Deutschland

Remscheid — Es ist Oktober, Herbst geworden. Ich stehe in Remscheid-Hackenberg vor der Sporthalle. Der Tag im Juli, an dem ich beschlossen habe, einen Marathon zu laufen, kommt mir vor, als läge er in einer weit entfernten Vergangenheit, wie das mit vielen Dingen im Leben ist, die noch gar nicht so lange her sind.

Das Wetter ist ziemlich gut für so einen Lauf, weder Sonne noch Regen. Angenehme Temperaturen, weder kalt noch warm. Besser kann man es eigentlich nicht haben. Meine Startnummer habe ich mit vier Sicherheitsnadeln an meinem Shirt festgemacht, sie steckt in einer Klarsichthülle, wegen des Regens, vielleicht. Hoffentlich nicht.

Als ich am Morgen wach wurde, glaubte ich, ganz gut geschlafen zu haben. Die Nacht davor aber so gut wie gar nicht. Dafür hatte ich viel gegessen, weil man das so machen soll vor einem Marathon. Bis zum Vorabend dachte ich über all die Dinge nach, von denen ich oft gelesen hatte, wie wichtig sie sind: die wöchentliche Kilometerzahl, lange Trainingsläufe, Tempotraining.

Und ich dachte daran, wie wenig ich diese Dinge beherzigt hatte. Wie ich diesen typischen Anfängerfehler gemacht hatte: zu schnell zu viel zu trainieren. Wie ich glaubte, über den Dingen zu stehen, und wie ich genau diesen Fehler gemacht hatte.

Jetzt stehe ich vor der Toilette der Sporthalle, es ist 8 Uhr, in einer halben Stunde soll es losgehen. Ich binde den elektronischen Chip, der in Start und Ziel automatisch die Zeit misst, in die Schnürbänder meines Laufschuhs. Noch ein wenig trinken, dann langsam Richtung Start. Noch einmal pinkeln, dieses Mal im Busch, das machen die anderen Läufer auch so.

Ich stehe dann in dem Pulk von Menschen, die sich vor der Startlinie sammeln. Ich bin ziemlich ruhig. Alles ist ganz klar und eindeutig.

Ein guter Freund meinte einmal zu mir: Wenn du morgen etwas erreichen willst, muss es schon heute Realität in deinem Kopf sein. Wenn du etwas wirklich schaffen willst, muss der Endzustand – in diesem Fall das Überqueren der Ziellinie – schon so im Bewusstsein verinnerlicht sein, dass es gar nicht mehr anders passieren kann. Das ist wie beim Bergsteigen. An dem Tag, an dem du hochgehst, ab dem Moment, an dem du losläufst, gibt es nur einen möglichen Weg. Es gibt keine Alternative.

Ich bin also ganz ruhig.

Und dann laufe ich über die Startlinie. Der Chip an meinem Schuh fängt an, die Zeit zu zählen, aber das merke ich natürlich nicht.

KILOMETER 0 BIS 10

Ich begreife gar nicht richtig, dass ich gerade laufe, bei diesem Marathon, den ich mir schon so lange vorgenommen habe. Aber dann laufe ich einfach.

Remscheid sieht in Teilen ungefähr so aus, wie ich mir Nordkorea vorstelle: Aus der bewaldeten Landschaft ragen hässliche, graue Wohntürme heraus. Die Strecke führt über die ersten fünf Kilometer durch den Ort. An diesem Sonntagmorgen sind schon viele Menschen auf den Beinen und beobachten den Start der Läufer. Schilder, Trompeten, Trillerpfeifen, alles dabei.

Ich bin immer dicht umringt von anderen Läufern. Halbmarathon-, Marathon- und Ultraläufer sind zusammen gestartet. Das Ganze hat einen großen Vorteil: Man läuft nicht zu schnell los. Es ist praktisch unmöglich, sich vom Hauptfeld abzusetzen, wenn man am Anfang nicht direkt an der Startlinie stand. Irgendwann führt der Weg aus dem Ort heraus.

Meine größte Sorge ist mein Bein und der Wadenschmerz, der mich während des Trainings immer wieder geplagt hat. Er ist nicht da, er kommt auch nicht wieder. Die Taktik, auf vollständige Entlastung zugunsten der Regeneration zu setzen, ist also richtig gewesen.

Der erste Getränkestand kommt bei Kilometer 7. Ich habe mir vorgenommen, früh mit dem Trinken anzufangen, ich greife einen Pappbecher mit Zitronentee, den ich im Gehen leer mache. Man soll während eines Marathon ein bis vier Liter trinken, heißt es.

Nach einer Stunde erreiche ich die 10-Kilometer-Marke. Gutes Tempo, denke ich.

Ich bin nicht zu schnell gestartet. Ich habe keine Schmerzen. Im Prinzip fühle ich mich so, als wäre ich gerade erst losgelaufen. Als hätte ich nie etwas anderes getan, als zu laufen.

KILOMETER 10 BIS 25

Auf den folgenden Kilometern habe ich das erste Mal das Gefühl, dass sich die Strecke etwas zieht.

Asphalt und Waldboden wechseln sich jetzt immer häufiger ab. Es geht meist bergauf und bergab, selten eben geradeaus, aber das war ja vorher klar.

Kurz vor Kilometer 20 kommt das erste richtige Steilstück, es geht vielleicht 50 Meter in Serpentinen den Hang hinauf. Auf diesem Stück läuft niemand, der Kraftaufwand wäre die gewonnene Zeit nicht wert. Also marschiere ich bergauf, überholen kann man auf dem engen Pfad sowieso niemanden. Am Wegrand haben ein paar Leute eine Prosecco-Bar aufgebaut, so heißt es jedenfalls auf dem Schild. Im Prinzip ist da aber einfach ein Bierzelttisch, auf dem einige Pappbecher mit Sekt stehen. Die Leute selbst trinken Bier aus Flaschen, es ist jetzt vielleicht 10 Uhr morgens. Ich habe das Gefühl, dass die Leute sich schon lange auf diesen Tag gefreut haben. Prosecco trinkt trotzdem niemand.

Es geht dann irgendwann noch einmal durch eine Senke, ein Bachtal hinunter. Für die Halbmarathonläufer, an diesem Tag deutlich in der Überzahl, ist hier schon bald Schluss. Das bedeutet: Endspurt. Ich lasse mich aber nicht aus der Ruhe bringen, ich bleibe bei meinem Tempo.

Nach 21,2 Kilometern wird wieder Zeit genommen: Ich bin ziemlich exakt zwei Stunden unterwegs.

Nach einer weiteren bedeutungslosen Kehre stehen da plötzlich meine Eltern am Wegrand. Sie wollten versuchen, irgendwie an die Strecke heranzukommen, um mir ein wenig Energy-Gel zu geben. Das Erste, was mir auffällt, ist die große Erleichterung im Gesicht meiner Mutter. Ich sehe offensichtlich nicht wirklich erschöpft aus.

Die Hälfte ist geschafft, mein Fokus liegt auf der 25-Kilometer-Marke.

Man darf bei einem solchen Lauf nicht den Fehler machen, sich die gesamte Strecke ins Gedächtnis zu rufen. Kopf und Körper müssen sich von einer Etappe zur nächsten bewegen. Ich denke also: Bis zum nächsten Getränkestand, und dann sehen wir weiter.

Der Stand kommt nach weiteren 20 Minuten. Ich löse das Kohlenhydratpulver, das ich dabei habe, in Wasser auf. Es enthält viele Elektrolyte – das ist gut, ich habe viele Mineralstoffe beim Laufen ausgeschwitzt. Dazu gibt es eine Viertelbanane und eine Tube Powergel, das optisch und haptisch handelsüblichem Haargel sehr nahe kommt. Schmecken tut es aber süß, obwohl kein Zucker enthalten ist. Nur Kohlenhydrate, Kalium und Natrium.

Ich will keinen Zucker zu mir nehmen, das treibt den Blutzuckerspiegel nach oben und führt auf Dauer zu körperlicher Ermüdung und einem unangenehmen Erschöpfungshunger.

Ich fühle mich recht fit, eigentlich sogar sehr fit, und verschiebe meinen Gedankenhorizont auf die nächsten fünf Kilometer. Und ich denke an das Gedicht, das über meinem Bett hing, als ich noch klein war: Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte von Antoine de Saint-Exupery.

KILOMETER 25 BIS 34

Die andauernde Energieversorgung zahlt sich aus: Auf den nächsten neun Kilometern ändert sich die Wahrnehmung meiner Schmerzen nicht. Richtige Ernährung ist ein absoluter Schlüssel zum Erfolg, das wird mir jetzt bewusst. Durch eine Tube Gel alle halbe Stunde bleibt das Energielevel weitgehend konstant, nur die Muskeln werden natürlich immer schwerer, sie übersäuern langsam.

Ich bewege mich sehr lange auf gleicher Höhe mit einem älteren Mann, der einen grauen Vollbart trägt. Er läuft bei jeder Steigung gleichbleibendes Tempo. Das finde ich ziemlich beachtlich. Offensichtlich hat sich der Mann in seinen vielen Jahre als Läufer ein unglaubliches Maß an Disziplin und Kondition antrainiert. Er läuft nie zu schnell, fast in stoischer Gleichmäßigkeit.

Eine Sache habe ich dann etwas unterschätzt: Ab einer bestimmten Dauerbelastung ist es einfach nicht mehr angenehm, bergab zu laufen. Um Kilometer 30 herum ist die Strecke zwar nicht ganz so bergig wie bisher, aber jedes Abfedern des Oberschenkels bereitet Schmerzen. Überhaupt, die Beine fangen einfach an, weh zu tun.

Bei den Anstiegen versuche ich, meine Arme nicht über das Maß der minimalen natürlichen Bewegungsdynamik hinaus zu bewegen, die Beine eng beieinander zu halten und sehr viele kleine Schritte zu machen. Damit nehme ich einen zähen, besonders langen Hügel, ohne mich vollkommen zu verausgaben.

Zum Glück höre ich mich selbst nicht atmen, weil ich die ganze Zeit Musik höre.

Mit den Liedern ist es wie mit den Kilometerschildern, ich gehe von einem zum nächsten. Ich konzentriere mich auf den Moment, auf den nächsten Berg, manchmal nur auf die drei Meter, die sich immer wieder vor meinen Füßen auftun. »Baby steps«, nennt das der Ultraläufer Dean Karnazes.

Ich trinke jetzt mehr an den Getränkeständen, Gatorade und Wasser im Wechsel. Ich bin schon weiter, als ich denke, der nächste Getränkestand kommt bei Kilometer 34.

Über diesen Punkt hinaus bin ich noch nie in meinem ganzen Leben gelaufen.

KILOMETER 34 BIS 42

Die letzten sechs Kilometer sind die schlimmsten des gesamten Laufs. Ich bin jetzt weit über drei Stunden auf den Beinen. Bergablaufen tut fast noch mehr weh als bergauf. Ich versuche nur noch, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Manchmal grinse ich vor Schmerz.

Es ist die große Dialektik des Laufens, dass gleichzeitig das Allereinfachste und das Allerschwerste in einem Moment zusammenfallen. Einen Schritt vor den anderen setzen, das kann sogar ein Kleinkind, es ist eine der trivialsten menschlichen Bewegungen überhaupt. Und hier kostet jeder Schritt auf einmal so wahnsinnig viel Überwindung. Jeder einzelne Schritt. Du machst einen, du machst noch einen, und plötzlich hast du wieder einen Kilometer mehr geschafft – der Körper schafft das.

Ich denke, dass auch das ärgste Hindernis im Leben, das größte Problem, schon die einfachste Lösung in sich trägt.

Ein Marathon war für mich lange Zeit ein nahezu unüberwindbares Hindernis, eine beinahe mystische Distanz, aber er ist nur das Produkt aus vielen tausend Schritten, der einfachsten Sache überhaupt.

Wie weit kann man also gehen?

All diese Gedanken surren höchst unscharf durch meinen Kopf, als ich erschöpft auf Kilometer 40 zusteuere. Ich lasse die Möglichkeit, einfach stehen zu bleiben und damit den Schmerz abzustellen, einfach nicht in mein Bewusstsein.

Plötzlich ist der Waldboden wieder komplett matschig, das Auftreten und Abstoßen kostet doppelt Kraft. Ich merke selbst, wie sich mein Gesicht verzogen hat. Ich atme auch nicht mehr so gleichmäßig wie am Anfang.

Dann kommt die 40-Kilometer-Marke, ich habe zu diesem Zeitpunkt schon komplett abgeschaltet, treibende Lieder rauschen durch mein Ohr. Ich könnte jederzeit stehen bleiben, es erscheint als das Reizvollste auf der ganzen Welt.

Aber ich tue es nicht. Ich laufe eben doch weiter.

Auf den letzten zwei Kilometern lege ich deutlich an Tempo zu. Ich spüre ein Kribbeln, fast schon eine Gänsehaut in mir aufsteigen, ein Gefühl absoluter Energie, das sich auf meinen gesamten Körper überträgt, und ich überhole alle anderen Läufer, die mir auf den letzten Anstiegen begegnen. Ich balle die Fäuste, mein Gesicht sieht düster aus wie das eines Kriegers.

Ich sehe bestimmt sehr lächerlich aus. Aber ich fühle mich wie Held.

Ich schaue in die Augen der Zuschauer, die an der letzten Kehre stehen und alle Läufer anfeuern, ein belebender Augenblick.

Dann kommt das Ziel.

Der Kommentator ruft meinen Namen auf und gibt die Endzeit durch: Ich bin 4 Stunden und 22 Minuten durchgelaufen. Das Adrenalin legt sich.

Was gerade eben passiert ist, kommt mir mit einem Mal schon wieder vollkommen irreal vor. Die Distanz, die Zeit, alles. Das Einzige, was für einen kleinen Moment greifbar wird, ist das Gefühl von tiefer Zufriedenheit. Es ist geschafft, und ich wusste, dass es so kommen würde.

Die krasseste Sache an dieser ganzen Geschichte: Vor dem Marathon bin ich das letzte Mal am 23. September gelaufen, also vor über einem Monat.



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Garmisch-Partenkirchen — Das Tal liegt beschaulich da in der warmen Abendsonne. Eigentlich wäre es jetzt Zeit für ein wenig Müßiggang, aber ich muss mich beeilen: Noch zwei Stunden sind es bis zur vollständigen Dunkelheit, in zwei Stunden muss ich die Höllentalangerhütte auf 1381 Metern erreicht haben. Das Licht in der Klamm, die hinauf zur Herberge führt, schwindet schon. Schweiß läuft mir über das Gesicht. Als ich die Herberge erreiche, sind die Konturen der Umgebung kaum noch zu erkennen. Der so ziemlich unfreundlichste Hüttenwirt der Welt kann noch einen Lagerplatz anbieten: sechs Euro die Nacht. Ich lege mich früh schlafen, denn am nächsten Tag will ich die Zugspitze über die Höllental-Route besteigen und gleich im Anschluss den Jubiläumsgrat erklettern – eine der großen Gratüberschreitungen der Ostalpen.

Unglücklicherweise habe ich die Sonnenaufgangszeiten für Mitte August kläglich unterschätzt, um 5 Uhr ist es draußen noch stockfinster. Ich habe keine Stirnlampe. Weil die Mondsichel ein wenig Licht spendet und der Weg zum Talschluss einigermaßen eben ist, kann ich nach einem kleinen Frühstück trotzdem aufzubrechen. Es liegt eine tolkiensche Stimmung über dem Tal: Weiter oben am Berg leuchten schon die Stirnlampen der früher aufgebrochenen Bergsteiger, die Lichtpunkte in der Ferne sehen zusammen genommen aus wie ein versprengtes Feldlager. Mit der ersten zaghaften Aufhellung des Himmels erreiche ich die sogenannte Leiter und das sogenannte Brett, zwei seilversicherte Passagen, die sich im Internet viel heikler lesen, als sie in Wirklichkeit sind. Im Osten geht die Sonne auf.


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Höllentalfener, Sonnenaufgang.


Der Weg führt weiter bis zum Höllentalferner, der sonnengeschützt auf der Nordseite des Bergmassivs liegt und einer der letzten Gletscher auf deutschem Staatsgebiet ist. Ich habe Steigeisen dabei und kreuze den Ferner in direkter Linie, teilweise auf Blankeis, nicht ohne auf die gefährlich tiefen Spalten zu achten.


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Höllentalferner.


Die Randspalte des Gletschers ist an diesem Tag kein Problem. Die letzten 200 Höhenmeter zum Gipfel sind schließlich in einem einzigen Klettersteig fast komplett seilversichert, der Anstieg ist noch einmal kräftezehrend. Gegen 8.30 Uhr ist der Gipfel der Zugspitze erreicht, mit 2963 Metern Deutschlands höchster Berg. Für den naturverbundenen Bergsteiger ist die Ankunft am Ziel eher deprimierend: Drei Seilbahnen führen auf die Spitze, der gesamte Gipfelbereich ist zugebaut und einbetoniert, es gibt zwei Restaurants und das Münchener Haus des DAV. Bereits mit Eintreffen der ersten Talbahnen füllt sich das Plateau recht schnell mit schätzungsweise 200 Menschen, darunter Familien mit kleinen Kindern und Japaner in Turnschuhen. Ein Beispiel dafür, dass der Mensch durch seine Technologie an Orte vordringt, an denen er eigentlich nichts verloren hat. Immerhin ist die Aussicht umfassend, beinahe alle hohen Dreitausender der Ostalpen zeichnen sich am leicht dunstigen Horizont ab – zum Beispiel der imposante Firngipfel der Wildspitze in den Ötztaler Alpen.


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Zugspitze, Gipfel.


Zugspitze (2962 m)
Anreise: bis Grainau-Hammersbach (758 m)
Hüttenzustieg: durch die Höllentalklamm, ca. 2-3 Stunden
Übernachtung: Höllentalangerhütte (1381 m), +49 163 5542274, 80 Lager, ab 6 Euro
Gipfel: Schwierigkeit I, Klettersteig C, Randkluft am Gletscher, ca. 3-4 Stunden

Ich versorge mich mit Weißwürsten, Bretzeln und einem Weißbier zum zweiten Frühstück und verschaffe mir einen Überblick über die weitere Route: die Begehung des Jubiläumsgrats. Die Gratüberschreitung ist eine in der Bergsteiger-Literatur mit 8 Stunden Gehzeit angegebene hochalpine Tour, die ungesicherte Kletterpassagen im unteren dritten Schwierigkeitsgrat der UIAA-Skala aufweist. Der Kletterer überwindet jede einzelne Erhebung des Grats bis zur Grießkarscharte, also noch einmal 800 Höhenmeter im Gegenanstieg, und hat bis auf einen einzelnen Talabstieg keine Möglichkeit, aus dem Grat auszusteigen. Aber ich habe Kletterhelm, Gurt und Klettersteigset nicht umsonst auf die Zugspitze geschleppt.

Der Weg über den »Jubi« führt am Anfang sehr ausgesetzt am Grat entlang, hier wird weitgehend auf Seilversicherungen und Tritthaken verzichtet. Der Pfad ist oft nur einen halben Meter breit, er fällt 500 Meter senkrecht ins Höllental ab. Stürzen ist hier sehr unvorteilhaft. Ich überhole viele Bergsteiger, spreche mit diesem und jenen. Die einen wollen in der Biwakschachtel übernachten, die nach zwei Dritteln des Weges auf dem Grat aufgestellt wurde; andere haben bereits für die erste Hälfte des Weges sechs Stunden gebraucht. Viele Gruppen begehen den Jubiläumsgrat in zwei Tagen. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, es wird Nachmittag, bis ich die Höllentalspitzen überwunden habe.

Eine Schlüsselstelle des Grats ist das Erklettern der Vollkarspitze. Der Steig ist mit Kategorie D bewertet, und mit der 3-Punkt-Regel kommt man tatsächlich nicht allzu weit. Gerade beim Einsteig in die Kletterstelle muss man sein Gewicht hauptsächlich mit den Armen nach oben ziehen, um einen guten Trittpunkt zu erreichen. An dieser Stelle sichere ich mich mit dem Klettersteigset, zeitweise kommt es zu einem Stau in der Wand. Hinter der Vollkarspitze werde ich langsam richtig durstig: Auf dem Jubiläumsgrat gibt es nirgendwo Wasser. Meine 1,5 Liter, die ich auf der Zugspitze gefüllt habe, sind beinahe leer. Irgendwann höre ich, körperlich schon reichlich ausgezehrt, fließendes Wasser. Ich kreuze ein Geröllfeld und finde ein Rinnsal, das von einem Schneefeld gespeist wird. Zitternd und müde trinke ich und fülle die Flasche. In solchen Momenten kehrt der Mensch wieder ein wenig zu seiner Natur zurück.


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Jubiläumsgrat.

Das Wasser in Verbindung mit einem letzten Snickers-Riegel gibt wieder Kraft. Der Körper ist eine Maschine, die schier unbegrenzte Energie freisetzen kann, solange man sie mit ausreichend Treibstoff füttert. Nach 12 Stunden Kletterei erreiche ich die Grießkarscharte, es ist 17 Uhr. Wie kompromisslos der Grat tatsächlich ist, zeigt sich auch daran, dass zwei erschöpfte Bergsteiger von einem Hubschrauber der Österreichischen Armee ausgeflogen werden müssen. Sie haben schlichtweg keine Kraft mehr gehabt, um weiterzugehen, wird man sich später auf der Hütte erzählen. Der Abstieg von der Grießkarscharte ins Tal ist kaum anspruchsloser als der Grat selbst. 200 Höhenmeter geht es über Seilversicherungen hinab, bis das Gelände endlich ein wenig ebener wird. Ich treffe auf eine Gruppe Wanderer, die die Scharte überschritten haben: zwei Buben, Vater und Onkel. Nach den üblichen Wohers und Wohins beschließt man, gemeinsam abzusteigen. »Zusammen steigt es sich leichter ab als allein« – das hat dann nach 12 Stunden Kletterei auch nichts mehr mit Wandersmannkitsch zu tun.

Das Gespräch mit der Familie reißt mich aus meiner tranceartigen Gleichgültigkeit. Der Junge ist 13 Jahre alt und erinnert mich ein bisschen an mich selbst in diesem Alter. Auf dem Weg zurück zur Höllentalangerhütte treffen wir auf drei Wanderer, die sich überschätzt haben und am Ende ihrer Kräfte pausieren. Wir versorgen die Gestrandeten mit dem, was uns noch an Wasser und Essen geblieben ist (ich selbst habe nichts mehr) und bewegen sie zum Weitergehen. Die Dunkelheit zieht auf, wir erreichen alle zusammen gegen 19 Uhr die Hütte. Alles in allem bin ich 14 Stunden auf den Beinen gewesen. Auf der Hütte sitzen wir zusammen, es werden ein paar Schnäpse bestellt. Obwohl ich weiß, dass ich auch so werde schlafen können, trinke ich zwei mit, bestelle von meinem letzten Geld etwas zu Essen und falle in einen komatösen Schlaf. Das schönste Geschenk an diesem Tag ist das anerkennende Nicken der Bergführer, die bereits am Morgen in der Gaststube saßen. Am Morgen des nächsten Tages geht es durch die Klamm zurück ins Tal.


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Höllentalklamm.


Jubiläumsgrat
Anreise: bis Grainau (758 m) oder Ehrwald (994 m)
Hüttenzustieg: per Bergbahn auf die Zugspitze (2962 m)
Übernachtung: Münchener Haus (2959 m), +49 8821 2901, 30 Lager, ab 6 Euro
Grat: Schwierigkeit III-, Klettersteig D, ca. 8 Stunden

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Berlin — Sie haben alle vor dem Regen gewarnt. Hart könne es da werden, und die Wegstrecke sich ganz schön in die Länge ziehen. Auf meinen Schultern landen Wassertropfen, die das Royalblau des Oberteils dunkler färben, bis sie ganz im Stoff zerlaufen sind und sich der Unterschied zwischen trockenen und nassen Stellen langsam aufhebt.

Mein Bruder und ich finden keine Plastiktüte. Irgendwo werden sie verteilt, aber wir sehen niemanden.

Das Profil der Sportschuhe will sich nicht so recht mit der Beschaffenheit des Kopfsteinpflasters arrangieren. Ich habe das Gefühl, ein wenig ungelenk und wackelig zu laufen, Richtung Startlinie.

Die Stadt schläft noch, nur die Läufer nicht. Regen sammelt sich in den Pfützen, die noch in Laub stehenden Bäume tragen einen Dunstschleier: Ein grauer Tag hängt über dem Regierungsviertel. Die Luft ist nasskalt, sie ruft nach der Schutzzone Bett, nach Regenprasseln am Fenster, nach Verkriechen und Verharren, bis die Wolken verschwinden. Es ist wirklich düster und regnerisch an diesem Tag in der Hauptstadt, und auch das Gemüt ist irgendwie bedeckt und trübe.

Es scheint heute darum zu gehen, für etwas zu laufen oder vielleicht auch gegen etwas an, das ist noch nicht klar abzusehen. Es ist der Wunsch, durch das Laufen so etwas wie Gewissheit zu bekommen, dass bestimmte Dinge auf jeden Fall möglich sind, dass sie zu schaffen sein werden, wenn man nur lange genug durchhält.

Wir sind schon seit zwei Stunden wach, feiner Regen weht uns ins Gesicht. Wir haben endlich Plastiktüten gefunden, wir werden also nicht mehr durchnässen, bevor wir loslaufen können.

Ein nicht endender Menschenstrom schiebt sich über die Wege des Tiergartens, wir reihen uns ein. Auf der breiten Prachtstraße des 17. Juni soll der Lauf beginnen, mit eben so viel Glanz und Glorie, wie es das Wetter an einem solchen Tag erlaubt. Musik aus großen Lautsprechern versucht, die Läufer in Stimmung bringen. Der Ton ist grell und laut, er tut in den Ohren weh.

Die Menschentraube kommt zum Stillstand: Zeit, sich zu sammeln.

Der Start ist immer Euphorie. Noch spürt man die Beine nicht. Aber das Wissen darüber, was vor einem liegt, kann man an diesem Morgen in den Gesichtern der anderen Läufer ablesen.

Es ist immer so, dass der Kopf sich der gesamten Entfernung von 42 Kilometern bewusst ist, gleichzeitig wird diese Distanz sofort in kleine Wegstrecken zerlegt, die alles einfacher machen sollen. Die Bewegung durch Raum und Zeit erfolgt immer in Bezug auf zwei Fokuspunkte, das ist wichtig. Wer sich stets die gesamte Distanz vor Augen führt, wird vermutlich aufgeben, weil die Herausforderung dann zu etwas Unüberwindbarem anwächst. Wer aber ausschließlich das betrachtet, was sich unmittelbar vor ihm befindet, ohne sich die gesamte Entfernung zu vergegenwärtigen, der wird ebenso scheitern, weil er auf die tatsächliche Herausforderung nicht vorbereitet ist. Das Verhältnis zwischen diesen zwei Bezugspunkten handelt jeder auf seinem Weg in emotionaler und rationaler Hinsicht fortwährend neu aus.

Der Startschuss ertönt, aber es bewegt sich nichts. Zu viele Menschen sind auf der Bahn, es dauert eine Weile, bis auch unserer Block sich in Bewegung setzt. Ganz vorne laufen die Afrikaner, die nach knapp über zwei Stunden im Ziel sein werden, wir sehen sie nicht.

Mein Bruder und ich halten ein Tempo. Es fällt schwer, sich in dem Pulk aus Läufern nicht aus den Augen zu verlieren.

Wir wussten beide um das, was hier vor uns liegen würde, in seinem erst einmal abschreckenden Ausmaß, und es ist trotzdem so, dass man sich auf den ersten Metern eines Marathons noch einmal klar machen muss, dass man tatsächlich gerade losgelaufen ist: Auf einmal ist es soweit.

Unser Tempo ist recht zügig, zumindest nicht so gemächlich, wie man angesichts der Strecke vermuten könnte. Nach jedem Kilometer steht ein Schild, das am Anfang zeigt, wie viel schon geschafft ist, und später dann, wie weit man noch laufen muss. Das ist aber auch austauschbar, letztendlich entscheidet die eigene Wahrnehmung.

Ich bin klar im Kopf, motiviert und voller Hoffnung, die ersten Schilder rauschen vorbei. Früh trinken ist wichtig, wir beherzigen das. Schon sind zehn Kilometer geschafft, und es erscheint fast, als sei man gerade erst losgelaufen. Ein beruhigendes Gefühl: Das alles ist machbar, man kann es doch schaffen.

Die blaue Plastiktüte reiße ich mir beim Laufen vom Körper, sie landet auf dem Bürgersteig. Vor dem Regen haben sie alle gewarnt, und wie hart es da werden könne, aber was zählt, ist das eigene Gefühl. Die Tropfen stören nicht, nass ist man ohnehin. Was ändert es also?

Die Warnung vor dem Regen ist das Urteil der Mutlosen, die sich morgens wieder in den Federn verkriechen, wenn der Tag grau zu werden scheint, und die Herausforderung zu beschwerlich.

Noch ist alles leicht.

Die Kilometerzahlen sind jetzt schon zweistellig, ich laufe noch einmal schneller. Mein Bruder bleibt etwas zurück und irgendwann, als ich mich umdrehe, ist er nicht mehr hinter mir. Wir laufen heute exakt die gleiche Route, aber eigentlich sind es ganz unterschiedliche Wege. Er wird es schaffen, da bin ich mir sicher.

Endorphin und Adrenalin durchströmen den Körper und machen die Beine federleicht. Noch. Das erste Viertel des Weges geht schneller vorbei als gedacht, aber es ist eben diese verflixte Sache mit den Bezugspunkten. Als nackte Zahlen sind sie starr, doch alles, was zwischen ihnen und mir geschieht, ist Kopfsache. Sie können in weite Ferne rücken. Lief man eben noch beschwingt und leichtfüßig, tritt kurz darauf eine erste Erschöpfung auf, und die Bewegung verlangsamt sich wie durch einen unsichtbaren Schleifklotz gebremst.

Ich bewege mich, ich bleibe nicht stehen. Das ist die einzige Möglichkeit, um die Ziellinie zu erreichen.

Das Laufen wird anstrengender. Ich verspüre keine plötzliche Erschöpfung, keine unsichtbare Wand, an der es auf einmal nicht mehr weitergeht. Nur die Beine schmerzen immer mehr, und es erfordert stetig mehr Überwindung, nicht doch einfach stehen zu bleiben.

Auf der Etappe zwischen Kilometer 20 und 30 entscheidet sich, mit welcher Energie man das letzte Viertel des Weges laufen wird.

Ich fühle mich gut, ich akzeptiere, dass es mühsam ist. Die Beine werden immer hölzerner und verlieren ihre Agilität. Der Blick reduziert sich auf das Ende eines hell erleuchteten Tunnels.

An den Getränkeständen wechseln sich Wasser und Elektrolyte ab. Die Trinkpausen sind kurze Momente des Innehaltens, und vielleicht des Zweifelns, man muss sich schnell von ihnen losreißen, alles andere macht es nur schwerer.

Ich erreiche Kilometer 35. Der Pulk an Läufern entzerrt sich über die gesamte Distanz nicht, es sind einfach zu viele Menschen auf der Strecke.

Je länger der Lauf dauert, umso reduzierter wird die Wahrnehmung.

Die aufgescheuerte Blase an der Innenseite des rechten Fußes merke ich nicht. Nur die schrillen Tröten am Streckenrand schmerzen in den Ohren, auch wenn sie gut gemeint sind.

Die Kilometer ziehen sich jetzt. Der Blick sucht immer wieder das nächste Markierungsschild. Glücksgefühle, wenn es erscheint. Einen Schritt vor den anderen zu setzen, das Einfachste also, wird das Schwerste.

Was lehrt der Schmerz den Menschen?

Vermutlich, dass man Strapazen und Mühen in Kauf nehmen muss, um die Dinge zu erreichen, für die es sich wirklich lohnt. Für die es sich lohnt, seinen Ängsten ins Gesicht zu schauen.

Immer nur den einfachsten Weg zu gehen, ist oberflächlich, hat einmal ein Freund zu mir gesagt. Ich glaube, das ist richtig. Wer immer den einfachsten Weg geht, kratzt nur an der Oberfläche menschlichen Erlebens, menschlicher Emotionen, des Lebens selbst.

Ich laufe jetzt über die Leipziger Straße: Kilometer 39, das Ende ist nahe. Die Geräusche werden lauter. Jetzt steigt wieder Euphorie im Körper hoch. Eine letzte Biegung, und schon folgt die Zielgerade.

Die Frage, wie man es tatsächlich geschafft hat, am Ende diesen Punkt zu erreichen, wird rasch abgelöst von dem Glücksgefühl, dass es wirklich so gekommen ist. Dass man wirklich durchgehalten hat.

Nach einem letzten Endspurt erreiche ich die Ziellinie. Um mich herum weinen Menschen vor Freude und Erschöpfung gleichermaßen, und auch ich bin zu Tränen gerührt. Die Frage, ob die Entbehrung sich gelohnt hat, stellt sich nicht mehr. Ich humpele an den Zuschauern vorbei.

Erst jetzt erinnere ich mich, dass es während des Laufs fast die ganze Zeit geregnet hat.


Informationen:..www.bmw-berlin-marathon.de



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