markt), mal dorthin (ans Flussufer), ohne recht zu wissen, was wir anstellen sollen. Warum nur?

Ein Grund ist, dass Hoi An von reisenden Pärchen, Familien und hedonistischen Individualtouristen extrem überlaufen ist. Am Abend werden am Fluss gelbe Lampions entzündet. Das soll wohl für eine »bezaubernde Stimmung« sorgen, in der sich die Besucher, wie beim großen Abendprogramm eines Freilichtmuseums, ganz angerührt fühlen. Gleichzeitig dröhnt von der anderen Seite des Thi Bon, von der Insel Cam Nam, die Musik der Saufschuppen herüber, in denen starke Longdrinks für kleines Geld für junge Europäer ausgeschenkt werden, die sich für »drei Monate Südostasien« eine Auszeit während ihres Studiums genommen haben. Vielleicht entsteht hier bald noch so eine Art Ballermann in Miniatur, wie an so vielen Orten zwischen Hanoi und Lombok.

Und dann zeigt sich in Hoi An die zunehmende Tripadvisorisierung des Reisens. In jedem zweiten Schaufenster hängt ein »certificate« als angeblicher Ausweis von Qualität. An der nächsten Straßenecke ist wieder ein Restaurant »2014 winner«, was immer das heißen soll. Tripadvisor, der neue Lonely Planet. Man läuft durch die Gassen und ist ganz und gar Kunde. Überall soll man hineingelockt werden zu Burgern, Spaghetti und Croissants (what the fuck?), aber auch zu »traditional Vietnamese cuisine«, die nie so gut ist wie die in Saigon. Was die Masse an Urlaubern mitbringt, ist nicht gerade ein Sinn für Qualität.


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Willkommen in der Tripadivsor-Welt.


Hoi An ist eine Stadt, die heute nicht nur maßgeblich vom, sondern auch für den Fremdenverkehr existiert, der sich hier wie an vielen Orten Vietnams in Form eines individualisierten Massentourismus zeigt. Die Tatsache, dass es den Tourismus in Hoi An gibt, ist wiederum der Grund für weitere Touristen, dorthin zukommen. Eine große Selbsterhaltungsmaschine, eine leere Hülle.

Der Umstand, auch noch Teil dieses großen Auflaufs zu sein, führt zu einer gewissen Unzufriedenheit. Wer das Spiel durchschaut, kommt sich vor wie ein alberner Clown: auf der Suche nach dem authentischen Reiseabenteuer, aber gestrandet in einer kommerziell absolut durchorganisierten Touristenhochburg. Man hat es eben doch nicht schlauer angestellt als die ganzen Leute, die hier mit einem im Lokal sitzen.

Erkenntnis des letzten Abends: Wir sind der Masse gefolgt, auf dem wirklich ausgetretenen Touristenpfad nach Norden, und für etwas anderes waren wir entweder zu unwissend oder zu bequem. Aber was ist dagegen schon einzuwenden? Am Ende sind wir auch nur zwei vergnügungssüchtige Europäer mit etwas zu empfindsamen Gemütern und jeweils 600 harten Dollar in der Tasche, die die Devisenarbitrage in einem aufstrebenden, aber immer noch verhältnismäßig spottbilligen Schwellenland ausnutzen, um sich in der Abendsonne in eine diffuse Wohlfühllaune zu trinken. Was soll’s? Ärgern bringt jetzt nichts mehr.

Bei Tripadvisor gibt es für die Altstadt von Hoi An aktuell 4066 Bewertungen. »Ausgezeichnet« sagen 2664 Nutzer, »sehr gut« finden 1071. Gelobt wird die »Straßenküche« (die ja eben genau keine mehr ist) oder das »China-Flair«. Eine Nutzerin versteigt sich auf die gewagte These: Hoi An sei eines der »Must-Sees der Welt«. Nicht alle sind derart überzeugt. In einer Bewertung heißt es lakonisch: »Von Touristen überlaufen, Geschäfte der gleichen Art (Bekleidung und Andenken), irgendwie wie ein Outlet-Village«. Trotzdem: drei von fünf Punkten.


Infobox: Vietnam

Was ist die beste Reisezeit für Vietnam?

Vietnam liegt in zwei Klimazonen. Der Süden ist tropisch-feucht, der Norden gemäßigter und kühler. Wer das ganze Land sehen möchte, sollte in den trockenen Monaten von November bis Januar verreisen. In den Sommermonaten bringt der Südostmonsun im Süden des Landes viel Regen, dafür kann es im Winter im Norden frisch werden.

Wie komme ich nach Vietnam?

Mit einer Zwischenlandung von Deutschland aus nach Saigon. Emirates fliegt über Dubai, Etihad über Abu Dhabi, Air France über Paris.

Brauche ich ein Visum?

Ja. Reisende aus Deutschland müssen das Visum online unter http://visa.mofa.gov.vn bei der vietnamesischen Auslandsvertretung beantragen. Es gibt Single-Entry-Visa für die einmalige Einreise und Multi-Entry-Visa für die mehrfache Einreise.

Wo kann ich übernachten?

Übernachtungsmöglichkeiten gibt es für jeden Geldbeutel. In Saigon und Hanoi gibt es luxuriöse Sternehotels, in der Mittelklasse ein großes Angebot. Individualreisende können im ganzen Land auf ein dichtes Netz an einfachen Hostels zurückgreifen, in denen die Übernachtung selten mehr als 15 US-Dollar kostet. Wer sich etwas mehr Komfort gönnen möchte, geht in ein Boutique-Hotel (ab etwa 30-40 US-Dollar pro Nacht).

Wie sicher ist Vietnam?

Vietnam ist ein sicheres Reiseland. Touristen können sich frei bewegen. Taschendiebstähle sind – wie überall auf der Welt – möglich und lassen sich durch einfache Vorsichtsmaßnahmen verhindern.

Wie teuer ist Vietnam?

Vietnam ist immer noch ein sehr günstiges Reiseland. Wer mit wenig Budget reist, braucht nicht mehr als 30 US-Dollar am Tag (10 für Essen, 10 für Übernachtung, 10 für Transport).


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Die Küstenstadt Nha Trang galt einmal als das »Nizza des Ostens«. Damals herrschten noch die Franzosen über Vietnam. Heute dominieren Hoteltürme, nur ein paar alte Heiligtümer gibt es noch.

Der Mensch zieht immer Vergleiche, damit er nicht überfordert wird. Das gilt auch für touristische Ziele. Nha Trang zum Beispiel, die Küstenstadt Vietnams am südchinesischen Meer, galt den französischen Kolonialherren als „Nizza des Ostens“. So erklärt es der Reiseführer gleich im ersten Satz zu der Stadt. Ob man also will oder nicht – die Assoziation ist gesetzt: Nha Trang, das ist irgendwie Nizza.

Vergleiche sind immer schwierig. Einerseits sind sie selten wirklich korrekt, weil auf dieser Welt grundsätzlich kaum ein Fall (Mensch, Stadt, Situation) dem anderen gleicht. Andererseits sind wir auf sie angewiesen, weil wir sonst orientierungslos durch unser Leben stolpern würden. In jedem Fall sind Vergleiche unvermeidlich, man kann sich kaum von ihnen freimachen.

Nha Trang verdankt seinen Ruf als Nizza des Ostens seiner rund fünf Kilometer langen, von Palmen gesäumten Strandpromenade. Fern der mediterranen Heimat wussten die europäischen Besatzer das Klima und die Topografie dieses Ortes zu schätzen. Es ist das ganze Jahr über warm, der Sand gleißend-weiß und müllfrei, tatsächlich also ein bisschen Nizza. Der Strand ist nun allerdings der einzige Vorzug Nha Trangs.


Nha Trang
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Nha Trang
Ein bisschen Nizza: die Strandpromenade von Nha Trang.


Backpacker kommen in der Regel in einem kleinen Viertel südlich des Zentrums unter, das in etwa von der Nguyen Tih Minh Khai im Norden und der Tue Tinh im Süden begrenzt wird. Und hier fängt das Problem an. Die Unterkünfte sind recht spartanisch, was an sich völlig in Ordnung ist, sie sind aber auch ziemlich seelenlos. Man geht dunkle, schmucklose Treppenhäuser hinauf, das Zimmer sieht dann nicht anders aus. Niemand hat hier offenbar Gedanken an so etwas wie eine Einrichtung verschwendet. Ich komme mir mehr vor wie in einem Stundenhotel als in einer Traveller-Absteige.

Die nähere Umgebung verfügt über Restaurants, in denen in aller Regel nur Touristen essen (was immer ein schlechtes Zeichen ist). Über allem liegt eine Geschäftigkeit, die vielleicht auch in anderen Touristenvierteln vorherrschend ist, aber in der Backpacker-Meile von Nha Trang nicht einmal versucht wird zu kaschieren. Es beschleicht einen ständig das Gefühl: Das Essen könnte besser sein und dafür günstiger – und schon kommt man sich wie ein deutscher Spießbürger vor, der im Urlaub nichts Besseres zu tun hat als sich über die Speisekarte zu beschweren. Furchtbar, also schnell diesen Ort verlassen.

Wir schlendern die Promenade entlang mit diesem leichten Zweifel, ob genau dieser Akt des Flanierens nun einen Ausflug nach Nha Trang gerechtfertigt haben könnte. Irgendwie nicht. Natürlich, die Sonne scheint, das Wasser liegt vor uns (gerade um die Mittagszeit ist es zu heiß zum Schwimmen), und das erlaubt erst einmal eine gewisse Vergnüglichkeit. Doch die Hoteltürme direkt an der corniche erinnern daran, dass der Strand nicht zu einer einsamen Bucht gehört, sondern als touristisches Massenprodukt vermarktet wird, vor allem für russische Gäste übrigens.

Aber Moment, kann man jetzt einwenden, das ist doch am Mittelmeer auch nicht anders! Das stimmt. Aber nach Nizza fährt man nicht zum Baden, sondern für ein savoir vivre zwischen nachmittäglichem Kaffee und abendlichem Wein – für die Illusion also, dass man der stumpfen Routine des Alltages irgendwie eine natürliche Erhabenheit des Genießens entgegensetzen kann. Womit wir wieder in Nha Trang wären.

Das Meer ist natürlich schön, um sich abzukühlen, aber man verreist ja auch deshalb, weil man das Prinzip des Strandurlaubs mit seinem Herumliegen und Braunwerden aus nachvollziehbaren Gründen ablehnt. Was also hat Nha Trang zu bieten, wenn die Haare nach einem Sprung ins Meer wieder getrocknet sind?


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Nha Trang
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Nha Trang abseits der corniche sieht recht schmucklos aus.


Das Stadtbild selbst ist leider nicht sehr ansprechend. Funktionale Wohnblocks, Motorbike-Verkehr, Stromkabel über den Straßen. Gleichzeitig fehlt die Größe und Urbanität einer Stadt wie Saigon. Ich fühle mich mutmaßlich so inspiriert wie ein asiatischer Tourist, der am Dienstagmittag durch die Fußgängerzone von Gelsenkirchen läuft. Okay, und jetzt?

Zum Glück hat der Reiseführer noch zwei Ausflugs-Tipps parat – genauer gesagt: die kulturellen Top-Sehenswürdigkeiten Nha Trangs. Wir folgen der Promenade nach Norden über die große Hafenbrücke, um uns Po Nagar anzugucken, einen hinduistischen Tempel des Cham-Volkes, das heute eine ethnische Minderheit in Vietnam stellt. Der Haupttempel wurde, nachdem er zuvor bereits einmal zerstört worden war, im 11. Jahrhundert neu errichtet. Es ist das letzte große Bauwerk der Cham, der Ziegelbau ist erstaunlich gut erhalten. Nha Trang stimmt uns ein wenig milde.


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Kulturvisite beim Tempel Po Nagar: eine kleine Entschädigung.


Einen zweiten Stopp an diesem Monsuntag machen wir bei der Long-Son-Pagode mit ihrer weißen Buddha-Statue auf der Spitze eines kleinen Hügels. Wir können uns nicht entscheiden, ob wir die Anlage nun besonders beeindruckend finden sollen, laufen aber erst einmal umher mit dem Gestus von Leuten, die ihr ernsthaftes Interesse für ein kulturgeschichtliches Thema auch irgendwie durch die Züge in ihrem Gesicht zum Ausdruck bringen wollen. Aber so richtig springt der Funke nicht über. Womöglich ist jetzt die Zeit, um zum Strand zurückzufahren und noch einmal zu schwimmen.


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Zu guter Letzt: Die Long-Son-Pagode.


Nizza des Ostens, dieser Vergleich schien wohl vor hundert Jahren angemessener als heute. Die Stadt muss damals ein kleiner Fischerort gewesen sein, dem die Kolonialherren aus Frankreich ihren kulturellen Stempel aufdrückten. Heute überragen die Hoteltürme das Meer, es herrscht touristische Geschäftigkeit, und doch bewegt sich die Zeit für den Besucher so schleppend voran wie ein Verdurstender in der Wüste. Abschied. Und die große Lust, mal wieder Nizza zu sehen.


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In Saigon beginnt die Reise durch Vietnam. Eine Boomtown auf dem Sprung in die Zukunft, der immer noch der Charme einer vergangenen Zeit anhaftet. Der Besucher aus dem Westen wird sofort wehmütig.

Reisen beginnt mit Bildern und mit Worten. Saigon – was verbirgt sich hinter diesem Namen? Er klingt nostalgisch in den Ohren, er liegt auf der Zunge wie der Geschmack eines alten Asiens, das man nie gesehen hat; nur darüber gelesen hat man in Büchern von Tiziano Terzani. Eine Schimäre also, eine alberne Spinnerei des Geistes. Garküchen und Köstlichkeiten sieht man vor sich, Gebratenes und Gedünstetes, ein Gewühl, ein Grundrauschen, das niemals aufhört, Tag und Nacht. Und wie ist Saigon, das niemand Ho-Chi-Minh-Stadt nennt, tatsächlich?

Es ist nicht schön im Sinne von: verwunschen, provisorisch, energiegeladen. Das Halbfertige, Ärmliche, Verwinkelte kann pittoresk sein für westliche Augen. Eine Ästhetik der Bedürftigkeit, der man sich nicht entziehen kann, obwohl alle rationalen Gedanken sie als falsch deklassieren. Doch Saigon ist längst Zukunft. Motorbikes statt Rikschas, vierstöckige Wohnparzellen, Raummangel, wohin man auch schaut. Schnell geht es zum nächsten Geschäft. Die Werbetafeln der internationalen Konzerne überragen die Straßen, bedrohlich und verheißungsvoll zugleich.

In der Pham Ngu Lao, wo es die Backpacker auswirft, die in Saigon aufschlagen, macht der Monsunregen am Abend sofort furchtbar melancholisch. Hier laufen sie umher, die Hedonisten aus Europa und Australien, in Tank Tops und Hotpants, als wäre Asien ein einziger großer Strand. Die Prostituierten fragen: »Where are you going?« – und wer könnte schon sagen, dass er das wüsste?


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Worum es geht: einen Eindruck bekommen von der Stadt, sich den Weg bahnen durch Häuserschluchten und enge Gassen, die Erwartungen abgleichen, die man von zu Hause mitbringt, immer. Über den Ben-Thanh-Markt nach Osten bis zur Le Loi, das französische Erbe bestaunen. Es ist nicht mehr so präsent, es wird unsichtbar in einer unübersichtlichen Moderne, die den Anspruch hat, wenig zu kosten und möglichst funktional zu sein. So sehen die meisten Straßen und Häuser in Saigon aus.

Gleichzeitig ist da natürlich doch die anregende Geschäftigkeit einer asiatischen Millionenstadt, die einen gleich in diesen produktiven Optimismus versetzt. Man will am liebsten, gleich jetzt, mit etwas beginnen, das man sich schon lange vorgenommen hat. Alle Zweifel zerstreuen sich in der lauten, rauschhaften Komposition der Metropole.

Die Vereinigten Staaten haben ihr Geld in diese Stadt gesteckt, um Krieg führen zu können. Davor waren die Franzosen hier. Alte Renaults fahren unter Platanen, die etwas Schatten auf die feuchte Stirn werfen. Einkehr in den Cafés für die urbane Mittelschicht, bei Trung Nguyen Coffee zum Beispiel, wo der Raum brutal heruntergekühlt ist, weil das fortschrittlich sein soll.

Schwer zu sagen, ob die Menschen wirklich optimistisch sind. Man spürt aber diese Zuversicht, dass es einen Kuchen gibt, von dem jeder satt wird, der nur hart genug arbeitet (das alte Versprechen Amerikas). Der Tourismus: vorbildlich durchorganisiert. Die Hostels können im Prinzip alles beschaffen – Bustickets, Ausflüge, Landeswährung, Dollars. Keine Zeit geht verloren, denn irgendwer verliert sonst Geld, und das ist nicht gut. Das Gefühl des Reisenden: Man ist mehr Produkt als Gast. Man muss sich der Inbesitznahme entziehen, aber das ist schwierig auf einer Reise durch Vietnam.


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Was diese Stadt mitgemacht hat: vor allem natürlich den Vietnamkrieg, von dem Richard Nixon meinte, sein eigentliches Ziel sei Frieden gewesen. Der Wiedervereinigungspalast ist heute ein harmloser Ort, altes kommunistischer Kriegsgerät steht in der Sonne herum. Am 30. April 1975 trieben nordvietnamesische Truppen die Amerikaner aus dem Gebäude, der Krieg war verloren. Die große amerikanische Psychose »Nam« war offiziell zu Ende, aber sie wirkte in der Gesellschaft weiter. Niemand ist unbesiegbar.

Wie muss es heute für einen Amerikaner sein, die Tunnel von Cu Chi zu besuchen? Durch die engen Röhren kroch der Vietcong, und noch heute kriegen die Touristen Platzangst, wenn sie sich durch die dunklen Gänge zwängen. Der Krieg im Dschungel war nicht zu gewinnen für den weißen Mann, der die Tropenkrankheiten mit dem Rauch seiner Marlboros vertreiben wollte. Ein Tagesausflug ist für den Preis einer warmen Mahlzeit in einem gehobenen Saigoner Restaurant zu haben.

Tourguide Micky (was für ein Name für einen Vietnamesen) ist berufsbedingt gut aufgelegt. Er lobt das Verzeihen. Wenn ein Unrecht geschehen sei, dann könne man zwei Dinge tun: »Kiss or kill.« Das klingt großartig. Vietnam funktioniert, wo der Markt funktioniert. Halt in der Souvenirhalle, wo fabrikgefertigtes Kunsthandwerk verkauft wird: vier Meter hohe Vasen, Porzellantiger in Originalgröße, lachende Buddhas aus Industriekunststoff, Schüsseln, Tischuntersetzer.

Vielleicht hat Amerika doch gewonnen.


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